14. August 2019

Edeka, Gr. Hamburger, Ecke August, Kasse. Lege Zeug aufs Band. (scanscanscan).

„Einundzwanzig Uhr Fünf.“

„So spät?“

„Ab ins Bett!“

„Ja…. gleich….“

Na gut, der Kassierer kennt mich vom Sehen. Vom Einkaufen halt. Aber auch andere Kunden kriegen seine kleinen Kalauer ab. Ich bilde mir aber ein, dass er sich bei bekannten Gesichtern ein bißchen mehr herausnimmt. Er hat ein lustiges Gesicht, er hat auch immer gute Laune bzw. er sorgt dafür, dass er gute Laune hat (oder so ähnlich). Das übertragt sich auf die Kundschaft. In dem Edeka ist immer gute Laune. Ich gehe gerne hin. Ich kaufe auch gerne Geld. Also einkaufen für zwanzig Euro und dann Bargeld mitnehmen. Das fühlt sich an, als hätte man Geld dafür gekriegt, dass man einkaufen war, das gefällt mir total gut, auch wenn es ja nicht stimmt. Aber gefühlt! Mir ist vorhin auch klar geworden, wieso ich Witzeleien im Alltag unterhaltsam finde, auch wenn sie ein bißchen platt sind, aber dieselben Sprüche auf einer Bühne zum Augenverdrehen. Wenn der Kassierer Quatsch mit mir macht, will er mich ganz persönlich auf den Arm nehmen und erheitern, es ist auch immer ein bißchen individuell. Er möchte an der guten Kundenbindung zu mir arbeiten, dafür gibt er alles und reagiert auch sehr individuell und aufmerksam auf meine Antworten. Es ist sozusagen ein Unikat. Wenn einer auf der Bühne kalkulierte Kalauer in die Menge wirft, ist das so eine Massenabfertigung, die meinem Wunsch nach Exklusivität, also dem kunsthandwerklichen Einzelstück nicht gerecht wird. Wenn der Mitarbeiter vom Edeka der übernächsten Kundin den Preis auch als Uhrzeit sagt, kriege ich das ja nicht mit. Niemals würde er unmittelbar der nächsten Kundin den gleichen Spruch verpassen. Dafür hat er ein zu feines Gespür. Ich weiß das zu schätzen.

07. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXIX.
7. August 2019:

„S-Bahn, Bellevue – Zoologischer Garten, hübsches, kleines Mädchen, ca. 6 Jahre, lange blonde Haare, braun gebrannt, lächelt ihre Oma an. Sieht ihr superähnlich, wie geklont, nur älter. Opa strahlt auch. Enkelstolz! Herzerwärmend.“

Das Mädchen und ihre Großeltern (beide ca. Ende Sechzig) hatten richtig Freude aneinander. Aber das ist ja meistens zwischen Oma und Opa und den Enkelkindern der Fall. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zu einem Ausflug, in Berlin scheint heute wieder die Sonne. So eine große Ähnlichkeit zwischen Enkelin und Oma! Beide hatten einen großen lachenden Mund und auch die Augenpartie total ähnlich, die Nase, alles. Oma hatte kein Make up, die Kleine natürlich auch nicht. Sechsjährige Mädchen malen sich ja noch nicht an. Wenn Oma sich ein bißchen schminkt, sieht sie bestimmt klasse aus, ein guter Typ. Hatte auch längere blonde Haare. So entspannt kann Familie sein, wenn keiner unnötigen Stress macht. Weil keiner zu viel erwartet und nicht zu viel herumerzogen wird. Können sich Eltern mal eine Scheibe abschneiden. Ich bin absolut für wohlerzogene Kinder mit guten Manieren. Da ich selbst keine Kinder erzogen habe, kann ich natürlich viel phantasieren, wie meine Kinder, hätte ich sie gehabt, zu den guten Manieren hätten kommen können, ohne ständig angezickt zu ermahnen. Man lernt ja angeblich am meisten von den Vorbildern in der nächsten Umgebung, die einen am stärksten beeindrucken. Demzufolge hätte ich versucht, die Kinder so von mir zu beeindrucken, dass sie mich gerne nachmachen wollen. So fanmäßig. Schon schade, dass ich nicht so eine kleine putzige Gaga Nielsen produziert habe, ein kleiner Junge wäre auch schön gewesen. Na ja, hat nicht sollen sein. Schon schade! Aber dafür viel Freizeit gehabt, war auch schön. Ist immer noch schön.

05. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXVIII.
4. August 2019:

„U 8, 17:25 Uhr, Hermannplatz – Leinestraße. Alt-Rocker, Jeans, schwarz-weißes Shirt mit punkigem Plattencover, ca. Sechzig, schmal, schwarz gefärbte Haare, Augenringe, dunkle Zähne, Selbstgespräch (gut hörbar):

„Ich geh jetzt nach Hause.
Da eß ich Gulasch.
Denn kommt Susi.
Ich will nicht ficken.
Auch wenn Susi kommt.
Ich rauch nen Joint.
Ich freu mich auf mein Gulasch.
Ich hab Hunger.“


Monologe, die das Leben schreibt.

04. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXVII.
2. August 2019:

„Sophienstr., Gespräch 2 Frauen, Freundinnen. Die Eine: „(…) und dann erzählt Loke (? o. ä.) die ganze Zeit, dass der Mann so toll ist, so toll. Es ist jedesmal dasselbe, immer sind ihre Männer so toll. Und weißt du, warum? Weil sie es sich selber sagen muss, damit sie es selber glaubt!“
~
Dann indisch aussehende Frau, ca. 30, verstellt mir kurz den Weg: „Soll ich deine Aura lesen?“
~
S-B.: Telefonat v. „Daniel“ mit „Flo“ mitgehört („Börlund-Creme“)“

Die erste Notiz spricht für sich, Erläuterungen erübrigen sich.

Zur zweiten Notiz: die Aura-Leserin hob beschwörend die (sicher magischen) Hände in meine Richtung, als sie nach meinem Aura-Lese-Bedarf fragte. Ich war in Eile und antwortete: „Nein, bitte nicht!“ Sonst natürlich immer gerne. Ich lasse mir gerne sagen, dass ich eine strahlend weiße Aura habe, wie man sie nur von sehr alten russischen Ikonen kennt. Oder Jesus. Das hellt den Tag auch gleich auf, wenn man solche hübschen Sachen über sich hört. Ich hätte doch stehen bleiben können und ihr hundert Mark für ein paar nette Worte überlassen. Oder wie der Tarif eben gerade ist. Zu spät. Vielleicht ergibt sich bald wieder eine Gelegenheit, ich laufe da ja jeden Tag entlang.

Die dritte Notiz näher zu erläutern, ist eigentlich nicht ganz im Rahmen der guten Benimmregeln. Ich bin ja in vieler Hinsicht diskret. Aber wiederum für eine gute Geschichte kann man auch schon mal eine Ausnahme machen. Es ist ja nicht peinlich für Daniel. Im Gegenteil, er kommt sehr sympathisch rüber. Er saß mir also in der S-Bahn gegenüber und zückte nach einer Weile sein Telefon. Daniel ist ein ca. 37-jähriger, schlanker Mann und trug vorgestern in der S-Bahn sportiv-lässige Freizeitkleidung, dunkle Jeans und dunkles Hemd oder so. Kurzhaarschnitt, leicht grau meliert, also Einsprengsel, ansonsten brünett. Daniel meldete sich mit: „Hallo Flo, hier ist Daniel!“ Dann erklärte er den Grund seines Anrufes: „Du, sag mal, äh, ich brauche mal deine Hilfe. Ich möchte deiner Mutter zu unserem ersten Jahrestag etwas mitbringen.“

(Einschub von mir: ich vermute entweder gleichgeschlechtliche Ehe oder eingetragene Partnerschaft, wobei ich natürlich nicht weiß, ob Flo nicht auch eine Abkürzung für „Florentine“ oder „Flora“ sein könnte, der unsäuselige Ton ließ mich aber von einem Gespräch unter Männern ausgehen, vielleicht ist Flo aber auch der Bruder seiner Frau, also der Schwager, der weiß, dass Daniel mit „unserem Jahrestag“ den Hochzeitstag von Daniel und seiner Schwester meint)

Daniel weiter: „Und da dachte ich mir, damit es nicht wieder so ein Media-(Markt)-Gutschein wird, wäre eine Creme toll. Sie benutzt da doch sowas, hab ich mal im Bad gesehen, das steht irgendwas drauf wie Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Kannst du da vielleicht noch schnell was besorgen? Aber es eilt! Ist schon morgen!

