23. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXII.
23. Juli 2019:

„Hackesche Höfe, Frau mit Hund (Gassi), strubbelige kurze Haare, kein Make up, müder Ausdruck, Shirt silberweißer Satin, Blickfang (unschöner Kontrast). Gedanken über alten Z.-Artikel (B.Z.) v. 2009, „Männer bevorzugen Barbie“ angebl. steht die Kombi großer Busen, schmale Hüften für d. größte Fruchtbarkeit (?!?). Seit wann bitte „schmale Hüften“? Ich dachte viel Busen, schmale Taille, weibl. Hüften, also „breitere“? V. wg. „gebärfreudiges Becken“. Welche Studie???“

Die Gassigängerin lenkte durch ihr glamouröses, elegantes, langärmliges leichtes Satinshirt in silberweiß, meinen Blick auf sich. Ich war perplex, wie ungepflegt der Kopf wirkte, der aus dem Ausschnitt guckte. Die helle Hose passte auch sehr gut zum Shirt. Vielleicht ein hurtiger schneller Gassi-Gang vorm Fertigmachen für den Weg zur Arbeit. Vielleicht habe ich nur das Zwischenstadium sehen dürfen. Wenn es die ultimative Version gewesen sein sollte, täte es mir leid. Wenn ich einen Tag habe, an dem ich mich zum Verstecken fühle, kommt mir nur in den Sinn, mich entweder zu verstecken oder sehr unauffällige Sachen zu tragen, weil ich nicht fokussiert werden will. Da ich kein Hündchen habe, muss ich auch nicht zu einem fremdbestimmten Zeitpunkt dringend vor die Wohnungstür. Meine sonstigen außerhäusigen Termine sind mir ja allesamt bekannt. Ich bin ja nicht die Modepolizei, aber mir kann so ein Anblick richtig wehtun. Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen zurechtmachen, um das Stadtbild in seiner Gesamtheit aufzuwerten. Aber in dem Fall war sicher Stress im Spiel.

Dann fiel mir am Wochenende beim Sichten meines Materialköfferchens ein zehn Jahre alter Zeitungsartikel in die Hand, er bezog sich auf eine Ankündigung einer Lesung von Helge Timmerberg, zu der ich ging, und er signierte mir lachend die B.Z.-Seite. Hab ich aufgehoben, weil es noch ein schöner Abend war. Auf der Rückseite war ein Artikel über den von den meisten Männern angeblich bevorzugten Frauentyp. Blonde lange Haare, blaue Augen, großer Busen, schmale Hüften. Lange Beine vermutlich auch noch. Also wie die klassische Barbie-Puppe. Der Punkt mit den schmalen Hüften beschäftigt mich immer noch. Bislang kannte ich die Version, dass die Eieruhrfigur, also ordentlich Oberweite, gut erkennbare eher schmale Taille und gerne rundliche, breitere Hüften das Ideal für die Frau der Wahl in Sachen Fortpflanzung wäre. Wann hat sich das denn geändert?

Vielleicht war es eine Studie von der B.Z. höchstpersönlich. Womöglich eine Leserumfrage. Leser vielleicht, die das in Werbung und Medien verbreitete Ideal einer schlanken, langhaarigen Frau mit unübersehbarer Oberweite verinnerlicht haben und mittlerweile mögen. Für Modelzwecke werden ja häufig schmalhüftige, ja knabenhafte Frauen gebucht, da Brustvergrößerungen seit einigen Jahren zunehmen, könnte sich damit die von der Natur eher selten gebaute Konstruktion knabenhaftes Becken mit großen Brüsten ergeben. Wenn die Modelmädchen hart an der Size Zero arbeiten, damit die Beine schön schlank sind, nimmt ja meistens die Oberweite ab und ist nur in Ausnahmefällen sehr üppig. Mit künstlichen Brüsten kann die Größe gehalten werden, wenn auch weiterhin am schlanken Rest gearbeitet wird. Eine mögliche Erklärung. Gebärfreudiges Becken bei Models ist ja nur in der Curvy-Abteilung gestattet. Nach den Maßstäben gehöre ich ganz klar in die Curvy-Schublade. Als die Hüftbreite verteilt wurde, habe ich wohl gut hörbar „hier“ geschrien. Also bin ich bestenfalls ein Idealtyp für Männer, die geistig im letzten Jahrhundert steckengeblieben sind. Old School.

22. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXI.
22. Juli 2019:

„S 7, jüngere Fr. mit Lippen-Piercing, 3 Kugeln, denke an Herpes,
Pärchen, er döst, sie checkt Smartphone, er öffnet immer wieder ein Auge, schielt auf ihr Display. Trend Zehensandalen mit ganz viel Strass u. Glitzer.“

Hatte heute morgen in der S-Bahn keine Lust zu lesen, bißchen schläfrig, wollte einfach nur da sitzen und nichts tun, aber mit Augen auf. In der übernächsten Sitzbank gegenüber eine blonde Frau, ca. Ende Dreissig, liest ein Taschenbuch. Schade, wollte mir den Autor merken, mir unbekannter Name und googeln, der Buchtitel war von der Hand verdeckt. Sie war ungeschminkt oder sah zumindest so aus. Nein, ich glaube sie war wirklich ‚nude‘ im Gesicht, nicht nur auf nude geschminkt, sonst hätte sie frischer gewirkt. Eigentlich sah sie so unausgeschlafen aus, wie ich mich fühlte. Blickfang war aber das Lippen-Piercing.

Nicht, dass ich noch nie ein Lippen-Piercing gesehen hätte. Wir sind ja schließlich in Berlin, wo Metall in Körperlöchern, bunte Haare und Tattoos seit etwa einem Vierteljahrhundert Standard bei Büro- und Tresenkräften, Verkäuferinnen, Hausfrauen und Frührentnerinnen sind (fehlende Berufsgruppen bitte ergänzen). Warum also halte ich mich mit dem fünfhunderttausendsten Lippen-Piercing auf? Weil ich so ein bißchen im Alpha-Zustand war, und sie bequem in meiner Blickrichtung saß, drang die Silhouette des Piercings überdimensional in mein Bewusstsein und ich musste zwanghaft an die täuschende Ähnlichkeit mit der Silhouette von Herpes-Bläschen denken. Die sind ja auch gerne an dieser Stelle, da kurz vorm Mundwinkel an der Ober- oder Unterlippe. Sie hatte da drei kleine silberne Kugeln, und wären die Kugeln hautfarben oder leicht gerötet gewesen, hätte ich geschworen, hier hat sich ein Prachtexemplar von einem Herpes entwickelt, das ganz grauenhaft jucken muss und eigentlich kurz vor dem Platzen ist. Eine eklige Phantasie, ich weiß.

Aber noch ekliger war der Folge-Gedanke: was nun, wenn die gepiercte Dame tatsächlich eines Tages mit Herpes an dieser Stelle aufwacht? Suchen sich die Bläschen dann exakt die Leeräume zwischen den Metallbläschen und hängt dann da eine stattliche Bläschen-Traube in zwei Farben? Lässt man sich nur die Lippen piercen, wenn man noch nie im Leben Herpes am Mund hatte und das gar nicht kennt? Also ich kenne diese unangenehme Hautirritation aus jüngeren Lebensjahren, ewig nicht mehr gehabt – toi, toi, toi! Und dann immer wieder die Frage, ob es tatsächlich Menschen gibt, die einen Fremdkörper in der Gesichtshaut von der Empfindung her als stimulierend empfinden, oder ob es nur eine äußerliche Attraktion ist. Also für den, der die Löcher hat, meine ich. Ich weiß, dass manche Piercings bei anderen sexy finden. Ich kann damit nichts anfangen, finde es sogar ehrlich gesagt unattraktiv, wenn ein Mann sich in der Richtung verausgabt hat, aber da bin ich kein Maßstab. Mir ist sehr schnell etwas zu viel an Deko, speziell bei Männern.

