25. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch X.
auch 17. Juni 2019:

„Patschhändchen in U 8 v. Kind auf Papa-Arm
Junge, ca. 4 – 5 Jahre alt (Reptil…!)“

Sollte schnell erklärt sein, diese Notiz. In der U 8 am Abend, ein Vater, so Ende Dreissig, hat einen Stehplatz vor der Tür in der vollen U 8, ich auf dem Klappsitz in der Ecke, lese Montauk. Auf seinem Arm trägt er einen Jungen, ungefähr vier oder doch eher fünf Jahre alt, nicht mehr klein, schon ein Racker, der alleine Fußball spielt, blond wie Michel aus Lönneberga. Er schläft tief, wohl erschöpft von einem Ausflug. Der Junge hat seine Arme um den Hals von seinem Vater gelegt, aber die Hände halten sich nicht am Rücken fest, sondern stehen so in die Luft, wie man das manchmal bei Katzen sieht, wenn die Pfoten so in die Luft stehen, ganz entspannt. Ich kann auf einmal nicht mehr weiterlesen, weil ich dauernd auf die freischwebenden Patschhändchen des Jungen gucken muss. Sie erinnern mich an die Hände von Reptilien, die haben ja auch Finger. Wie große Echsenpatschhändchen. Bin ganz hypnotisiert und kann mich gar nicht mehr für mein Buch interessieren. War keine Rührung, wegen putzigem Kleinkind, so klein war er ja auch nicht, der Junge, sondern die Faszination der offensichtlichen Verwandtschaft von Menschen-Patschhändchen und Tier-Patschhändchen. So sehr verwandt. Werde nie verstehen, wie man Tieren Empfindungen absprechen kann. Das sind doch unsere kleinen Brüder und Schwesterchen. O.k. ich esse auch Tiere, gerne sogar. Fühle trotzdem solche Anwandlungen.

(Bild: „Echse“, Gaga Nielsen 2003, Acryl auf Leinwand, 120 x 140)

24. Juni 2019

Ich lese immer noch Montauk von Max Frisch. Ein schmales Taschenbuch eigentlich, aber ich lese in Etappen, in der S-Bahn, in der U-Bahn, und mit Hingabe. Ich will es nicht zu schnell lesen, es soll mich länger begleiten. Aber ich bin nun doch schon bei Seite 151 (von 207). Ich mag das Buch sehr, ist mir nah. Auf Seite 151 in meiner antiquarischen blauen Suhrkamp-Taschenbuchausgabe der 1975 veröffentlichten Erzählung, kommt der vielleicht am meisten zitierte Satz von Max Frisch über seine Beziehung, oder genauer das Ende seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann. „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“. Immer wieder wird der Satz in Texten über die beiden zitiert. Man kann ihn schon im Schlaf herunterbeten. Da ich Montauk jetzt erst zum ersten mal lese, obwohl ich es schon ewig vorhatte, lese ich den Satz nun zum ersten mal im Kontext:

„(…) „Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café vormittags; ich höre, daß sie in jener Wohnung, Haus zum Langenbaum, mein Tagebuch gefunden hat in einer verschlossenen Schublade; sie hat es gelesen und verbrannt. Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“
Max Frisch, Montauk, S. 151

Das Buch wurde also 1975, zwei Jahre nach Ingeborg Bachmanns Tod 1973, veröffentlicht. Zehn Jahre vergingen nach dieser erwähnten letzten Begegnung, vielleicht ohne jeden Kontakt. Ich weiß jetzt nicht, ob es in diesen zehn Jahren noch irgendeinen Briefwechsel gab. Die Briefe zwischen Bachmann und Frisch sind noch unveröffentlicht.

