27. Mai 2020

Ein weiterer inniglich von mir geliebter Dichter ist Clemens Kerber (1937 – 2016). Diese Zeilen von ihm liebe ich besonders und sie sind wie für diesen Tag im Mai gemacht. Das Gedicht heißt „Wenn’s draußen grün wird“.

Wenn’s draußen grün wird
Fällt mir nur noch Liebe ein
Es kommt über mich
und bricht mir das Herz

Mag Sonne scheinen
oder mag es trübe sein
Ein Gefühl so zwischen
Freude und Schmerz

Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen

Wenn’s draußen bunt wird
dann wird mir so gut zumut
Und auch jeder Blume
jedem Getier

Dann steigt der Saft in Bäume
und auch uns ins Blut
Da muss ich zu dir
und du musst zu mir

Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen

Clemens Kerber* 1972, aus der Tondichtung „Ein Hauch von Frühling“

Bitte hören Sie auch in die Vertonung hinein – ich möchte sagen: ein Gedicht!


*= M. Krug

25. Mai 2020

Magnolia. 100 x 100 cm, Acryl, Tinte, Papier, Styropor

Noch ein Baum. Ich hatte doch erzählt, wie ich vor ca. zwei Monaten durch den Baumarkt gelaufen bin, auf der Suche nach einem Ersatz für die dort weggehamsterten Leinwände. Weil mir alle Bauplatten zu schwer waren für den U-Bahn-Transport, hatte ich zwei Styroporplatten im Format 50 x 100 gekauft und zusammengeleimt, und dann mit einem großen Papierbogen überzogen, den ich dann übermalt und nochmals mit gemalten Fragmenten beklebt habe. Einmal und nie wieder. Wenn man das fertige Werk falsch anfasst, hat man Dellen von den Fingern im Bild. Ich war bis jetzt vorsichtig, aber es hat wohl einen guten Grund, wieso nicht alle Welt Bilder auf Styroporplatten malt. Schade aber auch, wo sie so günstig sind, eine nur 1,49 Euro.

Das ist also das fertige Werk. Ein Magnolienbaum, sage ich mal. Wenn die Bilder annähernd fertig sind, überlege ich, worum es sich handelt. Ich konzentriere mich ganz stark und dann erkenne ich es blitzartig und weiß, woher das Déjà vu kam, das ich die ganze Zeit schon beim Werkeln hatte. Zufällig haben auch gerade die Magnolienbäume geblüht, als ich daran gearbeitet habe, aber ich habe an nichts Bestimmtes dabei gedacht. Elektrisches Pink mag ich sehr. Kein Barbiepink, sondern mexikanisches Pink, wie ich es nenne. Für mich ist es elektrisch, weil es mehr Elektritzität ausstrahlt, als die meisten anderen Farben. Ich habe das Gefühl, das Pink vibriert. Mit dieser Farbe verbinde ich starke Aufregung wie bei Vorfreude. Nur Gutes.

24. Mai 2020

Eigentlich habe ich nie aufgehört zu malen. Wenn ich die Kamera hielt, war es im Grunde nur ein besonderer Pinsel. Die Motive waren leichter lesbar, weniger geheimnisvoll, aber immer erhebend. Immerhin nähere ich mich dem besonderen Pinsel wieder mit neuer Unbefangenheit, ohne ihn in den Fokus zu stellen. Ich habe es mir gewünscht, wieder unbefangen Bilder damit einzufangen. Das ist mir lange nicht möglich gewesen.

Es wäre unsinnig, wenn gerade ich auf ein visuelles Medium verzichte, wo es mein ureigenstes Sein ausmacht, mich in sichtbaren Welten auszudrücken. Ich spaziere manchmal durch meine sechzigtausend Fotografien und wundere mich. Einige Motive erinnere ich gar nicht mehr und sehe sie wie zum ersten mal. Sobald ich dann weiter durch die Reihe gehe, den Kontext sehe, die vollständige Serie, fällt mir alles oder vieles wieder ein.

Diese Gräser in der Abendsonne wehten auf der großen Düne im Tal des Schweigens auf der Kurischen Nehrung. Ich war dort an meinem zweiundvierzigsten Geburtstag. Allein unterwegs, wie meistens auf meinen Reisen. Ich war glücklich an diesem Tag, an diesem Ort. Ich bin lange nicht mehr durch die Welt gereist, aber durch mein inneres Universum grenzenlos. Heute ist mir ein Tier begegnet. Ein großes, in meinem Atelier. Ich war perplex. Ich werde es fotografieren, wenn es fertig geschlüpft ist.

21. Mai 2020

Passend zu Himmelfahrt präsentiere ich heute mein zweites UFO. Ich habe lange gezögert, es zu zeigen, warum habe ich vorgestern in einem Kommentar erklärt, als kid37 mein UFO gelobt hat, da ist es mir so rausgerutscht, dass ich noch ein zweites UFO besitze:

kid37 – 19. Mai, 13:12
Das ist ein besonders schönes UFO. Man sieht, die Außerirdischen besitzen nicht nur überlegene Intelligenz, sondern auch ästhetisches Bewußtsein.

g a g a – 19. Mai, 13:39
Es gibt auch noch ein zweites UFO, mein ganz persönliches Palastufo, es ist aber wahnsinnig prunkvoll, und ich habe ein bißchen Angst, dass die anderen neidisch werden! Wenn es unter uns bleibt, zeige ich es mal heimlich her!

kid37 – 19. Mai, 23:48
Jetzt haben Sie mich natürlich neugierig gemacht. Fühle fast ein wenig wie Fox Mulder bei dieser Sache!

g a g a – 19. Mai, 23:55
ich habe es noch niemals fotografiert. Es ist an einem geheimen Ort in ultraviolettem Licht mit einer starken Pinkfrequenz geparkt. Ich weiß noch nicht, ob es mit einem normalen Fotoapparat fotografiert werden kann, aber ich will es versuchen. Der geheime Ort ist mir heute Nacht leider nicht mehr zugänglich. In diesen Stunden findet auch ein verstärkter Ladeprozess statt (die Ausstattung benötigt extrem hochfrequente Energien). Ich melde mich wieder, wenn es mir glücken sollte, Bildmaterial zu gewinnen.

Das Palastufo wird mit besonderen Solarzellen betrieben, die man hier auch sehr gut in der Großaufnahme sehen kann. Es handelt sich um eine Technologie, die ich selbst entwickelt habe.

Ich fliege jetzt mit UFO I in meine UFO-Werkstatt!

20. Mai 2020

Auch grandios – Theater an der Wien 1975, „Das Lächeln einer Sommernacht“, Probebühne, Auftritt Zarah Leander (seinerzeit 68), Frau Koller erinnert sich:

»Wir standen bereits mitten in den Proben, da hieß es: „Heute kommt Zarah!“ Wir waren alle sehr gespannt. Ich hatte sie als Kind im Kino gesehen und wusste, was für ein Idol sie in den dreißiger und vierziger Jahren gewesen ist.

Sie betrat den Probenraum mit großer dunkler Brille, ihr Mann, der Pianist und Dirigent Arne Hülphers, immer an ihrer Seite. Zuerst einmal ließ sie ihren Mantel, einen kostbaren Zobel, von den Schultern zu Boden gleiten. Ein Pelz, wie ich ihn nie wieder gesehen habe: bodenlang, sehr weich, grau mit Silberspitzen, das Teuerste.

Sie hat ihn auch später nie normal abgelegt, sondern immer mit lässigem Schwung fallen lassen. Alle haben sich darum gerissen, ihn aufzuheben, um ihn zu befühlen.«

Dagmar Koller, Jetzt fängts erst richtig an, S. 159

19. Mai 2020

Ganz besondere Postkartenereignisse im Jahr 2020 erfordern besondere Postkartenempfangs-Dokumentationsmaßnahmen.

Ich muss gestehen, ich betrachte es mittlerweile als sportliche Herausforderung, dem Postkartenmotiv gerecht zu werden. Mein großer Kleiderschrank ist da sehr hilfreich. Ich lade hiermit alle meine Leser/innen aufs Herzlichste ein, mir eine herausfordernde Postkarte zu schicken. Ich werde etwas daraus machen. Ich gebe alles. Versprochen. Großes I̶n̶̶d̶̶i̶̶a̶̶n̶̶e̶rWüstentochter-Ehrenwort! Mein Dank für dieses inspirierende Postkartenmotiv geht abermals in den tiefen Süden, an eine andere Wüstentochter, die meinen geheimen zweiten Vornamen teilt. Und der Text ist auch schön.

18. Mai 2020

Michel Piccoli zum Gedenken. Auch ihn traf ich oft, aber nur in seinen Filmen, besonders Les choses de la vie ließ ich viele Male laufen. Der ganze Film ist ewig. Oder die Szene, wo er als Polizist Romy in der Badewanne fotografiert. Über meiner eigenen Badewanne hängen Bilder aus dieser Szene (u.a). Er war ein wunderbares Gespann mit ihr, sie waren ja auch sehr befreundet. Piccoli wirkte im selben Maß sinnlich wie intellektuell, alleine wie er rauchte. Wahnsinnig charismatisch. Und so ruhig. Aber unter der ruhigen Oberfläche spielte sich immer etwas ab. Das war die Spannung. Michel Piccoli wurde vierundneunzig. Au revoir.

18. Mai 2020

Noch ein ganz arg geliebtes Gedicht von einem Lieblingsdichter, Max Dauthendey (1867 – 1918)

Immer Lust an Lust sich hängt

Alle Dinge können sehen. Sag nicht, daß sie blind dastehen.
Sag nicht, daß sie dunkel gehen.

Häuser, Bäume, Wege, Wind, Stühle, Tische, Bett und Spind,

Alle Dinge sehend sind.

Alle Dinge können denken. Nicht nur Stirnen Geist dir schenken,
Alle Dinge Geister lenken.

Kleiner Mücken grauer Zug,
Spinnwebfaden leis im Flug; jeder Grashalm denkt genug
.

Und es lieben alle Dinge. Wie die Vögel mit Gesinge
Liebt sich alle Welt im Ringe.

Eines hin zum andern drängt,
Jedes seine Lust sich fängt.


Immer Lust an Lust sich hängt.

Max Dauthendey, Lusamgärtlein, 1909

16. Mai 2020

Friedrich Rückert zu Ehren, geb. am 16. Mai 1788


Frühlingslied

Der Frühling lacht von grünen Höh’n,
Es steht vor ihm die Welt so schön,
Als seien eines Dichters Träume
Getreten sichtbar in die Räume.

Wann schöpferisch aus Morgenduft
Der Sonne Strahl die Wesen ruft,
Kehrt jedes Herz sich, jede Blume
Empor zum lichten Heiligtume.

Wann Abendrot den Purpur webt,
Darin die Sonne sich begräbt,
Schließt sich befriedigt jede Blüte,
Und Sehnsucht schlummert im Gemüte.

Vom Morgen bis zur Nacht entlang
Ist all ein Kampf der Sonne Gang;
Ein Kampf, die Schöpfung zu gestalten,
Durch Licht zur Schönheit zu entfalten.

Die Sonn‘ ist Gottes ew’ger Held,
Mit goldner Wehr im blauen Feld,
Und zu dem lichten Heldenwerke
Erneut der Frühling ihr die Stärke.

Die Sonn‘ am Tag, der Mond bei Nacht,
Sie ringen all‘ mit Wechselmacht,
Die Sonne, Rosen rot zu strahlen,
Und Lilien weiß der Mond zu malen.

Der Himmel ein saphyrnes Dach
Der Flur smaragdnem Brautgemach,
Wo sich im Spiegel von Kristallen
Schaut Rose Braut mit Wohlgefallen.

Die Morgenröte wirkt ihr Kleid,
Der Morgentau reicht ihr Geschmeid,
Der Morgenwind, ihr kecker Freier,
Küßt sie errötend unterm Schleier.

Der Frühling gibt im Garten Tanz,
Und alle Blumen nahn im Glanz,
Wo Mädchen vorzustellen haben
Die Rosen und Jasmine Knaben.

Das Veilchen birgt in Duft sich still,
Weil aufgesucht es werden will;
Die Rose glühend zeigt sich offen,
Wie könnte sie Verbergung hoffen?

Des Paradieses Pforten sind
Nun aufgethan im Morgenwind,
Und auf die Erde strömt vom Osten
Der Duft, den sonst die Sel’gen kosten.

Die Lauben Edens werden leer,
Zur Erd‘ hernieder zog ihr Heer,
Wo nun die Engel schöner wohnen
In Rosenzelt und Lilienkronen.

Nun lebt, berührt vom Liebeshauch,
Das Leben neu, und Totes auch;
Der starre Fels vor Sehnsucht bebet,
Bis auch ein Epheu ihn umwebet.

O Frühlingsodem, Liebeslust,
O Glück der felsentreuen Brust,
Die ein Geliebtes an sich drücket,
Das dankbar sie mit Kränzen schmücket.

In dieser Stille der Natur,
Wo Liebe spricht und Friede nur,
Sei fern den schweigenden Gedanken
Des Menschenlebens lautes Zanken.

Wie sie die Sinne sich verwirrt
Und wie in Wüsten sich verirrt,
Wie sie die Freude sich verkümmert
Und wie das Dasein sich zertrümmert.

Und wie die Welt, so ist ihr Lohn.
Es reut mich jeder Liedeston,
Der aufs verworrene Getriebe
Der Zeit sich wandt‘ und nicht auf Liebe.

Die Liebe ist der Dichtung Stern,
Die Liebe ist des Lebens Kern;
Und wer die Lieb‘ hat ausgesungen,
Der hat die Ewigkeit errungen.

Weg Thorentand und Flitterpracht!
Im Himmel gilt nicht ird’sche Macht.
Erob’rer, Helden, Weltvernichter,
Geht, sucht euch einen andern Dichter.

Du Freimund laß den eitlen Schwall,
Sing‘ Lieb‘ als wie die Nachtigall,
O trachte, still in deinen Tönen
Dein eignes Dasein zu versöhnen.

Friedrich Rückert

16. Mai 2020

Gestern empfing ich diese Postkarte. Ich nahm sie wie immer ohne Lesebrille aus dem Postkasten und versuchte etwas zu erkennen. Die Schrift kam mir schon bekannt vor. Das Motiv, ein Gemälde, hielt ich vermutend für ein Bild von Degas, der ja bekanntlich zwei Lieblingsthemen hatte: Szenen aus der Welt des klassischen Tanzes und Damen im Badezimmer mit einem Frotteetuch oder Leinentüchlein, oder womit man sich eben früher abgetrocknet hat. Ich meinte hier eine Ballettszene zu erkennen, im linken Bereich zwei, drei Tänzerinnen im weißen Tütü und ganz links einen männlichen Zuschauer. Rechts eventuell die Bühnenrampe und weiteres Publikum. Oben in meiner Wohnung angelangt, setzte ich die Brille auf die Nase. Das Bild wurde kaum deutlicher. Ich war einerseits erfreut, dass sich das Motiv kaum geändert hatte, andererseits machte ich mir Gedanken, warum ich mir mittlerweile eine so ausgeprägte Seh-Unfähigkeit ohne Lese-Brille bescheinige.

Tatsächlich ist das Bild keineswegs von Degas, sondern von einem anderen durchaus renommierten Maler mit dem Namen Heinz Kreutz, den ich noch nicht kannte. Das Bild heißt „Hymne an das Licht, Violettes Bild“ und ist aus dem Jahr 1958. Es handelt sich somit um keine Szene mit Tänzerinnen im Tüllröckchen, sondern um eine abstrakte Komposition. Ich habe dann etwas über den Maler recherchiert und festgestellt, dass er in ganz extrem unterschiedlichen Stilen gemalt hat. Es finden sich sehr viele streng grafische Motive mit klar abgegrenzten Farbflächen. Man würde nicht denken, dass es sich um denselben Maler handelt, der diese Komposition gemalt hat. Wirklich interessant – ich finde es sehr schön, auf mir bislang unbekannte Künstler gestoßen zu werden.

Ursprünglich wollte ich diesmal kein Foto von mir mit Postkarte machen, das kann in der Fülle auch etwas aufdringlich wirken, aber dann hat mich ein netter Kommentar bestärkt, dass es vielleicht doch schön für jemanden ist, der mir eine Karte geschickt hat, wenn ich den Erhalt mit einem Bild würdige. Ich zitiere mal aus meiner Antwort auf den Kommentar:

„Die Idee mit den Kartenfotos habe ich ein bißchen von Erpresserfotos von Entführten geklaut, die eine aktuelle Tageszeitung in die Kamera halten, als Beweis, dass sie den Tag, an dem die Zeitung erschienen ist, noch erlebt haben. Heute ist das ja kein Beweis mehr, wo sich alles digital hinbasteln lässt. Aber ich betone, dass es sich bei meinen Fotos nicht um Fotomontagen handelt. Ich lebe noch, und diesen Kommentar verfasst nicht mein körperloser Geist. Lange hatte ich ja gar keine Fotos von mir erstellt, aber in dieser besonderen Zeit kommt es mir doch hilfreich vor, um meinen Freunden zu zeigen, wie es auch in dieser Hinsicht um mich steht. Ich habe mich seit Ende Februar mit Niemandem privat getroffen.“

14. Mai 2020

Nun sind sie beide tot, Irina aus der Lüneburger Heide und der aus der Nähe von Kassel stammende Rolf Hochhuth, die es beide nach Berlin verschlagen hatte. Meine Freundin Irina war nicht nur eine surrealistische Malerin, sondern auch Hochhuths Assistentin, sie kümmerte sich bis einige Zeit vor ihrem Tod im Oktober 2018 um seine Internetseite und alles, was sich um die digitale Verarbeitung seines Werks drehte. Er hatte immer bewundernde Blicke für sie, das war sehr rührend.

Das Bild entstand im Dezember 2016 bei Irinas letzter Ausstellung zu ihren Lebzeiten. Bei der Gelegenheit sprach ich auch mit Hochhuth, er signalisierte mir mit seinen Blicken Interesse und ich setzte mich zu ihm und er fragte mich aus. Aber wie. Ich erzählte ihm, dass ich blogge, sehr Persönliches und er war total gefesselt. „Was schreiben Sie denn da zum Beispiel genau?“ „Na, es könnte zum Beispiel sein, dass ich über unsere Unterhaltung hier einen Eintrag schreibe.“ Er: „Das ist ja wahnsinnig interessant!“.