Der nächste starke Eindruck war das Pärchen in der Sitzbank neben mir. Ich kriegte anfangs gar nicht mit, dass die beiden zusammengehören. Also vermutlich zusammengehören. Er an der Fensterseite, hatte die Augen zu, so wie jemand einfach mit geschlossenen Augen, als Geste Richtung müder Körper, noch ein bißchen fehlenden Schlaf nachholt, während die S-Bahn zum Ziel juckelt. Neben ihm auf der Bank eine junge Frau, ca Mitte Zwanzig, bemerkenswert elegant sommerlich gekleidet. Schön gebräunte Haut, auf nude geschminkt. Nicht so wie die andere, die es tatsächlich war. Die junge Dame schaute unablässig auf ihr smartes Phone, wischte immer langsam nach unten, so wie man eine Liste eingegangener Messages checkt. Als ich gerade aus dem Fenster schaue, Richtung schläfriger Mann, sehe ich, wie er diebisch das eine Auge einen kleinen Schlitz öffnet, und auf das Display der jungen Frau schielt, es dabei regelrecht fokussiert, und offenbar verstohlen mitliest, so weit es ihm möglich ist.

Ich denke noch, das ist ja mal eine ganz neue Entwicklung, früher hat man manchmal gesehen, wie jemand verstohlen mit in die Zeitung guckt, wenn der Nachbar was zu Lesen hatte, und man selber nicht. Also ich habe das ganz selten praktiziert, meistens war ich mit Lesestoff versorgt. Aber der angeblich schlafende Beifahrer hier, der machte das regelrecht mit Kalkül. Was für eine ungeheuere Neugier, zumal auf dem Smartphone ja wohl nicht zufällig ein ihn brennend interessierender Zeitungsartikel war. Mein Blick wanderte erneut zum Piercing, nach einer Weile wieder zurück, da die junge Frau plötzlich mit dem Schläfrigen sprach. Relativ leise. Sie schauten sich nicht verliebt an, eher wie ein altgedientes Paar, das kein sonderliches Interesse mehr am anderen herzeigt, da die ständige Anwesenheit ohnehin zum Alltagsfeature geworden ist. An dem gesenkten Tonfall und seinen ebenfalls leisen Antworten konnte man eine gewisse Vertrautheit ablesen, ohne dass es irgendwie zärtlich gewirkt hätte. Vermutlich Alltags-Abstimmungen. Dann hörte sie auf zu sprechen und versenkte sich wieder in ihr Smartphone, er guckte wieder geradeaus und schloss die Augen. Dann ging es wieder los. Nach ca. zehn Sekunden lugte er erneut in Richtung ihres Displays, aber nur mit dem einen ganz leicht zu einem Schlitz geöffneten Auge. Vielleicht wollte er Absender-Namen entziffern. Whatever. Dabei wirkte er kein bißchen leidenschaftlich oder besitzergreifend. Eher wie ein gelangweilter Spion, der seine Routine abarbeitet. Sie hat nichts davon gemerkt, nicht einmal. Kaum hat sie minimal den Kopf gerührt, hat er sofort die Augen geschlossen und weiter Schlafen vorgespielt. Vielleicht waren es aber auch nur Arbeitskollegen und er ist notorisch neugierig. Ich werde es nie erfahren. Bin vor ihnen ausgestiegen.

Sie trug neben einem eleganten Etuikleid in einem Creme-Ton mit schönem V-Ausschnitt an den sehr schön gebräunten Füßen cognacbraune Zehensandalen, bei denen der lange schmale Steg mit kleinen eckigen Strasssteinen besetzt war. Da der Rest eher reduziert war und sie auch keinen Schmuck trug, sah das sehr edel, gar nicht billig oder kitschig aus, obwohl es sich so anhört. Als ich gerade fertig war, die hübschen Sandalen mit meinem Blick zu würdigen, stieg eine junge Frau zu, setzte sich mir gegenüber und ich registrierte, dass sie ebenfalls Zehensandalen mit einer großen Portion Glitzer trug. Einer erheblich größeren Portion. Bei ihren Sandalen erstreckte sich ein ganzes Blütengebilde aus Strass über den Spann. Auch das sah zu meiner Überraschung nicht nach Weihnachtsbaum oder osteuropäischem Schick aus, sondern stylish. Muss auch bei ihr daran gelegen haben, dass der Rest der Kleidung lässig und reduziert war. Irgendwas Richtung Jeans und Shirt, auch war der Kopf nicht mit Ohrgehängen und Glitzerkram überladen. Ich meine hier einen Modetrend ausgemacht zu haben! Glitzer-Zehensandalen! Aber bitte in Verbindung mit möglichst gar keinem oder nur ganz wenig anderen Glitter und Flitter, sonst wirkt es vermutlich preisgünstig.