Mich beschäftigt diese hölzerne Formulierung „Ende (…) nicht gut bestanden.“ Was soll das denn heißen, „ein Ende einer Beziehung gut bestehen“? Ich ahne es, dass es für Frischs Seelenfrieden angenehm gewesen wäre, wenn man nach einer gewissen Zeit, wenn die akute Verletzung bei Bachmann halbwegs angeheilt war (was sie aber vielleicht nicht war, sie hat lange unter der Trennung gelitten), eine freundschaftliche, respektvolle letzte Begegnung zustande gebracht hätte. Er ist in eine neue Verbindung gegangen, als er die Trennung verursachte. Ein einseitiges Ende wie eine Prüfung gut bestehen. Hm. Für den, der verlässt, ist es eher eine Gewissensprüfung, für den, der verlassen wird, eine Herzensprüfung. Eine echte Überwindung des Verlustes, mit einer Vergebung von Herzen, ist meiner Erfahrung nach erst dann möglich, wenn das Herz nicht mehr gebunden ist. Und das geschieht am ehesten, wenn eine neue Bindung ins Leben tritt. Vielleicht sucht das Herz immer nach Bindung, weil man es dann stärker spürt. Das Band der Bindung berührt, gibt Halt. Man darf es nicht zu fest schnüren, sonst wird die Funktion eingeschränkt. Ich glaube, ich habe zweimal ein Ende „gut bestanden“, jedoch einige Jahre nach dem jeweiligen Ende. Mich beschäftigt der Verlust eines Menschen, der mir sehr nah kommen durfte, sehr lange. Immer.

24. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch IX.
Dritte merkwürdige Notiz vom 17. Juni 2019:

„Balkon, Nachbarin (Schierker) bittet um Erlaubnis für Insektenhotel! (na klar!)“

Versuche mich kürzer zu fassen, als bei der letzten episch erläuterten Notiz. Meine kleine Werkstatt hat einen Balkon, der eigentlich ein ungefähr 4 Meter langer Balkon war und bei der offenkundigen Trennung einer großen Wohnung zu zwei kleineren, auch getrennt wurde, durch ein halbhohes Mäuerchen und eine darauf befestigte Trennwand aus Eisen. Auf meiner Seite ist ein Anstrich in einem Farbton zwischen Beige und Elfenbein. Der Rest des Balkons ist allerdings Blau-Weiß-Türkis, das Auge erblickt marokkanisch und portugiesisch gemusterte Fliesen und Kacheln, zwei verschnörkelte Eisengartenstühle in altweiß und blauweiße Blumenbepflanzung, Hortensien, Lavendel, Männertreu, Rosmarin, ein Oleander, der aber noch nicht blüht. Ein blauweiß geringelter kleiner Sonnenschirm.

Als ich am Abend des siebzehnten Juni nach der Tanz-Episode bei Rewe eine Weile herumgewurstelt habe, ich saß gerade auf einem Bodenkissen und malte was an, höre ich Klopfzeichen. Die Balkontür stand auf. Klopf, klopf, dann Rufen: „hallo, hallo? Sind sie da?“ Ich saß in meinem bekleckerten Shirt mit dem Pinsel in der Hand da und habe erst mal nicht reagiert. Ich bin ja nicht so ein kommunikativer Typ, wenn ich meine Ruhe haben will. Einige Nachbarinnen habe ich schon getroffen in den letzten siebzehn Jahren, aber manche auch noch gar nicht. Die Balkon-Nachbarin gehört zu denen, die ich noch nie gesehen habe. Aber nun sah ich sie, denn ein Kopf kam plötzlich hinter der Trennwand hervor, sie beugte sich weit vor und rief noch mal. Sie konnte mich sehen, auf dem Boden sitzend, mit dem Pinsel in der Hand! Also musste ich reagieren, ich stand auf und rechnete schon damit, dass mir nun irgendeine Beschwerde unterbreitet wird, irgendetwas soll ich bestimmt unterlassen. Vielleicht einmal zu laut Musik gehört? Aber sie lächelte sehr nett. Ein kurzhaariger blonder Kopf, ca. Ende Fünfzig. Und nun fing sie an zu sprechen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte Ihnen etwas zeigen. Weil Sie es ja vielleicht stören könnte, farblich… also… ich möchte gerne ein Insektenhotel aufhängen, und das steht dann ja so drüber, aber Sie können das gerne anmalen. Wissen Sie, die Natur hat es doch so schwer in der Stadt, und deswegen möchte ich etwas dafür tun, dass die Insekten, die immer weniger werden und auch nützlich sind, wieder zurückkommen. Schauen Sie mal.“