Wirklich ein netter, umgänglicher älterer Herr, damals war er ja nun auch schon 85 und etwas vergesslich. Aus heutiger ärztlicher Sicht vielleicht dement. Nachdem man sich eine halbe Stunde intensiv unterhalten hatte, konnte es sein, dass er einen eine Stunde später erneut ansprach, als wäre man sich noch nie begegnet. Insofern ist es doch etwas beschönigend, in den Meldungen zu seinem Tod zu lesen, dass er keinerlei Vorerkrankungen gehabt habe.

Na gut. Früher bezeichnete man vergessliche alte Menschen ohne dramatischen Unterton als „auch schon ein bißchen verkalkt“ und nahm das als den normalen Lauf der Dinge. Aber das Gespräch mit ihm verlief sehr eloquent, er erzählte mir von verschiedenen Ärgerlichkeiten mit Verlagen, an die er sich deutlich erinnerte, die aber sicher schon weiter zurücklagen. Ich fand es interessant, dass er mir so etwas erzählte, als sei ich eine Vertraute. Er hatte schon mitbekommen, dass ich mit Irina befreundet bin, vielleicht war ich für ihn dadurch eine Art erweiterte Familie.

Deutlich war zu spüren, dass in seinem doch etwas eingetrübten Blick so eine gewisse Bereitschaft für eine erotisierte Wahrnehmung der Welt weiterhin bestand. Das rührte mich. Er war viel sympathischer und zugewandter, als ich je für möglich gehalten hätte. Zuletzt sah ich ihn vor etwas mehr als einem Jahr bei einer Gedenkfeier für Irina. Er erkannte mich nicht mehr. Ich hatte es aber auch nicht ernsthaft erwartet. Frieden seiner rebellischen Seele.

14. Mai 2020

Seit gut vier Wochen steht ein gelesenes Buch links von mir in der Ecke. Ich habe es nicht ins Regal geräumt, weil ich noch einen Gedanken daraus hier schreiben wollte und ihn unbedingt in die Welt tragen. Einen Absatz hatte ich schon aus dem Buch zitiert, in diesem Eintrag, Mitte April. Aber der zweite Gedanke kommt mir geradezu existentiell und aufrüttelnd vor, obwohl er so schlicht formuliert daherkommt. Einfach mal auf sich wirken lassen, er könnte das bisherige Weltbild, die eigene Biographie betreffend, ins Wanken bringen.

„Ich wollte in die Welt. Und ich war naiv und kühn genug, um mir zu nehmen, was ich wollte. Ob ich Glück hatte, oder das Geheimnis des Glücks darin liegt, dass man es einfordert, ist eine Frage der Interpretation. Jedenfalls wurde mein Wunsch erhört.“

Carsten K. Rath, Sex bitte nur in der Suite, S. 54

13. Mai 2020

„Behandeln Sie Probleme nicht wie große französische Weine, denn sie werden nicht besser, wenn man sie lagert.“

Dagmar Koller, Dranbleiben, S. 153 (letzte Seite)

In diesem Sinne wünsche ich allen einen tatkräftigen Mittwoch.

11. Mai 2020

Wer heute seinen Postkasten besucht, könnte darin ein Kärtchen von mir finden. Am Freitag war wieder Frühlingstombola, allerdings vielleicht zum letzten mal. Ich habe mich nämlich ein bißchen mit Fortuna herumgestritten. Sie will immer nur sieben Karten verlosen, ich muss mich dann ihrer Entscheidung beugen. Sie ist da leider sehr autoritär und lässt nicht mit sich handeln. Diesmal hat es mich besonders geärgert, weil ich das Motiv gerne den ausgewiesenen Blumenliebhaberinnen unter meinen Freundinnen zukommen lassen wollte, z. B. J. und C., aber ich konnte einfach nicht schummeln. Am Ende trifft es ja auch so immer die Richtigen, das will ich gar nicht bestreiten.

Außerdem hat sie auch noch mit mir geschimpft, weil ich bei den letzten Postkarten den Text aufgedruckt habe und nur die Anrede und die Anschrift mit der Hand geschrieben. Das wäre kein guter Stil und wirkt unpersönlich, hat sie gemeint. Wahrscheinlich hat sie da auch ein bißchen recht. Ich wollte aber auch ganz viel auf die Karten schreiben und so klein kann ich nicht mit der Hand schreiben, deswegen! Jedenfalls habe ich diesmal wirklich alles, alles mit der Hand geschrieben, aber dafür ist die Glücksbotschaft halt entsprechend kürzer! Man kann nicht alles haben! Aber sie kommt wie immer von Herzen.

Am meisten freue ich mich, wenn Gewinner dabei sind, die bis jetzt noch gar nicht gewonnen haben, nämlich K. und P.! Wegen der Diskretion muss ich die Namen abkürzen, mir reicht schon der Ärger mit Fortuna! Also gewonnen haben: A., I., K., M., M., M. und P. (alles Mädchen)

11. Mai 2020

Kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt eine Lektüre so erheitert hat, wie das Werk von Frau Koller. Seite 73:

»(…) Ich kaufe mir auch keine Modezeitschriften mehr. Früher posierten in der Vogue derart schöne Frauen – die Models von heute schauen alle aus wie Buben. Germany“s Next Topmodel habe ich mir nie angesehen, obwohl ich Heidi Klum mag. Sie ist noch so etwas wie ein Idol. Und sie hat sich einen jungen Boy genommen. Ich hätte mir an ihrer Stelle allerdings einen Schöneren ausgesucht. Wenn ich mir einen Jungen nehme, muss es schon der Schönste in der Stadt sein.«

Dagmar Koller (80), Dranbleiben

Das kleine Buch ist vor einem halben Jahr erschienen. Jetzt weiß man natürlich nicht genau, ob sie diese Gedanken verfasst hat, als Heidi noch mit Vito zugange war oder ob bereits Tom gemeint ist. Im späteren Verlauf des Kapitels benennt sie noch Männer nach ihrem Geschmack, da sind dann aber auch Kandidaten dabei, wo man recht schnell begreift, dass Schönheit offenbar auch im Fall von Dagmar Koller im Auge des Betrachters liegt. Wobei ihr verstorbener Mann schon fesch war.

10. Mai 2020

Die Wüstentochter hat einen neuen Gesichtsschleier gegen die Stürme in der Betonwüste. Gestern in der schönen Galerie von Michaela Binder in der Gipsstraße bei mir um die Ecke entdeckt. Etwas frühlingshafter als das schwarze Modell, das ich sonst trage.

10. Mai 2020

Sehr interessante Verhaltensempfehlung von Frau Koller:

»Als schwierig empfinde ich es bis heute, wenn ich Premierenparties von Aufführungen besuchen soll, die mir nicht gefallen haben. Ich tat mir immer schon schwer, Kollegen zu bejubeln, wenn mir das Stück oder ihre Arbeit nicht gefallen hat. Nachdem Helmut 1983 Bundesminister für Unterricht und Kunst geworden war, erlebten wir etliche solcher Situationen, die für mich eine Qual waren. Einmal erwischte uns Susi Nicoletti, die Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst, nach einem völlig misslungenen Abend, als wir gerade dabei waren, uns möglichst unauffällig aus dem Staub zu machen. Sie stellte sich uns in den Weg und meinte: „Kommt doch gar nicht in Frage! Und wenn einer der Mitwirkenden von euch wissen will, wie es euch gefallen hat, dann sagt ihr einfach: Gratuliere, gratuliere!“

Dieses wertvolle „Gratuliere, gratuliere!“ wende ich bis heute in den unterschiedlichsten Situationen an. Auf diese Weise muss ich nicht lügen und bleibe mir trotzdem treu. So klingt hohe Diplomatie. Für die Künstler meiner Generation spielt nämlich noch etwas eine wichtige Rolle: das Alter. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was es bedeutet, in einer Hauptrolle auf der Bühne zu stehen, und welche Probleme sich manchmal ergeben können, einfach weil man keine dreißig, vierzig oder fünfzig mehr ist. In solchen Momenten lüge ich so gekonnt, dass alle glücklich sind. Weil ich Respekt vor der Arbeit habe. Ich kann lügen, dass sich die Balken biegen! Interessant ist, dass man mit zunehmenden Jahren sensibler wird und nicht abgestumpfter. Bedenken Sie immer: In einer Welt der wachsenden Unsicherheiten kann es nicht genug Lob geben. Quittieren Sie daher jede Art von Leistung immer mit einem „Gratuliere, gratuliere!“ So müssen Sie nicht lügen und bleiben sich trotzdem treu.«

Dagmar Koller, Dranbleiben

08. Mai 2020

Gaga Nielsen, „Frühlingsgarten“ – Greta Garbo und Mama gewidmet, April 2020, Staatl. Museen v. Gaganien, 54 x 72 cm, Papier, Wasserfarbe, Acryl, Corona-bedingt auf Verpackungskarton

Möge dieser 75. Jahrestag der Befreiung, nicht nur als der Tag der Kapitulation der abgewichsten Wehrmacht gewürdigt werden, sondern als Tag der Befreiung von sonstigem Unbill, Ängsten, Dummheit, unattraktiven Krankheiten, schlechtem Benehmen… wäre das nicht herrlich. Vielleicht muss man es sich einfach nur vornehmen und praktisch umsetzen. Das Wetter ist jedenfalls feiertagswürdig hier in Berlin. Draußen sprießen weiterhin die Frühlingsblüten und -gärten.

Dazu passend ein Bild vom April, das ich in Ermangelung einer passenden Leinwand auf einen Verpackungskarton pinselte. Das Ergebnis ist dennoch ganz passabel, aber nicht einfach. Wellpappe ist so ziemlich das ungeeignetste Medium, um darauf zu malen. Sie entwickelt ein noch welligeres Eigenleben, wenn sie von feuchter Farbe geküsst wird. Greta Garbo ist es gewidmet, weil sie die Farbkombination Grün und Pink wie keine andere liebte, und sogar selbst einen großen Teppich mit einem ornamentalen Muster in diesen Farben entworfen hat, der in einem ihrer Salons ihres Apartments am Hudson River lag. Und meiner Mama ist es gewidmet, weil sie die Farbe Grün und Blumen über alles liebt.

P.S. das war übrigens das Bild, von dem ich mit einem Blatt Papier die überschüssige grüne Farbe abtupfte, woraus dann zufällig der Baum entstand, den ich neulich als Postkarte verschickt habe.

06. Mai 2020

Gräser heute am frühen Nachmittag in Charlottenburg. Auf einem sehr, sehr großen Hinterhof zwischen Kant- und Fasanenstraße. Der Frühling lässt sich durch Corona nicht aufhalten. Auch nicht durch Krebserkrankungen, auch Masken können nichts ausrichten. Kein privates Drama hat Einfluss auf die Wucht der explodierenden Natur. Ich erinnere mich gut, dass es mir oft weh tat, wenn der Frühling besonders schön war, und ich an einem Frühlingstag unter der Woche auf einer Bank in die Sonne blinzelte, in dieses junge, verheißungsvolle Grün. Nie hat es einen Frühling geschert, nie und nie. Am besten ist, man dividiert sein privates Elend und die zauberhafte Fülle des Frühlings auseinander. Man muss versuchen, es ganz unabhängig voneinander zu erleben und wahrzunehmen, damit das schwer Erträgliche das so Schöne und Verzaubernde nicht erstickt.

Gestern – oder war es vorgestern – musste ich sehr lachen. Ich kam am frühen Abend heim und hatte Lust den Fernseher anzuschalten. Ich bin ein bißchen auf Vox eingeschossen, da kommen die meisten Sendungen, die mich einigermaßen interessieren. Es war gerade Sendezeit für eine Folge einer Datingshow – Moment – wie heißt die noch… – also Leute sind zum Essen in einem Studio-Restaurant verabredet, ein Blind Date – „First Dates… Restaurant“? So ähnlich. Unter anderem bereit für so ein Date, eine junge Dame mit langen blonden Haaren, etwa Anfang Dreißig aus Brandenburg. Burschikoser Typ, wie man so sagt, zum Pferdestehlen (zufällig hat sie auch welche). Sie erzählt, dass es bislang noch nicht so recht geklappt hat mit den Männern, und sie es nun einmal auf diesem Weg versuchen möchte: „Ick hoffe ja immer noch, dass ick mal den Deckel zu meinem Topf finde, bis jetzt war nur Frischhaltefolie dabei!“

06. Mai 2020

Der Berliner Senat hat (…) das Soforthilfepaket IV in Höhe von 30 Millionen Euro beschlossen. Es gilt für kleine und mittlere Unternehmen im Kultur- und Medienbereich, für die es bisher kein passendes Förderinstrument gab. Diese Lücke wird nun mit der Soforthilfe IV geschlossen. Damit leistet Berlin einen weiteren Beitrag zur Sicherung und zum Überleben der vielfältigen Kulturlandschaft der Stadt. (…) Die besonders hart von der Corona-Krise betroffenen Kultur- und Medienunternehmen mit i.d.R. über 10 Beschäftigten können Zuschüsse bis zu 25.000 EUR zur Überwindung einer existenzbedrohenden Wirtschaftslage beantragen. In begründeten Ausnahmefällen können bis zu 500.000 EUR beantragt werden.“

03. Mai 2020


Feuer des Lebens
für Alban
– wird bewahrt –

Blattgold, Kupfer, Acryl, Leinen, Karton, Styropor, 40 x 65 x 8 cm
Staatl. Museen von Gaganien 01./02./03. Mai 2020 | Gaga Nielsen

Bleibt über meinem Kamin-Kerzenfeuer. Die Flamme wird gehütet.

03. Mai 2020

Lola im Badezimmer. Suchbild für Ina. Ich fand es neulich sehr schön, als Cosima mir Fotos gezeigt hat, wie meine Postkarte durch ihren Garten gewandert ist. Lola Montez hat einen Premiumplatz in meinem Badezimmer bekommen, anders kann man es nicht sagen. Ich denke, sie kann zufrieden sein über ihr neues Heim. Habe ich gerade vor zwanzig Minuten fotografiert.

02. Mai 2020

Schnell hinaus, die Sonne zeigt sich gerade noch. Zu Edeka in die Große Hamburger Str., dann zurück um die Ecke in meine Wohnung, die Sachen in den Kühlschrank räumen und wieder los ins Atelier. Habe mich überraschenderweise daran gewöhnt, die schwarze Auerbach’sche Maske anzuziehen, sie wärmt ein bißchen, wenn kalter Wind weht, wie in diesen Tagen der Fall, oder wenn ich durch die Nacht laufe, von der U-Bahn kommend, nach Hause. Wie vorhergesehen, ist der Anteil der Maskenträger innerhalb der Strecke der der U 8, die Neukölln und Kreuzberg umfasst, eher gering. Obwohl es heißt, man schützt andere mehr als sich, empfinde ich es sogar als angenehm, innerhalb von diesem Streckenabschnitt bedeckt zu sein. Als wäre ich in meinem privaten Kokon. Da fährt niemand, den ich je näher kennenlernen wollte. Je mehr Abstand, desto lieber. Mit und ohne Corona. Ich sehe auch ein bißchen gefährlich damit aus, wie eine Terroristin, was eine ganz gute Kampfansage bei dem dubiosen, relativ aggressiven Publikum ist. Mit den dunklen Kajalaugen, die hervorgucken, wie bei einer Wüstentochter, ernte ich eher respektvoll interessierte Blicke, ohne die Vermummung sehe ich bedeutend harmloser aus. Ich benutze übrigens echtes Kajalpulver aus Mekka, also aus Saudi-Arabien, deep shit! Es wirkt!

1. Mai 2020

Berlin 24.4.2020

Liebste Gaga,

seit 52 Jahren hat die Karte auf dich gewartet, so lange befindet sie sich in meinem Besitz. Ich war 13, als ich sie in München kaufte. Ich lebte damals noch in der Heide und war fasziniert von den Gepflogenheiten der Wittelsbacher. Ich wollte auch so eine Schönheit werden. Lola Montez erinnert mich an dich. Es ist meine Handschrift unter ihrem Bild.

Allerliebste Grüße
v. Ina

DANKE, Ina

30. April 2020

Neue Post in Gaganien! Aus dem schönen Venedig ist die Karte gemeinsam mit der Kaltmamsell nach München gereist. Weil es aber eine reiselustige Karte ist, wollte sie dort nicht für immer bleiben und ein bißchen mehr von Deutschland sehen. So ist sie über Hamburg nach Berlin gereist. Ich behaupte das immer und vielleicht stimmt es sogar, dass alle, alle Post, die von Berlin kommt und nach Berlin geht, in Hamburg in einem großen Verteilzentrum sortiert wird. Ich stelle es mir gigantisch vor. Fast so groß wie der Ohlsdorfer Friedhof ist es vermutlich. Eigentlich unvorstellbar, denn wer schon eimal auf dem Ohlsdorfer Friedhof war, weiß, dass er eigentlich größer als die ganze Stadt Hamburg ist.

Bis zu meinem circa vierzigsten Lebensjahr war ich der festen Meinung, dass Hamburg ungefähr so groß wie Berlin ist. Weil ich noch nicht da war. Dann aber war ich da, und habe den Eindruck erhalten, dass Hamburg etwas kleiner als Berlin ist. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof war ich bei der Gelegenheit auch (mit kid37, falls es wen interessiert) und das hat den Eindruck bei mir gefestigt, dass Hamburg ein Stadtteil von Ohlsdorf ist. Ich schweife eventuell etwas ab. Vorrangig geht es in diesem Eintrag um die schöne Postkarte, die ich von der Kaltmamsell erhalten habe, und zwar am 28. April 2020. Die Karte zeigt ein Gefäß, das aus Glas besteht, und ich vermute ganz stark, dass es in einer Werkstatt auf der Insel Murano bei Venedig geblasen wurde. Das habe ich auch einmal in echt bewundern dürfen, ich war nämlich schon einmal in Murano. In Venedig auch. Ich glaube, Venedig ist so eine Art Stadtteil von Murano. Oder war es umgedreht? Es verhält sich wohl so ähnlich wie Ohlsdorf zu Hamburg. Eigentlich sind solche geographischen Feinheiten doch völlig egal, Hauptsache, man hat es gesehen und sich gefreut! So wie ich mich über die Karte und die Farbe. Orange ist nämlich eine meiner absoluten Lieblingsfarben. In dem Moment, wo ich die Karte aus dem Kasten geholt habe, ist mir auch noch eine zweite entgegengefallen, die kriegt einen extra Eintrag.

Ich habe übrigens gar nicht damit gerechnet, dass ich jetzt auch noch weitere Karten kriege und es schon gar nicht erwartet. Die Tombola-Hauptgewinnkarten aus Gaganien verpflichten nämlich zu überhaupt nichts, sie sind gratis und nur zum Spaß gedacht. Das wäre mir eine schreckliche Vorstellung, dass jemand aus der zugesendeten Karte eine langweilige und lästige Verpflichtung ableitet, mir seinerseits eine Postkarte zu schicken. Wenn es aber natürlich ein Bedürfnis ist, ist mir so eine Karte schon durchaus willkommen und ich werde es immer in einem extra Eintrag würdigen. Alle anderen, die zu faul sind, können ruhig faul bleiben.

