Gestern war ich zum ersten mal seit Ende Februar wieder verabredet und gleich todesmutig in einem Restaurant, nämlich der guten alten Paris Bar. Ina hatte ich zuletzt einen Tag vor Silvester getroffen, über sechs Monate, schon arg lange, im Vergleich zur Dichte unserer Verabredungen in den vergangenen Jahren. Wir bekamen den sehr schönen Tisch rechts von der Eingangstür, in der lauschigen Ecke am Fenster, mit der gepolsterten Bank, wo ein imposantes Foto von Michel Würthle als Papst steht, und der, wie gewohnt, als fester Teil des Interieurs auch persönlich da war. Zu ihm erzählte ich Ina, die schon näher mit ihm zu tun hatte, eine lustige Beobachtung, die sie noch nicht kannte.

Eine jüngere Autorin hat ein Buch über Ingrid Wiener verfasst, eine aus Wien stammende autodidaktische Köchin und Web*künstlerin, die im Berlin der Siebziger und Achtziger Jahre viel Erfolg mit dem Restaurant Exil hatte, in dem u. a. auch Michel und ihr Mann Oskar Wiener zur festen Truppe gehörten. Das von den Dreien gegründete und bewirtschaftete Lokal am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, wurde zum beliebtesten und kultigsten Berliner Prominenten- und Künstlertreff, ähnlich wie später die Paris Bar. Im Zuge der Recherche traf die junge Autorin nun verschiedene Weggefährten aus dem ehemaligen Dunstkreis von Ingrid Wiener (übrigens die Stiefmutter von Sarah Wiener), somit also auch unseren guten Michel.

Wenn man ein bißchen über Michel Würthle recherchiert, findet man eine ganze Reihe Zeitungsartikel und Interviews über ihn, und ab und zu wird beiläufig erwähnt, dass er daheim, in seinem malerischen Kreuzberger Künstleruniversum über dem ehemaligen Exil, üblicherweise Nescafé, also mit heißem Wasser aufgegossenen Instantkaffee trinkt, den er auch Gästen anbietet. Was natürlich ein wenig überrascht, weil man ihm als hochkultivierten Bon Vivant doch anheimstellen wollen würde, dass nur beste Kaffeebohnen mit speziellen Röstverfahren aus professionellen, italienischen Traditionskaffeemaschinen in die Kaffeetasse kommen. Oder doch wenigstens Kaffeehausklassiker- oder gar -spezialitäten aus der Wiener Heimat. Ein schöner Einspänner vielleicht. Ein „Kaffee Maria Theresia“ womöglich gar.

Nun hatte auch Ina bereits mehrfach Gelegenheit, seine heimische Kaffeetradition zu studieren und konnte bis dato keine Abweichung vom erwähnten Instantkaffeepulver beobachten. Wer sich schon mal Nescafépulver aufgegossen hat, wird bestätigen, dass das Getränk zwar Koffein beeinhalten mag und eine braune Farbe hat, aber unverkennbar anders als frisch gebrühter Bohnenkaffee schmeckt. Es ist eben ein Getränk mit einem ganz eigenen Aroma.

In das Buch, dessen Titel mir gerade entfallen ist, hat die junge Autorin auch ein Danksagungskapitel eingearbeitet, wo sie sich neben vielen Anderen auch bei Michel für die schönen Treffen bei ihm daheim und vor allem den SEHR GUTEN KAFFEE MIT DER KARDAMOM-NOTE bedankt. Ich befragte Ina, ob sie es für möglich hielte, dass er in der jüngeren Zeit eine spezielle Rezeptur und etwas raffiniertere Kaffee-Kultur entwickelt haben könnte. Immerhin ist der Zusatz von Kardamom zum Kaffeepulver im Libanon sehr verbreitet. Und man ist ja auch in fortgeschrittenem Alter mitunter noch neugierig und experimentierfreudig. Warum nicht bei der Kaffeezubereitung. Ina musste sehr lachen.

