12. September 2019

In zwei Minuten (muss ganz bald schlafen gehen) schaffe ich keinen grandiosen Eintrag. Es gibt aber einen neuen Vermerk in meinem goldenen Notizbuch, und da Jens mich nun schon zweimal in den letzten zwei Wochen darauf ansprach, wann denn mal wieder ein Eintrag aus dem Goldenen Notizbuch käme, hatte ich gestern die Augen auf und fand etwas Bemerkenswertes. Wieder einmal in der S-Bahn, morgens.

Aus meinem goldenen Notizbuch XXX.

  1. Sept. 2019:

„S 7 Hackescher Markt – Zoo
Klassenausflug (Jungs + Mädchen) belegen einen halben Waggon, 9 Jahre alt, 3 Freundinnen sitzen ganz eng, halten Händchen. Zu dritt! Und unterhalten sich + kichern. Die ganze Zeit die Patschhändchen zusammen, so süß!“

Zuerst dachte ich mir beim Betreten des Abteils so, ob das alles so angemessen ist, dass diese jungen gesunden kleinen Menschen mindestens die Hälfte aller Sitzplätze einnehmen, während ältere Zusteigende wie ich stehen müssen, ob sie übermüdet und vom Alkoholgenuss des Vorabends geschwächt sind oder nicht. Dann fand ich nachsichtig zu dem Gedanken, dass es die Aufpasserinnen oder in dem Fall Lehrkräfte (zwei Frauen) ja auch nicht leicht haben, die Rasselbande unter Kontrolle und im Überblick zu behalten, da ist das eine vereinfachende logistische Maßnahme. Ich erfreute mich dann an den zum Teil sehr hübschen und anmutigen jungen Menschen. Stellte zum Beispiel fest, dass mir trotz des sehr jungen Alters schon auffiel, wer mir als erwachsener Mann voraussichtlich mal vom Typ her gefallen könnte. Einen fand ich besonders interessant, auch die Haarfarbe gefiel mir.

Aber dann wanderte mein Blick in die andere Richtung, wo lauter Mädchen nebeneinander saßen. Immerhin haben sie sich so dicht hingesetzt, dass auf zwei Plätzen drei Mädchen Platz fanden. Sie hatten keinerlei Berührungsängste oder Animositäten untereinander. Bei Erwachsenen ist ja doch eher der Wunsch, leicht separiert vom Nachbarkörper zu sitzen, außer es ist eine sehr gute Freundin. Beim Geliebten ja sowieso, das muss nicht weiter erklärt werden. Was mir aber als so bemerkenswert auffiel, war das Händchenhalten von drei Freundinnen, die eifrig miteinander plauderten und kicherten und sich von Herzen gerne hatten. Die Selbstverständlichkeit, wie die beiden Mädchen rechts und links von der Freundin in der Mitte, ihre kleinen Hände auf die Hand der mittleren Freundin legten. Die ganze Zeit, so selbstverständlich, wie man es sieht, wenn ein Brautpaar heiratet, die Hände aufeinandergelegt werden, und der Priester zum Segen auch noch seine Hand auf die beiden legt. So sind sie durch Berlin gefahren. Von der Ost- in die Westcity, ganz selbstverständlich.

Unvorstellbar, dass drei erwachsene Freundinnen so in der S-Bahn sitzen würden. Schade eigentlich. Man wäre gleich im Blickpunkt und die Mitfahrer würden überlegen, ob man erotisch verbandelt ist oder in einer Sekte oder dergleichen. Es war ein schöner Anblick, so ein unschuldiger, inniger Ausdruck von Freundschaft. Weil ich neugierig war, wie alt die Kinder sind, habe ich mir gestattet zu fragen, welche Altersgruppe die Kinder sind, die eine begleitende Lehrerin stand direkt neben mir und tauschte sich mit der anderen über die Vorgehensweise beim Aussteigen am Bahnhof Zoo aus, welcher Teil der Kinder welchen Ausgang nehmen soll. Die Lehrerin beantwortete meine Frage nicht selbst, sondern nahm die Frage zum Anlass, die ihr am nähesten sitzenden drei Kinder zu fragen, wie alt sie sind. Sie wusste es bestimmt, aber wollte die Kinder einbeziehen. Zwei mussten ein bißchen überlegen, eine sagte „Neun!“ Die anderen nickten dann. Also Neun. Manche vielleicht auch erst Acht aber bald Neun.

Das fand ich sehr interessant. Ich hätte nämlich gedacht, dass es noch etwas jüngere Kinder sind, so zwischen Sechs und Sieben. Da habe ich wohl von alten Fotos von mir selber von meiner Einschulung oder der ersten Klasse auf diese Berliner Kinder im Jahre 2019 geschlossen. Ich war ein recht großes Kind, immer das größte Mädchen in der Klasse. Manchmal war es mir sogar peinlich, weil ich damit ein bißchen Außenseiterin war. Ich war ja trotzdem nicht weiter entwickelt, noch dazu extrem schüchtern. Später habe ich Frieden damit geschlossen, dass ich hundertachtzig Zentimeter groß bin. Oder war.

Neulich bei der zweiten Untersuchung zur Charité-Studie, wo ich seit vier Jahren Langzeit-Probandin zur Erforschung von Volks- und Ziviliationskrankheiten bin, wurde ich (u. a.) wieder gemessen und gewogen. Das Gewicht wollte ich gar nicht wissen, solche Zahlen machen einen nur nervös. Aber die Größe hat mich schon interessiert, weil man angeblich wieder kleiner wird, wenn man ein bißchen älter ist. Ich habe mich ordentlich gereckt, und trotzdem waren es nur knapp 178 Zentimeter. Das hat mich ein bißchen geärgert. Es war aber schon Nachmittag, und ich habe schon mal bemerkt, dass man unterschiedlich groß ist, je nach Tageszeit. Am nächsten Tag habe ich mich dann gleich nach dem Aufstehen gemessen und einen Strich an den Türrahmen gemacht und das Maßband hat original 180,7 Zentimeter angezeigt, wie damals, als ich halb so alt war! Das hat mich erleichtert. Meine Freundin Sabine hat mir dann erklärt, dass das etwas mit Wasser in den Bandscheiben zu tun hat, das über Nacht eingelagert wird, und sich im Laufe des Tages dann wieder abbaut. Meinethalben. Mir egal. Hauptsache ich schrumpfe nicht zum Zwerg! Man fühlt sich einfach jünger, wenn körperlichen Gegebenheiten so bleiben, wie sie schon zu jungen Zeiten waren.

Jetzt muss ich aber wirklich schlafen gehen. Ich habe kein perfekt passendes Foto zu dem Eintrag parat, aber vor ein paar Jahren immerhin mal ein paar kleine Jungs in der S-Bahn eingefangen. Also nicht ganz am Thema vorbei.

09. September 2019

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Ich war vor einer Woche in meinem Atelier und hatte nach Ewigkeiten die Kamera dabei – hatte ich ja berichtet. Und da war dieses eine unscharfe Bild von der einen rot und orange gestreiften Ecke, wo man sich hinlegen kann. Also ich mich hinlegen kann – weiter legt sich da ja keiner hin, ist ja kein Hotel. Ich habe das blöde unscharfe Bild dringelassen, zum steten Gedenken, dass ich die Bilder ohne Lesebrille auf der Nase gemacht habe. Das hat mich dann aber doch gefuchst, dass ich gerade die Ecke so unzulänglich erwischt habe. Ein paar Tage später habe ich noch mal die Kamera mitgenommen, eigentlich nur um von dieser einen Ecke wenigstens ein scharfes Bild zu machen. Aber dann ja – dann… fiel mir auf einmal auf und ein, welche Ecken ich ja außerdem auch nicht fotografiert hatte. Dann ging es wieder los. Kurz und gut, ich habe noch mal mindestens genauso viele Bilder gemacht wie ein paar Tage zuvor, am ersten September. Jetzt ist es aber auch gut. So gut wie alle wieder in Farbe. Nur für diesen Eintrag hab ich zwei in Schwarzweiß, aus Nostalgie. Es waren ja viele Menschen über einen langen Zeitraum überzeugt, ich würde nur schwarzweiße Fotografien machen. Dass die Aufnahmen aus meiner Werkstatt nahezu ausnahmslos in Farbe sind, liegt daran, dass ich Farben liebe, und zwar alle. Ich konnte die Farbigkeit ja selbst bestimmen, wie der liebe Gott. Wenn Farben grandios sind, habe ich kein Interesse, die Farbe bei einer Fotografie zu unterschlagen. Das war schon immer so. Ich habe jedoch in der Vergangenheit häufig Bühnensituationen eingefangen, die sich selten durch eine stimmige Farbdramaturgie bei Bühnenlicht und Bühnenkleidung ausgezeichnet haben, daher häufig die Reduktion auf Wesentliches in Schwarzweiß. Wer einen weiteren detailverliebten Spaziergang durch meine bunte Werkstatt machen möchte, hat nun noch umfassendere Gelegenheit herumzuflanieren und zu stöbern. Hier die ganze neue Strecke mit weiteren Winkeln und Zeug aus allen Himmelsrichtungen. Nur die Stuckdecke hab ich nicht fotografiert. Na ja – Mut zur Lücke heißt es ja immer – der Stuck ist ja nun auch nicht mein eigenes Werk. Jetzt ist die Kamera wirklich wieder im Ruhestand. Bis zu einem schönen, unbekannten Tag.

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05. September 2019

Ein sehr interessantes Filmdokument aus dem Jahr 1928! Damals war die Bildqualität ja noch sehr dürftig (Nitrofilm), aber die Damen verstanden sich wohl zu amüsieren. Offenkundig spielte auch Alkohol eine nicht zu unterschätzende Rolle bei diesem leicht bekleideten Tanzvergnügen in einem Charlottenburger Etablissement. Das wäre heute in der Form ja gar nicht mehr möglich. Aber machen Sie sich selbst ein Bild!

P.S. Wikipedia, Nymphe:

„Eine Nymphe (altgriechisch Νύμφη nýmphē „Braut, junge Frau, heiratsfähiges Mädchen“) ist in der griechischen und römischen Mythologie ein weiblicher Naturgeist. Im weiteren Sinne wird die Bezeichnung auch für Priesterinnen gebraucht. In der griechischen Mythologie sind Nymphen weibliche Gottheiten niederen Ranges, die als Personifikationen von Naturkräften überall auftreten und teils als Begleiterinnen höherer Gottheiten wie des Dionysos, der Artemis oder der Aphrodite, teils als selbstständig wirkend gedacht wurden. Sie galten als die – vorwiegend – wohltätigen Geister der Orte, der Berge, Bäume, Wiesen oder Grotten, sind aber nicht immer an dieselben gebunden, schweifen vielmehr frei umher (!), führen Tänze auf (!!), jagen das Wild, weben in kühlen Grotten, pflanzen Bäume und sind auf verschiedene Weise den Menschen hilfreich. Geräuschvolle Tätigkeiten der Menschen meiden sie aber. Nymphen galten wie die Menschen als sterblich. Sie sollten allerdings wesentlich länger leben – bis hin zu Fast-Unsterblichkeit und ewiger Jugend.(!!!)“

02. September 2019

Heute lüfte ich zwei Geheimnisse. Das erste Geheimnis ist, wie ich aussehe, und das zweite Geheimnis ist, wo ich mich herumtreibe. Gestern habe ich zum ersten mal seit fast einem Jahr meine Kamera aus dem Schrank genommen, um wenigstens einmal in diesem Jahr, am Geburtstag, ein Foto zu machen. Ich hatte dann nach anfänglichem Fremdeln doch recht schnell wieder den Bogen raus und hatte fast ein nostalgisches Gefühl, ich fühlte mich direkt jünger, es wurde dann doch nicht nur ein Foto.

Und dann bin ich in meine Werkstatt gefahren, mein kleines Atelier in der Schierker Straße. Ich hatte die Kamera in der Tasche und erst vor, vielleicht mal eine flotte Filmsequenz durch alle Räume zu machen, aber dann war noch der Foto-Modus drin und ich habe wieder angefangen Fotos zu machen. Weil ich es noch so in Erinnerung hatte, habe ich die Fotos ohne Brille auf der Nase geschossen, deswegen ist auch ein super verschwommenes dabei, das von der roten Sitzecke mit den Kelimkissen. Ich habe es in der Reihe gelassen. Ein historisches Dokument meiner Eitelkeit! Dabei wäre die Ecke so fotogen, so ein schlechtes Foto hat sie nicht verdient. Ich habe dann mal schnell in alle möglichen Ecken fotografiert, aber doch nicht alles eingefangen, aber schon eine Menge. Das ist also der Ort, an dem ich den größten Teil meiner freien Zeit verbringe, seit einem Jahr nun schon.

Es ist ein besonderer Ort, man vergisst vollkommen, in welchem Bezirk man sich befindet, das Einzige was der Kultur der näheren Umgebung entspricht, sind die orientalisch gemusterten Fliesen auf dem kleinen Balkon. Einige Freundinnen habe ich in diesem Sommer schon auf den Balkon eingeladen, wir haben dann getrunken, gegessen und geplaudert, und ich habe erzählt, was ich mir bei den Sachen gedacht habe, die ich dort fabriziert habe. Bzw. nicht gedacht. Mit Denken hat das nicht so viel zu tun, was ich da treibe. Am besten gefällt mir immer, wenn mir jemand erzählt, was beim Betrachten so durch den Kopf geht. Sehr interessant.