(Einschub: wobei, wenn Flo und Daniel ein Paar sind, dann müsste Flo doch wissen, dass man sich morgen bei der Mutter von Flo trifft, wegen des Jahrestages. Oder hat Flo den Jahrestag nach so kurzer Ehe etwa schon vergessen? Das gäbe mir sehr zu denken!)

Daniel weiter: „Also ich dachte mir, damit es nicht so plump rüberkommt, könntest du sie fragen: „Du, ich bräuchte mal was für meine Haut, kannst du mir da was empfehlen? Was nimmst du denn so?“ Also wie gesagt, die Creme heißt Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Mit einem ö jedenfalls, schau doch mal! Das wäre ganz toll, und wenn nicht, wirds halt doch wieder ein Media-Markt-Gutschein! Danke dir, Tschüss!“

Die Schlussformel gibt mir zu denken, ein bißchen romantischer könnte man sich nach einem Jahr Ehe schon voneinander verabschieden. „Kuss“ oder ein geflüstertes „…ich dich auch“ sollte schon drin sein, unter jungen Eheleuten. Na ja, aber vielleicht ist auch alles ganz anders und Flo ist doch nur der Schwager, der nun hoffentlich dank fachkundiger Beratung bei Douglas oder Karstadt auf die „Börlund“ oder „Börlind“-Creme stößt. Hoffe, die Mutti von Flo freut sich angemessen und es war ein schöner Jahrestag!

31. Juli 2019

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 8354167140_db9c26b62f_b.jpg.

Aus meinem goldenen Notizbuch XXVI.
31. Juli 2019

„S 9 (Friedrichstr. Fensterblick Schiffbauerdamm), kleiner Junge:
„DER Fluss, DIE Spree?“ (Papa nickt) Junge: DER Fluss, DIE Spree!“

Geheimnisvoll. Ist mir noch nie vorher aufgefallen. Wieso sind die meisten großen deutschen Flüsse Weibchen und nur wenige Männchen? Merkwürdig.

DIE Spree
DIE Havel
DIE Donau
DIE Isar
DIE Elbe
DIE Oder
DIE Mosel
DIE Weser
DIE Eger
DIE Leine
DIE Fulda
DIE Salzach
DIE Pegnitz
DIE Werra
DIE Saale
DIE Lahn
DIE Rednitz
DIE Ruhr

DER Rhein
DER Main
DER Neckar
DER Inn

29. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXV.
29. Juli 2019:

„S 7 (Stichwort „Fiffi“ (…)) Kleines Frauchen mit bedrucktem schwarzen Shirt, Schriftzug „Kampfherz“ (oder „Kämpferherz“), Haare zu Pferdeschwanz (hennarot gefärbt), herrischer Gesichtsausdruck, denke „Kampfhund“ wäre passender zur Kampfschnute.“

Das Mäuschen erinnerte mich an jemanden, der genauso gucken kann. Mit so einer gewissen verbissenen Zielstrebigkeit als Werkseinstellung, die sich als arroganter Zug ums trotzige Mündchen manifestiert hat. Sofern nicht gerade aus Opportunismus die charmante Version gespielt wird. Die Rolle wird jederzeit zielstrebig variiert, je nachdem, wer angespielt wird. Liebes Kind ist auch im Repertoire, aber nur für Leute, die man kalkuliert für sich einnehmen möchte, nicht etwa als Standard-Rolle für die gemeine Öffentlichkeit. Die unverstellte Version kann man dann sehr schön in Situationen wie öffentlichen Verkehrsmitteln beobachten, wo es halt nicht drauf ankommt, ob man sympathisch wirkt oder wie ein berechnendes Luder. Normalerweise verfasst ja auch keiner Blogeinträge über unbekannte S-Bahn-Passagiere. Da kann man sich dann nach Herzenslust gehen lassen. Der Charaktertyp kommt auch häufig ans von langer Hand geplante Ziel, die Rechnung geht meistens dann auf, wenn jemand etwas ordnende Struktur im Leben braucht. Dieser Typ bietet jede Menge Zielvereinbarung. Beurteilungsgespräche gehören aber auch zu diesem System, und das muss man mögen. Ich ja nicht. Weder die Rolle der Zielvorgebenden, noch der Zielempfängerin. Dementsprechend habe ich es auch nicht weit gebracht. Ich bin lediglich hingebungsvoll und eine treue Seele, Forderungen sind eine Fremdsprache, die ich wohl in diesem Leben nicht mehr lernen werde. Da mir der Zug eh unsympathisch ist, zumindest privat, ist das glaube ich kein so großes (Charakter)Defizit.