Und zeigt mir so ein Holzhäuschen, so ein flaches, mit mehreren Fächern für Bienen und Marienkäfer. Oben dran so Stahlaufhänger, die dann bei mir drüberstehen würden, aber scheiß drauf, die mal ich dann halt an. Habe ich ihr auch mitgeteilt. Ich habe ihr mehrfach versichert, dass ich dem Insektenhotel meinen Segen gebe und das alles wirklich überhaupt kein Problem für mich ist! Sie war wahnsinnig erleichtert, eine Urberlinerin, ich habe es genau gehört, und eine mit ganz viel Herz. Wie könnte ich da Nein sagen, zu ihrem kleinen Insektenhotel. Hat mich gerührt. Auch, dass sie so eine Wahrnehmung für meine ästhetischen Bedürfnisse hatte. Solche Nachbarn kann man sich nur wünschen. Sie wohnt da mit einem Mann, der hat aber einen anderen Namen. Wie er aussieht, weiß ich nicht. Aber bestimmt auch ein netter Mensch. Seit gestern hängt das kleine Insektenhotel, ich hab die Aufhänger übergepinselt, alles gut.

23. Juni 2019

Es folgt ein Eintrag vom Küchentisch. Habe meiner Erinnerung nach noch nie am Küchentisch geschrieben. Das ist im Moment neben dem Schlafzimmer und dem Bad der am angenehmsten temperierte Raum. Mittlerweile bin ich rundum bei zwei Rollos pro Fenster und sogar drei bei der Balkontür. Das hilft sehr gut, ich flüchte nicht in ein klimatisiertes Museum oder ins KadeWe oder in den Supermarkt. Apropos Supermarkt – die folgende merkwürdige Notiz aus meinem Buch spielt im Supermarkt.

Es gibt dieses goldene Buch übrigens wirklich, wie ich noch einmal betonen möchte, es handelt sich nicht um eine hübsch benannte Kategorie, keine Metapher oder dergleichen. Ina hat mich am Freitag gefragt, daraufhin habe ich das Buch aus der Tasche geholt und ihr meine bisherigen Notizen gezeigt. Die Einträge, die ich schon in Blogtexten veröffentlicht habe, bekommen am Seitenrand einen senkrechten Vermerk „Blogeintrag vom xx.xx.2019“ und einen schwungvollen Haken.

Ina wünscht sich eine Abbildung davon, hier im Internet. Ich dachte auch schon darüber nach. Alternativ zur Kamera kann man ja auch scannen und als Bilddatei abspeichern. Meine Kamera macht seit Mitte November 2018 Pause, und sie will nicht in ihrer Ruhe gestört werden. Die Pause hat sie auch verdient. Um hin und wieder auch einen Eintrag mit Bild zu präsentieren, greife ich auf ältere Aufnahmen zurück. Es findet sich immer etwas passendes (bei 60.000 Bildern kein Wunder), zum Beispiel ist das Küchenbild (ich hatte wohl gerade den Tisch abgewischt, daher das Geschirrtuch) vom 17. Mai 2008. Da die Küche immer noch so aussieht (ich habe mich selbstverständlich auch nicht im geringsten verändert), handelt es sich um eine respräsentative Aufnahme. Aber nun zur Merkwürdigkeit im Supermarkt. Es geht um Musik.