Ich erzähle dann auch gerne, dass ich eigentlich immer nur aufräumen will, dann fällt mir beim Ausmisten was in die Hand, das zu schade zum Wegschmeißen ist, aber auch keinen rechten Sinn mehr ergibt. Wenn es sich dabei um Metall handelt oder goldfarbene Teile, muss ich daraus irgendwas Glamouröses fabrizieren. Damit also nicht immer nur von meiner Werkstatt die Rede ist, sondern auch mal was zum Anschauen vorhanden, habe ich gestern ausnahmsweise diese Bilder gemacht, zur Feier des Tages. Jetzt ist die Kamera wieder in ihrem Versteck und darf weiter ausruhen, bis zum nächsten September. Hier sind die vielen bunten Fotos von gestern versteckt.

02. September 2019

Diese exorbitante Hortensie hat mir gestern Ina mitgebracht, sie stammt aus ihrem Garten. Tolles Ding, ein Blumenstrauß mit hundert Blumen aus einem Blumenladen hätte mich nicht mehr begeistern können. Steht jetzt auf meinem kleinen Balkon hintenraus zum Hof, da hat sie ein bißchen Schatten, den sie mag.

31. August 2019

Mein Gourmet-Rezept für heiße Sommertage:

Zutaten:
1 Apfel
1 Kühlschrank

Zubereitung:
Kühlschranktür aufmachen, Klappe vom Gefrierfach öffnen, Apfel reinlegen, Klappe vom Gefrierfach zuklappen, Kühlschranktür schließen, ca. 30 Minuten warten, Kühlschranktür aufmachen, Klappe vom Gefrierfach öffnen, Apfel rausholen, Klappe vom Gefrierfach schließen, Kühlschranktür zumachen, essen. (funktioniert auch mit Ananas, Pfirsich, Nektarine und Birne!)

27. August 2019

🖤 …wie sie Marylin ausspricht, so schön: „Maariilin“. Bin sehr verliebt in B.B. Immer schon. Lese gerade ihr letztes Buch, so eine Herzenskriegerin für Mitgefühl mit allen Lebewesen. Menschen übrigens inbegriffen. Sie kümmert sich auf dem Friedhof in Saint-Tropez auch um einige Gräber von Menschen, die keinen mehr haben, damit sie nicht verwahrlosen… Gräber von Menschen, die sie gar nicht gekannt hat. Das sagt doch schon alles.


25. August 2019

The Adagio from Rachmaninoff’s Symphony no.2, Op.27, performed by the Philadelphia Orchestra conducted by Eugene Ormandy, recorded in April 1959. The recording is accompanied by a collection of home movies of Rachmaninoff and his family.

„(…) Nach Auftritten in Schweden und Dänemark erhielt Rachmaninow mehrere Angebote als Dirigent in den USA. Doch entschied er sich gegen eine verpflichtende Angestelltenposition und für die freie Arbeit als Pianist. Er wurde zu einem der begehrtesten und bestbezahlten Klaviervirtuosen seiner Zeit. Rachmaninow wurde als Star gefeiert. Seine Vermögensverhältnisse gestatteten ihm einen luxuriösen Lebensstil, alle Hausangestellten waren Russen. 1942 erwarb Rachmaninow ein Grundstück in Beverly Hills, 610 Elm Drive. Die Konzertreisen in den 30er Jahren hatten ihre Spuren bei ihm hinterlassen, mehr noch sein Zigarettenkonsum. Das Ende kam schnell, Rachmaninow verstarb kurz vor seinem 70. Geburtstag an Krebs. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Kensico-Friedhof in Valhalla (New York), wunschgemäß an der Seite seiner Gattin und seiner Tochter.“

21. August 2019

Wirre Träume, aber das sind sie ja immer. Und viel zu tun. Auch das hat man immer. Denkt man. So lange man es sich gedankenlos bereitet, dieses viele Tun. Es kann. Man könnte sich auch völlig ausklinken, von Stütze leben. In Ecken und auf Bänken sitzen. Wie im vorzeitigen Ruhestand. Will man auch nicht. Nicht jammern. Wenn man alle Bewegungen schmerzfrei ausführen kann, ist man in einer guten Ausgangsposition für schöne Erlebnisse. Das ist wirklich wahr, und man muss es sich zu Gemüte führen. Ich nehme in den kommenden Tagen und Wochen wieder verschiedene Sachen wahr, die einen etwas experimentellen Charakter haben. Kann sein, dass ich es dann doch nicht so aufregend und interessant finde. Aber Experimentieren an sich ist immer eine Reise zu einem unbekannten Kontinent, das liebe ich. Besonders, wenn es möglich ist, ohne ein Flugzeug zu besteigen.

Ich experimentiere mit chemischen Verbindungen und starker Hitze in meiner Werkstatt, was im Idealfall etwas zutage fördern soll, was mir noch nicht in Vollendung gelungen ist. Man könnte denken, ich versuche die Formel für Gold zu entschlüsseln, aber es geht nur um schlichte Zellbildung mit Silikonöl und Acryl. Ich werde diese Nuss knacken! Nummer Sieben hatte immerhin einen winzigen Erfolg. Das Experiment wird auf kleineren Leinwänden ausgeführt, und in allen Fällen kam etwas Interessantes, wenn auch völlig Anderes dabei heraus. Nennt sich auch Serendipity (googeln).

Ein weiteres Experiment ist mein Versuch, die UFA davon zu überzeugen, wieder zum Stummfilm zurückzukehren. Diese Sache mit dem Tonfilm ist doch nun wirklich ausgereizt! Neulich bei meinem Casting in Babelsberg wurde auch wieder einwandfrei der Beweis erbracht, dass diese Text-Aufsagerei vor laufender Kamera keine Zukunft hat. Das ist doch künstlerisch völlig irrelevant! Ich lasse in meinem Bestreben auch nicht locker, und werde daher in den kommenden Wochen eine aktuelle Produktion mit meinen versierten Stummfilmdarbietungen unterwandern. Am Samstag geht’s los, ich gebe zunächst einen Gast in einem Vergnügungsetablissement in Tempelhof.

Was dann nächste Woche dran ist, weiß ich noch nicht, aber man hält mich auf dem Laufenden. Nun ja. Steter Tropfen höhlt den Stein! Hauptsache, ich habe keinen Text. Arbeitstitel dieser Tonfilmsache ist „Rampensau„. Man darf dann ja niemals nicht berichten, was genau gedreht wird, aber ich bin ja nicht nur eine ausgefuchste Stummfilmdiva vom alten Schlag, sondern auch eine mit allen Wassern gewaschene Alt-Bloggerin, die schon einen Weg finden wird, die eine oder andere Beobachtung am Set ordnungsgemäß verschwurbelt an den Leser und natürlich die Leserin zu bringen. Wär ja schade drum!

Mein drittes Experiment ist, herauszufinden, ob es am Set den einen oder anderen Mitarbeiter gibt, der mich irgendwie anspricht und motiviert, auch am nächsten Tag vollen Einsatz vor der Kamera zu zeigen. (ich berichte. Clark Kent hat sich ja nun nicht mehr bei mir gemeldet, ich hoffe, der gute Tropfen hat ihm geschmeckt, mit seiner Freundin oder wechselnder Begleitung, whatever.)

Hier übrigens mein Stummfilmprofil bei der guten alten UFA.

14. August 2019

Edeka, Gr. Hamburger, Ecke August, Kasse. Lege Zeug aufs Band. (scanscanscan).

„Einundzwanzig Uhr Fünf.“

„So spät?“

„Ab ins Bett!“

„Ja…. gleich….“

Na gut, der Kassierer kennt mich vom Sehen. Vom Einkaufen halt. Aber auch andere Kunden kriegen seine kleinen Kalauer ab. Ich bilde mir aber ein, dass er sich bei bekannten Gesichtern ein bißchen mehr herausnimmt. Er hat ein lustiges Gesicht, er hat auch immer gute Laune bzw. er sorgt dafür, dass er gute Laune hat (oder so ähnlich). Das übertragt sich auf die Kundschaft. In dem Edeka ist immer gute Laune. Ich gehe gerne hin. Ich kaufe auch gerne Geld. Also einkaufen für zwanzig Euro und dann Bargeld mitnehmen. Das fühlt sich an, als hätte man Geld dafür gekriegt, dass man einkaufen war, das gefällt mir total gut, auch wenn es ja nicht stimmt. Aber gefühlt! Mir ist vorhin auch klar geworden, wieso ich Witzeleien im Alltag unterhaltsam finde, auch wenn sie ein bißchen platt sind, aber dieselben Sprüche auf einer Bühne zum Augenverdrehen. Wenn der Kassierer Quatsch mit mir macht, will er mich ganz persönlich auf den Arm nehmen und erheitern, es ist auch immer ein bißchen individuell. Er möchte an der guten Kundenbindung zu mir arbeiten, dafür gibt er alles und reagiert auch sehr individuell und aufmerksam auf meine Antworten. Es ist sozusagen ein Unikat. Wenn einer auf der Bühne kalkulierte Kalauer in die Menge wirft, ist das so eine Massenabfertigung, die meinem Wunsch nach Exklusivität, also dem kunsthandwerklichen Einzelstück nicht gerecht wird. Wenn der Mitarbeiter vom Edeka der übernächsten Kundin den Preis auch als Uhrzeit sagt, kriege ich das ja nicht mit. Niemals würde er unmittelbar der nächsten Kundin den gleichen Spruch verpassen. Dafür hat er ein zu feines Gespür. Ich weiß das zu schätzen.

07. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXIX.
7. August 2019:

„S-Bahn, Bellevue – Zoologischer Garten, hübsches, kleines Mädchen, ca. 6 Jahre, lange blonde Haare, braun gebrannt, lächelt ihre Oma an. Sieht ihr superähnlich, wie geklont, nur älter. Opa strahlt auch. Enkelstolz! Herzerwärmend.“

Das Mädchen und ihre Großeltern (beide ca. Ende Sechzig) hatten richtig Freude aneinander. Aber das ist ja meistens zwischen Oma und Opa und den Enkelkindern der Fall. Wahrscheinlich sind sie auf dem Weg zu einem Ausflug, in Berlin scheint heute wieder die Sonne. So eine große Ähnlichkeit zwischen Enkelin und Oma! Beide hatten einen großen lachenden Mund und auch die Augenpartie total ähnlich, die Nase, alles. Oma hatte kein Make up, die Kleine natürlich auch nicht. Sechsjährige Mädchen malen sich ja noch nicht an. Wenn Oma sich ein bißchen schminkt, sieht sie bestimmt klasse aus, ein guter Typ. Hatte auch längere blonde Haare. So entspannt kann Familie sein, wenn keiner unnötigen Stress macht. Weil keiner zu viel erwartet und nicht zu viel herumerzogen wird. Können sich Eltern mal eine Scheibe abschneiden. Ich bin absolut für wohlerzogene Kinder mit guten Manieren. Da ich selbst keine Kinder erzogen habe, kann ich natürlich viel phantasieren, wie meine Kinder, hätte ich sie gehabt, zu den guten Manieren hätten kommen können, ohne ständig angezickt zu ermahnen. Man lernt ja angeblich am meisten von den Vorbildern in der nächsten Umgebung, die einen am stärksten beeindrucken. Demzufolge hätte ich versucht, die Kinder so von mir zu beeindrucken, dass sie mich gerne nachmachen wollen. So fanmäßig. Schon schade, dass ich nicht so eine kleine putzige Gaga Nielsen produziert habe, ein kleiner Junge wäre auch schön gewesen. Na ja, hat nicht sollen sein. Schon schade! Aber dafür viel Freizeit gehabt, war auch schön. Ist immer noch schön.

05. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXVIII.
4. August 2019:

„U 8, 17:25 Uhr, Hermannplatz – Leinestraße. Alt-Rocker, Jeans, schwarz-weißes Shirt mit punkigem Plattencover, ca. Sechzig, schmal, schwarz gefärbte Haare, Augenringe, dunkle Zähne, Selbstgespräch (gut hörbar):

„Ich geh jetzt nach Hause.
Da eß ich Gulasch.
Denn kommt Susi.
Ich will nicht ficken.
Auch wenn Susi kommt.
Ich rauch nen Joint.
Ich freu mich auf mein Gulasch.
Ich hab Hunger.“


Monologe, die das Leben schreibt.

04. August 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXVII.
2. August 2019:

„Sophienstr., Gespräch 2 Frauen, Freundinnen. Die Eine: „(…) und dann erzählt Loke (? o. ä.) die ganze Zeit, dass der Mann so toll ist, so toll. Es ist jedesmal dasselbe, immer sind ihre Männer so toll. Und weißt du, warum? Weil sie es sich selber sagen muss, damit sie es selber glaubt!“
~
Dann indisch aussehende Frau, ca. 30, verstellt mir kurz den Weg: „Soll ich deine Aura lesen?“
~
S-B.: Telefonat v. „Daniel“ mit „Flo“ mitgehört („Börlund-Creme“)“

Die erste Notiz spricht für sich, Erläuterungen erübrigen sich.

Zur zweiten Notiz: die Aura-Leserin hob beschwörend die (sicher magischen) Hände in meine Richtung, als sie nach meinem Aura-Lese-Bedarf fragte. Ich war in Eile und antwortete: „Nein, bitte nicht!“ Sonst natürlich immer gerne. Ich lasse mir gerne sagen, dass ich eine strahlend weiße Aura habe, wie man sie nur von sehr alten russischen Ikonen kennt. Oder Jesus. Das hellt den Tag auch gleich auf, wenn man solche hübschen Sachen über sich hört. Ich hätte doch stehen bleiben können und ihr hundert Mark für ein paar nette Worte überlassen. Oder wie der Tarif eben gerade ist. Zu spät. Vielleicht ergibt sich bald wieder eine Gelegenheit, ich laufe da ja jeden Tag entlang.