Da Bildmaterial die Attraktivität von Einträgen erhöht, habe ich mich erneut bemüht, etwas halbwegs Passendes in meinem Archivbestand zu finden. Ist nun kein Glitzer und Strass, aber immerhin Zehensandale mit Bernstein. Schon etwas älter das Foto, 29. Juli 2006, aber ich habe die Sandalen noch.

19. Juli 2019

Letzte Woche habe ich ein Kind entführt. Auf den Delphi-Terrassen beim Delphi-Filmpalast in der Kantstraße gibt es mehrere Agaven, sie stehen ziemlich weit oben. Weil ich nicht so kleinwüchsig bin, konnte ich sehen, dass eine große Agave ein Baby im Topf hat. Beim Vorbeigehen habe ich mich auf die Zehenspitzen gestellt und die Baby-Agave abgenabelt. Sie hat gleich Erde und was zu trinken bekommen, zum Aufpäppeln wird sie vorübergehend in einem großen Topf mit Bogenhanf betreut, auf den ich regelmäßig ein Auge habe. Das Kleine sieht putzmunter aus, es scheint die Entführung gut überstanden zu haben. Obwohl ich Agaven sehr liebe, hatte ich bisher keine eigene. Dafür jede Menge Aloen, die sehr ähnlich aussehen. Aber nun habe ich eine echte Delphi-Terrassen-Baby-Agave. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil die Delphi-Terrassen-Crew bestimmt keinen Plan in petto hat, was aus den Kleinen wird, wenn sie größer werden. Womöglich werden sie wie kleine Katzen ertränkt. Bei mir ist es gut aufgehoben. Die größten Agaven, die ich in Berlin je gesehen habe, stehen im Tierpark Friedrichsfelde und eine gigantisch große auf dem Waldfriedhof, wo Hilde liegt. Also Hildegard Knef. Aber nicht bei ihr in der Nähe, sondern wo die Aussegnungshalle ist.

In freier Natur habe ich die größten auf Zypern gesehen. In Arizona und Nevada wahrscheinlich auch, aber da waren andere Eindrücke, die der roten Felsenlandschaften so stark, dass es alles überlagert hat. Das einzig Blöde an Agaven ist, dass sie keinen Frost aushalten, man muss sich also immer um ein Winterquartier kümmern. Aloen noch schlimmer. Mir sind schon ein paar erfroren, aber meine Mutter-Aloe wirft immer wieder neue, ich könnte eine Farm aufmachen. Interessant, dass manche Pflanzen besonders unter der Obhut eines Menschen gedeihen und andere weniger gut, auch wenn man sich noch so bemüht. Ich scheitere leider immer wieder an Schnittlauch, den ich sehr mag. Die größten Töpfe habe ich schon angeboten. Dann kommt die schöne lila Blüte und dann mickert der Schnittlauch vor sich hin. Immerhin hat mein großer Salbeitopf jetzt im dritten Jahr geblüht, er mag mich nun doch. Winterhart! Auch mein Zebragras, das mir Ina zum letzten Geburtstag mitgebracht hat, so schön! Man kann ihm gar nicht genug zu trinken geben. Für mich sind Pflanzen ideal, die entweder extrem viel trinken, auch sumpfig im Wasser stehen können, oder welche, die auch mal zwei Wochen kein Gießen überstehen. Drachenbäume wachsen auch gut bei mir, unkompliziert. Und Lavendel! Aber mein absoluter Liebling ist gerade das Agaven-Baby. Dürfen die anderen aber nicht wissen.

