
…da Sophie ständig Liebesbriefe von ihrem Cousin bekam, der ein getrennter Italiener war…
Aufwachen, 4. August 2026
Heute Morgen, gegen viertel neun. Manchmal hört man unterwegs Halbsätze von vorbei laufenden Passanten. So ähnlich war das. Ich wachte auf, wusste, ich hatte intensiv geträumt und von all dem blieb nur dieser halbe Satz ohne Zusammenhang, obwohl davor mehr erklärt wurde. Nur was?
Ich kenne nur eine Sophie, aber die kam nicht im Traum vor. Mit dem Namen verbinde ich den Film mit Meryl Streep, „Sophie’s Choice“, Sophie Scholl und dann noch die Sophienkirche, deren barocken Kirchturm ich von meinem Wohnzimmerfenster aus sehe.
Die eine Sophie, die ich persönlich kenne, hat keinen italienischen Cousin, ich habe sie vorhin gefragt. In meiner Familie gibt es keine Sophie, von der je erzählt worden wäre. Ich nehme an, meine Traum-Sophie ist Deutsche und nicht wie ihr Cousin italienisch. Wie kann das zustande kommen?
Angenommen, die deutsche Mutter von Sophie hätte eine Schwester, die nach Italien ausgewandert ist, dort einen Italiener geheiratet hat und mit dem Italiener in Italien einen Sohn bekommen hat, der dann auch in Italien mit italienischer Staatsbürgerschaft aufwuchs und dort lebt. Dann kann man ihn als Italiener bezeichnen, auch wenn seine Mutter Deutsche ist.
Sophie könnte in den Sommerferien oder Semesterferien (falls sie studiert), oder im Urlaub, ihre Tante und deren Familie in Bella Italia besucht haben und ihren italienischen Cousin – ich nenne ihn einfach mal Mauro – näher kennen gelernt haben.
Vielleicht ist Sophie Mitte Zwanzig und Mauro schon etwas älter, sagen wir 32. Mauro ist getrennt, haben wir erfahren, ob frisch getrennt nach einer Beziehung oder getrennt im Sinne von vielleicht sogar schon geschieden nach einer ersten Ehe, kann nur gemutmaßt werden.
Jedenfalls war auch Mauro alleine zu Besuch in seinem italienischen Elternhaus, wo er auf seine Cousine Sophie traf, die sich toll herausgemacht hatte. Sie sprach sogar ein bisschen italienisch, mit einem süßen deutschen Akzent. Zur Vorbereitung auf die Reise hatte sie sich so eine App auf ihr Smartphone geladen, mit dem sie Umgangssprache übte, einfache Floskeln wie ihre Namen sagen und Essen bestellen und nach der Toilette fragen.
Mauro hätte ihr so gerne mehr Italienisch beigebracht. Sophie mochte Mauro auch, aber sie hatte noch etwas Liebeskummer von einer unglücklichen Verliebtheit, eine Geschichte, wo nur sie so richtig verliebt war, ihr Angebeteter sah sie nur als Intermezzo, das schmerzte Sophie immer noch. Sie suchte Ablenkung bei ihrer Tante Lilli und deren Familie in Italien – Sonne, Meer, Mandolinen, Vespa fahren!
So wurde Italien jedenfalls immer in den alten Filmen aus den Fünfziger und Sechziger Jahren gezeigt, die ihre Mutter so gerne anschaute. Dass Italiener gerne flirten, hatten sie auch schon einmal gehört, was auch ok war. Aber der eigene Cousin? Ist das nicht überhaupt auch irgendwie verboten oder sogar Blutschande?
So weit dachte Sophie aber gar nicht, sie wollte nicht in die Richtung denken, es gab ja noch genug andere Männer auf der Welt, da musste man sich nicht ausgerechnet mit dem Cousin einlassen. Sie wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, wenn Mauro ihr nicht immer so zugeblinzelt hätte und dauernd Vorschläge gemacht hätte, in welche Bar man am Abend gehen könnte. Aber sie wollte in diesen Ferien ja schließlich auch etwas erleben und endlich Tapetenwechsel von dem blöden Liebeskummer haben! Zum Glück wurde Mauro nicht zudringlich, man will es sich ja auch nicht mit der eigenen Familie verscherzen.
