13. September 2020
„Wenn Frauen unergründlich erscheinen, dann liegt es am fehlenden Tiefgang der Männer.“ Katharine Hepburn
12. September 2020


Eine überragende Interpretin des französischen Chanson!
(Tagesspiegel Berlin)


Glanzvoll!
(Stuttgarter Nachrichten)


Als mich dieses Angebot ereilte, mit einem großen Chansonabend in die Fußstapfen der großen Piaf zu treten, war ich mir zunächst unsicher, ob ich diese Herausforderung mit Bravour meistere, da ich mein gesangliches Können bisher noch nie auf einer Bühne präsentiert habe. Aber was soll ich sagen: die Kritken (s. o.) überschlagen sich!
Mein Dank gilt Frau IGing, der ich diese Erweiterung meines Repertoires zu verdanken habe. Es ist immer sehr förderlich, wenn jemand an einen glaubt.
Doch mein allergrößter Dank gilt meinem treuen Publikum! Besonders in Berlin war man mir wieder sehr zugeneigt. Stehende Ovationen – ich muss sagen: Balsam für die Seele!
Ich werde mich nun von den Strapazen der Tournee ausruhen, und Kräfte sammeln, da mir das nächste Projekt alles abverlangt.


09. September 2020







Hi. Ich bin Mia. Mia Wallace. Der Name sagt Ihnen nichts? Vincent Vega…? Auch nicht? Na gut, der Streifen, der mich bekannt gemacht hat, ist nun auch schon älter, genau genommen 26 Jahre, also ein Vierteljahrhundert. Vielleicht haben Sie noch diese Rockabilly-Surfer-Musik im Ohr, die den Soundtrack von PULP FICTION so über alle Maßen beliebt gemacht hat.
Wissen Sie, nach den Dreharbeiten habe ich ihn mir nur noch einmal angeschaut. Ja, er war ganz nett und auch schmissig gemacht, aber am Ende dann doch auch wieder nur ein Film von vielen, die ich gedreht habe. Der Zuschauer sieht ja immer nur das flott zusammengeschnittene Ergebnis und macht sich keinerlei Vorstellung von den ja doch überwiegend sterbenslangweiligen Dreharbeiten. Wo man sich ja gar nicht wirklich entfalten kann, sondern damit beschäftigt ist, ein Sammelsurium an Positionsvorgaben einzuhalten und dabei auch noch irgendwie den Text mit einem korrespondierenden Gesichtsausdruck abzuliefern.
Okay, die ganzen Premierenparties und auch das traditionelle Bergfest nach der Hälfte vom Dreh ist schon sehr nett und hat auch manchmal sogar echten Glamour, vor allem wenn es reichlich Champagner von meiner Lieblingsmarke gibt. Aber alles vor und nach diesen Feiern ist doch überwiegend ein elendigliches Herumsitzen in der Maske und auf Abruf in einer grell ausgeleuchteten Kulisse zu verharren.
Mag sein, dass manche Kollegen dann ab und zu zum Flachmann greifen, natürlich heimlich, auf dem Klo, wenn die Warterei mal wieder allzu lange dauert, weil irgendwas mit dem Licht oder Ton nicht stimmt. Ich will da auch gar nicht weiter darauf eingehen. Es ist ein Tabu-Thema. Am Set ist ja leider Gottes immer striktes Alkoholverbot. Auch zu später Stunde. Und da soll man dann nach hundert Bechern Kaffee aus der 10-Liter-Thermoskanne die erotisierte, zu allem bereite Mia Wallace darstellen, die sich verführerisch auf dem Teppich räkelt, obwohl man innerlich schon längst eingeschlafen ist.
Wachgerüttelt wird man dann nur noch, wenn die Tante von der Maske einen zum hundertzwanzigsten Mal nachpudert und zum fünfzigsten mal die Lippen nachzieht und mit Kleenex abtupft. Diese Rolle wurde mir von meiner geschätzten Kollegin Jenny Kittmann zugeschoben. Ich habe sie natürlich angenommen, man ist schließlich befreundet. Die bisherigen Kritiken waren nicht so schlecht, um nicht zu sagen sehr gut, aber ich habe eigentlich nur das abgeliefert, was ich immer mache.
Man kriegt eine Postkartenchallenge und fügt sich in die Rolle. Den Rest muss dann der Zuschauer beurteilen. Da überall gespart wird, musste ich auch wieder beim Bühnenbild mitarbeiten. Eigentlich war das Budget schon ausgeschöpft, aber diese Vorgabe mit dem sehr bunten Hintergrund und dem nicht weniger bunten Fußboden, war nur zu realisieren, indem ich beim Euro-Shop entsprechend farbiges Geschenkpapier von der Rolle erstanden habe, das ich aber auch noch anders verwenden kann.
Bei meinen Pinseleien wird ja auch immer mit Farbe gekleckert und da macht es sich ganz gut, wenn man den Boden etwas abdeckt. Insofern habe ich auch diese Herausforderung gemeistert und praktisch nichts dazugekauft, was ich nicht sowieso im Haushalt brauche.
Die kessen Ponyfransen konnte ich realisieren, indem ich die schwarzen Bändchen aus Satin, die ich seit Jahren aus Kleidern herausschneide, weil ich nicht weiß, wofür sie gut sein sollen, mit Gaffa-Klebeband nebeneinandergeklebt habe. Die übrige „Frisur“ ist ein schwarzer Chiffonschal, der hier hervorragende Dienste als Perücke geleistet hat.
Die Hackenschuhe (übrigens von Sergio Rossi) habe ich kurzerhand mit pinker Farbe von meinem Kryolanmalkasten angemalt, genau wie meine Fingernägel. Das lässt sich schnell wieder mit Wasser abwaschen. Die Pistole hatte ich noch von der Pistolen-Dandy-Challenge von kid37.
Der pinke Kissenbezug ist ein schon vor längerer Zeit selbst gefärbtes Oberhemd, um ein anderes Kissen gewurstelt. Die Zigarette ist echt, da ich immer noch einen kleinen Vorrat von meiner früheren etwas stärker ausgeprägten Hobby-Raucherei übrig habe.
So, nun habe ich noch zwei Challenges auf meiner Agenda, von denen die eine auch nicht ohne ist. Aber Mia Wallace hat mich schon etwas an meine Grenzen gebracht! Natürlich nicht vom Ausdruck oder so, aber das ganze Drumherum. Aber ich wollte es ja so, ich habe es mir gewünscht, und will mich nicht beschweren! Ja, ich möchte sagen: das ist mein Gesellenstück!




















09. September 2020
„ICH HAB KEINEN HANG ZUM ALPHATIER. ICH BIN EIN ALPHATIER.“
„Iron Gym“-Studio-Inhaber u. „Goodbye Deutschland“-Protagonist Andreas Robens
Da steckt Weltgeheimnis drin. (mal wirken lassen)
08. September 2020

Es begab sich am 3. September 2020, dass Lydia und ich uns in einer Galerie in der Niebuhrstraße in Charlottenburg trafen. Sehenswerte Werke einer Berliner Malerin. Maria Wirth ist ihr Name und sie ist seit einiger Zeit mit Jan verbunden, was mich neben ihren Bildern zusätzlich neugierig machte. Sehr elegante Räume, schönstes Charlottenburg. Jan war schon Stunden dort, als wir jeweils zwischen Sieben und Acht dort eintrafen.
Unverändert flaniert er durch Galerien und verewigt die anderen Kunstflaneure. Für mich war es erst der zweite Ausstellungsbesuch in diesem in einiger Hinsicht anderen Jahr. Wir würdigten eine gute Stunde den Zoo der Malerin (sie malt tatsächlich auffallend oft virtuos und sinnlich eingefangene Vierbeiner, die auf menschliche Körper treffen, Titel der Ausstellung: Welcome to my Zoo), und dann schlug Lydia vor, ein Lokal, ihrem Eindruck nach eine Bar, aufzusuchen, die ihr beim Vorbeifahren aufgefallen war.
In der Kantstraße gelegen, hat es äußerlich in etwa den Charme eines Etablissements am Kottbusser Tor. Eine ehemalige Schlecker-Filiale, Baujahr irgendwann in den Siebziger oder Achtziger Jahren, schmucklose, leicht verwahrloste Fassade, mit großen Schaufenstern, bis zur Undurchschaubarkeit mit Graffitis besprüht.
Ein kleines, weiß und rot leuchtendes Schild mit der Zahl 893 und einem asiatischen Schriftzeichen lässt ein möglicherweise irgendwie dubioses Lokal unterstellen. Zwei jüngere männliche Raucher vor der Tür ließen nichts Anspruchsvolles vermuten. Lydia fand es gerade interessant, dass in dieser Ecke, wo sich vor allem in den Seitenstraßen heimelig gepflegt wirkende Restaurants aneinanderreihen, so ein abgeranzt erscheinendes Gebäude ein möglicherweise anarchisches Lokal beherbergt.
Vielleicht eine etwas schräge Bar oder Kneipe, wo die Fahne irgendeiner der Rebellion hochgehalten wird, ohne überkandideltes Publikum, wo man noch vorzugsweise Bier konsumiert und sich die Weinauswahl auf zwei „Sorten“, nämlich Rotwein oder Weißwein nicht benannter Provenienz beschränkt, also ingesamt unprätentiös. Vielleicht sogar ein bißchen punkig, gammelig.
Da ich schon aus reiner Neugier bereit bin, mich in dubiose Lokale schleppen zu lassen, und Lydias Interesse so vehement geweckt war, zeigte ich mich offen, dieses unwägbare Lokal zu betreten. Plötzlich spürte ich einen drängenden Anflug von Hunger und fragte die jungen Männer vor der Tür, ob es da drinnen auch was zu essen gäbe. Sie nickten eifrig und erklärten in tadellosem Deutsch: „Auf jeden Fall! Sehr gutes Essen! Japanisch-peruanisch!“
Nun war meine Neugier ernsthaft erwacht, und so trat ich dicht an die bekrakelte Fensterfront, um einen Eindruck des Inneren zu gewinnen. Durch eine fetten Farbspray-Kringel konnte ich einen Blick erhaschen. Der unförmige Ausschnitt gab den Blick auf einen nackten, gebräunten, elegant schlanken Frauenarm mit blinkenden Armreifen und Ringen frei, der im Begriff war, einen Kelch aus feinem Kristall zu Munde zu führen.
Die Besitzerin des Arms saß an einem eingedeckten Tisch, auf dem sich Teller, Serviette und Besteck fanden, wie man sie eher in der Edelgastronomie verwendet. Das Ganze gehüllt in intime Beleuchtung. Die in Schwarz und Anthrazit-Tönen gehaltene Möblierung war mehr zu erahnen, als zu erfassen, aber schien nach dem Kriterium von Eleganz gewählt.
Meine Neugier war geweckt, das wollte ich mir aus allernächster Nähe ansehen. Hinter der unspektakulären Tür fand man sich in einem schwarz-grau durchgestylten Entrée und wurde von mehreren gutaussehenden Empfangshostessen begrüßt und freundlich informiert, dass alle Tische für den gesamten Abend ausgebucht sind, aber bei Interesse etwas an der Bar frei gemacht werden könnte, so wir das gerne wollten. Ich wollte! Lydia musste sich erst an den unerwarteten Eindruck gewöhnen und signalisierte mir, dass wir auch gerne wieder gehen könnten, aber dafür war ich schon viel zu neugierig zu sehen, welche Gesellschaft sich in dem Lokal eingefunden hat.
Wir bekamen zwei Plätze am Anfang der endlosen Bar mit dem schwarzen Marmortresen, direkt gegenüber der Kochtruppe hinter Glas, mit Blick auf ein großformatiges Werk von Herrn Araki. Eine kunstfertig gefesselte, nackte Schöne, die durch die Luft schwebt. Lydia fiel das Bild gleich auf und ich hatte keine Sekunde Zweifel, dass das nur ein Araki sein kann, dessen Werke ich vor zwölf Jahren bei einer Ausstellungseröffnung von ihm ausgiebig studierte, und auch fotografierte.
Araki war damals selbst anwesend und Jan hat ein Foto gemacht, auf dem Araki und ich im Mittelpunkt des Bildes stehen. Ich hielt meine Kamera auf Bauchnabelhöhe und Jan hat sich den Spaß gemacht, daraus eine Peitsche zu fotoshoppen, was aussieht, als sei ich die geheime Zuchtmeisterin von Araki. Moment, ich verlinke das Bild, hier ist es.

Da hungrig, bestellte ich mir von der riesigen, ausschließlich englischsprachig gehaltenen Karte ein Gericht namens HAWAII POKE beschrieben als „(cold)14mixed fish filet, salad, avocado, nuts, sesame, poke sauce“. Eine gut gefüllte Schüssel kam alsbald, dazu begleitend zwei (oder waren es drei?) Gläschen eines durchaus hervorragenden Schaumweins. Lydia bestellte etwas kompliziert zu Verzehrendes, nämlich EDAMAME, („young soy beans, sea salt“), die erst aus der Schale befreit werden mussten, und dazu ein Bier.
Interessant auch die Getränkekarte. Zwei Sorten Bier, ein japanisches und Krombacher, 21 Sorten Sake, 10 Sorten Champagner (Ruinart, Dom Perignon, Krug, div Jahrgänge), zahllose Positionen Weiß- und Rotweine, Spitzengewächse aus besten Regionen. Wenn man mal Langeweile hat, kann man die Karte lesen und bringt so mindestens eine Viertelstunde Lebenszeit rum.
Das Publikum war vom Eindruck her „irgendwas mit Medien“, eher ohne Zahlungsschwierigkeiten. Die Promi-Sichtung in unserem Radius war auch vorhanden, aber es war nicht Madonna; dafür aber auch noch von näher gut aussehend (mein Alter).
Ich muss sagen, die Tische mit durchschnittlich sechs Plätzen, da entlang der beschmierten Fensterfront, sind schon heimelig. Ich würde mich nicht sperren, es mir dort noch einmal bequem zu machen und das eine oder andere Schmankerl zu probieren.
Während Lydia ihre Edamame knabberte, machte sie zwischendurch ein paar smarte Fotos, hier zu sehen. Eines davon postete sie auf ihrem Insta, wo sie aber gar nicht so sehr aktiv zu sein scheint. Als sie den Apparat auf uns hielt, vergegenwärtigte ich mir, in welchen Posen sich andere dort beim Ausgehen präsentieren.
Meiner Erinnerung nach wird gerne ein volles Glas ins Bild gehalten, um zu zeigen, dass man es sich gut gehen lässt. Das habe ich mir abgeguckt und beiläufig mit „voll die affektierte Scheiße“ kommentiert, was Lydia, gelehrig wie sie ist, gleich in eine schmissige Bildunterschrift mit korrespondierenden hashtags umgemünzt hat.
Was am Folgetag via facebook zu einer berauschten Konversation mit weiteren sinnstiftenden hashtag-ideen meinerseits führte (#Dom Perignon, #champagne, #woke up like this“, #no make up, #lovemyjob, #äctorslife usw. usf.), eben das Übliche (siehe unten).
Wegen Umtriebigkeit gingen wir dann gleich noch in ein anderes Lokal um die Ecke, wo man draußen unter leichtem Regen unterm Sonnenschirm sitzen konnte, und noch ein weiteres Gläschen trinken, und eine Gutenacht-Zigarette rauchen. War sehr schön.

[Lydia G, ist mit Gaga Nielsen unterwegs.]
Königlich dinierend mit Gaga Nielsen
Geiler Affektierter Scheiß! #893 #Champagne #DomPerignon #jeunessedorée #893Charlottenburg #GagaNielsen #firstthingsfirst #actorslife #showbiz! #hotshit #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup #theplacetobe #party #life #game #cabaret #richkids #instagood #dog #cat #creatorshala #blablabla #893 #pushthebarriersaway
Gaga Nielsen
wir haben die Barriers gestern Abend doch sehr erfolgreich weggepusht, möchte ich sagen! (…) 893 Ryōtei Restaurant (!)
(toll auch, dass du weitere qualifizierte hashtags eingefügt hast („rich kids“)!
Lydia G.
Oh ja, und ich muss mir wohl mal ein schönes Bündel von Hashtags in mein mobiles Noitzbuch kopieren, damit es beim nächsten Mal schneller geht mit dem Eintrag im sozialen Netzwerk. Habe oben nun noch ein paar Hashtags von einem prominenten Menschen (Harald Glöckler) kopiert und eingefügt!
Gaga Nielsen
supie! Ich hätte noch drei: #Champagne, #DomPerignon, #jeunessedorée – obwohl letzteren vielleicht lieber ohne den französischen Accent, sonst ist Insta und die Community überfordert.
Lydia G.
Kommen noch rein und beim nächsten Mal ist das gleich im Zwischenspeicher!! 😎
Gaga Nielsen
Top! Bevorrate dich bitte auch noch u. ergänze den Post mit diesen hashtags: #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup
Lydia G.
aber klar doch … 🙄
Gaga Nielsen
…und nicht zu vergessen: #actorslife sowie #showbiz!
06. September 2020



Mein Name ist Helene Sedlmayr, ich bin ein Münchner Kindl, siebzehn(+) Jahre alt, und wir schreiben das Jahr 1830. Ich wohne in der Schönheitengalerie von unserem König Ludwig in Nymphenburg, wo mich Fräulein Ina ungefähr 1970 entdeckt hat und mein Bildnis auf Pappkarton erstanden hat. Genau wie auch das Bildnis von Lola Montez. Ich selber bin nur eine Dienstbotin und bringe den Königskindern immer die Spielsachen von unserem Geschäft in der Brienner Straße.
Unserem König ist es nicht so wichtig, von welchem Stand ich bin, deswegen darf ich auch in der Schönheitengalerie hängen, obwohl ich nicht hochwohlgeboren oder berühmte Tänzerin bin. Das hat mich arg gefreut. Deswegen bin ich heute selber berühmt, manchmal langt ein einziges Bildnis, dass man der Welt unvergessen bleibt. Mich freut es! Das schöne Bild von mir hat der Stieler Joseph Karl gemalt, er ist Hofmaler! Ich dank recht schön.
Wenn Du einmal traurig bist,
und das Lachen ganz vergisst,
schau in dieses Album rein:
Bald wirst Du wieder fröhlich sein!














