09. Dezember 2019

Ich glaube, dieses Wimpernmodell wäre sogar Hilde dann doch etwas übertrieben erschienen. Für mich hingegen ist es für diesen bestimmten wöchentlich wiederkehrenden Anlass, wo ich mir mit Begeisterung möglichst unnatürlich wirkende Wimpern anklebe, goldrichtig. Ich bin ja bestimmt einer der größten Fans von Hilde, schon seit „Eins und Eins das macht Zwei“ in den Siebziger Jahren aus dem Radio dudelte, aber diese Wimpernsache fand ich immer eher kurios als attraktiv. Nun sieht man heute viele junge Frauen, die sich für die alltägliche Lebensbühne mit gewagt unnatürlichen Wimpern aufhübschen, allerdings offensichtlich ohne sich ein ehrliches Meinungsbild im Bekannten- und Freundeskreis einzuholen. Manche kleben sich Wimpern in natürlicher Wimpernfarbe aus dem Drogeriemarkt an, und vergessen die Silhouette anzupassen. Der Vorgang ist vielen Damen gar nicht geläufig. Professionellerweise klebt man die üppigen Wimpern, die am Ende wie die eigenen aussehen sollen, an und stutzt an den Seiten ein bißchen abgerundet zurecht, was zu lang und unnatürlich und eckig wirkt. Andere Damen lassen sich einzelne Fliegenbeine zwischen die eigenen Wimpern kleben, die dann aber oft kurios nach oben stehen und einen leicht erstaunten bis irrsinnigen Ausdruck unterstützen. Auch das hebt meiner Meinung nach nicht die Attraktivität. Bin gespannt, wie lange diese Mode noch anhält. Mich sieht man im Alltag und tagsüber mit meinen eigenen getuschten Naturwimpern, die nicht sonderlich lang oder dicht sind, da fehlt bei mir leider der südländische Einschlag. Die unnatürlichen Wimpernmodelle, die ich mir immer am Donnerstag anklebe, jedes mal andere, sollten unbedingt unnatürlich wirken, damit der Show-Effekt gewährleistet ist, daher wird an denen nicht herumgeschnippelt. Ich hatte übrigens zum ersten mal seit November 2018 meine Kamera mit nach draußen genommen, für den Fall, dass ein toller Überraschungsgast da wäre, wie zum Beispiel Bambi Mercury, und ich mich dann doch ärgern würde, dass ich das nicht verewigt hätte. Weil ich aber ein bißchen bequem bin, habe ich nicht geprüft, ob der Akku noch ausreichend geladen ist. Es gab zwar keinen Überraschungsgast aber unsere drei Berliner Drag Queens Brigitte Skrothum, Anna Klatsche und Victoria Bacon waren wieder so eine Augenweide, dass sie mir auch ein Foto wert gewesen wären. Ich setzte also meine Kamera im Ruhestand an, löste einmal aus und schon erschien auf dem Display: „Batterie leer“. Es hat nicht sollen sein. Das einzige Foto, das nur ein bißchen Profil und viel Blondhaarperücke von Anna Klatsche zeigt, ist auch in der kleinen Dokumentationsreihe zu diesem Wimpernabend. Lydia war auch wieder an meiner Seite und hat mit ihrem alten Handy Bilder gemacht. Eines davon ist auch in diesem Album zu sehen, unsere drei blonden Grazien. Man kann ein bißchen Atmosphäre erahnen, viel Schummerlicht, viel blondes Haar, viel Make up und ganz, ganz viel Lebensfreude.