Also wir saßen sehr gut, um solcherlei Gespräche zu führen und hatten sogar den Eindruck, dass die Tische mit dem größeren Abstand geradezu ideal stehen. Zu früheren Zeiten war es schon sehr dicht an dicht, und immer eine gewisse Gefahr, beim Aufstehen die Gäste am Nachbartisch anzurempeln. Wenn es mit den enger gestellten Tischen auch schneller vertraulich wird, und die Unterhaltung vom Nachbartisch gerne mal launig übergreift. Was auch Schönes hat. Aber gestern waren wir uns erst einmal genug. Es gab viel zu erzählen,

Wir hatten beide richtig Hunger und Lust auf das Entrecôte mit Frites und Béchamel und grünen Bohnen. Ausnahmsweise trank ich mal keinen Wein, sondern zwei Königs Pilsener, die dort klassisch in vernünftigen Gläsern serviert werden. Da bin ich ja empfindlich. Diese Unkultur aus einer Bierflasche zu nuckeln, ohne sich akut im Rippenunterhemd auf einer Baustelle zu befinden, ist mir befremdlich, um nicht zu sagen, es stößt mich ab. Da bin ich sehr altmodisch und konservativ. Wir wurden gut umsorgt gestern, es war angenehm. Ich werde immer empfindlicher, was die Qualität offener Weine in Lokalen angeht, und eine ganze Flasche von einem richtig guten Wein bestellen, kommt einem oft so teuer vor, obwohl es dann unterm Strich nicht mehr kostet, als sechs einzeln bestellte Gläser.

Aus dem Augenwinkel sah ich Wolfgang Joop nach draußen in die späte Abendsonne treten, er wirkt jetzt im höheren Alter vom Blick her altersmilde, verglichen mit früher, irgendwie weicher. Ein Buch von ihm, sein letztes, „Die einzig mögliche Zeit“, liegt seit Monaten auf meinem kleinen Stapel ungelesener Bücher. Ich mag seine Schreibe sehr.

Ina wollte mich eigentlich unbedingt gerne heimfahren, aber als wir gerade beim Aufbruch waren, stand plötzlich ihr Vertrauter und mir auch Bekannter an unserem Tisch und hatte sich ruckzuck auch schon einen Grünen Veltliner bestellt und lächelte uns gesellig an. Ich war jedoch schon etwas bettschwer und räumte gerne den Platz für eine weitere Runde der beiden. Ich wäre die Letzte, die jemanden zum Aufbrechen nötigt, wir sind ja nicht verheiratet. Mir sind eher Leute suspekt, die wegen ihrer gewohnten Schlafenszeit vor Mitternacht eine gesellige Runde verlassen. Aber das ist ja alles typbedingt und individuell. War eher untypisch für mich, dass ich gestern schon um halbzwölf in Stimmung war, heimzufahren.

Mit der S-Bahn habe ich eine unkomplizierte Verbindung von dieser Ecke in Charlottenburg zu mir heim nach Mitte. Vom Bahnhof Zoo direkt durchfahren bis zum Hackeschen Markt, elf Minuten Fahrzeit. Kann man nicht meckern. Fotos wurden gestern nicht gemacht, ich habe aber zwei alte Aufnahmen gefunden, auf denen ich anhabe, was ich gestern auch anhatte, das Fransenoberteil und ein Mäntelchen mit gewebten Ozelotmuster. Fotos von früher eben, 16. September 2015 und 3. Juni 2016. Zweimal anziehen ist okay.

*)„Web“ wie Webstuhl

3 Antworten auf „12. Juni 2020

  1. Ja, zweimal tragen ist okay. Bei dem tollen Outfit auch ein drittes Mal. Ich fühlte mich in meinem cremefarbenen Anzug überaus wohl.

  2. Den hätte ich natürlich erwähnen müssen, den sehr schönen und auch farblich mit mir korrespondierenden Anzug, in Verbindung mit dem schwarzen T-Shirt darunter!

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