26. Juni 2020

Liebste Gaga,

der Name Josef Engelhart sagte mir nix, dabei gehörte er neben Klimt und anderen zu den Mitbegründern der Wiener Secession. Als die sich gute acht Jahre später in die Wolle bekamen – Klimt trat mit einigen anderen Künstlern aus – führte Engelhart die konservative Gruppe an (er hatte vorher schon die Orga usw. erledigt). Engelhart hatte von seiner Frau auch verlangt, dass sie ihre künstlerischen Ambitionen nach der Hochzeit aufgibt. Sehr unsympathisch, gelinde gesagt.

Liebste Grüße
* * *

Wie ist das denn passiert. Dabei war ich gestern zur Stunde der Aufnahmen doch leicht verkatert. Ich war bis um halbvier in der Nacht im Tarantinos, einer fast komplett gästefreien Bar in Mitte. Eine sehr schöne Bar. ich sah Lydia nach vielen, vielen Monaten zum ersten mal wieder. Vorher waren wir vor einer anderen Lokalität, dem Griffin, innen auch sehr schön, aber wir waren draußen, da war es nicht ganz so anheimelnd, aber es war warm an dem Abend, sehr warm. Es zog nichts nach drinnen.

Zwischen den beiden Barbesuchen irrten wir ein wenig herum und ich glaube, ich wirkte etwas zickig und divenhaft, das war mir unangenehm bewusst, aber ich konnte es nicht abstellen, weil mir meine Lebenszeit immer so kostbar ist, und ich jede Minute meiner Freizeit nur an den schönsten Orten verbringen will. Schwamm drüber! Als wir gegen Dreivierteleins im Tarantinos landeten, hab ich die Kurve gekriegt und sogar übermütig und wie selbstverständlich geraucht, was sicher auch nicht zu meinem Wohlbefinden am Tag darauf beitrug. Aber man hat sich einmal wieder leibhaftig gesehen und ausgiebig ausgetauscht!

An diesem leicht verkaterten Sonntag hatte ich schon wieder zwei Postkarten in der Schleife, die es abzuarbeiten galt! Eine davon, die hier gezeigte. Ich hatte sie schon am Tag davor erhalten und mir den Kopf zerbrochen, wie ich diesen grünen Hintergrund imitieren könnte. In meinem Haushalt gibt es kein einziges Stückchen Stoff in Lindgrün, keine Tischdecke, kein Halstuch, kein Geschirrtuch, nichts. Nur khakigrün hier und da, ein paar T-Shirts, eine Hose, ein Strand-Frotteetuch in einem eher lehmfarbenen Khaki-Ton. Nicht flirrend zart. Dann fiel mein Blick durch die Balkontür, da war doch Grün, richtiges, echtes, junges Grün! Und dieser kleine Klapptisch, ebenfalls n einem zarten Grünton. Nun noch ein weißes Nachthemd. Gibt es nicht in meiner Wohnung (auch keine andersfarbigen, ich brauche keine Anziehsachen im Bett). Dann eben ein weißes Betttuch. Gibt es auch nicht in meiner Wohnung, nur in meiner Werkstatt, aber auch nicht so halbtransparent und licht. Immerhin fand ich einen weißen Baumwollschal mit Fransen, ein längeres Tuch, das ich eigentlich nie trage, aber sorgsam aufgehoben habe. Nun war seine Stunde gekommen.

Ich wickelte mich also irgendwie in das Tuch und hielt die Arme hoch. In der einen Hand ja wieder die Kamera. Ich habe mich längst von dem sehr sportlichen Plan verabschiedet, Postkarten-Posen exakt nachstellen zu wollen, da ich nur eine Hand frei habe. Das kam also diesmal dabei raus, erstaunlich viele Bilder, die ich gar nicht wegschmeißen wollte. Ich sehe gar nicht so verkatert aus, wie ich war. Schon deswegen muss ich die Bilder aufheben. So etwas gibt mir Auftrieb, weil man sich ja manchmal richtig gut fühlt und dann sein Spiegelbild erwischt und nicht ganz so gut und frisch aussieht, wie man erwartet hat. Das Leben hält doch immer wieder Überraschungen bereit. Den Einfallwinkel muss ich mir merken. Indirektes Licht von der Nordseite!

16 Antworten auf „29. Juni 2020

  1. Wenn man nicht mehr einundzwanzig ist, wie das abgebildete Originalmodell wohl etwa war, sondern doch schon 22plus, muss man natürlich alle Kräfte bündeln und für zwei, drei Minuten das System bis zum Anschlag hochfahren! Irgendwann wird es nicht mehr möglich sein, aber so lange es noch geht, versuche ich mit Charme zu punkten. Also vielen, vielen Dank für den Zuspruch! Man muss immer daran denken: wenn man jetzt schon 20 Jahre älter wäre und auf solche Dokumente zurückblicken würde, wäre man gerne noch einmal in der jüngeren Verfassung. Das Altern wird ja nur von jungen Leuten beschönigt, machen wir uns nichts vor.