04. Dezember 2019

Am letzten Donnerstag habe ich tatsächlich die Kamera aus ihrem Versteck genommen, um meine Wimpern zu verewigen. Die Abende im Hobby werden liebevoll vorbereitet, auch von mir als Gast. Ich fühle mich unter anderem deshalb so wohl bei der Veranstaltung, weil das Publikum so sympathisch und gutaussehend und entspannt ist. Man schaut sich zuerst gut gelaunt die für meine Begriffe derzeit politisch wirksamste Sendung im deutschen Fernsehen an, erfreut sich an experimentellen Outfits und Statements, die zur Prime Time gesendet werden, unterhaltsam verpackter Freigeist und Rebellion. Das ist wahre Evolution, wenn die Freiheitsbewegung einer Gruppierung, die einige immer noch als Randgruppe bezeichnen, in jedem Wohnzimmer ankommt. Ich wüsste nicht, was ich lieber feiern wollte. Wieder ein schöner Abend, auch Dank unserer drei schönen blonden Berliner Drag Queens, die die Abende moderieren und die laufende Sendung aufs Lustigste kommentieren. Lydia war da und unsere Freundin Nora, die auch gerne wieder kommt. Nach dem Tanzvergnügen saßen Lydia und ich noch ein Weilchen auf den Kinoklappsesseln im Foyer, als uns eine schöne Nonne im silbernen Habit beehrte. Sie kam von den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, im Arm ein Körbchen mit Kondomen und Seifenblasenpustefix. Mutter Dora kam ein längeres Weilchen zu Lydia und mir und wir plauderten unter anderem über meine Wimpern, die ihr sehr gut gefielen, und ich spendete mein komplettes Kleingeld in die Spendenbüchse von Mutter Dora zu Balfanz für die Berliner Aidshilfe. Der Heimweg führte uns wieder zur S-Bahn Warschauer Straße. Lydia fand, ich sollte die Wimpern über Nacht dranlassen, damit sie am nächsten Tag auch alle anderen sehen können, ich erklärte ihr, dass ich darüber nachgedacht hatte, es aber für schwierig befand, weil ich mich ja sehr gerne dusche, wenn ein neuer Tag anbricht, und zwar von Kopf bis Fuß. Und dann wären die Wimpern bestimmt auf Halbacht. Ungewaschen aus dem Haus gehen wollte ich auch nicht so gerne. Plötzlich stand der männliche Fahrgast von Gegenüber auf, er hatte trotz seiner Kopfhörer mitgehört und ließ mich wissen, dass er gut fände, dass ich „mitdenke“. Aha. „Richtig, richtig gut“ fände er das. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, dass er uns auch noch wissen ließ, dass er gelernter Koch sei und später auch noch eine Ausbildung zum Tontechniker gemacht hätte und jetzt aber einen anderen Job hat. Mitterweile waren wir an der Haltestelle Jannowitzbrücke, wo wir eigentlich in die U 8 umsteigen wollten. Ich war aber neugierig, was er noch weiter erzählen würde, und entschied, dass wir erst am Alex in die U 8 umsteigen. Nun sprach der Mann eine Einladung in Richtung Lydia aus, die ich akustisch nicht verstanden hatte. Explizit wurde Lydia eingeladen, und zwar zu seiner Geburtstagsfeier, wie sie mir später erzählte, zumindest hatte sie das verstanden. Aber mich wollte er mit in sein Tonstudio nehmen. So so. Na immerhin. Leider kamen die großen Pläne nicht zur Ausführung, weil wir dann auch schon am Alex waren und ausstiegen, und zwar ohne den guten Mann. Man hat sich dann noch zugewunken. Solche Sachen passieren auch nur in der Nacht. Und das war es definitiv. Und zwar schon so spät in der Nacht, dass längst keine U-Bahn mehr gefahren ist. Zum Glück sind wir erst am Alex ausgestiegen, so konnten wir heimlaufen. War noch ein launiger Spaziergang über den Hackeschen Markt und durch die Sophienstraße und die Große Hamburger. Wir blieben an Schaufenstern stehen und blödelten herum. Ecke Auguststraße haben wir uns getrennt, ich bin ein paar Meter weiter in meinen Adlerhorst und Lydia ist in die Ackerstraße.

