Der heutige Kino-Abend ist diesen beiden Damen gewidmet. Die mit Meryl recht gut befreundete Anna Wintour lässt wissen, dass eine wesentliche Abweichung zur Realität darin besteht, dass sie niemals mit einer ihrer Assistentinnen zu den Fashion Weeks in Paris reiste. Ihr wurde stets vor Ort eine Assistentin bereit gestellt.
Die kleine Schubladenkommode auf dem frisch geputzen Atelierbalkon ist nun schon viele Jahre dort und eigentlich kein Draußen-Mobiliar. Aber ein sehr passendes Möbel für den winzig kleinen Balkon, wo sich gute Getränke abstellen lassen. In den Schubladen kommen allerlei Putzmittel unter. Damit die Oberfläche nicht zu sehr dem Regen ausgesetzt ist, habe ich ein Stück Acrylscheibe passend zugeschnitten. Als der blaue Polsterentwurf aus dem Jahr 1909 von Josef Hoffmann, den ich (wie überhaupt die Wiener Werkstätte) tief verehre, in mein Auge fiel, erschien er mir wie das Tüpfelchen auf dem i für meine blaue Balkonphantasie. So geschehen. Ich passte die Seitenverhältnisse vor dem Ausdruck an, legte ihn unter die Scheibe und nun kann ich Josef Hoffmann in Gedanken ehren, wann immer mein Blick darauf fällt.
So, 10. Mai 1964 1. Muttertag Mama ♡, Geburt v. Sohn Andreas ☆ So, 10. Mai 1970 7. Muttertag Mama♡, 6. Geburtstag v. Andreas☆ So, 10. Mai 1981 18. Muttertag Mama♡, 17. Geburtstag Andreas ☆ So, 10. Mai 1987 24. Muttertag Mama♡, 23. Geburtstag Andreas☆ So, 10. Mai 1993 30. Muttertag Mama ♡, (29. Geburtst.) Andreas† So, 10. Mai 1998 35. Muttertag Mama ♡, (34. Geburtst.) Andreas† So, 10. Mai 2009 46. Muttertag Mama ♡, (45. Geburtst.) Andreas† So, 10. Mai 2015 52. Muttertag Mama ♡, (51. Geburtst.) Andreas† So, 10. Mai 2021 58. Muttertag Mama ♡, (57. Geburtst.) Andreas† So, 10. Mai 2026 (63.)Muttertag Mama†, (62. Geburtst.) Andreas†
Chat nach dem Konzert, in der Nacht vom 6. zum 7. Mai: „Sie ist ganz sympathisch, ungekünstelt und nahbar. Sie wohnt übrigens während ihrer kleinen Deutschland-Tour in Berlin. Heute spielt sie in Hamburg. Sie hat dem Publikum zwischen den Songs viel erzählt, ganz zutraulich. Auch zwei Songs mitgefilmt, mal gucken, ob ich die verwerten kann. Leider musste ich die Kamera beim Fotografieren und Filmen extrem weit hochheben, weil ich eher im mittleren Bereich stand, es war doch sehr voll. Das Hochhalten war anstrengend und ich hab auch bei den Filmaufnahmen ganz schön gewackelt. Muss mal sehen, ob sich das stabilisieren lässt.„
„Sophie Auster hatte schon während des Konzerts ausführlich erklärt, dass sie danach auf jeden Fall noch da sein wird, wo auch ihre Platten sind und man dann quatschen könnte und so. Aber weil sie eh schon dauernd erzählt hat, war es, als hätte man eine Freundin getroffen. Auch lustig auf dem Foto, sieht aus, als hätte der Drummer einen exaltierten Schnurrbart. Wenn ich sie richtig verstanden habe, sind ihre Mitmusiker aus Berlin, bzw. leben hier, deswegen haben sie auch eine Woche vorher angefangen in Berlin in einem Übungsraum zu proben. Sie kennt die drei, den Drummer, die Keyboarderin und den Bassisten wohl schon vom letzten Jahr.„
„Da ist sie auch mit Ihrem Mann und kleinem Sohn bei der Tour in einer Wohnung in Berlin gewesen. Jetzt käme es ihr schon ganz familär hier vor, meinte sie. Die anderen ziehen sie auf, weil sie die Straße, in der sie wohnt, nicht richtig aussprechen kann. Wenn sie mit ihrer akustischen Gitarre spielt und eine ihrer Balladen singt, erinnert das ein bisschen an Joan Baez 1968, aber ebenbürtig. Sie kann aber auch rockiger, hat auch ein paar uptempo Nummern im Programm und einen Song hat sie gecovert, „Self Control“ von 1984 von Laura Branigan, da meinte sie, der hat für sie immer schon Berlin Vibes gehabt, oder was sie sich darunter vorstellte. Sie animierte das Publikum dann auch den Refrain mitzusingen.„
„Sie hat eine magnetische Ausstrahlung, ein schneller Wechsel zwischen ganz ernst und dann wieder koboldhaft, wenn sie erzählt, dass sie ihren Mann (den sie oft erwähnt) in einem Club kennengelernt hat, als sie sturzbetrunken war, was ihr peinlich war, darüber hat sie auch ein Lied gemacht. Und dass sie vor der Show noch einen Shot genommen hat, hat sie auch nicht verheimlicht, die wilde Sophie. Mangelnde Lebhaftigkeit kann man ihr sicher nicht vorwerfen. Ihr Blüschen hat mich aber auch stark fasziniert, die Ärmel! Da muss man ja schon aus Spieltrieb expressive Armbewegungen machen! Bye bye Sophie, war schön mit Dir! [Jenny schreibt dazu: Mit Hingabe, sehr toll] Ich: Das muss man sich auch trauen, auf das Gefühl vertrauen, das macht sie.“
Gedankenlose Testfotos für die Kamera-Einstellung, hab sie behalten, weil Details vom Interieur im Frannz Club. Kronleuchter und plüschige Fransenlampe im Vorraum vom Konzertsaal. Am Abend war Wetter für Pullover und Schal, wie man sieht. Erst nach der Hälfte des Konzerts ausgezogen und den Pullover um die Hüften gebunden, weil zu dick für die Tasche. Pullover an Hüfte finde ich nicht so toll, irgendwie Achtziger oder Wandertag. Noch uncooler sieht nur Pullover um Schultern oder Hals geknotet aus. Neulich gelesen, dass dieses Pullover um Hals oder Schultern von bodenständigeren Syltern als „Kampen-Kringel“ geächtet wird. Golfer-Look für gehobene Einkommensklassen ist nicht meine modische Liga. Liegt weniger an der Einkommensklasse, kommt mir Sascha Hehn-mäßig und Achtziger vor. Herzlich Willkommen bei den Guldenburgs. Gestepptes Barbour-Jäckchen, Wellies und Zuchtperlenkette. Und SUV. Der (in)diskrete Charme gewisser Kaufleute. Meinen Pullover an Hüfte hat keiner im dunklen Konzertsaal sehen können, die Leute standen zu dicht, da konnte ich mir diesen quasi Fehltritt – rein praktisch begründet – erlauben.
Vorgestern machte ich mich lädiert auf den Weg zu Sophie Austers Konzert in den Frannz Club, hatte immer noch Kopfweh, wollte aber die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, sie zu sehen und die Karte nicht verfallen lassen. Der Weg dahin fühlte sich mehr an wie eine Arbeit, die man aus Pflichtgefühl erledigt, als der Auftakt zu einem Vergnügen. Meine musikalischen Freundinnen waren weitgehend durch andere Termine, Verpflichtungen oder Abwesenheiten verhindert, obwohl schon auch interessiert. Ich befasste mich abermals mit der Straßenbahn, welche zur Kulturbrauerei fährt. Keine. Die M1 fährt bis Schwedter Str., da aussteigen, Oderberger bis Kreuzung Schönhauser Allee 36, da wo die Skredzkistr. anfängt. Man könnte denken, ich bin neu zugezogen, derart wenig Orientierung im Detail, von Himmelsrichtungen abgesehen, habe ich in der Ecke. Ja, ich war da schon einige Male im letzten Vierteljahrhundert. Aber das ist ja Prenzlauer Berg und da fährt eben nur die Straßenbahn hin. Es sei denn, man stiege am U-Bahnhof Rosa Luxemburg Platz ein und fährt dann nördlich, sofern die dortige Baustelle im U-Bahnhof das nicht verhindert. Ich war schon wieder kurz davor, in ein Taxi zu springen. Aber dann ermahnte ich mich: stell Dich nicht so an! Die BVG-Seite schlägt den Weg zum Frannz Club sogar als FUßWEG vor, 19 Minuten. Eigentlich überschaubar. Aber ist man lädiert und geschwächt, macht nicht jeder Gang schlank, sondern strengt an.
Um mit der Kamera warm zu werden, ein paar Fotos fabriziert, denn dass ich Sophie Auster mit dem Gerät einfangen will, war noch eine gewisse Motivation, mich aufzurappeln. Ging dann relativ flott vom Rosenthaler Platz. Da fahren ja ganz schön viele Leute mit, mit dieser Tram. Hauptsächlich jüngere. Den Fußweg von der Tramhalte bis zum Frannz Club fand ich sogar recht pittoresk, im Hinblick auf die Geschäfte und die gastronomischen Etablissements. Da wirkt einiges einladend. Wäre ich auf einem Städtetrip, würde ich da vielleicht ausgiebig spazieren gehen und einkehren. Was man so macht auf Reisen. Toll ist allerdings auch, wenn man selten in einer Ecke der Stadt ist, präsentiert sie sich immer wieder mit einem Potpourri an Neuigkeiten. Zumindest da.
Das mag auch an der geschäftlichen Experimentierfreude liegen, schnell hat ein Romantiker oder eine Romantikerin mit Enthusiasmus, Mut und Lust zur Selbständigkeit eine Idee, einen Laden, eine Galerie oder ein Café zu öffnen und dann läufts vielleicht doch nicht so super und die nicht geringe Miete in beliebten Ecken wie dieser, wirft einem Knüppel zwischen die Beine und dann ist der Mietvertrag leider nach einer Weile beendet. Man ist fasziniert, wenn sich liebevoll bewirtschaftete Einzelhandelsgeschäfte mehrere Jahre halten, wenn es nicht gerade ein Lebensmittelgeschäft ist. Die hübschen Schaufenster müssen bezahlt werden, aber wovon, wenn hauptsächlich im Internet Zeug gekauft wird. Von mir zum Beispiel. Erlebnis-Shopping ist bei mir dann doch Reisen vorbehalten, im Alltag finde ich dafür ganz selten Zeit bzw. habe konstruktivere Sachen vor.
Allerdings muss ich auch anmerken, dass es kleine, schicke Läden gibt, die nicht vermitteln, dass sie jede Kundschaft mit offenen Armen willkommen heißen. Wenn ein oder eine Angestellte/r (auf Minijob-Basis) auf dem Smartphone daddelt, während ein Kunde mit interessiertem oder gar fragendem Blick das Geschäft betritt, bin ich nur so lange nachsichtig, wie zwischendurch ein Lächeln in meine Richtung kommt, komplette Gleichgültigkeit reizt meinen Fluchtreflex. Ich beehre ein Geschäft, bin grundsätzlich bereit Geld dort zu lassen und die Geschäftsführung bezahlt jemanden für Kundenservice, denn das ist die Verkaufstätigkeit in meinen Augen, und NICHT für eine mehrstündige Sitz-Performance in Sachen Null Interesse am Verkauf. Ich komme schon wieder vom Hundersten ins Tausendste. Also Einkaufen in putzigen Läden muss einen größeren Mehrwert als ein schönes Schaufenster und besondere Ware bieten. Dass Tiefstpreise wie im Internethandel unrealistisch sind, ist klar. Also bitte ich darum, sämtliche Antennen Richtung Kundschaft auszufahren, die sich bereits entschlossen hat, ein Geschäft zu betreten oder kurz davor ist. Das kriegt man natürlich nur mit, wenn man den Blick regelmäßig vom Smartphone hebt und mal zur Tür guckt. Wie sich der eingangs erwähnte Konzertabend dann am Ziel gestaltete, also im Frannz Club, werde ich alsbald auch noch berichten. Und zwar anhand von Bildern meiner Kamera der unwiderlegbar zauberhaften Sophie Auster.
„ZUM ROTEN KLIFF„. Treppen aus Holzplanken nach unten, zum Meer, wo die Schwertmuscheln im Sand anlanden. Einunddreissig Schwertförmige Scheidenmuscheln (Ensis ensis), auch Schwertförmige Messerscheide, Gebogene Schwertmuschel oder unspezifisch auch nur Schwertmuschel genannt (Wikipedia), am 29. und 30. August 2025 gefunden am Roten Kliff, Kampen, Sylt. Sushistäbchen, Lidschatten-Aluschälchen, Spiegelscherbe, kaputte Handtaschenreißverschluss-Teile, Kleber, Grundierung, Leinwand. 50 x 70 cm, 2./3. Mai 2026, Staatl. Museen v. Gaganien
Heute Regen, Regen, Regen, kein Strohhut-Wetter. Der auf den Fotos ist meiner Erinnerung nach vom Euro-Shop. Für einen Euro gibts da schon länger nichts mehr, aber ab circa 1,20 oder 1,30 €.
Was für ein Erfolg! Weniger für mich, als für Henri Matisse. Hätte er 1952 in Nizza, mit der großen Schere in der Hand erträumt, dass seine Nus Bleus vierundsiebzig Jahre später die Inspiration für Meterware eines flatternden Oberteils abgeben, in dem sich in Berlin Gaga Matisse zu seinen Ehren in Pose werfen wird? Aber ja! Denn seine Vorstellungskraft kannte keine kleinlichen Grenzen.
Fühle mich heute (körperlich) nicht so gut, aber simuliere Funktionieren – mit stetigem Seitenblick zur Uhr. Noch 38 Minuten. Mir ist leicht schummrig, Kopfweh, hohe Luftfeuchtigkeit heute in Berlin, drückend. Fortschritt: privat Freundinnen-Kino-Verabredung hinbekommen, sogar Tickets gekauft. Für den 12. Mai, „Der Teufel trägt Prada 2“. Völlig unglaublich, dass der erste Film schon genau 20 Jahre her ist. Da sah Meryl Streep genauso aus wie in dem neuen. Allerhand. Vielleicht bleibt man zwischen Mitte Fünfzig und Mitte Siebzig auch ein bisschen stehen, weil dann ja die Wechseljahre mit dem markantesten Umschwung erledigt sind. Mehr oder weniger. Wäre mir durchaus lieb. Fotos nicht von heute, vom Wochenende. Sonntag. Bevor ich mich auf den Weg machte. Mein vornehmster Plan für nachher, außer Ausruhen, ist vorher zum gut sortierten „Ullrich am Zoo“ zu gehen und das Kräutertöpfchen-Regal leer zu kaufen. Habe reichlich kleine Töpfchen auf dem Balkon, in denen mal was blühte. Kräuter sind mir mit die liebsten Balkonpflanzen. Top Drei: Rosmarin, Salbei, Schnittlauch. Gestern schon zwei kleine Exemplare Minze mitgenommen. Was ich nie mehr kaufe, ist Basilikum. Geht mir immer ein, hoffnungslos. Und ist auch nicht mein Lieblingskraut.