Aus meinem goldenen Notizbuch VIII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„REWE, Hermannstr. „Hermann Arcaden“
„I’m in Love with your Body“
tanze durch die Regalreihen (bei Ketchup und Mayo)
„Shape of You“ (Ed Sheeran)“

Der siebzehnte Juni war auch ein recht sommerlich temperierter Tag. Wie so oft holte ich mir auf dem Weg in meine kleine Werkstatt noch ein paar frische Sachen bei REWE im Untergeschoss der Hermann Arcaden. Da gibt es zum Beispiel im Kühlregal so einen Gurkensalat, der immer frisch zubereitet auf mich wartet und mich total überzeugt. Das muss ich erwähnen, weil ich normalerweise alles selbst zubereite, aber Gurken hobeln etc. kostet dann doch etwas Zeit und besser kriege ich den auch nicht hin. Im REWE läuft Musik zur Unterhaltung beim Einkauf. Das ist für mich sehr interessant, weil mir dadurch Lieder zugetragen werden, die ich normalerweise nie hören würde. Es kommt auch vor, dass ich etwas kenne, aber meistens ist es irgendein Tralala-Popsong, wo ich nicht weiß, wer da gerade singt. Manchmal kenne ich auch die Melodie, irgendwo schon mal beiläufig gehört – eventuell bei Edeka. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die dort auch Musik spielen. Der Edeka am Hackeschen Markt, in der Rosi, der in dem jetzt abgebrochenen Haus war, hatte auch Musik, das weiß ich noch. Manchmal kommen ja auch aktuelle Songs aus der Hitparade als Hintergrundmusik beim Perfekten Dinner oder bei Shopping Queen. Ich schaue mir das ab und zu in der Mediathek an, zu später Stunde beim Schlaftrunk. Aber zurück zu REWE!

Ich hatte die Hände noch relativ frei, nur den Gurkensalat in der Hand, und war nun vor dem Ketchup- und Mayoregal. Da wurde über den Lautsprecher ein Rhythmus in den Laden gespült, Marimbaklänge, sehr groovy, wie die jungen Leute Ende der Siebziger gesagt hätten. Ich hatte an dem Tag wenige Stunden davor eine Mittagsstunde zur Physiotherapie bei Clark Kent genossen und fühlte mich recht locker. Dieser Rhythmus ging mir direkt in die Beine und ich fand den Text auch sehr schön. Ein junger Mann, vermutlich so ein schwarzer junger Sänger mit so einem Dancefloor Projekt, sang immer wieder: „I’m in love with your body“, „I’m in love with your body“. Ich konnte es direkt fühlen. Ich musste tanzen! Ich bewegte mich also am Ketchup und Mayo rhythmisch vorbei, Richtung Bautzener Senf und wieder zurück. Ich sollte ja mehr tanzen, hatte Clark mir ans Herz gelegt, es wäre sicher in seinem Sinn. Ein tolles Lied zum Tanzen. Es ging in dem Text scheinbar nur um den Körper einer jungen Frau, die der Sänger anbetete. Er variierte die Aussage sogar mit „I’m in Love with the shape of you“. Ich sah ihn direkt vor mir, sicher vom Aussehen her so ein Typ wie Pharell Williams oder ein junger Prince (Gott hab ihn selig). Wahrscheinlich hat er ein Unterhemd an, oder Tank Top sagt man ja international, während er seine braunen Muskeln im Video spielen lässt, falls es ein Video davon gibt. Ich freute mich, wie schön lang das Lied war, ich konnte noch ein bißchen vor dem Ketchup herumhampeln. Zum Glück waren in dieser Regalreihe keine Kunden, ich war praktisch unbehelligt. Und die wenigen, die mich hätten sehen können, nahmen nur Notiz von den Produkten im Regal. Das war mir sehr recht. Nicht, dass ich mich irgendwie peinlich bewegen würde, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich an unpassender Stelle mit meinen Tanzkünsten hervortun möchte. Alles Aufgesetzte ist mir zuwider! Manchmal singen junge Frauen (komischerweise nie junge Männer) hörbar in der S-Bahn vor sich hin, durch die Bank wirkt es auf mich, als handelt es sich nicht um einen Impuls, weil man nicht anders kann, und die Muse einen halt gerade massiv küsst, sondern weil die jungen Damen sich selbst eine Gesangsstimme attestieren, die auf Entdeckung wartet. Bisher war aber für meinen Geschmack noch nichts dabei, was ich mir gerne auf Schallplatte anhören möchte.