05. September 2020



Auch diese aparte Postkarte wurde mir an meinem Geburtstag überreicht, und zwar von meiner lieben jungen Freundin Lydia. Ich fühlte mich recht geschmeichelt, da sie ja wusste, was ich mit Ihrer Postkarte zu veranstalten gedenke. Dies bedeutete nämlich, dass sie es für menschenmöglich hält, dass ich mich als Lolita (12) präsentiere. Die Ansichtspostkarte zeigt das alte Filmplakat von Kubricks Verfilmung, Anno 1962. Ein Glück, dass Lolita frühreif war und damit auch für älter durchgehen könnte. Nun gut, vielleicht nicht gerade Fünfzig+, aber schon etwas reifer, möchte ich sagen.
In dem Film gibt es ja auch noch eine ältere Frau, die Witwe Charlotte Haze, die ein Auge auf den Literaturwissenschaftler Humbert Humbert geworfen hat, der sich aber mehr für die frische Lolita begeistert. Ich hoffe, dass Lydia nicht um die Ecke gedacht hat und sich ausgemalt hat, ich gebe die Witwe. Nein, so um die Ecke denkt Lydia nicht, auch wenn sie könnte. Sie ist ganz schön raffiniert, wenn sie will. Aber ich auch! Urteilen Sie selbst. Für diesen Beitrag habe ich nur eine kleine geschmackvolle Auswahl getroffen, weiterführendes Bildmaterial steht hier zur Verfügung.







05. September 2020
Als nächstes präsentiere ich mich als Lolita!
03. September 2020




Dank Fortuna und kid37 darf ich mich zum Ende des Sommers unerwartet als Badenixe präsentieren. Ob so ein großgemusterter Einteiler vorteilhaft ist, darüber lässt sich streiten. Ich wäre ja die Erste, die davon abgeraten hätte, aber leider habe ich kein Mitspracherecht beim Kostüm.
Auch steht es mir aufgrund der beinharten Vorschriften bei der Ausführung der Postkarten-Challenges nicht frei, mein Make up oder den Gesichtsausdruck leicht zu meinem Vorteil zu verändern. Ich bin im Grunde ausgeliefert und habe mich zu fügen. Wenn nicht ab und zu doch das eine oder andere aparte Motiv dabei wäre, hätte ich die Sache längst hingeschmissen!
Einerseits bin ich natürlich dankbar, dass mich die stetigen Zusendungen, gerade jetzt um mein Jubiläum, von meinem eintönigen Privatleben ablenken, andererseits kostet es mich schon auch immer wieder Überwindung, mich in immer andersartig unattraktiven Verkleidungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Es bleibt dann nur noch die Hoffnung, dass man mir Charakterfestigkeit zugute hält, da letzten Endes nur Ausnahmepersönlichkeiten die entsprechende Widerstandskraft aufbringen, um unbeschadet aus einer dergestaltigen Herausforderung hervorzugehen. Ich jedenfalls habe für dieses mal meine Pflicht und Schuldigkeit getan und hoffe, Sie schalten wieder zu, wenn ich mich der nächsten Herausforderung stelle!











02. September 2020
LIBELLENKÖNIGIN II. [Die Gebärende], 10. Juli – 4. August 2020,
Leinen, Blattgold, Acryl, Papier, Staatliche Museen von Gaganien

In den letzten Wochen, beginnend am 10. Juli, begab es sich, dass meine Libellenkönigin sich mir in weiteren Aspekten zeigte. Was für ein eigenwilliges Wesen. Sie wandelte ihr Kleid und hob die Flügel und ich sah ihre Fruchtbarkeit. Zu ahnen war sie ja bereits. Doch nun zum Greifen manifestiert und ich wurde Zeugin einer Geburt. Eine Libellenkönigin hat kein gewöhnliches Gelege, das dachte ich mir schon. Ich war nicht verwundert, dass ihrem Leib in mehreren Intervallen eine in Gold gehüllte Larve entschlüpfte. Die königliche Frucht, auf die ich schon sehr gespannt war. Sie zeigte sich mir in den folgenden Wochen und bald auch hier. Ein SCHÖNES Getier!



02. September 2020
Der gestrige Abend verlief ganz anders, als von mir beabsichtigt, aber er war sehr bereichernd. Mit vier Freundinnen, die zugesagt hatten, nämlich Doro, Ina, Jenny und Lydia wollte ich die Dokumentation über Helmut Newton von Gero v. Boehm ansehen und danach in eine Bar um die Ecke gehen.
Das Kantkino, wo er läuft, hat fünf Säle, ich ging einfach davon aus, dass ein so attraktiver Film über einen so großen Fotografen im großen Kinosaal gezeigt wird, der über dreihundert Plätze hat. So habe ich mich vorher nicht um Kinokarten gekümmert, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass an einem Dienstag Abend so viele Menschen in eine 21-Uhr-Vorstellung drängen.
Ich lief Viertel von Neun beschwingt auf das Kantkino zu, wo ich von weitem schon Jenny warten sah, die mich anlachte. Nach herzlicher Begrüßung trat ich ins Kino und fragte, ob es denn feste Platzzuordnungen gibt, was bestätigt wurde, und ich erwähnte, dass wir insgesamt zu fünft wären. Für den Helmut Newton Film.
Da wurde uns beschieden, dass es nur noch zwei Karten gäbe und alle anderen auch schon lange reserviert und abgeholt wurden. Es handelte sich aber nicht um den großen Kinosaal, sondern um einen der kleinsten, der mit Corona-Abstand nur zwölf Plätze bietet. Die Kinobetreiber wären selbst erstaunt, meinten sie, denn am Abend davor, war nur ein einziger Besucher in dem Film gewesen, man hatte sogar überlegt, die Vorstellung abzusagen.
Nun war eines klar, dass ich nicht eine Freundin auswürfle, mit der ich dann die beiden verfügbaren Plätze einnehme und die anderen drei heimschicke. Ich wollte noch ein bißchen handeln und brachte meinen Geburtstag an, aber das führte nur zum Angebot einer Gratistüte Popcorn als Trostpflaster. Ich lehnte ab und schlug alternativ ein Glas Champagner vor, aber da war man leider nicht flexibel.
So wurde kurzerhand der schöne Kinoplan umgeworfen und der Umtrunk vorgezogen. Wir fanden uns dann alle fünf im Jules Verne in der Schlüterstraße ein, wo ich in aller Ruhe die von mir gewünschten Postkarten-Challenges auspacken konnte, die durchweg sehr amüsant und herausfordernd sind. Lydia hatte als besonderes Präsent sogar eine Schachtel Edle Tropfen in Nuss in petto, die mit den Obstbränden, schön in Geschenkpapier eingewickelt und mit einer echten roten Rose von ihrem Balkon verziert. Da war meine Freude groß!
Es war dann direkt familiär, wie wir da so zu fünft um die Pralinenschachtel saßen, mit prickelnden Getränken als Begleitung. Nach viel Erheiterung über die Postkarten, die ich demnächst alle nachstellen darf und werde, wurden die Gespräche eher ernst, es ging um familiäre und existentielle und auch letzte Dinge. Das wäre für einen Außenstehenden vielleicht eine merkwürdige Themenlage für eine Geburtstagsrunde, aber für mich war das durchweg sehr bereichernd. Ich hoffe und glaube, für meine Freundinnen auch.
Besonders fand ich gestern, dass es ein gemeinsames Gespräch war. Oft erlebt man in größerer Runde, dass sich Gesprächsinseln bilden und mehrere Einzelgespräche stattfinden. mit fünf am Tisch kann man noch sehr gut ein gemeinsames Gespräch führen. Da es auch nicht sehr voll war, am späteren Abend, gab es auch nicht zu viel Grundrauschen von Nebentischen. Für mich war das ein schöner Abend. Den Film kann ich ja immer noch ansehen.
Kurzzeitig hatten wir die lustige Vorstellung, dass die zwölf Kinoplätze vielleicht mit Gästen belegt waren, die auf facebook oder im Blog gelesen hatten, dass ich dazu auffordere, gerne auch ins Kino zu kommen. Und da vielleicht nun ein Grüppchen sitzt, das sich wundert, wo ich denn nun bleibe. Sollte es so gewesen sein, das hier ist die Erklärung!
01. September 2020
55!

Ach du Schreck, jetzt hätte ich fast vergessen, schnell noch vor Sonnenuntergang das obligatorische Foto zu machen. Nun sinds sogar zwei, von 18:45 Uhr. Wer sich von meinem Zustand überzeugen möchte, kommt um 21 Uhr ins Kantkino und guckt mit mir den Film über Helmut Newton. Aber bitte nur Leute, die nicht der Meinung sind, die Fotos von Helmut wären poltisch nicht korrekt (oder ähnlichen Betschwesternkram). Helmut und ich sind SO…! Und später natürlich ein Gläschen (ALKOHOL!)

01. September 2020
Und nicht vergessen, heute ist:
TAG DES ZEBRASTREIFENS!
31. August 2020

Franz Ludwig Catel, Schinkel in Neapel, 1824, Öl auf Leinwand, 62 x 49 cm, Sammlung Alte Nationalgalerie Berlin
Ich schließe den Reigen meiner Sammlung mit einem Gemälde, das Karl Friedrich Schinkel in Neapel zeigt, gemalt von Franz Ludwig Catel im Jahr 1824. Ich entdeckte es bei einem Besuch in der Alten Nationalgalerie in Berlin, wo es zum festen Bestand gehört. Damit ist es ja ohnehin immer in meiner Nähe und wenn ich es in groß sehen will, spaziere ich hinüber.
In der Beschreibung der Staatlichen Museen Berlin heißt es:
„1803 brach der 22jährige Karl Friedrich Schinkel zum ersten Mal nach Italien auf. Zwanzig Jahre später betrat er im Süden Italiens erneut ›klassischen Boden‹: »Die Gegend Neapels hat immer etwas Unglaubliches, und so sehr man sie kennen mag und sich ihr Bild in der Phantasie zurückrufen konnte, sie erscheint immer wie ein überirdischer Traum«.
Auf der Rückreise bestellte Schinkel in Rom bei Franz Ludwig Catel, mit dem er seit zwei Jahrzehnten bekannt und auch in Italien unterwegs war, als Weihnachtsgeschenk für seine Frau ein Porträt von sich.
»Ganz früh, vor 7 Uhr, ging ich zu Catel, der mich in ein Bildchen hineinmalen wollte, welches ein Zimmer in Neapel vorstellt, aus dessen offenem Fenster man das Meer mit der Insel Capri und die Bäume unter dem Fenster aus Villa Reale sieht, gerade so, wie ich dort gewohnt hatte« (…)
Vornehm gekleidet sitzt Schinkel in entspannter Haltung und mit aufmerksamem Blick, ein Schriftstück in den Händen haltend, am weitgeöffneten Fenster des Casino Reale in der Via Chiatamone. Über die silbrig-grünen Baumkronen und das Blau des Meeres hinweg schweift das Auge zur violett schimmernden Insel Capri.
Das attraktive, bei vielen Italienreisenden beliebte, heute jedoch zerstörte Quartier wurde Schinkel zum Vorbild für seinen im Auftrag von König Friedrich Wilhelm III. errichteten Pavillon im Schloßpark Charlottenburg.“
Birgit Verwiebe
31. August 2020

Henri Matisse, Les roses Safrano, Nature morte devant la fenêtre ouverte, Nice, place Charles-Félix, 1925, Öl auf Leinwand, 81,3 x 64,7 cm.
Ich bleibe noch ein bißchen in Südfrankreich, mit diesem Bild von Matisse. Ein Druck davon, genau genommen eine Seite aus einem Bildband, nur mit Passepartout versehen, hängt in meinem Atelier zwischen Eingangstür und dem kleinen Badezimmer. Ich sehe es wie ein kleines Fenster, das mich mit einem Blinzeln in dieses Zimmer in Nizza reisen lässt. Ich empfinde es als weitaus subtiler als die meisten Bilder von Matisse, feiner, viel mehr wie Cezanne.
Ich hätte es schon auch gerne als Original um mich, aber auch so erfreut es mich immer wieder, seit über fünfundzwanzig Jahren. Das echte Bild wurde am 13. Mai 1999 von Christie’s in New York für fünfeinhalb Millionen US Dollar verkauft, ganz offenkundig an einen privaten Sammler, sonst könnte man so ein hochrangiges Bild ja sehr leicht als festen Bestand einer öffentlichen Sammlung oder eines Museums recherchieren. Ich hoffe, die Umgebung in der es hängt, ist so charmant wie meine oder das Zimmer in Nizza, wo es entstand.
31. August 2020
Das hier sind auch sehr schöne Aufnahmen. Brigitte Bardot besuchte Pablo Picasso 1956 in seinem Atelier in seiner Villa La Californie in Cannes, als sie dort während der Filmfestspiele weilte. Es stimmt wohl, dass B.B. vom Look von Sylvette sehr inspiriert war und auch gerne diesen hohen Pferdeschwanz trug.
31. August 2020

Pablo Picasso, „Sylvette au fauteuil vert“, 18. Mai 1954, Öl auf Leinwand, 81 x 65 cm
Im Frühjahr habe ich einige zum Teil weltberühmte Gemälde gezeigt, die ich gerne auch privat um mich hätte, als Originale, wohlgemerkt. Es gibt noch drei Bilder in meiner hochkarätigen Phantasiewunschtraumsammlung, die ich nicht gezeigt habe. Dazu gehört dieses sehr, sehr bekannte Bild von Pablo Picasso, das Sylvette David zeigt. Es ist mir jetzt näher als früher, weil mir die echte Lydia-Sylvette Corbett ans Herz gewachsen ist, nachdem ich sie in dieser wunderbaren Dokumentation gesehen habe.
Heute ist die am 14. November 1934 geborene Sylvette David 85, und immer noch ein Blickfang. Sie trägt den Künstlernamen Lydia Corbett, und malt seit vielen Jahren selbst. Offenkundig ist ihr eigenes Werk bis heute von der Begegnung mit Picasso durchdrungen, bis zur Überidentifikation mit seiner Malweise, aber das sehe ich ihr nach. Sie ist mir einfach zutiefst sympathisch.
Das Bild befindet sich in einer Privatsammlung in Frankreich, seit es am 1. Nov. 2005 für 8,080,000 US Dollar von Christies versteigert wurde. Es war daher auch nicht in der Ausstellung über Picassos Sylvette-Portraits in der Kunsthalle in Bremen 2014, die mir leider entgangen ist. Für mich ist das nicht etwa eines der beeindruckendsten Bilder von Picasso, sondern eines der atmosphärischsten, das ich gerne in meiner Nähe hätte. Aber unbedingt und nur als Original, um die Textur zu sehen und den Atem zu spüren und diese Aura von Vallauris 1954. Dieses Bild hat so ein starkes Flair der Fünfziger Jahre, es zeigt den Teil, den ich an der Ästhetitk der Fünfziger mag. Es wäre für mich wie ein hochatmosphärisches Möbelstück. Und nachdem ich nun weiß, wie faszinierend die Frau ist, die Modell stand, noch viel mehr.
30. August 2020

Auch 1982, 17. November. Ich muss an dem Tag das tschechische Filmdrama „Ein Tag für meine Liebe“ gesehen haben, und währenddessen ist diese düstere Zeichnung entstanden. Ich hatte in meinem Zimmer unterm Dach einen großen alten Schwarzweißfernseher in einem Holzgehäuse, daran hing eine große Antenne, die ich so ausrichtete, dass ich DDR-Fernsehen sehen konnte. Ich erinnere mich nur ganz dunkel an den Film, der 1976 gedreht wurde. Was Trauriges.
In der Beschreibung steht, dass die vierjährige Tochter eines jungen Ehepaars, das recht glücklich ist, beim Kirschenessen erstickt. Nach dem Tod versuchen sie wieder ein Kind zu bekommen, aber die Beziehung hat sich völlig verändert. Tragische Filme mit Tiefgang waren schon immer eher auf meiner Wellenlänge als Klamauk und Action. Obwohl ich als Kind natürlich auch Quatschfilme geguckt habe, keine Frage.
Ich mochte diese gewisse Bildästhetik von einigen tschechischen Filmen aus den Siebzigern, die manchen DDR-Filmen ähnelte. Aber sie wirkten heller, weniger grau und trostlos, hatten keinen Mief. Lag vielleicht auch daran, dass sie synchronisiert waren, was ihnen durch die bekannten Sprecherstimmen einen internationalen Anstrich gab. Warum eine Pistole auf meiner Zeichnung ist, weiß ich nicht, ich kann mich nicht erinnern, ob es gewalttätige Szenen im Film gibt.
30. August 2020
30. August 2020

Selbstportrait, So, 7. Juni 1981, Kugelschreiber auf A 4-Papier
Da war ich Fünfzehndreiviertel. Ein Sonntagnachmittag, an dem ich nichts anderes zu tun hatte. Ich hörte wahrscheinlich Neil Youngs Platte Rust Never Sleeps oder eine andere von ihm und hatte mein kariertes Lieblingsflanellhemd an und setzte mich vor den Spiegel und schaute mich ernst an.
Das Bild ist mit Kugelschreiber auf einem einfachen weißen Blatt Papier in DIN A 4, wahrscheinlich von einem Schreibblock, gemalt. Ich habe es noch nie jemandem gezeigt. Im Grunde ein gemaltes Selfie. Das wäre mir früher peinlich gewesen, ich hätte das Gefühl gehabt, mich für eine solch unstatthaft eitle Betätigung entschuldigen zu müssen.
Aber ich wollte sehen, ob ich etwas entdecken könnte an mir, das ich bei einem Blick in den Spiegel nicht sehe. Wenn ich etwas zeichne, betrachte ich es grafisch, präge mir die Silhouette der einzelnen Teile ein und kopiere sie dann aus dem Gedächtnis auf das Papier vor mir. Es ist also ein recht pragmatischer, handwerklicher Vorgang, zunächst jedenfalls.
Ich glaube, ich war dann überrascht, dass ich so eine Melancholie ausstrahle, und das war auch wirklich so. Wenn ich nicht gerade gelacht oder gelächelt habe, wurde ich oft gefragt, ob ich traurig bin. Ich fand mich selbst von der Veranlagung her optimistisch, aber hatte tatsächlich oft Liebeskummer. Unglücklich oder ergebnislos verlaufende Verliebtheiten. Auch schon mit Fünfzehn.
Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auch wieder ein, um wen es da ging. Es war der beste Freund meines älteren Bruders, der uns oft besuchte, so lernte ich ihn kennen. Er war im Zimmer meines Bruders und sie spielten zusammen Gitarre. Er hatte eine Band, mein Bruder später auch, aber damals noch nicht. Dank Internet kann man ja herausfinden, was aus einem alten Schwarm geworden ist. Heute hat er ein Tonstudio und produziert vor allem andere.
Er hat damals ganz schön mit mir geflirtet, so ganz grundlos war meine Verliebtheit also nicht. Aber er hatte schon eine Freundin. Was ihn aber nicht abgehalten hat, sich mir gegenüber zu verhalten, als ob es sie nicht gäbe. Ich hab sie dann auch kennengelernt, weil es doch ein gemeinsamer Freundeskreis war, und habe nicht durchblicken lassen, dass mir ihr Liebster Avancen machte und sogar ein romantisches Lied zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich fand sie ganz okay. Sie hat das nie erfahren.
Mehr als im Auto mit heruntergekurbelten Scheiben durch den Sommer fahren und dabei laut Musik hören (vor allem die erste Platte von Lou Reed, mit Berlin und Wild Child) und durch den Wald Spazieren und ein bißchen Schmusen ist nicht passiert. Aber für mich war es viel. Eine Riesensache, gewaltig. Das war vor allem im Jahr vor diesem Bild, 1980. Ich war total verknallt. Und nicht zum letzten mal. An jenem Sonntagnachmittag im Juni 1981 war ich vermutlich schon etwas ernüchtert. Das sagt mein Blick.
30. August 2020

