Es begab sich am 3. September 2020, dass Lydia und ich uns in einer Galerie in der Niebuhrstraße in Charlottenburg trafen. Sehenswerte Werke einer Berliner Malerin. Maria Wirth ist ihr Name und sie ist seit einiger Zeit mit Jan verbunden, was mich neben ihren Bildern zusätzlich neugierig machte. Sehr elegante Räume, schönstes Charlottenburg. Jan war schon Stunden dort, als wir jeweils zwischen Sieben und Acht dort eintrafen.

Unverändert flaniert er durch Galerien und verewigt die anderen Kunstflaneure. Für mich war es erst der zweite Ausstellungsbesuch in diesem in einiger Hinsicht anderen Jahr. Wir würdigten eine gute Stunde den Zoo der Malerin (sie malt tatsächlich auffallend oft virtuos und sinnlich eingefangene Vierbeiner, die auf menschliche Körper treffen, Titel der Ausstellung: Welcome to my Zoo), und dann schlug Lydia vor, ein Lokal, ihrem Eindruck nach eine Bar, aufzusuchen, die ihr beim Vorbeifahren aufgefallen war.

In der Kantstraße gelegen, hat es äußerlich in etwa den Charme eines Etablissements am Kottbusser Tor. Eine ehemalige Schlecker-Filiale, Baujahr irgendwann in den Siebziger oder Achtziger Jahren, schmucklose, leicht verwahrloste Fassade, mit großen Schaufenstern, bis zur Undurchschaubarkeit mit Graffitis besprüht.

Ein kleines, weiß und rot leuchtendes Schild mit der Zahl 893 und einem asiatischen Schriftzeichen lässt ein möglicherweise irgendwie dubioses Lokal unterstellen. Zwei jüngere männliche Raucher vor der Tür ließen nichts Anspruchsvolles vermuten. Lydia fand es gerade interessant, dass in dieser Ecke, wo sich vor allem in den Seitenstraßen heimelig gepflegt wirkende Restaurants aneinanderreihen, so ein abgeranzt erscheinendes Gebäude ein möglicherweise anarchisches Lokal beherbergt.

Vielleicht eine etwas schräge Bar oder Kneipe, wo die Fahne irgendeiner der Rebellion hochgehalten wird, ohne überkandideltes Publikum, wo man noch vorzugsweise Bier konsumiert und sich die Weinauswahl auf zwei „Sorten“, nämlich Rotwein oder Weißwein nicht benannter Provenienz beschränkt, also ingesamt unprätentiös. Vielleicht sogar ein bißchen punkig, gammelig.

Da ich schon aus reiner Neugier bereit bin, mich in dubiose Lokale schleppen zu lassen, und Lydias Interesse so vehement geweckt war, zeigte ich mich offen, dieses unwägbare Lokal zu betreten. Plötzlich spürte ich einen drängenden Anflug von Hunger und fragte die jungen Männer vor der Tür, ob es da drinnen auch was zu essen gäbe. Sie nickten eifrig und erklärten in tadellosem Deutsch: „Auf jeden Fall! Sehr gutes Essen! Japanisch-peruanisch!“

Nun war meine Neugier ernsthaft erwacht, und so trat ich dicht an die bekrakelte Fensterfront, um einen Eindruck des Inneren zu gewinnen. Durch eine fetten Farbspray-Kringel konnte ich einen Blick erhaschen. Der unförmige Ausschnitt gab den Blick auf einen nackten, gebräunten, elegant schlanken Frauenarm mit blinkenden Armreifen und Ringen frei, der im Begriff war, einen Kelch aus feinem Kristall zu Munde zu führen.

Die Besitzerin des Arms saß an einem eingedeckten Tisch, auf dem sich Teller, Serviette und Besteck fanden, wie man sie eher in der Edelgastronomie verwendet. Das Ganze gehüllt in intime Beleuchtung. Die in Schwarz und Anthrazit-Tönen gehaltene Möblierung war mehr zu erahnen, als zu erfassen, aber schien nach dem Kriterium von Eleganz gewählt.

