05. Dezember 2022

Sophienkirchentürmchen im Nebel. Davor Baumkronenspitzen Gipsdreieck mit Nebelkrähen drauf. Blick aus meinem Wohnzimmer. Links davon, nicht im Bild, sind die Kuppeln vom Berliner Dom und vom Schloss, auch alle im Nebel versunken. Vorhin eine große Krähenversammlung am Himmel. Wie eine große Besprechung. Vor kurzem habe ich erst gelernt, dass Krähen in Schlafbäumen schlafen. Sie sitzen dicht an dicht auf den Ästen, mit gesenktem Köpfchen und Augen zu und schlafen so. Sie haben feste Treffpunkte für die Nachtruhe, auch wenn sie tagsüber anderswo in der Stadt ihren festen Lebensmittelpunkt haben. Zum Beispiel kann es sein, dass meine Balkonbesucherinnen, die Krähen, die gerne auf meiner Balustrade sitzen, und auch sonst im Gipsdreieck herumhüpfen, zur Schlafenszeit rüber zu ihrer festen Schlafgruppe im Lustgarten fliegen. Sie kuscheln zu Hunderten in den Schlafbäumen. Vielleicht gehen sie im Dezember schon früher schlafen, wenn es so früh dunkel wird wie jetzt.

04. Dezember 2022

Ich mache mir jetzt wieder Instant-Hühnerbrühe mit Ingwerschnipseln. Bin doch froh, dass ich nicht ins Krankenhaus eingewiesen wurde. Nur bei zwei schlimmen Hustenanfällen, wo mir ein bißchen Angst wurde, hatte ich die Notrufnummern rekapituliert. Es gibt ganz verschiedene Arten von Lungenentzündung, bakterielle und virale. Und wichtige Unterscheidung: ob man sich im privaten Alltag oder im Krankenhaus angesteckt hat. Die Krankenhaus-Infektionen sind die Schlimmsten, ein Grund mehr, nur im Notfall dort zu weilen. Ich bin sehr ruhebedürftig, da wären dann dauernd andere Leute im Zimmer, man wird geweckt, um seine Antibiotika zu nehmen, soll zu bestimmten Uhrzeiten essen, noch dazu Sachen, die ich mir wohl nicht selber zubereiten würde. Die Hustenkrämpfe sind nicht mehr so angsteinflößend, bin aber sehr schnell angestrengt. Aber es gibt ja Hoffnung, es wird im Schildkrötentempo besser. Essen hab ich auch noch, war am Donnerstag mit letzter Kraft einkaufen. Ich könnte mir auch mit meinem Rewe Account Lebensmittel bestellen, erst einmal gemacht, funktioniert sehr gut. Nach Gesellschaft ist mir gar nicht, das ist aber so eine Typsache, denke ich. Die Vorstellung, dass alle zwei Stunden jemand an mein Lager tritt und mir prüfend und mitfühlend die Hand auf die Stirn legt, ob ich erhöhte Temperatur habe, ist mir ein Graus. Das müsste man dann ja antworten… ich bin der Krankentyp Autistin. Aber manchmal hier hineinschreiben, ohne zu sprechen, ist mir angenehm.

03. Dezember 2022

Friedrich Schiller arbeitete in den Tagen vor seinem Dahinscheiden (am 9. Mai 1805), die Lungenentzündung hatte sich bereits voll entwickelt, mit letzten Kräften an dem unvollendeten „Demetrius“. In diesem gibt es einen Monolog von Marfa, der Frau Mama von Demetrius. Das müssen die letzten Zeilen gewesen sein, die er je schrieb, da das Manuskript mit dem nunmehr vollendeten Monolog auf seinem Schreibtisch lag.

Dies sind die allerletzten Zeilen des Monologs:

Du ewge Sonne, die den Erdenball umkreist,
Sei du die Botin meiner Wünsche!

Du allverbreitet ungehemmte Luft,
Die schnell die weitste Wanderung vollendet,

O trag ihm meine glühnde Sehnsucht zu!
Ich habe nichts als mein Gebet und Flehn,

Das schöpf ich flammend aus der tiefsten Seele,
Beflügelt send ichs in des Himmels Höhn,

Wie eine Heerschar send ich dirs entgegen!

Schillers Leibarzt drängte ihn, bevor er das Bewusstsein verlor, zur Belebung seiner Kräfte zu einem Bad, was er ablehnte, sowie zu einem Glas Champagner, welches er zu sich nahm und sein letztes war.