Athena hatte auch eine sehr melancholische Seite, die eher in ihrer Ausstrahlung, als ihrem Verhalten zu bemerken war. Große, tiefblickende Augen. Wenn mich ihr Blick traf, ging er ganz tief. Das Bild vom November 1982 habe ich auch während des Unterrichts gemalt, obwohl sie neben mir saß, da kannte ich sie schon eine Weile und hatte ihr Aussehen verinnerlicht. Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein, dass sie das kleine Tier selbst auf ihre Schulter gemalt hat, einfach so, zum Spaß. Sie war auch verspielt, jedenfalls bei mir. Unsere Wege haben sich nach Ende der Schulzeit getrennt, ohne Streit, wie man sich eben so auseinander entwickelt, wenn ein gemeinsamer Teil des Alltags wegfällt. Ich habe aber immer gern an sie zurückgedacht.
30. August 2020

Das war Athena, meine Schulfreundin. Sie hatte griechische Eltern und war in Deutschland aufgewachsen. Wir saßen 1982 nebeneinander in der Klasse und befreundeten uns recht schnell. Wir haben auch nach der Schule viel Zeit zusammen verbracht, sie war ein oder zwei Jahre älter als ich. Ich habe sie gerne angeschaut. Das war mein Blickwinkel von der Seite, wenn wir im Unterricht saßen. Sie hat immer gut aufgepasst und war eine der Besten, hatte aber trotzdem immer Spaß an lustigen Seitenbemerkungen in meine Richtung und auch immer Liebesgeschichten, über die wir uns ausführlich austauschten.
30. August 2020

Das war eine blöde Trulla. Nicht wie man denken könnte, eine gouvernantenhaft gestrenge Studienrätin, sondern eine Mitschülerin. Ich kann mich beim besten Willen nicht an den Namen erinnern. 1982 war ich zwischen 16 und 17 und die meisten in dieser Klasse waren so alt wie ich. Man hätte denken können, sie hätte schon das Klimakterium hinter sich, tantiges, besserwisserisches Getue und biedere Klamotten wie eine Sekretärin aus den Fünfzigern. Seltsame Frisur mit Außenwelle und Perlenohrclips. Darf man sich jetzt aber nicht stylish retromäßig vorstellen, sondern wie stehengeblieben.
Ich weiß, das klingt geradezu extravagant aus heutiger Sicht, aber das war sie nicht. Wenn ein Lehrer etwas gerügt hat, oder um Ruhe bat, hat sie eifrig genickt und tadelnde Blicke in die Runde geworfen. Die Unruhe enstand auch schon mal, weil sich meine Mitschüler über meine Kritzeleien amüsierten. Dieses Portrait hat das Opfer selbstverständlich nie gesehen. Ich habe den Abgebildeten nur schmeichelhafte Sachen gezeigt. Ja, ich gebe es zu, die Zeichnungen waren manchmal auch ein bißchen gemein, aber so ging die Zeit ganz gut rum.
30. August 2020

Hier ist ein Teil des Lehrkörpers zu sehen, mein Englischlehrer von 1982, Dave Soundso. Bleistift in Schulheft. Er war ein recht großer, kräftiger Engländer, ca. Anfang Dreißig, mit dunklen Haaren und so einem Beatles-artigen Haarschnitt mit kurzen Pony. Des weiteren trug er eine Brille mit einem silbernen Metallgestell. Er war etwas schüchtern und konnte auch rot werden.
Die Schüchternheit war auch deutlich an der Körpersprache abzulesen. Offensichtlich hatte er eine behaarte Brust, da oben am Hemdausschnitt Härchen rausgucken. Mein Typ war er nicht, aber ich hatte ihn gerne. Er war vom Gesicht her nicht so mein Fall, etwas Schüchternheit ist mir immer angenehm, zumindest so lange sie nicht zu nach innen eingedrehten Fußspitzen führt.
30. August 2020

DER BADEMEISTER, Kugelschreiber in Notizbuch, 1982, DIN A 5
Wenn mir langweilig war im Unterricht, und das war öfter der Fall, habe ich gerne mal etwas gezeichnet. Die Lehrkräfte oder meine Banknachbarin. Manchmal aber auch so ganz frei phantasierte Gestalten. Zum Beispiel den Bademeister hier. Er sitzt auf einem Hochsitz am Strand, und kontrolliert das Geschehen. Sagen wir wie es ist: es ist ein alter Sack, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben will. Aber die Welt ist rund und bunt, und solche Leute gibt es eben auch. Alte, weiße Männer, die sich für wichtig halten und gerne Kontrollblicke werfen.
Was ich bei der Zeichnung wohl nicht bedacht hatte war, dass so ein Bademeister eigentlich etwas sportlich sein muss, weil er ja nicht nur mit dem Megaphon die Leute aus dem Wasser ruft, sondern im Notfall auch rausschwimmen muss und retten. Ich bin mir nicht so sicher, ob der alte Bademeister das hinkriegt. Aber vielleicht sind das auch unangebrachte Vorurteile, dass jemand, der so bucklig dasitzt, keine Sprungkraft mehr hat. Also falls ich da etwas Falsches unterstelle, entschuldige ich mich beim Bademeister.
29. August 2020

MENSCHEN, SCHAUT AUF DIESE LITFAßSÄULE! Seit vier Wochen laufe ich jeden Tag daran vorbei. Sie steht am Hackeschen Markt und trägt das schönste Kleid, das ich je an ihr gesehen habe. Erschaffen hat es der aus Rumänien stammende Künstler KITRA. Ich liebe es total! Es ist im Rahmen der Aktionsreihe „LITFASS GOES URBAN ART“ entstanden und leider Gottes nur noch bis Montag zu sehen, deshalb war ich heute Morgen extra mit meiner Kamera da, um sie zu verewigen.

Übrigens ist diese 166 Jahre alte Litfaßsäule am Hackeschen Markt die allererste Litfaßsäule in Berlin gewesen, und damit auf der ganzen Welt, denn erfunden hat sie ja 1854 der Berliner Drucker Ernst Litfaß. Wer also die Säule in diesem aparten Sommerkleid bestaunen will, muss heute oder morgen oder am Montag über den Hackeschen Markt spazieren. Kitra macht auch andere schöne Sachen, immer sehr bunt und grafisch. Virtuos.







27. August 2020
Topaktuelle Konversation von heute Abend im fb-messenger mit Ina –
TO WHOM IT MAY CONCERN:
19:25 Uhr
Gaga
hab heute Abend eine Idee entwickelt, was ich am 1. September anstellen könnte, und zwar erst am Abend. Ich will mir den Helmut Newton Film von Gero von Boehm anschauen, er läuft um 21 Uhr im Kantkino. Ca. 2 Std., und danach auf ein Gläschen in eine Bar um die Ecke, wo ich noch nicht war, die Galander Bar am Stuttgarter Platz, hat bis 2 Uhr auf. Essen würde ich zuhause was, vor dem Kino. Wenn du Lust hättest, könntest du mir Gesellschaft leisten, ich gehe aber auch allein ins Kino. Vielleicht frag ich auch noch Lydia oder Jenny, ob sie es interessiert. Maria ist im Urlaub, verreist.
Ina
Gaga großartig , ich will mit dir zusammen sein
Gaga
oh wie schön, ich glaube der Film ist auch klasse, weil Gero von Boehm keinen Scheiß macht! 🙂 wenn dein Liebster auch Lust drauf hat, ist ja in Charlottenburg, kann er ja auch mitkommen! Mich täte Gerwin nicht stören, er weiß sich ja zu benehmen!
Ina
Ich frage ihn, aber bin lieber solo und oder mit deinen Freundinnen mit dir
Gaga
vielleicht schreib ichs einfach auch auf meiner fb-Seite und im Blog, dann kann jeder selber entscheiden, ob er auch ins Kino will. Ich hab jetzt nicht den Plan, eine intime Veranstaltung zu machen. Eigentlich gar keinen Plan, außer dass ich den Film sehen will und was trinken! ich zahle auch nicht die Kinokarte für die anderen 🙂 also ein undramatischer Kinobesuch ohne pathetische Ansprachen! wenn „nur“ du kommst, bin ich auch sehr happy! Ganz nach Lust und Laune.
Ina
Fein, ich freue mich schon.
Gaga
Als Geschenk wünsche ich mir: 1 attraktive Postkarten-Challenge….!!! (Kein Männerbild, wenns geht) 👄 ich habe gerade die kecke Idee, ich könnte diesen kleinen Konversationsstrang als öffentlichen Blogeintrag posten, bin gerade etwas uninspiriert in puncto Bloggen, das könnte mir neuen Schwung geben! Die Leute spielen ja auch gerne Voyeur.
Ina
Aber ja, obwohl meine Beiträge extrem uninspiriert sind. Willst du die Challenge überreicht oder geschickt bekommen. Und dürfen es auch zwei schon lange gehegte Ideen sein???
Gaga
an diesem hohen kirchlichen Feiertag des Jahreskreises hätte ich die Postkartenchallenge-Postkarte bitte gerne persönlich überreicht bekommen. Du könntest zur Verzierung eine abgestempelte Briefmarke draufkleben, aber eine schöne! ich möchte nicht schon wieder einen alten oder nicht so schönen Mann geben, sonst gibt es keine Wünsche meinerseits. Tiere oder Architektur wäre auch okay. Also Hitler oder Goebbels fände ich jetzt nicht so super.
Ina
Ich werde deine Wünsche beherzigen
Gaga
🖤 🖤 🖤
Also ich blogge das jetzt, ohne Rücksicht auf Verluste! Letzten Endes spricht das ja sowieso nur Premium-Leser/innen an! (Und nur solche habe ich!)
26. August 2020
23. August 2020

WARM UP | 2008 | Acryl auf Leinwand | 70 x 100 cm […]
23. August 2020

Heute hundertfünfter Geburtstag. Meine Oma Alma (1915 – 1981). Sie wurde nur rund 65, das war eindeutig zu kurz. Ich habe sie sehr geliebt und schon ganz oft erzählt, dass sie mir am liebsten Lieder von Zarah Leander vorgesungen hat, mit großen, theatralischen Gesten. Sie hat gerne geschneidert und andere zum Lachen gebracht. Am liebsten habe ich bei ihr knuspriges Hähnchen und Schwarzwälder Kirschtorte gegessen. Früher hat man dumme Behandlungsexperimente gemacht, weil man es nicht besser wusste, das war ihr Verhängnis. Man hat ihr Quecksilber gespritzt, ich weiß nicht mehr, gegen welches Leiden, aber darunter hat sie ihr Leben lang gelitten. Trotzdem war sie keine Jammerliese, ich habe sie wenigstens nie so erlebt. Mich hat sie immer nur angelacht. Ich sah aber auch lustig aus, mit meiner Zahnlücke. Ich winke nach oben und trage Dich immer im Herzen.


22. August 2020
Oho.
»(…) Jetzt fand er endlich Zeit, Sonja ausführlich zu betrachten, und er sah, dass ihr Körper beinahe jeden Kompromiss wert war und dass er ihn, wenn sie es wünschte, schlagen würde. Und er war sicher, dass sie es wünschen würde.
„Erzähl deinem Mann, dass du Migräne hast oder finde eine andere Ausrede und lass uns in ein Hotel gehen“, sagte er so schroff, dass er selbst erschrak.
„Ich bin nicht mit meinem Mann hier, sondern mit einem Geliebten — und den habe ich gerade aus meinem Leben geworfen.“
Jetzt war Julian doch ziemlich erstaunt. An ein Luder war er also geraten. Das enttäuschte ihn keineswegs, sondern bedurfte nur schärferer Spielregeln. Ein Luder und ein fleißiger Taugenichts waren ja unter Umständen natürliche Partner und konnten einander ganz ohne Vorspiegelung falscher Tatsachen begegnen. Julian musste lachen bei dem Gedanken an eine Beziehung, in der die rücksichtsloseste Offenheit regierte.«
André Heller 2018, Das Buch vom Süden, S. 250
Nicht schlecht, vor allem der letzte Satz (aber leider, leider nicht repräsentativ).
21. August 2020
»(…) Dieser Mann hatte Julian nächtelang von der „Geographie der Frauen“ erzählt und ihm viele schöne Körperlandschaften beschrieben. „Alle sind schön“, war seine Hauptthese. „Die Männer sind sind nur für gewöhnlich zu primitiv, um das Sanfte im Wilden, das Schwarz im Weiß, das Dünne im Dicken, das Große im Kleinen zu bemerken. Jede ist vollkommen, auf ihre ganz persönliche Weise. Mein einziges Ideal ist die Abwechslung.
Es gibt Fräuleins, die haben Zehennägel oder Achselhöhlen, vor denen man niederknien möchte, und solche, für deren Rückenlinie es zu sterben lohnt. Andere sprechen das Wort Suppe mit einer Grazie aus, die einen bannt, und selbst an die Schatten von Damen habe ich schon mein Herz verloren. Enttäuschungen entstehen nur dort, wo wir uns durch feste Erwartungen dem Überraschenden verschließen. Gott schütze alle Weibspersonen.“«André Heller 2018, Das Buch vom Süden, S. 216
Ja, nett. Nun könnte man meinen, ich hätte 216 Seiten des Buches gelesen. Dies ist nicht der Fall. Ich mag Heller grundsätzlich, aber in diesem Buch sind mir zu viele Adjektive, zu viele kleinteilige, verschachtelte Beschreibungen. Ich stelle fest: mich stören sowohl zu wenig Adjektive, als auch zu viele. Gerne mache ich mir ein plastisches Bild der Orte, Gegenstände und Personen, möchte aber keine inflationären und varianten-überbordenden Details, das hemmt meinen Lesefluss.
Wird zu wenig oder zu vage beschrieben, fehlt meiner Phantasie die Richtungsvorgabe, es wird beliebig, dann habe ich das Gefühl, ich hätte das Buch gleich selber schreiben können. Wird es zu viel, erscheint es mir wie ein abzuarbeitendes Wirrwarr, das mich nicht vorankommen lässt.
Ich habe im Buch die ersten ca. vier Seiten gelesen und dann gemerkt, dass mich dieses ewig lange Herumdümpeln in der Kindheitsphase der Hauptfigur Julian langweilt. Die Spielsachen, die Spiele, die Phantasien. Kind war ich selber und möchte es nicht wieder sein müssen. Ich blätterte also gnadenlos scannend weiter, ob der gute Julian endlich bald mal geschlechtsreif ist und sich für Erotik interessiert und seine Erfahrungen erzählt.
Erst bei Seite 216 hatte ich den Eindruck, hier könnte ich einen erneuten Einstieg wagen und auch lesen, nicht nur scannen. Also dieser oben zitierte Absatz gefiel mir ganz gut, obwohl mir der Stil weiterhin nicht zusagt. Ich blättere voraussichtlich schwungvoll mit scannendem Auge weiter, auf die Gefahr hin, dass ich Perlen überblättere.
Noch eine pikante Sache zu dem Buch: ich habe es gebraucht bei Amazon bestellt, über den Anbieter medimops. Es wurde als in „sehr gutem Zustand“ avisiert, was ich nur bestätigen kann. Ein offensichtlich komplett ungelesenes Taschenbuch, nicht eine Seite hatte die geringste Biegung. Ich kaufe gebraucht nur mit Zustand „sehr gut“, vorzugsweise sogenannte „Mängelexemplare“, die zumeist keinen Vorbesitzer hatten.
Gestern Abend nahm ich das Buch aus meiner Tasche, die ich unterwegs dabei habe. Plötzlich fiel ein Kärtchen heraus. Vermutlich steckte es irgendwo in der Mitte des nagelneuen Buchs. So ein Miniklappkärtchen, wie man es an Geschenke macht. Es hatte das bekannte Seerosenmotiv von Monet und die mit Füllfederhalter handgeschriebene Widmung darin lautete in etwa:
„16.12.2019
Liebe Meike,ja! DER André Heller! Eines meiner Lieblingsbücher, so toll, so positiv wie Du! Alles Gute zum Geburtstag!
Deine Kathrin“
Ich habe mich ein bißchen für Meike geschämt. Wenigstens hätte sie das Buch doch einmal kurz durchblättern können, so dass die kleine Geburtstagskarte herausgefallen wäre und dann hätte sie anstandshalber nur das Buch an medimops geschickt. Es könnte aber auch sein, dass Meike eine André-Heller-Sperre hatte, was man ja haben darf, und die Lektüre daher von vorneherein indiskutabel war.
Auch kann es sein, dass Kathrin zur Geburtstagsfeier von Meike eingeladen war, sie aber gar nicht so eng befreundet sind, sondern eher nur gute Bekannte, und Meike auch nicht zu befürchten hatte, dass Kathrin sie demnächst befragt, wie ihr denn das Buch nun gefallen hätte, das ja ihr LIEBLINGSBUCH ist.
Ich hatte dann kurz die lustige Phantasie, wie Kathrin wohl geguckt hätte, wenn sie ihr Lieblingsbuch – da ja LIEBLINGSBUCH – abermals und abermals bei Amazon bestellt hätte, um es einer weiteren Freundin oder Bekannten zukommen zu lassen, und um Geld zu sparen, ein „sehr gutes“ Exemplar bei medimops geordert hätte.
Dieses wäre nun bei ihr eingetroffen und zum Zwecke, es in Geschenkpapier zu wickeln, hätte sie es gedreht und gewendet, und ihr eigenes Kärtchen vom Dezember 2019 wäre herausgefallen. Oh oh oh… Meike, Meike, Meike.
18. August 2020
»Worte sind wie Stein und Blut, Kiesel und Gerinnsel, die uns über die Lippen treten und mit denen wir das festhalten wollen, was uns am Herzen liegt. Ein Mann beschreibt sein Haus, und dieses Haus ragt künftig im Gedächtnis von anderen auf, und Tausende von Herzen schlagen jahrhundertelang einer Liebe wegen, die er so anschaulich zu schildern wusste. Man muss über alles sprechen, was man liebt, denn Schweigen nährt das Vergessen.«
Louise de Vilmorin 1955, Histoire d’Aimer | Liebesgeschichte, S. 44
17. August 2020