16. Juli 2019

Ein Jammer-Eintrag. Habe etwas Kopfweh. Heute hat mir die Physiotherapie nicht gefallen. Danach war ich richtig traurig, bin es immer noch. Sogar geweint. Hatte meinen schicken neuen Donna Karan-Sport-BH mit den tollen schwarzen Trägern kreuz und quer unterm Shirt an, aber der erblickte gar nicht das Licht der Öffentlichkeit. Ich musste wieder turnen. Hätte ich bloß nicht erzählt, dass ich mir Hanteln gekauft habe, die ich übrigens nicht dabei hatte, weil zu schwer und auch albern. Da sind ja welche, in der Physio-Praxis. Lieber hätte ich mich einfach auf die Liege gelegt, ich war auch ein bißchen müde, aber man muß sich ja immer dynamisch zeigen. Kneifen gibt’s nicht, dann steht man gleich als alte Schabracke oder Verliererin da, obwohl man nur rechtschaffen müde ist, weil mehrere Stunden gearbeitet. Dann wird dauernd herumkorrigiert: „Bitte die Ellenbogen noch weiter nach hinten, bitte das Kinn noch höher, bitte noch fester zupacken, bitte die Handflächen noch mehr nach außen, bitte noch mehr Kraft auf den kleinen Finger“ etc. pp. Ich will nicht bei Olympia mitmachen! Hatte heute gar keinen Spaß. Zuguterletzt habe ich mich so sehr angestrengt, um alles vorschriftsmäßig zu absolvieren, dass ich wohl übertrieben habe und plötzlich einen sehr stechenden Schmerz im Armgelenk, meiner Baustelle, die eigentlich schon wieder ganz ok ist, hatte. Wie ein großer Dolch, der einmal durchs Gelenk gestoßen wird. Wenigstens hat es nicht geblutet. Ich hab richtig „aua, aua, aua“ gewimmert. Dann ist Clark aber doch ganz schön erschrocken. Es war ja wieder selbst verschuldet, aber nach seiner Anleitung. Er hatte mich gar nicht angefasst. Dann hat er die Turnerei abgebrochen und wir sind doch noch in den Behandlungsraum. Ich war leicht traumatisiert. Dann hat er lauter Sachen gemacht, die total harmlos waren und alle drei Sekunden gefragt, ob das jetzt weh tut. Nein, hat es nicht, aber ich war irgendwie durch den Wind. Außerdem drückt er mir immer so fest die Hand zur Begrüßung, also müsste er mir seine Superkraft beweisen. Heute hab ich da auch schon leicht „aua“ gesagt und als Revanche seine Hand gepackt und genauso gedrückt. Aber da grinst er ja nur. Für ihn wahrscheinlich eine Streicheleinheit. Also mir war es heute zu anstrengend. Ich finde Physiotherapie soll Spaß machen, wohltuend sein und entspannen. Danach hatte ich Hunger, war auf dem Weg in meine Werkstatt und musste mit dem Bus fahren, die U 9 ist streckenweise unterbrochen. Im Atelier hab ich mich erstmal total erschöpft auf die Isomatte gelegt. Dann was gegessen, Tee gekocht und nur ein paar kleine Sachen gemacht. Recht bald wieder heimgefahren. Also für meine Verhältnisse. Schon kurz nach 23 Uhr. Jetzt habe ich mich ausgesprochen und gehe schlafen. Morgen ist ein neuer Tag. Nächste Physio am Donnerstag. Schlimmer kanns ja nicht werden!

15. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XX.
14. Juli 2019:

„01:59 Uhr, in Inas Auto, Playlist Radio Eins,
hypnotisch-sphärisches Ambient-Stück“

Aufgeschrieben, um später auf der Internetseite von Radio Eins die Playlist von der Uhrzeit anzuschauen, und so das Stück zu identifizieren. Der Musiker heißt Loscil und das Stück „Equivalent 3“. Genau das ist nicht auf youtube, aber ein anderes von demselben Album, „Equivalent 7“. Auch beeindruckend. „Loscil is the electronic/ambient music project of Scott Morgan, from Vancouver, British Columbia, Canada. The name Loscil is taken from the „looping oscillator“ function (loscil) in Csound.“ (Wikipedia). Seine erste Platte erschien 2001. Gerade ist das Equivalents-Album erschienen. Musste auch an Brian Eno denken, als ich es im Auto hörte.

Bin gar keine Radio-Hörerin mehr. Ich zu Ina: wenn man mir hoch und heilig versprechen würde, keine Verkehrsmeldungen, keine Nachrichten, keine Jingles und keine Zeitansagen zu senden, könnte ich es mir vielleicht überlegen. Auch mag ich viele Radiostimmen nicht gerne. Ina hatte auch ein Beispiel für einen Moderator auf Radio Eins, der ihr auf die Nerven geht, weil er immer seine privaten Banalitäten verbreitet, als sei davon auszugehen, dass er so ein Charisma auf die Hörergemeinde ausstrahlt, dass es von Interesse ist, ob er sich am Sack kratzt.