Die dritte Notiz näher zu erläutern, ist eigentlich nicht ganz im Rahmen der guten Benimmregeln. Ich bin ja in vieler Hinsicht diskret. Aber wiederum für eine gute Geschichte kann man auch schon mal eine Ausnahme machen. Es ist ja nicht peinlich für Daniel. Im Gegenteil, er kommt sehr sympathisch rüber. Er saß mir also in der S-Bahn gegenüber und zückte nach einer Weile sein Telefon. Daniel ist ein ca. 37-jähriger, schlanker Mann und trug vorgestern in der S-Bahn sportiv-lässige Freizeitkleidung, dunkle Jeans und dunkles Hemd oder so. Kurzhaarschnitt, leicht grau meliert, also Einsprengsel, ansonsten brünett. Daniel meldete sich mit: „Hallo Flo, hier ist Daniel!“ Dann erklärte er den Grund seines Anrufes: „Du, sag mal, äh, ich brauche mal deine Hilfe. Ich möchte deiner Mutter zu unserem ersten Jahrestag etwas mitbringen.“

(Einschub von mir: ich vermute entweder gleichgeschlechtliche Ehe oder eingetragene Partnerschaft, wobei ich natürlich nicht weiß, ob Flo nicht auch eine Abkürzung für „Florentine“ oder „Flora“ sein könnte, der unsäuselige Ton ließ mich aber von einem Gespräch unter Männern ausgehen, vielleicht ist Flo aber auch der Bruder seiner Frau, also der Schwager, der weiß, dass Daniel mit „unserem Jahrestag“ den Hochzeitstag von Daniel und seiner Schwester meint)

Daniel weiter: „Und da dachte ich mir, damit es nicht wieder so ein Media-(Markt)-Gutschein wird, wäre eine Creme toll. Sie benutzt da doch sowas, hab ich mal im Bad gesehen, das steht irgendwas drauf wie Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Kannst du da vielleicht noch schnell was besorgen? Aber es eilt! Ist schon morgen!

(Einschub: wobei, wenn Flo und Daniel ein Paar sind, dann müsste Flo doch wissen, dass man sich morgen bei der Mutter von Flo trifft, wegen des Jahrestages. Oder hat Flo den Jahrestag nach so kurzer Ehe etwa schon vergessen? Das gäbe mir sehr zu denken!)

Daniel weiter: „Also ich dachte mir, damit es nicht so plump rüberkommt, könntest du sie fragen: „Du, ich bräuchte mal was für meine Haut, kannst du mir da was empfehlen? Was nimmst du denn so?“ Also wie gesagt, die Creme heißt Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Mit einem ö jedenfalls, schau doch mal! Das wäre ganz toll, und wenn nicht, wirds halt doch wieder ein Media-Markt-Gutschein! Danke dir, Tschüss!“

Die Schlussformel gibt mir zu denken, ein bißchen romantischer könnte man sich nach einem Jahr Ehe schon voneinander verabschieden. „Kuss“ oder ein geflüstertes „…ich dich auch“ sollte schon drin sein, unter jungen Eheleuten. Na ja, aber vielleicht ist auch alles ganz anders und Flo ist doch nur der Schwager, der nun hoffentlich dank fachkundiger Beratung bei Douglas oder Karstadt auf die „Börlund“ oder „Börlind“-Creme stößt. Hoffe, die Mutti von Flo freut sich angemessen und es war ein schöner Jahrestag!

31. Juli 2019

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Aus meinem goldenen Notizbuch XXVI.
31. Juli 2019

„S 9 (Friedrichstr. Fensterblick Schiffbauerdamm), kleiner Junge:
„DER Fluss, DIE Spree?“ (Papa nickt) Junge: DER Fluss, DIE Spree!“

Geheimnisvoll. Ist mir noch nie vorher aufgefallen. Wieso sind die meisten großen deutschen Flüsse Weibchen und nur wenige Männchen? Merkwürdig.

DIE Spree
DIE Havel
DIE Donau
DIE Isar
DIE Elbe
DIE Oder
DIE Mosel
DIE Weser
DIE Eger
DIE Leine
DIE Fulda
DIE Salzach
DIE Pegnitz
DIE Werra
DIE Saale
DIE Lahn
DIE Rednitz
DIE Ruhr

DER Rhein
DER Main
DER Neckar
DER Inn

29. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXV.
29. Juli 2019:

„S 7 (Stichwort „Fiffi“ (…)) Kleines Frauchen mit bedrucktem schwarzen Shirt, Schriftzug „Kampfherz“ (oder „Kämpferherz“), Haare zu Pferdeschwanz (hennarot gefärbt), herrischer Gesichtsausdruck, denke „Kampfhund“ wäre passender zur Kampfschnute.“

Das Mäuschen erinnerte mich an jemanden, der genauso gucken kann. Mit so einer gewissen verbissenen Zielstrebigkeit als Werkseinstellung, die sich als arroganter Zug ums trotzige Mündchen manifestiert hat. Sofern nicht gerade aus Opportunismus die charmante Version gespielt wird. Die Rolle wird jederzeit zielstrebig variiert, je nachdem, wer angespielt wird. Liebes Kind ist auch im Repertoire, aber nur für Leute, die man kalkuliert für sich einnehmen möchte, nicht etwa als Standard-Rolle für die gemeine Öffentlichkeit. Die unverstellte Version kann man dann sehr schön in Situationen wie öffentlichen Verkehrsmitteln beobachten, wo es halt nicht drauf ankommt, ob man sympathisch wirkt oder wie ein berechnendes Luder. Normalerweise verfasst ja auch keiner Blogeinträge über unbekannte S-Bahn-Passagiere. Da kann man sich dann nach Herzenslust gehen lassen. Der Charaktertyp kommt auch häufig ans von langer Hand geplante Ziel, die Rechnung geht meistens dann auf, wenn jemand etwas ordnende Struktur im Leben braucht. Dieser Typ bietet jede Menge Zielvereinbarung. Beurteilungsgespräche gehören aber auch zu diesem System, und das muss man mögen. Ich ja nicht. Weder die Rolle der Zielvorgebenden, noch der Zielempfängerin. Dementsprechend habe ich es auch nicht weit gebracht. Ich bin lediglich hingebungsvoll und eine treue Seele, Forderungen sind eine Fremdsprache, die ich wohl in diesem Leben nicht mehr lernen werde. Da mir der Zug eh unsympathisch ist, zumindest privat, ist das glaube ich kein so großes (Charakter)Defizit.

29. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXIV.
29. Juli 2019:

„U 8 – Frau mit langem schwarzen Kleid – Chiffon (3/4 Arm) mit weißen Polka Dots, großen (!) ICH WILL DIESES KLEID!“

Sie sah ganz bezaubernd aus, die Frau mit dem langen Tupfenkleid, viel attraktiver, viel besser als das unbedarfte Mädel auf dem Foto des Anbieters, das mit einer Duckfaceschnute staunend in die Kamera schaut, als wäre sie gerade aus tausend Jahren Dornröschenschlaf erwacht. Die Dame gestern Nacht in der U 8, sah nach sehr aparten, arabisch angehauchten Genen aus, eine wahre, schon etwas reifere Schönheit. Perfektes Make up, tolle Smoky Eyes, sinnlicher Mund ohne affektierte Schnute. Ein Blick, der schon viel gesehen hat. Und dann dazu dieses Kleid. Wow. Es hatte schon was von einer abendlichen Robe. Nun hab ich es doch im Internet entdeckt, aber noch nicht bestellt. Bin mir bei der Größenangabe unsicher. Da stimmt ja mitunter so gar nichts. Erst unlängst bei meinen zahlreichen Kaftanbestellungen festgestellt. Eine vorgebliche Größe L mit Zusatz 40/42 hatte dann die eindeutige Passform einer 36/38. Aber gerade zwei andere schöne Tupfenkleider gefunden und geordert. Wenn ich also hier das Bild von dem Anbieter von dem original U-Bahn-Tupfenkleid einklebe (extra eins gewählt, wo man die Schnute nicht sieht), ist das keine Kaufempfehlung, sondern schlichte Illustration. Bin ja keine Beeinflusserin, vulgo Reklametante. Der schöne Anblick hob meine Stimmung beträchtlich. Wenn das ein Kleid kann, gehört es in die Kategorie Kunst. Das schafft sonst nur Musik, Dichtung oder Malerei (…oder die Liebe).

27. Juli 2019

In diesen Tagen fiel mir wieder eines meiner Lieblingsgedichte in die Hand, es ist von Friedrich Rückert, aus dem 1822 veröffentlichten Gedichtband „Oestliche Rosen“, Zauberkreis. In meinem Atelier steht ein Koffer, darin sind Fundsachen, Reliquien aus Papier und auch einige Ausdrucke von diesem Gedicht.

Was steht denn auf den hundert Blättern der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern der Nachtigall?
Auf allen Blättern steht, was stehet auf einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet im ersten hat:

Dass Schönheit in sich selbst beschrieben hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben zu finden weiß.
Drum kreist um sich mit hundert Blättern die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern der Nachtigall

Ich gab Ina gestern eines mit auf den Heimweg, sie hatte mich am Abend besucht. Wir saßen auf dem Balkon und haben gegessen und Sancerre getrunken. Ich erzählte ihr unter anderem, dass ich für die letzte Physiotherapiestunde etwas für meinen Therapeuten vorbereitet habe. Wir sprachen, während er mich behandelte, über Musik und Dichtung und Malerei, aber auch über Essen und gute Getränke. Da er Sancerre nicht kannte und ich ihm einen bestimmten empfehlen wollte, beschrieb ich das Aussehen des Etiketts auf der Flasche. Das schien mir dann so umständlich, dass ich anbot, einfach eine Flasche zum nächsten mal mitzubringen, da ja außerdem auch sein Geburtstag vor der Tür steht. Ganz pragmatisch, es sollte nicht als Auftakt zu einer Verabredung rüber kommen. Er hob die Hände „ach nein, das ist wirklich nicht nötig“.

Kriegt er eben nur das Etikett von der guten Flasche, die ich neulich mit Jenny und Saskia auf meinem Balkon vernichtet habe. Das Etikett hat hinten so einen hartnäckigen Klebefilm, deswegen musste ich es auf ein Stück Papier aufkleben. Wäre ja nicht sehr angenehm, ihm so einen klebrigen Zettel in die Hand zu drücken. Da fielen mir die Blätter mit den Ausdrucken von Zauberkreis ein, und ich klebte das Etikett auf eine der Rückseiten, im Bereich, wo die Zeilen gedruckt waren, zufällig in dem gleichen Format formatiert, das die Größe des Etiketts hat. Hab es dann auf die Etikettgröße klein geschnitten. Ich hatte ihm bei einer der ersten Sitzungen auch von Rückert erzählt, er kannte ihn nicht, schien aber sehr interessiert.

Jetzt bekommt er eben zur letzten Sitzung Lernmaterialien mit auf den Weg. Dass ich außerdem auch noch eine Flasche von einem sehr guten Médoc besorgt habe, die ich ihm dann auch in die Hand drücke, wo er doch gerne Rotwein trinkt, ist ja wohl nicht völlig überzogen. Das macht man schon mal, wenn man von jemandem so lange behandelt wurde, als Geste des abschließenden Dankes, ohne Hintergedanken. Ist außerdem auch Lehrmaterial, da er Rioja mag und die von mir geschätzten roten Franzosen bislang kaum kennt, das kann er nicht ablehnen.

26. Juli 2019

Gerade sehr gelacht. Meine Freundin B. – heieiei – wir tauschten uns über die (Neuro)Marketing-Käuferkategorie „Hedonist“ aus, ich kam auf meinen Kaftan-Kaufanfall zu sprechen, was mich teilweise auch für diese Hedonisten-Etikettierung qualifiziert. Dann kam ihr die Erinnerung an ihre Schulzeit in den Siebzigern, wo sie auch mal verschiedene Kaftan-artige Modelle trug. Eins war mehr so eine Tunika, die gerade über den Hintern ging, aus so einem leichten Stöffchen mit viel Ornament am Ausschnitt. Es gab einen Klassenkameraden, der sehr stark an B. interessiert war, sie aber leider nicht an ihm. Als sie wieder einmal die kurze Kaftan-Tunika mit nackigen Beinen trug, nahm er sie beiseite und unterbreitete das Angebot:

„Wenn du DAS mal ohne Unterhose anziehst, kriegst du von mir HUNDERT Mark!“

25. Juli 2019

„Strawberrys, cherrys and an angels kiss in spring…. my summerwine is really made from all these things.“

Läuft gerade bei mir, liebe es – Summerwine von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra. Evereverevergreen.

25. Juli 2019

Eben gedacht, der letzte Eintrag liest sich ja doch etwas anstrengend. Vergessen, dass meine Leser nicht in mir drinstecken! Muss zu meiner Entlastung anführen, dass ich nur das Zeug abtippe, das mir gerade spontan durch den Kopf schießt. Wäre ja auch verwunderlich, wenn da jeder folgen könnte, die wissen ja alle gar nicht, was mir für Sachen passiert sind, die zu solchen Gedanken führen. Sorry. Wollte niemanden überstrapazieren, zumal bei den Temperaturen.

25. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXIII.
25. Juli 2019:

„Coca Cola-Reklametafel am Hackeschen: „ANGER CAN‘T DREAM – LOVE CAN“ (hm…) Meine Qualitäts-Kalauer-Arroganz. Literarische Befangenheit.“

Im ersten Moment beim Lesen des Coca Cola-Kalenderspruchs gedacht: „hübscher Gedanke“. Dann: „kommt darauf an, wie eng man „Träumen“ fasst. „Anger“ kann durchaus träumen. Das Ergebnis sind nur keine Schäfchenwolken, sondern dunklere Himmelsszenarien: Donner, Blitz, reinigendes Gewitter. Erdbeben. Sturmflut. Hurrikan. Reset. Ende und Neubeginn. Nach Waldbränden regeneriert sich der Waldboden, neben den verkohlten Baumstämmen sprießen irgendwann kleine junge Bäume und in irgendeinem kommenden Frühling überdecken zarte, maigrüne Blätter die kohlschwarze Erinnerung an den alten zerstörten Wald. Bestimmt hat der Kontrast auch eine eigene Schönheit, wenn im jungen Paradies Fragmente der Zerstörung wie ein Denkmal stehen. Wie eine Signatur vergangenen Lebens, spannende Narben. Kalendersprüche bilden selten komplexe Gedankengänge ab. Aber immerhin können sie wie der Coca Cola-Spruch dazu inspirieren. Abermals kam mir ein Zitat des Schriftstellers Hans Blüher in den Sinn (sinngemäß, finde es nicht mehr schwarz auf weiß): „Nur sehr seltene Menschen haben die Größe, das Verbrecherische in sich zu erkennen“. Christlich konditioniert gehören dunkle Träume nach-paradiesischer Zustände in die „pfui-pfui!“-Schublade. Es ist sowohl tabu destruktive Phantasien („Phantasie“, die Zwillingsschwester der Tagträumerei) in ausgeführte Handlungen umzusetzen, als auch den dunklen Gedankengang zu pflegen. Auch ich bin dagegen, schon aus Selbstschutz, da dunkle Gedanken Lebenszeit beanspruchen, die damit nicht mehr für schön und lustvoll Erlebtes (wenn auch nur in Gedanken) zur Verfügung steht. Man soll sich ja nur Substanzen hoher, vitaler Qualität einverleiben. Hat Costa Cordalis, Gott hab ihn selig, übrigens auch gewusst. Schlechte Energie sollte nicht durch Aufmerksamkeit geehrt werden. Das haben die Verursacher dieser dunklen Befindlichkeiten nicht verdient. Zu viel der Ehre. Aber sich einzugestehen, dass ein schmerzhafter Dorn in einem steckt, der auf zermürbende Art irgendwann auch Gefühle von Zorn verursacht, so dass man den Schmerz mit der Wurzel ausreißen möchte, auch gewaltsam, weil man es anders noch nicht geschafft hat, das einzugestehen, finde ich respektabel, ja mutig, weil man nur sehr selten dafür plakatives Verständnis ernten wird. In Zeiten der Mode-Weltanschauung Buddhismus wird einem zusätzlich mit schlimmen Karmapunkten gedroht. Ich halte nicht die andere Wange hin. Ich vergebe auch nicht, wenn Reue Fehlanzeige ist. Dann ist die liebevolle Bilanz nicht ausgeglichen.

Die Notiz „Meine Qualitäts-Kalauer-Arroganz“ bezieht sich auf die Erkenntnis, dass ich jedem, ob er es hören will oder nicht, mitteile, dass ich Kalauer hasse. Wenn ich mir aber den einen oder anderen Eintrag von mir anschaue, muss ich feststellen, dass mir kalauerende Gedanken und Einträge unterlaufen, die mir offenbar nicht zu blöd sind. Ich mache manchmal gerne Quatsch, also nun keine Streiche spielen, aber albern herumphantasieren. Gestern zum Beispiel berichtete ich stolz von der Eröffnung meiner – jetzt hätte ich fast geschrieben „Karma-Boutique“ (auch schön) – meiner „Kaftan-Boutique“. Also nur für’s Protokoll: ja, ich habe vorgestern mehrere Kaftane angeboten und auch Käuferinnen gefunden. Wir haben eben „Kaftan-Boutique“ gespielt. Wie man als Kind Doktor-Spiele gemacht hat. Warum ich dann einen ganzen Eintrag über ein albernes Spielchen (wobei echte Kaftane und echtes Geld im Spiel waren!) schreibe, das kaum einer, außer den beteiligten oder eingeweihten Damen nachvollziehen kann, wissen die Götter. Wahrscheinlich hat es mir gerade am nötigen Ernst gemangelt. Ich entschuldige mich dafür. Ich wollte Ihre Lebenszeit nicht damit vertun, unsinnige Mitteilungen zu lesen. Was ich tatsächlich gar nicht (mehr) mag, sind überbordende, vermeintlich kreative Wortspielereien. Ich liebe es, wenn jemand auf mich packende Weise Dinge mit bekannten und geläufigen Worten ausdrückt. Das ist eine ganz große Kunst. Wortspielereien sind schon arg Achtziger. „Friseur Hairlich“, „Unzumut-Bar“ etcetera. Wenn ein Kalauer öffentlich dargeboten wird, sollte für meine Ansprüche ein derart exorbitantes Amusement-Potenzial vorhanden sein, dass man sogar dann lachen muss, wenn man sich fest vorgenommen hat, keine Albernheiten zu tolerieren.

Zur Notiz „Literarische Befangenheit“ kann ich erklären, dass mir aktuell bei mir auffällt, dass ich gerne hier ein wenig detaillierter über gewisse Begegnungen berichten würde, mich aber nicht so recht traue, weil ich mir unsicher bin, ob ich diese Einträge dem Betroffenen gegenüber auf Dauer unter den Teppich kehren kann. Schade, da der Unterhaltungswert recht gut wäre. Also nur exclusives Material für Freundinnen-Gespräche. Wenn die nicht wären…! Man müsste ersticken. Sind nicht mal schlimme Sachen, aber dass ich hier überhaupt schon das Eine oder Andere geäußert habe – ohne dass der Betroffene davon Kenntnis hat, ist mir auf Dauer ein bißchen unangenehm. Die Einträge rücken ja irgendwann so weit nach hinten, dass bei Entdeckung von meinen kleinen Reportagen die Lust rückwärts zu blättern, irgendwann aufhört. Den Begriff „literarisch“ habe ich nur mangels eines passenderen Adjektivs benutzt. Ich sehe mich nicht als angehende Literatin, träume auch nicht von Romanveröffentlichungen oder dergleichen. Ich schreibe zur reinen Erholung, Spaß an der Freud. Erfundene Geschichten interessieren mich auch eher nicht. Ich liebe Autobiographisches. Die Wunderwelten der Realität!

24. Juli 2019

Eigentlich wollte ich den folgenden Eintrag veröffentlichen, bin aber nun am Schwanken, ob ich damit nicht die Persönlichkeitsrechte meiner Kundinnen verletze und womöglich gegen diese neue Datenschutzverordnung verstoße, sowie des unlauteren Wettbewerbs durch nicht gekennzeichnete geschäftliche Werbung bezichtigt werden könnte:

„Gestern sehr erfolgreich meine hochexclusive Kaftan-Boutique in der südlichen Westberliner Innenstadt eröffnet. Die Geschäfte liefen gleich ganz hervorragend, man hat mir die Premium-Modelle aus der Hand gerissen. Unter anderem dieses schöne Exemplar. Der große Geschäftsabschluss wurde dann noch mit einem (bzw. mehreren) guten Tropfen mit meinen prominenten Kundinnen aus der Film-, Fernseh- und Musikbranche gebührend gewürdigt. Als Geschäftsfrau zeige ich mich stets offen und flexibel und gehe mit meiner Stammkundschaft auch schon mal geschäftlich nach Ladenschluss schön essen und selbstverständlich gerne auch noch mit ins Nachtlokal. So lässt sich arbeiten! Individuelle Öffnungszeiten auf Anfrage.“

Nun möchte ich auch vermeiden, dass man mir vorwirft, man habe ja nichts davon gewusst und würde auch gerne zum Kundenkreis zählen. Ich bin momentan stark verunsichert, was hier angemessen sein könnte. Um die Modelle noch besser repräsentieren zu können, habe ich mir auch gleich noch dieses aparte hellblaue Modell in meiner Größe beim Zulieferer meines Vertrauens bestellt. Sollten Sie demnächst hochexclusive Kaftane in den Bildstrecken von Gala und Bunte entdecken, können Sie davon ausgehen, dass diese aus meiner Berliner Kaftan-Boutique stammen!

23. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXII.
23. Juli 2019:

„Hackesche Höfe, Frau mit Hund (Gassi), strubbelige kurze Haare, kein Make up, müder Ausdruck, Shirt silberweißer Satin, Blickfang (unschöner Kontrast). Gedanken über alten Z.-Artikel (B.Z.) v. 2009, „Männer bevorzugen Barbie“ angebl. steht die Kombi großer Busen, schmale Hüften für d. größte Fruchtbarkeit (?!?). Seit wann bitte „schmale Hüften“? Ich dachte viel Busen, schmale Taille, weibl. Hüften, also „breitere“? V. wg. „gebärfreudiges Becken“. Welche Studie???“

Die Gassigängerin lenkte durch ihr glamouröses, elegantes, langärmliges leichtes Satinshirt in silberweiß, meinen Blick auf sich. Ich war perplex, wie ungepflegt der Kopf wirkte, der aus dem Ausschnitt guckte. Die helle Hose passte auch sehr gut zum Shirt. Vielleicht ein hurtiger schneller Gassi-Gang vorm Fertigmachen für den Weg zur Arbeit. Vielleicht habe ich nur das Zwischenstadium sehen dürfen. Wenn es die ultimative Version gewesen sein sollte, täte es mir leid. Wenn ich einen Tag habe, an dem ich mich zum Verstecken fühle, kommt mir nur in den Sinn, mich entweder zu verstecken oder sehr unauffällige Sachen zu tragen, weil ich nicht fokussiert werden will. Da ich kein Hündchen habe, muss ich auch nicht zu einem fremdbestimmten Zeitpunkt dringend vor die Wohnungstür. Meine sonstigen außerhäusigen Termine sind mir ja allesamt bekannt. Ich bin ja nicht die Modepolizei, aber mir kann so ein Anblick richtig wehtun. Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen zurechtmachen, um das Stadtbild in seiner Gesamtheit aufzuwerten. Aber in dem Fall war sicher Stress im Spiel.

Dann fiel mir am Wochenende beim Sichten meines Materialköfferchens ein zehn Jahre alter Zeitungsartikel in die Hand, er bezog sich auf eine Ankündigung einer Lesung von Helge Timmerberg, zu der ich ging, und er signierte mir lachend die B.Z.-Seite. Hab ich aufgehoben, weil es noch ein schöner Abend war. Auf der Rückseite war ein Artikel über den von den meisten Männern angeblich bevorzugten Frauentyp. Blonde lange Haare, blaue Augen, großer Busen, schmale Hüften. Lange Beine vermutlich auch noch. Also wie die klassische Barbie-Puppe. Der Punkt mit den schmalen Hüften beschäftigt mich immer noch. Bislang kannte ich die Version, dass die Eieruhrfigur, also ordentlich Oberweite, gut erkennbare eher schmale Taille und gerne rundliche, breitere Hüften das Ideal für die Frau der Wahl in Sachen Fortpflanzung wäre. Wann hat sich das denn geändert?

Vielleicht war es eine Studie von der B.Z. höchstpersönlich. Womöglich eine Leserumfrage. Leser vielleicht, die das in Werbung und Medien verbreitete Ideal einer schlanken, langhaarigen Frau mit unübersehbarer Oberweite verinnerlicht haben und mittlerweile mögen. Für Modelzwecke werden ja häufig schmalhüftige, ja knabenhafte Frauen gebucht, da Brustvergrößerungen seit einigen Jahren zunehmen, könnte sich damit die von der Natur eher selten gebaute Konstruktion knabenhaftes Becken mit großen Brüsten ergeben. Wenn die Modelmädchen hart an der Size Zero arbeiten, damit die Beine schön schlank sind, nimmt ja meistens die Oberweite ab und ist nur in Ausnahmefällen sehr üppig. Mit künstlichen Brüsten kann die Größe gehalten werden, wenn auch weiterhin am schlanken Rest gearbeitet wird. Eine mögliche Erklärung. Gebärfreudiges Becken bei Models ist ja nur in der Curvy-Abteilung gestattet. Nach den Maßstäben gehöre ich ganz klar in die Curvy-Schublade. Als die Hüftbreite verteilt wurde, habe ich wohl gut hörbar „hier“ geschrien. Also bin ich bestenfalls ein Idealtyp für Männer, die geistig im letzten Jahrhundert steckengeblieben sind. Old School.

22. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XXI.
22. Juli 2019:

„S 7, jüngere Fr. mit Lippen-Piercing, 3 Kugeln, denke an Herpes,
Pärchen, er döst, sie checkt Smartphone, er öffnet immer wieder ein Auge, schielt auf ihr Display. Trend Zehensandalen mit ganz viel Strass u. Glitzer.“

Hatte heute morgen in der S-Bahn keine Lust zu lesen, bißchen schläfrig, wollte einfach nur da sitzen und nichts tun, aber mit Augen auf. In der übernächsten Sitzbank gegenüber eine blonde Frau, ca. Ende Dreissig, liest ein Taschenbuch. Schade, wollte mir den Autor merken, mir unbekannter Name und googeln, der Buchtitel war von der Hand verdeckt. Sie war ungeschminkt oder sah zumindest so aus. Nein, ich glaube sie war wirklich ‚nude‘ im Gesicht, nicht nur auf nude geschminkt, sonst hätte sie frischer gewirkt. Eigentlich sah sie so unausgeschlafen aus, wie ich mich fühlte. Blickfang war aber das Lippen-Piercing.