Als der kleine schwarze Sänger sein Lied mit einer nochmaligen Bestärkung der Aussage: „Im in love with your body, Im in love with the shape of you“ zu Ende gebracht hatte, konnte ich meinen kleinen Einkauf mit drei Sardinenbüchsen, einer Flasche Tonic Water der Rewe-Hausmarke und einer guten Flaschengärung vollenden. Es war bisher eigentlich mein schönster Einkauf bei Rewe und ich nahm mir vor, daheim zu googeln, wer der schwarze Sänger mit diesem tollen Lied ist. „Im in love with your body“ konnte ich mir auch gut merken, die Notiz machte ich dann gleich in meiner Werkstatt. Als ich dann am Abend daheim vor dem Computer war, wollte ich meine Notiz um den Zusatz des Namens des schwarzen Sängers ergänzen. Ich googelte also die Textzeile und fand auch gleich als Ergebnis ein Video auf youtube mit dem Foto von so einem schwarzen Rapper-Typen. Ah ja, ich hatte ihn mir kleiner vorgestellt, zarter irgendwie, aber passt schon. Aha, der Song heißt also „Shape of you“. Als ich auf den Startbutton klicke, kommt ungefähr das Lied, das ich vor dem Ketchupregal gehört habe, aber irgendwas stimmt nicht. Es muss irgendein Remix sein, nicht das Original. Prompt hat auch darunter einer als Kommentar geschrieben, „I love your remix of the song!“ Aha.

Also gibt es noch eine andere Version, die es zu finden gilt. Ich googelte nach den Lyrics von „Shape of You“ und da stand plötzlich, sehr irritierend für mich „by Ed Sheeran“. Hä? Das ist doch dieser rothaarige britische Popsänger, mit Gitarre und Balladen. Von dem soll das Lied sein? Kann ja wohl nicht sein. Der würde doch bestimmt niemals solche eindeutigen Anmach-Lieder singen, das passt doch gar nicht zu dem braven Ed Sheeran. Ich meine, es geht hier doch nun wirklich um hitzige erotische Gefühle, ohne Herzschmerz etc. Das muss ein Ausrutscher gewesen sein, mal schauen, ob es ein Video dazu gibt. Nun fand ich auch recht schnell das Lied, genau das, was mir im Rewe vorgespielt wurde, und was soll ich sagen: der schwarze kleine Sänger war scheinbar tatsächlich Ed Sheeran. Und im Video zeigt er sich sogar etwas körperbetonter im Sportstudio. Die Angebetete passt auch gut zum Song. Ihm kaufe ich die Rolle im Video nicht so ganz ab, so sportiv wirkt er nicht auf mich, wie er da tut. Es soll sich übrigens um einen Hit handeln. Was natürlich auch angebracht ist, denn ein Lied, das mich im Rewe zum Tanzen bringt, hat ganz klar Hitpotenzial, und zwar weltweit. Ich bin da auf jeden Fall ein zuverlässiger Indikator.