Als sie wieder daheim in Deutschland war, freute sie sich über die schönen Ferien, die sie gehabt hatte. Ihre alte unglückliche Liebe war wieder ein wenig weiter in die Ferne der Vergessenheit gerückt, wenigstens ein Stückchen. So durfte es weiter gehen.
Kaum war sie zwei Tage wieder zuhause, kam ein erster handgeschriebener(!) Brief aus Papier(!) mit einer schönen italienischen Briefmarke. Sophie konnte sich gar nicht erinnern, ob sie überhaupt schon einmal einen handgeschriebenen Brief aus Papier erhalten hatte, wahrscheinlich nicht. Wie aufregend! Sie kannte nur Messages vom Smartphone und E-Mails.
Als sie den Papierbrief mit einem feierlichen Gefühl öffnete – ihre Mutter zeigte ihr, wie das ging und dass es früher sogar sogenannte Brieföffner gab, die man dafür benutzte – als sie den Brief also öffnete, fiel ein Foto heraus, das Sophie und Mauro in einer Umarmung zeigte. Beide lächelten in die Kamera. Das musste gemacht worden sein, als es ein größeres Familientreffen mit der italienischen Familie gab, wo sie im Wohnzimmer nebeneinander auf der Couch saßen.
Jemand hatte ein Gruppenfoto gemacht und Mauro hatte den Ausschnitt herausgeschnitten, der nur ihn und Sophie zeigte, für das Foto hatte sich die ganze Familie umarmt, nicht nur Sophie und Mauro. Den Ausschnitt hatte Mauro nun mit seinem Computer bearbeitet und extra ausgedruckt, es war sogar ein weißer Rahmen um beide, damit es nicht ausschaute, als ob der Rest des Fotos fehlt. So ein Schlawiner!
Besonders viel schrieb er nicht dazu, es war ein Mischmasch aus Italienisch und Englisch, in dem Mauro mitteilte, dass er oft an sie dächte und er nun gar nicht wüsste, mit wem er abends in die Bar gehen sollte. Beim Ausgehen mit Mauro hatte Sophie recht bald gemerkt, dass sie hobbymäßig nicht so ganz auf einer Wellenlänge waren. Sophie interessierte sich für Kunst und Musik und Psychologie und las auch gerne Romane. Mauro war eher an bodenständigen Sachen wie gutem Essen und Getränken interessiert und zeigte sich handwerklich begabt. Für Autos und sonstige Kraftfahrzeuge war er auch zu begeistern.
Bücher las er eigentlich nie, nur Schlagzeilen und Nachrichten auf dem Smartphone. Über Literatur oder sonstige Bücher konnte man sich mit ihm gar nicht austauschen. Es gab ein paar Netflix-Serien, die beide kannten, aber darüber zu sprechen, war auch nicht so sehr ergiebig, es machte mehr Spaß, sie zum Zeitvertreib zugucken.
Beim Ausgehen war Mauro immer alte Schule, seine deutsche Mama hatte ihn auch dazu erzogen, immer zu allen höflich zu sein und auf saubere Kleidung zu achten. Man konnte sich mit Mauro schon sehen lassen. Es machte Spaß, sich von ihm den Ort seiner Kindheit zeigen zu lassen, geheime, idyllische Plätze, die sie selbst nie alleine gefunden hätte.
Einmal hatte Sophie Mauro gefragt, woran seine Verbindung gescheitert war, aber da machte er ganz zu, wollte ungern davon erzählen, deswegen rührte sie nicht mehr daran. Nach dem ersten Brief mit dem Foto, auf den sie gar nichts zu antworten wusste (außer dass sie Mauro eine kurze Message mit dem Handy schickte, wo sie schrieb: „Danke für das nette Foto!“), kam eine Woche später schon wieder ein Brief.
Obwohl Mauro schon längst ein erwachsener Mann war, hatte er eine fast kindlich schnörkelige Handschrift wie ein zwölfjähriges Mädchen und verzierte seine überschaubare Liebesbotschaft mit vielen mit rotem Filzstift gemalten Herzen. Sophie rieb sich die Augen. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. So etwas Kitschiges hatte sie noch nie bekommen.