Ich konnte dazu beitragen, dass ich es nicht mag, wenn Moderatoren vertraulich mit ihrem prominenten Gesprächspartner werden und dauernd durchblicken lassen, dass man sich privat kennt und zusammen Feste feiert. Wenn dann noch vor dem offenen Mikro gegessen und gekaut wird, sinkt meine Bereitschaft zuzuhören, in den Keller. Ich erwarte von Moderatoren, dass sie sich bemühen, nicht den Eindruck zu erwecken, ich habe die Ehre an ihrer Freizeitgestaltung teilzunehmen. Dafür möchte ich keine Gebühren zahlen. Die Gäste dürfen machen, was sie wollen, aber der Moderator hat zu arbeiten! Auch wird mir zu viel geduzt.

12. Juli 2019


Seit heute neu in meinem kleinen Haushalt: schicke Kurzhanteln von Karstadt Sport! Gestern hat Clark mich zum Hanteltraining animiert, wir haben gemeinsam geübt. Das ist sehr gut für meine Muskulatur. Wir standen so nebeneinander vor dem Spiegel und haben synchron Gewichte gehoben. Ich hatte kleinere Hanteln, ich bin ja auch kleiner (Clark ist einsneunundneunzig). Die waren aus Plastik und sahen aus wie Kinderspielzeug. Er meinte, das könnte ich auch daheim mit 1,5-Liter-Flaschen machen. Ich: „so Plastikflaschen?“ Er: „äh, ja!“ Ich: „überlege gerade, was für ein Getränk…“ Er: „was haben Sie denn da so?“ Ich: „in Plastikflaschen eigentlich nur Tonic Water. Keinen Wein.“ Er: „Ach? Schon klar, Sie nehmen den im Tetrapack!“ (grinst frech) Ich: „nur den!“ Wir hatten es die Stunde davor schon mal ausgiebig von Wein, er kennt sich da (noch) nicht so aus, ist aber wissbegierig. Clark ist ja auch erst dreißig, das entschuldigt ihn. Ich hatte ihm bei der Gelegenheit einen Fachvortrag über die verschiedenen Herstellungsverfahren von Schaumweinen und insbesondere zu den von mir bevorzugten Provenienzen von Flaschengärungen zuteil werden lassen. Wie ein guter Schüler hat er mich nicht unterbrochen und seine Fragen erst artig nach Vortragsende gestellt. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls gefiel mir die Idee mit den Flaschen als Hantelersatz nicht so gut. Er fragte mich nun, ob ich mir vorstellen könne, in einem Fitness-Studio zu trainieren. Ich reagierte sehr zögerlich, da mir das Interieur von Fitness-Studios allgemein nicht zusagt, ich halte mich gerne in einer schönen Umgebung auf. Diese ganzen Geräte, die da rumstehen, das wirkt doch nicht sehr wohnlich. Immerhin würde ich da ja Teile meiner Freizeit verbringen. Deshalb antwortete ich: „Hm, eigentlich nur, wenn das Fitness-Studio zu mir kommt.“ Er: „Sie möchten also am liebsten in Ihrem Atelier oder zuhause…? Ich: „Nein, nicht im Atelier, da hab ich ja zu tun, keine Zeit! Wenn schon, dann in der Wohnung.“ Er: „Könnten Sie sich dann vorstellen, daheim mit einem Thera-Band zu trainieren? Das wäre auch sehr gut.“ Ich: „Ach nein… so ein Band – da weiß ich jetzt schon, ich würde es nicht machen, das würde nur herumliegen. Das kostet ja auch alles Zeit und ich hab ja auch immer zu tun! Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht bewege, ich bewege mich sogar dauernd! Bohren, schrauben, malen, das ist auch anstrengend! Ich liege nicht auf der Couch und esse Pralinen!“ Er: „Das hätte ich auch niemals von Ihnen gedacht!!!“ Ich: „wieso nicht – manche machen das sehr gerne und finden das sehr entspannend!“ Er: „Aber SIE doch nicht!“