  2. Lydia G.
    Der Hintergrund wirkt fast, als tanztest du in einem dieser Prinzessinnen-Gärten.

    Gaga Nielsen
    Deine putzige Phantasievorstellung von den Prinzessinnen-Gärten…! Ich zeige sie dir mal.

  3. …das ist ja wieder Balsam in Buchstaben gegossen!

    Wobei Lydia die ihr noch unbekannten Prinzessinnengärten auch angemessen zu repräsentieren und zu unterstreichen vemag. Sie hat den gewissen Thurn- und Taxis (TnT)-Charme, der da sehr zuträglich ist! Ja, ich möchte sagen, eine junge Gloria mit modernerem Weltbild (u. Duktus)

  4. kid37 – 30. Jun, 22:07
    Sommerliche Gewächshausidylle! Sehr schön. Vielleicht müssen wir demnächst so eine Art Blogger-Worpswede gründen, um abseits der Stadt und ihrer Gestalten von Kunst, Luft und Liebe zu leben. (Vernünftiges Brot wäre auch gut.)

  5. Loïe Fuller war weltberühmt! Sie bereitete den Weg für den modernen Tanz und revolutionierte die Lichteffekte. Die Gebrüder Lumière filmten ihren Serpentinentanz, sie trat von 1892 bis 1899 in den Folies Bergère auf und war Inspiration für viele Künstler, die auch zu ihren Freunden zählten. Darunter waren Franz von Stuck und Koloman Moser, ebenfalls Mitbegründer der Wiener Secession und später auch Schwager von Josef Engelhart.

    Moser heiratete Editha Mautner Markhof eine Grafikerin, die auch nach ihrer Hochzeit weiter künstlerisch arbeitete (sie hörte erst nach Kolomans Tod 1918 damit auf). Ihre Halbschwester Dorothea („Doris“) Mautner von Markhof war Malerin – bis sie den ollen Josef Engelhart heiratete. Koloman trat 1905 mit Klimt aus der Wiener Secession aus, heiratete im selben Jahr Ditha und zog mit ihr in die Nachbarschaft von Josef und Doris. Das Verhältnis blieb angespannt, aber man kann davon ausgehen, dass Josef Engelhart wusste, wer Loïe Fuller war. Den Bildhauer François-Raoul Larche inspirierte sie ebenfalls, er schuf eine Tischlampe, besser gesagt, mehrere.

  6. jaja, ich habe mir diverse Bilddokumente angeschaut. Am ehesten imponieren mir ihre Kostüme… früher war man ja auch schneller von neuartigen Tanzstilen beeindruckt, da galt: wer wagt, gewinnt.

    Aber dass ihr Name hierzulande außerhalb von Ausdruckstänzerkreisen nun so ein „household name“ wie Mary Wigman oder Isadora Duncan wäre, kann man glaube ich nicht behaupten. Ich war nie in einer Ballettschule, habe den Namen vorher noch nie gehört. Ich tanze wahnsinnig gern, interessiere mich aber nicht so en detail für die Geschichte des Tanzes. Die Kostüme von ihr schau ich mir aber nochmal an, dafür bin ich immer zu entflammen!

  7. Ja, klar, für uns ist das nix Neues mehr. Damals war es das aber. Loïe Fuller hielt mehrere Patente, für ihre Bühnenshow experimentierte sie auch mit Chemikalien für die Lichteffekte.
    Sie förderte übrigens auch Isadora Duncan, indem sie ihr half, in Europa Fuß zu fassen.

    Ob sie heute noch ein „household name“ ist, weiß ich nicht. Damals war sie es – und sie war eine Pionierin. Mary Wigman und Isadora Duncan fingen erst nach ihr zu tanzen an. On the sholders of giants …

    Ich tanze zwar auch gern, habe aber keine Ahnung von der Geschichte des Tanzes und gehe eher in die Oper als ins Tanztheater.

  8. P.S. apropos Duncan – Zucker brachte mich durch ihre letzten Einträge auf ihre Autobiographie, die ich mir nun auch bestellt habe und die auf meinem Stapel zu lesender Bücher der Lektüre entgegenfiebert. Mitnichten interessiert mich in dem Werk, was sie zur Entwicklung des Tanzes beigetragen hat, sondern das Gesamtgefüge ihres aufregenden Lebens mit erschreckenden Abgründen und phantastischen Höhenflügen.

  9. P.P.S. in dem (doch eher k.u.k-orientierten) Haushalt, in dem ich aufgewachsen bin, war in Sachen alte Diven eher von Adele Sandrock die Rede, nicht von ausländischen Tänzerinnen aus Übersee!

  10. Duncan ist doch die, deren Schal sich in den Rädern ihres Cabrios verfing, oder? Sie hatte ein bewegtes Liebesleben und verlor auf tragische Weise ihre ersten beiden Kinder – und das dritte später starb dann auch.

    Wenn ich mich recht erinnere, fährt die Prinzessin in Jean Cocteaus Film „Orphée“ auch mit flatterndem Schal im Cabrio.

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