27. November 2019

Morgen wieder Hobby! Bei Kryolan in der Uhlandstr. 3 Paar neue Wimpern gekauft. Mit Glitzer und Straß und Silberne! Eventuell mach ich doch mal ein Foto, also mit meiner alten Kamera, bevor ich losgehe. Sehr ungewohntes Vorhaben. Aber dann würde man die Wimpern richtig gut erkennen. Mal sehen…

24. November 2019

Kleiner Bericht zum letzten Besuch im Hobby, zweite Viewing Show von Queen of Drags, ich zitiere mich selbst aus einem Kommentar:

„(…) ich war die erste in dem Laden, um 19:10 Uhr an der Tür und konnte den absoluten Premiumplatz für mich und die Damen ergattern, die braune Ledercouch an der Ecke hinten am Tresen, wo man perfekten Blick auf die Leinwand UND unsere drei moderierenden Berliner Drag Queens hat. Ein Traum! Und wir hatten einen Stargast, nämlich eine der Drag Queens aus der Sendung, also auf Kandidaten-Seite, nämlich KATY BÄHM aus Berlin mit Verlobtem und weiblichem Familienanhang! Und natürlich dementsprechendem Nähkästchengeplauder vom Dreh mit Heidi und Conchita und Bill. Auf die Frage, wie Heidi so war, erzählte Katy, am Anfang hätte es doch Vorbehalte gegeben und sie hätte vor der Kamera immer sehr zurückhaltend gewirkt, weil sie auch nichts falsch machen wollte und niemandem zu nahe treten. Aber hinter der Kamera wäre sie total aus sich herausgekommen, ganz nahbar und superlustig und ein echter Kumpel und deshalb sei er nun „Team Heidi all the way!“

Wir haben uns demzufolge gut amüsiert und im Anschluss auch noch getanzt. Sowohl Lydias als auch meine Wimpern haben gehalten, allerdings meine nur diesen Abend lang. Sind ja auch nur Papierwimpern mit kleinen Fledermäusen an den Spitzen gewesen, die man leider ganz schlecht fotografieren konnte. Es gibt genau ein Bild, wo man ein bißchen Minifledermaus erkennt, das hier. Ich muss auch mal in den Kryolan-Shop, wo Lydia ihre gekauft hat, in der Grolmannstraße ist einer. Da gibt es die wahren Wimpern fürs Show Biz! Hoffe, das nächste mal kommen noch mehr Freundinnen mit. Maria hat leider keine Lust, ihr fehlt der Sinn für diese Drag-Geschichte. Aber vielleicht kommt es ja noch. Mich hat es auch lange nicht sonderlich interessiert, wenn Olivia Jones im ewig gleichen Styling im TV interviewt wurde, hat mich der Anblick schon gelangweilt, zu wenig Abwechslung, auch ein wenig altbacken für meinen Geschmack. Ich respektiere alles, was wild und schräg und phantasievoll ist, mag aber keine Tussi-Klischees. Deswegen begeistert mich in der Sendung am allermeisten Conchita Wurst, wenn es ums Styling geht. Diese Yoncé, die immer gute Bewertungen bekommt, ist mir auch zu klischeehaft „heißer Feger“. Alles kalkuliert und berechenbar, langweilig. Mein Favorit ist seit der ersten Sendung Bambi Mercury, außerdem aus Berlin! Wenn Bambi mal ins Hobby kommen würde, wäre ich sehr begeistert. Es sind lustige Abende, die ihresgleichen suchen!

23. November 2019

Manche Postkarten, die ich erhalte, kann ich nicht vollständig abbilden, aufgrund von Befindlichkeiten, die mit dem Datenschutz zusammenhängen, was ich stets respektiere. Aber bevor ich die Karten dann ganz unterschlage, radiere ich lieber ein paar Sätze aus, die zuviel Transparenz bieten würden. Der Leser und die Leserin kann dann selbst den Text der Karte ergänzen und die Phantasie spielen lassen. Die Vorderseite der Karte, dieses heimelige Bild von Vincent hat nicht sehr viel mit der Mitteilung auf der Karte zu tun. Früher, in der Schule, besonders im Englisch- und Französisch- Unterricht gab es öfter mal als Aufgabe, dass man Sätze, in denen Wörter fehlten, ergänzen musste. Darin war ich immer recht gut. Und meine Leser doch sicher auch! Ich kenne ja nur hocheloquente Menschen mit galoppierender Phantasie.

Wer Schwierigkeiten hat, die Schrift zu lesen:

„Liebe Gaga, (…) Bundesinnenministerium muss (…) seit einigen Jahren (…) ungeduldig (…) Natürlich (…) eingeladen (…) gerne mal in echt sehen (…) Ausstellung (…) schon sehr gespannt. Liebe Grüße“