Tagebuch, 2. März 1987 (A 4)

1987-01

Ich lese gerade die Munkey Diaries von Jane Birkin. In Tagebüchern offenbart(e) man die Abgründe und Fehlschläge, die man in der virtuellen Welt eher ausspart. Man hat diskret und deshalb vertrauensvoll sein Herz ausgeschüttet, es nicht breit getreten und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zur Ansicht und Verhandlung feil geboten. Das ist der Unterschied zwischen einem wirklich privaten und virtuell für alle zugänglichen Tagebuch. Was Birkin teilt, liegt weit in der Vergangenheit. Sie schrieb seit ihrem 11. Lebensjahr Tagebuch, wie ich. Als ihre erwachsene erste Tochter sich vor wenigen Jahren das Leben nahm, konnte sie nichts mehr schreiben.

Birkin erzählt von ihren Sehnsüchten in Beziehungen, die sie geführt hat. Bin gerade bei der ersten zu John Barry, mit dem sie ihre erste Tochter Kate hatte und der ihr nicht gerecht werden konnte, so sehr war er von seiner Karriere als Komponist absorbiert. Sie leidete etwas unbeschäftigt und eingestanden eifersüchtig vor sich hin, verzehrte sich körperlich neben einem Mann, der sich einfach zur Seite drehte. Sie hat ihn nach zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter verlassen, nachdem er ihr den Todesstoß gab in Form der Aussage „wir sind an dem Punkt, wo sich unsere Wege trennen sollten“.

So hat auch eine schöne Elfe aus privilegierten Verhältnissen ihr Päckchen zu tragen. Man denkt ja immer, alles, aber auch alles wäre besser und schöner und leichter bei Erfolgsbiographien, Lichtgestalten, von Liebe getragen. Nicht immer. Aber Serge war wohl ein anderes Kaliber. Bin gespannt. Immerhin hat sie ihm ihren Plüsch-Affen in den Sarg gelegt, damit er auf Serge aufpasst. Der Affe, an den sie im Alter von elf Jahren ihre Geheimnisse ins Tagebuch zu schreiben begann.

Die Geheimnisse meiner letzten siebzehn Jahre gibt es in keinem privaten Tagebuch, sie sind nur in meinem Herzen und Gedächtnis verewigt. Kein Blatt Papier wurde damit beschrieben. Kein Blogeintrag. Und wenn, nur sehr andeutungsweise.

5 Antworten auf „10. Juli 2020

  1. arboretum – 12. Jul, 14:23
    Stimmt, es stand nur sehr andeutungsweise im Blog zwischen den Zeilen und war eher zu erahnen als zu lesen.

    Ich kritzele seit 1998 in karierte Din A5-Hefte, was nichts im Blog zu suchen hat. Immer wieder unterbrochen durch lange Pausen, gerade auch in schwierigen Phasen, obwohl mir das nicht gut tut. Kummer und Leid machen mitunter sprachlos und stumm.

    g a g a – 12. Jul, 14:28
    genau: sprachlos und stumm. Ich habe aber auch für mich erkannt, dass es noch weniger gut für mich wäre, die unerfreulichen Begebenheiten (so wie früher) mit Manifestation auf Papier oder in einer Datei zu verewigen und damit unfreiwillig zu würdigen und zu ehren und größer zu machen, als sie es verdienen.

  2. arboretum – 12. Jul, 20:24
    Ja, diese Gefahr besteht durchaus. Andererseits habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass sie dadurch kleiner wurden und an Bedeutung verloren, weil sie nicht mehr in meinen Gedanken, sondern aufs Papier verbannt waren. Ich blättere höchst selten rückwärts und lese, sondern schlage eine neue Seite auf.

    g a g a – 13. Jul, 00:57
    Früher muss ich es wohl auch als Verarbeitung und Loslösung und Bann oder Befreiung empfunden haben, aber dann kam ich an den Punkt, wo ich bemerkte, dass sich die himmelhoch jauchzenden Einträge keineswegs die Waage halten mit den zu Tode betrübten, die betrübten waren so im Übergewicht, dass ich erschrak. Sozusagen eine ‚bittere Bilanz‘, wie es kid37 durchaus passend auf den Punkt brachte. Auf diese Art der Buchhaltung hatte ich dann keine Lust mehr. So tief in den roten Zahlen… nein danke. Jetzt transformiere ich die Scheiße zu Gold, indem ich mich an irgendeinem Werk abarbeite, von dem keiner weiß, dass ich mich dabei sehr intensiv mit der Verarbeitung von einem Verlust beschäftigt habe, da man es den Bildern nicht ansieht. Flucht in mein inneres Paradies. Manchmal gibt ein Titel einen Hinweis, den aber auch nur ich entziffern kann. Ein Bild aus 2018 heißt „Mahler VI.“ dahinter steht eine Erfahrung, eine Geschichte, über die man ein Buch schreiben könnte, so dramatisch wie diese Sinfonie von Mahler. Der Bezug zu dieser Sinfonie ist aber zudem ein sehr, sehr direkter, nicht metaphorisch.

  3. …wollte den Kommentar gerade liken :-) Anstatt die beteiligten Personen zu ermorden, die Wut töten. Ist einfach eleganter und man kommt nicht ins Gefängnis sondern sogar in den Olymp.

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