»(…) Dieser Mann hatte Julian nächtelang von der „Geographie der Frauen“ erzählt und ihm viele schöne Körperlandschaften beschrieben. „Alle sind schön“, war seine Hauptthese. „Die Männer sind sind nur für gewöhnlich zu primitiv, um das Sanfte im Wilden, das Schwarz im Weiß, das Dünne im Dicken, das Große im Kleinen zu bemerken. Jede ist vollkommen, auf ihre ganz persönliche Weise. Mein einziges Ideal ist die Abwechslung.

Es gibt Fräuleins, die haben Zehennägel oder Achselhöhlen, vor denen man niederknien möchte, und solche, für deren Rückenlinie es zu sterben lohnt. Andere sprechen das Wort Suppe mit einer Grazie aus, die einen bannt, und selbst an die Schatten von Damen habe ich schon mein Herz verloren. Enttäuschungen entstehen nur dort, wo wir uns durch feste Erwartungen dem Überraschenden verschließen. Gott schütze alle Weibspersonen.“«

André Heller 2018, Das Buch vom Süden, S. 216

Ja, nett. Nun könnte man meinen, ich hätte 216 Seiten des Buches gelesen. Dies ist nicht der Fall. Ich mag Heller grundsätzlich, aber in diesem Buch sind mir zu viele Adjektive, zu viele kleinteilige, verschachtelte Beschreibungen. Ich stelle fest: mich stören sowohl zu wenig Adjektive, als auch zu viele. Gerne mache ich mir ein plastisches Bild der Orte, Gegenstände und Personen, möchte aber keine inflationären und varianten-überbordenden Details, das hemmt meinen Lesefluss.

Wird zu wenig oder zu vage beschrieben, fehlt meiner Phantasie die Richtungsvorgabe, es wird beliebig, dann habe ich das Gefühl, ich hätte das Buch gleich selber schreiben können. Wird es zu viel, erscheint es mir wie ein abzuarbeitendes Wirrwarr, das mich nicht vorankommen lässt.

Ich habe im Buch die ersten ca. vier Seiten gelesen und dann gemerkt, dass mich dieses ewig lange Herumdümpeln in der Kindheitsphase der Hauptfigur Julian langweilt. Die Spielsachen, die Spiele, die Phantasien. Kind war ich selber und möchte es nicht wieder sein müssen. Ich blätterte also gnadenlos scannend weiter, ob der gute Julian endlich bald mal geschlechtsreif ist und sich für Erotik interessiert und seine Erfahrungen erzählt.

Erst bei Seite 216 hatte ich den Eindruck, hier könnte ich einen erneuten Einstieg wagen und auch lesen, nicht nur scannen. Also dieser oben zitierte Absatz gefiel mir ganz gut, obwohl mir der Stil weiterhin nicht zusagt. Ich blättere voraussichtlich schwungvoll mit scannendem Auge weiter, auf die Gefahr hin, dass ich Perlen überblättere.

Noch eine pikante Sache zu dem Buch: ich habe es gebraucht bei Amazon bestellt, über den Anbieter medimops. Es wurde als in „sehr gutem Zustand“ avisiert, was ich nur bestätigen kann. Ein offensichtlich komplett ungelesenes Taschenbuch, nicht eine Seite hatte die geringste Biegung. Ich kaufe gebraucht nur mit Zustand „sehr gut“, vorzugsweise sogenannte „Mängelexemplare“, die zumeist keinen Vorbesitzer hatten.

Gestern Abend nahm ich das Buch aus meiner Tasche, die ich unterwegs dabei habe. Plötzlich fiel ein Kärtchen heraus. Vermutlich steckte es irgendwo in der Mitte des nagelneuen Buchs. So ein Miniklappkärtchen, wie man es an Geschenke macht. Es hatte das bekannte Seerosenmotiv von Monet und die mit Füllfederhalter handgeschriebene Widmung darin lautete in etwa:

„16.12.2019

Liebe Meike,

ja! DER André Heller! Eines meiner Lieblingsbücher, so toll, so positiv wie Du! Alles Gute zum Geburtstag!

Deine Kathrin“

Ich habe mich ein bißchen für Meike geschämt. Wenigstens hätte sie das Buch doch einmal kurz durchblättern können, so dass die kleine Geburtstagskarte herausgefallen wäre und dann hätte sie anstandshalber nur das Buch an medimops geschickt. Es könnte aber auch sein, dass Meike eine André-Heller-Sperre hatte, was man ja haben darf, und die Lektüre daher von vorneherein indiskutabel war.

Auch kann es sein, dass Kathrin zur Geburtstagsfeier von Meike eingeladen war, sie aber gar nicht so eng befreundet sind, sondern eher nur gute Bekannte, und Meike auch nicht zu befürchten hatte, dass Kathrin sie demnächst befragt, wie ihr denn das Buch nun gefallen hätte, das ja ihr LIEBLINGSBUCH ist.

Ich hatte dann kurz die lustige Phantasie, wie Kathrin wohl geguckt hätte, wenn sie ihr Lieblingsbuch – da ja LIEBLINGSBUCH – abermals und abermals bei Amazon bestellt hätte, um es einer weiteren Freundin oder Bekannten zukommen zu lassen, und um Geld zu sparen, ein „sehr gutes“ Exemplar bei medimops geordert hätte.

Dieses wäre nun bei ihr eingetroffen und zum Zwecke, es in Geschenkpapier zu wickeln, hätte sie es gedreht und gewendet, und ihr eigenes Kärtchen vom Dezember 2019 wäre herausgefallen. Oh oh oh… Meike, Meike, Meike.

2 Antworten auf „21. August 2020

  1. Lydia G.
    Toll. Ich musste laut loslachen.

    Gaga Nielsen
    Danke meine Liebe. Lektüre mag mitunter anstrengen, gerade bei höhreren Temperaturen, aber am Ende winkt Aufheiterung als Lohn!

  2. Lydia G.
    Bei mir hat mal ein Nachbar ein Jahr lang ein recht großes Packet nicht abgeholt, und als ich bei ihm klingelte und Zettelchen in den Briefkasten warf, keinerlei Reaktion. Schließlich packte ich es, als ich aus Griechenland zurück kam aus, es war eine Mikrowelle. Schön, dachte ich und tauschte sie gleich gierig gegen meine alte aus. Dabei fand ich dann auch ein Zettelchen. Drauf stand geschrieben: „ich hoffe, es ist das, was du dir vorstellst und macht ordentlich seinen Dienst … Von: Ulrike“ und ich kann nur sagen, macht ordentlich seinen Dienst. Der Nachbar hatte aber anscheinend auch keinerlei Interesse an ihr ….

    Gaga Nielsen
    Anscheinend hat er nicht nur an der Mikrowelle keinerlei Interesse, sondern auch an Ulrike : -)

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