Auch grottig, licht- und schärfetechnisch, aber nett im Ausdruck. Ich habe keine Hemmungen Bilder, die mich zeigen, genauso zu bewerten, als sei eine andere Person abgebildet. Maria Callas hatte das auch, vor allem im Hinblick auf ihre gesanglichen Leistungen. Sie konnte ihre gelungenen Aufnahmen schwelgerisch würdigen, insbesondere zeitlich weiter zurück liegende. Es gibt keinen Grund, sich herabzusetzen. Sich ungebührlich zu erhöhen, freilich auch nicht. Neulich hat Alt-Rapper Bushido, der in der aktuellen DSDS-Staffel in der Jury sitzt (neben Dieter Bohlen und Isi Glück), nach einer Performance zu einem jungen Kandidaten mit väterlicher Fürsorglichkeit gesagt: „Versuch einfach mal, mit Understatement zu glänzen.“ Hat mich sehr beeindruckt, der Satz.
Manchmal hab ich einfach die verkehrte Einstellung. Es sei denn, man würde unfreiwillig grobkörnige, analog wirkende Resultate anpeilen, wie aus einer 70er-Jahre Pocketkamera. Spielzeug meiner Kindheit, erste Fotoversuche Anno 1974 mit Achteinhalb. Interessanter Unterschied dieser fehlerhaften Einstellung zu defizitären Smartphone-Ergebnissen: es gibt beim gnadenlosen Reinzoomen keinerlei pixelige Quadrate, sondern körnige Punkte.
Gestern nach fünf, die Abendsonne aus dem Westen. Zwar nicht die Balkonbrüstungsfliesen geputzt, aber ein paar auf dem Boden repariert und an einem Bild gebastelt. Dabei Weißwein getrunken.
Mein ganzer Hausfrauenstolz: gestern Balkon Drei geschrubbt. Leer geräumt und auf Knien jede einzelne Fliese bearbeitet. Bestimmt drei Jahre her, dass ich das so gründlich gemacht habe.
Und den vertrockneten Bambus gestutzt und die Balkonmöbel geputzt. Stehen noch drinnen. Muss heute noch ein paar Stellen an den Fliesen reparieren. Mein eigenes Werk, die blauweiße Pracht, drunter verstecken sich schnöde, quadratische, kleine graue Fliesen. Die blauweißen Fliesen auf der Brüstung will ich auch noch richtig gründlich sauber machen, die sind nur aufgelegt, bevor ich die Stühle und die kleine Schubladenkommode wieder auf den Balkon stelle. Und dann zur Belohnung dort ein schönes Gläschen Weißwein trinken. So hab ich mir das für heute gedacht.
Erster Mai von hinten aufgezäumt. Gefiel mir, das Hemd im Fenster. Zum Auslüften hingehängt oder frisch gewaschen. Ich habe gestern auch ein Bettlaken auf dem Balkon zum Trocknen aufgehängt, perfektes Wetter dafür. Nach der Schnippel-Aktion auf Balkon Eins zum Atelier gefahren und dort sehr fleißig geputzt. Zeige ich gleich. Auf dem Heimweg von der U-Bahn Weinmeisterstraße noch einen kleinen Spaziergang über die Mulack- und die Rückertstraße gemacht, in der war ich noch nie. Also in der Rückert. In der Mulackstraße schon, selbstverständlich.
Ein zarter Blütengruß vom Balkon: kleine Rosmarinblüten. Mein weißer Flieder blüht auch, aber der ist auf dem anderen Balkon, noch kein Foto gemacht. Wird noch verewigt. Alle Jahre wieder.
schnippschnapp – Haare ab. Heute 23, morgen bis zu 27 Grad…! Sommerlich. Gerade das Chinaschilf „Miscanthus sinensis „Hermann Müssel““ gestutzt, hatte schon die Befürchtung, dass es vertrocknet ist, weil ich Monate nicht gegossen hab, erst vor vier Tagen wieder angefangen, alle Pflanzen draußen täglich zu gießen. Aber die winterharten sind ja so dankbar und kommen immer wieder, alle braunen und vertrockneten Blätter und Triebe weggemacht, mit der Geflügelschere gestutzt, die meine Eltern zur Hochzeit 1963 bekommen haben. Die hat mir meine Mama noch zu Lebzeiten geschenkt, weil ich die immer so toll fand… jetzt sieht es auf dem Balkon natürlich noch ein bisschen mickrig aus, aber das kommt alles noch. Ich liebe winterharte Pflanzen, die jedes Jahr zurückkommen. Wäsche trocknet auf dem Balkon, gerade aufgehängt. Jetzt wohlverdiente Pause mit Brotzeit! Gartenarbeit ist auch auf dem Balkon herrlich. Zutiefst befriedigend. Man ist ganz selbstvergessen und doch konstruktiv – so wie beim Malen…
Scheint ein schöner erster Mai zu werden. Bin bereits am Frühstücken mit großem Kaffee und Obstsalat aus Apfelschnipseln, Weintrauben und Mandarine mit Joghurt. Nun Unterbrechung, um die Bettwäsche abzuziehen und in die Waschmaschine zu packen. Während die dann läuft, will ich das Wintergestrüpp von den Balkongewächsen wegmachen, stutzen. Ist doch Einiges, besonders das Chinagras braucht einen Schnitt. Wenn ich damit fertig bin, könnte die Waschmaschine auch fertig sein. Dann zum Trocknen aufhängen und dann vor die Tür, zum Atelier. Habe ein Bild angefangen, bin noch unsicher, ob das so hinhaut, was ich angeordnet habe. Angeordnet im Sinne von Teile auf einer Leinwand angeordnet. Einen Assistenten, dem ich etwas anordnen könnte, habe und will ich da nicht. Und nun ans Werk, mal sehen, ob das alles so von statten geht, wie ich es vorhabe. Gestern Abend war ich in keiner Galerie mehr, daheim geblieben.
Morgen ist ein Feiertag. Hatte ich wieder vergessen – und mir zwei Äpfel für mein Obstschälchen auf dem Schreibtisch eingesteckt, einen für heute, einen für morgen – bis jemand jemandem ein schönes langes Wochenende gewünscht hat. Im Schälchen sind jetzt drei Äpfel und eine Mandarine. In der Gemeinschaftsküche noch eine Paprika eine Tomate, eine Gurke, zwei Zitronen, rote Weintrauben und Ingwer. Nehme ich nachher alles mit, wenn es sonst keiner macht. Opfere mich gerne. Soll nicht schlecht werden.
Draußen ist herrliches Wetter. Gerade im Freien, mit Blick zur Sonne zu Mittag gegessen, gab Kabeljau mit Kartoffeln und buntem Salat. Dazu eine Fritz Cola superzero. Die bevorzuge ich eigentlich nicht, weil teurer als die Vita Cola ohne Zucker und weil sie auch nicht besser schmeckt. Ich mag die Vita Cola sehr gerne, die ist ein bisschen zitroniger, aber die war alle.
Meine Lieblings-Servicedame wollte mir ein Dessert schenken, aber da mir die andere auch sehr nette Mitarbeiterin schon eine doppelte Portion Kabeljau und Kartoffeln auf den Teller gepackt hat, hätte ich das Dessert einfach nicht mehr geschafft. Ich kämpfte zuletzt ein wenig mit dem letzten Stückchen Fisch, aber dann hab ich mich zusammengerissen, extra langsam gekaut und gedacht, das wäre doch lächerlich, wenn das nicht noch reinpasst.
Nebenher habe ich noch ein paar Absätze in einem schmalen Büchlein gelesen, das mich seit drei Tagen unterwegs begleitet, nämlich: „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ von meinem alten Kumpel Bodo Kirchhoff. Gibt ein paar launige Passagen. Die unverblümten sind mir immer die liebsten von ihm.
Draußen habe ich mit dem Tablett mit dem Essen auf einem gemauerten Absatz einen Platz in der Sonne gefunden, weil noch keine Stühle draußen standen. Auf das Mäuerchen habe ich einen Stoff-Einkaufsbeutel gelegt, damit es nicht so kalt am Popo ist.
Schade, dass das Dessert nicht mehr reingepasst hat, da gab es ein Glas mit rosa Joghurt oder Quarkspeise und oben drauf noch eine Schicht Rote Grütze. Genau meins.
Am Wochenende ist wieder Gallery Weekend in Berlin und mehr als sonstwo, geradezu exzessiv in meiner Ecke. Kann sein, dass ich heute Abend vielleicht bei einer Eröffnung am Gipsdreieck vorbeigucke, ist noch unsicher. Aber so Gallery Hopping von einer Galerie zur anderen, die ganze August- und Linienstraße entlang, ist mir zu stressig. Auch wenn da mitunter tolle Sachen zu sehen sind.
Wenn mittelmäßiges Zeugs präsentiert wird, ärgere ich mich immer ein bisschen und denke dann insgeheim Sachen wie „Much Ado About Nothing, was für eine prätentiöse Scheiße!“ Aber auf der anderen Seite gräme ich mich dann über mich selber, dass ich nicht der Typ für aufdringlich marktschreierische Selbstvermarktung bin. Und Klinkenputzen schon dreimal nicht. Daran haperts bei mir.
Habe gerade den Abschiedsbrief von Jonathan Meese an seine vor einer Woche verstorbene, sehr verehrte Frau Mutter gelesen. Außerdem war gerade der Bezirksschornsteinfeger von Mitte da und hat einen Rauchmelder ausgewechselt, der seit ein paar Wochen nervig in circa 20-Stunden-Abständen zweimal gepiepst hat. Der Schornsteinfeger war in voller Montur mit schwarzer Kluft mit goldenen Messingknöpfen und hohem, schwarzem Zylinder. Ich hab ihn aber nicht angefasst – auch nicht danach gefragt. Gestern hab ich gehört, dass manche den Schornsteinfeger nicht anfassen oder am goldenen Knopf reiben, sondern ihn kneifen! Das täte ich mich ja noch viel weniger trauen. Ganz schön kess. Ist das vielleicht eine regionale Spezialität im Hohen Norden, in Schleswig-Holstein und Hamburg? Beim Googeln hab ich gar nichts darüber gefunden, nur, dass manche Glücksritter dem Feger mitunter ihren ausgefüllten Lottoschein zum Betatschen hinhalten.
P.S. jetzt mit Bild, gemalt 1970 oder 1971 (war ich fünf oder sechs)
Eigentlich möchte ich gar nicht weiter erklären, wie die Gärten zweitausendachtzehn zu diesem disneyhaften Namen gekommen sind. So kann man sich einfach vorstellen, dass Königin Luise von Preußen als Kronprinzessin dort gewandelt ist (…eher unwahrscheinlich). Aber indirekt gibt es doch eine Verbindung. Es gibt in Kreuzberg eine Prinzessinnenstraße und die erhielt ihren Namen am 3. Januar 1855 zu Ehren der Prinzessinnen aus dem Hause Hohenzollern. In jener Straße, in der ich übrigens im Sommer 1986 für drei Monate in der Hausnummer 1 – 3 wohnte, wurde ein hippiehaftes, gemeinnütziges Gartenkollektiv begründet, das mit den Prinzessinnengärten in der Herrmannstraße, auf dem ehemaligen Gelände des Alten St. Jacobi Friedhofs einen riesengroßen Ableger bekommen hat. Jetzt habe ich den Prinzessinnen-Namen doch erklärt. Dort gibt es nur noch circa fünfhundert alte Gräber, die nicht verlängert werden können, wenn sie bald auslaufen. Neue Bestattungen finden dort seit vielen Jahren nicht mehr statt. Das junge, blühende Leben hat Einzug gehalten. Im vorderen Bereich ist ein Gartencafé und im Sommer gibt es dort Open air-Kinovorstellungen. Ganz hinten, Richtung Tempelhofer Feld, beginnen dann die Gemüsegärtlein und Hochbeete mit pittoresken Gartenmöbeln, dazwischen Skulpturen. Die Magnolie ist recht nah vorne beim Café, abseits vom Weg.
„Ich glaube, ich habe Ihnen nie gesagt, warum ich Sie gerne und nicht nur für Stunden, sondern oft sehen möchte. Weil ich mir nämlich einbilde, dass wir über alles reden sollten, worüber man sonst wenig Lust hat, noch mit irgendjemand zu reden, und dass es einen Sinn hätte. Ich möchte mit Ihnen sogar über das Schreiben, über Gedichte und wie alles veränderbar wäre, reden, und was zu tun ist und warum, ohne Plan und erstarrte Ansicht. Auch streiten möchte ich mit Ihnen, damit man noch einmal etwas herausfindet und nicht, damit man recht behält, und man könnte an allen Enden anfangen und doch kein Ende finden.“
Ingeborg Bachmann an Hans M. Enzensberger, „schreib alles was wahr ist auf“, S. 39
Karo-Kessler. Es wächst sich zur Marotte aus mit jenen Mützen.
Es folgt die Beschreibung des gestrigen Abends, Untertitel „Ausgehen ohne Smartphone“. Fotos mit der Barbie-Kessler-Mütze, gestern, 17.43 Uhr, kurz vor dem Losgehen. Ich machte auf dem Weg zur U-Bahn einen Schlenker in die Gormannstraße zu Sevenstar. Um 17.55 Uhr war ich da, um kurz Hallo zu sagen.
Gegen 18.03 Uhr brach ich wieder auf, die Gormannstraße entlang Richtung U-Bahn Weinmeisterstraße. Sechs Minuten Warten auf dem Bahnsteig, um 18.12 Uhr kam die U8 zum Alex, eine Halte. 18.14 Uhr raus, ich musste umsteigen in die U2 Richtung Ruhleben.
Es ist ein ziemlich langer Weg vom Bahnsteig der U8 zum Bahnsteig der U2. Man läuft und läuft und läuft. Kennt man ja. Aber diesmal trippelte ich etwas, immer mit Bedacht, mir das Ungewohnte nicht anmerken zu lassen, die Stiefeletten mit den höheren Absätzen machten sich bemerkbar. Ein anderes Laufen.
Dann, am Bahnsteig der U2, ca. um 18.20 Uhr sondierte ich die Fahrtrichtung, suchte nach der Anzeige „Ruhleben“. Das stand da aber nicht. Ich las evt. Theodor-Heuss-Platz oder eine andere Haltestelle, wobei das ja auch die richtige Richtung gewesen wäre und ich es wissen müsste. Dann kam eine U-Bahn, ich war verwirrt und stieg auf der falschen Seite ein, Richtung Pankow, was Unsinn war und ich hätte eigentlich wissen müssen. So weit reichen meine Geographiekenntnisse in Sachen Berliner Bezirke.
Die Tür schloss sich und die nächste Halte war Rosa-Luxemburg-Platz, genau falsche Richtung. Ich noch relativ entspannt, weil ja gut in der Zeit, früher losgegangen, als geplant. Ziel eine Ausstellungseröffnung in Schöneberg in der Potsdamer Str., Nähe U-Bahnhalte Bülowstraße. Davon war ich aber noch sehr weit entfernt.