Mir macht das natürlich einerseits Freude, so eine Karte an mich herzuzeigen, aber andererseits ist es natürlich auch Arbeit und Stress! Die Karte muss eingescannt oder abfotografiert werden. Neuerdings bin ich auf die Idee gekommen, mich selber mit der frisch eingetrudelten Karte vor der Kamera zu präsentieren, eine ganz neue Sache: sich selber fotografieren! Da wollte ich auch mal mit tun und ein wenig experimentieren. Funktioniert sogar ohne Instagram, wie ich überrascht festelle. Ich dachte immer, so Selfies macht nur das Programm Instagram, aber es scheint auch mit anderen Geräten zu funktionieren. Ist das überhaupt ein Gerät, dieses Instagram? Weiß da wer was Genaues? Also ich merke, es ist spät und ich werde albern und fange an wirres Zeug zu reden. Ich beende diesen Eintrag, also diese Huldigung nun und widme mich dem Eintrag zur zweiten Karte mit Eingangsstempel 28. April.

27. April 2020

MAFKE? WELCHE MAFKE?

Ich mache ja einiges mit, aber nach jeweils ca. dreiminütigen Probetragen meiner beiden Masken aus dem Hause Auerbach, stellt sich kein komfortables Gefühl ein, aber eindeutig Hitzestau. Auch behagt mir das Gefühl von den strammen Gummibändern hinter den Ohren nicht. Ich kann derlei Modelle nicht empfehlen. Ich hoffe, ich fange nicht während der Fahrt zu husten an, nur weil unter der Maske die Luft knapp wird. Ich bin – toi toi toi – bei guter Gesundheit und habe womöglich längst diese Herdenimmunität.

Heute ist es nun also so weit. Da ich täglich mit der S-Bahn und auch U-Bahn von hier nach da fahre, betrifft es mich und ich werde mich der Anordnung erst mal fügen. Auf mich wartet zunächst eine 11-minütige S-Bahnfahrt. Ich plane, die Vermummung bei Einfahren der S-Bahn anzulegen und dann sofort nach dem Aussteigen, noch auf dem Bahnsteig wieder auszuziehen. Wenn hier jemand pingelig Abstände einhält, dann bin ich das. Für den maximalen Abstand verzichte ich auch fast täglich auf einen Sitzplatz. Kontrollen sind wohl nicht vorgesehen. Bin sehr gespannt, wie sich die Situation gestaltet. Morgens in der S-Bahn vermute ich eher disziplinierte Berufsverkehr-Fahrgäste.

Am frühen Abend in der U 9 und S-Bahn Richtung Berliner Süden dann eventuell auch noch. Wenn ich dann allerdings in den späteren Abendstunden in die gefürchtete U 8 steige, treffe ich mit Sicherheit auf das übliche langmütige U-8-Publikum aus Drogensüchtigen und sonstigen Abgestürzten, die herzhaft auf den Bahnsteig spucken und kotzen. Für derlei Zwecke wäre eine Maske doch arg hinderlich. Außerdem gibts zum Maskenpreis ein Piece oder Fluppen oder nen Sixpack. „MAFKE? WELCHE MAFKE?“

25. April 2020

Bevor ich dahin fahre, wo dieses Bild sich befindet, möchte ich mitteilen, dass es gestern wieder Frühlingstombola in Gaganien gab und welche Gewinner sich auf die abgebildete Postkarte freuen dürfen. Das gestrige Glückslos haben Doro, Georg, Imke, Inés, Jan, Miriam und Roger gezogen, die Karte könnte schon heute im Postkasten sein, ich hab sie gestern um 17.14 Uhr am Hardenbergplatz, direkt beim Bahnhof Zoologischer Garten eingeworfen. Auf der Karte ist ein Lieblingsbild der letzten beiden Jahre von mir zu sehen. Es heißt „In Memoriam David – Space Oddity“ und ist ca. 110 x 75 cm groß. Ich denke, man erkennt David Bowie ganz gut. Als ich es im Dezember 2018 und Januar 2019 gemacht habe und es fertig war, kam es mir vor wie das fehlende Grabmal von David Bowie. Deswegen wollte ich auch einen besonderen Rahmen dafür, so ein bißchen wie im Vatikan. Es ist mir heilig. Letztes Jahr zu meinem Geburtstag bin ich durch mein Atelier spaziert und habe ein paar Fotos gemacht, u. a. diese hier, wo man sieht, wo das gerahmte Bild in meinem Atelier steht. Aus einem der Fotos hab ich gestern die Postkarte gebastelt. Also nicht auf den Scanner aufgelegt, dafür wäre es zu groß. Ich hoffe, ihr freut euch über die Karte, ich fahr jetzt zu David. Schönen Samstag allen.

24. April 2020

Wie man auf den beiden ganz indiskret von mir hergezeigten Karten lesen kann, hat die Glücksfee von Gaganien eine Zusatzziehung gemacht, wo es ein kleines Büchlein zu gewinnen gab, und ich meine, das Los hat genau die Richtigen getroffen.

Ina, weil sie auch viele Gespräche mit ihrer über neunzigjährigen Mama führt, und Alban, weil er die gleichen jahrzehntelangen Sympathien wie ich für André Heller hat und das Thema einfach so ein schönes ist. Ich habe das Buch, das aus Gesprächen zwischen André Heller und seiner zu dem Zeitpunkt 102-jährigen Mama über ihr Leben und alles, was wirklich wichtig ist und war, besteht, selbst auch und werde es gleich als nächstes lesen. Schon der Titel ist einfach wunderbar. „Uhren gibt es nicht mehr“

Die beiden bemerkenswerten Postkarten sind diesmal keine eigenen Werke, wie man sich schon fast denken kann. Für Ina gibt es eine große Karte mit dem Gemälde „The Lady of the Ibis“ von Daria Pitrilli, einer römischen Illustratorin, und für Alban ein schönes altes Portrait von Schinkel in Neapel, gemalt von Franz Ludwig Catel, von 1824, das in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu bewundern ist und das ich gleich liebte, als ich es sah. Ich habe diese beiden Postsendungen gestern um 16:15 Uhr in den gelben Postkasten vor dem Hotel Savoy in Charlottenburg gesteckt und vielleicht sind sie heute schon da. Mit den allerbesten Wünschen.

23. April 2020

Meine lieben Postkartenfreunde und -freundinnen, das ist die Postkarte, die in der Frühlingstombola sieben mal als Hauptgewinn von mir verschickt wurde. Die Glücksfee hat diesmal Alban, Arboretum, Cosima, Duke, Jenny, Timo und Valerian ausgewählt. Ich habe darauf natürlich überhaupt keinen Einfluss, deswegen kann es auch schon mal passieren, dass jemand schon zum zweiten mal eine Karte gewonnen hat. Die anderen, die diesmal nicht dabei sind, sollen aber nicht traurig sein, weil die nächste Tombola schon vorbereitet wird und dann können ganz neue Gewinner dabei sein! Ihr merkt es bei der nächsten Glückslos-Ziehung daran, dass ich vielleicht ganz unverbindlich nach der Postanschrift frage. Also seid nicht traurig, wenn es diesmal nicht geklappt hat, schon bald gibt es neues Spiel und neues Glück!

Eure Gaga

22. April 2020

Heute fand ich eine Karte mit einer Skulptur von Camille Claudel in meinem Briefkasten, „La Valse“, auch „Les Valseurs“. In der genaueren Beschreibung lese ich, dass der Mann vollständig unbekleidet ist und die Frau eigentlich nur ein Tuch um die Hüften trägt. Ich habe das gar nicht sehen können, aber es passt zu meiner Wahrnehmung von einer unglaublichen Intimität und Hingabe, die gewiss nichts mit Walzern zu tun hat, die in der Öffentlichkeit stattfinden. Der Anblick ging mir so nah, dass ich, als ich die Karte in der Küche im Stehen genauer betrachtete, mich auf der Spüle aufstützen musste und kurz weinte. So schön. Zu schön.

Camille Claudel, La Valse, 1891 – 1905

22. April 2020

Gestern hat die Frühlingstombola von Gaganien stattgefunden und es wurden sieben Gewinner gezogen, die eine von mir persönlich handschriftlich adressierte neue Postkarte erhalten. Wen das Glückslos getroffen hat, seht ihr spätestens morgen in eurem Postkasten! Ich nenne dann morgen auch die Gewinner, damit die anderen nicht denken, dass der Briefträger geschlampt hat! Es wird auch weitere Tombolas geben, jeder bekommt eine Schangse!

21. April 2020

Gaga Nielsen, „GOTT – Wenn Dreiecke einen Gott hätten, hätte er drei Ecken.“ Acryl, Textmarker, Papier auf Bandana, 22 x 31 cm

Wieder ein ungeplantes Zufallswerk, das tadellos auf den Scanner passt. Es ist einwandfrei ein Abbild von Gott, wie ich ihn mir vorstelle. Das habe ich aber erst bemerkt, als das Bild schon fertig war, so geht es mir meistens. Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich da mache. Normalerweise male ich ja viel größere Bilder, aber der kleine Gott wollte auch auf die Welt. Und das begab sich so.

Am Sonntag, also vorgestern, war ich irgendwie verkatert, jedenfalls fühlte es sich so an (dabei hatte ich gar nicht über Gebühr getrunken) und hatte so gar keine Lust in meine Werkstatt zu fahren. Ich schlief bis um drei am Nachmittag, da konnte ich dann immerhin aufstehen, duschen und mich anziehen und zurechtmachen, aber ich war dann doch nicht in der Stimmung mich auf den Weg zu machen.

In der Wohnung gibt es ja auch immer was zu tun, und ich rahmte ein paar kleinere Bilder neu und hing sie um. Dabei fiel mir so ein eher unattraktiver Metallrahmen für A 4-Format in die Hände, den ich so nicht verwende. So ein Standard-Bilderrahmen hat ja eine Papprückwand und ist ein stabiler Untergrund, wenn man so will. Nun hatte ich die Idee, das kleine Teil mit Stoff zu überziehen, um es als Mini-Leinwand zu verwenden.

Nun war aber guter Rat teuer. Ich habe keine Stoffreste. Stoffservietten, die sich dafür auch gut eignen, hatte ich schon mal verarbeitet. Das einzige Stückchen Stoff, das mir in den Sinn kam, war ein kleines blaues quadratisches Hals-Tüchlein, auch Bandana genannt. mit so kleinen weißen Ornamenten und Kringeln, das ich noch nie getragen habe, ich glaube es war mal bei einer Veranstaltung zur Deko in einem Brotkorb, jedenfalls habe ich es nicht gekauft. Klebstoff hatte ich auch und klebte das blaue Bandana-Tüchlein über den Rahmen.

Eigentlich wolte ich es dann in die Ecke packen und das nächste mal mit in meine Werkstatt nehmen, um es gnadenlos weiß zu grundieren und dann irgendwas darauf zu malen. Aber das kleine Ding wollte woanders hin.

Ich schaute den ganzen Nachmittag und Abend Filmdokus über Picasso, da gibt es schöne Sachen auf youtube. Nebenher wollte ich mich aber doch noch irgendwie beschäftigen und ich sortierte meine übrigen Postkarten und fand einen kleinen Ausdruck von einem großen Bild, das ich vor siebzehn Jahren mal auf Leinwand gemalt habe.

Der Ausdruck hatte ein paar Knicke und Risse im Papier und ich schnitt nur das mittlere Objekt mit der Nagelschere aus. Es war Orange und Blau. Ich legte es mitten auf die blau bespannte Minileinwand und es passte irgendwie ganz gut zusammen. Nur die verspielten weißen Ornamente störten mich etwas. Ich holte einen türkisblauen Textmarker und färbte die ganzen weißen Kringel um, das gefiel mir schon viel besser.

Mit einem alten weißen Lackmalstift, der fast keine Farbe mehr hatte, malte ich ein paar Strahlen, immer an den kleinen Arabesken vorbei. Dann kam ich nicht mehr weiter, weil mir Farbe fehlte. Ich habe nur ein paar Textmarker und Faserschreiber in meiner Wohnung, keine Farben zum Malen.

Ich schaute noch mal in meiner kleinen Kiste, wo auch Tesafilm und Kleber ist. Und da war zufällig ein Mini-Rest goldene Acrylfarbe, die ich mal mit in die Wohnung genommen habe, um eine abgestoßende Stelle an einem Rahmen auszubessern. Im Deckel war ein dicker Pinsel, wie man das von Nagellackfläschchen kennt. Eigentlich wollte ich gar kein Gold verwenden, aber es war die einzige Farbe, die ich nun gerade griffbereit hatte, und Nagellack wäre noch unpassender gewesen. Ich konnte einfach nicht warten, bis ich wieder in meiner Werkstatt bin, ich musste pinseln! Eine höhere Macht zwang mich dazu!

Ich schaute dabei die super Doku „Picasso – Kunst als politische Waffe“ und malte unter Zwang goldene Vierecke. Als ich noch Dreiecke malen wollte, war nach einem die Farbe alle und der Film war aus.

Also musste ich mich in mein Schicksal fügen und schlafen gehen, obwohl das unbeabsichtigte Zufallsbild nicht fertig war. Aber nun wusste ich, wo es hinwill. Am nächsten Tag habe ich es mit in meine Werkstatt genommen und die Dreiecke fertig gemalt. Und die übrigen etwas lästigen Girlanden, die man noch gesehen hat, mit schöner blauer Farbe übermalt.

Ich fand es dann doch ein bißchen magisch und sah ein, dass man manchmal einfach nicht seinen Willen durchsetzen kann, wenn so ein Bild meint, es will goldene Drei- und Vierecke haben. Vielleicht ist es ein bißchen kitschig, aber der Kontrast von Orange und Blau mit dem Gold hat schon was. Und wer bin ich, mich dem Willen von Gott zu widersetzen.

Ich glaube, das könnte auch wieder eine kleine Postkarte abgeben. Ich denke, ich kaufe heute Nachmittag ein paar Briefmarken. Die Empfänger werden diesmal nach einem streng geheimen Losverfahren ausgewählt.

18. April 2020

Liebes Tagebuch,

vorgestern habe ich zehn Postkarten gebastelt und verschickt. Ich hatte noch Briefmarken und das Porto hat für zehn Karten gereicht. Ich hatte Lust, einen Frühlingsgruß zu verschicken, aber nicht nur an eine einzige Freundin, sondern an alle, die mir in den letzten Monaten auch einmal eine schöne Karte geschickt haben. Meine Eltern haben auch eine bekommen. Wegen der Gleichbehandlung haben alle (außer meine Eltern) dieselben Zeilen bekommen, aber die Anrede und die Postanschrift habe ich höchstpersönlich von Hand geschrieben. Ich hoffe, dass niemand beleidigt ist, dass ich noch neun anderen Freunden genau dasselbe geschrieben habe. Es kommt auf allen Karten von Herzen, ohne Ausnahme! Ich hätte natürlich gerne noch mehr Karten verschickt, aber die Bastelei ist doch anstrengend und ich wollte keine Briefmarken dazukaufen (ich muß auch wirtschaften!). Man kann es ja auch von der Warte betrachten, dass man privilegiert ist, wenn man eine der Karten im Briefkasten hat, da es sich um eine streng limitierte Auflage von zehn Stück handelt. Ich hoffe, die Karten sind angekommen und haben ein bißchen Freude bereitet.

17. April 2020

Manche Sätze, Gedanken bleiben auch noch lange nach der Lektüre hängen. Aber viele sind es nicht. Diese Zeilen des sehr erfolgreichen Hoteliers Carsten K. Rath unbedingt:

„Die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und ihre Bedürfnisse zu erkennen, ist ein entscheidenes Merkmal echter Service-Persönlichkeiten. Sie ist die Grundvoraussetzung, um Gäste zu begeistern, und die Basis für eine persönliche, herzliche Beziehung. Herzlichkeit ist nicht unprofessionell, sondern Trumpf. Professionalität ohne Herzlichkeit ist Arroganz.“

Carsten R. Rath, „Sex bitte nur in der Suite – aus dem Leben eines Grand Hoteliers

Gerne gelesen, erstaunlicher internationaler Werdegang durch die absolute Oberliga von fünf Sterne-Hotels. Er hat u. a. das Berliner Adlon auf die Eröffnung vorbereitet. Heute betreibt er eigene Hotels, machen einen guten Eindruck.

17. April 2020

Gestern erhielt ich überraschend eine weitere farbige Postkarte mit der Abbildung eines Gemäldes aus dem Jahre 1909 von der Malerin Gabriele Münter, betitelt „Allee vor Berg“. Man sieht Berge, einen Weg und Bäume. Ich transkribiere die Mitteilung in Computerschrift:

„14. April 2020

Liebste Gaga,

überhaupt wird meiner Mei-
nung nach die Bedeutung von
Bäumen für die Kunstge-
schichte unterschätzt. Höchste
Zeit, sie mal mit einer eigenen
Ausstellung zu würdigen. Die
Auswahl an großartigen Werken
ist immens.

Herzlichst

(zensiert)

P.S. Wußte gleich, diese Karte soll zu Dir.“

Da denkt doch jemand mit! Das nenne ich aufmerksam. Wie oft leide ich unter mangelnder Aufmerksamkeit! Gäbe es nicht diese kleinen Silberstreifen am Horizont, ich wüsste mir nicht mehr aus noch ein. Ich freue mich immer ganz außerordentlich, wenn mir jemand eine Karte schickt, noch dazu, wenn sich jemand etwas beim Motiv zu mir gedacht hat. Das ist ein schönes Gefühl.

Die Berge auf dem Postkartenbild erinnern mich an Island, wo es wirklich vulkanische Berge gibt, die so ausschauen. Aber es geht ja eigentlich um Bäume. Wo ich auch gerade ein bis zwei Bäume gemalt habe, interessiert mich das Thema unbedingt, auch wenn ich nicht die erste Sammlerin von Gabriele Münter bin, ich respektiere ihr Schaffen und Werk und habe mit der Karte wieder ein neues Werk (in Privatbesitz) kennen gelernt.

Interessanterweise hatte ich gerade, bevor ich die Karte aus dem Postkasten fischte, beschlossen, mich bei einigen Postkartenfreundinnen und -freunden, die mir in den letzten Monaten auch einmal geschrieben hatten, zu revanchieren, indem ich auch einmal wieder etwas schicke. Das habe ich heute in die Wege geleitet. Ich hoffe, ich kann damit so viel Freude auslösen, wie mir die mir zugeschickten Karten bereiten.