Wie ich aber bei weiterer Recherche sehe, ist Ed Sheeran nicht der einzige Autor des Liedes, da werden noch die Herren Steve Mac und Johnny McDaid genannt. Das steht im Wikipedia-Eintrag des Liedes. Wenn es ein Song erstmal zum Wikipedia-Artikel gebracht hat, kann man glaube ich mit Fug und Recht sagen, dass es sich um einen Hit handeln muss. Jedenfalls vermute ich ganz stark, dass der frivole Text maßgeblicih von diesem Steve Mac oder Johnny McDaid stammt. Die sehen schon von den Fotos her mehr so aus, als ob sie auch mal so eine angesexte Nummer raushauen. Ed Sheeran hat sich dann vielleicht die putzigen Marimba-Töne dazu ausgedacht. Aber vielleicht unterschätze ich auch das erotische Songwriterpotenzial von Ed Sheeran, kann gut sein. Es sind halt schon recht einfache Sätze, ohne akademisch lyrischen Anspruch, aber das muss ja auch nicht immer sein. Hier nochmal ein Auszug aus dem Text:

„(…)
Grab on my waist and put that body on me
Come on now, follow my lead
Come, come on now, follow my lead
I’m in love with the shape of you
We push and pull like a magnet do
Although my heart is falling too
I’m in love with your body
And last night you were in my room
And now my bedsheets smell like you
Every day discovering something brand new

I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body“

Schon sehr schön. Wobei man vielleicht auch in einer gewissen Grundverfassung sein muss, um das in der Fülle zu würdigen.

Das war also die merkwürdige Notiz vom 17. Juni im Rewe. Ich zeigte Ina die bis dahin unverarbeitete Notiz in meinem goldenen Büchlein, schilderte kurz den Sachverhalt und vergewisserte mich bei ihr, ob der Vorfall das Prädikat „merkwürdig“ verdient. Sie gab der Notiz den Segen mit den Worten: „merkwürdiger als merkwürdig!“ Na, meine ich doch. Zuerst die Tanzerei vor den Ketchup-Flaschen und dann ist der kleine schwarze Sänger von dem Lied in Wahrheit Ed Sheeran.

Heute habe ich übrigens im Badezimmer beim Abrocknen nach der Dusche auch einen kleinen Tanz-Anfall gehabt. Meine Stereoanlage spielte mir zufällig „Latest Flame“ von Elvis. Ein herrliches Lied, hat natürlich auch einen Wikipedia-Eintrag. Das sind so die Rhythmen, die mich in Bewegung bringen. Dies allen Songschreibern, die hier mitlesen, als kleine Hausaufgabe. „His Latest Flame“ ist übrigens aus der Feder von einem gewissen Doc Pomus und dem auch mir durchaus geläufigen Mort Shuman. Elvis hat auch an seinen Songs mitgeschrieben, aber „Latest Flame“ war ein Cover von einer Originalaufnahme von einem gewissen Del Shannon (nie gehört), die nicht sehr erfolgreich war. Das fehlende Hitpotenzial kann man auch auf youtube prüfen, hier die Version von Shannon. Also die Komposition alleine macht noch nicht den Hit. Man braucht schon ein starkes, grooviges Arrangement und einen starken Sänger. Wie Elvis. Hören Sie mal beide Aufnahmen kurz hintereinander und dann weiß man, warum nur Elvis der King sein konnte. Elvis Forever.

21. Juni 2019

Hiermit fordere ich alle auf, sich eindeutig zu äußern. Bitte bis 24. Juni 2019. An sich kennt man mich nicht so forsch und fordernd, aber man muss ja immer machen, was im Tageshoroskop steht, damit es sich erfüllt. Sonst wäre es am Ende noch falsch und die ganze Astrologie womöglich ein Phantasiegebilde. In meinem Tageshoroskop steht (u. a.) für den Zeitraum 20. bis 24. Juni 2019:

„Sie gehen jetzt entschlossen vor, besonders im Umgang mit anderen Menschen. Sie vertreten einen klaren Standpunkt und fordern auch Ihre Mitmenschen auf, sich eindeutig zu äußern. (…) Ihr bisheriges Wirkungsfeld genügt Ihnen jetzt nicht mehr, Sie wünschen sich neue Ausdrucksmöglichkeiten.