Ich stieg Rosa-Luxemburg-Platz aus und wollte lässig zum gegenüber liegenden Bahnsteig, um wieder in die richtige Spur, also richtige Fahrtrichtung zur U-Bahn-Halte Bülowstraße zu kommen. Man ahnt schon an der Umständlichkeit meiner Beschreibung des Vorgangs, dass es nicht einfacher wurde.
Ich konnte leider nicht einfach mal rüber zur anderen Fahrtrichtung, weil ausgerechnet am Rosa-Luxemburg-Platz größere Bauarbeiten an dem Schienenstrang und im U-Bahnhof von statten gehen. Ein großer Bauzaun verdeckt die Sicht auf den Bahnsteig, zu dem ich wollte.
Treppe hoch, Ausschau nach einem anderen Zugang gesucht, andere Treppe runter. Wieder war ich auf dem selben Bahnsteig in die falsche Richtung, nach Pankow. Es war ca. 18.20 Uhr. Wieder hoch. Ein Hinweisschild überflogen, irgendwas mit Ersatzverkehr, aber keine richtungsweisenden Pfeile.
Etwas entfernt entdeckte ich eine Bushaltestelle, da standen auch zwei Frauen und warteten und auf einem Fahrplanschild stand „Ersatzverkehr“, die Details las ich leider nicht. Hoffte, das nun da irgendein Ersatzverkehr-Bus käme, checkte die Fahrtrichtung und die Haltestellen, aha, bis Spittelmarkt also. Ok. Dann könnte ich da ja wieder in die U 2 Richtung Bülowstr. So dachte ich.
Und wartete. Und wartete. Und wartete. Inzwischen waren sicher zehn Minuten vergangen, wenn nicht fünfzehn, als ich zweifelte, ob ich hier richtig sei. Kein Bus zu sehen. Näher zum „Ersatzverkehr“-Hinweisschild. Erstmalig die Uhrzeiten gelesen. Den Ersatzverkehr gab es erst ab ca. 22 Uhr. Hier war ich falsch. Wo der Ersatzverkehr für den frühen Abend ist, konnte ich nicht herausfinden.
Die beiden anderen wartenden Damen schienen auf einen anderen Bus zu warten, der vielleicht bald käme und regulär dort abfährt, aber ganz weit östlich fährt, nicht über den Alex, nicht nach Süden. Beim Warten hielt ich schon immer Ausschau nach Taxis, aber alle waren besetzt. Ich drehte mich um und hoffte an einer anderen Ecke weiterzukommen, egal wie.
Ein Taxi kam, das frei war, ich winkte und stieg ein. Auf dem Display im Taxi war es 18.37 Uhr. Ich nannte die Adresse Potsdamer Str. 161 und wir gurkten eine ganze Weile durch Mitte, Absperrung hier, Absperrung da, Baustellen. Ca. 18.47 Uhr waren wir am Potsdamer Platz.
Mir fiel kurz ein, dass ich vielleicht straffer unterwegs gewesen wäre, wenn ich mit der S-Bahn von Oranienburger Str. bis Potsdamer Platz gefahren wäre und von da in die U2, aber dafür war es nun zu spät. Ich war auch nicht mehr gewillt, ein weiteres Stück mit der U-Bahn zu fahren, zumal noch ein Fußweg bis zur Hausnummer 161 in der Potsdamer Str. wartete. Trippel trippel.
Um fünf vor Sieben war ich mit dem Taxi am Ziel und dachte, das ist ja eigentlich genau die Zeit, die ich angekündigt hatte. Nämlich, ich käme zwischen 18.30 und 19 Uhr, „so kurz vor Sieben“ hatte ich Ina und Lydia mitgeteilt. Ina wollte früher kommen, zu 18.30 Uhr circa-ungefähr.
Ich wollte es vor Ort kurz halten, da erfahrungsgemäß schnell erfasst ist, was hängt und nur mal Hallo zu Jan sagen, was im erwartungsgemäßen Trubel auch keine längere Zeit in Anspruch nimmt. Da er dort in einer Gruppenausstellung vertreten war, wollte ich als Geste der Freundschaft und auch Interesse, was andere so treiben, meine Aufwartung machen.
Mit Option zum länger Bleiben, falls sich eine unerwartete Begegnung ergeben sollte, die exorbitant fesselt. Und anschließend zum Berlin Beat Club, im Ballhaus in der Chausseestraße. Jedenfalls Ina hatte auch wieder mal Lust darauf. Lydia wollte zwischen 18.30 und 19.00 Uhr in der Galerie dazustoßen.
Ich stand vor der komplett verschlossenen Galerie, mit mir ein Grüppchen Wartender, die Einlass begehrten. Die Tür war verriegelt. Ich hatte irgendwo gelesen, die Eröffnung begänne um 17 Uhr und war irritiert. Fragen ergab: „Nein, 19 Uhr“. Keine Ina, keine Lydia weit und breit. Auch von Jan nichts zu sehen. Man wartete.
Ich langweilte mich. Niemand da, den ich kannte oder mir interessant genug erschien, um in Kontakt zu treten. Die ganzen Vibrations waren eher unkommunikativ. Man spürt das ja. Ich kam mir wirklich vor wie eine Barbiepuppe in meinem Rosa von Kopf bis Fuß, die sich im Kino in den falschen Saal verirrt hat.
Ein Mann kam mit einem Schlüssel, er wirkte eher wie ein Hausmeister in rustikalen Alltagsklamotten und schloss auf. Drinnen keine wartenden Künstler oder Gäste-willkommen-heißenden Galeristen, nur ein kleiner Tresen, an dem Getränke verkauft wurden. Zwei überschaubare Ausstellungsräume mit vielen kleinen Bildern, eng gehängt, für mich zusammenhanglos, qualitativ sehr unterschiedlich, durchwachsen. Überladene Hängung für mein Auge.
Der vordere Raum roch, als sei ewig nicht mehr durchgelüftet worden. Ich ging aufs Klo links vom Tresen. Es kamen weitere Leute, aber niemand, den ich kannte. Kurz überlegte ich mir ein Getränk zu holen, aber mir verging die Lust, länger zu verweilen und zu warten. Meine Gedanken, wieso weder Ina noch Lydia da waren, gingen in zwei Richtungen.
Entweder waren sie um 18.30 schon vor mir da, erfuhren, dass erst in einer halben Stunde geöffnet wird und suchten sich einen angenehmeren Ort in der Nähe, um die Wartezeit bis dahin zu vertreiben und kämen dann wieder.
Oder es war ihnen etwas Unvorhersehbares dazwischen gekommen, Unwohlsein, ein Haushaltsproblem und ich konnte die eventuelle diesbezügliche Message kurzfristig nicht mehr bekommen, weil ich schon unterwegs war und damit offline. Ohne Smartphone.
Dritte Variante wäre, sie kämen einfach bedeutend später, fragt sich nur wann. Mir gefiel es dort nicht, ich hatte keine Lust eine unwägbare Zeit abzuwarten, ob sie noch kämen. Weiterer Gedanke: Ina könnte gemerkt haben, dass es bei ihr zeitlich zu knapp wird, alles unter einen Hut zu bringen und fährt direkt zum Ballhaus.
Inzwischen war es 19.10 Uhr und ich sah wenig Sinn, noch länger zwischen Fremden tatenlos herumzustehen und Zeit zu verlieren. Ich hatte vorher Ina mitgeteilt, dass wir ca. gegen 19.20 los sollten Richtung Ballhaus. Wenn sie jetzt erst oder in fünf Minuten kämen, dann wäre zumindest Ina nur für 5 – 10 Minuten in der Ausstellung, wenn sie mit zum Beatclub käme, wohin sie doch auch wollte, wie ich bis dahin dachte. Das ergab doch wenig Sinn.
Ich überlegte, zurück nach Hause zu fahren, um eine Message abzusetzen, dass ich auf dem Weg ins Ballhaus sei oder direkt hinzufahren und dann von da aus irgendwie zu kommunizieren, indem mir jemand von der Band, die ich ja kenne, mal kurz gestattet sein Smartphone zu benutzen. Ich entschied, mich auf den direkten Weg zum Ballhaus zu begeben. Dachte, je früher ich dort bin, umso größer die Chance sogar noch ein, zwei Plätze zu bekommen. Die Konzerte fangen recht pünktlich um 20 Uhr an.
Da keine Taxis kamen, trippelte ich zügig zur U-Bahn Bülowstraße, immer noch Ausschau haltend, ob mir nicht doch Lydia oder Ina entgegenkämen. Leider nicht. Umsteigen in die U6 am U-Bahnhof Stadtmitte, Fahrtrichtung Kurt-Schumacher-Platz bis zur Haltestelle Naturkundemuseum. Gegen ca. 19.35 Uhr war ich da. Gut in der Zeit zum Konzertbeginn, aber leider doch schon alle Sitzplätze vergeben.
Ich konnte leider an kein Smartphone rankommen, um Kontakt aufzunehmen und hoffte, dass Ina von selbst auf die Idee käme, dass ich schon im Ballhaus bin. Ich holte mir ein frisch gezapftes kleines Veltins und hypnotisierte den Eingangsbereich, um sie nicht zu verpassen. Leider erfolglos. Es stellte sich nach dem ca. dritten Song heraus, dass der Sänger wohl nicht dabei ist, der gute Tom.
„If I had a Hammer“ hob meine Laune und auch „Under my Thumb“. Ich genehmigte mir ein zweites kleines Bier und wackelte ein bisschen mit im Takt, das Glas in der Hand. Blöderweise hatte ich auch keine Telefonnummer von Ina oder Lydia bei mir und Telefonbücher gibts ja nicht mehr, zumal da keine Handynummern drinstehen.
Ich trat vor die Tür, holte bisschen Luft, es war sogar noch hell. Allein machte es mir keinen Spaß, es war nicht dasselbe wie sich zu zweit oder mehreren an der Musik zu erfreuen und mir war nicht nach Kontakte knüpfen. Im Saal hatte ich mir erlaubt, mich mal temporär hinzusetzen, wo ein Stuhl frei war, weil getanzt wurde.
Ich kenne die Gegebenheiten und ungeschriebenen Regeln und wäre sofort aufgestanden, wenn die „Besitzerin“ des Stuhls vom Tanzen zurückgekommen wäre. Das versuchte ich auch vorneweg dem Mann an dem Tisch zu sagen, der mich argwöhnisch betrachtete. Ich lächelte ihn an und versuchte mit Gesten, Händen und Füßen und auch Worten zu signalisieren, dass ich nur kurz mal Platz nehme, sofort wieder aufstehe, wenn jemand zurück kommt.
Ein gnadenloser Blick strafte mich. Die Musik war zu laut, um sich zu verständigen. Das Lied war dann zu Ende, ich hatte weiter beschwichtigend gestikuliert, aber wurde nicht verstanden. Er kam auf mich zu, ich wollte es in der ruhigen Minute kurz rüberbringen, dass ich sofort aufstehen würde, dass ich den an „unsichtbar“ vergebenen Platz nicht unangemessenerweise für den Rest des Abends beanspruche.
Er ließ mich nicht zu Wort kommen und legte los à la: „JETZT REDE ICH!“, dass das der Platz seiner Frau sei, die diesen dringend benötige. Was ich ihr nie streitig machen wollte, ich kam nur nicht dazu, das zu erklären, und noch tanzte sie offenkundig munter und zeigte keinerlei Interesse am Stuhl. Er blockte meine Erklärungsversuche ab mit, dass ihn nicht interessiere, was ich zu sagen hätte.
Mir wurde es zu blöd, ich schüttelte den Kopf und stand auf. Meine Stimmung war nicht mehr gehoben. Ein paar Mal wechselte ich noch den Standort, selbstverständlich stehend und ahnte längst, dass Ina nicht mehr eintreffen würde. Wenn ihr eh was dazwischen gekommen war, hatte sie vielleicht alles gecancelled.
In meinem Hinterkopf war noch eine vage andere Idee, den Abend zu verbringen, die könnte ich noch eruieren, dachte ich mir. Und verließ das Ballhaus gegen ca. 20.40 Uhr. Zum Türsteher sagte ich, dass ich vielleicht wiederkäme, ich wüsste es noch nicht genau. Er lächelte freundlich. Wieder zur U-Bahn. Haltestelle Naturkundemuseum. Eine Halte bis Oranienburger Tor. Und dann der lange Fußweg die Linienstraße entlang, trippel trippel trippel.
Joachimstr. Ecke August. Fahrstuhl. Wohnungstür. Schuhe aus. Meine Fußsohlen brannten etwas. Rosa Anzug aus. Sollte ich noch mal vor die Tür gehen, würde ich das Outfit komplett wechseln. Und sehr bequeme flache Stiefeletten anziehen. Falls. Ich genehmigte mir ein Jever, guckte meine Messages durch.
Zwei von Ina und Lydia, in denen sie sich nach meinem Verbleib erkundigten. Die eine von Lydia von 20.01 Uhr, dass sie und Ina vor der Galerie säßen und warteten. Die andere von Ina von 20.24 Uhr mit der Frage, ob ich gleich wieder gegangen sei. Ich antworte um 21.02, erklärend von wann bis wann ich vor Ort war und machte mir ein paar Schnittchen mit Mortadella und Gürkchen.
Mein Festnetz-Telefon klingelte. Im Telefongespräch bahnte sich die Möglichkeit an, noch zu einer privaten Feier im Prenzlauer Berg dazuzustoßen, Ich hatte Lust darauf, um diesen Freitagabend vielleicht doch noch mit einem Highlight oder wenigstens anregendem Tapetenwechsel abzuschließen und überlegte schon mal mit neuer Munterkeit, was ich anziehe.
Zog es kurzerhand schon mal an und wartete bis 22.30 Uhr auf die avisierte Rückmeldung, die leider nicht kam. Dann trank ich mein Bier aus, entledigte mich meiner Ausgehkleidung, hängte den rosa Anzug auf und räumte die übrigen ausgezogenen Klamotten weg, packte die Stiefeletten mit den Absätzen wieder zurück in die Truhe und schlüpfte ins Bett.
Der Wecker neben meinem Bett zeigte 23.00 Uhr. Der Beatclub spielte vermutlich gerade das letzte Set. Was für ein bemerkenswert verworrener Freitagabend. Nun weiß ich immerhin, dass die höheren Stiefeletten zwar gut zum rosa Hosenanzug passen, aber zum Wandern auf Asphalt nicht zu empfehlen sind.
Guten Morgen! Hier also die Variante mit der rosa Mütze, die ich Barbie Kessler getauft habe. Außerdem Stiefeletten mit Absatz und ein Gürtel. Und vorteilhafter hingestellt, das macht viel aus. Leider hatte ich gestern nicht das erhoffte Publikum für meine Aufbrezelei. Erzähle ich später. Vielleicht. Eventuell. Leicht zensiert. So in etwa.