15. April 2020

Pablo Picasso, “Nature morte à la bouteille, à la sole et à l’aiguière” 1946.

Mein Altarbild. 120 x 250 cm. Ripolin-Farbe und Graphit auf Faserzementtafel. Ich hätte dann auch gerne so eine kleine, weiß gekalkte Kapelle in meinem Ausstellungstempel, und dort wäre dieses Bild. Man kann Andacht halten, noch mehr als in den anderen Schatzkammern meiner Ausstellung. Pablo ist schon Elvis, da gibt es nichts zu deuten.

Was ich auch sehr an ihm mochte, ist sein klares Urteil über seine missratenen Ergebnisse, ohne Koketterie. Er hat richtig schlimme Bilder gemacht, er war eben sehr fleißig, da hat man auch mal einen schlechten Tag oder vertut sich.

Aber das hier ist vom Allerfeinsten, eine Sternstunde. Hätte ich unendlich gerne um mich. Er begleitet mich nun fast vierzig Jahre, und immer wieder hat er mich stark beschäftigt. Von keinem Künstler habe ich mehr Bilder real gesehen. Im wunderbaren Picasso-Museum in Paris war ich auch so sehr angetan von seinen Keramiken und seiner eigenen Gemäldesammlung, die eine ganze Etage einnimmt.

Ich kann die Ausstellungen nicht mehr zählen, die ich von seinen Werken sehen durfte. Überall atemberaubende Highlights, immer diese verspielte Urkraft, dazwischen auch Mittelmäßiges, aber im Kontext interessant. In meiner Wohnung gibt es so viele Picasso-Spuren und auch Fotografien von ihm, dass ich mit ihm lebe, wie mit einem Familienmitglied. Der einzige Verwandte unter meinem Dach sozusagen.

Ich lese gerade eine mit Fotos bebilderte Erinnerungsfibel von der Kunstsammlerin Angela Rosengart. Das Büchlein heißt: „Besuche bei Picasso“, von 1973, ist ganz vergilbt und nur antiquarisch erhältlich. Er hat sie auch gemalt, sie lernte Picasso gemeinsam mit ihrem Vater Siegfried Rosengart, einem renommierten Schweizer Kunstsammler- und händler kennen und sie befreundeten sich und trafen sich von da an immer im Oktober in Vallauris. In diesem Gespräch erzählt sie auch von ihrem Werdegang und ihren Begegnungen mit Picasso. Sehr sehenswert.

14. April 2020

Hier sehen wir ein spätes Kinderbild von Gaga Nielsen. Ich habe in den letzten Tagen ja wieder fleißig gewerkelt, dabei ist mir zum ersten mal seit meiner Schulzeit ein Bild auf stinknormalem DIN A 3 Papier unterlaufen, das ich eigentlich nur wie Küchenpapier benutzt habe, um Farbüberschuss von einem anderen, ‚richtigen‘ Bild abzutupfen. Irgendwie hat der Abdruck zufällig wie ein Baum ausgesehen und dann war es mir zu schade zum Wegschmeißen und ich hab den Baum noch ein bißchen weiter ausgemalt und die Flecken drumherum mit weißem Kreidemalstift überdeckt. Reduce to the max! Da es DIN A 3 ist, kann man es auch mal auf die Schnelle einscannen, ich habe ja derzeit keine Lust, meine Bilder zu fotografieren, weil es auch einfach viel Aufwand ist, bei den Ansprüchen, die ich habe.

Typisch für den Gaga Nielsen-Stil ist auf jeden Fall immer eine ordentliche, saubere Silhouette, nicht so ein ausgefranstes Gefussel, wie man das andernorts sieht! Ordnung muss sein, bin ja schließlich Jungfrau! Nachdem die überschüssige Farbe vor allem Grün war, sind die Bilder, an denen ich sonst gearbeitet habe, die schon größenmäßig nur auf einen Reproduktionsscanner passen würden, in zwei Fällen auch sehr grün. Das eine hat einen vibrierenden Kontrast mit Pink. Elektrisierend! Der Frühlingsbaum hier dürfte so ziemlich das schlichteste Bild sein, das ich in den letzten Jahren gemacht habe. Oder vielleicht jemals. Aber man kann was erkennen! Wenn man einen Bewegungsablauf macht, den man Jahre nicht gemacht hat, wie zum Beispiel mit so einer Wasserfarbenpalette aus dem Supermarkt auf einfaches weißes Papier zu malen, wie in der Schulzeit, fühlt man sich auch ein bißchen wie ein Schulkind. Ich war also vorgestern, als ich den Baum gemalt habe, ungefähr 11 Jahre alt.

14. Februar 2020

August Macke, Kairouan I, 1914

Ich muss gestehen, mir ist jetzt erst bei der Lektüre von Mackes Wikipedia-Eintrag bewusst geworden, dass er nur 27 wurde und im ersten Weltkrieg 1914 (dem Jahr, in dem er die Kairouan-Reihe malte) „fiel“, wie man es immer so merkwürdig abgeschwächt nannte, wenn ein Soldat im Krieg einem tödlichen Schuss der gegnerischen Truppen zum Opfer fiel. Ja fiel. Zum Opfer fiel. Das ergibt für mich plötzlich einen ganz anderen, dramatisch verschärften Kontrast zu seinem weltberühmten Lebenswerk, das in nur zehn Jahren entstanden ist (Parallele zu Van Gogh übrigens), diesen vor Leben und Lebenslust strotzenden Gemälden, feinsinnig, atmosphärisch dicht, hingebungsvoll. Die Tunisreise habe ich als Bildband, die Motive dieser Reise fingen mich schon als sehr junge Frau ein. Dieses Licht aus Nordafrika, das Gleißen, die reduzierte, kubistische Architektur…

Kairouan I ist mir auch als Kalenderblatt zugeflogen, ebenso wie van Goghs Ebene bei Auvers. Merkwürdig, da kauft irgendjemand einen Kalender mit schön gedruckten Bildern und dann ist das Jahr passé und der ganze Kalender landet im Papierkorb oder angelehnt daneben… Banausen! Ich kaufe gar nicht erst Kalender, weil ich das Datum bei Bedarf von Displays ablese und für längerfristige Planungen würde ich mich auch nicht vor einen Bildkalender stellen und hin und herblättern. Das ist doch unpraktisch! Auch finde ich nicht, dass ein Bildmotiv durch Zahlen unterhalb des Bildrandes aufgewertet wird. Gut, das kann jeder halten, wie er will.

Immerhin ist mir auf diesem Weg gratis Kairouan I in die Hände geflattert. Ich fand passenderweise sogar ganz in der Nähe des ausrangierten Kalenderblattes ein Bild mit einer Industrie-Fotografie, auf Spanplatte aufgeleimt. Das Schicksal wollte es, dass das Kairouan I-Format wie angegossen auf die Spanplatte mit dem uninteressanten Foto passte und ich holte den Klebestift und schritt zur Tat. Seither lehnt es an einer der Wände, die meinen Schreibtisch umgeben. Es ist im Lauf der Jahre etwas verblasst, aber das steht dem Motiv sehr gut. Als wäre der Sonnenwind der nordafrikanischen Wüste darübergeweht.

Auch dieses Aquarell befindet sich im Original in der Sammlung der Pinakothek. Macke ist selten auf dem Markt und wenn dann natürlich im Millionenbereich, wie alle Superstars.

14. April 2020

Otto Mueller, Akt auf dem Sofa liegend, 1920

Auch ein Bild, das ich herzen möchte. Von Mueller hab ich ja schon eins in meiner Traumsammlung, die „Drei Frauen im Spiegel“, auch schon gezeigt. Ich weiß auch noch zwei weitere, die mich sehr anziehen.

Geld spielt ja keine Rolle, daher kann ich auch noch ein paar größere Kaliber in meine Sammlung nehmen. So ein Scheich aus den Arabischen Emiraten guckt auch nicht erst ins Portemonnaie oder auf den Kontoauszug, wenn er sich für ein Bild entscheidet und inkongnito per Unterhändler via Telephonschaltung mitbieten lässt.

Das wäre ja auch unwürdig, wenn es um große Kunst geht. Dass man den Zuschlag kriegt, darauf kommt es an! Also ich halte mit. Ohne Wenn und Aber! Das Bild würde auch sehr schön in mein Schlafzimmer passen. Mueller lag zuletzt so um zwei Millionen Euro, wie ich mich erinnere.

14. April 2020

Vincent van Gogh, Ebene bei Auvers, 1890, Neue Pinakothek

Ich verbinde eine persönliche Geschichte mit dem Bild. Eigentlich war und bin ich nicht die größte Verehrerin von Vincent van Gogh, mir ist das Gestrichel oft zu dominant und auch in diesem Bild hätte ich es im oberen Bereich beim Himmel gerne etwas reduziert.

Aber dennoch habe ich das Bild sofort sehr gemocht, es hat mich hineingezogen, als ich es zufällig in einem ausrangierten, abgelaufenen Wandkalender entdeckte, der neben einem Papierkorb lehnte. Ich riss es aus dem Kalender, die übrigen Motive interessierten mich nicht.

In Blickrichtung von meinem Schreibtisch brachte ich es an, vorher hatte ich natürlich den unteren Streifen mit der Monatsangabe und den Tagen abgeschnitten, so dass es einfach wie ein ganz brauchbarer Druck auf festerem Papier wirkte. So begleitete es mich viele Jahre, ich zog mit meinem Schreibtisch um und hatte dann keinen Platz mehr dafür, weil ich andere Bilder, eigene aufhing.

Beim Ausmisten fiel es mir in die Hände, es war inzwischen in einem Schrank gelandet, zum Wegschmeißen war es mir aber auch zu schade, ich nahm es in meine Wohnung und fand zufällig auch einen genau passenden weißen Rahmen dafür, und stellte es eher beläufig hin.

Im Mai 2010 unternahm ich mit Georg eine besondere Reise auf den Spuren von Friedrich Rückert und auch auf den Spuren von Georgs Kindheit in der Nähe von Würzburg. Wir besuchten Gerbrunn, wo er als kleiner Junge wohnte. Die Sonne schien und der Raps blühte, er zeigte mir den Lieblingsspielplatz seiner Kindheit, wo er mit seinen Freunden Drachen steigen ließ und Indianer spielte.

Es war eine Anhöhe, die wir nach oben gingen, von der aus man einen weiten Blick ins Land, auf Felder und Raps hatte. Mir war, als hätte ich diesen Anblick schon einmal gesehen. Ich wusste aber nicht woher.

Als ich von der Reise zurück nach Hause kam, fiel mein Blick auf das alte gerettete Kalenderbild mit dem Bild der Ebene von Auvers von Vincent van Gogh. Ich war geradezu erschüttert. Es sah genau aus, wie der Blick von der Anhöhe auf die Felder, auch das Rapsfeld war da. Ich hatte eine Gänsehaut. Was für ein Déjà Vu. Ich habe das alte Kalenderbild immer noch und halte es seither in Ehren.

13. April 2020

Judy Watson Napangardi – Mina Mina Jukurrpa 2005, 152 x 122 cm

„Judy Napangardi Watson (circa 1925 – 2016) was an Indigenous Australian, senior female painter from the Yuendumu community in the Northern Territory, Australia. Well known for the distinctive style of painting that she developed alongside her sister Maggie Watson who taught her painting skills, she was a significant contributor to contemporary Indigenous Australian art.“

Was eher nur australische Einwohner und Kunstkenner und Museumsbesucher wissen werden ist, dass Judy Watson Napangardi zu Lebzeiten schon so erfolgreich war, dass man sagen könnte, was Klimt für das Abendland ist, ist Judy für Australien. Sie ließ sich parallel von mehreren hochkarätigen Galeristen vertreten, hängt in allen Nationalgalerien des australischen Kontinents und ihre Motive werden auf Kaffeetassen und andere Souvenirs gedruckt. Sie malte überwiegend großformatige Bilder. Eines der größten, 193 x 367 cm mit dem Titel „Womens Dreaming“ erzielte bei einer Auktion fast zweihundertdreißigtausend australische Dollar.

Ich habe ein Foto gesehen, wo man sie beim Malen sieht, sie sitzt am Boden AUF dem Bild und bearbeitet die Mitte. Entweder war es eine große Spanplatte oder eine Leinwand, die noch nicht aufgespannt war. Ich male auch auf dem Boden, aber auf dem Bild bin ich dabei noch nicht gesessen. Eine Staffelei wäre keine gute Geschenkidee für mich, ich hätte überhaupt keine Verwendung dafür. Auf eine senkrechte Fläche zu malen ist einfach ein anderer Bewegungsablauf, der mir nicht zusagt und auch das Verhalten der aufgetragenen Farbe, sofern flüssiger, nicht in meinem Sinne beeinflusst.

Aboriginee Art ist in den letzten Jahren sehr populär geworden, es gibt wahnsinnig viele Künstler, die das in Australien anbieten und auch gut verkaufen. Viele machen auch schöne Tiermotive, kennt man ja. Von allen Bildern, die ich gesehen habe, auch unter denen von Judy, mochte ich dieses hier am liebsten. Ich würde es mir sofort in meinen privaten Räumen aufhängen. Für so einen schönen Anblick findet sich immer ein Platz, oder man schafft ihn eben.

Wenn ich all diese phantastisch schönen Bilder, die ich bislang gezeigt habe, wirklich hätte, wäre ich ja sowieso finanziell so aufgestellt, dass ich auch die entsprechenden Räumlichkeiten hätte, um jedes Bild in einem eigenen Raum zu präsentieren. So stelle ich mir das vor. Ich würde dann das Interieur auf das Bild abgestimmt auswählen. Ein passender Teppich, ein schöner Sessel, der mit den Farben des Bildes korrespondiert. Ich möchte eigentlich immer, dass sich das gemalte Bild in den Raum fortsetzt, dass man darin lebt, sobald man den Raum betritt. Ich wäre eine ganz hervorragende Ausstellungsarchitektin und Kuratorin und Galeristin oder Museumsdirektorin. Es wäre ein Traum…

12. April 2020

Max Pfeiffer Watenphul, Landschaft bei Positano 1954

Nach Neapel geht es nach Positano. Auch dieses schöne Aquarell von einer Ansicht in Positano befindet sich seit vielen Jahren in meinem Besitz – als …äh Postkarte. Immerhin schön gerahmt mit einem elfenbeinfarbenen Passepartout. Wie kommt der Maler zu so einem komplizierten Namen… ich kann ihn mir einfach nicht merken. Pinien mag ich sehr.

Max Pfeiffer Watenphul ist wie ich am ersten September geboren, aber 69 Jahre vor mir. In den Fünfziger Jahren zog er nach Rom, wo er 1976 starb. Seine Wegbegleiter sind dermaßen berühmt und auch er hatte einigen Erfolg, dass man sich fragt, wieso einem der Name nicht geläufiger ist. Alfred Flechtheim war sein Galerist, mit Peggy Guggenheim war er auf Du und Du. Schon der Werdegang… ich zitiere aus Wikipedia:

„(…) 1919 wurde Max Peiffer Watenphul Schüler am Bauhaus in Weimar. Von Walter Gropius erhielt er die Erlaubnis, in allen Werkstätten zu hospitieren. Er bekam ein eigenes Atelier und besuchte den Vorkurs von Johannes Itten. In diese Zeit fällt der Beginn der Freundschaft mit Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Gerhard Marcks, Josef Albers, Paul Klee, Kurt Schwitters und Else Lasker-Schüler. Bis Ende 1923 hatte Peiffer Watenphul seinen Wohnsitz in Weimar. Ab 1920 war er Mitglied im Künstlerbund „Das Junge Rheinland“ in Düsseldorf, befreundet mit Otto Dix, der ihn porträtierte, Werner Gilles, Otto Pankok und Max Ernst.“

usw. usf. Also ein Schüler von Itten (der mit dem Farbkreis) Eine ganz schicke Website hat er auch. Preislich bewegen sich seine Werke zwischen zwei- und fünfunddreißigtausend Euro. Eigentlich erschwinglich (ich bin ja nun inzwischen andere Preise gewohnt).

11. April 2020

Carl Gustav Carus, Balkon in Neapel 1829 – 1830

Alban Nikolai Herbst gewidmet, der Neapel so sehr liebt, und nun nicht dort sein kann. Dafür zeigt Berlin in diesen Ostertagen neapolitanisch warme Sonnenstrahlen. Und in diesem kleinen Bild ist ein Saiteninstrument zu sehen, auch deswegen widme ich es Alban. Dieses Bild, das ich als Postkarte um mich habe, hängt im Original in der Alten Nationalgalerie in Berlin, die, wie alle Museen auf der Welt geschlossen ist. Das kleine Leinwandbild ist minimal größer als DIN A 4, und natürlich prächtig gerahmt, wie es sich gehört. In der Dokumentation der Alten Nationalgalerie findet sich dazu die folgende Beschreibung von Birgit Verwiebe:

„Während seiner Italienaufenthalte genoß Carus die Schönheiten des Südens mit seiner »ganzen feenhaften Erscheinung von Meer und Feuerbergen, Zitronen- und Orangenwäldern, Staub- und Menschenwogen« (C. G. Carus, Denkwürdigkeiten aus Europa, Hamburg 1963, S. 314). Zugleich betrieb er naturwissenschaftliche Studien über Fauna, Flora und Geologie der Region. In dieser Komplexität von Weltwahrnehmung und Weltanschauung lag ein Grundmotiv seines Strebens.

Die zweite Italienreise, die Carus im Jahre 1828 als Begleiter des Prinzen Friedrich August von Sachsen unternahm, führte ihn am 4. Mai desselben Jahres nach Neapel, wo er sein Quartier im Casino Reale an der Via Chiatamone bezog: »Ein alter reichgekleideter, deutscher Haushofmeister führt jeden in die bereiteten Zimmer. Mit nicht geringer Spannung erwarte ich mein Los! Endlich geleitet er mich hinauf, ich trete ein, und vor mir liegt Vesuv, Meer, Kastell und blaue Ferne!« (ebd., S. 298). Mit leuchtenden Farbklängen hat Carus in diesem Gemälde die Eindrücke seines Neapler Aufenthaltes festgehalten. 1830 war das Bild als »Erinnerung an Neapel« in Dresden ausgestellt. Das Zimmer gewährt einen Ausblick auf die vom Sonnenlicht golden umglänzte Hafenbucht mit Booten und dem Castel dell’Ovo, dahinter in zartem Blau die Insel Ischia. Die im Türrahmen des Balkonzimmers lehnende Gitarre deutet auf den Gesang der Fischer, der abends im Hafen erklingt. Mit dem Fensterausblick griff Carus ein romantisches Sehnsuchtsmotiv auf: Der Nähe des Vordergrundes ist die Aussicht in die Ferne, ins Weite gegenübergestellt“

Ich mag Bilder mit Fensterausblicken sehr. Ich fahre nun wieder in mein Atelier und werkle zwischen Sonne und Halbschatten. Vorher noch zur Bio Company, Sahne kaufen. Und guten Wein.

