Aus meinem goldenen Notizbuch XXXIX. 13. August 2020

„S-Bahn Richtung Zoo, Mann mit Armprothese. Gute Körperspannung. Attraktiv.“

Ich saß in einer Entfernung von ca. fünf Metern, schräg gegenüber eines Fahrgastes, der am Hauptbahnhof zugestiegen war und sich schwungvoll hingesetzt hatte. Alter etwa zwischen Anfang und Mitte Vierzig. Kurzhaarschnitt, dunkelhaarig, ganz leicht ergraut, schwarzer Mund-Nasen-Schutz. Athletisch, sportlich durchtrainiert wirkender Körper. Elegant knappe, gezielte Bewegungsabläufe. Er trug eine blauschwarze Baumwollhose, gut geschnitten, keine Jeans, ein hellblaues, unfassbar perfekt sitzendes Hemd, das die durchtrainierten Schultern und die Brustmuskulatur zur Geltung brachte, die Ärmel vollendet hochgekrempelt. Gute Halbschuhe aus feinem Leder.

Auf den Knien hielt er einen hochwertig wirkenden, ledernen Aktenkoffer, cognacbraun. Er stellte den Koffer senkrecht, um ihn zu öffnen. Er hielt ihn mit der linken Hand und öffnete ihn mit der rechten. Ganz flüssige, geschmeidige Bewegungsabläufe.

Dann erst fiel mir auf, dass die linke Hand, die den Koffer hielt, aus einem hellen, weißgrauen Kunststoff war, leicht transparent, wie Milchglas, schlanke Finger, wie an der rechten Hand. Der Unterarm hatte eine andere Farbe, er war aus schwarzem Kunststoff. Ich konnte nicht sehen, ob der Kunststoffarm in den Oberarm überging, vielleicht war er an der Stelle vom Ellbogengelenk angebracht, wo der hochgeschlagene Hemdsärmel aufhörte.

Ich war sehr fasziniert von der Erkenntnis, dass an dem Anblick nichts unangenehm war. Die Armprothese, die auch noch farblich wie abgestimmt auf seine Kleidung erschien (oder die Kleidung auf die Prothese), nahm ihm nichts von seiner Attraktivität. An der rechten Hand, die seine eigene war, steckte ein Ehering. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, aber der Schwung der Augenbrauen und der konzentrierte Blick ließ Attraktivität und Intelligenz vermuten.

Mir wurde klar, dass nicht die perfekte Vollständigkeit von Gliedmaßen einen Körper anziehend macht, sondern die Dynamik des Bewegungsablaufes, die Körperspannung. Vielleicht hat er den Arm bei einem Sportunfall verloren. Er wirkte eher wie ein geistiger Arbeiter, der gerne Sport treibt, nicht wie ein Handwerker. Ich glaube, das Wort Invalide ist in unserer Zeit – zum Glück – nicht mehr gebräuchlich. Als „ungültig“ bewertet zu werden, weil einzelne Körperteile nicht vorhanden sind, ist unangemessen. Dieser Mann war nicht nur eine gültige, sondern eine mustergültige Erscheinung und eine bemerkenswert attraktive dazu.

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