Das gute Stück. Mein einziges Outfit in Rosa. Warum nur? Jetzt gibt es sogar noch eine rosa Kesslermütze dazu, noch nicht abgelichtet. Die hat mir die nette russische oder ukrainische Verkäuferin vom Wochenmarkt am Hackeschen Markt besorgt, nachdem ich ihr schon eine hellgrüne und eine dunkelblaue abgekauft hatte. Auf meine Nachfrage, ob es die auch in Rosa geben würde, hat sie sich vor einer Woche eine Notiz auf ihrem Smartphone gemacht, mit meiner Größe, und eine Woche später hatte sie eine für mich in Rosa. Habe nun schon familiäre Gefühle, wenn ich an der Marktfrau vorbeikomme, es wird immer gewunken, gegrüßt oder geplaudert. Der Hosenanzug sieht auf den Fotos aus, als ob er ein bisschen aufträgt, so voluminös komme ich mir gar nicht vor, vielleicht hätte ich ihn doch eine Nummer kleiner bestellen sollen. Aber sehr bequem. Die weiten Hosenbeine machen vielleicht ein bisschen stämmig. Aber wenn ich dazu mal Stiefeletten mit höherem Absatz ausprobiere, könnte das die ganze Angelegenheit vorteilhaft strecken. Die Hosenbeine wären jedenfalls lang genug für Schuhe mit Absatz. Mal ausprobieren.
Im Bild die Königsberger Klopse, die Jenny und ich nach der Ausstellung in der „Letzten Instanz“ verzehrt haben. Bzw. mein Teller, Jenny hatte einen eigenen. Mittig ein Scheibchen Rote Bete, die grüne Soße schmeckte nach Meerrettich, Wasabi nicht ganz ausgeschlossen. Die rostfarbenen Krümel auf den Klopsen waren entweder zerkleinerte Röstzwiebeln oder in Butter gebräunte Semmelbrösel, konnte ich nicht genau eruieren. Bisschen fancy neu interpretiert, schon gelungen. Mir waren die Klopse innen ein bisschen zu trocken, fast krümelig, habe ich lieber etwas cremiger. Nachfolgend kopierte Auszüge aus meiner gestrigen Konversation mit Ina, der ich ausführlich von unserem Besuch dort berichtete:
„(…) In der Instanz war netter Service, wir haben mit Ach und Krach den letzten Tisch bekommen, nix reserviert, ein frecher Gastgeber, aber so Richtung Herz mit Schnauze. Die Weinkarte war gar nix für mich, die hatten 7 Sorten offenen Wein, davon 5 Rieslinge !!!!!! Die anderen beiden irgendein Weißburgunder, war ganz ok, und ein Dessertwein. Der Schaumwein war leider auch nicht meins. Vier zur Auswahl, darunter zweimal Rieslingsekt (nicht meins, wie du weißt), ein dritter, weiß nicht mehr was an dem unattraktiv war und ein Rosésekt, hab ich genommen, obwohl auch nicht mein Favorit, war sauer wie Riesling. Sie hätten doch einen Wein, den ich favorisiert hätte, aber den gabs leider nicht offen, nur flaschenweise, einen fränkischen Silvaner… Jenny mag auch Riesling, war gut bedient.
Bier hatte ich zuerst, wurde aber, obwohl Pils vom Fass, nicht im Pilsglas, sondern so einem normalen Weißbierglas mit dickem Rand serviert. Die Königsberger Klopse waren etwas fancy, neu interpretiert mit einer Merrettichsoße, ziemlich große Klopse, innen trocken krümelig, hab schon bessere gegessen. Also war nicht schlecht, aber Jenny, die auch K. Klopse mag, fand, es wären die besten gewesen, die sie je aß. Publikum war schon älter und ganz interessant. Das Lokal hat Für und Wider. Gemütlich, kurzweilig. Ich würde schon nochmal hingehen, und dann die Keule essen 🙂 Wenn du mal Lust hast!
Der Nachtisch, die Apfelringe, die ich hatte, war hingegen sehr gut. Die Klopse sehen natürlich schon auch gut aus. Was aber nett war, ich hab Jenny von dem Maria Callas Buch von der Freundin von Callas erzählt, dem ganz alten, der Wirt hat immer unverblümt so halb mitgehört und dann hat er etwas später „Casta Diva“ auf seiner Musikanlage laufen lassen, was die anderen Gäste irritiert hat, weil vorher so neuere Sachen, aber dezent, liefen. Also sehr zugewandt, unbekannterweise. Die Instanz ist recht klein, überschaubar, passen schätzungsweise zehn bis zwölf kleine Tische für zwei Personen rein und dann noch ein, zwei größere. Nette Ecke mit Eckbank für ca. 6 Personen gibts auch.
Uns gegenüber saß einsam ein dunkelhaariger jüngerer Mann mit runder, schwarzgerahmter Brille und so einer Art D’Artagnan-Schnurrbart. Der guckte immer wieder verstohlen zu Jenny und mir auf, als ob er auch unser Gespräch verfolgen würde, seither überlege ich, woher ich das Gesicht kenne. Ich habe das dunkle Gefühl, dass das irgendein Schriftsteller war, den ich schon mal in irgendeiner Sendung gesehen habe, komme einfach nicht drauf.
Jenny hingegen meinte, wenn er etwas gesagt hat (zum Ober), dann hätte er so „gestützt“ gesprochen, sie hätte ein Gehör dafür und meinte, das wäre bestimmt ein Schauspieler, aber ich verorte ihn irgendwie anders. Dann meinte Jenny noch, sie hätte zeitweise das Gefühl gehabt, er wäre kurz davor gewesen uns anzusprechen. Das hab ich aber nicht mitbekommen, nur dass man ihm angesehen hat, dass er bisschen die Ohren spitzt. Er war direkt auf unserer Sichtachse. Mir war, als hätte er auch Notizen gemacht oder gelesen und die Konversation mit dem Wirt etc. war so familiär, als säße er dort auf seinem Stammplatz und würde jeden Abend dort verbringen 🙂 Ein Mysterium!“
Eine weitere aufwändige Arbeit von Lennart Bohle. „Echoes Of Tomorrow“, Look 2: „(…) made from leather off cuts with handwoven details referencing the bobbin lace pattern silk chiffon dress, garment dye with dryed camomille and a pinch of kurkuma“.
Gleichfalls von Karen Jessen. Teils faszinierende Silhouette am Rücken, allerdings nichts, was ich im Schrank haben wollte. Grellrot in Verbindung mit jeglicher Art von Spitze, wenn auch hier hippie-rustikal geklöppelt oder gehäkelt, erinnert mich immer an preisgünstig wirkende Dessous, wie sie Beate Uhse im Sortiment hatte. Als sei Halbtransparentes dringend auf Signalfarbe angewiesen, um keinesfalls übersehen zu werden. Too much, wenig subtil, kitschig, ja aufdringlich, ohne Sophistication für mein Empfinden. Wie aus einem Shakira-Video aus den Neunzigern. Eleganz und Grandezza zeigt hingegen das ebenfalls rote Ensemble aus langer Robe und Hut im Bild an der Rückwand, das Audrey Hepburn als Holy Golightly sicher auch getragen hätte.
Die scheinbare Fortsetzung des Oberteils Richtung Kopf, ein Netz vor dem Gesicht, das in einem Pferdeschwanz am Hinterkopf mündet, hat mich sehr fasziniert. Leider mag ich die Sorte Getränke, die mit Strohhalm serviert werden, also Longdrinks nicht. Dann bei Tisch, wenn es zu Champagner und Wein und ans Essen geht, könnte man den Kopf- und Gesichtsschmuck vermutlich nach vorne herunterklappen. Eine Schöpfung der Textilkünstlerin Karen Jessen, die ihr Atelier in Nauen hat. Auf ihrer Instagram-Seite sah ich ein Foto, wo das Kopfnetz separat von einem Modell getragen wurde, es wächst also doch nicht aus dem Kleid, wie erst vermutet.
In der Ausstellung „Gallery Looks“ untermalen Klänge von barocker Musik die Inszenierung von Couture auf Kleiderpuppen ohne Gesichtszüge vor historischen Gemälden. Die Musik wirkt derart erhaben und erhebend, dass man wähnt, es schicke sich der Choreographie folgend, wohlbedacht gemessen zu schreiten, anstatt – wie gewohnt – ohne Nachdenken kreuz und quer zu laufen. Das Musikstück mit zackigen Streichern rührt von einem atmosphärischen Video, das auf einem großen Monitor im Loop läuft und die ausgestellten Stücke mit ganz hervorragend ausgesuchten Models in der Gemäldegalerie in Szene gesetzt, in Bewegung zeigt. Leider kann ich diesen Film von Florian Azar nirgendwo finden, um ihn hier zu verlinken. Am besten: Hingehen.
Serviervorschlag, Präsentiervorschlag für den Herren. Wobei ich das auch alles tragen würde. Einige Modelle in der Ausstellung sind zwar unisex, aber nicht ohne Sex. Spannend sind immer Kontraste wie eine körperlich ausgeprägt männliche, kantige, vielleicht sogar harte Erscheinung, in Kleidung mit weichen oder sogar verspielten Elementen. Zum Beispiel sehr viriler Typ im gutsitzenden grauen oder schwarzen Anzug mit hellrosa Oberhemd. Oder: sehr weiblich wirkendes Wesen (im Sinne von weichen, kurvigen Linien, also ausgeprägten weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmalen) in geradliniger Kleidung ohne Schnörkel und Spielereien. Das ergibt einen interessanten Spannungsbogen, zumindest dann, wenn es gerne getragen wird. Wahrscheinlich, weil der Gegensatz eine komplexe Persönlichkeit vermuten lässt, die sich nicht so leicht in eine Schublade einordnen lässt. Annäherung an Vollendung durch Umarmung der Polaritäten.
Jon Liesenfeld, V-COLLECTIVE: leather jacket on display @FASHION X CRAFT: Echoes of Tomorrow, Gemäldegalerie. Jon Liesenfeld ist Absolvent der AMD Akademie Mode & Design Düsseldorf und wurde für seine Kollektion „L’apprenti“ auf der letzten Berlin Fashion Week mit dem 1. Preis des „European Fashion Award“ – FASH 2025 und dem „Best Global Concept Award“ der Neo.Fashion. 2025 ausgezeichnet. Liesenfeld recycelt unter anderem Lederbezüge ausrangierter Polstermöbel und gibt den Oberflächen neue Strukturen – mit großartigen Ergebnissen.
Jon Liesenfeld, V-COLLECTIVE: Sprayed gradient cotton blazer with striped distressing and wet shaped cane lapel @FASHION X CRAFT: Echoes of Tomorrow, Gemäldegalerie.
Gerade die derzeit aktuelle Berliner TV-Sender-Belegung der für mich relevanten Sender im Kabelnetz abgetippt und alphabetisch sortiert. Seit geraumer Zeit mache ich keine individuelle Belegung der Sendeplätze mehr à la „Pro Sieben auf 7“. Wenn sich nämlich wieder alles verschiebt, war die ganze Liebesmüh umsonst. Vor einigen Monaten passiert. Jetzt schreibe ich lieber die Standard-Belegung der Sender auf, die mich überhaupt ab und zu mit ihrem Programm interessieren (könnten). Sind doch einige. Die Senderbelegungsliste drucke ich mir noch aus und klebe sie auf die Rückseite meiner Fernbedienung!
Nicht interessieren mich: Shopping-, Sport-, Bibel-, Esoterik- und Volksmusiksender sowie Kanäle mit Programm in mir nicht verständlichen Sprachen wie Arabisch, Russisch oder Ukrainisch. Einige Sendeplätze sind von Anbietern belegt, die ich nicht empfangen kann, wie der Disney Channel oder Curiosity TV (früher Spiegel TV). Fett formatiert, die ich erfahrungsgemäß schon mal gezielt aufgerufen habe.
Auch in der Liste: RTL Nitro, da musste ich erst mal recherchieren, was da überhaupt gebracht wird und erfuhr, es handelt sich um einen RTL-Sender mit einem Programm, das sich eher an Männer richtet, mit viel Sport-, Auto- und Krimiprogramm. Dass ich den in der Liste habe, ist dem Format „Anwälte der Toten“ geschuldet, sowas gucke ich hin und wieder mal gerne, diese True Crime-Sendungen wie „Criminal Detectives“. Aber auch nicht ständig. Ganz grundsätzlich habe ich eine ausgesprochene Vorliebe für gut gemachte Dokus.
Eine komplette Abneigung hingegen hege ich gegen Spiel- und Rateshows. Diesen ganzen angeknipsten Klimbim, den Moderatoren wie diese zwei erfolgreichen jüngeren Männer, Joko und Klaas heißen sie wohl, machen. Das halte ich keine halbe Minute aus, ich sterbe vor Langeweile und habe auch keinerlei Sinn für die kunterbunte Las Vegas-mäßige blingbling-Ästhetik dieser Spielshow-Studios.
Talkshows gehen mir auch seit Jahren auf die Nerven, mit den immer gleichen Politikern oder Promis, die ihr neuestes Produkt in die Kamera halten. Einzige Ausnahme: Nachtcafé vom SWR mit Michael Steinbrecher, eine Gesprächssendung mit echtem Tiefgang und Austausch und einem konkreten Thema, keine Tagespolitik.
Sogenannte „Comedy“ interessiert mich ebenfalls Nullkommanull, nicht mein Humor, auch für Polit-Kabarett ist mir schon vor Jahren der Sinn abhanden gekommen.
Ebensowenig jemals von mir eingeschaltet: vulgäre Datingformate oder „Reality“-Shows mit D – Z-„Promis“, die ich eh nicht kenne und auch nicht kennenlernen will, diese sogenannten „Reality Stars“. Mir daher ebenfalls komplett schnuppe, auch weil eklig, dieses unappetitliche Dschungel-Camp mit abgewirtschafteten TV-Gesichtern. Dieses Gezeter aus aufgespritzten Lippen brauche ich wie einen Kropf. Früher hab ich auch mal die Bachelor-Staffeln verfolgt, aber dann war da ein Einbruch, eine dramaturgische Änderung und auch die Hintergrundmusik gefiel mir nicht mehr, die Kandidaten langweilten mich, schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen.
1 Ausnahme mache ich in puncto Datingshows. Auf VOX kommt werktags um 18 Uhr ein ganz charmantes Format, das ich aber mittlerweile auch eher selten verfolge, das da heißt „First Dates – ein Tisch für zwei“ mit diesem Sternekoch Trettl als Gastgeber und einmal im Jahr zur Prime Time das First Dates Hotel in einer tollen Location am Mittelmeer. Da zieht sich niemand nackig aus, es wird nicht gezetert, ist manchmal ganz kurzweilig.
Unmittelbar im Anschluss, um 19 Uhr, auch auf VOX, folgt dann das Perfekte Dinner, wo ich alle paar Wochen mal zuschaue. Wenn ich die Truppe mag, auch mal mehrere Tage hinteinander. Und dann wieder lange gar nicht.
Obwohl auch im weiteren Sinne eine Art Reality Format, sehe ich gerne den Auswanderern von Goodbye Deutschland auf VOX zu, besonders denen, die schon länger dabei sind, der Mallorca-Truppe und einigen, die es nach Amerika zog. Gibt aber auch neuere Auswanderer, die mich gar nicht interessieren, hängt immer von der persönlichen Sympathie ab und auch um welches Land es geht.
Bei den Geissens schaue ich auch ab und zu am Montag rein, das ist ja im Grunde eine Sendung über Innenreinrichtungen, die Hauptbeschäftigung dieser Familie. Tolle Häuser, Hotels und Möbel angucken und dazu der mich mitunter durchaus amüsierende Palaver zwischen Carmen und Robert und ihren verwöhnten Töchtern an der französischen Riviera unterhält mich doch hin und wieder. Hingegen absolutes No Go für mich: diese Wollnys, die unattraktive Truppe und das ganze Ambiente halte ich keine zehn Sekunden aus.