Zur Abendstunde präsentiere ich mich diesmal nicht in einer mir aufgenötigten Postkartenperformanceverkleidung, sondern in meiner Berufskleidung als Wahrsagerin. Gerne stellen Sie mir Ihre Fragen, die Sie schon lange beschäftigen, insbesondere Ihre persönliche Zukunft, Ihr intimes Liebesleben und Ihre Karriere betreffend und ich gebe Ihnen zeitnah direkt hier eine passende Prognose. Bis zum 31. August 2020 gratis!
Danach wird eine Aufwandsentschädigung i. H. von einer Flasche Dom Pérignon pro Fragestellung erhoben! Haben Sie keine Hemmungen, sich mir anzuvertrauen, ich bin absolut diskret und verspreche, dass Ihre Fragen und meine Antworten nur auf Facebook und in meinen hochexclusiven Blogs zu lesen sind. Also: nur Mut!
16. August 2020
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXIX. 13. August 2020
„S-Bahn Richtung Zoo, Mann mit Armprothese. Gute Körperspannung. Attraktiv.“
Ich saß in einer Entfernung von ca. fünf Metern, schräg gegenüber eines Fahrgastes, der am Hauptbahnhof zugestiegen war und sich schwungvoll hingesetzt hatte. Alter etwa zwischen Anfang und Mitte Vierzig. Kurzhaarschnitt, dunkelhaarig, ganz leicht ergraut, schwarzer Mund-Nasen-Schutz. Athletisch, sportlich durchtrainiert wirkender Körper. Elegant knappe, gezielte Bewegungsabläufe. Er trug eine blauschwarze Baumwollhose, gut geschnitten, keine Jeans, ein hellblaues, unfassbar perfekt sitzendes Hemd, das die durchtrainierten Schultern und die Brustmuskulatur zur Geltung brachte, die Ärmel vollendet hochgekrempelt. Gute Halbschuhe aus feinem Leder.
Auf den Knien hielt er einen hochwertig wirkenden, ledernen Aktenkoffer, cognacbraun. Er stellte den Koffer senkrecht, um ihn zu öffnen. Er hielt ihn mit der linken Hand und öffnete ihn mit der rechten. Ganz flüssige, geschmeidige Bewegungsabläufe.
Dann erst fiel mir auf, dass die linke Hand, die den Koffer hielt, aus einem hellen, weißgrauen Kunststoff war, leicht transparent, wie Milchglas, schlanke Finger, wie an der rechten Hand. Der Unterarm hatte eine andere Farbe, er war aus schwarzem Kunststoff. Ich konnte nicht sehen, ob der Kunststoffarm in den Oberarm überging, vielleicht war er an der Stelle vom Ellbogengelenk angebracht, wo der hochgeschlagene Hemdsärmel aufhörte.
Ich war sehr fasziniert von der Erkenntnis, dass an dem Anblick nichts unangenehm war. Die Armprothese, die auch noch farblich wie abgestimmt auf seine Kleidung erschien (oder die Kleidung auf die Prothese), nahm ihm nichts von seiner Attraktivität. An der rechten Hand, die seine eigene war, steckte ein Ehering. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, aber der Schwung der Augenbrauen und der konzentrierte Blick ließ Attraktivität und Intelligenz vermuten.
Mir wurde klar, dass nicht die perfekte Vollständigkeit von Gliedmaßen einen Körper anziehend macht, sondern die Dynamik des Bewegungsablaufes, die Körperspannung. Vielleicht hat er den Arm bei einem Sportunfall verloren. Er wirkte eher wie ein geistiger Arbeiter, der gerne Sport treibt, nicht wie ein Handwerker. Ich glaube, das Wort Invalide ist in unserer Zeit – zum Glück – nicht mehr gebräuchlich. Als „ungültig“ bewertet zu werden, weil einzelne Körperteile nicht vorhanden sind, ist unangemessen. Dieser Mann war nicht nur eine gültige, sondern eine mustergültige Erscheinung und eine bemerkenswert attraktive dazu.
14. August 2020
Gestern Vormittag vorgehabt, eine interessante Wahrnehmung in der S-Bahn hier festzuhalten, dann verlief der Tag etwas anders als erwartet. Ich bekam einen Anruf vom Eigentümer meines Ateliers, dass am Tag davor eine Notöffnung durch die Polizei und Feuerwehr veranlasst wurde, weil die Nachbarin unter mir einen Wasserschaden von oben bemerkte. Ich war zwei Tage nicht dort und für die Nachbarin nicht kontaktierbar. Hätte ja auch sein können, dass ich tot hinter der Tür liege.
Der Eigentümer erklärte, dass das Wasser abgedreht und ein neues Schloss eingebaut wurde, und ich nun zur Polizeiwache müsste, um die Schlüssel zu bekommen, mit Mietvertrag und Personalausweis. Alsdann sollte ich Kontakt zum Installateur aufnehmen, der den „geplatzten Panzerschlauch“ austauschen soll und auch die sonstige Installation prüfen. Puh. Mit viel Beharrungsvermögen habe ich den Klempner telefonisch dazu gebracht, sich mit mir um 17 Uhr beim Objekt zu treffen, da hätte er gerne schon Feierabend gemacht.
So war ich nun gestern Nachmittag auf der Polizeiwache Abschnitt 55 in der Rollbergstr., ging alles reibungslos über die Bühne. Der Polizist begutachtete den Mietvertrag mit der sehr akzentuierten (schwer leserlichen) Handschrift meines Vermieters und hatte dann sichtbar keine Lust, die Eintragungen wissenschaftlich zu analysieren und gab mir die Schlüssel. Ganz altmodische Polizeiwache, dass keine mechanischen Schreibmaschinen auf den Siebziger Jahre-Schreibtischen standen, war fast ein wenig schade. Es gab schon Computer, sogar Flachbildschirme. War ich da also auch einmal.
Dann etwas bang vor der Tür meiner Werkstatt, was würde mich erwarten? Ein Durcheinander wie nach einem Einbruch, umgeworfene Bilder, eine Pfütze auf dem Boden? Nichts da. Sie waren sehr umsichtig, die Feuerwehrleute und hatten zwei Zettel hinterlassen. Dann kam der Klempner und hat den Schlauch gewechselt und alles war wieder ok. Also Glück im Unglück. Bei dem Wort „Notöffnung“ zuckt man schon zusammen.
Die interessante S-Bahn-Beobachtung erzähle ich später noch.
12. August 2020

Guten Abend.
Mein Name ist Kafka. Franz Kafka. Und ich möchte hier etwas richtig stellen. Ich bin ja nun schon eine Weile tot, aber von hier oben sieht man eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass Postkarten im Umlauf sind, auf denen ein mir zugeschriebenes Zitat gedruckt ist. Dieses durchaus interessante Zitat, das da heißt „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ ist nicht von mir. Sie haben ja alle Internet (auch das kann ich von hier oben genau sehen) und somit können Sie gerne hier und dort nachlesen, was es mit diesem Zitat auf sich hat.
Belegt ist, dass mein Kollege Antonio Machado auf Spanisch sinngemäß so etwas geschrieben hat, was aber nicht bedeutet, dass ihm die Autorenschaft gebührt, da gut informierte Kreise berichten, dass es sich um ein geflügeltes Wort handelt, dessen Erfinder keiner mehr finden wird. Das ist genauso aussichtslos wie eruieren zu wollen, in welchem Schusterhandwerksbetrieb zum ersten mal „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ verlangt wurde. Wissen Sie, wenn man tot ist, so wie ich, hat man über solche Dinge einen besseren Überblick. Nicht dass mir das Zitat unangenehm wäre, es geht mir nur um die Ordnung. Lassen Sie sich gerne davon inspirieren, man kann es ja als Aufforderung verstehen, auch einfach mal was anzupacken und nicht immer nur darauf zu warten, dass es andere schon in die Wege leiten werden. Vielen Dank für die Zusendung der Postkarte, leider ist nicht erkennbar, wer hier so schwungvoll seine Grüße entbietet, aber ich soll von Frau Nielsen bestellen, dass sie sich darüber gefreut hat.
Einen angenehmen Abend wünscht
Franz Kafka











11. August 2020
Wo ich jetzt schon ins Plaudern komme, kann ich auch noch erzählen, wie ich neulich den Postkasten aufgemacht habe und darin eine Postkarte finde, also klassisches Postkartenformat, mit blauem Hintergrund und in der Mitte so eine Art Wappen mit goldenen Ähren links und rechts. Auf dem Wappen stand „Hofpfisterei“. Es war schon einer der wärmeren Tage und ich kann ohne Lesebrille auch nicht alles erkennen, aber denke noch: ach! Die Hofpfisterei hat mir eine Postkarte geschrieben! Sofort habe ich angefangen zu überlegen, wie ich das Motiv umsetze, dass ich z. B. die Ähren als blonde Zöpfe darstellen könnte, eine Frisur, die ich länger nicht mehr hatte. Ich nahm also die Hofpfisterei-Postkarte mit nach oben und setzte am Küchentisch die Brille auf.
Das war gar keine Postkarte, sondern ein Gutschein für ein Viertel Bauernbrot. Obwohl ja doch eine handgeschriebene Mitteilung vermerkt war: „Oranienburger Str.“, was mich vermuten lässt, dass es sich um Reklame für eine neue Filiale handelt. Ist das schon eine Zwangsstörung, wenn man aufgrund des Postkartenformats von einem Gutschein von der Hofpfisterei anfängt zu überlegen, wie man ein Geschäftslogo als Haarfrisur umsetzt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hab ich noch eine Weile überlegt, ob ich diese Grenze überschreiten soll, und meine Reihe mit Handzetteln aus dem Briefkasten erweitere. Mein Resümée war dann aber, dass ich hier eine Grenze ziehen sollte und um der Versuchung zu widerstehen, den Gutschein am besten weiterverschenke. So geschehen. Der Empfänger ist ein Feinschmecker und hat sich sehr gefreut. Ein Glück, dass die wenigsten Reklamezettel Postkartenformat haben. So bin ich nicht zu oft diesem Dilemma ausgesetzt. Nun habe ich es offen ausgesprochen und das ist bestimmt schon ein Schritt zur Bewältung meiner Zwangsstörung.
11. August 2020
ich hab mich gerade bei einem blöden Zwangs-Werbespot (Mediathek) verhört, weil der Mann (ein bekannterer Nachrichtenmoderator von einem Privatsender) so genäselt hat: „Dachbarschaft“. Beim Googeln, ob es das Wort schon gibt, ist mir als Suchergebnis „Digitale Nachbarschaft“ präsentiert worden. Daher schlage ich Dachbarschaft als neuen Begriff für den engeren Internet-Bekanntenkreis vor.
Obwohl, richtig gut finde ich das Wort auch nicht. Kein schöner Klang. Also Schwamm drüber! War eine blöde Idee!
Ich sollte mich lieber der Vorbereitung meiner neuen Postkartenperformance zuwenden. Ich habe heute schon an den Requisiten gearbeitet, für die Fotos war ich vorhin zu schläfrig, jetzt ist es zu dunkel. Läuft ja nicht davon. Unangenehm ist auch, dass ich gezwungen bin, wärmere Kleidung zu tragen. Es wäre schön, wenn bei den künftigen Zusendungen die aktuelle Wetterlage berücksichtigt würde. Man kann doch das Postkartenmotiv jahreszeitlich abstimmen. Es sollten jetzt nicht unbedingt Nacktfotos sein, aber Rollkragen und Mütze muss auch nicht sein!
11. August 2020
2009
10. August 2020
09. August 2020
Françoise Sagan, Mein Blick zurück, S. 12 – 13 (ca. 1953):
„Im zweiten Anlauf schaffte ich mein Abitur mit Leichtigkeit, wenn auch erst im Oktober, und begann zu allerlei Spontanparties zu gehen, die meine Eltern mir ohne jedes erkennbare Kriterium gestatteten oder verboten. (Ich erinnere mich noch, wie ein junger Mann — ein ziemlich langweiliger Kerl, übrigens – von meinem Vater, der sich plötzlich aufführte wie ein Haremswächter oder eine Figur von Feydeau, barsch an der Wohnungstür abgewiesen wurde, wohingegen meine Mutter mich fröhlich zu einem Abend bei einer Schulfreundin gehen ließ, den wir dann damit zubrachten, uns der Hände ihres Vaters und seiner Freunde zu erwehren.) Tagsüber zog ich, wie sechshundert weitere Studenten gewissenhaft in die Hörsäle der Sorbonne, die bei manchen Professoren überfüllt, bei anderen gähnend leer waren. Die übrige Zeit lauschte ich im Vieux-Colombier den Klarinettenklängen von Sidney Bechet und Réwéliotty, die uns an den Nachmittagen sanft wiegten oder zum Zappeln brachten. Mal spielte ich nur Mauerblümchen, mal hatte ich Glück und tanzte, bis ich schließlich – zu Fuß – nach Hause gehen mußte, weil mein Taschengeld aufgebraucht war. Um pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, mußte ich den ganzen Weg vom Boulevard Saint-Germain zur Place Wagram im Galopp laufen, so daß ich jedesmal völlig erschöpft ankam. Und all das, um einen ‚Bottich Trauben zu zertreten‘, wie mein Vater den Jitterbug umschrieb. Bei diesem abendlichen Rennen schlug ich bestimmt so manchen Rekord.“
08. August 2020


Heute präsentiere ich ein leichtes Tages-Make up, das meine Leserinnen leicht nachmachen können, wenn es morgens mal schnell gehen muss! Wir sind schließlich alle berufstätig und müssen nebenher auch noch den Haushalt wuppen, da ist man für jeden Tipp zur Zeitersparnis dankbar! Für dieses sommerliche Make up benötigt man maximal drei Stunden, keinesfalls mehr, das verspreche ich. Man braucht auch gar nicht viel, der große Malkasten von Kryolan reicht völlig aus, und eins, zwei, drei – schon ist man fertig fürs Büro! Man kann sich natürlich auch fürs Home Office so zurechtmachen, da spricht nichts dagegen. Im Zeitalter der TelKos (Telephonkonferenzen) mit zugeschaltetem Bild freut sich auch der (oder die) Vorgesetzte über so einen attraktiven und gepflegten Anblick und eine fröhliche Mitarbeiterin! Und damit sind wir doch auf einem guten Weg, ja ich möchte sagen: auf dem Highway to Health! Ich danke Kavi inniglich für die inspirierende Postkarte und trage die Botschaft in die Welt.









06. August 2020

UGA. Dezember 2006, Maus & Pixel, 4032 × 3141 px, Staatl. Museen v. Gaganien
Da ist es auch zu sehen, in einem Musikvideo von Zweitausendneun, das ich damals für poetrYclub produziert hatte, für eine Vertonung des Rückert-Gedichtes „Zauberkreis“. Ein unfassbar schöner Text, einer meiner liebsten von Rückert.
Was steht denn auf den hundert Blättern der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern der Nachtigall?
Auf allen Blättern steht, was stehet auf einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet im ersten hat:
Dass Schönheit in sich selbst beschrieben hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben zu finden weiß.
Drum kreist um sich mit hundert Blättern die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern der Nachtigall
Obgleich ich bis heute weitere Verse entdecke, die mir Rückerts virtuose Musikalität aufs Neue zeigen (Friedrich Rückert verfasste mehrere Tausend Gedichte).
Ich erinnere mich, dass ich bei live Performances das Bild groß an die Bühnenrückwand gebeamt habe, neben anderen Bildern und Filmsequenzen. Ah ja, hier sieht man es, das war im Café Karvana in Friedrichshain, am Boxhagener Platz, im Juni 2009.

Es ist faszinierend, wenn man ein kleines Bild mit der Maus gekritzelt hat und es plötzlich drei Meter hoch vor einem steht.

Künstlerische Kooperationen waren und sind für mich immer dann interessant, wenn mir jemand in meinem Bereich freie Hand gibt, mich gewähren lässt, blind darauf vertraut, dass mein Beitrag ohne inhaltliche Abstimmungsverhandlungen gut wird. Das funktioniert, wenn man großen Respekt voreinander hat, vor dem was die anderen Beteiligten machen, es richtig gerne mag, und deshalb auch vertrauen kann. Planen lässt sich so etwas nicht, es fügt sich.
04. August 2020
Heute bitte alle an Alban denken.