Vom Inhalt her war der zweite Brief ungefähr so, was man früher auf alten Ferienpostkarten zu lesen bekam, Sachen wie: „Hey Sophie, ich war heute wieder schwimmen, hatte meine dunkelblaue Badehose an (die Du ja schon kennst), mit Dir wäre es noch schöner gewesen! Ich sehe Dich in Deinem Bikini vor mir, dem Roten mit den weißen Punkten. Ich vermisse Dich! Ich soll auch Grüße von Tante Lilli bestellen. Ich freue mich, wenn wir uns im nächsten Sommer wieder sehen! Oder vielleicht, hoffentlich, schon früher! Viele Küsse! Dein Mauro“. Gefolgt von drei Herzen.❤❤❤
Was sollte Sophie Mauro nur schreiben? Wenn er sich immer weiter hineinsteigerte, könnte sie gar nicht mehr nach Italien fahren, dann würde er ihr womöglich noch die Verlobung antragen. Es war kompliziert! Ihrer Mutter wollte sie auch nicht davon erzählen, es war ihr alles irgendwie peinlich. Nun waren es insgesamt schon vier Briefe. Sie antwortete immer nur kurz mit einer Dankeschön-Message auf dem Handy.
Sophie hoffte, dass es irgendwann von selber einschlief, Mauro einfach die Lust vergehen würde, wenn sie keine Papierbriefe zurück schrieb. Obwohl sie das noch nie gemacht hatte, würde sie ihn am besten ghosten! Zum Glück behelligte er sie nicht mit Chats. Da hätte sich wohl gezeigt, dass er größere Probleme hatte, auf die Schnelle ganze Sätze zu tippen. Die Zeilen in den Papierbriefen ließ er vielleicht von einer dieser Suchmaschinen-KIs machen, und es dann Google ins Englische übersetzen, und schrieb dann nur noch den fertigen Text von seinem Handy ab.
Das mit dem Handgeschriebenen hatte er sich überlegt, würde persönlicher rüberkommen, bestimmt käme Sophie nie auf die Idee, dass er das schreiben lässt, zumal es ja eh nicht so viel war. Aber Hauptsache mit Gefühl drin, damit wollte er bei seiner hübschen Cousine punkten. Sophie war aber ein großes und cleveres Mädchen und immer auf dem Laufenden und kannte daher selbst alle Tricks und Kniffe, schnell mal einen Text von einer KI raushauen zulassen, dem man dann nur noch den persönlichen Schliff gab.
Mauros Briefe hörten sich allerdings nicht an, als ob er daran noch herumgefeilt hätte. Das war bestimmt Eins zu Eins, was sein Handy ausgespuckt hatte. Leider auch gar kein Faktor, der ihn für Sophie hätte interessanter machen können – Blutschande hin oder her. Sie musste sich hier wirklich nichts verkneifen. Ganz unabhängig von moralischen Bedenken, war sie schlicht und ergreifend einfach nicht näher an ihrem Cousin interessiert.
Die Briefe aber hob Sophie auf, denn sie fand es toll, dass sie nun einmal erlebt hatte, was man nur noch aus alten Filmen und Erzählungen von älteren Leuten kannte: echte Liebesbriefe aus Papier in einem Kuvert und mit einer schönen ausländischen Briefmarke mit der Post zu bekommen! Sie band eine rosa Satinschleife darum, die vom letzten Geburtstag übrig war und packte die Briefe in die unterste Schublade von ihrem Schreibtisch, ganz nach hinten und flüsterte kaum hörbar: Arrivederci, Mauro.

































































































































































































