15. November 2018

Gestern ein paar ganz brauchbare Bilder von Rudi Protrudi (66) von den Fuzztones und seinem dreissigjährigen italienischen Schlagzeuger Marco Rivagli (der aussieht wie der fünfte Ramone), auf meinem Rechner gesichtet. Die Bilder sind am 5. Juni 2018 beim EHIEH („Ein Hit ist ein Hit“) Vol. 38 entstanden. Von Nikko Weidemann, dem Gastgeber auch sehr viele, besonders gute sogar. Die kennt er noch gar nicht. Aber wen interessiert das – außer den Abgebildeten – ein halbes Jahr später. Ich beschäftige mich nach Lust und Laune, ohne Zeitplan und ohne besonderen Ehrgeiz nebenher mit diesen ganzen älteren Aufnahmen, lade es dann auch irgendwann in flickr hoch, ist ja mein virtuelles back up, aber mir geht da keiner ab. Ich war im Frühjahr schon mal bei einer der Shows und habe fotografiert. Letzten Endes gibt man die Bilder zur Kenntnis, es gibt ein paar lahme Reaktionen und eine Weile später sieht man rein zufällig, dass jemand aus zwei Fotografien einen Header für sein Musikerprofil gebastelt hat. Mich ärgert nicht, dass sich jemand damit repräsentiert, sondern nicht darüber kommuniziert.

An dem Abend mit Rudi Protrudi waren auch noch andere eindrucksvoll kostümierte musikalische Performer auf der Bühne vom Ballhaus. Die eine Truppe hatte bizarre Teletubbi-mäßige Plüschkostüme an, der sonnenbebrillte Sänger stellte einen Teller Spaghetti mit Tomatensoße dar, was sich lächerlicher anhört, als es visuell wirkte. Die drei Kostümierten coverten „DA DA DA“ von Trio. Ich war mit Jenny dort, sie wäre bestimmt amüsiert von den Bildern, zumal sie auch weiß, dass diese Truppe musikalisch nicht sehr interessant war, aber das ist der monotone Kult-Song ja auch nicht. Ina erzählte ich später von dem Abend und dass ich ziemlich eindrucksvolle Bilder hätte, die mich aber dennoch nicht so wahnsinnig interessieren, ich habe mit den Protagonisten auf der Bühne ja sonst nichts zu tun. Und ich sagte ihr auch, dass wer die Bilder sehen würde, denken müsste, er oder sie hätte die superhippe Mega-Party des Jahrtausends verpasst. Aber vielleicht war es das ja für einige. Mir ist da zuviel Powerpoint Präsentation, zu viel Gerede, zu viel Moderation im Stil eine Kultur-Vortrags mit Inhalten, die man bei Wikipedia nachlesen kann, zu viele platte Witzeleien, zu viele Kalauer. Ich hasse Kalauer. „Mainz wie es singt und lacht“ für Akademiker. Wir haben den Abend trotzdem genossen, aber die musikalische Qualität war schon sehr durchwachsen. Eine blonde Keyboarderin und Sängerin hat ein Cover von Joni Mitchell gesungen. Eine ihrer melancholischsten Balladen. Sehr, sehr gut. Das war eher auf meiner Wellenlänge.

14. November 2018

Musste vorhin lachen. Gegen 13:10 Uhr und noch einmal um 13:30 Uhr. Zweimal innerhalb von zwanzig Minuten (Monats-Rekord). In beiden Fällen Alma Schindler zu verdanken. Später hieß sie dann Alma Mahler. Und noch später Alma (Mahler-?)Gropius. Und dann Alma Werfel. Zuletzt dann wohl Alma Mahler-Werfel in ewigem Gedenken an ihren Gustav und natürlich auch um die Zugehörigkeit zum größten männlichen Superstar in ihrer Biographie für die Nachwelt undemontierbar zu demonstrieren, zementieren. Werfel war dann ja auch schon tot und konnte das nicht mehr unpassend finden. Wobei ich nicht genau weiß, was in welcher Beziehungsepoche tatsächlich in ihren Pässen stand. Als sie noch Alma Schindler hieß, ihr Mädchenname, schrieb sie bereits mit großem Eifer Tagebücher. Nun lese ich gerade ein Buch, das sich durchaus nicht zentral um Alma Schindler Mahler Gropius Werfel dreht, aber kurze Passagen mit Tagebuchzitaten von ihr enthält. Diese meine aktuelle Lektüre heißt „Auf der Hohen Warte„, eine exclusive Wohngegend in Wien mit vielen schönen alten Villen, ja man könnte von einer Künstlerkolonie sprechen, nicht nur Industrielle, auch die Künstler der Wiener Werkstätte und der Secession wurden hier heimisch und Alma immer mittendrin. Das Buch beschreibt einzelne Villen und die Eckdaten der Bewohner bis in die Gegenwart, daher kommt so ein Buch auch an der guten Alma nicht vorbei. Es liest sich insgesamt eher wie ein Wikipedia-Eintrag in mehreren Kapiteln, ich hatte mir mehr Anekdoten und Nähkästchengeplauder erhofft. Umso mehr horche ich auf, wenn es dann doch einmal menschelt, in diesem Sachbuch.