04. August 2020
Laß einen Heilversuch dir meines Auges sagen,
Des äußern, den du magst aufs Inn’re übertragen.
Mein Auge sah sich selbst von einem Flor umhangen,
Von einem Wirrgeweb aus Punkten, Flecken, Schlangen.
Ein Netz der Täuschung, das die Sehkraft selbst sich wob,
Das mit dem Blick sich senkt und mit dem Blick sich hob.
Ein Schatten, welcher nie vom Lichte sich verlor,
Der, aus dem Aug‘ erzeugt, schwebt‘ überall ihm vor;
Nur um so nächtlicher, als heller war der Tag,
Wie vor der Unschuld wohl die Schuld sich fühlen mag.
Mir war davon die Lust an Gottes Welt benommen,
Daß rein ihr Schönes nicht mir sollt‘ ins Auge kommen;
Getrübt der Glanz der Flur, des Menschen Angesicht
Und jede Schrift, durch die der Geist zum Auge spricht.
Den himmlischen Genuß des Lichtes wollt‘ ich missen
Eh’r, als ihn haben so versetzt mit Finsternissen.
Heilwasser heilen nicht, einfache noch zusammen-
Gesetzte, weil sie rein dem Lichte nicht entstammen.
Sollt‘ ich die ird’sche Kunst des Augenarztes brauchen?
Ich will mich in den Quell des Lichtes selber tauchen.
Die Lüfte waren blau, die Fluren waren grün,
Und meinen Blick erhob zur Sonn‘ ich adlerkühn.
Entweder soll die Welt in dir mir untergehn
Auf immer, oder ich will rein wie du sie sehn.
Die Feuerwirbel ließ ich mir im Auge wallen,
Wie sie mich blendeten fühlt‘ ich mit Wohlgefallen.
So lange duldet‘ ich den Einstrom, bis zusammen
Die krausen Schlanggewind‘ in eine Masse schwammen.
Vom Himmel blickt‘ ich dann zurück zur Erdenflur,
Und statt der Schlangen sah ich Sonnenblendung nur.
Die lichte Finsternis zerfloß dann, und o Glück,
Die Schlangen kehrten nicht, die sie verschlang, zurück.
Und sollten doch einmal sie mir im Auge kehren,
So soll ein neuer Strahl der Sonne sie verzehren.
Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen,
Neunte Stufe. Dämmerklarheit (1836 – 1839)
03. August 2020
03. August 2020
Dich trägt Erinnerung zu deiner Kindheit Schwelle,
Den vollen lauten Strom zurück zur stillen Quelle.
Dort aber angelangt, begehrst du weiter nur
Zu dringen und verlierst im Dunkel bald die Spur.
Und nur die Sternenschrift im Dunkeln kannst du lesen:
Du warest, eh‘ du warst, und bleibst, wann du gewesen.
Als wie aus einem Traum erwachtest du, geboren,
Und fandest eine Welt, wie eine du verloren.
Du sahest sie vor dir sich wechselnd umgestalten
Und lerntest deine Kraft im Kampf mit ihr entfalten.
So vieles kam und ging; laß alles gehn und schwinden!
Du wirst dich anders stets und stets denselben finden.
Friedrich Rückert (1788 – 1866)
Die Weisheit des Brahmanen, Neunte Stufe. Dämmerklarheit
(1836 – 1839)
02. August 2020





Sicher haben Sie sich des öfteren schon einmal die Frage gestellt, ob ich überhaupt kochen kann. Freilich habe ich viele bekannte Talente, die mir keiner absprechen wird, als da wären die Photographie, eine grandiose Karriere im Bereich des Stummfilms, sowie ein stattliches Lebenswerk im Bereich der abstrakten Malerei von Weltrang – um nur die auffälligsten meiner Talente zu nennen. Dass ich seit unzähligen Jahren phantastische Blogeinträge verfasse, die ihresgleichen suchen (aber nicht finden!), sei nur ganz am Rande erwähnt. Zu all dem bin ich auch noch bescheiden und prahle nicht mit meinem überragenden Ausnahmekönnen.
Sicherlich, im Bereich der Liebesbeziehungen konnte ich meine Talente auch schon ausprobieren, aber noch nicht so recht zur Blüte entfalten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Und hier stellt sich dann sicher für den einen oder anderen auch die Frage nach meinen hausfraulichen Qualitäten.
Folgendes möchte ich dazu festhalten: ich besitze seit 1999 einen Vollwaschautomaten, den ich selbst befülle und anschalte und auch wieder ausräume. Des weiteren bringe ich regelmäßig selbst den Müll herunter. Einkaufen gehört zu meinen ersten Pflichten. Ich lüfte regelmäßig und räume auf, wenn sich Besuch ankündigt und sauge auch schon mal durch. Fenster putze ich bestimmt einmal im Jahr. Blumen werden regelmäßig gegossen, mein Heim ist immer hübsch aufgeräumt. Bügeln ist nicht mein hervorragendstes Talent, doch bin ich im Notfall dazu in der Lage. Ich bin recht geschickt darin, Wäsche so aufzuhängen, dass sie ohne unnötige Knicke und Falten trocknet.
Und nun kommen wir zum Wesentlichen: wie ist es um meine Kochkünste bestellt? Bitte sehen Sie sich einfach die Bilder an, die keinen Zweifel mehr offen lassen dürften, dass ich eine virtuose Köchin bin, die ein vorzügliches, warmes sowie schmackhaftes Gericht aus dem Ärmel zu zaubern weiß. Dass ich bei der Küchenarbeit eine schicke und praktische Schürze trage (die mit meinem Lippenstift korrespondiert), versteht sich von selbst. Beim Servieren nehme ich die Schürze natürlich wieder ab und präsentiere mich in tadelloser, sauberer Kleidung am Esstisch. Da darf es gerne auch mal etwas Schickeres sein!














Ich bedanke mich bei Frau Lydia für die Anregung in Form dieser schönen Postkarte, auch einmal eine ganz andere Seite von mir zu präsentieren. Ich hoffe, es kommt recht gut an! (Gerne würde ich mich hiermit für den Grimme-Preis vorschlagen – hat da irgendwer Kontakte?)
02. August 2020




Neue Post! Gleich zwei Karten von Lydia im Postkasten. Ich beginne mit der ersten, welche einen U-Bahn-Aufgang am Alexanderplatz zeigt, auch um etwas Sonnenschein an diesem eher wolkigen Sonntag zu präsentieren. Erstmalig habe ich gestern die Herausforderung angenommen, eine Postkartenperformance außerhalb meiner Wohnung zu machen. Was aber zugegeben nicht weiter schwierig war, da ich mich ja nicht auffällig zurechtmachen musste. Man hätte mich also für eine an Treppenaufgängen und Licht- und Schattenspielereien interessierte Fotografin oder Touristin halten können. Ich fabriziere die Bilder unverändert mit einer richtigen Kamera, die ich auch nicht immer mit mir herumtrage. Also es war schon etwas Besonderes! Zuerst war ich am falschen U-Bahn-Aufgang, ich dachte es wäre ein anderer auf dem Alex, aber da war das PARK INN auf der falschen Seite zu sehen und dann fand ich den richtigen. Also ich meine die Bilder können sich sehen lassen, ich habe nichts zu beanstanden!

Gestern war es ja recht heiß, das langärmlige Shirt war doch ein kleines Opfer. Eigentlich wollte ich sogar meinen knallroten kurzen Trenchcoat anziehen, aber der ist in den Tiefen einer Truhe versunken, die ich zu faul war auszuräumen. Und letzten Endes krieg ich ja eh kein Bild hin, wo ich komplett zu sehen bin. Also ich finde, ich habe die Challenge im Rahmen der Möglichkeiten sehr gut gemeistert. Die zweite Challenge ist schon ein anderes Kaliber und war mit viel größeren Vorbereitungen verbunden, und fand auch außerhalb meiner Wohnung, in meinem Atelier statt, da ich dort ein bestimmtes Bildelement vorfand, das unerlässlich war.

Ich muss ja offen sagen, dass ich etwas von meinen Lesern, also nicht allen, aber doch einigen enttäuscht bin, dass sie mir nicht mehr in dieser Postkartensache zuarbeiten und offenbar das Potenzial verkennen. Ich präsentiere mich ja quasi als willige Anziehpuppe, mit der man alles machen kann, das scheint aber nicht jeden zu inspirieren. Wenn es so weiter geht, schicke ich mir demnächst selber Überraschungspostkarten. Ich könnte mich mit geschlossenen Augen an so einen Postkartenaufsteller im Schreibwarenladen stellen und blind eine Karte ziehen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Mir fällt ja immer etwas ein, es wird nicht langweilig, das kann ich versprechen!
01. August 2020


Am 21. Juli war Jenny bei mir, aber nicht im Atelier, sondern in der Auguststraße. Ich wollte, dass sie auch ihren Namen auf die Rückseite von unserem Bild schreibt. Das hat sie wohl noch nie gemacht, sie hat eine Weile überlegt und ich sagte, dass sie komplett machen kann, was sie will und wo sie will, nur ihren Namen schreiben oder auch mehr, oder auch nur ihren Fingerabdruck daraufsetzen, wie sie mag. Und dann hat sie den Umriss von ihrer Hand auf die Rückseite gemalt und ihren Namen hineingeschrieben. Ich bin das ja schon gewohnt, es ist aber wirklich immer ein besonderer Moment, wenn man ein Bild signiert, ihm einen Namen gibt und das Datum schreibt. Wie eine Taufe. Man erklärt das Bild in dem Moment als würdig, einen Namen und eine Signatur zu tragen, man adelt das Werk damit, gibt ihm einen kleinen Ritterschlag, so wie die Queen jemanden für besondere Verdienste in den Ritterstand erhebt. So ein Vorgang ist das. Weil wir nach dem Ritterschlag in Clärchens Ballhaus wollten, war es bequemer, das Bild bei mir zu signieren, so hab ich es mitgenommen. Im Clärchen war es sehr schön. Die neue Bewirtschaftung ist auch ein Ritterschlag für Clärchens Ballhaus. Ich habe Schnitzel und Berliner Luft gegessen, der Service war sehr zuvorkommend. Danach landeten wir noch im Hackbarths. Eigentlich wollten wir in die Bar vom Amano Hotel, Ecke Rosi, aber die war schon zu. Das ist also die Geschichte zu den Fotos hier.


31. Juli 2020
30. Juli 2020

ORAKEL. Telefonkritzelei, Kugelschreiber auf Post-it-Haftnotiz, 10. Januar 2008, 7,5 x 7,5 cm, Staatl. Museen von Gaganien
Schade, dass ich nicht notiert habe, mit wem ich telefoniert habe und worum es ging. Das Kritzeln ergab sich immer bei längeren Telefonaten. Ich habe seit Jahren keine Telefonkritzelei mehr gemacht. Wenn ich privat telefoniere, dann fast nur mit meinen Eltern. Meine Freizeitkonversation hat sich nahezu vollständig auf Tippen im Chat und persönliche Begegnung verlagert. Den Zettel zu betiteln und hochtrabend zu signieren, erscheint mir aber schon angemessen. Das sieht doch ein bißchen wie das Ergebnis einer Sitzung mit Totem und Hühnerbein beim Voodoopriester aus. Lesen konnte ich es damals wie heute nicht. Falls da jemand mehr erkennt, gerne als Kommentar.
29. Juli 2020
29. Juli 2020
Vor fünfzehn Jahren brauchte ich keine Postkartenvorlage als Anlass, um mich wild zu bemalen…
27. Juli 2020
„Ich weiß noch bis in die kleinsten Einzelheiten, was Serge und ich zusammen gemacht haben. Die erste Nacht im Hilton, Venedig, Le Touquet, Deauville, Das Hôtel des Beaux Arts*, wo wir einen Monat geblieben sind, Saint-Tropez, wo wir für Swimminpool waren. Indien und Katmandu für Les Chemins de Katmandou, Cannes, Oxford im Bear Hotel, wo Serge seine Zeit damit verbrachte zuzuschauen, wie »Je t’aime« die englischen Charts hochkletterte. (…) Melody Nelson gilt als großartigste Platte von Serge. (…) Die Orchestrierungen von Vannier, orientalisch und sublim, und die Poesie von Serge waren für mich das Schönste, was er geschrieben hat (…) »L’hôtel particulier« war ein bißchen das Hôtel des Beaux Arts, die Neger und ihre Fackeln erinnern an eines der Zimmer. Erst 1983 erhielt Melody Nelson eine Goldene Schallplatte. Wir waren schon getrennt, aber Serge schenkte sie mir mit den Worten »Endlich, wir haben sie!«“
Jane Birkin, Munkey Diaries /Die privaten Tagebücher, 1970/1971
*) gemeint ist L’Hôtel, das Hotel in der Rue des Beaux Arts 13 in Paris, wo Oscar Wilde am 30. November 1900 starb. Damals hieß es „Hotel d’Alsace“. Das Hotel zählt(e) seit Jahrzehnten auch zu den Pariser Lieblingsherbergen von Mick Jagger, Keith Richards und David Bowie (Gott hab ihn selig).
Auch hörenswert, Michael Stipes Version von L’hôtel particulier:
26. Juli 2020


Nach der Pistolen-Dandy-Maskerade. Muss an Leni Riefenstahls Bilder der Nuba von Kau denken, die sich allerdings viel virtuoser bemalen. Ich konnte mich ja nicht frei ausleben, da strikte Postkartenvorgabe. Früher, also vor zwanzig Jahren, habe ich ab und zu in der Richtung experimentiert, auch andere Gesichter bemalt. Das Ergebnis war immer recht archaisch. Vielleicht zeige ich davon später einmal Bilder. Es waren immer schöne Erlebnisse, was aber auch daran lag, dass ich ich eine besondere Beziehung zu dem Menschen hatte, den ich hauptsächlich bemalte. Man veränderte währenddessen die Alltagspersönlichkeit, ganz ohne Substanzen. Das wilde Aussehen führte auch zu einem wilderen Verhalten. Sehr interessant. Diese Bilder vom letzten Sonntag hingegen sind ohne wilde Ambitionen innerhalb einer Minute entstanden, kurz bevor und während ich mir die weiße und schwarze Postkarten-Schminke vom Gesicht gewischt habe.





25. Juli 2020


Mit der „Asta kommt an“-Karte erreichte mich letzte Woche noch eine zweite Postkarte von kid37, im selben Päckchen. Die Aufnahmen entstanden am letzten Sonntag, also einen Tag nach den Asta-Bildern. Als begnadete Stummfilmkönigin habe ich auch diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Zum Glück gab es keinen Text zu lernen! Ich spreche ja privat durchaus gerne und mit dem passenden Gegenüber auch nicht zu wenig, aber das sind ja meine eigenen Texte, die ich wie aus der Pistole geschossen abrufen kann. Wenn da nicht immer diese dummen fremden Sätze wären, die sich andere ausdenken, hätte ich auch beim Tonfilm reüssieren können, das steht ja ganz außer Frage. Aber es hat halt nicht sollen sein.








20. Juli 2020






JULIMOND. April/Mai u. Juli 2020, Stoffreste, Papier, Gesso, Acryl auf Baustellenkarton, 60 x 80 cm, Jenny Kittmann & Gaga Nielsen
Es ist mir eine Freude, ein Bild zu zeigen, das Jenny und ich gemeinsam erschaffen haben. Sie hat im Frühjahr begonnen, die Stoff-Fragmente mit ihrer Nähmaschine zu verbinden und am 15. Juli hat sie ihr Werk an mich weitergegeben, ursprünglich als Verpackung einer Leinwand mit Potenzial als Lappen zum Pinsel-Auswaschen von ihr avisiert. Aber so wie man manchen Musikern das absolute Gehör attestiert, bescheinige ich mir den absoluten Blick, und der hat sofort das Potenzial für etwas Erhabeneres erkannt. Ich fragte Jenny, ob ich damit machen darf, was ich will. Sie hat mir freie Verfügung erteilt. Da ich gerade ein Bild beendet hatte und kein neues begonnen, schritt ich am Freitag zur Tat und habe bis Sonntagabend daran gearbeitet. Alle Stoffteile und Nähte sind von Jenny, der Untergrund, die Gesamtsilhouette und die ausgeschnittenen und übermalten Bereiche sind von mir.
Während ich daran zugange war, habe ich immer wieder dem Lied von der Erde von Mahler mit dem Gesang von Fischer-Dieskau gelauscht, eine Einspielung, auf die mich Alban Nikolai Herbst vor einigen Wochen aufmerksam gemacht hat. Ich kannte diverse andere, aber keine so fein, so subtil gesungen und instrumentierte. So ging mir der Julimond auf, der über dem nachtblauen Fluß einer Sommernacht schwebt. Das ist keine Anspielung auf Rio Reisers Junimond, sondern ein Wort, um den Vollmond in einer Nacht im tiefen Spätsommer zu beschreiben (obwohl ich Rio und sein Junilied immer geliebt habe.) Jenny muss auch noch signieren, verso. Sie kommt am Dienstag zu mir ins Atelier, sie kennt bis jetzt nur die Fotos von dem Bild. Es ist ja auch ganz frisch geschlüpft.



19. Juli 2020



Postkarten-Challenge I. von kid37: „Asta kommt an.“ Pah! – das ist doch meine leichteste Übung, Großtante Asta bei der Ankunft in Hiddensee nachzustellen – Blut ist dicker als Wasser! Leider hat sie mir weder eine Perücke noch das aparte Abendkleid vererbt, also musste ich abermals improvisieren. Mittlerweile hatte ich mich ja mit mir darauf geeinigt, dass es ausreichen sollte, wenn ich die Kartenmotive ausschnittsweise nachstelle. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass ich so tun kann, als hätte ich ein schulterfreies pinkes Abendkleid an, obwohl es in Wahrheit nur ein zwanzig Zentimeter breiter Seidenschal ist. Den Rest muss man sich eben vorstellen, ich baue da voll auf die Phantasie-Begabung meiner Leser.
Zufällig hängt an meiner Wohnungstür ein taubenblauer Hochzeits-Sari, damit ist das Hintergrund-Problem gelöst. Die Haarfrisur durch einen Frisörbesuch zu erlangen, überschreitet eindeutig meine Bereitschaft. Nicht aus Sparsamkeit, sondern weil mir alle Sorten von kürzeren Haarfrisuren immer ein bißchen altmodisch vorkommen, wenn es nicht gerade der Haarschnitt von Pink ist (die ich sehr verehre). Also muss ein Fifi her.
Lydia hat mir unlängst, als wir diese Phase im „Schmutzigen Hobby“ hatten, mal eine blonde Pagenkopfperücke aus der Karnevalsabteilung mitgebracht, die bislang noch keine Verwendung gefunden hat. Da ich nun wirklich keine Mühen scheue, um Ähnlichkeit mit der Postkarte herzustellen, habe ich die blonde Perücke vorgestern mit in meine Werkstatt genommen und schwarze Acrylfarbe drübergekippt. Also im ersten Arbeitsgang. Lange hat der Trockenvorgang gebraucht, danach waren die Strähnen zwar nicht richtig schwarz, aber dafür schön steif. Als nächstes malte ich auf der einen Seite ein paar pinke Strähnen in die verklebten Kunsthaarsträhnen. Das Finish fand dann am nächsten Tag statt, als ich bereit für die großen Aufnahmen war. Der Pony musste noch nachgeschnitten werden. Nun war es also soweit! Ich stellte mich vor die Wohnungstür (innen!) und dachte ganz fest an Tante Asta. Also Großtante Asta, meine ich natürlich. Und das ist nun das Ergebnis. Ich fühlte mich ihr in dem Moment unwahrscheinlich nah und ich denke, das sieht man auch. Blut ist eben dicker als Wasser!