10. April 2020

ROGER-MUHL GRAND-PIN

Ich bleibe in Südfrankreich, mit einem Bild von einer großen Pinie an der Côte d’Azur. Roger Mühl (1929 – 2008), Paysage au grand pin. Öl auf Leinwand, 100 x 110 cm. Roger Mühl oder Muhl, wie er international geschrieben wird, war deutsch-französischer Herkunft und lebte und malte den größten Teil seines Lebens in der Provence, deren Küste und Landschaften seine Hauptmotive waren. Ein Streifzug durch seine Bilder ist wie ein Urlaubstag. Sein virtuos flächiger Stil mit leuchtenden, jedoch überaus subtilen Farbabstufungen ist total auf meiner Wellenlänge. Die Bilder liegen preislich im vier- bis fünfstelligen Bereich, bis zu fünfundzwanzigtausend Euro. Überwiegend von Christie’s und Sotheby’s versteigert. Habt einen angenehmen Tag, in Berlin ist gleißende Sonne. Ich fahre jetzt in mein Atelier und arbeite mit offener Balkontür.

09. April 2020

René Genis, Les olives 1984

René Genis war ein französischer Maler und lebte von 1922 bis 2004. Seine Bilder sind vor allem in französischen Sammlungen und Museen zu finden. Ich entdeckte ihn zufällig, er hat keinen deutschen Wikipediaeintrag, nur einen französischen und ist bei artnet verzeichnet. Er malte vorwiegend Stilleben und Landschaften und muss eine grenzenlose Liebe zu Blumen gehabt haben. Wenn man seinen Namen in Verbindung mit „fleurs“ eingibt, zeigen sich unendlich viele Gemälde von ihm, auf denen er Blumensträuße verewigt hat. Mit einem ganz besonders feinen Sinn für Farbe und Licht und auch den Hintergrund. Er wäre sicher auch ein guter Stylist geworden. Sehr souverän, wie er mit Farbkombinationen arbeitet. Klare, beinah grafische Flächen, alle Details beachtend. Sehr virtuos in seinem Lieblingsgenre. Und die Landschaften haben besondere Helle und Weite.

Seine Werke sind gar nicht teuer, ich sollte mich ernsthaft erkundigen, was gerade zum Verkauf auf dem Markt ist. Die Preisspanne beginnt schon bei ein paar Hundert Euro, das bislang teuerste Bild von ihm wurde für ca. 6.300 Euro versteigert. In Relation zu meinen bisher gezeigten Lieblingsbildern fast schon geschenkt. Diese von ihm gemalten Blütenrispen in einer Vase finde ich einfach zauberhaft. Der Dichter Ralph Waldo Emerson schrieb: “The earth laughs in flowers.”„Blumen sind das Lachen der Erde“

09. April 2020

Itten Komposition orange grün 1957

Johannes Itten, Komposition in Orange und Blaugrün, 1957

Der am Bauhaus lehrende Itten hat diesen berühmten Farbkreis entwickelt, den wir wohl alle als Schulkinder malen mussten. Oder durften. Mir kam das entgegen, da ich sowieso gerne malte und auch immer sehr konzentriert und genau, ein unkontrolliertes Gekleckere oder Geklekse über den Rand gab es bei der kleinen Gaga nicht. Das ostereierbunte Aquarellbild, das mir sehr gut gefällt, wurde 2010 von Sotheby’s, zum Preis von 41.250 CHF versteigert, das sind ungefähr 39.000 Euro. Es ist eher klein, 27 x 37 cm. Eine Größe zwischen DIN A 3 und DIN A 4. Dafür würde ich bestimmt auch noch ein Plätzchen finden.

09. April 2020


Lee Krasner „Milkweed“, 1955.
Oil, paper and canvas collage on canvas, 213 x 150 cm

Gerade ein Zitat bei Lydia gelesen „Kunst ist dazu da, die Wirklichkeit zu verhindern…“ (Heiner Müller). Finde ich wunderbar. Obwohl es noch wunderbarer wäre, wenn Kunst unsere Wirklichkeit würde. Im Sinne des großartigen Ideals der Navajo, die das (was ich meine oder mir ersehne) „To Walk in Beauty“ nennen. Als ich vor sechzehn Jahren eine Weile bei der Navajo Nation in Utah und Arizona verbrachte, habe ich aus nächster Nähe erfahren, was das im Alltag bedeutet. Andere erfahren das als Zen beim Bogenschießen oder Gemüseschnippeln. Es ist ein liebender Blick auf die Welt, jedes Wesen, jede Bewegung, jeden Augenblick. Wille zur Anmut.

In einem alten Interview auf youtube erzählt Lee Krasner, wie sie ihre Bilder angeht. Ich dachte, ich traue meine Ohren nicht. Sie hat exakt dasselbe beschrieben, wie ich es mitunter schon zu erklären versuchte. Das war so deckungsgleich – in der Ausprägung habe ich das noch nie vorher von einem anderen Maler gehört, obwohl es sehr freie Maler immer schon so praktizieren.

Man befindet sich vor einer neuen Leinwand. Oder einem anderen Materialträger. Dann stellt sich ein vorrangiger Impuls ein, der zu einer bestimmten Farbe oder einem bestimmten Material drängt. Das ist die erste Entscheidung. Dann der erste Farbauftrag, die erste Linie, Silhouette. Ein starker Impuls, dem man nachgibt, dem man sich fügt. Nach einer Weile stellt sich die Richtung ein, wohin es will, dieses Bild, das man vor sich hat. Man fällt dann viele weitere Entscheidungen, aber die kennt man erst in dem Moment, wo sie fallen. Man fügt sich dem Diktat, dem Gebot der Stunde und ergibt sich einer großen Welle. Und an guten Tagen wird es ein großes Konzert.

08. April 2020

Choucair Two-One 47-51

Saloua Raouda Choucair „Two=One“, 1947 – 1951. Ich habe tatsächlich seit gestern nach einer weiteren Malerin gesucht, der ein Bild unterlaufen ist, das ich gerne dauerhaft um mich hätte. Das war gar nicht einfach. Und dann stieß ich auf die libanesische Malerin Saloua Raouda Choucair, die im Jahr 2013 von der Tate Modern in London mit einer Retrospektive gewürdigt wurde.

Noch nie vorher von ihr etwas gesehen oder gehört. Geboren 1916, gestorben 2017. Fernand Léger unterrichtete sie in Paris. Ein sehr eigener Stil, den ich in jedem Detail verstehe, nachempfinden kann. Mehr will ich gar nicht dazu sagen. Es gibt eine stilistische Parallele zu einer anderen von mir geschätzten Künstlerin, Mary Bauermeister. Sie hat eine Serie von genähten Bildern aus alten, geflickten Fragmenten von Leintüchern gemacht, die aber Gegenlicht brauchen, um ihren Zauber zu entfalten. Vielleicht poste ich das auch noch. Ganz großartig. Man müsste sie vor eine Scheibe mit Sonnenlichteinfall hängen.

Aber dieser Eintrag hier soll Saloua Raouda Choucair gewidmet sein. Amen. Inshallah. Und gute Nacht aus Berlin. Morgen mehr (ich habe noch einige Schätze).

07. April 2020

Lee Krasner, „Desert Moon“, 1955. Das Bild war für mich Liebe auf den ersten Blick. Für diejenigen, die mit dem Namen Lee Krasner nicht auf Anhieb vertraut sind, zitiere ich aus Wikipedia (man kann nicht alles und jeden kennen, zumal, wenn man nicht selbst malt oder Kunst oder Kunstgeschichte studiert hat, nicht jedes Orchideenstudium gehört zur Allgemeinbildung):

„Lee Krasner (* 27. Oktober 1908 in Brooklyn, New York; † 19. Juni 1984 in New York; eigentlich Lena Krassner) war eine US-amerikanische Malerin und Collage-Künstlerin. Krasner war mit dem Action-Painting-Maler Jackson Pollock verheiratet. Obwohl ihr Werk weniger umfangreich ist, zählte sie neben Helen Frankenthaler, Elaine de Kooning und Joan Mitchell zu den einflussreichsten Künstlerinnen des abstrakten Expressionismus der ersten Generation in den USA.“

Ich wette, Jackson Pollock hat jeder schon mal gehört, hochberühmt, hochpreisig, absolute Oberliga, was Anerkennung anbelangt. Seine Frau Lee Krasner, mit der er auch ein gemeinsames Atelier hatte, war auch sehr erfolgreich, aber nicht ganz so überbordend gefeiert wie er. Von ihm finde ich nur schwer ein Bild, das mir etwas gibt. Alles zu Kraut und Rüben für meinen Geschmack, das Auge findet keinen Fokus, wie gemuschelte Auslegware aus den späten Achtzigern.

Ich kenne und verstehe durchaus das Prinzip von Action Painting, was auch zu sehr interessanten Ergebnissen führen kann. Aber der gute Pollock trifft einfach nicht meinen Nerv. Ich hatte in den Achtziger Jahren das zweifelhafte Vergnügen eine Woche lang von einem recht bekannten Vertreter des österreichischen Action Paintings quasi in seiner Kommune im Burgenland „unterrichtet“ zu werden, von Otto Mühl. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lee Krasner finde ich auch als Persönlichkeit interessant. Ich habe mal einen Dokumentarfilm über sie und Jackson Pollock, ihr Leben und ihr gemeinsames Atelier gesehen. Sehr inspirierend. Preislich ist Lee Krasner auch in der Superstar-Liga. Das teuerste Werk von ihr wechselte 2017 für 5.487.500 $ den Besitzer – not so bad…!

Bislang habe ich keine weiteren Lieblingsbilder von weiblichen Malerinnen in meiner Sammlung. Lee ist bislang die einzige. Ich halte weiter Ausschau und geben sofort Bescheid, wenn ich fündig werde. Ich spreche hier unverändert ausschließlich von Bildern, die ich in meinen eigenen vier Wänden ertragen würde. Dass ein Bild nur „gut“ oder „interessant“ oder „spannend“ ist, reicht mir nicht. „Desert Moon“ trifft mich mitten ins Herz. Ich liebe es total. Ich kann nicht erklären, warum. Es ist wild und doch elegant, die Farben kämpfen nicht gegen, sondern tanzen miteinander. Es hat Weite und Wärme und Feuer. Und archaische Kraft.

07. April 2020

Ich habe noch ein Bild von Walter Becker gefunden, das ich besonders gerne mag. Er hat es vier Jahre nach den Tänzerinnen gemalt, nämlich 1969 und es heißt „Terzett III“. Das bedeutet, dass seine Sehkraft noch mehr nachgelassen hatte, vielleicht war er fast schon blind und hat nur vage erkennen können, was er malt, vor allem die Farben vermute ich, konnte er noch wahrnehmen. Für mich sieht es dennoch nicht wie ein Bild aus, das jemand mit einem körperlichen Defizit gemacht hat, es wirkt keineswegs mitleiderregend. Aber es rührt mich. Er war damals 76 Jahre alt, und das Bild zeigt auch, dass der Blick auf die Welt immer jung bleibt. Ein älterer oder alter Mensch nimmt immer noch mit allen Sinnen wahr, was die Welt zu bieten hat, auch erotisch. Selbst wenn man es nicht mehr in der Form wie ein junger, vitaler Mensch ausleben kann. Die Phantasie bleibt immer wach und feurig wie in der Jugend oder einer anderen Blütezeit der eigenen physischen Existenz. Ewig jung.

06. April 2020

Ein zauberhaftes Werk von Walter Becker aus dem Jahr 1965, in dem ich geboren wurde. Ich denke beim Betrachten daran, wie gerne ich mit meinen Freundinnen tanzen gehe, mit Ina, und Lydia und Jenny. Es wird bestimmt irgendwann wieder möglich sein, im Sommer vielleicht, aber im Augenblick scheint es so weit entfernt, als sei es in einem anderen Leben gewesen.

Der Maler dieses Bildes, Walter Becker, zählte für die Nazis zu den zu ächtenden Künstlern. 1937 wurden im Rahmen der Aktion Entartete Kunst 19 Werke Beckers beschlagnahmt. 1941 erhielt Becker einen Ruf als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe. „Doch noch vor Antritt seines Amtes, so schreibt Becker, sei durch die SS von Berlin aus sein Atelier versiegelt worden, und er sei ‚unter versteckter Drohung gezwungen gewesen vom Vertrag zurückzutreten‘.“ usw. usf.; später konnte er doch noch eine akademische Karriere machen.

Aber die folgende Anmerkung im Wikipedia-Eintrag: trifft mich dann wieder: „Seit den 60er-Jahren setzte eine fortschreitende Einschränkung der Sehkraft ein, die fast zur Erblindung führte. Becker gab die Malerei vorläufig auf.“ Mitte der Siebiger nahm er die Malerei mit stark geschwundener Sehkraft wieder auf und produzierte zum Teil sehr archaisch wirkende Bilder.

Das Bild, das 2007 bei einer Auktion unter dem Titel „Tänzerinnen“ angeboten wurde, wäre im Vergleich zu den bisherigen millionenschweren Werken meiner Wunschsammlung ein absolutes Sonderangebot gewesen. Es wurde vom Kunsthaus Ketterer für „nur“ 23.400 € versteigert. Ich mag es sehr.

06. April 2020

Noch einmal ein Bild von Paul Klee, Lichtbreitung 1929, das ich durchaus nicht in meiner Sammlung verschmähen würde. Das Bild (Auflösung leider nicht so gut) kenne ich noch nicht so lange, es sprang mir zufällig bei einer Bildersuche ins Auge, ohne zu wissen, von wem es ist. Ich hätte es nicht Paul Klee zugeordnet. Es gibt schon noch ein paar Sachen bei ihm zu entdecken. Ich habe eine starke Zuneigung zu diesen Farben, besonders in der Kombination und dem intensiven Licht. Ich finde, es sieht ein bißchen anhtroposophisch aus, obwohl das nicht gerade ein Qualitätsmerkmal bildender Kunst aus meiner Sicht ist. Ich würde eher sagen, obwohl es so eine gewisse anthroposophische Anmutung hat, mag ich es sehr.

Ich hatte vor vielen Jahren eine Freundin, die der Anthroposophie äußerst zugeneigt war und immer einen Kalender von Weleda an der Wand hatte. Die Bilder waren auch immer sehr licht und organisch, aber nicht annähernd so plakativ und farblich virtuos wie dieses Bild. Das ich mir übrigens auch ausgezeichnet als Strandtuch vorstellen könnte. Ich habe mal recheriert, ob Klee eine Beziehung zur Anthroposophie hatte. Man findet ausschließlich Ergebnisse in denen erwähnt wird, dass er sich explizit davon distanzierte, vielleicht weil man Parallelen in seiner Malerei und diesem Weltbild zu finden glaubte und ihn mehrfach darauf ansprach. Im Zuge dieser Suche fand ich eine Auflistung von Malern und anderen bekannten Persönlichkeiten, die der Anhtroposphie sehr zugetan waren, was mich zum Teil auch überraschte, Beuys zum Beispiel und Piet Mondrian und Le Corbusier. Die werden hier im Wikipedia-Eintrag (vorletzter Absatz) als Freunde der Anthroposophie vermerkt.

Die Waldorfschulen machen ihre Sache schon ganz gut und Weledaprodukte sind auch nicht verkehrt. Der Einstein-Turm in Potsdam ist auch ein hübsches Ergebnis anthroposophischer Architektur. Aber das esoterische Geschwurbel drum herum ist zum Teil schon etwas überdreht und dogmatisch. Das wird Paul Klee im Himmel jetzt gar nicht gefallen, dass ich die von ihm so gar nicht gemochte Weltanschauung hundertfünfzig mal unter einem Bild von ihm erwähnt habe, aber dafür bringe ich es gerade noch mal richtig nach vorne. Kannte jemand das Bild? Es gibt noch ein zweites Bild von Klee mit dem Titel „Lichtbreitung I“, auch von 1929, stilistisch sehr ähnlich.

06. April 2020

Klee ernste Miene 1939

Paul Klee ist mir nicht so nah, aber dieses Bild finde ich wunderbar. Es ist aus dem Jahr 1939 und betitelt „Ernste Miene“. Ich finde viele seiner Bilder recht nett, aber nicht nett genug, um sie haben zu wollen. Bis auf noch ein anderes, das ich auch noch zeigen werde. Rekordsumme für einen Klee war bislang 4,18 Millionen Pfund, für das Bild „Die Tänzerin“. Wieder einmal bei einer Auktion von Christie’s in London.

05. April 2020

František Kupka „Plans par couleurs“ 1910 – 1911. Das Bild hängt im Centre Pompidou in Paris. Ich habe es vor etwa dreissig Jahren entdeckt, und zwar als kleine farbige Abbildung auf einer Seite der deutschen Vogue. Ich habe es ausgeschnitten und immer irgendwo hingeklebt, wo ich es sehen konnte. Das kleine Bild ist bei irgendeinem Umzug beim Ablösen zerrissen, Damals gab es noch kein Internet und ich konnte mir keinen Ersatz ausdrucken. Ich weiß gar nicht, ob ich es 1995 im Centre Pompidou gesehen habe. Vielleicht doch, ja kann sein. Mir ist, als hätte ich dann erst gewusst, wer es gemalt hat. Aber manchmal erinnert man sich auch nicht richtig und baut sich die Bruchstücke der Erinnerung zu einer neuen Wahrheit zusammen. Ich mag das intensive Licht und die Geste, die Silhouette. Ich finde allerdings, es gibt einen kleinen Fehler: er hätte die Nase nicht so herausstellen sollen. Dieses auffällige Dreieck hätte es nicht gebraucht. Aber dennoch ein Bild, das ich sehr mag und mein Leben begleitet. Ich habe es mir vor einiger Zeit größer ausgedruckt und es steckt seitlich im Rahmen von einem Spiegel im Flur. Kupka hat in Prag studiert und sein Weg führte ihn nach nach Frankreich, er starb 1957 in der Nähe von Paris, im Alter von 86 Jahren. Das Bild malte er mit 39. Im Mai 2019 wurde ein Bild von ihm („Vertikale Flächen“) für 2,5 Millionen Euro versteigert.