Auf alle Fälle hatte ich während der gesamten Konversation die kleinen Hanteln in der Hand und habe weiter damit herumgespielt, so gut hat es mir gefallen, die kleinen Gewichte in der Hand zu halten. In den Stunden danach arbeitete es noch weiter in mir, dass er mit seinem Kennerblick festgestellt hat, dass meine Haltung soldatischer werden sollte, Schulterblätter zusammendrücken (ich sage immer „Flügelchen“ dazu, weil ich mir „Schulterblätter“ nicht so gut merken kann), Brust raus, Hals gerade. Sehr gerne möchte ich ein braver Soldat sein! Aber doch nicht mit so einem quietschgelben Gymnastikband. Das kann ich mit meinen ästhetischen Ansprüchen nicht in Einklang bringen. Mir war so, als gäbe es diese putzigen Kurzhanteln auch in schicker Ausführung. Verchromt möchte schon sein. Und da hat doch Karstadt Sport ganz zufällig etwas im Angebot. Ich bin ein bißchen verliebt in meine neuen kleinen Kurzhanteln. Das Gewicht kann man variieren. Wenn ich zur nächsten Stunde am Montag meine schicken Chromhanteln dabei hätte, würde er bestimmt Augen machen! Wenn er mich dann wieder in den Turnraum bittet und zu einer preisgünstigen roten Plastikhantel greift, sage ich ganz lässig: „ach nein, das ist nicht nötig – ich hab meine eigenen!“ Könnte natürlich auch sein, dass er ausgerechnet am Montag dann wieder auf die Liege bittet und mich nur manuell behandeln möchte. Während ich dann auf der Liege auf ihn warte, könnte ich beim Warten ja ein bißchen mit meinen glänzenden Hanteln herumspielen. Also irgendwie muss ich das schon einbauen. Ich habe mein Sportgerät gefunden, Plastikflaschen sind für Anfänger!

11. Juli 2019

Ein schönes sommerliches Thema ist der Sonnenschirm. Da ich gerade dieses Foto entdeckt habe, das meine Mama am Strand von Grado 1961 zeigt, kann ich damit illustrieren, wie Sonnenschirme in den Sechziger Jahren ausgeschaut haben. Hinten auf dem Foto – na gut, etwas klein – aber wenn man genau hinschaut, sieht man ein paar Modelle mit Fransenborte. So muss das sein. Passend dazu gab es auch die Hollywoodschaukel, die auch eine Fransenborte am Dach hatte. Und weil ich ein Kind der Sixties bin, wollte ich auch gerne einen Fransensonnenschirm haben. Es gibt aber kaum welche zu kaufen. Eigentlich nur von der kalifornischen Luxusmarke „Beachbrella“, die auch damit Reklame macht, dass es Luxus-Retro-Sonnenschirme sind, sehr hübsche Modelle dabei: Ich habe mir die Beachbrella-Schirme angeschaut und ernsthaft überlegt, ob ich einen in Amerika bestellen soll. Sie sind mir aber zu teuer – ich bin nämlich sparsam. Außerdem brauche ich eigentlich keinen normal großen Sonnenschirm, sondern einen in Regenschirmgröße, für meine blauen Hortensien, die ich mir eingebildet habe, auf meinem blauweißen Balkon haben zu wollen, wo den ganzen Tag die Sonne drauf scheint. Was die Hortensie gar nicht liebt, sie mag es gerne ein bißchen schattig. Dann hatte ich die tolle Idee, dass ich mir einen Regenschirm in blauweiß mit sommerlichem Ringelmuster besorge, und selber eine Fransenborte drannähe. Gesagt, getan! Jetzt habe ich vielleicht den einzigen kleinen Retro-Ringel-Sonnenschirm mit Fransen auf der ganzen Welt! Ich hatte mich vorher auch über kleine Sonnenschirme erkundigt, da gibt es Modelle für die Braut, mit Spitze und Rüschen. Oder so asiatische Geisha-Modelle, auch nicht schlecht. Aber meine Eigenkreation ist ideal. Nur für eine Hollywoodschaukel habe ich leider keinen Platz auf dem Minibalkon vom Atelier. Sonst hätte ich längst eine. Mit Fransen!