17. Juli 2020
Interessante Fragen und noch interessantere Antworten, der Altersforscher Prof. Sven Voelpel im Gespräch. Kostprobe: „Es ist gut, wenn wir die Bewegung über den Tag verteilen, es hilft jetzt nichts, da irgendwie 16 Stunden zu sitzen, nichts zu tun und dann plötzlich eine Stunde Vollgas zu geben.“ oder: „Zuerst sterben die Alkoholiker, dann die Abstinenten und dann die „Normalen“.“
16. Juli 2020
Kann mir wer eine Pistole leihen?
16. Juli 2020

Mit Jenny im Kino gewesen. War sehr schön, gelacht und geweint. Der Kino-Einweiser hat uns in den falschen Kinosaal geschickt, wir haben uns nach einer halben Stunde dann doch gewundert, dass noch nicht mal Reklame kommt. Irgendwann ist dann doch aufgefallen, dass da was nicht stimmt und man hat uns in den anderen Kinosaal geschickt, wo der Film schon fünf Minuten gelaufen ist. Aber wir haben nichts Wesentliches verpasst, weil er eigentlich erst anfängt, wenn sich Anouk Aimée und Trintignant im Garten treffen. Diesen Film muss man sehen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Am Ende vom Film hat uns ein Mitarbeiter als Wiedergutmachung für die Kinosaalverwechslung Sekt-Gutscheine gegeben. Danach waren wir im italienischen Restaurant „Il Pane e le Rose“, wo große Schwarz-Weiß-Fotos von alten italienischen Filmen an der Wand hängen. Ich habe mit Frischkäse und Sardellen gefüllte frittierte Zucchiniblüte gegessen. War gut. Ganz viel erzählt. Jenny hatte mir beim Abholen zwei Leinwände mitgebracht und von ihr sehr interessant zusammengenähte Stoffreste, die werde ich weiterverarbeiten. Ein gemeinschaftliches Werk. Sie meinte, ich könnte es als Lappen zum Pinsel-Auswaschen nehmen, aber dafür ist es viel zu schade!
P.S. Mini-Album
15. Juli 2020
Am 12. Februar 2020 war ich zuletzt im Kino, mit Jenny. Wir sahen den Film Judy, mit Renée Dingsbums, die ich nicht leiden kann, weil sie mir zu affektiert ist, mit ihrer Schnute. Demzufolge war ich auch nicht von ihr in der Rolle zu begeistern, aber tolle Nebenrollen und großartige Ausstattung.
Heute gehe ich auch mit Jenny ins Kino. Seither haben wir uns nicht gesehen. Wir schauen uns die zweite Fortsetzung des französischen Films „Ein Mann und eine Frau“ von Claude Lelouch aus den Sechziger Jahren an. Er heißt „Die schönsten Jahre eines Lebens„, wieder mit Anouk Aimée und Trintignant in den Hauptrollen. Die beiden sind nun entsprechend älter. Anouk Aimée hätte ich sofort wieder erkannt, Trintignant eher nicht. Er hat früher nicht so einen weichen Blick gehabt und die Zähne sind etwas anders. Ich freue mich. Wir gehen ins Filmtheater am Friedrichshain. Es ist regnerisch in Berlin, also perfektes Kino-Wetter, wie bestellt. Danach eventuell zum Heurigen ins Schönbrunn.
15. Juli 2020
14. Juli 2020

Was aus der Hellebarde wurde, gestern Nachmittag in meinem Atelier verewigt. Blattgold, dc-fix, Gesso, Spachtel, Spiegelmosaik.

14. Juli 2020
13.07.2020 – Jan Sobottka besucht Gaga Nielsen in ihrem Atelier
12. Juli 2020



Gaga Jawlensky. In meinem ordentlichen Haushalt findet sich alles, auch ein zwanzig Jahre alter Bodypainting-Malkasten aus dem Hause Kryolan. Ohne die Vorgabe des Jawlensky-Selbstportraits von 1912 hätte ich bestimmt keine unkoordinierten bunten Kleckse auf mein Gesicht gemalt, dafür bin ich viel zu strukturiert. Als ich vor zwei Jahrzehnten damit herumexperimentierte, war immer klare Linienführung vorhanden. Aber ich musste mich auch in diesem Fall streng an die Vorlage der Postkarte halten. Jawlensky begleitet mich seit etwa vierzig Jahren in Form des Miniaturbildes des blauen Kopfes, auch aus dem Jahr 1912, das mir als Briefmarke in die Hände fiel. Die Post hat die Marke 1974 herausgebracht und ich fand sie so bemerkenswert, dass ich mit der Handsäge aus der Kellerwerkstatt meines Vaters und einer Leiste von einem kaputten Rahmen einen Miniaturrahmen zusammenschusterte. Die dilettantische Gehrung kann fast schon als Beweis gelten. So lange habe ich also einen Jawlensky in meinem Haushalt.


Die Farbe wieder vom Gesicht zu bekommen, war fast so langwierig, wie die Malerei davor. Interessant, dass die Summe aller Farbpigmente beim Abwischen ein schönes Grau ergab. Deshalb ist Grau auch ein beliebter Hintergrund für Bilder, es korrespondiert fast immer mit den Farben eines Bildes. In meinem Fundus hätte ich auch noch eine Perücke mit einem blonden Pagenkopf, wenn mir da jemand mal eine Postkarte schicken wollen würde? ich bin bereit für die nächste Postkarten-Challenge. Lustig wäre auch, wenn ich nun mehrere Zuschriften mit Motiven von blonden Köpfen bekommen würde und die Perücke mehrfach verwenden. Sie sieht an mir ziemlich bescheuert aus, aber ich würde versuchen, etwas draus zu machen.



11. Juli 2020

Tagebuch, Januar 1990. Farbumkehrung für eine Illustration der März-Ausgabe 2006 „mindesthaltbar„, ein Wiener Online Magazin, das später ein Jahrbuch veröffentlichte. Leider keine Online-Präsenz mehr, alle Spuren verwischt. Aber ich habe zwei Exemplare des Jahrbuchs aufbewahrt, in dem mein Bild „Evolution“ ganzseitig abgedruckt war. Solche Spuren von Materialisierung freuen mich. Umso mehr, weil sie nur durch sogenannte Zufälle entstanden sind. Ich bin nicht der Typ, der sich bewirbt und wedelt, um zum Zuge zu kommen. Weder beruflich, noch privat. Ich mache, was ich machen muss, aus Trieb, aus Spieltrieb, auch aus dem Wunsch mich abzulenken, etwas für mich persönlich Sinnstiftendes in meiner Lebensspanne zu machen.
Aus einem mir nicht erklärbaren Grund, habe ich eine besondere Neigung und Liebe zu Materialisierung meiner Gefühle in Form von Sichtbarem. Je älter ich werde, umso klarer wird mir dieser ganz extrem ausgeprägte Drang. Ich finde es rückblickend selbst geradezu mysteriös und auch ein wenig verwunderlich, dass ich so viele Jahre vor mich hinwerkelte, ohne es offensiv öffentlich zu machen. Jedenfalls nicht so offenkundig wie das Fotografieren. Wobei Letzteres ja nach digitaler Sichtbarkeit schreit. Ich war somit eine Weile ganz dem Zeitgeist verhaftet. Was die Malerei angeht, die einige Jahre im Dornröschenschlaf war, hatte ich wohl schon recht früh ein Bewusstsein dafür, dass es mir nicht leicht fällt, mich von meinen Werken, den Originalen zu trennen. Also kann der Weg nur im Bereich der Vervielfältigung, professioneller Reproduktion sein. Und genau da arbeite ich mich jetzt ein.
11. Juli 2020

In gold’nen Abendschein getauchet,
Wie feierlich die Wälder stehn
In leise Stimmen der Vöglein hauchet
Des Abendwindes leises Weh’n.
Was lispeln die Winde, die Vögelein?
Sie lispeln die Welt in Schlummer ein.
Ihr Wünsche, die ihr stets euch reget
Im Herzen sonder Rast und Ruh
Du Sehnen, das die Brust beweget,
Wann ruhest du, wann schlummerst du?
Beim Lispeln der Winde, der Vögelein,
Ihr sehnenden Wünsche, wann schlaft ihr ein?
Was kommt gezogen auf Traumesflügeln?
Was weht mich an so bang, so hold?
Es kommt gezogen von fernen Hügeln,
Es kommt auf bebendem Sonnengold.
Wohl lispeln die Winde, die Vögelein,
Das Sehnen, das Sehnen, es schläft nicht ein.
Ach, wenn nicht mehr in gold’ne Fernen
Mein Geist auf Traumgefieder eilt,
Nicht mehr an ewig fernen Sternen
Mit sehnendem Blick mein Auge weilt;
Dann lispeln die Winde, die Vögelein
Mit meinem Sehnen mein Leben ein.
Friedrich Rückert, Gestillte Sehnsucht, 1841
[ Bild: Traumwächter v. Gaga Nielsen, Sept. 2000 ]
10. Juli 2020
Tagebuch, 2. März 1987 (A 4)

Ich lese gerade die Munkey Diaries von Jane Birkin. In Tagebüchern offenbart(e) man die Abgründe und Fehlschläge, die man in der virtuellen Welt eher ausspart. Man hat diskret und deshalb vertrauensvoll sein Herz ausgeschüttet, es nicht breit getreten und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zur Ansicht und Verhandlung feil geboten. Das ist der Unterschied zwischen einem wirklich privaten und virtuell für alle zugänglichen Tagebuch. Was Birkin teilt, liegt weit in der Vergangenheit. Sie schrieb seit ihrem 11. Lebensjahr Tagebuch, wie ich. Als ihre erwachsene erste Tochter sich vor wenigen Jahren das Leben nahm, konnte sie nichts mehr schreiben.
Birkin erzählt von ihren Sehnsüchten in Beziehungen, die sie geführt hat. Bin gerade bei der ersten zu John Barry, mit dem sie ihre erste Tochter Kate hatte und der ihr nicht gerecht werden konnte, so sehr war er von seiner Karriere als Komponist absorbiert. Sie leidete etwas unbeschäftigt und eingestanden eifersüchtig vor sich hin, verzehrte sich körperlich neben einem Mann, der sich einfach zur Seite drehte. Sie hat ihn nach zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter verlassen, nachdem er ihr den Todesstoß gab in Form der Aussage „wir sind an dem Punkt, wo sich unsere Wege trennen sollten“.
So hat auch eine schöne Elfe aus privilegierten Verhältnissen ihr Päckchen zu tragen. Man denkt ja immer, alles, aber auch alles wäre besser und schöner und leichter bei Erfolgsbiographien, Lichtgestalten, von Liebe getragen. Nicht immer. Aber Serge war wohl ein anderes Kaliber. Bin gespannt. Immerhin hat sie ihm ihren Plüsch-Affen in den Sarg gelegt, damit er auf Serge aufpasst. Der Affe, an den sie im Alter von elf Jahren ihre Geheimnisse ins Tagebuch zu schreiben begann.
Die Geheimnisse meiner letzten siebzehn Jahre gibt es in keinem privaten Tagebuch, sie sind nur in meinem Herzen und Gedächtnis verewigt. Kein Blatt Papier wurde damit beschrieben. Kein Blogeintrag. Und wenn, nur sehr andeutungsweise.
09. Juli 2020
AMAZONIEN

Nov. 2003, Acryl auf Leinwand, 120 x 150 cm, Staatl. Museen v. Gaganien
Das dritte Bild, das im Herbst 2003 in meinem Berliner Atelier in der Schierker Straße entstanden ist. Vor meinem Einzug habe ich auch gemalt, in meiner Wohnung, zuletzt auch auf ein paar Leinwände, aber dann bemerkte ich die Einschränkung, was die mögliche Größe anbelangt, immer deutlicher, und die vielen Vorkehrungsmaßnahmen, um den Boden und die Wände vor Farbspritzern zu schützen, wurden mir zunehmend lästig. So war das. Der Holzboden in meinem Atelier ist aber auch nicht verkleckert, weil ich ihn schütze oder Farbspritzer schnell wegwische, Er hält schon was aus. Früher hat mich Amazonien etwas beschäftigt, jetzt eigentlich nicht mehr. Auch schon nicht mehr, als ich das Bild gemalt habe. Aber bestimmt habe ich die archaische Formsprache der alten Kulturen von Lateinamerika im Blut. Wie sie da hineingekommen ist, wissen nur die Götter.
06. Juli 2020
EVOLUTION

Februar 2006, Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Staatl. Museen v. Gaganien
Ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der das Wort Evolution im aktiven Alltagswortschatz hat, aus eigener Initiative benutzt. Die Evolution der Menschheit beschäftigt mich schon lange und immer wieder. Ich scanne die Welt nach Indizien dafür und werde auch fündig. Eigentlich ganz leicht, aber es gibt auch Gegenbewegungen, die aber langfristig verlieren werden. Das hat mit Intelligenz zu tun. Das intelligentere System setzt sich auf Dauer durch. Man muss Geduld haben, das sind subtile, nicht plakative Entwicklungen. Davon bin ich überzeugt. Ich spüre es und man kann es auch leicht analysieren, wenn man sich auf eine höhere Ebene begibt und zurückschaut, in der Zeit, das letzte Jahrhundert, fünfzig Jahre zurück, ist bereits ausreichend. Dieses vierzehn Jahre alte Bild bringt mir in Erinnerung, dass es mich damals schon beschäftigt hat. Aber nicht bewusst, während ich es gemalt habe, vielleicht aber unbewusst. In Selbstvergessenheit, wie beim Malen, geschehen geheimnisvolle Dinge. So wie beim Träumen. Schon sehr Alpha der Zustand – also meiner…
05. Juli 2020
Ich bitte meine Leserinnen und Leser mir hier ein bis fünf persönliche Lieblingstiere zu nennen. Eventuell nehme ich sie in den Zoo von Gaganien auf (sehr großer Auslauf und endlose, saftige Weiden sowie riesige Steppen, kein Elektrozaun, kein Gitter).
05. Juli 2020
PAPILLON

Batist, Kordel, Bambus, Libelle, Acryl, Leinwand, 100 x 71, Juni/Juli 2020, Staatl. Museen v. Gaganien Irina u. B.B. gewidmet.
Ich habe mich gegen dieses Tier gewehrt, diese Kreatur, dieses Wesen aus der Ordnung der Lepidoptera. Und man fragt sich warum nur. Weil Schmetterlinge als ernst zu nehmendes Motiv verbrannt sind. Auf Kitschpostkarten, als Nippes auf einem Holzspieß für den Blumentopf, als dekoratives Frühlings- und Sommersymbol für den kleinen Geldbeutel. Tatsächlich sollte aber nicht die mittelmäßige Interpretation eines Symbols, eines Motivs davon abhalten, eine darüber erhabene Spezies der Ordnung Lepidoptera zu züchten oder wenigstens zuzulassen. Dieses geflügelte Wesen war stärker als meine erlernte Zensur. Jetzt, wo es auf der Welt ist, verstehe ich, dass es so gedrängt hat, das Licht der Welt zu erblicken und möchte es um Entschuldigung bitten.
„(…) Groß sind selbst die kleinsten Dinge, löst Du sie vom Alltag frei. Auch der Rost an der Messerklinge und der kleinen fliegenden Ameise Schwinge reden laut vom Weltenfleiße. Tat bei Tat schafft Blatt bei Blatt. Singt im Busch die kleinste Meise, kommt die Sehnsucht ins Geleise, Sehnsucht, die ein gläsern Auge und ein hinkend Holzbein hat.„
Max Dauthendey, Schatten der Schmetterlinge, aus der Sammlung Lieder der Vergänglichkeit
Die Widmung für Irina und B.B. auf der Rückseite ist mit Bedacht gewählt und aus vollem Herzen. Dieses Wesen ist für mich fast ein Portrait von Irina, meiner verstorbenen Freundin. Bevor ich wusste, was sie für Bilder malt, hätte ich gedacht, dass es Bilder sein müssten, die eine Ausstrahlung haben, wie sie selbst. Wäre dieser Papillon nicht von mir, ich hätte ihn gesehen und hätte gedacht, er ist vielleicht von Irina. Aber sie hat ganz andere Wesen gemalt, ich habe mich geirrt. Und dennoch sehe ich die Verwandtschaft. B. B. hat für mich eine ganz ähnliche Ausstrahlung, es ist auch ein Portrait von B. B., nicht weil sie den Tieren so verbunden ist. Es ist ihre Aura. Ich muss das nicht erklären, für mich ist es so und nicht verhandelbar. Vielleicht mache ich davon eine Postkarte und schicke sie ihr nach La Madrague. Ich glaube, das ist eine gute Idee. An Irina schicke ich die Postkarte hiermit. Geht ganz nach oben, auf Deine lila Wolke im ich-weiß-nicht-wievielten Himmel.

04. Juli 2020

Otto Mueller, Liebespaar, 1917/1919
Auf der Rückseite der Karte steht geschrieben „diese Karte ist nicht fürs Blog gedacht, sondern einfach nur zu Deiner Erbauung, weil ich weiß, dass du den Maler magst.“ Das kann man wirklich sagen. Und ganz besonders dieses Bild von ihm. Der Hinweis „nicht fürs Blog“ ist für mich zu lesen als: das Motiv ist nicht als herausforderndes Motiv für meine Serie zu begreifen, wo ich versuche, empfangene Karten nachzuempfinden. Muellers Liebespaar könnte ich in der Tat nicht angemessen umsetzen, es würde immer jemand fehlen. Sie hat einen Ehrenplatz bekommen. Die Karte steckt in einem alten ziselierten, marokkanischen Messingspiegel über meinem Waschbecken, wofür eine andere schöne Karte weichen musste. Das Motiv dieser Karte ist mir das liebste von allen Karten, die ich bisher empfangen habe.