04. April 2020

Ein weiteres Premiumwerk aus meiner feudalen Sammlung. „Drei Mädchen im Spiegel“ von Otto Mueller aus dem Jahr 1912. So viele Bilder von ihm begeistern mich. Bei anderen Malern von Weltrang suche ich meistens länger, bis mich eines wirklich anspringt. Alle Frauen, die Mueller gemalt hat, wirken ungeheuer modern und eigensinnig, schon alleine wegen der Haltung des Kopfes. Dieses Bild ist über hundert Jahre alt und wenn einem heute eine Figur aus einem Bild von Mueller auf der Straße entgegenkäme, fände man sie völlig zeitgemäß. Das soweit bekannt teuerste Werk von Otto Mueller wurde 2010 von Christie’s für 2.079.650 £ versteigert. Der Preis einer sehr vorzeigbaren, luxuriösen Immobilie. Den Vergleich finde ich am eindrucksvollsten, schon wegen des physikalischen Größenunterschiedes. So einen enormen materiellen Vergleichswert hat große Kunst. Eine schöne Erkenntnis eigentlich.

03. April 2020

Noch so ein Lieblingsbild von mir, das Original ist irgendwo in Privatbesitz. André Lhote hat es gemalt. Er wurde 1885 in Bordeaux geboren und starb 1962 in Paris und wird gerne in die Kubisten-Schublade gesteckt, aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht. Seine Bilder würden auch gut ins Berliner Brückemuseum passen. Dieses prachtvolle Werk heißt „L’Atelier sur la terrasse de Mirmande“ und ist aus dem Jahr 1957. Lhote unterrichtete auch Malerei, unter anderem die legendäre Tamara de Lempicka, was insofern interessant ist, als ich bislang dachte, der unverwechselbare Stil von Lempicka sei originär ihr ureigener. Wenn man aber Bilder von Lhote aus früheren Jahren sieht, tritt zutage, dass Lempicka offenbar von ihm inspiriert wurde. Er hat im Laufe seines Lebens, wie die meisten großen Maler, in verschiedenen Richtungen stilistisch experimentiert. Dieses farbenfrohe Gemälde von Mirmande habe ich als kleineren, schön gerahmten Druck in meinem Atelier, weil es mich so inspiriert. Auch niemals in echt gesehen. Ich weiß nicht einmal, welche Größe das Original hat, ich kann nur vermuten. Vielleicht 60 x 80 cm. Oder größer. Oder kleiner. Keine Ahnung.

Manchmal stellt man sich Bilder größer vor, als sie tatsächlich sind. Beispielsweise die Gemälde von Frida Kahlo. Weil ihr plakativer, großzügiger Stil nach Größe schreit und die Bilder ab einer gewissen Größe auch gut wirken würden, dachte ich immer, sie müssen groß sein. Habe nie auf die Maßangaben geachtet, wenn ich einen Bildband durchblätterte. Als ich dann viele ihrer bekannten, zentralen Werke bei einer Retrospektive im Gropius Baus ‚in echt‘ sah, war ich bei fast allen von der Kleinformatigkeit enttäuscht. Geradezu läppisch klein sind die meisten Bilder. Teilweise sind die Abdrucke auf Kalenderblättern größer als die Originale. Eine Enttäuschung. Aber auch wieder erklärbar durch ihre Körperbehinderung. Im Bett auf dem Rücken liegend, kann man schlecht große Formate bearbeiten. Das ist schon bei guter Gesundheit eine gymnastische Herausforderung, da braucht man einen gesunden Rücken.

Zurück zu Lhote, den viele gar nicht kennen, und auf den ich selbst auch erst recht spät aufmerksam wurde, nämlich durch die Beschäftigung mit dem Meisterfälscher Beltracchi, der gerne auch mal den einen oder anderen Pseudo-Lhote auf den Kunstmarkt geschmissen hat. André Lhotes Gemälde „La danse au bar (Gypsy Bar)“ wurde 2007 bei Christie’s in New York für 2,7 Millionen Dollar verkauft, was bei aktuelleren Verkäufen so aufgerufen wurde, finde ich auf die Schnelle nicht, aber eher selten fallen die Preise für solche Meisterwerke ja. Beltracchi hat zudem für eine zusätzliche Popularität des einen oder anderen Malers gesorgt. Wenn ich das Bild also mein eigen nennen dürfte, hätte ich ein weiteres Werk im Wert einer feudalen Immobilie in meinem Heim. Es wäre schon eine sehr feine Sammlung. Na ja, Träumen kostet ja zum Glück nichts.

02. April 2020

Dubuffet Site bleu aux maisons

Noch eine Postkarte in meinem Wohnzimmer, sie lehnt in einem der weißen Bücherregale, seit vielen Jahren, und zeigt das Gemälde „Site bleu aux maisons“ aus dem Jahr 1975 von Jean Dubuffet. Ein spätes Werk von ihm, mein liebstes. Er ist mir ein Bruder im Geiste und der Vater der ‚art brut‘, die Schublade, in der ich mich auch am ehesten finde, wenn ein kunsthistorisches Etikett gefragt wäre. Ich weiß genau wie er arbeitete, alleine durch die Betrachtung seiner Werke, mehr muss ich nicht wissen. Aber ich weiß mehr. Er war auch ein experimenteller Musiker und Komponist, spielte mit Akkordeon und Fagott und Saiteninstrumenten. Er wurde 84 Jahre alt und hat bis zum Ende 1985 gemalt. Das teuerste Werk von Jean Dubuffet wurde am 11.05.2015 im Auktionshaus Christie’s für 24.805.000 $ versteigert. Damit liegt er preislich in der gleichen Liga wie mein Liebling De Staël. Dieses Bild „Site bleu aux maisons“ befindet sich in der Sammlung der Fondation Dubuffet in Paris. Ich würde es gerne einmal besuchen, immerhin ist es eventuell möglich. Es hätte einen Ehrenplatz in meiner Traumsammlung von Werken von Weltrang.

Dubuffet Site bleu aux maisons

02. April 2020

„Paysage du Lavandou“, Nicolas De Staël, 1952. Sehr, sehr geliebt… ich hab es nur als kleine Postkarte von 1996, seit zwanzig Jahren in meinem Wohnzimmer, weiß gerahmt mit weißem Passepartout. Ich habe es noch niemals in Wirklichkeit gesehen. Auf der alten Postkarte wird es der Pariser Galerie Malingue zugeschrieben, diese hat aber auf ihrer Seite keinen Hinweis auf das Werk. Ich vermute es in Privatbesitz. Was für ein Schatz. Im Oktober 2019 hat Christie’s ein anderes Bild von Nicolas De Staël für 20 Millionen Euro versteigert. In dieser Liga bewegt es sich.

02. April 2020

Nicolas De Staël gehört zu den Malern, die ich besonders liebe. Er wäre auf jeden Fall in meiner privaten Sammlung von Werken von Weltrang, mit mehr als einem Bild. Er nahm sich im März 1955 in Antibes das Leben, indem er vom Balkon seines Ateliers stürzte. Er wurde nur 41 Jahre alt. Dieses Bild, Le Fort-Carré d’Antibes , ist eines seiner letzten. Das allerletzte heißt „Le Grand Concert„, „Das große Konzert“. Es ist weltberühmt, darauf ist ein Flügel zu sehen und flammendes Rot. De Staël hat mit archaischem Strich und stark pastosem Auftrag in Öl gemalt, weswegen ein klassischer Druck seiner Bilder niemals den sinnlichen Eindruck eines Originals ersetzen wird können. Ein Relief atmet anders. Er ist mir sehr nah, auch wenn ich nichts Vergleichbares erschaffen habe… bislang. Große Inspiration und ein Gefühl von Zuhause vermitteln mir seine Bilder aus Südfrankreich. Grau kam nicht so oft vor in seinen Werken, er liebte intensive, klare Farben, stark kontrastierend. Diese Grautöne eines eher windigen, bedeckten Tages entsprechen jedoch eher meiner heutigen Stimmung.

Nicolas De Staël, Le Fort-Carré d’Antibes 1955

29. März 2020

Gestern ging mir durch den Kopf, dass es gar nicht so viele Bilder gibt, die ich gerne um mich hätte, also bei mir in meinen vier Wänden haben wollte, besitzen. Viele grandiose Werke gibt es in der Welt, aber ich sehne mich nicht danach, sie mein eigen zu nennen. Es gibt aber doch ein paar wenige Werke, die mich stärker berühren, denen ich mich besonders verbunden fühle. Müsste ich mich für ein Bild entscheiden, und wäre ich sehr reich (wie Oprah Winfrey z. B., die einige weltberühmte Gemälde ersteigert hat), und wäre das Bild zu haben, dann würde ich sehr gerne Danaë von Klimt dauerhaft in meiner Nähe haben. Es beseelt mich, ich fühle mich geradezu seelenverwandt mit dem Gemälde.

Klimt Danae

Nun würde mich sehr interessieren, welches Bild der Kunstgeschichte meine Leserinnen und Leser gerne besitzen würden, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Habt Ihr ein absolutes Lieblingsgemälde unter den vielen Meisterwerken der Welt und welches ist das? Ich würde mich freuen, wenn ihr es in einem Kommentar schreibt und verlinkt, damit ich es sehen kann. Das interessiert mich über die Maßen! Vielleicht poste ich auch noch ein, zwei andere Bilder, wenn ich sie online finde, die ich auch sehr gerne mag. Eines ist von André Lhote, eine Landschaft, sehr expressiv in den Farben, das ich aber noch nicht online entdecken konnte. Und von Nicolas de Staël gibt es auch ein, zwei Bilder, die ich über die Maßen liebe. Ich bin gespannt auf Euer Lieblingsbild!

28. März 2020

Eine Aufnahme vom 30. April 2009. Damals hatten wir Schweinepest und ich habe noch fotografiert. Allerdings muss man zugeben, dass damals fast nur in Asien Mundschutz getragen wurde, Cosmic hat das damals eher als kesse Provokation angezogen und ließ sich immer gerne von mir fotografieren. Hier anlässlich einer Ausstellungseröffnung vor dem Gropiusbau. Damals wurden in öffentlichen Gebäuden und auf Firmentoiletten Desinfektionsmittelspender installiert, die heute noch benutzt werden. Ich hatte ein Interview als Bloggerin bei Radio Fritz in Babelsberg und wir sprachen dort auch kurz über Schutzvorkehrungen gegen Schweinegrippe. Z. B. ob es gefährlich sein könnte, zu nah ans Mikro zu gehen, wenn da vorher einer reingesprochen hat. Ist hier in dem alten Video zu sehen. Cosmic hatte mich begleitet und die beiden Kameras bedient.

Da haben wir noch schön herumgewitzelt, ich insbesondere. Das spare ich mir jetzt. Es ist nicht lustig, wenn es einen wirklich erwischt, der ein geschwächtes Immunsystem hat.

Vor vielen Jahren, mittlerweile bestimmt zwölf, hätte ich zu der Risikogruppe mit Vorerkrankung gehört, da ich früher (jahrzehntelang) Asthma und eine daraus resultierende attestierte Lungenschwäche hatte. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren vollständig regeneriert und im letzten September hat die Charité gemessen, dass mein Lungenvolumen beim Luftholen 120 Prozent beträgt. Das ist zwanzig Prozent über dem, was man braucht, um atemtechnisch, die Lungenfunktion betreffend, als gesund definiert zu werden. Ich bin sehr bewusst froh, dass ich nicht zu dieser gefährdeten Gruppe gehöre.

Ich habe es privat schon oft erzählt, weil viele nachfragen, wie es sein kann, dass jemand jahrzehntelang Asthma und Allergien hat und dann vollständig geheilt wird, ohne irgendein Medikament zu nehmen. Ich habe vor vielen Jahren Ausschlussdiät gemacht (man lässt über einen längeren Zeitraum bestimmte Nahrungsmittel weg, mal das eine, mal das andere, und schaut, ob sich das Befinden ändert). Dabei zeigte sich, das eine komplette Ernährung ohne Getreide mein Immunsystem so stark macht, dass ich die Pollen in der Blütesaison selbst abwehren kann. Ich habe also nur etwas in der Nahrung weggelassen, seitdem kein Asthma mehr, kein Heuschnupfen, keine Neurodermitis, ganz selten erkältet. Alles weg. Lunge total erholt.

Und ich rauche nicht, nur gelegentlich beim Ausgehen, aber das mache ich auch ohne Coronavirus nicht häufig. Es sah für einige vielleicht anders aus, weil ich früher immer fleißig dokumentiert habe, wenn ich mal im Nachtleben oder bei Konzerten war, das ist aber durchschnittlich nur ungefähr zweimal im Monat der Fall gewesen. Ich arbeite in jeder freien Minute an meinem Werk, was ich aber nicht als Arbeit empfinde, sondern als reine Erholung. Psychedelische Trips ohne LSD, auch Therapie bei seelischen Einbrüchen.

Nur gestern war ich etwas angespannt, weil ich dauernd an Till Lindemann denken musste beim Malen. Da wusste ich nur, dass er auf der Intensivstation liegt und beatmet wird, wegen einer Lungenentzündung. Und es hieß in der Presse gleich, er hätte sich Corona eingefangen. Nun ist er aber zum Glück negativ, wusste ich gestern tagsüber aber noch nicht (hab kein Internet und kein TV in meiner Werkstatt). Auch so ist Lungenentzündung kein Spaß. Ich glaube, er raucht noch. Als ich dann an meinem Greifvogel arbeitete, malte ich mir aus, was für ein Aufruhr in der Welt wäre, wenn er es nicht überlebt. Und musste an Maria denken, und dass sie dann voraussichtlich auch mit der Versorgung zu tun hätte und stellte mir die Belastung für die Mitarbeiter von Lebensnah vor, wenn sie mit dem toten Till konfrontiert wären. Der arme Eric Wrede (er ist den Rammsteinjungs besonders durch seinen früheren Beruf im Musikgeschäft verbunden). Da fühlt sich das noch näher an, wenn eine enge Freundin als Bestatterin arbeitet. So ein Zeug ging mir durch den Kopf! Nachts las ich dann noch den letzten Stand, dass er nicht mehr auf der Intensivstation ist und der Test negativ ist. Uff. Ich habe wirklich zwölf Stunden für ihn innerlich gebetet. So ein einmaliger Künstler in der Welt. Meine Nerven.

Ich fahre jetzt wieder zu meinem Adler, er ist eigentlich schon fertig. Das Bild heißt „SCHWARZ PINK GOLD – neues Deutschland – …auferstanden aus Corona“. Ich wünsche mir ein neues Deutschland. Und es wird kommen. Mit ganz viel Pink und einem sanften, starken Adler mit viel Gefühl und einem goldenen Herzen. Ich werde Angie ein Bild von dem Bild schicken, vielleicht will sie es im Kanzleramt aufhängen, das wäre schön.

27. März 2020

Passt auch gut zur Zeit, dieses Lied von Mono & Nikitaman. „Zeit steht still“ heißt es. Ich habe es nach der Fukushima-Katastrophe live von dem mir bis dahin unbekannten Duo auf der Bühne am Brandenburger Tor der großen ABSCHALTEN-Demo gehört. Als ich es vor ein paar Tagen beim Pinseln im Atelier by random hörte, dachte ich, dass es doch für ein neues Lebensgefühl jenseits der Katastrophe stehen könnte. Wenn die Menschheit gelernt hat, dass Aktionismus, Leistungswahn und Hektik nicht die lebenswertesten Errungenschaften der Menschheit sind.



27. März 2020

Wer meint, schon alle Hamsterkaufobjekte zu kennen, ich hab da noch was: L E I N W Ä N D E . Im Baumarkt (Hasenheide) bis auf ein nicht so interessantes, sehr schmales Format, komplett leer geräumt, bis auf Weiteres nicht mehr lieferbar. Ich lief dann durch den gesamten Markt, um Alternativen zu sichten. Der erste Gedanke war, eine der fertig bedruckten Leinwände zu kaufen, mit einem eher hellen Motiv, damit man nicht so stark übergrundieren muss. Aber die sind preislich doch vergleichsweise drüber. Dann war ich im Bereich der Bauplatten, da gibt es passable Formate zum kleinen Preis, aber sehr gewichtig. Auch Rückwandplatten für Schränke in Betracht gezogen, auch schöne Formate, aber auch sperrig. Ich habe stattdessen zwei dicke Styroporplatten gekauft, Einzelpreis 1,49 €, Format je 50 x 1 Meter und zu einem Quadrat zusammengeleimt. Mit großformatigem Papierbogen bezogen, hatte keinen Stoff parat. Papier ist natürlich nicht ideal, aber Not macht erfinderisch.

Bin sehr dankbar, dass man in Berlin noch in den Baumarkt darf, an der Tür sind Aufpasser, die die Besucherzahl beschränken. Ich halte mich superstreng an alle Vorsichtsmaßnahmen. Ich gehe nicht spazieren! Immer schnell von A nach B, mit viel Abstand. Der Schornsteinfegertermin war übrigens nicht abzuwenden, da die Gesetzesgrundlage vorschreibt, dass man die Abgasmessung nur mit Nachweis, dass man zur Risikiogruppe gehört, später terminieren darf. Ich treffe nur die Kassierer von Rewe und dm, und eben gestern vom Baumarkt. Ich wasche mir sogar jedesmal das Gesicht, nicht nur die Hände, wenn ich von draußen komme. Toi, toi, toi.

Dass (m)ein isolierter Lifestyle für das Empfinden anderer eine Katastrophe und Zumutung ist, gibt mir schon auch zu denken. Noch dazu, wenn es einen Lebenspartner gibt, auf den sie gar nicht verzichten müssen. Also bin ich nach deren Ermessen vielleicht ein armes Hascherl. Andererseits aber eben auch sehr abgehärtet. Ich bin Weltmeisterin im Einsiedeln. Daran zu merken, dass ich nicht sehnsuchtsvoll an das Herumtanzen im Hobby zurückdenke. Ich mochte Abstand schon immer. Die Welt darf gerne zur Ruhe kommen und sich auskurieren. Ich stehe dabei nicht im Wege.

25. März 2020

Ja. Ich auch. Küssen beschäftigt mich gerade eher nicht, obwohl es immer wieder in dem (nicht exorbitant empfehlenswerten) Buch erwähnt wird, das ich gerade in der U-Bahn und in meiner Werkstatt lese, wenn ich gerade nicht herumwerkle. Die Karte hat mich trotzdem sehr gefreut, weil man ja immer die goldene Zukunft im Blick haben sollte. Sie wartet auf einen, manchmal ist man vielleicht nur etwas langsam.