Seite 119 – 120:
„(…) in der Villa Moll I auf der Hohen Warte macht Gustav Mahler Alma am 28. November 1901 einen Heiratsantrag, nachdem er sie am Tag davor bei der Abendgesellschaft von Berta Zuckerkandl kennengelernt hatte. Weil der Direktor der Hofoper im neuen Haus nicht telefonieren kann, gehen sie gemeinsam „durch den knirschenden Schnee, Seite an Seite – fremd und nah – hinunter nach Döbling“, so Alma in ihren „Erinnerungen“. Er muss sich mehrmals bücken, um das lose Schuhband wieder zuzuschnüren. Sie findet: „seine kindliche Unbeholfenheit war rührend“. „Mein Gustav war bei mir heroben, wir fühlten unser Blut toben.“ schreibt sie kurze Zeit später.

MEIN GUSTAV WAR BEI MIR HEROBEN
WIR FÜHLTEN UNSER BLUT TOBEN

Ich meine das hat Potenzial. Im Grunde schreit es nach Weiterentwicklung zu einem Schlager alter Schule. Max Raabe könnte sich einmal daran versuchen oder Henry de Winter, wobei ich nicht weiß, ob die beiden Erfahrung oder Talent in der Richtung haben.

Des weiteren Seite 133:
„(…) im Februar 1900 lernt Alma Schindler (20) bei einer Abendgesellschaft „beim Spitzer“ Alexander Zemlinsky kennen. Sie trinken Punsch und sie erzählt ihm von ihrer „großen Verehrung“ für Gustav Mahler und ihrer „Sehnsucht, ihn kennen zu lernen“. Zunächst aber schwärmt sie für den 28-jährigen Komponisten Zemlinsky, findet ihn zuerst hässlich – und dann: „Er gefällt mir sehr – sehr. Ich werde ihn zu uns ins Haus bringen. Der Abend war kein verlorener für mich. Ich habe gelebt.“

DER ABEND WAR KEIN VERLORENER FÜR MICH
ICH HABE GELEBT

Ganz herrliche Zeilen.