Meine Neugier war geweckt, das wollte ich mir aus allernächster Nähe ansehen. Hinter der unspektakulären Tür fand man sich in einem schwarz-grau durchgestylten Entrée und wurde von mehreren gutaussehenden Empfangshostessen begrüßt und freundlich informiert, dass alle Tische für den gesamten Abend ausgebucht sind, aber bei Interesse etwas an der Bar frei gemacht werden könnte, so wir das gerne wollten. Ich wollte! Lydia musste sich erst an den unerwarteten Eindruck gewöhnen und signalisierte mir, dass wir auch gerne wieder gehen könnten, aber dafür war ich schon viel zu neugierig zu sehen, welche Gesellschaft sich in dem Lokal eingefunden hat.

Wir bekamen zwei Plätze am Anfang der endlosen Bar mit dem schwarzen Marmortresen, direkt gegenüber der Kochtruppe hinter Glas, mit Blick auf ein großformatiges Werk von Herrn Araki. Eine kunstfertig gefesselte, nackte Schöne, die durch die Luft schwebt. Lydia fiel das Bild gleich auf und ich hatte keine Sekunde Zweifel, dass das nur ein Araki sein kann, dessen Werke ich vor zwölf Jahren bei einer Ausstellungseröffnung von ihm ausgiebig studierte, und auch fotografierte.

Araki war damals selbst anwesend und Jan hat ein Foto gemacht, auf dem Araki und ich im Mittelpunkt des Bildes stehen. Ich hielt meine Kamera auf Bauchnabelhöhe und Jan hat sich den Spaß gemacht, daraus eine Peitsche zu fotoshoppen, was aussieht, als sei ich die geheime Zuchtmeisterin von Araki. Moment, ich verlinke das Bild, hier ist es.

Da hungrig, bestellte ich mir von der riesigen, ausschließlich englischsprachig gehaltenen Karte ein Gericht namens HAWAII POKE beschrieben als „(cold)14mixed fish filet, salad, avocado, nuts, sesame, poke sauce“. Eine gut gefüllte Schüssel kam alsbald, dazu begleitend zwei (oder waren es drei?) Gläschen eines durchaus hervorragenden Schaumweins. Lydia bestellte etwas kompliziert zu Verzehrendes, nämlich EDAMAME, („young soy beans, sea salt“), die erst aus der Schale befreit werden mussten, und dazu ein Bier.

Interessant auch die Getränkekarte. Zwei Sorten Bier, ein japanisches und Krombacher, 21 Sorten Sake, 10 Sorten Champagner (Ruinart, Dom Perignon, Krug, div Jahrgänge), zahllose Positionen Weiß- und Rotweine, Spitzengewächse aus besten Regionen. Wenn man mal Langeweile hat, kann man die Karte lesen und bringt so mindestens eine Viertelstunde Lebenszeit rum.

Das Publikum war vom Eindruck her „irgendwas mit Medien“, eher ohne Zahlungsschwierigkeiten. Die Promi-Sichtung in unserem Radius war auch vorhanden, aber es war nicht Madonna; dafür aber auch noch von näher gut aussehend (mein Alter).

Ich muss sagen, die Tische mit durchschnittlich sechs Plätzen, da entlang der beschmierten Fensterfront, sind schon heimelig. Ich würde mich nicht sperren, es mir dort noch einmal bequem zu machen und das eine oder andere Schmankerl zu probieren.

Während Lydia ihre Edamame knabberte, machte sie zwischendurch ein paar smarte Fotos, hier zu sehen. Eines davon postete sie auf ihrem Insta, wo sie aber gar nicht so sehr aktiv zu sein scheint. Als sie den Apparat auf uns hielt, vergegenwärtigte ich mir, in welchen Posen sich andere dort beim Ausgehen präsentieren.

Meiner Erinnerung nach wird gerne ein volles Glas ins Bild gehalten, um zu zeigen, dass man es sich gut gehen lässt. Das habe ich mir abgeguckt und beiläufig mit „voll die affektierte Scheiße“ kommentiert, was Lydia, gelehrig wie sie ist, gleich in eine schmissige Bildunterschrift mit korrespondierenden hashtags umgemünzt hat.

Was am Folgetag via facebook zu einer berauschten Konversation mit weiteren sinnstiftenden hashtag-ideen meinerseits führte (#Dom Perignon, #champagne, #woke up like this“, #no make up, #lovemyjob, #äctorslife usw. usf.), eben das Übliche (siehe unten).