Dass ich derzeit die aktuelle Staffel GNTM gucke, ist auch kein Geheimnis und wegen der freundschaftlich-familiären Connection zu einem Kandidaten, Let’s Dance am Freitag. Das wars dann aber auch mit regelmäßigem Gucken.
Die Freude an „Sing meinen Song“ und „The Voice“ ist mir die letzten Staffeln leider abhanden gekommen. Gefühlt ist da ständig Johannes Oerding dabei oder der mit der Kappe und dem Bart. Dings. Wie heißt er denn, dicke Brille, Bart, Kappe – – – muss googeln, ist mit dieser Lena verheiratet, macht so einen Geheimniszirkus um sein Privatleben… Mark Förster… äh Forster.
Etwas bedauerlich, dass die Connection von youtube mit meinem alten smart TV nicht mehr funktioniert, könnte ich meine abonnierten Channels gucke, gibt schon ein paar. Ist aber nun auch kein existentielles Problem.
Netflix hab ich gar nicht, Serien mit fiktiven Geschichten habe ich nur in meiner Kindheit und Jugend geguckt. Daher begann meine diesbezügliche Expertise bei Flipper und Lassie und endete bei Kir Royal. Netflix habe ich nur mal temporär empfangen, mit den Zugangsdaten einer Freundin, um die kompletten Staffeln von The Crown gucken zu können (was ich qualitativ als exzellente Ausnahme empfand), und die Dokuserie der beiden Kaulitze auf die Schnelle durchgeguckt, sonst weiter keinerlei Bedarf.
Auch bei Amazon Prime TV, das man scheinbar automatisch hat, wenn man Prime für Bestellungen hat, gucke ich nur ganz, ganz selten, checke auch nicht großartig, was da im Angebot ist.
Erst kürzlich habe ich die eher altbackene visuelle Aufbereitung der Internet-Hörzu entdeckt, die mir TV-Zeitschriften betreffend, am ehesten zusagt. Übersichtlich, ruhig, seniorengerecht ohne ablenkende Bilder, Pop up-Fenster oder animiert blinkende Reklame in den Seitenleisten. Die aktuelle Sendezeit farblich hellgrün markiert. Da komme ich ausgesprochen gut damit zurecht.
Alex Berlin – 57 ARD Alpha – 31 ARD Das Erste – 1 Arte – 12 BR – 38 CNN – 25 Deluxe Music – 19 DMF – 11 3sat – 44 HR – 37 Kabel Eins – 13 Kabel Eins Doku – 9 MDR – 36 MTV – 80 N24 – 8 NDR – 39 ntv – 16 One – 30 Phoenix – 40 Pro Sieben – 6 Pro 7 Maxx – 113 RBB – 42 RTL – 3 RTL2 – 7 RTL Nitro – 105 RTL Up – 106 Sat1 – 4 Sat1 Gold – 10 SIXX – 85 SR – 32 SWR – 35 tagesschau24 – 29 Telegold – 108 TV Berlin – 92 TV5 Monde – 28 VOX – 5 VOX up – 74 WDR – 41 WELT – 112 ZDF – 2 ZDF info – 46 zdf neo – 43
Guten Morgen bzw. Mittag! Ganz gut geschlafen und könnte theoretisch so aufgeweckt aus der Wäsche gucken wie auf den Fotos hier vom Mittwoch. Es ist Samstag, bisschen sonnig, bisschen wolkig und ich habe keinerlei Pläne. Bin zufrieden, dass ich keinen schweren Kopf habe, das langt mir schon. Habe nicht viel getrunken oder dergleichen, aber nicht selten kommen die Scheiß-Attacken mit bohrendem Clusterkopfschmerz ausgerechnet am Wochenende zu Besuch und versauen mir mindestens einen Tag komplett. Also schon mal ein guter Tag nur deswegen. Hoffe, Ihr habt auch keine Einschränkungen, außer den üblichen intellektuellen :-) Gestern Abend wieder Let’s Dance geguckt, dabei mit Jenny gechattet, deren Brüderchen Jan mittanzt. Aber den Palaver erspare ich meinen Leserinnen und Lesern. Der hat vor allem Unterhaltungswert, wenn man weiß, von wem da überhaupt die Rede ist. Ich schreibe ja beim Chatten mit ihr nicht jedesmal: „Gustav Schäfer, der Drummer von Tokio Hotel, den man bisher nie so richtig wahrgenommen hat“. Den guten Gustav finde ich nämlich auch ziemlich klasse, der hat was, der kleine Tanzbär. Bis nachher.
Drinnenbleiben-Wetter in Berlin. Lese weiter in einem Callas-Buch, einem ganz alten, von einer PR-Dame, Nadia Stancioff, die Callas Ende der Sechziger beim Filmdreh für den Pasolini-Film Medea kennenlernte, für den sie die Pressearbeit übernahm. Die beiden wurden Freundinnen. Ganz andere Aspekte von Maria Callas treten zutage. In welchem Ausmaß Maria Callas ein deutliches Bewusstsein dafür hatte, dass es eine private Maria gibt und „die Callas“, die sie dann bei Bedarf performte, nicht nur auf der Bühne.
Guten Morgen aus Berlin. Heute früher Vogel, Foto von 6.11 Uhr. Blickrichtung Auguststraße nach Osten zur Rosenthaler. Am Horizont zu erahnen: die Baumwipfel vom Alten Garnisonsfriedhof. Im rechten Eckhaus ist unten die Mozzarellabar vom Al Contadino.
Oh… Mario Adorf hat auch die Seite gewechselt. Immer sehr gemocht, aber genau genommen, erst in reiferen Jahren als Schauspieler ernst genommen. Unvergessen für mich, seine Rolle in Kir Royal, als er den einsamen Fabrikanten aus der rheinischen Provinz mimte, der beim Münchner Nobel-Italiener den größten Tisch reservierte, um mit der Bussi-Bussi-Gesellschaft anzubandeln. Privat eine beeindruckend lange, offenbar glückliche Ehe mit seiner französischen Frau Monique erleben dürfen. Farewell, lieber Mario Adorf.
Ja oder Ja?🩷Soll wohl morgen kommen. Ein Traum wäre, wenn die Hosenbeine so lang wären, wie bei dem Mannequin auf dem Foto. Wieso ist eigentlich das Wort Mannequin zuerst durch Fotomodell und dann durch Model ersetzt worden? Und ganz früher hieß es Vorführdame. Wobei mir schon klar ist, dass ein Fotomodell nicht zwingend Vorführdame oder Anprobe-Modell im Atelier eines Couturiers war. Und nicht jede Vorführdame, nicht jedes Laufsteg-Mannequin das beste Fotomodell. Das ist heute ja nicht anders. Bei Heidi sieht man auch immer, dass manche Kandidatinnen oder Kandidaten toll für Fotos posieren können, viel anbieten, aber manchmal nicht so kraftvoll oder anmutig laufen – und umgekehrt. Eine Freundin von mir war in den Sechzigern Vorführdame im Atelier von Uli Richter, wenn ich es recht erinnere. Oder war es Heinz Oestergaard? Jedenfalls einer von beiden. Es war eine Ehre. Sie hatte zuerst als Schneiderin dort begonnen, wurde dann Direktrice und wegen ihres hübschen Gesichts und der zierlichen Figur gefragt, ob sie nicht auch Vorführdame sein möchte. Auffallend groß war sie nicht, eher so Durchschnittsgröße 1,68 m. Sie mochte. Wenn die Hose von dem rosa Hosenanzug mit Streifen zu kurz sein sollte, hab ich immerhin Hoffnung, dass noch ordentlich Saum zum Rauslassen vorhanden ist. Bei dem Preis wird da hoffentlich nicht gegeizt. Ich kaufe sonst recht sparsam, aber als ich diesen Anzug gesehen habe, war ich verliebt und sah mich außerstande, bis zu einem Ausverkauf zu warten, der dann vielleicht erst im Herbst ist, wenn keine rosa Frühlings-Schwingungen mehr in der Luft sind. Wenn er da ist, muss ich auch sofort gucken, ob da meine leichten, hellbeigen Chelsea Boots aus Wildleder damit korrespondieren. Denn für nackte Füße in Zehensandalen haben wir noch so gar kein Wetterchen in Berlin.
Wirr geträumt, aber nicht schlimm. Paar Fetzen sind hängengeblieben. Ich traf mich mit Alban, den ich länger nicht gesehen hatte, in einem neu von ihm (und mir?) als Untermieter(n) angemieteten, winzigen, quadratischen Arbeitszimmer, in dem aber gleichzeitig auch der Vermieter an einem kleinen, ebenfalls quadratischen Schreibtisch arbeitete. Er schrieb eifrig am Computer. Unser gemeinsamer Schreibtisch, baugleich, auch quadratisch, war direkt an seinen gerückt, man saß quasi wie in einer Reihe nebeneinander, Blickrichtung zur Wand mit einigen Bücherregalen. Farbstimmung Grautöne, nicht metaphorisch gemeint, reine Farbangabe. Der schachtelförmige Raum hatte kein Fenster, Größe etwa vier mal vier Meter. Wir machten uns direkt an die Arbeit, Alban und ich hatten irgendein konkretes, gemeinsames Schreibprojekt, ich erinnere mich leider nicht, worum es ging.
Einschub: gestern, vor dem Schlafengehen dachte ich noch eine Weile darüber nach, weshalb Siri Hustvedt sowohl im Buch Ghost Stories, als auch im jetzt angelaufenen Dokumentarfilm über sie, vermittelt, Paul Austers Arbeitsplatz als Schriftsteller sei im gemeinsamen Haus in Brooklyn gewesen. In mehreren Interviews, auch in einem Video erzählt er, dass er seine Bücher seit 2004 nicht mehr im gemeinsamen Haus schreibt, wo Hustvedt ihr Arbeitszimmer unterm Dach hat und er vor vielen Jahren sein Arbeitszimmer im Keller (das im Film gezeigt wird und dem geträumten Arbeitsraum ähnelt), sondern in einer kleinen Wohnung um die Ecke, ebenfalls in Brooklyn, drei Minuten Fußweg entfernt, wo er seine komplette Ruhe hat. Er ging dazu über, als es umfangreichere Bauarbeiten im Haus gab, die sich über viele Wochen erstreckten und ihn zu sehr in seiner Konzentration beeinträchtigten. Er behielt den externen Arbeitsplatz dann auch nach Ende der Bauarbeiten bei. Ein ganz schmuckloser Raum, wie er es beschreibt, was ihm aber völlig egal sei. Siri Hustvedt legt den Fokus immer auf den alten, früheren Arbeitsraum im Haus. Im Film sagt sie nach seinem Tod, dass ihr das Klappern seiner Schreibmaschine fehlt. Da assoziiert man als Zuseher natürlich, dass das Geräusch bis kurz vor seinem Tod im Haus zu hören war, nicht schon seit zwanzig Jahren nicht mehr. Feinheiten, die mir zu denken geben.
In dem Traum ging es aber noch bizarr weiter. Entweder der Vermieter des Arbeitsraums von Alban und mir oder irgendwer anders hatte eine Kostümparty in Vorbereitung, vielleicht war das auch das eifrige Tippen am Computer links von uns, das den Vermieter so geschäftig hielt. Ich bekam den Hinweis, dass ich mich an einem Haufen Klamotten bedienen könnte, denn ich hatte keine Verkleidung dabei und irgendwie musste ich mir auch etwas anziehen, weil ich – warum auch immer – nicht vollständig bekleidet war. Ich ging dann durch viele Räume, wie im Kreis, und hatte dann noch eine Lieblingsporzellantasse von mir in der Hand, blau und gold gemustert, die fiel mir runter, als ich Klamotten von einem Haufen vom Boden zusammenraffte und der Henkel brach ab. Ich griff sie dann wieder ohne Henkel und nach einem Kostüm, das angeblich ein Eisbärkostüm sein sollte. Mir war es relativ egal, ich wollte mich einfach anziehen, anstatt nur in Unterwäsche rumzulaufen. Als ich das Kostüm überzog, entpuppte es sich als gar kein Eisbärkostüm, es hatte gar kein weißes Fell und auch keinen Eisbärkopf. Es sah einfach nur aus wie ein karamellfarbener, schlichter Popelinemantel. Gerade geschnitten. Seltsam. Alban hatte sich nicht verkleidet. Bin dann aufgewacht.
Was mich bewegte, am Karfreitag das Zeiss-Planetarium zu besuchen, war nicht die Ausstellung, sondern eine Filmvorführung. Es gibt dort einen Kinosaal, in dem aktuelle Filme gezeigt werden. Nämlich gab es den am Tag vorher angelaufenen Dokumentarfilm „Siri Hustvedt – Dance Around The Self“ von Sabine Lidl. Nachdem ich vor kurzem ihr neues Buch Ghost Stories gelesen hatte, das inhaltlich korrespondiert, wollte ich mir dieses Puzzleteilchen nicht entgehen lassen. Außerdem liebe ich mit Hingabe gemachte Dokumentationen sehr.
Nun saß ich aber nicht als Fangirl von Hustvedt im Kino, das jede Äußerung von ihr als goldene Worte empfindet. Die erste halbe Stunde des Films, der sie schon auf ein Podest hebt, hatte so einige Längen, die mich fast wegdriften ließen. Sie wurde immer wieder in ihrem Haus platziert, um aus ihren eigenen Büchern vorzulesen. Ihre Stimme ist etwas dünn, eher hoch und leicht brüchig, auch ein wenig vernuschelt, ihre Aussprache. Die gewählten Passagen fesselten mich nicht.
Interessant wurde es, wenn sie frei erzählte, ihre Zeichnungen zeigte, die ich zum Teil beeindruckend fand, ja virtuos. Großes zeichnerisches Talent. Sie hatte in jungen Jahren auch Überlegungen, bildende Künstlerin zu werden.
Die Doku entstand ab 2022 über insgesamt vier Jahre, beginnend zu einem Zeitpunkt, als ihr Gefährte Paul Auster noch nicht seine Krebsdiagnose hatte. Ich weiß nicht, ob der Schnitt rein chronologisch ist, aber ich bilde mir ein, dass sich ihre Ausstrahlung sehr verändert, je weiter der Film fortschreitet. Ich nehme an, es ist der Entwicklung mit Pauls Krankheit geschuldet. Ich fand sie nahbarer in ihrer leichten Verunsicherung. Ihre drei Schwestern waren auch zu sehen, eine enge Familie. Die Schwestern waren mir alle drei sofort näher als die gefeierte Siri. Ganz andere Typen, auch alle hochkultiviert, aber sehr bodenständig und nahbar.
Immer wieder erwähnt der Film die bildende Künstlerin Louise Bourgeois, mit der sich Hustvedt auch in ihren Schriften wiederholt befasste. Eine interessante Sequenz ist, wo sie sich mit ihrem alten Freund Wim Wenders trifft, um eine Rauminstallation von Bourgeois in Norwegen zu besuchen, die Installation eines symbolischen Scheiterhaufens, beeindruckendes Kunstwerk, dieses Hexenmahnmal in Vardø.