10. November 2018

Man hat nicht immer ganz realistische Vorstellungen, was ein gewisses Lebensalter bedeutet. 1992 gab es eine Fotostrecke in der deutschen Vogue mit Vera von Lehndorff („Veruschka“). Sie trug meiner Erinnerung nach u. a. einen Anzug, vielleicht von Yamamoto, weißes Hemd, flache Schuhe, die Haare glatt und schulterlang. Sehr cool, sehr attraktiv. Damals war sie 53 und ich blätterte die Strecke immer wieder durch und betrachtete die „hochbetagte“, von mir zeitlebens verehrte Veruschka wie ein Weltwunder. Sie sah nicht wie ein altes Mütterchen aus, war weder verunzelt noch sonstwie verwelkt und auch nicht jenseits von Gut und Böse. Sie war dynamisch, schön, cool, lässig, hochattraktiv. Als ich fünfzig wurde, stellte ich fest, dass kein Alterungsprozess im Zeitraffer eintritt, der einen alsbald dahinrafft. Ich fühlte mich nicht schwächer oder gebrechlicher als mit vierzig. Natürlich treten biologische Veränderungen ein, aber die sind keine Katastrophe, manche haben sogar Vorteile. In einem Gespräch unter vier Augen mit Jenny, heute vor einer Woche – sie hatte bei sich zuhause wunderbar gekocht, und wir waren unter uns, kam das Gespräch auf verschiedene Legenden, die dieses Lebensalter umranken. Viele denken ja, dass gewisse Gefühlsempfindungen nachlassen. Ich meine nicht die Fähigkeit, sich zu verlieben, sondern das Gesamtpaket. Aus meiner Erfahrung lässt da überhaupt nichts nach. Kein bißchen. Die Einbrüche im Empfindungsvermögen die ich in meinem Leben hatte, waren immer mentaler Natur, was sich dann zeitweise auch körperlich auswirkte. Aber das bleibt nicht ewig. Wenn man sich innerlich wieder berappelt, folgt der Körper mit allen Zellen. Wirklich allen. Dass man keine Panik mehr vor einer ungewollten Schwangerschaft haben muss, ist auch alles andere als ein Beinbruch. Und die paar Hitzewallungen, die ohnehin nicht jede Frau hat, kann man auch wegstecken ohne sich ein Hormon-Potpourri einzuverleiben. Meine Mama hatte kaum aufsteigende Hitze, war aber früher in den Wechseljahren als ich. Ich kenne das durchaus, die plötzliche tropische Hitze im Nacken. Aber das tut ja nicht weh. Ist auch sehr unregelmäßig, kann man wirklich aushalten. Ich nehme gar nichts außer Aspirin, wenn ich mal aus Versehen irgendwo außer Haus doch ein Glas zuviel von keinem Spitzengewächs getrunken habe. Sonst gibt es hier nur Pflaster und Ohropax für die Silvesternacht. Dass die kleine Lesebrille nun doch immer in Griffweite ist, finde ich mit Abstand am Schlimmsten. Ich hatte doch angeblich laut Augenarzt bei diesen Kontrolluntersuchungen immer 120 Prozent Sehfähigkeit. Seit Ende meiner Vierziger hat sich da doch irgendeine Veränderung eingeschlichen, die ich nicht begrüße. Leider gibt es keine Tabletten gegen diese Sache. Ärgerlich! Da könnte man doch mal forschen. Das bedeutet nämlich auch, dass ich auf dem Display der Kamera nicht mehr ohne Lesebrille erkennen kann, ob ein Bild scharf ist. Ich kann so nicht arbeiten! Aber sonst alles im grünen Bereich. Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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*1965

07. November 2018

„Pille fürs Vergessen“. Interessant. Vierzehn Jahre alt der Artikel zur medikamentösen Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen. Was wohl aus der Entwicklung des Medikaments geworden Ist? Ich war noch nie in psychotherapeutischer Behandlung, vielleicht sollte ich das ändern. Wobei ich mich erstaunlich gut halte, angesichts dessen, was mir widerfahren ist, widerfährt. Belastend empfinde ich, niederdrückende Erlebnisse unter den Teppich zu kehren, um keine gut gemeinten Ratschläge und unerwünschten Bewertungen und Zensuren zu erhalten.

Und selbst wenn ein offenes Ohr und Herz da ist, ohne Stirnrunzeln und anmaßende Handlungsvorschläge, mag ich es nicht, das Ganze mit noch mehr Wucht und Präsenz zu füttern. Im Grunde mag ich beides nicht, es herunterzuschlucken, als wäre nichts gewesen, aber auch nicht, es in die Welt zu tragen, zur öffentlichen Begutachtung. Am besten wäre Ausradieren. Man müsste eine Pille entwickeln, die man exakt chronologisch auf den Punkt einsetzen kann. Also zum Beispiel: bitte Erinnerungen an den 30. Februar 1928 komplett löschen. Ich würde da durchaus die eine oder andere Pille schlucken.