So so. Nennt sich Mars Trigon Aszendent. Da ich mir bekanntlich neue Ausdrucksmöglichkeiten wünsche, werde ich mich heute Abend dem Ausdruckstanz widmen. Ist zwar nicht ganz neu, aber ich habe den Tanz in den letzten Monaten so stark vernachlässigt, dass es doch ein bißchen wie neu sein wird. Es gibt weitere Notizen im Goldenen Notizbuch, die auf die Verarbeitung und Veröffentlichung warten, es passieren doch recht viele Merkwürdigkeiten, wenn man erst einmal darauf achtet. Dabei bin ich schon streng und notiere wahrlich nicht jeden denkwürdigen Eindruck. Wenn sich beispielsweise etwas Merkwürdiges wiederholt, lasse ich es glatt unter den Tisch fallen. Es hat dann ja auch schon nicht mehr ganz den Merkwürdigkeits-Effekt, weil man es ja schon einmal ähnlich erlebt hat. Ich muss nun für heute schließen und mich der Wahl meiner Garderobe für das Tanzvergnügen widmen. Und wenn Sie hier einen Kommentar schreiben möchten, bitte ich doch sehr darum, sich um eindeutige Formulierungen zu bemühen.

19. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch VII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„Hardenbergstr. Reisegruppe, ca. 30 Pers.,
Reiseleiter:„Bitte machen Sie Platz für die Dame!“
Einer aus der Gruppe:
„Du musst aber auch jede Gelegenheit zum Flirten wahrnehmen!“
(ich geschmeichelt)
Erinnerung an Platzangebot S-Bahn, britische Kindergruppe, kleiner Engländer steht auf f. mich!“

Oh ja, vorgestern am frühen Abend. Auf meinem Weg zur S-Bahn Zoologischer Garten, nimmt die oben erwähnte, deutsche Reisegruppe die ganze Breite des Gehweges der Hardenbergstraße ein, ich versuche mich links vorbeizudrücken, der Reiseleiter bittet tatsächlich mit diesen Worten „Bitte machen Sie Platz für die Dame!“ und ziemlich resolutem Tonfall darum, den Weg für mich freizumachen. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, ich dachte erst, hinter oder vor mir ist noch eine richtige „Dame“, aber da war nur ich. Also war ich für ihn die Dame! Toll. Obwohl ich weder Kostüm, noch Pumps, noch Merkel-Blazer trug. Ein feiner Zug. Der Tonfall und Gesichtsausdruck war allerdings überhaupt nicht flirtend, eher sachlich. Ich glaube, er wollte nur, dass seine Gruppe in der deutschen Hauptstadt nicht unangenehm auffällt. Aber der eine Herr aus der Gruppe scheint in solchen schlichten Hinweisen zu höflichem Verhalten eine Form von Annäherungsversuch zu sehen. Wahrscheinlich ist er derjenige, der immer zu einem Flirt aufgelegt ist. Jedenfalls bedeutete das für mich in der Konsequenz, dass ich schön viel Platz zum Durchlaufen hatte und man mich noch für ein potenzielles Opfer eines Annäherungsversuches halten könnte. Beruhigend.

Man hat ja gelernt, sich über kleine Dinge zu freuen, da die althergebrachten Gentleman-Gesten mehr oder weniger ausgestorben sind. Ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr, dass mir ein junger, kräftiger Mann seinen Platz in der vollbesetzten S- oder U-Bahn anbietet. Eigentlich habe ich es noch nie erwartet, aber freuen täte es mich immer. Vor ca. drei Jahren hat mir ein junger Franzose mal seinen Platz in der S-Bahn angeboten, ich dachte, ich hätte mich verhört, aber er stand auch schon auf, bevor ich sagen konnte „Dankeschön“. Ich reagierte aber nicht gleich mit Hinsetzen, sondern schaute ihn erst etwas ungläubig an. Ich konnte mein Glück kaum fassen und hakte nochmal aktiv nach, ob das jetzt ernst gemeint sei. Er daraufhin lächelnd mit sehr charmantem französischen Akzent: „abär – es wäre unöflisch, ah?“ Ich nahm den Platz dankend an und fügte erklärend hinzu: „Das ist so ungewöhnlich… man kennt das gar nicht mehr…! Danke, vielen, vielen Dank!“ Die Blicke der umsitzenden und stehenden anderen Fahrgäste waren ebenfalls ungläubig. Perplex geradezu. Ein Erlebnis, das das Adjektiv merkwürdig ebenso verdient, wie das Platzmachen der Reisegruppe.