Ich musste jetzt meine Anschrift etwas zensieren, da ich vorgestern Opfer eines Diebstahls in der U 8 geworden bin. So um 2006 bin ich schon einmal in der U 8 beklaut worden. Ich hatte die Hand nicht auf meiner Tasche, in der meine sehr geliebte Olympus-Kamera war, saß mit kindlicher Arglosigkeit einfach so in der U-Bahn und las wahrscheinlich. Seither war ich sehr bedacht, meine Siebensachen im Auge und Griff zu haben. Aber nun habe ich auch ein Corona-induziertes Erlebnis zu berichten.

Seit Montag fährt die U-Bahn nur noch im 10-Minuten-Takt, was dazu führt, dass die U-Bahn doppelt so voll ist und es nicht mehr so einfach ist, auf den gewünschten Abstand zu gehen. Ich quetschte mich in eine Ecke an einer Ausgangstür, Blick Richtung Scheibe, wo einen keiner anatmet. Und da ist meine Umhängetasche wohl nach hinten gerutscht und die kleine aufgenähte Tasche an der Tasche im Zugriff für gemeine Diebe. Ich hatte einen Termin mit dem Schornsteinfeger, als ich die Haustür aufschließen wollte, fand ich keinen Schlüssel mehr in der kleinen Tasche, der von meiner Wohnung war auch weg. Und auch der USB-Stick auf dem nur zwei Lieder waren (und ein gaga-Aufkleber blöderweise). Das kann nicht rausgefallen sein. Zum Glück hatte ich in Charlottenburg einen Ersatzschlüssel für die Wohnung deponiert, mit S- und U-Bahn also Richtung Zoo, wieder heim nach Mitte, Ersatzschlüsselbund fürs Atelier, setzte hastig diverse Seiten offline, da ich in meiner Arglosigkeit meine komplette Adresse auf geposteten Postkarten gelassen hatte. Aber damit ist jetzt Schluss. Wieder ins Atelier, Schornsteinfeger bedauerte mich und machte seine Messung, ich bot ihm Einweghandschuhe an, die ich eh immer da habe, wenn ich viel mit Klebstoff oder dergleichen hantiere, brauchte er nicht, er hatte eigene Arbeitshandschuhe an.

Ansonsten mache ich das meiste genauso wie immer, da ich ohnehin sehr zurückgezogen lebe. Und zwar so sehr, dass es für andere an Grenzen der Unvorstellbarkeit gerät. Ich musste mich also in privater Hinsicht gar nicht umgewöhnen. Ich küsse keine Männer, sondern Leinwände. Die unterliegen keiner Kontaktbeschränkung. Das ist sehr gut, denn ich bin da sehr hemmungslos und ausschweifend.

Etwas erstaunt mich, wenn wohlsituierte Menschen, die weiterhin gut zu essen haben und ein Dach über dem Kopf und ein fortlaufendes Gehalt, anhand ihrer persönlichen, doch noch recht komfortablen Situation von einem Albtraum sprechen. Ich glaube, eine persönliche Katastrophe fängt bei anderen Bedingungen an. Die existentiellen Einbußen von Gastronomen und Künstlern der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sind ohne Frage problematisch, aber es ist ein vorübergehener Einbruch und Tiefpunkt. Danach wird es einen großen Nachholbedarf geben. In der Durststrecke wird sich Hilfe finden, vielleicht durch die eine oder andere Zuwendung aus der Familie.

Lange habe ich mich nicht mehr mit astrologischen Konstellationen beschäftigt, seit Jahren nicht. Nun aber war ich doch interessiert, wie die Sterne stehen. Seit Januar bahnte sich eine Konjunktion von Saturn und Pluto an, Mitte März akut, wen es interessiert, einfach googeln. Die Vorstellung, dass etwas dran sein könnte, beinhaltet beruhigenderweise auch immer die Absehbarkeit des Endes (Nov.) des unwirtlichen Geschehens. Alles wird besser. Und dann gut.

12. März 2020

Ein ganz arg schönes Tier! Elvira, ich danke Dir. Auf der Insel Fuerteventura war ich noch nie. Ziege heißt auf Spanisch „La Cabra“, das Wort steht auch auf der Rückseite der Karte. Wieder was gelernt. Blöderweise war ich schon wieder ein bißchen krank, aber keine Krankheit mit Husten, sondern Bauchweh und schlecht und schwach gefühlt. Vielleicht die Sardinenbüchse neulich und ein Virus, für den in den Nachrichten keine Zeit ist. Am langweiligsten ist keinen Alkohol trinken, also auch gar keine Lust darauf haben. Das gefällt mir nicht. Die Schonkost hängt mir zum Hals heraus. Obwohl ich sie mir so zubereitet habe, dass sie schon auch schmeckt. Gerade geht es mir wieder ganz brauchbar. Morgen stehe ich wieder mit dem Wecker auf und mache alles ganz normal. Vielleicht sogar am Abend ein Glas trinken. Nach dem Essen. Auf keinen Fall vorher, das bekommt mir nicht. Am besten vertrag ich es am späten Abend, ein, zwei Stündchen vor dem Schlafen gehen. Gestern und vorgestern und vorvorgestern habe ich nur Wasser, Sanddornsaft und langweiligen Tee getrunken. Nicht einmal Kaffee. Heute Vormittag dann nur eine einzige Tasse, normal trinke ich zwei hintereinander und später auch noch. Also ich finde, jetzt hat der Körper genug Möglichkeiten zur Regeneration erhalten. Bin gespannt, ob die S-Bahn morgen früh leerer als sonst ist. Ist ja doch immer ein arges Gedränge. Ich lasse vielleicht die Kapuze von meiner silbernen Rockstarjacke auch im Abteil auf, falls jemand eine feuchte Aussprache hat oder meint niesen zu müssen, ohne sich ein Taschentuch vor den Rüssel zu halten. Handschuhe könnte man auch anlassen und dann immer die anderen den Türöffner drücken lassen. Mal schauen. Jetzt gehe ich brav schlafen. Wollte mich nur wieder mal melden, auch wegen der schönen Postkarte, die aber schon am Samstag im Briefkasten war. Ich war zu schwach zum Eintrag schreiben.

04. März 2020

Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVIII.

  1. März 2020:

„S7, morgens gegen Neun, kurz vor Bhf. Zoo, Bahn fährt im Bahnhof ein, man bewegt sich Richtung Tür.

„FAHRSCHEINKONTROLLE. DIE FAHRSCHEINE BITTE!“

ruft der Kontrolleur, die Türen gehen gleich auf, ich muß raus! Aber noch bin ich drin und verkünde ihm:

„Ich steige jetzt aus, wenn Sie meine Karte sehen wollen, müssen Sie mit mir aussteigen!“

Er (in aller Ruhe):

„Ick bin frisch geschieden, ick bin flexibel!“

Dabei mein lebenslanges BVG-Abo im Portemonnaie (im Fach mit dem halbtransparenten Sichtnetz) hingehalten, er durchs Netz gescannt.

Na bitte.

25. Februar 2020

Heute Abend in der U 8 zwischen Hermannstraße und Weinmeisterstraße: drei bis vier Italienerinnen mittleren Alters (35 – 55) steigen zu, eine kollidiert mit meinem am Boden stehenden, an meine Bank angelehnten, gut in braune Pappe verpackten und verschnürten Bild im Format 70 x 70. Sie beugt sich zu dem Objekt, schaut es an, als wäre es ein Lebewesen und spricht voller Mitgefühl zu ihm: „Ooh, mi scusi, mi scusi!“, begleitet von einer liebevollen Streicheleinheit. Mich hat sie dabei gar nicht angeschaut. Ich musste grinsen. Zwei Haltestellen später steigt ein dänisch sprechendes, sportlich und kultiviert wirkendes und groß gewachsenes Pärchen ca. Anfang Sechzig zu, nimmt auf der U-Bahn-Bank mir gegenüber Platz. Ich lese während der ganzen Fahrt („Der Concierge: Vom Glück, für andere da zu sein“ von Jürgen Carl, herzerwärmend). Dabei achte ich darauf, dass das Bild nicht kippelt und einigermaßen sicher an meiner Bank lehnt, halte es mit meinem linken Unterarm, der auf der Oberkante der Kartonverpackung wie auf einer Lehne ruht. Dann blättere ich das Buch schnell mit zwei Händen um, das Bild schwankt und fällt gegen die nebenliegende Sitzbank, kleiner Aufprall. Das dänische Pärchen unterbricht die angeregte Unterhaltung, starrt das gekippte Bild an, beide (vor allem sie): „Ohhh!!!!..!!!“ Als könnte ein erheblicher Schaden entstanden sein, eine Verletzung, man rufe den Notarzt! Ich muss wieder grinsen, lache beinah, und winke beschwichtigend ab (weil ich weiß, wie bombensicher gepolstert und bruchsicher ich es verpackt habe), hole mit der linken Hand die gekippte Bildkante wieder zu mir und freue mich über dieses bemerkenswerte Mitgefühl meinem Päckchen gegenüber, von dem ja keiner genau weiß, was darin ist, nur ich weiß es. Noch nie hat jemand das Bild gesehen. Ich frage mich, ob es womöglich ein Eigenleben und eine Ausstrahlung hat, die sich geheimnisvoll durch den dicken Verpackungskarton arbeitet. Ich bekomme ein bißchen Respekt vor dem Bild. Morgen wird es wieder transportiert, diesmal von Mitte nach Charlottenburg. Ich berichte, sollten sich weitere Kollisionen und Unfälle begeben (sowie Mitgefühl).

17. Februar 2020

Abermals Freude und Irritation am Postkasten! Am Samstag fiel mir eine Karte neben der gewohnten Reklame in die Hände, die schon aufgrund des außerordentlichen Formats für eine weitere Karte aus Künstlerhand sprach. Hatte mir etwa der Herr aus Hannover abermals geschrieben und wollte seinen Namen bekennen, somit Ross und Reiter nennen? Ich schob die Lektüre etwas auf, da ich hungrig aus meiner Werkstatt gekommen war und auch Einkäufe zu verstauen hatte. Auch die Waschmaschine wollte ich noch anschalten. Die Lektüre der Karte wäre dann der letzte Akt meiner samstäglichen Aktivitäten. Die Einkaufstüten auspacken und die Vorräte in den Kühlschrank und so weiter packen kann ich noch ohne Brille. Auch das Waschpulver finde ich ohne Sehhilfe und da ich nur ein Waschprogramm benutze, finde ich es fast blind. Dann war es endlich so weit. Ich setzte die Brille auf und hoffte, dass es keine anstrengende Botschaft sein würde, die mich hier mit einer weiteren Karte ereilt. Kaum erkannte ich das Schriftbild, waren alle Befürchtungen weg. Mit rotem Farbband hatte jemand sehr ordentlich und fehlerfrei eine unverfängliche und kurzweile Mitteilung auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Aber lesen Sie bitte selbst:

Vom Überwintern auf den Balearen und Erinnerungen an Jugendjahre in Paris ist die Rede. Auch wird eine Dame erwähnt.

Nun kann es sich um den Kartengruß eines Herrn in Damenbegleitung handeln oder eine mir entfallene Freundin, die gemeinsam mit jener Antonia den kalten Wintermonaten entflohen ist. Des weiteren wird Besuch von Franz wird erwartet. Ich kenne einen Franz, und ich weiß mit Bestimmtheit, dass er bis vor kurzem auf einer kanarischen Insel weilte. Von dort ist es nicht so weit zu den Balearen, also könnte es sich durchaus um den mir bekannten Franz handeln. Aber dass er bereits auf eigene Faust reist, überrascht mich dann doch. Ich meine mich zu erinnern, er hätte gerade seinen achten Geburtstag gefeiert. Somit erneute Grübeleien, von wem die Rede ist. Die Sache mit Paris machte mich nach einer Weile stutzig. Hat nicht mein alter Freund S. immer wieder von seinen Jugendzeiten in Paris geschwärmt? Begann nicht dort seine Liebe zur Kunst und schnellen Automobilen und schönen Frauen? (auf der Karte nebulös als „Natur“ umschrieben) Ich konnte gar nicht schlafen deswegen, daher wollte ich mir durch eine spätnächtliche persönliche Anfrage Gewissheit verschaffen. So schrieb ich am 16. Februar 2020 um 0:34 Uhr:

„ich möchte ja nicht indiskret erscheinen, aber befinden Sie sich gerade auf den Balearen und denken oft an Jugendtage in Paris? (Falls nicht, vergessen Sie die Frage einfach sofort wieder!)“

Anderntags erhielt ich Antwort:

„In der Tat, liebe Frau Gaga! Aber woher wissen Sie denn das? Hat etwa Franz, die alte Plaudertasche, davon berichtet? Nun ein Glas Wein und sodann ins erfrischende Meer. Herzlich!“

Erleichtert entbot ich folgenden Gruß:

„Ich werde zu gegebener Stunde erhellen, wie mir diese Information zuteil wurde (inclusive Bildmaterial!). Wünsche noch herrliche Tage! Gruß an Antonia und Franz!“

12. Februar 2020

Ich weiß nicht, wer hinter dieser Postkarte steckt, aber sie steckte gestern in meinem Postkasten. Ich war niemals in Hannover und weiß auch von niemandem aus dem Internet, den ich virtuell kenne, der von dort kommt, aber das Internet ist eben für Überraschungen prädestiniert. Schon manche, eigentlich die meisten wichtigen Begegnungen der letzten Jahre sind damit verbunden. Mancher realen Begegnung lag ein virtueller Impuls zugrunde. Keine Datingplattformen oder dergleichen, das habe ich noch nie genutzt. Viel mehr lagen Verabredungen mit befreundeten Bloggern zugrunde, die an realen Orten stattfanden, wo ich dann Menschen begegnete, die aus anderen Kreisen kamen und wichtig für mich wurden. Aber das ist nun länger nicht mehr geschehen. Vor zwölf Jahren gab es ein paar Schlüsselbegegnungen, ein besonderes Jahr war dieses 2008 für mich. Und es wäre schön, wenn sich solche Kräfte wieder in meinem Leben finden würden. Nun ja, Wunschträume.

Jedenfalls fand ich am Montag diese von Hand aquarellierte Karte in meinem Briefkasten und der Poststempel weist Hannover aus. Ich will dem auch nicht zu viel Gewicht beimessen, aber ich finde, solche Gesten sollten eine Würdigung erfahren. Denn so eine Mitteilung eines Unbekannten hat doch eine wundersame Qualität. Eine Überraschung, die einen nicht belästigt und nicht in die Pflicht nimmt. Eine luftig leichte Postkarte mit leichtfüßiger Botschaft.

Ich mache mich gelegenheitshalber schlau, welche Söhne die Stadt Hannover so hervorgebracht hat, wenn mir schon kein privater Kontakt in den Sinn kommt. Das ist ja recht interessant. Ich lese im Wikipedia-Eintrag zur Stadt Hannover (u. a.):

„(…)

  • Der Bruder des Erfinders der Schallplatte und des Grammophons Emil Berliner, Joseph Berliner, gründete in Hannover die erste Grammophon-Fabrik der Welt.
  • Der Künstler Kurt Schwitters entwickelte in Hannover seine Form des Dadaismus.
  • Curt Frankenstein, späterer US-amerikanischer bildender Künstler, wuchs an der Eilenriede auf.
  • Der Serienmörder Fritz Haarmann beging in Hannover 27 Morde.
  • Rudolf Augstein gründete 1947 in Hannover die Zeitschrift Der Spiegel.
  • Weitere gebürtige Hannoveraner sind der Dramatiker Frank Wedekind, (…)
  • sowie die Schauspieler August Wilhelm Iffland (nach ihm ist der Iffland-Ring benannt)
  • und Theo Lingen.
  • Zu den bekannten gebürtigen Hannoveranern der Gegenwart zählen Ernst August Prinz von Hannover,
  • der Cartoonist Uli Stein (oha!)
  • die Schauspieler (…) Otto Sander,
  • Kai Wiesinger
  • der Maler Heimar Fischer-Gaaden (aha!)
  • die Sänger Klaus Meine
  • und Mark Morrison (?)
  • der Comedian Oliver Pocher“

Die acht erst genannten kann man aufgrund mangelnder Vitalität mit Sicherheit als Absender ausschließen.

Ernst August Prinz von Hannover lebt meines Wissens noch. Als gebildeter, wenn auch ungehobelter Mann liest er vielleicht mein Blog. Wäre sicher ein spannender Kontakt, wenn auch nicht von erotischer Warte (von mir aus betrachtet). Prominente haben ja mitunter ein Interesse, zunächst anonym aufzutreten, das wäre auch eine Erklärung für die kryptische Signatur. (crimeal?@….)

Der Zeichner Uli Stein wäre von Berufs wegen auch in der engeren Wahl, aber er hat einen anderen Strich, es sei denn, er fertigt private Postkartenzeichnungen bewusst in einem anderen Stil an.

Mit Schauspielern habe ich es irgendwie nicht. Otto Sander war ja sympathisch ist aber nun auch schon (aus bekannten Gründen) länger nicht mehr in der Paris Bar gewesen.

Kai Wiesinger habe ich zweimal in echt gesehen, einmal kam er mir in der Sophienstraße entgegen und lächelte sogar aufmerksam, das andere mal präsentierte er seine Fotos in der Galerie vom Café Einstein. Das war recht nett und er war auch gar nicht affektiert oder sonstwie unangenehm. Er war dort in Begleitung seiner gerade schwanger gewordenen Gefährtin. Eine echte Schönheit. Bettina Soundso. Auch Schauspielerin. Ich denke schon, dass er vielseitig interessiert ist und auch schon mal ein Blog gelesen hat, aber meines Wissens wohnt er in Berlin. Oder war es Hamburg? Jedenfalls nicht Hannover. Oder er war zu Besuch bei seinen Eltern und hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit mit Postkartenschreiben? Ich denke, er wird sich hier im Blog melden, falls er der Absender ist. Was Bettina dazu meint, sei dahin gestellt.

Den Maler Heimar Fischer-Gaaden musste ich googeln. Er weilt seit 2014 auch nicht mehr unter uns und wäre (ganz unter uns) auch nicht mein Typ gewesen.

Dass der Sänger Klaus Meine in seiner Freizeit Blogs liest, hätte ich jetzt so nicht vermutet, aber vielleicht entwickelt man neue Freizeitinteressen, wenn man gerade keinen Hit wie Winds of Change in der Hitparade hat. Ich könnte Autogrammkarten googeln und das Schriftbild vergleichen. Aber möchte ich das?