29. Juni 2020

26. Juni 2020
Liebste Gaga,
der Name Josef Engelhart sagte mir nix, dabei gehörte er neben Klimt und anderen zu den Mitbegründern der Wiener Secession. Als die sich gute acht Jahre später in die Wolle bekamen – Klimt trat mit einigen anderen Künstlern aus – führte Engelhart die konservative Gruppe an (er hatte vorher schon die Orga usw. erledigt). Engelhart hatte von seiner Frau auch verlangt, dass sie ihre künstlerischen Ambitionen nach der Hochzeit aufgibt. Sehr unsympathisch, gelinde gesagt.
Liebste Grüße
* * *





Wie ist das denn passiert. Dabei war ich gestern zur Stunde der Aufnahmen doch leicht verkatert. Ich war bis um halbvier in der Nacht im Tarantinos, einer fast komplett gästefreien Bar in Mitte. Eine sehr schöne Bar. ich sah Lydia nach vielen, vielen Monaten zum ersten mal wieder. Vorher waren wir vor einer anderen Lokalität, dem Griffin, innen auch sehr schön, aber wir waren draußen, da war es nicht ganz so anheimelnd, aber es war warm an dem Abend, sehr warm. Es zog nichts nach drinnen.
Zwischen den beiden Barbesuchen irrten wir ein wenig herum und ich glaube, ich wirkte etwas zickig und divenhaft, das war mir unangenehm bewusst, aber ich konnte es nicht abstellen, weil mir meine Lebenszeit immer so kostbar ist, und ich jede Minute meiner Freizeit nur an den schönsten Orten verbringen will. Schwamm drüber! Als wir gegen Dreivierteleins im Tarantinos landeten, hab ich die Kurve gekriegt und sogar übermütig und wie selbstverständlich geraucht, was sicher auch nicht zu meinem Wohlbefinden am Tag darauf beitrug. Aber man hat sich einmal wieder leibhaftig gesehen und ausgiebig ausgetauscht!
An diesem leicht verkaterten Sonntag hatte ich schon wieder zwei Postkarten in der Schleife, die es abzuarbeiten galt! Eine davon, die hier gezeigte. Ich hatte sie schon am Tag davor erhalten und mir den Kopf zerbrochen, wie ich diesen grünen Hintergrund imitieren könnte. In meinem Haushalt gibt es kein einziges Stückchen Stoff in Lindgrün, keine Tischdecke, kein Halstuch, kein Geschirrtuch, nichts. Nur khakigrün hier und da, ein paar T-Shirts, eine Hose, ein Strand-Frotteetuch in einem eher lehmfarbenen Khaki-Ton. Nicht flirrend zart. Dann fiel mein Blick durch die Balkontür, da war doch Grün, richtiges, echtes, junges Grün! Und dieser kleine Klapptisch, ebenfalls n einem zarten Grünton. Nun noch ein weißes Nachthemd. Gibt es nicht in meiner Wohnung (auch keine andersfarbigen, ich brauche keine Anziehsachen im Bett). Dann eben ein weißes Betttuch. Gibt es auch nicht in meiner Wohnung, nur in meiner Werkstatt, aber auch nicht so halbtransparent und licht. Immerhin fand ich einen weißen Baumwollschal mit Fransen, ein längeres Tuch, das ich eigentlich nie trage, aber sorgsam aufgehoben habe. Nun war seine Stunde gekommen.
Ich wickelte mich also irgendwie in das Tuch und hielt die Arme hoch. In der einen Hand ja wieder die Kamera. Ich habe mich längst von dem sehr sportlichen Plan verabschiedet, Postkarten-Posen exakt nachstellen zu wollen, da ich nur eine Hand frei habe. Das kam also diesmal dabei raus, erstaunlich viele Bilder, die ich gar nicht wegschmeißen wollte. Ich sehe gar nicht so verkatert aus, wie ich war. Schon deswegen muss ich die Bilder aufheben. So etwas gibt mir Auftrieb, weil man sich ja manchmal richtig gut fühlt und dann sein Spiegelbild erwischt und nicht ganz so gut und frisch aussieht, wie man erwartet hat. Das Leben hält doch immer wieder Überraschungen bereit. Den Einfallwinkel muss ich mir merken. Indirektes Licht von der Nordseite!




28. Juni 2020
27. Juni 2020
Ein sehr schönes Gespräch zwischen Charlotte Rampling und Isabella Rossellini, vor fünf Jahren von VARIETY in Hollywood initiiert. Rampling, Jahrgang 46, war damals neunundsechzig, Rossellini, Jahrgang 52, dreiundsechzig Jahre alt. Ich bin völlig hingerissen von Isabellas Ausstrahlung und der Ähnlichkeit mit ihrer Mama Ingrid Bergman. Sie hat so einen Glow, wie man so sagt, den man immer schwangeren Frauen und jungen Bräuten attestiert. Den Glow gibt es auch im reiferen Alter ohne Schwangerschaft und Brautkleid, sehr beruhigend. Rampling ist daneben eher interessant, aber nicht so ein massiver Hingucker. Sie erzählen sich interessante Sachen, z. B. warum sie lieber in Europa Filme drehen, als in Hollywood, und das mitten in Hollywood. Isabella erwähnt auch, dass ihre Mutter Ingrid Bergman sie immer wieder ermutigt hat, mal eines der Filmangebote wahrzunehmen, die Isabella zu Model-Zeiten immer wieder angetragen wurden, und die sie immer wieder ablehnte, weil sie den Vergleich mit ihrer Mutter scheute.
25. Juni 2020

Auch aus dem Jahr der Libellenkönigin, „RISING“, 83 x 59 cm, 2002, gerissene Papierfragmente auf Papier und Karton. Es hängt seit achtzehn Jahren in einem goldenen Rahmen in meiner Wohnung und ich möchte es nicht missen. Ich sehe ein Wesen, das Viele(s) in sich vereint. Nicht Mensch, nicht Tier, nicht Elfe, nicht Engel. Einfach alles. Das innere Wesen, die Seele vielleicht. Es steigt nach oben, Richtung Sonne, in eine Welt voller Licht, goldener Wärme und Leichtigkeit. Aber das sieht man ja. Man muss es nicht erklären, nicht wahr? Es ist auch in meiner Wohnung entstanden, ich saß im Schneidersitz auf dem Teppich, hier in meinem Adlerhorst unterm Dach. Damals gab es mein Atelier im Süden von Berlin noch nicht, ich habe es erst im Jahr darauf angemietet. Das Wesen hat seinen Geburtsort noch nie verlassen. Aber mit achtzehn ist man ja volljährig und darf raus ins Internet.
22. Juni 2020
SOLEIL | Blattgold, Sushistäbchen, Bambusstöckchen, Woksieb, Kabelhalter, Dübel, Versandrohr, Stoff, Fragmente, 120 x 60, 2020
Gestern eingefangen, Sommersonnenwende, Zufall. Immer fällt etwas zu einem. Man muss es auffangen. Manche sind besser im Fangen. Ich kann das gut, aber nur im übertragenen Sinn. Geschosse lassen mich eher wegducken. Das Spiel mit Materie in Verbindung mit Tempo, das man Sport nennt, ist ein anderes Spiel, nicht meines. Immer wieder fällt mir auf, dass ich meine Umgebung wie ein Materiallager betrachte, egal wo ich bin. Ich sehe, scanne, sortiere in Gedanken aus. Was schon Sinn ergibt und in sich vollendet ist, kann so bleiben, die Überbleibsel halte ich gegen das Licht und prüfe das Material und die Silhouette. Dann fängt es meist mit zwei Materialien oder Teilen an. Und so fügt sich eines zum anderen. Ich habe immer den Ehrgeiz, möglichst keine Bauteile zu kaufen, meist ist es nur Farbe, Zement, Klebstoff, Spachtel, Blattgold und Anlegemilch, mein alchemistischer Werkzeugkasten. Alles andere ist schon da, es fällt mir immer irgendwie zu. Aus etwa Profanem etwas Erhabenes zu zaubern, ist mein liebster Sport, da habe ich olympischen Ehrgeiz und bestimmt auch ganz gute Chancen auf das Treppchen.







21. Juni 2020

Minerva („Pallas“) und der Kentaur 1482 – 1483, 207 x 148 cm, Sandro Botticelli , geb. 1. März 1445 in Florenz; † 1510

Aus meiner gestrigen E-Mail an die Absenderin der Karte: „Es war leider nicht möglich, gleichzeitig die Hellebarde zu halten, einen Kopf am Schopf zu packen und gleichzeitig eine Kamera zu bedienen (hab kein Stativ in der Wohnung, sind alle im Atelier) und keinen Fernauslöser… so hab ich Zitate aus dem Motiv fabriziert. Den Kentaur wollte ich mit meinem Stofftierlöwen nachspielen, aber das kam nicht so überzeugend rüber.“
Es handelt sich hier also nicht um historische „Making of“-Lichtbilder aus dem Atelier in Florenz von Sandro Botticelli, aus den Jahren 1482 oder 1483, sondern Aufnahmen von gestern in Berlin. Nun kann man es übertrieben finden, dass ich mir eine Hellebarde baue, nur weil eine Postkarte mit einer Hellebarde ins Haus geflattert kommt. Aber ich halte dagegen: Spaß muß sein! Außerdem faszinierte mich schon allein das Wort „Hellebarde“ und auch die Silhouette. Eine weitere Verwendung fällt mir jetzt nicht ein, aber ich fahre später in mein Atelier und es reizt mich, noch ein bißchen Verschönerungsarbeit an ihr zu vollbringen, dann erkläre ich das Dings einfach zur Skulptur.
Zuweilen stelle ich es mir unterhaltsam vor, wenn andere auch mitspielen würden, und sich gegenseitig Postkarten schicken und mit sich selbst nachbauen. In der Tradition der Aktion vom Museum of Modern Art, wo aufgerufen wurde, zum Corona-Lockdown daheim berühmte Gemälde mit Haushaltsgegenständen nachzuspielen, eine sehr schöne Aktion. Aber da ich ja nur ein Privatblog ohne Kooperationen betreibe, fehlt mir da die Reichweite, um so ein Internetbaby in die Welt zu setzen. Ich werde jedenfalls weiter fleißig jede Postkartenherausforderung annehmen.
Es grüßt
Minerva





20. Juni 2020
Überschrift einer gmx-Meldung:
ANGRIFF MIT RELIGIÖSEM MOTIV
Vor meinem geistigen Auge ein zur Waffe umfunktioniertes Heiligenbild, eine silberbeschlagene, russische Ikone mit dem Abbild der hl. Mutter Maria, Größe DIN A 4. Ikonen werden ja überwiegend auf Holz gemalt, die versilberte Blechverzierung gibt dann noch zusätzlich Stabilität beim Zuschlagen. Auch den spirituellen Nebeneffekt finde ich spannend, die symbolische Bedeutung, diese Vermählung der physischen und spirituellen Ebene in einer einzigen Handlung.
Braucht man eigentlich einen Schulabschluss, um für gmx redaktionell tätig zu werden?
20. Juni 2020

Die Libellenkönigin ist auf dem Weg zu Alban, zu Cosima, zu Ina, zu Jan, zu Jenny, zu Maria, zu Phyllis und zu Timo. Bin gespannt, ob der Flug geglückt ist. Ich hoffe, die Post berechnet die Reisegarderobe der Libellenkönigin nicht extra. Sie hat ein transparentes Cape gewählt, um ihr Kleid zu schützen. Ich musste es extra maßschneidern, obwohl es nur für die Reise gedacht ist. Wenn die Post die Karte trotzdem mit Postkartenporto zustellt, bin ich sehr zufrieden mit der Deutschen Post und werde sie weiter empfehlen! Auf jeder Karte steht eine ganz persönliche Botschaft. Bei Empfang möchte die Libellenkönigin bitte ausgezogen werden.


19. Juni 2020

Am Dienstag war ich im Biergarten. Neben mir sitzt Ina, das Foto hat Maria gemacht! Es war sehr schön. Eigentlich waren auf dem Foto noch mehr Leute, aber aus datenschutzrechtlichen Gründen habe ich sie weggeschnitten. Also andere Biergartengäste, und rechts von uns, so leicht nach hinten versetzt, Leute mit Instrumenten. Musikinstrumenten. Zwei Gitarren, eine Bass-Ukulele und so ein Percussionsdings, was man so schüttelt. Hat ausgesehen wie eine reife Orange. Die Musiker haben sich zufällig im Biergarten getroffen und dann ein, zwei Lieder gesungen, die man kannte, und wo man gerne mitgesungen hat. Ich glaube der Sänger war vom Berlin Beat Club, wenn ich mich nicht irre, und der eine Gitarrist spielt in der Band von Frau Kroymann. Dazu gesellte sich eine Gabi von den Gabys mit einer putzigen Bass-Ukulele. Den anderen Gitarrist, Hans hieß er wohl, hat man auch schon in der einen oder anderen Band spielen hören, es hat doch recht gut geklappt für das erste mal. Aber vielleicht haben sie ja auch schon mal zusammen gespielt, bei irgendeiner Gelegenheit. Die kennen sich ja alle untereinander, diese Berliner Musiker, nicht wahr.
Sehr überraschend war die strenge Einhaltung des Abstandes der Tische im Biergarten. Ich schätze zwischen zwei und zweieinhalb Meter, teilweise sogar drei Meter. Das hat man schon anders gesehen. Auf den Tischplatten waren QR-Codes, da konnte jeder Gast sich einscannen und damit registrieren, dass er am Dienstag an einem bestimmten Tisch gesessen hat. Alles sehr vorbildlich. Die anderen Gäste waren auch verblüfft, wir unterhielten uns darüber, und sind zum Schluss gekommen, dass das Rickenbackers, ein Live-Musikclub, vielleicht besonders aufs Korn genommen wird, da man eventuell unterstellt, dass es dort nicht so genau genommen wird mit den Vorschriften. Musiker sind ja so ein lockeres Völkchen und die zugehörigen Gäste eines solchen Lokals nicht minder.
Mit gebührlichem Abstand wurde Jever getrunken und Schnitzel gegessen. Ich war als erste da, Maria kam ein bißchen später, und Ina noch ein bißchen später, Da waren wir mit unserem Schnitzel schon fertig und konnten uns auf das Mitsingen von zwei bekannten Liedern einstimmen. Es ist schon schön und lustig, mit ein paar anderen Menschen unter offenem Himmel den Refrain von Smoke on the Water zu singen, so mitten im alten Westen von Berlin, direkt an der Bundesallee. Sommerlich war der Abend. Man hat jetzt eine ganz andere Vorfreude auf richtige Konzerte, wenn sie denn einmal wieder stattfinden.

14. Juni 2020

Noch ein kleines Tier, ganz groß, vom Oktober 2002. „Libellenkönigin“, papiers collées, 83 x 60 cm. Staatl. Museen von Gaganien. Wer mag, kriegt eine Postkarte davon. Ich weiß schon, dass es sich hier um eine noch nicht so allgemein bekannte Libellenart handelt, deswegen wollte sie wohl unbedingt von mir portraitiert werden. Mit den Tieren aus Gaganien ist es genau wie bei einer echten Tiergeburt, man hat schon ungefähr eine Vorstellung, was es für ein Tierkind wird, aber wie es genau aussieht, weiß man erst nach der Geburt, wenn fertig geschlüpft. Eben wie in der Natur!
Ich widme das heutige Tierkind dem Geburtstagskind Cosima.
14. Juni 2020
Wir leben doch nicht mehr auf dem Baum.
Boris Becker
12. Juni 2020

Gestern war ich zum ersten mal seit Ende Februar wieder verabredet und gleich todesmutig in einem Restaurant, nämlich der guten alten Paris Bar. Ina hatte ich zuletzt einen Tag vor Silvester getroffen, über sechs Monate, schon arg lange, im Vergleich zur Dichte unserer Verabredungen in den vergangenen Jahren. Wir bekamen den sehr schönen Tisch rechts von der Eingangstür, in der lauschigen Ecke am Fenster, mit der gepolsterten Bank, wo ein imposantes Foto von Michel Würthle als Papst steht, und der, wie gewohnt, als fester Teil des Interieurs auch persönlich da war. Zu ihm erzählte ich Ina, die schon näher mit ihm zu tun hatte, eine lustige Beobachtung, die sie noch nicht kannte.
Eine jüngere Autorin hat ein Buch über Ingrid Wiener verfasst, eine aus Wien stammende autodidaktische Köchin und Web*künstlerin, die im Berlin der Siebziger und Achtziger Jahre viel Erfolg mit dem Restaurant Exil hatte, in dem u. a. auch Michel und ihr Mann Oskar Wiener zur festen Truppe gehörten. Das von den Dreien gegründete und bewirtschaftete Lokal am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, wurde zum beliebtesten und kultigsten Berliner Prominenten- und Künstlertreff, ähnlich wie später die Paris Bar. Im Zuge der Recherche traf die junge Autorin nun verschiedene Weggefährten aus dem ehemaligen Dunstkreis von Ingrid Wiener (übrigens die Stiefmutter von Sarah Wiener), somit also auch unseren guten Michel.
Wenn man ein bißchen über Michel Würthle recherchiert, findet man eine ganze Reihe Zeitungsartikel und Interviews über ihn, und ab und zu wird beiläufig erwähnt, dass er daheim, in seinem malerischen Kreuzberger Künstleruniversum über dem ehemaligen Exil, üblicherweise Nescafé, also mit heißem Wasser aufgegossenen Instantkaffee trinkt, den er auch Gästen anbietet. Was natürlich ein wenig überrascht, weil man ihm als hochkultivierten Bon Vivant doch anheimstellen wollen würde, dass nur beste Kaffeebohnen mit speziellen Röstverfahren aus professionellen, italienischen Traditionskaffeemaschinen in die Kaffeetasse kommen. Oder doch wenigstens Kaffeehausklassiker- oder gar -spezialitäten aus der Wiener Heimat. Ein schöner Einspänner vielleicht. Ein „Kaffee Maria Theresia“ womöglich gar.
Nun hatte auch Ina bereits mehrfach Gelegenheit, seine heimische Kaffeetradition zu studieren und konnte bis dato keine Abweichung vom erwähnten Instantkaffeepulver beobachten. Wer sich schon mal Nescafépulver aufgegossen hat, wird bestätigen, dass das Getränk zwar Koffein beeinhalten mag und eine braune Farbe hat, aber unverkennbar anders als frisch gebrühter Bohnenkaffee schmeckt. Es ist eben ein Getränk mit einem ganz eigenen Aroma.
In das Buch, dessen Titel mir gerade entfallen ist, hat die junge Autorin auch ein Danksagungskapitel eingearbeitet, wo sie sich neben vielen Anderen auch bei Michel für die schönen Treffen bei ihm daheim und vor allem den SEHR GUTEN KAFFEE MIT DER KARDAMOM-NOTE bedankt. Ich befragte Ina, ob sie es für möglich hielte, dass er in der jüngeren Zeit eine spezielle Rezeptur und etwas raffiniertere Kaffee-Kultur entwickelt haben könnte. Immerhin ist der Zusatz von Kardamom zum Kaffeepulver im Libanon sehr verbreitet. Und man ist ja auch in fortgeschrittenem Alter mitunter noch neugierig und experimentierfreudig. Warum nicht bei der Kaffeezubereitung. Ina musste sehr lachen.
Also wir saßen sehr gut, um solcherlei Gespräche zu führen und hatten sogar den Eindruck, dass die Tische mit dem größeren Abstand geradezu ideal stehen. Zu früheren Zeiten war es schon sehr dicht an dicht, und immer eine gewisse Gefahr, beim Aufstehen die Gäste am Nachbartisch anzurempeln. Wenn es mit den enger gestellten Tischen auch schneller vertraulich wird, und die Unterhaltung vom Nachbartisch gerne mal launig übergreift. Was auch Schönes hat. Aber gestern waren wir uns erst einmal genug. Es gab viel zu erzählen,
Wir hatten beide richtig Hunger und Lust auf das Entrecôte mit Frites und Béchamel und grünen Bohnen. Ausnahmsweise trank ich mal keinen Wein, sondern zwei Königs Pilsener, die dort klassisch in vernünftigen Gläsern serviert werden. Da bin ich ja empfindlich. Diese Unkultur aus einer Bierflasche zu nuckeln, ohne sich akut im Rippenunterhemd auf einer Baustelle zu befinden, ist mir befremdlich, um nicht zu sagen, es stößt mich ab. Da bin ich sehr altmodisch und konservativ. Wir wurden gut umsorgt gestern, es war angenehm. Ich werde immer empfindlicher, was die Qualität offener Weine in Lokalen angeht, und eine ganze Flasche von einem richtig guten Wein bestellen, kommt einem oft so teuer vor, obwohl es dann unterm Strich nicht mehr kostet, als sechs einzeln bestellte Gläser.
Aus dem Augenwinkel sah ich Wolfgang Joop nach draußen in die späte Abendsonne treten, er wirkt jetzt im höheren Alter vom Blick her altersmilde, verglichen mit früher, irgendwie weicher. Ein Buch von ihm, sein letztes, „Die einzig mögliche Zeit“, liegt seit Monaten auf meinem kleinen Stapel ungelesener Bücher. Ich mag seine Schreibe sehr.
Ina wollte mich eigentlich unbedingt gerne heimfahren, aber als wir gerade beim Aufbruch waren, stand plötzlich ihr Vertrauter und mir auch Bekannter an unserem Tisch und hatte sich ruckzuck auch schon einen Grünen Veltliner bestellt und lächelte uns gesellig an. Ich war jedoch schon etwas bettschwer und räumte gerne den Platz für eine weitere Runde der beiden. Ich wäre die Letzte, die jemanden zum Aufbrechen nötigt, wir sind ja nicht verheiratet. Mir sind eher Leute suspekt, die wegen ihrer gewohnten Schlafenszeit vor Mitternacht eine gesellige Runde verlassen. Aber das ist ja alles typbedingt und individuell. War eher untypisch für mich, dass ich gestern schon um halbzwölf in Stimmung war, heimzufahren.
Mit der S-Bahn habe ich eine unkomplizierte Verbindung von dieser Ecke in Charlottenburg zu mir heim nach Mitte. Vom Bahnhof Zoo direkt durchfahren bis zum Hackeschen Markt, elf Minuten Fahrzeit. Kann man nicht meckern. Fotos wurden gestern nicht gemacht, ich habe aber zwei alte Aufnahmen gefunden, auf denen ich anhabe, was ich gestern auch anhatte, das Fransenoberteil und ein Mäntelchen mit gewebten Ozelotmuster. Fotos von früher eben, 16. September 2015 und 3. Juni 2016. Zweimal anziehen ist okay.