Nicht, dass ich noch nie ein Lippen-Piercing gesehen hätte. Wir sind ja schließlich in Berlin, wo Metall in Körperlöchern, bunte Haare und Tattoos seit etwa einem Vierteljahrhundert Standard bei Büro- und Tresenkräften, Verkäuferinnen, Hausfrauen und Frührentnerinnen sind (fehlende Berufsgruppen bitte ergänzen). Warum also halte ich mich mit dem fünfhunderttausendsten Lippen-Piercing auf? Weil ich so ein bißchen im Alpha-Zustand war, und sie bequem in meiner Blickrichtung saß, drang die Silhouette des Piercings überdimensional in mein Bewusstsein und ich musste zwanghaft an die täuschende Ähnlichkeit mit der Silhouette von Herpes-Bläschen denken. Die sind ja auch gerne an dieser Stelle, da kurz vorm Mundwinkel an der Ober- oder Unterlippe. Sie hatte da drei kleine silberne Kugeln, und wären die Kugeln hautfarben oder leicht gerötet gewesen, hätte ich geschworen, hier hat sich ein Prachtexemplar von einem Herpes entwickelt, das ganz grauenhaft jucken muss und eigentlich kurz vor dem Platzen ist. Eine eklige Phantasie, ich weiß.

Aber noch ekliger war der Folge-Gedanke: was nun, wenn die gepiercte Dame tatsächlich eines Tages mit Herpes an dieser Stelle aufwacht? Suchen sich die Bläschen dann exakt die Leeräume zwischen den Metallbläschen und hängt dann da eine stattliche Bläschen-Traube in zwei Farben? Lässt man sich nur die Lippen piercen, wenn man noch nie im Leben Herpes am Mund hatte und das gar nicht kennt? Also ich kenne diese unangenehme Hautirritation aus jüngeren Lebensjahren, ewig nicht mehr gehabt – toi, toi, toi! Und dann immer wieder die Frage, ob es tatsächlich Menschen gibt, die einen Fremdkörper in der Gesichtshaut von der Empfindung her als stimulierend empfinden, oder ob es nur eine äußerliche Attraktion ist. Also für den, der die Löcher hat, meine ich. Ich weiß, dass manche Piercings bei anderen sexy finden. Ich kann damit nichts anfangen, finde es sogar ehrlich gesagt unattraktiv, wenn ein Mann sich in der Richtung verausgabt hat, aber da bin ich kein Maßstab. Mir ist sehr schnell etwas zu viel an Deko, speziell bei Männern.

Der nächste starke Eindruck war das Pärchen in der Sitzbank neben mir. Ich kriegte anfangs gar nicht mit, dass die beiden zusammengehören. Also vermutlich zusammengehören. Er an der Fensterseite, hatte die Augen zu, so wie jemand einfach mit geschlossenen Augen, als Geste Richtung müder Körper, noch ein bißchen fehlenden Schlaf nachholt, während die S-Bahn zum Ziel juckelt. Neben ihm auf der Bank eine junge Frau, ca Mitte Zwanzig, bemerkenswert elegant sommerlich gekleidet. Schön gebräunte Haut, auf nude geschminkt. Nicht so wie die andere, die es tatsächlich war. Die junge Dame schaute unablässig auf ihr smartes Phone, wischte immer langsam nach unten, so wie man eine Liste eingegangener Messages checkt. Als ich gerade aus dem Fenster schaue, Richtung schläfriger Mann, sehe ich, wie er diebisch das eine Auge einen kleinen Schlitz öffnet, und auf das Display der jungen Frau schielt, es dabei regelrecht fokussiert, und offenbar verstohlen mitliest, so weit es ihm möglich ist.

Ich denke noch, das ist ja mal eine ganz neue Entwicklung, früher hat man manchmal gesehen, wie jemand verstohlen mit in die Zeitung guckt, wenn der Nachbar was zu Lesen hatte, und man selber nicht. Also ich habe das ganz selten praktiziert, meistens war ich mit Lesestoff versorgt. Aber der angeblich schlafende Beifahrer hier, der machte das regelrecht mit Kalkül. Was für eine ungeheuere Neugier, zumal auf dem Smartphone ja wohl nicht zufällig ein ihn brennend interessierender Zeitungsartikel war. Mein Blick wanderte erneut zum Piercing, nach einer Weile wieder zurück, da die junge Frau plötzlich mit dem Schläfrigen sprach. Relativ leise. Sie schauten sich nicht verliebt an, eher wie ein altgedientes Paar, das kein sonderliches Interesse mehr am anderen herzeigt, da die ständige Anwesenheit ohnehin zum Alltagsfeature geworden ist. An dem gesenkten Tonfall und seinen ebenfalls leisen Antworten konnte man eine gewisse Vertrautheit ablesen, ohne dass es irgendwie zärtlich gewirkt hätte. Vermutlich Alltags-Abstimmungen. Dann hörte sie auf zu sprechen und versenkte sich wieder in ihr Smartphone, er guckte wieder geradeaus und schloss die Augen. Dann ging es wieder los. Nach ca. zehn Sekunden lugte er erneut in Richtung ihres Displays, aber nur mit dem einen ganz leicht zu einem Schlitz geöffneten Auge. Vielleicht wollte er Absender-Namen entziffern. Whatever. Dabei wirkte er kein bißchen leidenschaftlich oder besitzergreifend. Eher wie ein gelangweilter Spion, der seine Routine abarbeitet. Sie hat nichts davon gemerkt, nicht einmal. Kaum hat sie minimal den Kopf gerührt, hat er sofort die Augen geschlossen und weiter Schlafen vorgespielt. Vielleicht waren es aber auch nur Arbeitskollegen und er ist notorisch neugierig. Ich werde es nie erfahren. Bin vor ihnen ausgestiegen.

Sie trug neben einem eleganten Etuikleid in einem Creme-Ton mit schönem V-Ausschnitt an den sehr schön gebräunten Füßen cognacbraune Zehensandalen, bei denen der lange schmale Steg mit kleinen eckigen Strasssteinen besetzt war. Da der Rest eher reduziert war und sie auch keinen Schmuck trug, sah das sehr edel, gar nicht billig oder kitschig aus, obwohl es sich so anhört. Als ich gerade fertig war, die hübschen Sandalen mit meinem Blick zu würdigen, stieg eine junge Frau zu, setzte sich mir gegenüber und ich registrierte, dass sie ebenfalls Zehensandalen mit einer großen Portion Glitzer trug. Einer erheblich größeren Portion. Bei ihren Sandalen erstreckte sich ein ganzes Blütengebilde aus Strass über den Spann. Auch das sah zu meiner Überraschung nicht nach Weihnachtsbaum oder osteuropäischem Schick aus, sondern stylish. Muss auch bei ihr daran gelegen haben, dass der Rest der Kleidung lässig und reduziert war. Irgendwas Richtung Jeans und Shirt, auch war der Kopf nicht mit Ohrgehängen und Glitzerkram überladen. Ich meine hier einen Modetrend ausgemacht zu haben! Glitzer-Zehensandalen! Aber bitte in Verbindung mit möglichst gar keinem oder nur ganz wenig anderen Glitter und Flitter, sonst wirkt es vermutlich preisgünstig.

Da Bildmaterial die Attraktivität von Einträgen erhöht, habe ich mich erneut bemüht, etwas halbwegs Passendes in meinem Archivbestand zu finden. Ist nun kein Glitzer und Strass, aber immerhin Zehensandale mit Bernstein. Schon etwas älter das Foto, 29. Juli 2006, aber ich habe die Sandalen noch.

19. Juli 2019

Letzte Woche habe ich ein Kind entführt. Auf den Delphi-Terrassen beim Delphi-Filmpalast in der Kantstraße gibt es mehrere Agaven, sie stehen ziemlich weit oben. Weil ich nicht so kleinwüchsig bin, konnte ich sehen, dass eine große Agave ein Baby im Topf hat. Beim Vorbeigehen habe ich mich auf die Zehenspitzen gestellt und die Baby-Agave abgenabelt. Sie hat gleich Erde und was zu trinken bekommen, zum Aufpäppeln wird sie vorübergehend in einem großen Topf mit Bogenhanf betreut, auf den ich regelmäßig ein Auge habe. Das Kleine sieht putzmunter aus, es scheint die Entführung gut überstanden zu haben. Obwohl ich Agaven sehr liebe, hatte ich bisher keine eigene. Dafür jede Menge Aloen, die sehr ähnlich aussehen. Aber nun habe ich eine echte Delphi-Terrassen-Baby-Agave. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil die Delphi-Terrassen-Crew bestimmt keinen Plan in petto hat, was aus den Kleinen wird, wenn sie größer werden. Womöglich werden sie wie kleine Katzen ertränkt. Bei mir ist es gut aufgehoben. Die größten Agaven, die ich in Berlin je gesehen habe, stehen im Tierpark Friedrichsfelde und eine gigantisch große auf dem Waldfriedhof, wo Hilde liegt. Also Hildegard Knef. Aber nicht bei ihr in der Nähe, sondern wo die Aussegnungshalle ist.

In freier Natur habe ich die größten auf Zypern gesehen. In Arizona und Nevada wahrscheinlich auch, aber da waren andere Eindrücke, die der roten Felsenlandschaften so stark, dass es alles überlagert hat. Das einzig Blöde an Agaven ist, dass sie keinen Frost aushalten, man muss sich also immer um ein Winterquartier kümmern. Aloen noch schlimmer. Mir sind schon ein paar erfroren, aber meine Mutter-Aloe wirft immer wieder neue, ich könnte eine Farm aufmachen. Interessant, dass manche Pflanzen besonders unter der Obhut eines Menschen gedeihen und andere weniger gut, auch wenn man sich noch so bemüht. Ich scheitere leider immer wieder an Schnittlauch, den ich sehr mag. Die größten Töpfe habe ich schon angeboten. Dann kommt die schöne lila Blüte und dann mickert der Schnittlauch vor sich hin. Immerhin hat mein großer Salbeitopf jetzt im dritten Jahr geblüht, er mag mich nun doch. Winterhart! Auch mein Zebragras, das mir Ina zum letzten Geburtstag mitgebracht hat, so schön! Man kann ihm gar nicht genug zu trinken geben. Für mich sind Pflanzen ideal, die entweder extrem viel trinken, auch sumpfig im Wasser stehen können, oder welche, die auch mal zwei Wochen kein Gießen überstehen. Drachenbäume wachsen auch gut bei mir, unkompliziert. Und Lavendel! Aber mein absoluter Liebling ist gerade das Agaven-Baby. Dürfen die anderen aber nicht wissen.

16. Juli 2019

Ein Jammer-Eintrag. Habe etwas Kopfweh. Heute hat mir die Physiotherapie nicht gefallen. Danach war ich richtig traurig, bin es immer noch. Sogar geweint. Hatte meinen schicken neuen Donna Karan-Sport-BH mit den tollen schwarzen Trägern kreuz und quer unterm Shirt an, aber der erblickte gar nicht das Licht der Öffentlichkeit. Ich musste wieder turnen. Hätte ich bloß nicht erzählt, dass ich mir Hanteln gekauft habe, die ich übrigens nicht dabei hatte, weil zu schwer und auch albern. Da sind ja welche, in der Physio-Praxis. Lieber hätte ich mich einfach auf die Liege gelegt, ich war auch ein bißchen müde, aber man muß sich ja immer dynamisch zeigen. Kneifen gibt’s nicht, dann steht man gleich als alte Schabracke oder Verliererin da, obwohl man nur rechtschaffen müde ist, weil mehrere Stunden gearbeitet. Dann wird dauernd herumkorrigiert: „Bitte die Ellenbogen noch weiter nach hinten, bitte das Kinn noch höher, bitte noch fester zupacken, bitte die Handflächen noch mehr nach außen, bitte noch mehr Kraft auf den kleinen Finger“ etc. pp. Ich will nicht bei Olympia mitmachen! Hatte heute gar keinen Spaß. Zuguterletzt habe ich mich so sehr angestrengt, um alles vorschriftsmäßig zu absolvieren, dass ich wohl übertrieben habe und plötzlich einen sehr stechenden Schmerz im Armgelenk, meiner Baustelle, die eigentlich schon wieder ganz ok ist, hatte. Wie ein großer Dolch, der einmal durchs Gelenk gestoßen wird. Wenigstens hat es nicht geblutet. Ich hab richtig „aua, aua, aua“ gewimmert. Dann ist Clark aber doch ganz schön erschrocken. Es war ja wieder selbst verschuldet, aber nach seiner Anleitung. Er hatte mich gar nicht angefasst. Dann hat er die Turnerei abgebrochen und wir sind doch noch in den Behandlungsraum. Ich war leicht traumatisiert. Dann hat er lauter Sachen gemacht, die total harmlos waren und alle drei Sekunden gefragt, ob das jetzt weh tut. Nein, hat es nicht, aber ich war irgendwie durch den Wind. Außerdem drückt er mir immer so fest die Hand zur Begrüßung, also müsste er mir seine Superkraft beweisen. Heute hab ich da auch schon leicht „aua“ gesagt und als Revanche seine Hand gepackt und genauso gedrückt. Aber da grinst er ja nur. Für ihn wahrscheinlich eine Streicheleinheit. Also mir war es heute zu anstrengend. Ich finde Physiotherapie soll Spaß machen, wohltuend sein und entspannen. Danach hatte ich Hunger, war auf dem Weg in meine Werkstatt und musste mit dem Bus fahren, die U 9 ist streckenweise unterbrochen. Im Atelier hab ich mich erstmal total erschöpft auf die Isomatte gelegt. Dann was gegessen, Tee gekocht und nur ein paar kleine Sachen gemacht. Recht bald wieder heimgefahren. Also für meine Verhältnisse. Schon kurz nach 23 Uhr. Jetzt habe ich mich ausgesprochen und gehe schlafen. Morgen ist ein neuer Tag. Nächste Physio am Donnerstag. Schlimmer kanns ja nicht werden!

15. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XX.
14. Juli 2019:

„01:59 Uhr, in Inas Auto, Playlist Radio Eins,
hypnotisch-sphärisches Ambient-Stück“

Aufgeschrieben, um später auf der Internetseite von Radio Eins die Playlist von der Uhrzeit anzuschauen, und so das Stück zu identifizieren. Der Musiker heißt Loscil und das Stück „Equivalent 3“. Genau das ist nicht auf youtube, aber ein anderes von demselben Album, „Equivalent 7“. Auch beeindruckend. „Loscil is the electronic/ambient music project of Scott Morgan, from Vancouver, British Columbia, Canada. The name Loscil is taken from the „looping oscillator“ function (loscil) in Csound.“ (Wikipedia). Seine erste Platte erschien 2001. Gerade ist das Equivalents-Album erschienen. Musste auch an Brian Eno denken, als ich es im Auto hörte.

Bin gar keine Radio-Hörerin mehr. Ich zu Ina: wenn man mir hoch und heilig versprechen würde, keine Verkehrsmeldungen, keine Nachrichten, keine Jingles und keine Zeitansagen zu senden, könnte ich es mir vielleicht überlegen. Auch mag ich viele Radiostimmen nicht gerne. Ina hatte auch ein Beispiel für einen Moderator auf Radio Eins, der ihr auf die Nerven geht, weil er immer seine privaten Banalitäten verbreitet, als sei davon auszugehen, dass er so ein Charisma auf die Hörergemeinde ausstrahlt, dass es von Interesse ist, ob er sich am Sack kratzt.

Ich konnte dazu beitragen, dass ich es nicht mag, wenn Moderatoren vertraulich mit ihrem prominenten Gesprächspartner werden und dauernd durchblicken lassen, dass man sich privat kennt und zusammen Feste feiert. Wenn dann noch vor dem offenen Mikro gegessen und gekaut wird, sinkt meine Bereitschaft zuzuhören, in den Keller. Ich erwarte von Moderatoren, dass sie sich bemühen, nicht den Eindruck zu erwecken, ich habe die Ehre an ihrer Freizeitgestaltung teilzunehmen. Dafür möchte ich keine Gebühren zahlen. Die Gäste dürfen machen, was sie wollen, aber der Moderator hat zu arbeiten! Auch wird mir zu viel geduzt.

12. Juli 2019


Seit heute neu in meinem kleinen Haushalt: schicke Kurzhanteln von Karstadt Sport! Gestern hat Clark mich zum Hanteltraining animiert, wir haben gemeinsam geübt. Das ist sehr gut für meine Muskulatur. Wir standen so nebeneinander vor dem Spiegel und haben synchron Gewichte gehoben. Ich hatte kleinere Hanteln, ich bin ja auch kleiner (Clark ist einsneunundneunzig). Die waren aus Plastik und sahen aus wie Kinderspielzeug. Er meinte, das könnte ich auch daheim mit 1,5-Liter-Flaschen machen. Ich: „so Plastikflaschen?“ Er: „äh, ja!“ Ich: „überlege gerade, was für ein Getränk…“ Er: „was haben Sie denn da so?“ Ich: „in Plastikflaschen eigentlich nur Tonic Water. Keinen Wein.“ Er: „Ach? Schon klar, Sie nehmen den im Tetrapack!“ (grinst frech) Ich: „nur den!“ Wir hatten es die Stunde davor schon mal ausgiebig von Wein, er kennt sich da (noch) nicht so aus, ist aber wissbegierig. Clark ist ja auch erst dreißig, das entschuldigt ihn. Ich hatte ihm bei der Gelegenheit einen Fachvortrag über die verschiedenen Herstellungsverfahren von Schaumweinen und insbesondere zu den von mir bevorzugten Provenienzen von Flaschengärungen zuteil werden lassen. Wie ein guter Schüler hat er mich nicht unterbrochen und seine Fragen erst artig nach Vortragsende gestellt. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls gefiel mir die Idee mit den Flaschen als Hantelersatz nicht so gut. Er fragte mich nun, ob ich mir vorstellen könne, in einem Fitness-Studio zu trainieren. Ich reagierte sehr zögerlich, da mir das Interieur von Fitness-Studios allgemein nicht zusagt, ich halte mich gerne in einer schönen Umgebung auf. Diese ganzen Geräte, die da rumstehen, das wirkt doch nicht sehr wohnlich. Immerhin würde ich da ja Teile meiner Freizeit verbringen. Deshalb antwortete ich: „Hm, eigentlich nur, wenn das Fitness-Studio zu mir kommt.“ Er: „Sie möchten also am liebsten in Ihrem Atelier oder zuhause…? Ich: „Nein, nicht im Atelier, da hab ich ja zu tun, keine Zeit! Wenn schon, dann in der Wohnung.“ Er: „Könnten Sie sich dann vorstellen, daheim mit einem Thera-Band zu trainieren? Das wäre auch sehr gut.“ Ich: „Ach nein… so ein Band – da weiß ich jetzt schon, ich würde es nicht machen, das würde nur herumliegen. Das kostet ja auch alles Zeit und ich hab ja auch immer zu tun! Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht bewege, ich bewege mich sogar dauernd! Bohren, schrauben, malen, das ist auch anstrengend! Ich liege nicht auf der Couch und esse Pralinen!“ Er: „Das hätte ich auch niemals von Ihnen gedacht!!!“ Ich: „wieso nicht – manche machen das sehr gerne und finden das sehr entspannend!“ Er: „Aber SIE doch nicht!“

Auf alle Fälle hatte ich während der gesamten Konversation die kleinen Hanteln in der Hand und habe weiter damit herumgespielt, so gut hat es mir gefallen, die kleinen Gewichte in der Hand zu halten. In den Stunden danach arbeitete es noch weiter in mir, dass er mit seinem Kennerblick festgestellt hat, dass meine Haltung soldatischer werden sollte, Schulterblätter zusammendrücken (ich sage immer „Flügelchen“ dazu, weil ich mir „Schulterblätter“ nicht so gut merken kann), Brust raus, Hals gerade. Sehr gerne möchte ich ein braver Soldat sein! Aber doch nicht mit so einem quietschgelben Gymnastikband. Das kann ich mit meinen ästhetischen Ansprüchen nicht in Einklang bringen. Mir war so, als gäbe es diese putzigen Kurzhanteln auch in schicker Ausführung. Verchromt möchte schon sein. Und da hat doch Karstadt Sport ganz zufällig etwas im Angebot. Ich bin ein bißchen verliebt in meine neuen kleinen Kurzhanteln. Das Gewicht kann man variieren. Wenn ich zur nächsten Stunde am Montag meine schicken Chromhanteln dabei hätte, würde er bestimmt Augen machen! Wenn er mich dann wieder in den Turnraum bittet und zu einer preisgünstigen roten Plastikhantel greift, sage ich ganz lässig: „ach nein, das ist nicht nötig – ich hab meine eigenen!“ Könnte natürlich auch sein, dass er ausgerechnet am Montag dann wieder auf die Liege bittet und mich nur manuell behandeln möchte. Während ich dann auf der Liege auf ihn warte, könnte ich beim Warten ja ein bißchen mit meinen glänzenden Hanteln herumspielen. Also irgendwie muss ich das schon einbauen. Ich habe mein Sportgerät gefunden, Plastikflaschen sind für Anfänger!

11. Juli 2019

Ein schönes sommerliches Thema ist der Sonnenschirm. Da ich gerade dieses Foto entdeckt habe, das meine Mama am Strand von Grado 1961 zeigt, kann ich damit illustrieren, wie Sonnenschirme in den Sechziger Jahren ausgeschaut haben. Hinten auf dem Foto – na gut, etwas klein – aber wenn man genau hinschaut, sieht man ein paar Modelle mit Fransenborte. So muss das sein. Passend dazu gab es auch die Hollywoodschaukel, die auch eine Fransenborte am Dach hatte. Und weil ich ein Kind der Sixties bin, wollte ich auch gerne einen Fransensonnenschirm haben. Es gibt aber kaum welche zu kaufen. Eigentlich nur von der kalifornischen Luxusmarke „Beachbrella“, die auch damit Reklame macht, dass es Luxus-Retro-Sonnenschirme sind, sehr hübsche Modelle dabei: Ich habe mir die Beachbrella-Schirme angeschaut und ernsthaft überlegt, ob ich einen in Amerika bestellen soll. Sie sind mir aber zu teuer – ich bin nämlich sparsam. Außerdem brauche ich eigentlich keinen normal großen Sonnenschirm, sondern einen in Regenschirmgröße, für meine blauen Hortensien, die ich mir eingebildet habe, auf meinem blauweißen Balkon haben zu wollen, wo den ganzen Tag die Sonne drauf scheint. Was die Hortensie gar nicht liebt, sie mag es gerne ein bißchen schattig. Dann hatte ich die tolle Idee, dass ich mir einen Regenschirm in blauweiß mit sommerlichem Ringelmuster besorge, und selber eine Fransenborte drannähe. Gesagt, getan! Jetzt habe ich vielleicht den einzigen kleinen Retro-Ringel-Sonnenschirm mit Fransen auf der ganzen Welt! Ich hatte mich vorher auch über kleine Sonnenschirme erkundigt, da gibt es Modelle für die Braut, mit Spitze und Rüschen. Oder so asiatische Geisha-Modelle, auch nicht schlecht. Aber meine Eigenkreation ist ideal. Nur für eine Hollywoodschaukel habe ich leider keinen Platz auf dem Minibalkon vom Atelier. Sonst hätte ich längst eine. Mit Fransen!

11. Juli 2019

Gerade in einer kleinen Unterhaltung mit meiner musikalischen Freundin Sabine darauf gekommen, wie sehr man die Hits der Sixties in Fleisch und Blut hat, auch wenn man in den Sechzigern noch ein Kleinkind war. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Eine meiner ältesten Erinnerungen ist, dass mich meine Mama nach dem Baden abgetrocknet und in ein flauschiges großes rosa Frotteetuch mit weißem Wabenmuster gewickelt hat (das ich heute noch habe), und aus dem Radio kam Puppet on a String von Sandie Shaw. Dazu hab ich dann herumgewackelt, es war eines meiner Lieblingslieder. Müsste im Frühling oder Sommer 1967 gewesen sein, da war ich so zwischen eineinhalb und eindreiviertel Jahre alt. Also ich brauche bestimmt keinen Nachhilfeunterricht in Sachen „Die größten Hits der Sechziger Jahre“. Im Wiki steht zum Grand Prix-Sieg von dem Lied (wir haben immer nur vom „Grand Prix“ gesprochen, das mit dem Eurovision Song Contest oder cool ESC abgekürzt, ist eine neumodische Erfindung!):

„Der Eurovision Song Contest 1967 war der 12. seit Bestehen dieses Musikwettbewerbs der Eurovisionsländer. Er fand am 8. April 1967 in Wien im Großen Festsaal der Wiener Hofburg unter dem offiziellen Titel 12. Grand Prix de la Chanson statt, da der Vorjahressieger Udo Jürgens aus Österreich gekommen war. Sandie Shaw, die für das Vereinigte Königreich angetreten war, gewann erdrutschartig mit dem Lied Puppet on a String.“

Erdrutschartig! Ich wusste ja als Kleinkind gar nicht, dass das Lied was gewonnen hat, das beweist, dass ich das absolute Gehör für Lieder mit Hitpotenzial besitze. Daher sollte man im Zweifel immer mich befragen, bevor man ein Lied auf Schallplatte veröffentlicht. Ich kann dann genau vorhersagen, ob es in der Hitparade gespielt wird. Alles andere wäre unverantwortlich! Wer darauf verzichtet, ist dann halt selber schuld!

08. Juli 2019

Als ich vorhin zwischen Acht und Neun auf den ISTA-Mann gewartet habe, war ich kurz davor einen ungehaltenen Eintrag zu verfassen, aber dann hat er ja geklingelt. Ich habe nämlich fast die ganze Stunde damit zugebracht, aus einem Oberteil und einer Hose die Reste von den eingenähten Etiketten, die ich schon herausgeschnitten hatte, mit der Nagelschere herauszuoperieren. So ein Scheiß-Gefrickel! Ich glaube, ich brauche für solche leider Gottes wiederkehrenden Tätigkeiten eine noch stärkere Lesebrille. Schnell ist ein Loch im Hosenbund oder hinten am Halsausschnitt, weil man statt der Naht den Stoff erwischt hat. Ich war kurz davor eine Petition im Europäischen Parlament einzureichen (Bundestag reicht hier nicht, aufgrund des internationalen Warenhandels bei Oberbekleidung, an dem ich mich stark beteilige).