An einer Stelle erheiterte mich Siri Hustvedt. Sie ließ durchblicken, was sie von Lebenshilfe-Ratgebern hält, die in Aussicht stellen, in fünf Schritten zum Glück zu führen oder „die beste Version von sich selbst“ herbeizuzaubern helfen. Als gäbe es zu Lebzeiten jemals ein finales, fertiges, unveränderliches Stadium, das nur erreicht werden müsste. Bullshit. Das sagte sie nicht, aber ihr Gesichtsausdruck. In der Szene gefiel sie mir.
Paul Auster ist einige wenige Male auch vor der Kamera und sagt Dinge über sie, die jede Frau gerne hören würde. Die Verleihung einer Ehrendoktor-Würde an Siri Hustvedt wird gezeigt, ihre Dankesansprache. Wir dürfen immer wieder die Wohnräume sehen und auch einmal den Besuch ihrer Tochter mit ihrem Mann und ihrem Neugeborenen, familiäre Szenen, alle beugen sich über das Baby, das auf dem Teppich liegt. Der sympathische Schwiegersohn fotografiert oft, macht sehr schöne Erinnerungsbilder, gerade auch von Paul und Siri in den letzten Wochen.
Dann ist Paul weg. Siri läuft durchs Haus, das plötzlich doppelt so groß zu sein scheint, ohne ihn. Eine Gedenkfeier. Die Tochter Sophie singt ihre wunderschöne Ballade „Blue Team„. Ich bekam feuchte Augen, die Kamera zeigt Siri in Gedanken, in Gedenken, beim Zuhören. Im Publikum auch kurz zu erkennen, Wim Wenders mit seiner Frau Donata.
Der erwähnte Besuch bei der Installation in Norwegen war erst danach. Sehr feine Kameraeinstellungen, durchweg, subtil gewählte Hintergrundmusik. Die Doku hat einige Momente voller Poesie, besonders auch wenn Hustvedts kleine Zeichnungen zu animierten Figuren werden, beeindruckend gemacht. Es ist auf jeden Fall eine hochkarätige Doku, die gefühlten Längen waren nur am Anfang. Man bekommt viel Atmosphärisches mit, von diesem besonderen Leben in Brooklyn.
Gegen Ende war mir Hustvedt näher als in der ersten halben Stunde. Es ist offenkundig eine Autorin, die in ihr Schreiben häufig einfließen lässt, wie sie die Lektüre von anderen Autoren, Denkern und Wissenschaftlern rezipiert, das interessiert mich nicht so sehr, meine Faszination liegt eher bei originären Gedanken, besonders auch eingestandenen ambivalenten, die in keine Schublade passen. Wer die Autorin ohnehin mag, sollte den Film auf jeden Fall sehen, eine vollumfängliche Würdigung. Für Doku-Liebhaber bietet er auch eine Menge. Eine Empfehlung für einen Nachmittag.
Im Zeiss-Großplanetarium ist im Foyer eine Dauerausstellung, Einritt frei, mit unter anderem diesem Sternenprojektor, der ab Erbauung des Planetariums im Jahr 1987, bis 2014 dort unter der großen Kuppel im Einsatz war, der „Zeiss Cosmorama“. Das Carl Zeiss-Großplanetarium war eines der letzten oder vielleicht sogar DAS letzte Prestigeobjekt Ostberliner Architektur der DDR-Ära.
West- und Ostberlin feierten 1987 den siebenhundertfünfzigsten Geburtstag von Berlin. Ich erinnere mich genau, wie sehr dieses Jubiläum in jenem Jahr ständig Thema in der Berliner Abendschau war. Wenn man sich die Funktionsbeschreibung des Cosmorama durchliest, scheint das Gegenteil der Redewendung „kein Hexenwerk“ angemessen. Denn: „Der Cosmorama zählte zu den ersten computergesteuerten Projektoren: Er konnte sowohl manuell über ein Bedienpult als auch vollständig automatisiert über Computer gesteuert werden. An den äußeren Enden des Cosmorama sitzen zwei Fixsternkugeln, die über insgesamt 32 Projektionslinsen verfügen und jeweils den nördlichen bzw. südlichen Sternenhimmel in den Kuppelsaal projizieren. Die eigentlichen »Sterne« wurden mithilfe durchlöcherter Kupferfolien erzeugt – jedes Loch entspricht einem Stern in genau der richtigen Helligkeit und an der richtigen Position. Auf diese Weise wurden insgesamt 9.200 künstliche Sterne am Kuppelhimmel dargestellt. Die kleineren Kugeln dienten zur Projektion der Sternbilder. Die Gittertürme, auf denen die Fixsternkugeln befestigt sind, beinhalten die Projektoren für Planeten, Sonne und Mond. Spezielle Zahnradgetriebe ermöglichten es, Planetenkonstellationen mit großer Genauigkeit nachzustellen. Die große Kugel im Zentrum des Cosmorama beherbergt die Steuermotoren, die das Gerät um drei Achsen drehen können. Unterhalb der Sockelplatte waren außerdem zwölf Panoramaprojektoren angebracht, die zur Erzeugung verschiedener Horizontpanoramen, z.B. von Städten, Landschaften und anderen Planeten, dienten.“ Quelle: Zeiss.de
Der beeindruckende Cosmorama Sternenprojektor mit der Anmutung eines riesigen blauen Insekts aus einer Jules Verne-Erzählung wurde insgesamt nur viermal gebaut und installiert. In Edmonton, Kanada (1984), in Jena (1985), in Berlin (1987) und zuletzt in Prag (1991). Der Apparat aus dem sozialistischen Jena galt damals als der herausragendste Planetariumsprojektor weltweit, für Kuppeln mit einem Durchmesser bis zu 23 Metern.
Das Geheimnis des Blumenstraußes. Wieso legt jemand so ein niedliches Blumengebinde zu Füßen dieser Skulptur am Zeiss-Planetarium? Die Figur aus Bronze heißt „Sportler“ und stellt keine konkrete Persönlichkeit dar. Kein Nazi-Opfer, keinen Widerstandskämpfer mit rundem Geburtstag. 1965 von der Bildhauerin Margret Midell erschaffen. Sie lebt noch, hat am 8. Mai Geburtstag, 1940 geboren. Oder wurden vielleicht Fotos im Park gemacht und der Strauß nur vorübergehend abgelegt, um die Hände frei zu haben und er wurde dann dort vergessen? Oder gab es ein Rendezvous, bei dem zuerst der romantische Strauß überreicht wurde und dann kippte die Stimmung und die Blumen waren nicht mehr erwünscht und wurden enttäuscht, ja beleidigt zurückgewiesen, dort hingelegt? Oder war die Stimmung von Anfang an belastet, weil der Verehrer, der sie vielleicht als Versöhnungsgeste, als Entschuldigung überreichen wollte, seine Vertrauenswürdigkeit endgültig verspielt hatte und er selbst legte sie nach der Rückweisung, dem ultimativen Showdown, dort ab?
Wir werden es nie erfahren, aber meine Phantasie hat sich an diesem unerklärlichen Anblick entzündet. Ich finde die Figur nicht sonderlich inspirierend, der Ausdruck ist mir zu leblos und auch verstehe ich nicht, wieso der Sportler vollständig nackt ist (der nicht fotografierte Mittelteil ist auch kein spektakulärer Hingucker). Die Figur erinnerte mich stilistisch an Bildhauerei aus der Nazi-Ära, aber dass im Ostteil Berlins kein bildhauerisches Relikt aus dieser dunklen Epoche stehen kann, war mir auch klar. Wieso ich überhaupt da war, am Zeiss-Planetarium in „P-Berg“, wie die jungen Leute neuerdings als Abkürzung sagen, erzähle ich später.
P.S. noch eine Idee: die damals 25-jährige Bildhauerin hatte ihren Liebsten als Modell für diese Figur gewählt. Später heirateten sie und bekamen Kinder und führten eine lange, glückliche Ehe und wurden auch Großeltern. Mittlerweile ist er leider verstorben und hätte gestern seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zu seinen Ehren legten die Kinder und Enkel diesen Liebesgruß der Bildhauerin Margret Middell zu seinen Füßen. Oder sie war mit ihren 86 Jahren noch dazu in der Lage und machte es selbst… (Lieblingsversion – !)
Fast kurios: in meinem Haushalt stehen keinerlei Vasen bis auf eine ganz kleine chinesische, in die nur eine kurze Blume passt. Nie kaufe ich Schnittblumen und bekomme auch sehr selten welche geschenkt. Aber gestern! Zuerst musste ein kleiner Milchtopf herhalten, fand dann ein Gefäß, in dem mal französischer Senf war. Große Blumenliebe habe ich durchaus. Zauberhafte Wesen. Gänseblümchen, sämtliche Wald- und Wiesenblumen, Kornblumen, Schleierkraut, Pfingstrosen, Pompon-Dahlien, kugelige Schnittlauch- und Lauchblüten, Ranunkeln, Agapanthus, Sonnenhut, Schneeballhortensien, alte, gefüllte Rosensorten, Kamelien, Blauregen. Gibt auch Blumen, die nicht so auf meiner Wellenlänge sind, zum Beispiel Stiefmütterchen oder rote Rosen, wie sie dieser Bachelor verteilt. Leider schwierig: Hyazinthen und Lilien, so schön ich die Blüten finde. Kopfschmerz bringende Düfte, sogleich wird mir schummrig wie von Haarspray oder Haarfestiger.
Anderes Thema: heute ist ja Karfreitag mit gesetzlich verordnetem Tanzverbot. Deshalb gibt es heute keine Live-Sendung von Let’s Dance. Aber RTL zeigt auf dem Sendeplatz einen Zusammenschnitt von alten Let’s Dance Performances mit der höchsten Punktzahl. Ich hätte gedacht, das pietätsbedingte Tanzverbot umfasst auch eine entsprechende Gestaltung des Fernsehprogramms. Aber wenn man das Gesetz genau nimmt, kann man es auch so interpetieren, dass es kein Verbot ist, aufgezeichnete Tanzereien anzusehen. Leichte Doppelmoral. Nicht, dass ich überhaupt für ein Tanzverbot wäre. Das mit Jesus und dem rituellen Bedauern seines Schicksals ist doch individuell, wenn man sich ihm nah fühlt, meinetwegen. Aber verordnetes Gedenken für die gesamte Bevölkerung verstehe ich so gar nicht.
Heute Berlin-Geburtstag. Vierzig Jahre hier. War eine gute Idee. Sollte eigentlich zur Feier des Tages ins Schwarze Café gehen, das erste Berliner Lokal, das ich jemals betrat, und das es immer noch gibt. Aber der Abend wird etwas anders verlaufen. Mal sehen. Leider versäumt, eine größere Feier zu organisieren, hatte ich zeitweise im Hinterkopf. Aber Sonne in Berlin. Und im Herzen eh.
Heute Fischstäbchen. ich brate die Stäbchen in guter Butter an, Zitrone drauf und daneben in der Pfanne Ingwerschnipsel. Frisch gemahlener Pfeffer drüber, Salz, kleine Kartoffeln (Drillinge) bisschen Rosmarin dazu, Kräuter-Gurkensalat. Irgendwie so.
Kalt geworden, gehe bald ins Bett. Gestern sah ich zuletzt eine kleine Doku auf Arte über das Älterwerden von Deutschen, die in jungen Jahren in die Toskana auswanderten, Überlegungen haben, ob sie dort bleiben oder nach Deutschland zurückkehren. Nicht wegen Heimweh, nur wegen sozialer Absicherung und Gesundheitsversorgung. Die Portraitierten haben allerdings solche Wurzeln geschlagen, dass sie nach Wegen suchen, zu bleiben.
Könnte mein Geplapper aus einem Chat copypasten, der die heutige Let’s Dance-Show begleitete, aber das ist ja schwer nachvollziehbar, wenn man es nicht verfolgt hat. Ich gucke auch hauptsächlich nach Jahren mal wieder, weil der Bruder meiner lieben Freundin Jenny mittanzt, der recht attraktive GZSZ-Star Jan Kittmann, den ich schon das Vergnügen hatte, aus nächster Nähe im familiären Umfeld zu sehen, ein angenehmer Mensch. Kriegt bislang stets Lob und hohe Punktzahlen von der Jury. Er gibt aber auch alles. Ich hoffe, es geht noch lange für ihn weiter. Gute Nacht!
Am späteren Nachmittag war ich gestern nach längerer Zeit wieder einmal mit Ina verabredet. Wir gingen ins Kino, in den Zoopalast. Zu meiner Überraschung lief noch immer der von Senta Berger zuletzt gedrehte Film mit dem umständlichen Titel „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, der auf einem gleichnamigen autobiographischen Buch eines Schauspielers basiert. War mir nicht bekannt, bis es Ina mir erhellte, die mehrere Bücher des Autors gelesen hatte. Mich zog Senta in den Film und der Trailer war auch schon passabel. Wir fanden uns in dem sehr lauschigen kleinen „Club B“ ein. Dort gibt es drei Plätze, die sich mitunter auch Loveseats nennen, wir hatten den Zweierplatz ganz hinten, der war mit Abstand der Beste! Eine richtig breite Samtcouch mit Sofakissen und festgeschraubten Beistelltischchen. An beiden Wänden vom kleinen Club-Kino, links und rechts von der Leinwand, sind Bücherregale, voll mit allen möglichen Büchern, eine richtige Bibliothek. Man kommt sich eher vor wie im privaten Vorführraum einer Villa von einem Filmproduzenten. Auch toll: wenn man sitzt und die Werbung beginnt, kommt jemand vom Service und fragt, was man gerne zu trinken oder zu essen hätte, sogar ein Getränk aufs Haus ist dabei. Wirklich ein schöner Service. Ich bestellte einen Cappuccino, eine Cola und eine Packung Eiskonfekt, dazu das prickelnde Getränk vom Haus. Ina hatte glaube ich einen Long Drink. Und der Film war einfach rundum sehenswert, sehr gelungen. Senta in allen Facetten wundervoll. Aber die anderen Schauspieler auch, der junge Mann, der den Enkel auf der Schauspielschule spielt, sehr ausstrahlungsstark, spielt ganz subtil, mochte ich auf Anhieb, Bruno Alexander heißt er. Nur die Film-Tochter von Senta war etwas blass in der Darstellung, nicht der Rolle geschuldet, ich fand die Schauspielerin vergleichsweise ausstrahlungsarm. Dieses Gesamtpaket gestern mit diesem Film in der 16.50 Uhr-Vorstellung im Zoopalast-Club-Kino-B kann man nur wärmstens empfehlen. Und unbedingt den hintersten Loveseat. Danach folgte mir Ina einfach, wir hatten Hunger. Ich lotste sie ein paar Meter weiter, die Treppe hoch, Richtung Bikini und zu ihrer Überraschung führte ich sie ins Steakhaus „Block House“, ein Ableger dieser Kette, den es seit 1968 gibt. Wir wollten gut essen und angenehm sitzen, möglichst in Kino-Nähe, so kam ich drauf, und nicht zuletzt, weil ich an meinem Geburtstag zwischen zwei Zügen am Hauptbahnhof Hamburg weilte und dort die Wartezeit mit einem Essen im dortigen Block House gegenüber vom Bahnhof verkürzte. Der Service in beiden Lokalen war unfassbar nett, damals in Hamburg und gestern in Berlin. Nichts zu meckern. Wir hatten einen sehr schönen Abend mit intensiven Gesprächen. Mein Exemplar von Hustvedts Ghost Stories vererbte ich Ina, Tausch mit der Kinokarte.
