Neue Woche, neue S-Bahn-Begegnungen. Manchmal sind mir Fahrgäste auf Anhieb unsympathisch. Das wäre so ein Fall, vorhin in der S7. Ich fand keinen Platz, stand, auf meiner Sichtachse die Frau auf dem Bild mit dem Rucksack daneben, somit ich auch auf der Sichtachse der Dame. Ich hatte keine Lust auf ihre mutmaßlich blasierte Reaktion, wenn ich sie um den Platz ihres Rucksacks gebeten hätte, außerdem war der Platz entgegen der Fahrtrichtung und ich hatte sowieso vor, beim nächsten Halt zum nächsten Wagon zu wechseln (wo ich dann auch gleich einen wirklich freien Platz fand). Aber ich dachte mir meinen Teil, während ich so stand.

Zum Beispiel, was hätte ich gemacht, wenn ich mit so einem großen Rucksack unterwegs wäre. Ganz einfach: ich hätte mich auf den äußeren Platz gesetzt, wo sie auch saß, aber den Rucksack neben mich auf den Boden gestellt, damit der Platz neben mir für einen weiteren Fahrgast verfügbar bleibt. Dann denke ich angesichts eines solchen Gebarens in schönster Regelmäßigkeit noch: das Verhalten, Sitzplätze in einem vollen Bahnabteil betreffend, wäre aus meiner Sicht ein geeigneter Test für Job-Anwärter in Sachen soziale Kompetenz. Müsste natürlich inkognito, mit versteckter Kamera passieren, leider unrealisierbar. Das lässt sich nicht nachspielen, weil in der Bewerbungssituation ja berechnend darüber reflektiert wird, was auf andere gut und sozial kompetent wirkt.
Also ist meist gar nicht die Unfähigkeit oder Unkenntnis das Problem bei rücksichtslosen Zeitgenossen, sondern die unausgesetzte Priorität privater Interessen in der Freizeit. So raumgreifend, ja übergriffig, zwei Plätze zu vereinnahmen sieht man ja häufiger. Und meist sehen die Akteure nicht aus, als hätten sie einen niedrigen Bildungsstand oder kämen aus prekären Verhältnissen. Herzensbildung ist leider kein Teil von Abitur- oder Hochschulprüfungen. Sehr bedauerlich. Zudem interessant für mich: raumgreifende Breitbeinigsitzer gab es früher nur unter Männern. Ich halte es für keinen Fortschritt, wenn das von Frauen, gleich welchen Selbstverständnisses, adaptiert wird.
Mein Assistent Gemini hat gestern eventuell etwas gefeiert und war vorhin noch nicht ganz wach und fit, als ich ihm den Auftrag für das Bild gab. Er hatte ein paar Anlaufschwierigkeiten. Und es ist ja auch Montag. Beim ersten Versuch stimmte die Beinhaltung, aber ich ergänzte zur Haltung der Arme zwei Kleinigkeiten. Plötzlich saß sie im Schneidersitz, obwohl ich keinerlei Änderung der Beine verlangt hatte. Die Beine wurden dann immer grotesker verrenkt.
Ich glaube, Gemini hatte einfach keine Lust, richtig zuzuhören. Habe ihm nochmals die Ohren lang gezogen: „das rechte über das linke Bein geschlagen, wie ein Cowboy!“ Plötzlich hatte sie dann einen Seitenscheitel, statt des bisherigen Mittelscheitels, aber ich hatte dann auch keine Lust mehr, an Kleinigkeiten herumzukritteln. Ich habe mich auch schon daran gewöhnt, dass Gemini nicht damit zurecht kommt, wenn ich als rechtes Bein das Bein bezeichne, was aus Sicht des Bein-Inhabers das rechte Bein ist. Er versteht nur, was in der Draufsicht rechts ist, um die Ecke kann er leider nicht denken. Aber insgesamt passabel, Gemini. Kannst Pause machen!