Ich würde mal schätzen, ich habe bei 99,99 Prozent aller Anziehsachen, die direkt auf der Haut getragen werden, also Leibchen, T-Shirts, Unterwäsche, Kleider, Pullover, Hosen, Röcke, sämtliche Etiketten entfernt. Wieviele Stunden habe ich schon operiert, es ist zum Weinen! Das ist meine kostbare Lebenszeit. Nicht, dass ich ein Problem mit dem Vermerk des Herstellers hätte, nur: mich kratzen fast alle Etiketten und dann kriege ich ganz, ganz schlechte Laune. So wie bei zu engen Schuhen.

Am aller-allerschlimmsten sind die Etiketten, die auch noch einen superkratzigen Glitzerfaden im Logo haben und dann auch noch mit einem Perlonfaden eingenäht sind. Das ist pure Folter! Aber eigentlich kratzt mich fast jedes Etikett. Ich glaube, ich habe nur zwei Kleidungsstücke der o. g. Kategorie (also mit Hautkontakt), wo die Etiketten noch drin sind, weil ich sie gar nicht spüre! Unglaublich aber wahr, es handelt sich um zwei hautschmeichelnde Zebramusterkleider von Herrn Glööckler. Überhaupt scheint er viel Wert auf Qualität und Tragekomfort zu legen. Die Kleider sitzen hervorragend und machen eine gute Silhouette, sind aber bequem wie ein Schlafanzug, ganz kuscheliger Stoff. Auch alles ganz liebevoll verpackt, in Seidenpapier und mit einem Grußkärtchen mit Satinschleifchen. Da kann sich Donna Karan mal eine Scheibe abschneiden. Habe mir neulich aus ihrer Sport-Kollektion ein schickes Oberteil gekauft, wenn ich es einmal verlieren sollte, können nur noch Fachleute feststellen, von wem es hergestellt wurde.

Ich schlage als Alternative vor, den Herstellerverweis an einer Stelle anzubringen, die am wenigsten Hautkontakt hat, aber nicht mit einem Etikett, sondern mit einem inwendigen Aufdruck aus hautverträglicher Druckfarbe. Es ist ja nicht so, dass ich nur meckere, ich biete auch Alternativen an.

08. Juli 2019

Während ich das tippe, montiert der ISTA-Mann Funkmodule an den Wasserzählern in der Küche und im Bad und am Wärmezähler. Wie lange habe ich mir das schon gewünscht! Jahre sind es nun, seit ich weiß, dass es so etwas gibt. Habe gar nicht mehr damit gerechnet. Das bedeutet: nie mehr Ablesetermine! Manches wird doch besser. Technisch eigentlich sogar fast alles. Keinesfalls möchte ich im Zeitalter der Romantik leben, wo es die ganzen tollen technischen Sachen noch nicht gegeben hat, obwohl ich eine hoffnungslose Romantikerin bin. Das hat Clark (Kent) neulich auch eingestanden, dass er zwar gerne in der Ästhetik und Kultur der Romantik leben möchte, aber keinesfalls auf seine Dusche usw. usf. verzichten wollte. Heute Nachmittag wird das romantische Fachgespräch dann fortgesetzt. Um sechzehn Uhr ist der erste Termin der neuen Behandlungsreihe.

Mann! Der ISTA-Mann ist ja schon fertig, das ging ja ruckzuck! Neun Minuten. War auch ein hübscher junger Mann. So leuchtende Bambi-Augen. Habe ihm gerade alles Gute für seinen weiteren Lebensweg gewünscht, da man sich ja nicht mehr sehen wird. Außer wenn halt mal was repariert werden muss. „Genau!“ meinte er. Ich kann es gar nicht fassen, dass ich nun keine ISTA-Postkarten mehr bekommen werde mit Ablesezeitfenster „8 – 10 Uhr“. Manchmal war es auch schon ab 7 Uhr. Schlimme Sache! Aber vorbei. Ich danke dem Gott der Heizungs- und Wärmetechnik. Amen.

06. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XIX.
05. Juli 2019:

„S 7 – bizarres Dekolleté, Frau ca. Anfang Fünfzig
(alles nach oben gedrückt, Busen fängt direkt unter Hals an)“

Eine Beobachtung zum Thema Passform von Büstenhaltern. Die Dame mir gegenüber in der S 7 präsentierte sich in einem Ensemble aus schwarzer Hose, schwarzem T-Shirt mit V-Ausschnitt oder so ähnlich, und etwas martialisch angehauchtem Finger-, Arm- und Ohrschmuck sowie einigen Tätowierungen. Ingesamt wirkte das Outfit wie der Brite sagen würde, etwas „dated“, aber nicht im Sinne des deutschen Wörtchens „altbacken“, sondern, als ob das Verfallsdatum etwas überschritten wäre. Die Dame machte den Eindruck, dass sie ein Styling aus einer jugendlicheren Phase hartnäckig fortführt, auch das Make up war leicht brutal und etwas holzschnittartig in dunklem Schwarz gehalten. Die Augenbrauen im Schablonenlook, obwohl man das ja jetzt auch oft bei jüngeren Frauen sieht, die ansonsten den Eindruck erwecken, Wert auf aktuelle Mode zu legen.

Aber ich verzettle mich gerade mit der Beschreibung der übrigen Kleidung, ich wollte ja auf den Büstenhalter näher eingehen. Unter dem gar nicht so stark ausgeschnittenen Shirt, zeichnete sich ein strammer Büstenhalter ab, also die Kontur, das Hemdchen war ja nicht durchsichtig. Nun war die Trägerin obenherum recht stark gebaut. Sie war insgesamt keine Elfe, mancher würde Begriffe wie moppelig oder auch üppig verwenden. Vom Wuchs eher klein und untersetzt. Jedenfalls war der absolute Blickfang der Ausschnitt, der den Blick auf das Dekolleté freigab. Die stattliche Oberweite wurde mit viel Druck ganz nach oben gepresst, was zur Folge hatte, dass der Busen, also die Brustfalte, bereits am oberen Sternum anfing. Das wirkte anatomisch nicht korrekt. Vermutlich, um etwas Taille zu produzieren und einen keck nach vorne stehenden Balkon, hat die gute Frau die Träger von ihrem Büstenhalter auf die maximale Kürze gezurrt. Das wäre doch nicht notwendig gewesen! Kein schöner Anblick. Ich verstehe ja, dass sie ihre weiblichen Reize zur Geltung bringen wollte, aber das war dann doch zuviel des Guten. Die Träger hätten gut und gerne zehn Zentimeter mehr Länge vertragen, dann wäre das Ganze auf einer anatomisch plausibleren Höhe gewesen. Es war ganz offensichtlich, dass es sich hier um keine naturgegeben extrem hoch angesetzte Brust handelte, eher im Gegenteil. Das ist doch auch nicht komfortabel, mit so einem nach oben gequetschten Vorbau den Arbeitstag zu verbringen. Ich empfehle in jedem Fall eine längere Trägereinstellung.

Insgesamt bin ich nicht dafür, dass man am Arbeitsplatz den Brustansatz zur Schau stellt. Das lenkt die Kollegen nur unnötig von dem Tagwerk ab. Es sei denn, man arbeitet bei Orion oder auf der Pornomesse. Dann ist das natürlich hochgradig erwünscht. Ich möchte auch nicht, dass sich männliche Mitarbeiter bauchfrei präsentieren, um mir mit dieser zarten Haarlinie, die vom Nabel Richtung Unterhose verläuft, die Konzentration zu rauben. Ich bin in dieser Hinsicht ausgesprochen prüde, da leicht ablenkbar. In der Freizeit darf natürlich jeder machen, was er gerne möchte, auch FKK und Sauna-Besuch sind erlaubt. Aber natürlich ohne mich.


Dessous-Kollektion DHM

02. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XVII.
26. Juni 2019:

„U 8, Kottbusser Tor
Alt-Hippie ca. Ende Vierzig hat Badelatschen (Flip Flops aus blauem und weißem Plastik) an.
Auf jedem Latschen in der Mitte oben drauf ein Telekom-T, blau.
(macht die Telekom jetzt Badelatschen?)“

Ich gebe zu, das ist jetzt fast ein bißchen zu banal für mein goldenes Notizbuch. Aber die Vorstellung war doch sehr prägnant und auch amüsant, dass die Telekom so vom Schick ihres Logos überzeugt ist, dass man nun auch Freizeitmode anbietet, für den echten Fan. Ein bißchen Merchandising für noch mehr Kundenbindung und völlig innovativ nun neben Pink auch in weiteren Farben. Der Wiederkennungswert ist schon hoch. Mein Verstand hat mir dann trotz der enormen Hitze die plausiblere Erklärung geliefert, dass es wahrscheinlich irgendeine Klamotten- oder Schuhmarke mit einem T-Logo gibt. Bei der Telekom ist ja auch noch das kleine Klötzchen, der Punkt neben dem T, das war nicht. Aber sonst total gleich. Der Mann saß ein paar Sitzreihen weiter in meiner Blickrichtung, sonst wäre es mir nicht aufgefallen. Ich hatte mein Lesebuch noch nicht ausgepackt, manchmal hole ich es auch nicht raus, wenn es so wenig Stationen bis zu meinem Ziel sind, oder relativ wenig. Oder ich ein bißchen zu müde bin, kommt vor! Insgesamt bin ich kein Freund von Badelatschen, auch nicht von Premiummarken, da hilft auch das adidas- oder Puma- oder Chanel-Logo nicht. Die einzigen Badelatschen, die nicht total schlimm ausgesehen haben, waren neulich an einem Mann, der leicht gebräunte, sehr schöne Waden und Füße hatte. Seine Schlappen waren von Tommy Hilfiger, ich glaube zwei- oder dreifarbig, dezent längs in schwarz, dunkelblau und weiß gemustert, mit dem Hilfiger-Schriftzug, ganz klein. Die sahen fast straßentauglich aus, nicht so nach Schwimmbad. Man sieht aber auch eher selten gepflegte Männerfüße, meistens kann man es ganz schwer ertragen, da länger hinzuschauen. Ich ekle mich dann auch und schlußfolgere, dass der Rest auch nicht so tiptop ist, ohne da jetzt ins Detail gehen zu wollen.

01. Juli 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XVI.
25. Juni 2019:

„S-Bahn: 5- (oder 6-)jähriges Mädchen m. Stroh-Schlapphut mit Kirschen! Wie bei Schwarzwald-Tracht. Sommerkleid m. gesmokten Puffärmeln + Glitzer-Birkenstocksandalen
(schulterlange Haare, m. Oma oder Mama unterwegs)“

Damit es wieder etwas fröhlicher wird. Es fällt mir ja selber schon auf, dass sich fast alle meine Merkwürdigkeitsnotizen in der S-Bahn oder in der U-Bahn (oder bei meinem Physiotherapeuten) zutragen. Wahrscheinlich meine aufregendsten Erlebnisse – das könnte einen ja schon wieder traurig stimmen! Andererseits auch ein Hinweis, dass ich mit offenen Augen durchs Leben gehe und die ganze Fülle der Sehenswürdigkeiten unserer schönen Stadt bemerke, die so manch anderem entgehen. Der Hut des Mädchens war der absolute visuelle Höhepunkt an diesem Tag. Ich konnte nicht mehr wegschauen. Immer wieder blieb mein Blick an den puscheligen Kirschen-Paaren auf dem Hut hängen. Einfach zu schön. Ich musste auch an Liselotte Pulver und „Ich denke oft an Piroschka“ denken, obwohl der Film ja meines Wissens in der ungarischen Puzta und nicht im Schwarzwald spielt. Vielleicht verwechsle ich da auch was. Oder hat Liselotte Pulver auch noch in einem Film namens „Schwarzwaldmädel“ mitgespielt? Den Piroschka-Film habe ich jedenfalls mindestens fünf mal gesehen, immer Sonntagnachmittag im Wohnzimmer, zwischen ca. 1970 – 1980. Vielleicht auch noch öfter. Liselotte-Pulver-Filme mochte ich sowieso, bis auf das Wirtshaus im Spessart, der war mir langweilig und auch Kohlhiesels-Töchter war mir kein Augenschmaus. Ich mochte die Filme, wo sie gut aussieht, diese Paul Hubschmid-Schmonzetten, zum Beispiel „Die Zürcher Verlobung“, mein absoluter Favorit! Mit Bernhard Wicki, tolle Besetzung, das waren noch Schauspieler! Noch lebt sie ja, also kein Nachruf!