Das landete gestern auf meinem Schreibtisch. Es handelt sich um das Resultat einer praktischen Zwischenprüfung für Köche. Der Auszubildende hat auf jeden Fall ein Händchen fürs Anrichten gezeigt. Ich bekomme hin und wieder das Angebot, die Ergebnisse zu verspeisen. Gestern wollte ich wieder einmal Lamm probieren, was mir in neun von zehn Fällen weniger zusagt. Aber nicht wegen der mangelhaften Zubereitung, eher wegen des Aromas, das die Fleischsorte mitbringt. Eigentlich habe ich von den überschaubaren Versuchen nur eine Verkostung in Erinnerung, wo ich überrascht und angetan war. Es war ein Osterlämmchen in einem Restaurant am Savignyplatz. Gestern habe ich den Teller gewählt, auf dem am wenigsten Fleisch war. Der kam dann mit Polenta, auch kein Favorit von mir. Aber die Prinzessbohnen waren recht gut. Die Spargelcremesuppe mit der dekorativen Basilikumöl-Verzierung ebenfalls. Ich glaube, das Öl war nicht im sogenannten Warenkorb, nur die wesentlichen Bestandteile, bin mir aber nicht sicher. Grundsätzliche Kochzutaten wie Gewürze und Öle oder Speisestärke und Mehl sind in den Prüfküchen immer vorhanden und dürfen verwendet werden. So ein Azubi bekommt zwei Wochen vor der Prüfung die Bestandteile von zwei Warenkörben mitgeteilt und die Prüfer bestimmen dann einen davon (der erst am Tag der Prüfung bekannt gegeben wird), aus dessen Zutaten die Kandidaten am Ende des zweiten Lehrjahres ein zweigängiges Menü mit Vorspeise und Hauptgang kreieren müssen. Erst in der Abschlussprüfung am Ende des dritten Lehrjahres muss außerdem ein Dessert zubereitet werden. Gestern schon ein wenig vermisst.
Gestern. Kessler mit Streifen. Ich nenne die Sorte Mützen jetzt einfach KESSLER, den Kessler-Zwillingen gewidmet. Der Handel hat dafür andere Begriffe, zum Beispiel „Bakerboy Hat“ oder „Newsboy Hat“ oder Schirmmütze oder Ballonmütze. Ich Kessler!
„Das Opfer lernt auch immer Täterverhalten.“ Über die Aussage denke ich seit einer Weile nach. Kam von Jill Deimel, einer der ausgeschiedenen älteren Kandidaten von den Male Models bei GNTM im Gespräch mit Ramon Wagner. Da Jill es selbst von Beginn an offen thematisierte, Trans Hintergrund, aber schon zwanzig Jahre als Mann lebend. Unheimlich reflektiert, arbeitet auch als Coach, nicht Fitness – mental, spirituell. Der Kontext war glaube ich, was man in prägenden Beziehungen erfährt. Eltern-Kind, Liebesbeziehungen. Die Wechselwirkung, dass die- oder derjenige, die oder der nicht dominiert, weil es nicht dem Naturell entspricht, die Dominanz-Bestrebungen des Gegenübers als Verhaltensnorm lernt, als Normalität, zu erwartenden Standard fehldeutet und insofern ein Zerrbild von zu erwartender Beziehungsdynamik entwickelt. Ist nicht ganz neu, aber die Formulierung ist prägnant. „Das Opfer lernt auch Täterverhalten.“
Umstyling bei Heidi. Bin gespannt, wie der Bart von plus size-Kandidat Carsten danach aussehen wird, ich fand ihn ein bisschen zu lang, sie färben. Einer meiner Lieblinge unter den Male Models. Und Alexavius erinnert mich seit der ersten Folge an Prince und lustigerweise spielen sie heute schon zum zweiten Mal was von ihm im Hintergrund. Alexavius in seinem selbstgewählten Styling mit lila Anzug und großer Blume am Revers bangt um sein Menjou-Bärtchen. Sehr passend: Purple Rain. Er bekam Extensions, stehen im gut. Aber ist der Schnäuzer dran? Und die sonst so coole aber beflissene Merret zeigt sich plötzlich mental wackelig angesichts der ewigen Haar-Prozedur, deren Ergebnis ihr noch unbekannt ist. Bis jetzt noch kein Kurzhaarschnitt bei den Frauen zu erkennen. Bin gespannt. Waschmaschine läuft, wäscht Farbreste von einem fehlgeschlagenen Umfärbeversuch aus den Teilen. Wollte zwei schwarz-weiß-grau gemusterte Palazzohosen umfärben, in einem Cognac-Ton, schien gut zu werden. Beim ersten Ausspülen ging fast alles wieder raus. Der Stoff hatte sich angefühlt wie Viscose. Offenbar ist die Textil-Technologie so fortgeschritten, dass ein Hautgefühl von Baumwolljersey aus Kunstfaser, die keine Farbe annimmt, imitiert werden kann. Ich schneide immer alle eingenähten Zettel und Etiketten aus Kleidungspartien, die direkten Hautkontakt haben. So konnte ich nicht mehr herausfinden, aus was für einer Faser dieser Stoff ist.
Bisschen Haushalt, kleine Chats. Neulich diese deutsche Version von Manhã de Carnaval von 1967 von Mieke Telkamp entdeckt. Ich kannte bislang als deutschsprachige Variante nur die Aufnahme von Alexandra von 1970. Die Niederländerin Mieke Telkamp war mir kein Begriff. Im Wikipedia-Artikel zu ihr lese ich, dass sie in den Fünfziger und Sechziger Jahren auch in Deutschland erfolgreich war. In den Fünfzigern war ich noch nicht auf der Welt und falls sie bis Anfang der Sechziger in deutschen Hitparaden war, und dann von der Bildfläche verschwand, kann ich sie auch nicht aus dem Radio- und Fernsehprogramm meiner Kindheit kennen. Ich mag die Version, viel Zeitkolorit. Das reichhaltige Arrangement, die Dramaturgie der Instrumentierung hält allerhand Finessen bereit.
Am Wochenende las ich „GHOST STORIES“, das soeben erschienene Buch von Siri Hustvedt über den Abschied von ihrem Gefährten Paul Auster, in der deutschen Übersetzung. Überrascht stellte ich gestern fest, dass die englische Originalfassung erst im Mai 2026 erscheinen wird. Nachdem ich das Buch schon geordert hatte, kam mir in den Sinn, dass es in der Sprache, in der es verfasst wurde, lesenswerter sei, da ja kein Sachbuch. Aber ich war dann zu bequem, die Bestellung rückgängig zu machen und hoffte auf eine versierte Übersetzung. Vorweg: die Übersetzung weist immer wieder holprige Stellen auf, Ringen mit den verschachtelten Sätzen, unzulänglich übersetzte Begriffe. Beispiel: bei einer Untersuchung heißt es da, wurde eine „Masse“ gefunden, anstatt des im Deutschen üblichen Begriffs „Wucherung“ oder wie Ärzte es häufig nennen, „Raumforderung“. Da war das Übersetzer-Duo offensichtlich überfordert.
Aber ich will gar nicht weiter auf die Defizite der Übersetzung eingehen. Das Buch wird vom deutschsprachigen Feuilleton bislang weitestgehend in einem fast sakralen Duktus gewürdigt. Dementsprechend hoch war meine Erwartung. Mit dem Thema Abschied vom Lebenspartner gelangen u. a. Joan Didion und Connie Palmen Bestseller, letztere hatte gar zwei derartige Abschiede zu verschmerzen und schrieb sich ihr Leid von der Seele. Ich habe seinerzeit Didions Buch und auch beide von Connie Palmen gelesen, da mich das existentielle Thema interessierte. In meiner Lektüre davor, Bodo Kirchhoffs „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ kommt das Thema ebenfalls vor, allerdings in fiktiver Form und in der Version Tod eines früheren Geliebten, der in der Vergangenheit eine große Bedeutung für die Frau in der Geschichte hatte.
Aber zurück zu Siri Hustvedts Buch der Erinnerung, wie sie es nennt. Auf dem Cover sehen wir das Paar in einem glücklichen Augenblick eingefangen, schönes Foto. Ich imaginierte wohl aufgrund der Erwähnungen in Rezensionen, dass vorwiegend erinnerungswürdige Momente festgehalten wurden, aber auch die Trauerarbeit, Umstände der letzten gemeinsamen Wochen und Monate, die unmittelbare Zeit nach dem Abschied. Das kommt auch vor, aber nicht in dem Ausmaß, das der Seitenumfang erwarten lässt. Einen Bildteil gibt es gar nicht, was ich sehr schade fand, da sie an vielen Stellen explizit Fotografien erwähnt, die ihr etwas bedeuten.
Etwas schwer verdaulich sind die zum Teil mikroskopisch beschriebenen Einzelheiten zu Befunden und Medikation, wo ich mir die Frage stelle, ob Auster das derart en detail gut gefunden hätte. Als die Diagnose im März 2023 erstmalig vorlag, erwähnte sie auf ihrem Instagram Account, dass es nun zur Chemotherapie mit Paul geht. Das hat sie vermutlich mit seiner Zustimmung offenbart.
Wir dürfen u. a. im Buch abgedruckte Rundmails lesen, die sie an den großen Freundeskreis schrieb, um alle auf dem Laufenden zu halten. In einer der Mails findet sich auch die Stelle, die ich hier abgelichtet zeige, die mir gefiel, als es um die Mütze ging, die ihn nach seiner Meinung wie einen Religionsführer aussehen ließ. Ich mochte seinen Humor, der da aufs Schönste vorgeführt wurde. Durchaus habe ich ein paar Lieblingsstellen. Keine Lieblingsstelle von mir ist hingegen, wo sie seine über Jahrzehnte bevorzugte Unterhosenmarke im Dreierpack offenbart. Leider konnte er das Buch nicht lektorieren, was er ausnahmslos bei ihren Büchern machte.
So werden wir bei der Lektüre des Paul-Auster-Erinnerungsbuchs wiederholt mit ausgiebigen Einlassungen und Gedankengängen Hustvedts (weniger seinen) zur nordamerikanischen Tagespolitik, inclusive des seinerzeitigen Hickhacks des dortigen Wahlkampfs beschäftigt.
Ihre durchaus interessanten Wahrnehmungen einer gelegentlichen empfundenen Präsenz nach seinem Tod, werden mit ausufernden Einlassungen über Hirnforschung – man möchte fast sagen „gerechtfertigt“ oder „legitimiert“, als hätte sie die Befürchtung, ohne wissenschaftliche Unterfütterung als frei phantasierende Esoterikerin und Geisterbeschwörerin abgestempelt zu werden. Diese Passagen konnte sie mir gar nicht nahbringen, geschrieben im antiseptisch sterilen Duktus eines Wikipedia-Eintrags.
Etwas weiter hinten im Buch, wo sie darlegt, in welchem Ausmaß sie gegenseitig ihre Bücher lektorierten, geht sie darauf ein, dass Paul Auster mitunter und wiederholt die Stilkritik anbrachte, eine Passage läse sich „medizinisch“. Und: sie sollte bitte „straffen“. Da fehlt wirklich hinten und vorne ein lektorierender Paul.
Im Buch befinden sich neben den ca. vier oder fünf Mails an die Freunde auch sechs Briefe, die Paul Auster an seinen neugeborenen Enkel schrieb, „Briefe an Miles“. Er begann kurz nach der Geburt des Jungen damit, Anfang 2024, und schrieb daran bis zu seinem Tod im April 2024. Er widmet sich in den Briefen, von denen er sich vorstellt, dass sein Enkel sie dereinst im Alter von etwa fünfzehn Jahren lesen wird, Einzelheiten der Familiengeschichte, der Herkunft seiner und Siri Hustvedts Familie, beginnend mit seiner eigenen Tochter Sophie, der Mutter von Baby Miles.
Diesen ersten Brief las ich noch diszipliniert bis zum Ende, obwohl mir bereits die Aufmerksamkeit wegzurutschen drohte. Es sind zartfühlende Erinnerungen in einem warmen Ton, schön zu lesen, aber ich hatte das Empfinden, die Worte sind nicht für mich gedacht. Ich bin kein Familienmitglied der Austers und Hustvedts und möchte wenn überhaupt, meine Zeit lieber damit zubringen, eigene Vorfahren und deren Geschichten zu beleuchten. Es sind doch Zeilen an seinen Enkel, nicht für eine diffuse Öffentlichkeit, die hiermit jene familiären Details zur Vorab-Lektüre erhält, bevor der explizite Empfänger auch nur das Alphabet gelernt hat. Die Briefe, so schön sie sind, haben mich an diesem Platz, zumal zu diesem frühen Zeitpunkt, befremdet.
Siri Hustvedt erklärt im Buch ihre fehlende Kenntnis, was er mit den Briefen vorhatte, sprich, ob er daraus überhaupt ein Buch machen wollte. Ich hoffe, es ist in seinem Sinne. Aber auch da: die Mitteilungen wurden mutmaßlich nicht lektoriert – vielleicht hätte er vor einer Veröffentlichung Änderungen oder Kürzungen vorgenommen.
Den zweiten Brief las ich nur noch halb, es war mir einfach zu familiär, zu privat. Aber nicht auf eine Art, die von einem allgemeinen Interesse wäre, aus der man etwas für sich selbst ableiten könnte. Es sind einfach Interna und Erinnerungen an alle möglichen Verwandten, wie man sie selbst in seiner Familiengeschichte hat und weder relevant oder interessant genug findet, um Inhalt eines weltweit kommerziell vermarkteten Buchs zu werden. In aller Privatheit langatmig und – langweilig.
Aber sicher einmal interessant für den, dem diese Zeilen vorrangig bestimmt waren, den kleinen, später einmal verständigen Miles. Den dritten bis fünften Brief überblätterte ich konsequent. Nur den letzten, kurz vor seinem Ableben, in dem er seine Gewissheit erwähnt, nicht weitere Briefe schreiben zu können, wie ursprünglich beabsichtigt, las ich noch. Der kürzeste Brief.
Ein weiterer abgedruckter Brief, den ich nur überflog, waren Zeilen von Siri Hustvedt an ihren Stiefsohn, das erste Kind von Paul Auster, aus erster Ehe. Dieser Sohn hatte schwere Drogenprobleme und riss seine zehn Monate alte Tochter, Austers erstes Enkelkind, aus Fahrlässigkeit in den Tod, wenig später erlag er einer Überdosis. Der Brief hat für mich einen seltsamen Beigeschmack von Beweisführung, dass sie sich ihrem Stiefsohn gegenüber liebevoll zugewandt zeigte. Das Familiendrama wird mehrfach im Buch thematisiert, es ging wohl auch durch die Presse und Hustvedt vermutet einen Zusammenhang zu Austers gesundheitlichem Zusammenbruch 2019.