Und es muss doch wirklich Anfang Juni gewesen sein, ich hatte das goldene Notizbuch noch nicht, und es deshalb nicht notiert, dass mir nochmal ein Platz angeboten wurde. Diesmal von einem entzückenden englischen Schulbub. Wie ein kleiner Soldat ist er zackig aufgestanden, leichte Verbeugung in meine Richtung und schenkte mir seinen Platz. Ich war sehr gerührt. Ich habe nun nicht gerade geweint, aber es hätte nicht viel gefehlt. Geweint um die nachlässige Erziehung in puncto Höflichkeitsgesten in unserem Land. Und die vorbildliche Haltung der jungen Menschen in Frankreich und Großbritannien. Vive la France! God Save the Queen!

19. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch VI.

Notiz 12. Juni 2019:

„“Frühchen“ (aber fit)
in der S-Bahn!
(auf Mamas Arm, N I C H T im Brutkasten.
Kopf ca. wie große Katze)“

Rechts auf dem Klappsitz neben mir in der S-Bahn eine junge Mutter. Vielleicht siebenundzwanzig, hält ein ganz kleines Neugeborenes. Man hat ja schon manche Babies gesehen, aber so ein kleines. Ich noch nie. Es schlummert, dunkler Haarflaum wie Mama, an ihren Hals geschmiegt. Sie hält ihr Kind behutsam, aber entspannt. Das muss doch ein Frühchen sein, so klein, denke ich. So ein rührender Anblick, der winzig kleine Mensch. Atmet ganz ruhig, schläft, während die Berliner S-Bahn von der Ost- in die West-City fährt. Der Vater ist auch dabei, sitzt neben der Frau. Sie unterhalten sich manchmal, in einer fremden Sprache. Ich überlege, ob die Geburt erst ein paar Stunden zurückliegt. Und mir fällt ein, dass Frühchen bessere Überlebenschancen haben, schneller kräftig werden, wenn sie Körperkontakt zur Mama haben. Oder auch zum Papa. Hauptsache Körperkontakt, Zuwendung, Nähe. Dann fiel mir noch ein, dass der Sohn von Hannelore Elsner auch ein Frühchen war, sogar ein ganz frühes. Sie hat ihn wohl nur gut vier Monate ausgetragen, als er zur Welt kam. Und ist so ein großer kräftiger Mann geworden. Faszinierend. Es gibt Fotos, er neben seiner kleinen Mama. Eigentlich eine schnelle Sache, vier Monate schwanger, wobei die ersten drei ja nur von Übelkeit eingeschränkt sind, wenn es einen trifft. Dann bis kurz vor dem fünften das sichtbare Bäuchlein, aber immer noch leicht, und schon ist es da, das liebe Kind. Ist natürlich mit Ängsten und Panik verbunden, schon klar. Wird die gute Hanni auch nicht gedacht haben „ja super, das ging ja ruckzuck!“. Sie hat ja auch davon erzählt, von der bangen Zeit, als der Kleine im Brutkasten war. Das S-Bahn-Baby vom 12. Juni war sicher schon ein paar Wochen älter, aber auf keinen Fall neun Monate. Das sehe sogar ich, ohne dass ich bemerkenswert mit Babies zu tun gehabt hätte. Die Mini-Hände rühren einen ja sowieso immer. Diese zarten kleinen Fingerchen. War ein schöner Augenblick.