Wer bitte ist Mark Morrison? Ich prüfe das. „Mark „The Mack“ Morrison (* 3. Mai 1972 in Hannover) ist ein britischer Musiker. Sein größter Hit war Return of the Mack.“ Hm. 1996. Das war möglicherweise das Jahr, in dem ich aufgehört habe, Radio zu hören. Ich glaube nicht, dass wir füreinander bestimmt sind.

Letzteres gilt auch für den letztgenannten Kandidaten.

Als ich die Karte frisch aus dem Kasten gefischt hatte, teilte ich meiner sehr guten Bekannten Jenny K. aus B. folgende Zeilen mit:

„musste eben an dich denken, weil du doch zu bedenken gabst, dass ich meine echte Postanschrift bei den Postkarten herzeige. Gerade habe ich eine Postkarte auf feinem Bütten mit einem handgemalten Bild aus Hannover bekommen, von einem Maler, der mein Blog mit den Karten gesehen hat und wollte mir eine Freude machen! Er hat nur mit „Der Postkartenmaler“ unterschrieben und eine schwer leserliche Mailadresse vermerkt. Ich poste die Karte bald! Also es können auch schöne Sachen passieren, nicht nur Einbrecher und Mörder kommen des Wegs!

Aber vielleicht bin ich auch nur auf den Postkartenmörder hereingefallen, der nur wissen will, ob es die Adresse in echt gibt, und dann überwacht er mein Blog und wenn ich die Karte gepostet habe, steht er vor der Tür und schlitzt mir den Bauch auf! Mist! Die Welt ist schlecht!!!“

Jenny K. aus B. antwortete daraufhin:

„Haha oh Gott, nein ich finde wir einigen uns auf einen sehr charmanten, intelligenten, gut aussehend Verehrer, der vielleicht mit Wahrscheinlichkeit in dein Leben geweht wird.“

Ich lenkte zunächst ein:

„Er hat eine intelligente Handschrift und die Zeichnung ist auch sehr hübsch. Aber ich kann die Mailadresse nicht lesen, hab schon Varianten gegoogelt. Und er hat einen Hannoveraner Poststempel. Stell dir vor, er liest meinen Eintrag über seine Karte und macht sich bemerkbar und dann ist es ein ekliger alter Tattergreis mit verfilzten Hippiehaaren und gelben Zahnstummeln. Und wenn er passabel wäre, wäre es eine Fernbeziehung. Ich hasse Fernbeziehungen!“

J. aus B. belehrte mich:

„Quatsch, Hannover gehört ja fast zu Berlin ist so nah mit dem Zug. Zug fahren ist wunderbar, man darf ganz offiziell am hellerlichten Tage lesen und das außerhalb des Urlaubes.“

ich äußerte weitere Bedenken:

„hmm – ich gehe davon aus, es ist ein Mann zwischen 55 und 75. Nur so ein Gefühl! Es gab in der Weltgeschichte ungefähr zwei oder drei Männer in dieser Altersspanne, die ich einigermaßen akzeptabel fand. Hannover ist ganz weit weg, aber ganz weit! Es fährt keine Berliner U-Bahn hin! Aber ich will nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und werde als nächsten Schritt die Karte (beidseitig) ablichten.“

So geschehen! Alles weitere muss sich fügen.

04. Februar 2020

Ein kostbarer Neuzugang für mein Handschriften- und Postkartenarchiv. Inzwischen ist die Überraschung noch größer, denn ich kann den Inhalt und Absender erst entziffern, wenn ich mich wieder in meiner Wohnung befinde, unten am Postkasten ist mir das Studium der Post leider verwehrt. Nicht, dass ich neugierigen Blicken ausweichen müsste, so prominent bin ich dann doch noch nicht bei meinen Nachbarn. Allein: ich kann es ohne meine Augengläser nicht mehr erkennen, wer mir da schreibt. Aber noch am Kasten fing ich an zu rätseln, weil ich den Schwung der Schrift ungefähr sah und kein Wiedererkennen hatte. Das Motiv konnte ich ungefähr eruieren. Künstlerpostkarten werden sehr gerne von Künstlern geschickt, auch wenn es keine eigenen Werke sind. So halte ich das auch. Aber diese Unterschrift, dieser Schwung! Da dachte ich dann doch recht bald an Jenny. Und als ich die Brille auf die Nase setzte, bewahrheitete es sich. Sehr gefreut habe ich mich. Es ist eine Karte mit einem Motiv von meinem guten alten Freund Pablo, der einige seiner Werke im Berggruen Museum hängen hat. Auch wegen der schönen Mitteilung war ich guter Dinge, die auf einen schönen Nachmittag an einem Sonntag, vielleicht im Frühling hoffen lässt. Vorher sehen wir uns aber auch schon, das ist abgemacht. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft nebenher der Stummfilm „Die Büchse der Pandora“ von G. W. Pabst. In der Hauptrolle als Lulu ist Louise Brooks zu sehen. Sehr schöne Klavierbegleitung, gedreht 1928 in Berlin. So ein Pagenkopf würde Jenny auch stehen, fällt mir gerade auf. Nun zu Bett. Ich muss weiter Kräfte sammeln, denn ich lag darnieder und habe morgen Abend nach vielen Tagen der Schwäche und Rekonvaleszenz wieder einmal etwas vor. Ich werde mich in den Abendstunden gegen neunzehn Uhr im Foyer der Volksbühne einfinden, wo Lulu von Frank Wedekind im Großen Haus gegeben wird. Meine Begleitung ist dankenswerterweise keine geringere als die Absenderin dieser schönen Postkarte.

20-02-03 Postkarte BLN-BLN (1)

22. Januar 2020

„Mick Jagger told me: ‚I met you 15 years ago at a little club in Los Angeles. You were wearing a blonde wig and you had on a green dress and it had feathers …‘ he named everything. He was right. And a lot of the stuff that I see him do on stage is stuff that I used to do. I mean when I was really jumping around an‘ leaping an‘ looking all crazy.“ Etta James

18. Januar 2020

Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVII.

  1. Januar 2020:

„Rosi, Ecke Gips, gegen halbzehn (abends), zwei Männer stehen an der Ecke (ich vorbei, von der U Weinmeisterstr. kommend, in die Gipsstr. biegend). Beide ca. Ende Dreißig bis schätzungsweise Mitte/Ende Vierzig (konnte sie nicht sehen, war schon dunkel, bin ja auch nicht stehen geblieben).

Der eine, kleinere zum anderen (Wortfetzen):

„(…) Selbsthilfegruppe, war zweimal da (…)“

(melodiöser, österreichischer Singsang, womöglich Wiener)

ich die Ohren wg. „Selbsthilfegruppe“ gespitzt)

„(…) Das ist wie eine große Familie“

(klang noch recht freundlich)

„(….) eine Mischung aus Familie und Schützenverein!“

(ich innerlich: oha – – merken!)

Er: „Ich HASSE das!“

Ja ja, die Österreicher. Schlimme Wahrheiten, melodiös verpackt!

07. Januar 2020

Gestern, am 6. Januar 2020 habe ich eine schöne Postkarte aus Portugal bekommen, aus der Hauptstadt Lissabon! Die Karte wurde am 8. Dezember 2019 geschrieben und verschickt. Also war sie dreißig Tage unterwegs. Da ich sehr romantisch bin, stelle ich mir vor, wie die Karte in einem schönen alten, von Hand gewebten Postsack sorgsam von einem feschen berittenen Boten in einer schönen Uniform, abgeholt wurde, der recht bald mit der kostbaren Fracht zum Hafen am Rio Tejo Fluss galoppiert ist.

Dort wurde der Postsack in ein schönes altes Postschiff gepackt, das Kurs auf Mitteleuropa genommen hat. Viele Wochen ging es nun auf hoher See durch winterliche Stürme, man machte Halt in Hafen von Bilbao im Königreich Spanien, wo auch die Vorräte für die Mannschaft mit der einen oder anderen spanischen Spezialität aufgefüllt wurden, nachdem sich die Fässer mit dem guten Madeira-Wein dem Ende neigten.

Von da ging es weiter nach Le Havre im herrlichen Frankreich, wo der Schiffskoch insbesondere die Rotweinvorräte erneuerte, um die nun anstehenden vielen Tausend Seemeilen mit Kurs auf den Hamburger Hafen mit Hilfe von bestem Bordeaux gut zu überstehen.

Nun ward das gute alte Postschiff nach vielen Wochen heil dort angekommen, und an der weihnachtlich geschmücken Hafeneinfahrt wartete bereits ein ebenfalls berittener, holsteinischer Kurier auf einem weißen Schimmel, um mit dem Postsack zum großen, berühmten Postverteilzentrum der alten Hansestadt zu reiten.

Alsbald wurde der große Postsack in aller Ruhe sorgsam ausgeleert und die vielen Liebesbriefe und Postkarten von fleißigen Händen mit einer goldgefassten Lupe begutachtet und sortiert, dabei wurde sich auch Zeit genommen, die vielen interessanten Briefmarken aus aller Herren Länder zu bewundern. Auch die Motive der Postkarten wurden von allen Arbeitern gewürdigt und manch eine liebe Nachricht in einer kleinen Kaffeepause laut vorgelesen und dabei herzlich gelacht oder anerkennend genickt. Die Briefe blieben überwiegend verschlossen, das gebietet der Anstand.

Nun wurden neue, kleinere Postsäcke aus feinstem Leinen bestückt, auf denen geheimnisvolle Zahlen standen. Das waren die Postleitzahlen. Diese waren von großer Wichtigkeit für den Kutscher, der zur Abendstunde mit der gelben Postkutsche mit dem von Hand aufgemalten schwarzen Posthorn, vorfahren würde, um all die kleinen Säcklein aufzuladen.

Der Kutscher trug einen schönen großen Zylinder und einen Frack. Auch hatte er ein warmes Wams aus Schaffell dabei, um den winterlichen Temperaturen zu trotzen, denn die Postkutsche war nicht geheizt. Das Wichtigste für ihn war, dass die kleinen Postsäcklein schön im Trockenen lagen, damit die Tinte auf den Postkarten nicht von Regentropfen verschmiert werden würde. Das war für ihn auch eine Frage der Berufsehre!

Um die vielen Meilen zwischen Hamburg und Berlin gut zu überstehen, und seinem treuen Gespann immer wieder die nötige Ruhepause zu verschaffen, wurden viele Pausen eingelegt, wo die Pferde getränkt und gelobt wurden, und der Kutscher eine kleine Brotzeit einahm.

Auch wurde ein- bis zweimal auf der langen Kutschfahrt Biwak gemacht, bei Ludwigslust und bei Wittenberge, wo es in den einfachen Herbergen und Schänken auch einen guten Tropfen zu verkosten gab und die Wirtstöchter gerne den Geschichten des wenn auch nicht mehr ganz jungen, doch noch lebenslustigen Postkutschers aus dem hohen Norden ein Ohr schenkten und in der anstehenden Silvesternacht auch die kalten Füße wärmten.

Nun ward es also Neujahr geworden und es hieß Abschiednehmen. Die Töchter winkten der Postkutsche noch lange hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war, und träumten fortan bei ihren Handarbeiten von den fernen Städten, von denen der wackere Geselle von der holsteinischen Post am Kaminfeuer so schön erzählt hatte.

Unser Kutscher traf indes bereits im schönen Postdam ein, wo er immer gerne war, und sich gerne mit den königlichen Kutschern im Park von Sans Souci auf ein Schwätzchen bei einem wärmenden Schnaps einfand, bis es weiter ging in die große Hauptstadt.

Die Pferde waren frisch getränkt und in leichtem Galopp näherte sich die Kutsche dem Brandenburger Tor. Da fuhr unser Kutscher besonders gerne durch, es war ein majestätisches Gefühl. Und schon sah er die goldene Kuppel des Berliner Schlosses, nun war es nicht mehr weit, für das kleine Postsäcklein mit der Postleitzahl 10119.

Wir schrieben nun den sechsten Januar des Jahres Zweitausendundzwanzig und ordnungsgemäß lieferte unser treuer Kutscher die Postsäcklein für Berlin im Hauptbezirk von Berlin ab, wo abermals fleißige Hände die Säcklein den bereits wartenden, selbstverständlich ebenfalls berittenen Kurieren in der stolzen preußischen Uniform übergaben.

Der schönste Kurier von allen, ein groß gewachsener, gut gebauter junger Mann hatte die Aufgabe, das Postsäcklein mit der Nummer 10119 zu öffnen und persönlich an den handschriftlich vermerkten Adressen zu übergeben.

So begab es sich, dass am gestrigen sechsten Januar eine Postkarte aus Lissabon mit einem schönen Lichtbild von einem portugiesischen Palast mit blauen Kacheln eingeworfen wurde, die ich in den Abendstunden aus dem Postkasten holte. Sie war wie neu und die Tinte war kein bißchen verschmiert.

Ich bedanke mich aufs Allerherzlichste bei der Absenderin, meiner Freundin Ina, die nun nach langen Reisen durch Europa wieder in ihrer Heimatstadt eingetroffen ist, sowie dem treuen Postkutscher aus Hamburg und der wackeren Mannschaft auf hoher See. Und allen berittenen Kurieren, in Lissabon, in Hamburg und ganz besonders dem feschen Boten aus Berlin!

02. Januar 2020

20-01-02 black lace (2)

Facebook fragt: Was machst du gerade? Gaga antwortet: ich gucke “Der große Gatsby“ auf arte, die Verfilmung von 1974, mit Robert Redford! Jetzt, wo die goldenen Zwanziger begonnen haben, kann man sich Inspiration für die nächsten rauschenden Feste holen. Schöne Kleider, schöne Frisuren, schöner Kopfschmuck. Heute eine schwarze Spitzenmaske erstanden und zur Stirnkrone umfunktioniert. Ich muss ja immer alles customizen. Wird eventuell morgen ausgeführt. Die Spitze unterhalb der Augen wegoperiert, so dass nur die Stirn bedeckt ist. Es soll ja auch bequem sein, und meine Augen stehen nicht so eng zusammen, wie es die Maske vorgibt. Auch sind wir ja nicht in den Goldenen Zwanzigern von Venedig, sondern Berlin. Also bitte. Eventuell fertige ich morgen ein Bild davon an. Zeichnung und Malerei eher nicht, die findet ja schon stundenlang am Gesicht statt, vielleicht ein Lichtbild. Morgen DIVA’s Night (oder so ähnlich).

P.S. aber Mia Farrow als Heulsuse Daisy ist schon etwas nervig bis langweilig…

Aber schöne alte Vokabeln, die man sofort dem Wortschatz einverleiben sollte:

  • Veranda
  • töricht
  • Übersee
  • Dienstpersonal
  • Brief
  • Teuerste
  • Tabak-Importeur
  • mein kleiner goldener Bleistift
  • bitte zieh deine Uniform an
  • und dann sag daß du mich liebst
  • erinnerst du dich noch an jene Nacht, damals?
  • alter Knabe
  • Entschuldigung
  • Was bin ich Ihnen schuldig?
  • Nimm dich doch ein bißchen zusammen!
  • Daisy, ich liebe dich!
  • Ich dachte, du wärst ein Gentleman!
  • Gott sieht alles!

01. Januar 2020

HAPPY NEW YEAR…! Ein schmerzarmes, erhebendes und segensreiches. Allen, die das lesen, mir selbst und dem Erdkreis. Und darüberhinaus. Venus und Mars, Jupiter, Neptun und Uranus. Und Pluto. Und Saturn. Und dem kleinen Merkur. Gestern keine angeklebten Wimpern spazieren geführt, aber getanzt. Mal wieder was Neues ausprobiert, im Humboldthain Club gelandet. Getränkemäßig etwas eingeschränkt, ich bin dann doch eine verwöhnte Prinzessin, wenn es um Schaumwein geht, auf Pils vom Fass umgeschwenkt, immerhin im Angebot. Ganz gute Elektrobeats auf dem oberen Dancefloor, unten mehr so Mainstream Pop, gegen halbdrei gabs eine Showeinlage von Victoria Bacon, feine Dragperformance, das Lokal hat gekocht. Lydia hatte Wunderkerzen dabei, die wir zur Mitternacht im Club abfackelten, waren nur draußen, um in die ruhigere Bar in dem würfelförmigen Bretterverschlag zu wechseln. Also wenig Feuerwerk mitbekommen, aber es knallte schon heftig auf dem Weg dahin. Der Club ist unglaublich nah an der S-Bahn Humboldthain, nur zwei Haltestellen von Oranienburger Str. entfernt. Um halbfünf war ich daheim, noch was gegessen, im Stehen in der Küche. Lange geschlafen, bis nachmittags um zwei. Kein Kater, kein miau! Nun einen dritten Kaffee und dann ins Atelier. Einziger Vorsatz, der mich aber auch das ganze letzte Jahr und noch länger begleitet: virtuos trinken. Immer nur gute Sachen, nicht durcheinander, damit man am nächsten Tag auch wieder Lust darauf hat. In diesem Sinne!

23. Dezember 2019

Mit Lydia im Sage Club in Berlin. Wir waren vorher das Finale im Hobby gucken. Feiern war nicht so ganz durchführbar, weil keine Lieblingsqueen mehr gewinnen konnte und die Krone auf einer merkwürdigen Wahl landete. Aber man muss das Beste daraus machen. Ich gewann immerhin ein rosa T-Shirt und dass neben Lydia auch Ina da war, tröstete auch. Weil es nicht ganz so wild und ekstatisch wie sonst war, wechselten wir zum Sage, wo Lydia der Hingucker war. Das war sie auch schon im Hobby, in ihrem roten Stewardessendress mit der farblich abgestimmten Perücke, aber gegen die Drag Queens kann eine echte Frau kaum auftrumpfen. Wobei ich nicht vergessen sollte, dass mich Brigitte Skrothum nach der Show an der anderen Bar ansprach: „Was bist du denn für eine süße Maus, du Schöne, hm? Du bist mir schon vorhin aufgefallen!“ So in etwa. Solche Ansprachen kriege ich so gut wie nie, ich finde das großartig und hätte gerne mehr davon. Von Heteromännern habe ich wohl nicht mehr viel zu erwarten. Im nächsten Leben möchte ich gerne schwul werden. Als ich die Tanzmoves der heterosexuellen Männer im Sage betrachtete, kam ich mir vor wie unter Neandertalern. Wenn man erst einmal gesehen hat, wie gut Männer tanzen können, die definitiv nicht heterosexuell sind, ist man versaut für heterosexuelle Tänzer, die sich zwar bemühen, aber den Eindruck erwecken, der Oberkörper stünde in keinerlei Verbindung mit dem lahmen Unterkörper. Die wenigen Kandidaten, die eine Ausnahme sind, machen wahrscheinlich komplett bei Let’s Dance mit.