Was ich hingegen sehr gerne las, war die Beschreibung des Kennenlernens des Paars und die eine oder andere Begebenheit, die den Umgang miteinander illustrierte, wie die Szene auf der Hotelterrasse in Taormina. Wirklich tief gerührt hat mich neben einem Weihnachts-Liebesbrief von Auster an sie, genau genommen nur eine Stelle. Sie räumt nach seinem Tod eine Ecke im Haus auf, die sie sich noch nicht vorgenommen hatte und findet die Kappe. Darin ein paar vereinzelte weiße Härchen und sie beginnt zu wanken, sucht Halt an der Wand. Hat mich berührt.
Letztere Kapitel, in denen sie sich seiner Baseball-Liebe und abermals der Tagespolitik und dem Wahlkampf widmet, habe ich dann wieder großzügig überblättert. „Reduce to the Max“ wäre mein Ratschlag gewesen, ein schmaleres Bändchen hätte es vielleicht auch getan. Jedenfalls für die Leser.
Vielleicht wäre es dann ein Buch, das ich so wertschätzen würde, dass ich einen festen Platz in meinen Regalen dafür frei gemacht hätte. Aber das hat das in dieser Form vorliegende Buch leider nicht geschafft, liebe Frau Hustvedt. Bei allem Respekt und Mitgefühl für diesen maximal existentiellen Verlust.
Ich würde beinah sagen, bereits die Lektüre der Interviews, die die Veröffentlichung begleiten, kann Wesentliches vermitteln, worum es darin geht, vorrangig die in allen Artikeln einheitlich wiederkehrenden Zitate daraus, die mir durchaus gefielen. Man kennt das Gefühl von großartig vermarkteten Filmen, in denen im Trailer bereits die Höhepunkte zu sehen sind, und der ganze Film lässt einen im Kino mit einem etwas lauen Gefühl zurück, wie hier der Erkenntnis, dass ein mit gedanklichen Nebenschauplätzen gefülltes Buch zu noch mehr Seiten führt, einen höheren Preis erzielen kann.
Nichtsdestotrotz kommt man Paul Auster, ohne ihn je gekannt zu haben, in einigen Aspekten näher. Manchmal näher als statthaft für meinen Geschmack, aber wer es mag. Wem man auch näher kommt, ist die Tochter der beiden, Sophie. Heute Mitte Dreißig und Musikerin, Sängerin, Songschreiberin. Ich habe vorher nichts von ihr gewusst. Ebenfalls hier abgelichtet, eine Textpassage zur Bedeutung des familien-internen Begriffs „Blue Team“, der mir sehr sympathische, menschliche Eigenschaften umfasst.
Sophie Auster schrieb Anfang des Jahres, in dem er starb, dieses schöne, elegische Lied. In der Tat verfügt sie wie von ihm im ersten Brief an den kleinen Miles beschrieben, über eine bemerkenswert schöne, klare Stimme, einen behutsamen Ton, wenn sie singt. Sie spielte das Lied ihrem Vater am Krankenbett vor, als es eine erste Demoversion davon gab. Er mochte es sehr und wünschte sich, dass es auf einer nach seinem Tod geplanten Gedenkfeier gespielt werden sollte. Von ihr vorgetragen werden sollte. So geschehen.
„(…) Even though my heart is breaking I know this aching is ‚cause I adore you And how lucky I’ve been To have you through the thick and thin
And I’ll keep playing for the blue team And I’ll be seeing you in my dreams I’ll keep playing for the blue team
I’ll make it go away Pack up our sorrows for another day And we’d all live together In a big house forever
The flying will land us on the balance beam I’ll think of you and mom Dancing in the living room to a Tom Waits song Although the tears are always near You and I are clear
And I’ll keep playing for the blue team And I’ll be seeing you in my dreams I’ll keep playing for the blue team“
Gestern auf dem Weg zum Schornsteinfeger-Date. Ich habe mir die Kessler-Zwillinge-Gedenkmütze auch noch in nilgrün, schwarz und grau gekauft. Gerade richtig für Übergangswetter, es ist noch frisch. Und die gute Sonne arbeitet sich gerade erst für den Frühlingsauftritt durch, kuschelt lieber noch mit der Wolkendecke.
Heute ist in vielen Teilen der Welt ein besonderer Tag. In der westlichen Welt der Frühlingsanfang, in der muslimischen Religion schon seit gestern das Bayram-Fest oder auch Zuckerfest genannt, Ende des Ramadan. Das hätte ich nicht mitbekommen, wenn nicht eine meiner liebsten Kolleginnen, die libanesische Wurzeln hat, aber in Berlin aufgewachsen ist, selbstgebackene Plätzchen ihrer Mama mitgebracht hätte, damit wir auch was vom Bayram-Fest haben. Solche familiären Gesten rühren mich sehr.
Ich stelle mir dann vor, wie die Mama zu ihr sagt: „Bring Deinen Kolleginnen auch was mit, ich hab extra mehr gebacken!“ Mit Ramadan habe ich sonst nur indirekt Berührung. Vor einem Jahr hatte ich mal privat einen Kurierdienst für einen Transport beauftragt, für Abholung und Zustellung in den frühen Abendstunden, eine Uhrzeit, wo es gerade dunkel wird. Es gab Engpässe beim Kurierdienst, einen Fahrer zu finden, weil die Firma mit sehr vielen muslimischen Berlinern zusammenarbeitet. Es war Ramadan. Sobald es dunkel wird, dürfen sie während des Ramadan endlich etwas essen und zu der Uhrzeit waren dann alle schon in den Startlöchern Richtung Futterkrippe. Habe dann einen anderen Termin für die Zustellung auserwählt, eine Uhrzeit gegen Mittag, war dann auch gar kein Problem, einen Fahrer zu finden.
Noch ein Feiertag bzw. Auftakt zu längerer Feierei, sogar 13 Tage lang, ist das persische Neujahrsfest, Nouruz oder Nowruz. Der unerschütterliche Lebenswille lässt sich nicht bremsen, trotz der Luftangriffe versuchen die Iraner ihr schönes Ritual beizubehalten. Das ist auch richtig so, finde ich. Niemals den kriegerischen, destruktiven Kräften die Oberhand zugestehen. Aber immer dem Friedlichen, der Freude und allem Schönen. Wie der Poesie.
Gerade gelesen, dass heute auch Tag der Poesie ist, von der UNESCO eingeführt. Und: Tag gegen Rassismus. Ich finde, so einen Tag sollte es in unserer Zeit wirklich nicht mehr brauchen, das ist ja wohl selbstverständlich, finde ich. Wie Tag gegen Kacke auf dem Tisch – braucht auch kein Mensch. So wird Schwachsinn hofiert, indem er namentlich auf ein Podest kommt, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Und jene, die die Message nicht erhalten haben, werden eher bockig auf Krawall gebürstet, weiter ihre kleingeistige Haltung proklamieren, sollten sie je davon hören. Die Sonne hat ihren Auftritt, ich gehe mal Hallo sagen, mit dem Buch von B… Bodo Kirchhoff. Noch gut fünfzig Seiten. Und Kaffee!
„(…) Aber was sie beim Lieben sucht, schon damals mit noch glatter Haut und reinem Herzen, und es bis heute sucht, ist nicht der Schauer, den Anderen in sich zu spüren, und auch nicht die Auflösung am Ende, das Sichverströmen im Zeitraum eines Hundertmeterlaufs, wenn es denn glückt. Nein, was sie wieder und wieder sucht, ist das Schöne, auch wenn es sich nicht anpeilen lässt, nur manchmal finden, indem man es nicht sucht, wie sie es früher im Wald gefunden hat, im Duft nach Harz und dem Klopfen eines Spechts und in den Sonnenstrahlen zwischen hohen Tannen, über den Wipfeln blauer Himmel, im Erhabenen, ohne dass sie damit klein wurde, ganz im Gegenteil. Und nichts anderes nimmt sie als Idee mit in den Schlaf: noch einmal zu wachsen, als gäbe es dafür ein Depot, das sich jetzt erst öffnet, und noch einmal zu staunen, als wäre alles um sie herum neu -„
Warten auf den Frühling. Morgen, am Samstag und am Sonntag viel Sonne in Berlin. Kleine Knospen an meinen Sträuchern auf dem hinteren Balkon. Flieder, Hortensie und Sanddorn. Am Vormittag war wieder einmal der Schornsteinfeger da, wir kennen uns schon lange. Er kommt immer ins Plaudern. Worüber, darf ich nicht veröffentlichen. Er hat es mir nicht verboten, aber ich gehe davon aus, dass er das nicht angebracht fände, ebenso wenig wie ich im umgekehrten Falle. Es gibt doch manches, was ich aus guten Gründen unter den Tisch fallen lassen muss. Privateres, teilweise Unerquickliches, aber nicht nur. Ich habe keine Affäre mit dem Schornsteinfeger! Wenn es so wäre, hätte ich bestimmt schon einmal ein Foto von ihm gemacht und evt. sogar gepostet, „in seiner schicken Uniform“ wollte ich gerade schreiben. Aber es heißt anders – wie nennt man das denn – Arbeitskleidung eben. Aber nicht schwarzer Schornsteinfeger-Anzug mit Zylinder, was der Knaller wäre, sondern schwarzer Schornsteinfeger-Anzug mit einem schwarzen Käppi. Ähnlich, wie es muslimische Männer tragen, allerdings ohne Stickereien und ähnliche Verzierungen.
Ich freue mich auf die letzten Kapitel im Buch von – Himmel! Jetzt fällt mir der Name auch schon nicht mehr ein – Bruno – Benno – B… ich muss auf den Buchrücken schauen – Bodo Kirchhoff. Dabei hab ich ihn in jedem der letzten Einträge namentlich zitiert und er ist mir auch schon vorher durchaus geläufig gewesen. Nicht das erste Buch und auch nicht das zweite Buch, das ich von ihm lese. Mit Gewinn. Es gefiel mir wieder sehr. Aber Mumbai interessiert mich nach der Lektüre ebenso wenig wie vorher. Es wurde alles bestätigt, was ich bislang darüber wusste. In einem Kapitel schreibt die Hauptfigur Terese (Ende Sechzig, Frankfurterin, Therapeutin im Ruhestand, verheiratet, aber verknallt in einen jüngeren deutsch-indischen Guesthouse-Betreiber) an Ihren Freundeskreis in Frankfurt am Main Messages aus Mumbai, in denen Sie mitteilt, Mumbai müssten sie gesehen haben, das wäre die Zukunft. Da fragte ich mich, ob sie damit etwa die Zukunft von Hessen prognostiziert. Ich hoffe doch nicht. Lobend erwähnt sie zwar, dass überall das WLAN prima sei (außer im Süden von Goa) aber das Alltagsszenario, das dort in dem Viertel, das zu den ärmeren zählt, beschrieben wird, entspricht genau meinen Vorurteilen, die vielleicht doch berechtigt sind. Auch das permanent heiß-schwüle Wetter wird fortlaufend bestätigt. Hab jeweils wieder jeden erwähnten Ort u. a. bei Streetview etc. angesehen, Architektur, Vegetation, Unterkünfte eingeschlossen. Es zieht mich nichts hin.
„Die Erinnerung an Tereses Äußeres, (…) an den Mund beim Lachen… lässt bereits etwas nach. Vergessen gehört offenbar zur Erinnerung, wie das Verblassen einer Liebe zur Liebe gehört, und das Erzählen von ihr ist auch ein Angehen gegen das Vergessen. (…) und die Suche nach den richtigen Worten ist eine andere, einsame Art des Liebens: Man legt die Arme seiner Sprache um den oder die, die es nur noch in der Erinnerung gibt, und das eigene Unvermögen oder Vergessen ist ein Teil der Wahrheit.“
„(…) aufs Dach, schon zu der Stunde, in der sich der Kai am Marine Drive füllt, dort alle auf den Sonnenuntergang warten, wie sie auf das Erscheinen von Rana mit einem Tablett, darauf das Abendessen. Sie beugt sich über die vordere Brüstung, wie für einen Sprung in das Chaos (…) bis jemand von hinten die Arme um sie legt, um ihre Rippen, ihren Bauch, und sagt: Unser Essen ist fertig – ein Plural, der sie fast zum Weinen bringt.“
„(…) Sie könnte ihn umarmen, aber fängt an zu essen und bemüht sich, nicht nach jedem Bissen zu sagen, dass es ihr schmeckt – dass er das alles zubereitet hat, hält sie für denkbar, fragen will sie nicht. Es war einer der frühen Fehler zwischen Vigo und ihr, sich durch analytisches Nachhaken die Illusionen über den Anderen zu nehmen, für ein Wissen, das nichts gebracht hat, nur das kurze Leuchten eines Begriffs, der den Anderen kleinmachte. „
Mein Lieblingswerkzeug in meiner kleinen Küche, das Wellenmesser. Heute wieder schnelle Küche: sechs Kartoffeln in Scheibchen geschnitten, zwei Zucchini, drei Möhrchen. Aufs Backblech gelegt, Sonnenblumenöl drüber, den Rest macht der Backofen. Schön viel Oberhitze, bisschen höher als die mittlere Schiene. Salz drüber, in Schüssel geben, bunte Salatblättchen drauf werfen, bisschen Mayo, frischen Pfeffer. Fertig! Das Wunderbare an dem Wellenschnitt ist, dass er nicht nur schön aussieht, sondern jedes Teilchen drei Texturen hat: unten fein gedünstet, oben angebacken und die oberen Streifen vom Muster leicht angeröstet. Ein Festmahl, ideal für bequeme Köchinnen wie mich. Der Wellenschneider ist der zweite, den ich gekauft habe. Der erste, ein anderes Modell, hat nicht so gut geschnitten, auch nicht so tiefe Wellen gemacht, aber der da ist perfekt. Um die acht Euro und sieht auch schön aus. Und braucht keinen Strom. Ich mag keine Küchengeräte, die man erst in die Steckdose stecken muss, Krach machen, zum Reinigen auseinanderbauen muss und viel Platz wegnehmen. Mein Wellenmesser ist eine Anschaffung fürs Leben, ich kann mir nicht vorstellen, dass das je kaputt geht.
„Der Schweizer zeigt auf die Sonne, die in eine Wolkenbank über dem Horizont sinkt, und Terese macht ein Selfie mit dem Meer und dem Sonnenrest im Hintergrund, auch wenn dieses Bild nie wieder eine Rolle spielen wird, anders als die wenigen Kinderfotos von ihr, die sie hütet wie Schätze, davon nur eins mit ihren Eltern (…)“
„(…) Diesen David hatte sie eine Nacht lang geliebt, ohne zu erfahren, wie es bei ihm ankam, abgesehen davon, dass er seine behaarten Arme um sie geschlungen hat, so, als sollte sie für immer bleiben. Lieben heißt, eine Wunde, an der man nicht stirbt, offen zu halten, da hat ihr Schellenberg eines Nachts gesagt (…)“
Vier Wochen her. Bilder am alten Bodengitter bei Sevenstar, das ich aus einer Laune, vor allem an den Segmenten mit den Löchern, 2025 im Januar mit Blattgold veredelt hatte. Fotos: Chris Bellevue.