Wegen Umtriebigkeit gingen wir dann gleich noch in ein anderes Lokal um die Ecke, wo man draußen unter leichtem Regen unterm Sonnenschirm sitzen konnte, und noch ein weiteres Gläschen trinken, und eine Gutenacht-Zigarette rauchen. War sehr schön.

[Lydia G, ist mit Gaga Nielsen unterwegs.]

Königlich dinierend mit Gaga Nielsen

Geiler Affektierter Scheiß! #893 #Champagne #DomPerignon #jeunessedorée #893Charlottenburg #GagaNielsen #firstthingsfirst #actorslife #showbiz! #hotshit #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup #theplacetobe #party #life #game #cabaret #richkids #instagood #dog #cat #creatorshala #blablabla #893 #pushthebarriersaway

Gaga Nielsen
wir haben die Barriers gestern Abend doch sehr erfolgreich weggepusht, möchte ich sagen! (…) 893 Ryōtei Restaurant (!)
(toll auch, dass du weitere qualifizierte hashtags eingefügt hast („rich kids“)!

Lydia G.
Oh ja, und ich muss mir wohl mal ein schönes Bündel von Hashtags in mein mobiles Noitzbuch kopieren, damit es beim nächsten Mal schneller geht mit dem Eintrag im sozialen Netzwerk. Habe oben nun noch ein paar Hashtags von einem prominenten Menschen (Harald Glöckler) kopiert und eingefügt!

Gaga Nielsen
supie! Ich hätte noch drei: #Champagne, #DomPerignon, #jeunessedorée – obwohl letzteren vielleicht lieber ohne den französischen Accent, sonst ist Insta und die Community überfordert.

Lydia G.
Kommen noch rein und beim nächsten Mal ist das gleich im Zwischenspeicher!! 😎

Gaga Nielsen
Top! Bevorrate dich bitte auch noch u. ergänze den Post mit diesen hashtags: #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup

Lydia G.
aber klar doch … 🙄

Gaga Nielsen
…und nicht zu vergessen: #actorslife sowie #showbiz!

2 Antworten auf „08. September 2020

  1. Christoph M.
    Hihi. Nicht ganz billig der Laden;)

    Gaga Nielsen
    Warst du schon mal da, Christoph? Ist ja nicht weit von dir. Wenn deine bevorzugte Biersorte (höchstwahrscheinlich) nicht dabei ist, müsstest du halt leider auf Ruinart oder Dom Perignon oder Krug ausweichen, die man aber auch gleich als Magnum bestellen kann, da spart man dann auch wieder! (Verzehr von Großpackungen ist ja meist günstiger)

    Seite 14:

    Klicke, um auf SpeisekarteA4_v15_EN.pdf zuzugreifen

  2. Der Inhaber, Küchenchef The Duc Ngo in Interviews

    „Ich habe alles genau spürbar miterlebt. Ich kann mich noch an den Geruch erinnern, ich kann mich an das Salzwasser erinnern. Ich kann mich an den Schiffsbruch erinnern, den wir hatten. Ich kann mich an die Soldaten erinnern, die aufs Schiff gekommen sind. Ich kann mich an die Einfahrt nach Hongkong in den Hafen erinnern.“

    „Ich wollte erfolgreich und berühmt werden, ich wollte dazugehören. Wenn du als Immigrant kommst und anders aussiehst, hast du den Drang, etwas Besseres zu werden. Als Asiate bist du Zigarettenmafia, China-Imbiss oder Nagelstudio – und das wollte ich nicht sein. Ich bin in Spandau aufgewachsen. Ich habe immer genau beobachtet, was die Leute hier umtreibt, weil es auch mich umtreibt. Deswegen verstehe ich Berlin besser als zugezogene Gastronomen.

    Was wollen die Menschen, was sind ihre Sehnsüchte? Können Sie das auf ein paar Begriffe bringen?

    Dazugehören. In einem schönen Laden, einem schönen Club sitzen, hochwertige Sachen essen und trinken. Und dort sein, wo die Berühmten der Stadt und der Welt hingehen. Diesen Ausbruch aus der Kleinbürgerlichkeit und der Normalität – das wollen die Leute, das erschaffe ich mit meinen Läden.“

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/the-duc-ngo-vom-bootsfluechtling-zum-szenekoch.970.de.html?dram:article_id=448753

    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/koch-ueber-gastro-ideen-als-asiate-bist-du-zigarettenmafia-imbiss-oder-nagelstudio-li.8507

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