05. November 2018




Hennigsdorf. Mitte Oktober. Weil ich noch niemals in Hennigsdorf war, hatte ich doch die Kamera eingepackt, falls eine ungeahnte Sehenswürdigkeit daherkäme, und ich die einmalige Gelegenheit dann versäumt hätte, dieses eine Bild einzufangen. Tatsächlich war es schon völlig dunkel, als ich aus der S-Bahn stieg, ich kann kaum beurteilen, wie die Straßen von Hennigsdorf wirken, ob mir da etwas entgangen ist. Vom Gefühl her war es wie eines von vielen kleineren Städtchen, das man offen gestanden auch recht schnell wieder vergisst, hat man ihm den Rücken gekehrt. Vor dem Stadtklubhaus war ein stattliches Konzertplakat angebracht, wie man es eher am Berliner Olympiastadion erwarten würde. Beinah hätte ich es fotografiert, aber dann wurde mir klar, dass sich die Größe nur vermittelt, wenn jemand daneben steht. Das Gebäude hat eine ganz schöne, elegant zurückgenommene Fünfziger(?)-Jahre-Architektur. Man hätte dort auch gut und gerne eine Szene mit Lilo Pulver und Paul Hubschmidt beim ersten Rendezvous drehen können. Ich mag architektonischen Feinsinn, daher hoffe ich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Hennigsdorf ist ja nicht so weit von Berlin und gehört für mich zu den Orten, wo man nie sicher ist, ob es gerade noch ein Randbezirk von Berlin ist, oder doch schon Brandenburg. Auf jeden Fall von mir aus ohne umzusteigen leicht mit der S-Bahn zu erreichen. Daher fand ich es auch ein bißchen merkwürdig, dass Freunde anmerkten, dass es doch sehr beachtlich sei, dass ich nun sogar schon nach Hennigsdorf reise, um ein Konzert vom Berlin Beat Club zu besuchen. Also praktisch nach Übersee. Ohne den Ruhm der von mir geschätzten Formation schmälern zu wollen, habe ich dann das Gefühl erklären zu müssen, dass ich kein hysterischer Fan bin, sondern einfach gerne zu sehr guter Live Musik tanze, noch dazu zu einem Potpourri geliebter Songs der Sixties und Seventies. Als müsste ich mich dafür entschuldigen, wie blöd. Tatsache ist, dass der Berlin Beat Club mehr Tempo und Stimmung macht, als zum Beispiel die als Beste geltende Doors Coverband aus UK, und das ganz ohne den Ehrgeiz, wie ein Abziehbild eines der alten Superstars auszusehen. Es war total voll, womöglich ausverkauft, jedenfalls gab es in kürzester Zeit keinen freien Sitzplatz mehr. Ein paar bekannte Gesichter aus Berlin winkten mich zu ihrem Tisch, sehr familiär und nett, ein Tisch ganz vorne. Im Grunde möchte man hauptsächlich tanzen und benutzt den Stuhl nur für Verschnaufpausen oder um die Jacke drüberzuhängen. Etwas nach mir trudelte Ina ein, die mit mir die Begeisterung für dieses spezielle Tanzvergnügen teilt. Ich hatte zuletzt als Teenie eine Freundin, mit der ich regelmäßig tanzen gegangen bin, ich liebe das so sehr.

In einer der Pausen setzten wir uns in die Nähe des Tresens, wo es auch Wiener Würstchen gab, die wir uns auch genehmigten. Während der Unterhaltung nahm unsere Stimmung einen Umschwung. Ina begann über Irina zu sprechen, und dass es ihr zunehmend schlechter ging. Sehr schlecht. Im Grunde hoffnungslos. Das bedrückte mich so sehr, ich driftete innerlich völlig nach unten, auch wegen der Hilflosigkeit, mit der nicht nur wir beide vor dieser Krankheitsgeschichte standen. Eine Mischung aus Trauer und Wut und Ach. Die Band spielte schon längst wieder, als wir wieder nach vorne gingen, das Hennnigsdorfer Publikum feierte dieses Live-Erlebnis als etwas Besonderes. Was es wohl auch ist, einmal im Jahr, wenn ich es richtig verstanden habe. Ich versuchte noch einmal mitzugrooven, aber es fühlte sich gezwungen an, die Band gab wie immer alles. Ich kam nicht mehr von der dunklen Wolke herunter, Ina bekam noch mal die Kurve und tanzte weiter. Da saß ich mit einer inneren Trauer und Wehmut und ermunterte mich selbst bei Hey Jude zum Schluss wenigstens den Chor mitzusingen. Das war auch ganz schön. Ina fuhr mich dann bis Frohnau zu S-Bahn, von wo ich alleine heimfuhr. Zwei Tage später schrieb Jan, dass Irina gestorben ist. Am Freitag, dem 12. Oktober um 14:30 Uhr. Also war sie schon nicht mehr unter uns, als wir am Samstag über sie sprachen. Oder aber auch doch. Wer weiß es. Vielleicht ja doch. Diese paar Bilder habe ich sehr nebenher gemacht, eigentlich um mich abzulenken. Die eine Frau im Publikum, im Profil da oben, ist auch eine Berliner Anhängerin der Band. Sie erinnerte mich wieder daran, wie schön ich es fände, wenn Uschi Nerke irgendwann einmal zu einem Konzert des Berlin Beat Club käme. Sie hatte ja auch so eine Frisur. Das wäre schön.