*)„Web“ wie Webstuhl
11. Juni 2020

Die Ankündigung dieser nun wirklich bildschönen, arglosen Postkarte hat vor wenigen Tagen einen Anflug von Panik bei mir ausgelöst. In einer E-Mail wurde mir wörtlich mitgeteilt: „Es ist Post an Dich unterwegs“. Nun ist „Post“ ja ein dehnbarer Begriff.

Da in den letzten Monaten zwischen der Absenderin und mir mehrere Postkarten, und zwar AUSSCHLIEßLICH Postkarten hin- und hergeschickt wurden, bastelte meine Phantasie aus dem Begriff „Post“ eine Sendung, die von einer Postkarte abweichen könnte, und im schlimmsten, aller- allerschlimmsten aller Fälle ein Päckchen sein könnte, das nicht in meinen Briefkasten passt. Dieses Szenario ist für mich ein echtes Problem. Ich bin sehr interessiert zu vermeiden, dass Päckchen an meine Privatadresse geschickt werden, weil ich – sofern ich überhaupt tagsüber da bin, was unwahrscheinlich ist – sehr ungern meine Wohnungstür öffne, wenn jemand klingelt, mit dem ich mich nicht verabredet habe. So ungern, dass ich es tatsächlich niemals mache, außer, die Feuerwehr würde an meine Tür hämmern, weil die Hütte brennt oder unter Wasser steht. Postzusteller neigen dann fast ausnahmslos dazu, bei Nachbarn zu klingeln, um ein Päckchen oder Paket loszuwerden.
Meine nicht zu kleine Sozialphobie lässt mich den gesamten Vorgang, bei Nachbarn klingeln zu müssen, die mit privater Post für mich behelligt wurden, als eine superstressige Situation empfinden. Obwohl es nette Nachbarn sind, aber ich bin nicht mit ihnen befreundet. Mir ist das geradezu peinlich, auch wenn die Post selbst ganz unpeinlich ist. Ich möchte die Leute nicht in ihrer Privatsphäre mit solchen Handreichungen beeinträchtigen, so wenig, wie ich Päckchen für andere entgegennehmen möchte. Selbiges gilt auch für meine Werkstattadresse.
Auch möchte ich aber nicht zu einem Postamt gehen müssen, um ein Päckchen abzuholen, das empfinde ich als sehr umständlich und zeitraubend. In meiner gestörten, leicht psychopathischen (Asperger-?) Welt, gibt es kaum einen Päckcheninhalt, der so wünschenswert wäre, dass ich mich dieser Situation aussetzen wollte. Dann würde ich ein Päckchen noch lieber bei einer Packstation auf meinem Weg abholen, aber auch das ungern. Es sind halt alles Umwege, die ich nicht eingeplant habe oder nicht einplanen will.
Deswegen wünsche ich mir von allen lieben Menschen und Freunden bitte keine Päckchen, aber bitte immer wieder gerne eine kleine Postkarte. Nun werden sich einige fragen, ob ich denn niemals nicht im Internet Sachen bestelle. Diese Frage kann ich ganz klar mit „doch, doch, dauernd und nicht zu knapp“ beantworten. Zum Beispiel maßangefertigte Bilderrahmen. Aber die lasse ich an eine ganz bestimmte, streng geheime Poststelle schicken, wo die Mitarbeiter informiert sind, und die kriegen schon genug Päckchen, die ich selbst verursacht habe, das würde ich gerne eher reduzieren als ausweiten.
Ich muss das einfach einmal für alle hier kommunizieren, weil ich sonst noch einmal jemanden enttäuschen muss, wie neulich Jenny, die mir, liebreizend wie sie ist, etwas Gutes tun wollte. Aber ich freu mich total, das zurückgegangene Päckchen bald von ihr persönlich zu bekommen. Es tut mir echt leid, dass sie es nicht mehr umlenken konnte… Ich habe ja neulich zu allem Überfluss auch noch meinen Namen (nach dem Schlüsseldiebstahl) vom Klingelschild entfernt, jetzt findet mich ein Paketbote gar nicht mehr, sicher ist sicher! Nur unser Briefträger kennt meinen Briefkasten im Haus und bringt mir so schöne Postkarten wie diese hier.
Ich war also unglaublich erleichtert, dass es nur eine Postkarte war, die an mich geschickt wurde, noch dazu eine so schöne. Aber dann hatte ich wieder Stress! Gestern Abend war ich nicht in meinem Atelier, weil ich mich lustlos fühlte, da ich gerade an einer Skulptur arbeite, vor deren weiterer Bearbeitung ich mich seit zwei Tagen drücke, da dies langweilige, feinmotorische Arbeitsschritte erfordert, die eigentlich jeder machen könnte, der Routine im Blattvergolden hat. Es muss auf mehrere Schlangenlinien an einer Säule penibel genau an den Linienkanten Anlegemilch aufgepinselt werden und dann das Blattgold draufgelegt. Ich kann das im Schlaf, aber es ist so langweilig. Ein elendes Gefummel. Ich hätte da gerne einen Assistenten, der das für mich macht und ich segne dann das (bitteschön perfekte) Ergebnis ab.
Kollidiert allerdings auch wieder mit meiner Sozialphobie. Ich möchte keine Mitarbeiter in meiner Werkstatt haben. Also nur theoretisch, aber nicht praktisch. Ein Dilemma. Also warte ich nun, bis ich mal wieder Lust auf so ein Gefrickel habe, eventuell am Freitag oder Samstag oder Sonntagabend unter Drogen (Alkohol).
Somit habe ich mich gestern auch darum gedrückt. Und dann komme ich gegen Halbacht heim, und da wartet diese sehr schöne Karte im Postkasten. Der nächste Stress war vorprogrammiert, da ich mir mit hoher (um nicht zu sagen hysterischer) Disziplin zur Aufgabe gemacht habe, immer möglichst flink ein auf das Motiv abgestimmte Foto vom Empfang der Karte (mit mir selber) zu machen. Also musste ich, anstatt faul herumzuliegen, möglichst noch bei Tageslicht Fotos machen. Jedoch im ersten Schritt muss das korrespondierende Outfit im Kleiderschrank und in der Schmuckschatulle gefunden werden. Und in diesem speziellen Fall musste ich auch noch umfrisiert werden! Oh je. Danach war mir gar nicht! Ich fühlte mich auch nicht sehr fotogen gestern, setzte mich aber dennoch der Chose aus, da ich die Sache auch sportlich sehe, und aufgeschoben wäre ja nicht aufgehoben.
Es zeichnete sich gestern Abend bereits ab, dass ich heute keine Zeit für eine Fotosession und den ganzen Klimbim finden würde. Ich bin nämlich heute Abend zum Essen verarbredet, zum ersten mal nach vielen Monaten. Also habe ich noch gestern geguckt, ob ich ein goldenes Halscollier finde und die Frisur halbwegs hinbekomme. Ich fand tatsächlich zwei goldene Glitzercolliers und ein paar Klamotten, die farblich passten.

Nur die vorschriftsmäßige Frisur gefiel mir nicht sonderlich an mir. Ich fand, ich sehe wie eine alte Jungfer aus, und dass die Frisur einfach alt macht! Deswegen habe ich von den schnell gemachten Fotos fast alle wieder gelöscht. Und das was man hier sieht, ist nun übrig geblieben. Ich habe mir gestern gar nicht gefallen, aber drücken gilt nicht. Deshalb nun hier der vorschriftsmäßige Eintrag zur gestrigen Postkarte, für die ich mich abermals sehr bedanke und die zum Glück kein Päckchen war!!! Tausend Dank dafür!

Mumienporträt einer Frau, zweites Jahrhundert nach Christus, Holz, bemalt, Prinz Johann Georg-Sammlung des Kunsthistorischen Instituts Mainz
10. Juni 2020
Ich habe Blutgruppe A Rhesus negativ. Welche habt ihr?
09. Juni 2020
„Aus der Sitzung des Senats am 9. Juni 2020:
Der Senat hat in seiner heutigen Sitzung auf Vorlage der Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kalayci, Änderungen der SARS-CoV-2-Eindammungsmaßnahmenverordnung beschlossen. Hierdurch wird die Begrenzung der Öffnungszeit für Gaststätten, Spielhallen und ähnliche Gewerbebetriebe auf 23:00 Uhr aufgehoben, mit Wirkung ab dem 10. Juni 2020. Damit ist der Senat einer Vorgabe des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg gefolgt.“
Ich übersetze: ab morgen, Mittwoch, keine Sperrstunde mehr in Berlin für Restaurants, Bars, Kneipen! Da könnte ich mich ja eventuell mal wieder verabreden!
08. Juni 2020
Darf ich vorstellen: WINNIE von der VENUS.

Winnie ist über Pfingsten auf die Erde gekommen und hat beschlossen, erst mal zu bleiben, weil es sehr interessant hier erscheint. Wir haben uns gleich gut verstanden und ich habe meine kleine Werkstatt zum Übernachten angeboten. Winnie ist nicht Junge oder Mädchen, sondern Alles. In fortgeschrittenen Zivilisationen ist die Evolution schon viel weiter und es gibt keine Begrenzungen mehr. Man kann alles sein und haben, was man will. Das hat mir Winnie heute erzählt, als wir die Fotos gemacht haben. Ich hoffe, Winnie bleibt noch ein bißchen und erzählt mir noch mehr von dem schönen Leben auf der Venus.










06. Juni 2020



Heute entbiete ich meine Geburtstagsgrüße an eine liebe Freundin, die ich seit vielen Jahren vom Bloggen und gegenseitigen Kommentieren kenne, aber auch schon einmal (viel zu lang ist’s her) persönlich getroffen habe. Was mich damals sehr überrascht hat, angenehm überrascht hat. Aus irgendeinem Grund hatte ich sie mir mit kürzeren dunklen Haaren und herben Gesichtszügen vorgestellt, sowie eher knabenhaft. Vom Wesen her mir zwar zugeneigt, aber eventuell etwas sperrig, nicht komplett zugänglich. Nichts davon traf zu. Im verabredeten Café begrüßte mich sehr herzlich ein heiteres, helles, und unkompliziert wirkendes Wesen, das mich im Verlauf des Tages äußerlich immer mal wieder an eine sehr berühmte Filmdiva mit Vornamen Greta erinnerte. Wir hatten einen sehr schönen Tag in Berlin, damals. Nach dem Cafébesuch landeten wir in meinem Atelier, wo wir auch Fotos machten, und auf dem Balkon Tee aus alten Sammeltassen tranken. Dazu gab es ganz edles Gebäck, das sie mitgebracht hatte. Damals war der kleine Balkon noch nicht ganz so schön, wie heute mit den blauweißen Azulejos.
Heute hat arboretum wieder einmal Geburtstag und da sie sich eifrig an dem Postkarten Ping Pong beteiligt hat, das ich seit einem halben Jahr betreibe, bekommt sie neben meinen herzlichsten Glück- und Segenswünschen auch eine extra große Postkarte, die nur sie allein bekommt. Darauf zu sehen ist „Der letzte Archaeopteryx“, von mir vor dreizehn Jahren gemalt, 70 x 120 cm, Acryl auf Leinwand. Das Original steht direkt unter dem Küchenfenster von meiner kleinen Werkstatt. Ich wünsche dem Geburtstagskind einen zauberhaften Tag.


P.S. da wohnt der Archaeopteryx in meinem Atelier:


04. Juni 2020

Gestern erreichten mich die folgenden Zeilen:
„Liebste Gaga,
als Besitzerin eines
prächtigen Ufos ist
Dir dieser Anblick be-
stimmt bekannt, auch
wenn Du meines Wissens
noch nicht selbst dort
warst. Ist ja auch kalt
da auf dieser schwimmen-
den Eisdecke. Viele liebe
Grüße (…)“

Da kennt mich jemand schon recht gut. Freilich ist mir der Anblick des Nordpols vertraut, aber ich war nun schon länger nicht mehr im Polarkreis, so dass ich heute morgen spontan beschlossen habe, mit meinem UFO I für einen kleinen Tagesausflug hinzureisen. Da es heute ohnehin etwas bewölkt war in Berlin, konnte ich genauso gut auch gleich zum Polarkreis und habe mich entsprechend angezogen. Wobei ich eine Weile nach meiner guten alten Tschapka für die Polarexpeditionen suchen musste, da die Wintersachen ja doch nicht mehr ganz so griffbereit waren.

Es war ein ganz herrlicher Ausflug, aber leider kann man die Landschaft dort oben nicht so gut fotografieren. Es ist halt immer alles weiß im Hintergrund. Deswegen habe ich auch nur zwei Fotos vor Ort gemacht, die man hier sieht. Weil ich aber doch etwas kälteempfindlich bin, um nicht zu sagen kältescheu, bin ich gegen Nachmittag dann schon wieder zurück und bereits jetzt wieder daheim in Berlin. Das geht sehr gut mit so einem UFO.
Die Anmerkung auf der Karte „auch wenn Du meines Wissens noch nicht dort warst“ kommt sicher dadurch zustande, dass ich nie mit meinen UFO-Expeditionen prahle, so wissen die Leute gar nicht, wo ich schon überall war. Aber es ist mir lieber so, als wenn man mich für eine Angeberin hält, die jedem ständig ihre exclusiven Abenteuerreisen unter die Nase reibt und vielleicht auch noch auf Instagram und im Anschluss in der Bunten präsentiert. Ich werde es weiter so halten, habe ich mir vorgenommen. Also vergessen Sie bitte schnell, dass ich heute Vormittag ganz kurz am Nordpol war.

02. Juni 2020
Ich kann auch Tiere.

SCORPIO | Bilderrahmenstehkeile, Rahmenschutzecken, Ösen, Papier, Acryl, Baustellenbodenschutzpappe, 91 x 93 cm, Mai 2020

Imke, kid37, Gunter Sachs, Georg und mir persönlich gewidmet.

01. Juni 2020

Eine Pflaume von der Kolonie Sonnenschein im Jupiterweg. Vor sieben Jahren aufgegessen. Ein kleiner Hinweis und Beweis, dass ich schon vor sieben Jahren (und mehr) in Farbe fotografiert habe. Aber die Leute gucken ja immer hauptsächlich nach Aufnahmen von sich selber, die tatsächlich oft in Schwarzweiß gehalten waren. Da kommt so eine kleine Pflaume nicht dagegen an. Aber nach ein paar Jahren tritt mitunter zutage, dass ein Pflaumenportrait für die Ewigkeit ist, ohne jede Vergänglichkeit. Das gilt auch für Menschenportraits, aber nur für manche. Fotografien ohne Halbwertzeit sind doch die Schönsten. Tatsächlich werden auch Menschenfotos im Lauf der Jahre wertvoller, ungeachtet der Qualität der Aufnahme, aber nur aus nostalgischen Gründen. Die meisten inflationär rausgehauenen Schnappschüsse von Events, „Been there, done that“, sind doch recht beliebig und selten von künstlerischer Qualität. Was da im Akkord geliked wird, ist nicht das erstaunlich gelungene Portrait, sondern die Möglichkeit einer Art Instant-Teilhabe an einem Geschehen. „Been there, done that.“ Mitreden können, miterleben können, wenigstens ein bißchen. Na ja, wer wollte es verübeln. Aber mit einem liebenden Fotografenauge sollte der fotografische Schnellimbiss nicht in einen Topf geworfen und umgerührt werden, das wäre nicht angemessen.
Willkommen im Juni. Ich bin wieder auf meinem Weg ins Atelier, ich arbeite an einer Figur, sie kommt mir ein bißchen außerirdisch vor, ich glaube, sie wird sich heute zu erkennen geben. Ich versuche sie mit der Kamera einzufangen, wenn sie ihr Gesicht zeigt.
30. Mai 2020
30. Mai 2020
»Sonntag 19.VI.1898
Fand ein entzückendes Gedicht in der ‚Jugend‘. Habe es auch schon vertont.
Vom Küssen
War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
Warum ist mein Mund so roth?
Sprach der Mai: „zum Küssen“.
Als der Nebel schlich durchs Land
Hab ich fragen müssen:
Warum ist mein Mund so blass?
Sprach der Herbst: „vom Küssen“.
Anna Ritter
Ein süßes, geistreiches Gedichterl. Wenn nur mein Lied auch so gut wäre.«
Alma Schindler [Mahler-Werfel], Tagebuch-Suiten 1898 – 1902


















