11. Dezember 2018

Angelica Blechschmidt. Sie starb am 29. Juni 2018, ich habe es nicht mitbekommen. Weil ich die Tagespresse nicht kontinuierlich und lückenlos verfolge. Es gab in allen großen Zeitungen Nachrufe. Aber für die vermutlich sehr jugendlichen gmx-Redakteure nicht präsent genug. Sie war bereits fünfzehn Jahre im Ruhestand, die ehemalige Chefredakteurin der deutschen VOGUE. Mitte der Achtziger, ab circa 1986 kaufte ich das Heft regelmäßig, bis Ende der Neunziger, also fast fünfzehn Jahre. Ich habe die kompletten Jahrgänge aufbewahrt. Es umfasst annähernd die Spanne ihrer Zeit als Chefredakteurin. Zur Jahrtausendwende war ich der Lektüre überdrüssig, es wiederholte sich alles so sehr, die Posen in den Bildstrecken langweilten mich oft, ich war plötzlich keine faszinierte VOGUE-Leserin mehr. Früher hatte ich mir auch hin und wieder die amerikanische oder britische Ausgabe gekauft. Und Harper’s Bazaar. In jedem Heft fand ich Inspiration anhand der visuellen Kostbarkeiten. Der Druck war aufwändig, das Layout erstklassig. Weil ich so genussvoll in die Bildstrecken eintauchen konnte – und die hochkarätige Werbefotografie war ein Teil davon – bewahrte ich alle Ausgaben auf. Ich hätte es als Gotteslästerung, als Sünde empfunden, die Hefte zu entsorgen. Eine Tageszeitung ohne Meldung von historischem Rang oder eine beliebige Illustrierte oder Frauenzeitschrift packt man nach der schnellen Lektüre in die Altpapiertonne, aber doch keine VOGUE! Das wäre, als ob man einen hochglänzenden Bildband von Schirmer Mosel wegschmeißt. Es waren durchaus auch ansprechende Interviews darin, von interessanten und charismatischen Künstlern, das rundete das visuelle Erlebnis mit geistigem Input ab. Aber das war nicht der Hauptgrund, nicht die Essenz. Es war alles zusammen. Wäre ich nicht gestern mit Ina essen gegangen und hätte sie nicht erzählt, was sie die letzten Tage unternommen hatte, wüsste ich heute noch nicht, dass Angelica Blechschmidt tot ist. Die Alterslose, heißt es überall, weil sie ihr Geburtsjahr nie veröffentlichte. Der Spiegel hat wohl doch einen Zugriff gehabt und vermerkte in einem Nachruf ein Alter mit Klammer auf – Klammer zu (76). Ob es genau stimmt, ist eigentlich egal. Es war klar, dass sie irgendwann in den Vierzigern geboren sein musste, im Alter meiner Mama. Die ist Jahrgang 43. Wie Mick Jagger. Was jetzt aber nicht verleiten soll, da Ähnlichkeiten zu assoziieren. Das ergab sich logisch aus ihren biographischen Eckdaten. Blechschmidt hatte einen Kopf wie eine Löwin. Manche sagen ihr nach, sie wäre die Vorlage der Figur, die Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ verkörpert hat. Aber das ist die weltweit bekanntere Anna Wintour ja auch. Eine diktatorische Fashion-Ikone, die die Puppen tanzen lässt und in ihrem Umfeld keine Geschmacksverirrung duldet. Aber die deutsche Vorlage war wohl letztendlich eine warmherzigere Variante, als die Figur im Film. Ich habe sie nur einmal wirklich gesehen, das war in Berlin, am Rande einer Ausstellungseröffnung. Dabei entstand auch dieses Bild. Es war der 2. Mai 2008. Rund zehn Jahre vor ihrem Tod. Sie rauchte. Beständig heißt es. Gestern beim Essen im Jungbluth erzählte mir Ina, dass sie ein Sofa aus dem Nachlass der ehemaligen Chefredakteurin der Vogue gekauft hat. Bei der Vorbesichtigung einer Auktion ihres Nachlasses. Ich war hellwach. „Was? Wer? Angelica Blechschmidt? Ist tot…?!?“ Sie erwähnte, es gäbe noch einen Termin. Der ist heute. Die eigentliche Auktion. Heute wird der Nachlass von Angelica Blechschmidt im Auktionshaus Dannenberg in Berlin versteigert. Ich habe mich durch den online Katalog geblättert und etwas gesehen, was ich gerne hätte. Ich würde es ehren und benutzen. Es war ihr eigener Wunsch, dass ein größerer Teil ihrer bildschönen Sammlung von Mobiliar und Kleidern und Objekten und Bildern und Büchern anderen zuteil wird. Das hat sie wohl ausdrücklich verfügt. Letzte Woche wurde bereits Schmuck und die eine oder andere Handtasche und Kleinmöbel in Hamburg verkauft. Bei Dannenberg gibt es auch größere Möbel und Objekte, aber auch ganz kleine Dinge, wie Sonnenbrillen, kleine Lampen, Geschirr, Brillenetuis. Was sich so ansammelt, in einem Leben. Insgesamt sind 3000 Objekte in den Verkauf gekommen. Dennoch bleibt ein großer Teil bei ihren Angehörigen, die es gibt, auch wenn sie nicht verheiratet war, kinderlos blieb. Ich habe noch nie auf einer Auktion etwas ersteigert, vielleicht kann ich es mir am Ende auch nicht leisten, obgleich es kein Mindestgebot gibt. Aus einer Sentimentalität hätte ich es gerne. Mal sehen.

11. Dezember 2018

Besuch in Zelle vier. Ina, Alban, Jan. Und die mir bis dahin nur von Jans Fotografien bekannte Miss Lee. Sie setzte sich auf die Pritsche und schaute sich die Slideshow an, nahm die Fotos, die auf dem Bettlaken lagen, blätterte sie Bild für Bild durch, sehr konzentriert. Freut einen. Gerade wenn jemand bislang keinen Bezug zu mir hatte und dann bleibt, länger als es ein Höflichkeitsbesuch sein müsste. Das war für mich interessant und amüsant. Ich habe bei weitem nicht alle fotografiert, die kamen, sich vorsichtig („darf man….?“) hinsetzten und auch Fragen stellten. Oft war ich zu sehr damit beschäftigt, von einer Zelle zur anderen zu turnen. An dem Abend kamen auch noch Ilka und Max und Martin und brachten eine gute Flasche und noch etwas mit, das mich rührte (sehr), ein kleines Kunstwerk, „Free Gaga“. 3. September 2017. Nicht vertippt. Mehr als ein Jahr her. Ich hab noch mehr.