30. Juni 2019

Gedenkminute für Astrid North. 1973 – 2019. Mehr als eine Minute. Maria erzählte mir vorhin, dass Astrid am Dienstag starb. Wir saßen in meinem Atelier auf dem Balkon und rauchten eine Zigarette für sie. Im März 2018 sah ich sie zweimal kurz hintereinander. Einmal in der Bar jeder Vernunft, bei ihrer North-Lichter-Show, in der auch Maria auftrat und wenige Tage später in der Wabe, wo Jenny mit auf der Bühne war. Ich war hin und weg von ihr. Nach beiden Konzerten fragte sie mich nach einer Zigarette. Sie rauchte gerne, hatte aber nie welche. Es ist wirklich merkwürdig, dass ich vor wenigen Tagen – ich lief so in meinem Wohnzimmer hin und her, vielleicht habe ich die Pflanzen gegossen, plötzlich an sie denken musste, und wie es ihr wohl ginge. Und noch dachte, wenn es ihr nicht besser ginge und sie den Kampf gegen die Krankheit verlieren würde, ob das dann wohl eine Nachricht auf gmx wert wäre. Das dachte ich. Jetzt sehe ich, dass es in einigen Zeitungen online Meldungen gab. Sie war jedenfalls sehr begabt und diese Nachricht stimmt mich traurig. Ich hatte sie an beiden Abenden fotografiert, kurz danach wurde es ruhig auf ihrer facebook-Seite, merkwürdig ruhig. Einige Monate später gab es ein Posting von ihr, in dem sie ihre Krankheit mitteilte. Maria meinte, poste doch eines der Bilder, die du von ihr gemacht hast. Einer der schönsten Menschen, die meine Kamera je eingefangen hat. Sie war immer sehr auf das Schöne aus. Das Schönste.

27. Juni 2018

Aus meinem goldenen Notizbuch XV.
(noch mal) 21. Juni 2019:

„Ausgang S-Bahn Zoo, Baustelle Hardenbergstr. (vor C/O)
3 Straßen-Bauarbeiter, Wortfetzen:

  • „Lindemann!“
  • „Till???“
  • „TILL LINDEMANN!“
  • „Till! TILL!!!“

Erinnerung an Brandschutzschulung, Löschdecken bei Rammstein“

Die kleine Unterhaltung unter großen Männern kam tatsächlich mit zwei Wörtern aus. Also soweit ich es mitbekam. Ich nehme an, dass Bauarbeiter 1 Herrn Lindemann irgendwo gesehen hat, vielleicht auf der Straße und aus nächster Nähe. Was schon etwas sehr Besonderes ist, da man ja praktisch auch an Rammstein-Tickets, wo man ihn dann ja immerhin mal von weit weg sehen könnte, so gut wie gar nicht kommt. Das sind ganz hochkomplizierte Vorgänge mit ganz eng getaktetem Zeitfenster, wann diese personalisierten Tickets erworben werden können, ich bin da leider überfordert, sonst hätte ich mir sehr gerne auch mal so eine Rammsteinkonzertkarte gekauft.

Es handelt sich um eine reine Vermutung, dass eine Zufalls- – „Begegnung“ kann man ja vielleicht kaum sagen – eher „-Sichtung“ des charismatischen Sängers Grund des Fachgesprächs an der aufgerissenen Hardenbergstraße war. Die anderen beiden klangen jedenfalls auch sehr fasziniert. „Lindemann…???“ „Till!“ „TILL!!!“
„TOLL“ möchte man noch hinzusetzen.

Als ich das notierte, fiel mir wieder ein, dass ich mal eine Schulung als Brandschutzhelferin hatte, wo der Schulungsleiter verschiedene Feuerlöscher etc. erklärt hat und erläutert hat, wieso in Großküchen seit einer Weile Brandschutzdecken verboten sind: weil die superlässigen Profiköche die Löschdecken meistens mit zu viel Schwung, so aus der Hüfte, Richtung Brandgut geworfen haben, was eher zur größeren Ausweitung des Brandherds, als zur Löschung führte.

Und dann brachte er ein Beispiel, wo heutzutage überhaupt noch beim Profi-Brandschutz Löschdecken zum Einsatz kommen: Nämlich bei Rammstein! Er ist da nämlich immer im Einsatz, und wenn was daneben geht, steht er mit der Löschdecke parat, um Till zu löschen! Till! TILL!!! Also war er ihm auch schon ganz oft ganz nah! Wenn man Till mit einem anderen Löschmittel löschen wurde, wäre ja die Bühne und sein Outfit versaut, und die Show könnte nicht so weitergehen wie gedacht. Also Löschdecken bitte nur zum Till-Löschen verwenden, sonst nicht!

27. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XIV.
21. Juni 2019:

„v. Rudi P(r)otrudi geträumt, hat Kneipe in Berlin, ist meistens selber betrunken bzw. verkatert (Alkoholproblem)“

Merkwürdig. Es handelt sich bei Rudi Protrudi um einen Musiker aus Amerika, der mich gedanklich so gar nicht beschäftigt. Er ist auch schon älter (66), war in den Achtziger Jahren recht erfolgreich mit seiner Gruppe Fuzztones, und wenn Georg mir seinerzeit nicht davon erzählt hätte, dass er mit seiner Band mal die Vorgruppe der Fuzztones war, hätte ich meinen Lebtag noch nie von ihm gehört. Er sah früher sehr Rockstarmäßig aus. Eigentlich immer noch, halt wie ein ganz gut gealterter Rockstar. Ich hatte letztes Jahr mal Gelegenheit, ihn persönlich zu sehen, bei „Ein Hit ist ein Hit“, im Ballhaus in der Chausseestraße, diese etwas moderationslastige Musikshow, da ist er aufgetreten mit dem Schlagzeuger der immer noch existierenden Formation und Hans hat die beiden an der Gitarre unterstützt. Das ist zwölf Monate her und hat mich jetzt auch nicht so nachhaltig beschäftigt, dass es sich damit erklären könnte, dass ich ein gutes Jahr später träume, dass Rudi Protrudi eine Kneipe in Berlin führt, und zwar schon ziemlich lange, und sein bester Gast ist. Er torkelte mit einem Tablett oder Wischlappen in der Hand von Kneipentisch zu Kneipentisch, es war eher leer. Braune Holzstühle und -Tische, so klassisches Eckkneipenmobiliar, nichts hippes oder szeniges, auch recht dunkel der Gastraum. Weiter ist im Traum mit Rudi Protrudi nichts passiert. Ich habe nur bemerkt, dass er einen ziemlichen Pegel hat und recht müde um die Augen ausschaut, also verkatert. Ich hoffe, es geht ihm in echt besser und es ist nicht ganz so schlimm mit dem Alkoholproblem. Ich wünsche ihm alles erdenklich Gute.






27. Juni 2019


Aus meinem goldenen Notizbuch XIII.

20. Juni 2019:

„S-Bahn, „Kinderwagen“ mit 6 Plätzen, 2 Kindergartentanten, 8 Kids (Mini) ca. 2 – 3 Jahre alt (2 größere hängen wie Äffchen dran) StVo(?)

Kindergartentante 1 wie Gaugin-Südseeschönheit (ca. 23 – 24) m. langen, glatten Haaren, mit s/w-(längs-)gestreiftem Cocktailkleid mit kesser roter Schleife in d. Taille, dazu weiße Turnschuhe, sehr schick + cool! (schöner als die Kids!)“

Noch nie gesehen: die beiden erwähnten Kindergartentanten schoben zu zweit einen ca. zwei Meter langen und 1,20 Meter breiten „Kinderwagen“ mit gegenüberliegenden Sitzbänken mit Platz für sechs Racker in die S-Bahn, wo sie mit dem Gefährt die ganze freie Fläche vor den Türen einnahmen. Ja, ist das denn erlaubt? Das war schon mehr eine Kutsche als ein Kinderwagen. Die Kids saßen dann auch drin wie die englische Königsfamilie, die Kindergartentanten waren die Bediensteten. Nur zwei größere Kinder hatten keinen Platz und hängten sich irgendwie so seitlich dran ans Gefährt. Welche Fahrkarte kauft man denn, wenn man eine große Kutsche mit in die S-Bahn nimmt?

Na gut, nicht mein Problem. Jedenfalls ein merkwürdiges Gefährt.

Ebenfalls merkwürdig fand ich das sehr schicke Outfit der jüngeren Kindergartentante, wie bereits erwähnt. Sie hätte eigentlich mit ihrem schönen gestreiften Cocktailkleid in die Kutsche gehört. Normalerweise sehen Kindergartentanten ja immer mehr so praktisch gekleidet aus. Nicht, dass Cocktailkleider zwangsläufig unpraktisch sein müssen. Ich plädiere dafür, dass sich Kindergartentanten immer schick machen, damit die Kids schon vorgelebt bekommen, dass man sich möglichst schön zurechtgemacht in der Öffentlichkeit präsentieren sollte, um die Mitmenschen zu erfreuen, deren Laune zu heben und damit die Welt zu einem friedlicheren Ort zu machen. Sozusagen aus politischem Verantwortungsbewusstsein.



26. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XII.
19. Juni 2019:

„U 8-Bahnsteig, Hermannstr.
irre grinsende Doppelg. d. hochstapelnden Bloggerin
(unheimlich)“

War einen Moment perplex, die Dame sah schon sehr ähnlich aus. Sogar psychologisch nicht unplausibel, der Wahnsinn hat eventuell komplett das Regiment übernommen und manifestiert sich durch irres Dauergrinsen und wildes Gelächter, während Tag und Nacht über Bahnsteige gestolpert wird. Ein Stephen King-Moment. Shining oder Carrie. Gruselig.

26. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch XI.

Clark 1

19. Juni 2019

„neue Termine m. Clark!

[Clark:]
„Es wäre mir (also ihm) schon lieber, wenn wir beide da weitermachen, wo wir aufgehört haben, also kein anderer!“

Ich: „ja ja, viele Köche verderben (….)“

Er: „….die Köchin!“

Ich: „Genau! Viele Köche verderben die Köchin!“ ;-)“

Eigentlich ist ja hiermit alles gesagt. Die Sache an sich erfüllt nicht meinen hohen Anspruch an eine Merkwürdigkeit, aber die Formulierung fand ich durchaus bemerkenswert. Am 8. Juli geht es weiter, nun immer Abend-Termine. Das Folge-Rezept umfasst abermals sechs Behandlungen.

25. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch X.
auch 17. Juni 2019:

„Patschhändchen in U 8 v. Kind auf Papa-Arm
Junge, ca. 4 – 5 Jahre alt (Reptil…!)“

Sollte schnell erklärt sein, diese Notiz. In der U 8 am Abend, ein Vater, so Ende Dreissig, hat einen Stehplatz vor der Tür in der vollen U 8, ich auf dem Klappsitz in der Ecke, lese Montauk. Auf seinem Arm trägt er einen Jungen, ungefähr vier oder doch eher fünf Jahre alt, nicht mehr klein, schon ein Racker, der alleine Fußball spielt, blond wie Michel aus Lönneberga. Er schläft tief, wohl erschöpft von einem Ausflug. Der Junge hat seine Arme um den Hals von seinem Vater gelegt, aber die Hände halten sich nicht am Rücken fest, sondern stehen so in die Luft, wie man das manchmal bei Katzen sieht, wenn die Pfoten so in die Luft stehen, ganz entspannt. Ich kann auf einmal nicht mehr weiterlesen, weil ich dauernd auf die freischwebenden Patschhändchen des Jungen gucken muss. Sie erinnern mich an die Hände von Reptilien, die haben ja auch Finger. Wie große Echsenpatschhändchen. Bin ganz hypnotisiert und kann mich gar nicht mehr für mein Buch interessieren. War keine Rührung, wegen putzigem Kleinkind, so klein war er ja auch nicht, der Junge, sondern die Faszination der offensichtlichen Verwandtschaft von Menschen-Patschhändchen und Tier-Patschhändchen. So sehr verwandt. Werde nie verstehen, wie man Tieren Empfindungen absprechen kann. Das sind doch unsere kleinen Brüder und Schwesterchen. O.k. ich esse auch Tiere, gerne sogar. Fühle trotzdem solche Anwandlungen.

(Bild: „Echse“, Gaga Nielsen 2003, Acryl auf Leinwand, 120 x 140)

24. Juni 2019

Ich lese immer noch Montauk von Max Frisch. Ein schmales Taschenbuch eigentlich, aber ich lese in Etappen, in der S-Bahn, in der U-Bahn, und mit Hingabe. Ich will es nicht zu schnell lesen, es soll mich länger begleiten. Aber ich bin nun doch schon bei Seite 151 (von 207). Ich mag das Buch sehr, ist mir nah. Auf Seite 151 in meiner antiquarischen blauen Suhrkamp-Taschenbuchausgabe der 1975 veröffentlichten Erzählung, kommt der vielleicht am meisten zitierte Satz von Max Frisch über seine Beziehung, oder genauer das Ende seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann. „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“. Immer wieder wird der Satz in Texten über die beiden zitiert. Man kann ihn schon im Schlaf herunterbeten. Da ich Montauk jetzt erst zum ersten mal lese, obwohl ich es schon ewig vorhatte, lese ich den Satz nun zum ersten mal im Kontext:

„(…) „Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café vormittags; ich höre, daß sie in jener Wohnung, Haus zum Langenbaum, mein Tagebuch gefunden hat in einer verschlossenen Schublade; sie hat es gelesen und verbrannt. Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“
Max Frisch, Montauk, S. 151

Das Buch wurde also 1975, zwei Jahre nach Ingeborg Bachmanns Tod 1973, veröffentlicht. Zehn Jahre vergingen nach dieser erwähnten letzten Begegnung, vielleicht ohne jeden Kontakt. Ich weiß jetzt nicht, ob es in diesen zehn Jahren noch irgendeinen Briefwechsel gab. Die Briefe zwischen Bachmann und Frisch sind noch unveröffentlicht.

Mich beschäftigt diese hölzerne Formulierung „Ende (…) nicht gut bestanden.“ Was soll das denn heißen, „ein Ende einer Beziehung gut bestehen“? Ich ahne es, dass es für Frischs Seelenfrieden angenehm gewesen wäre, wenn man nach einer gewissen Zeit, wenn die akute Verletzung bei Bachmann halbwegs angeheilt war (was sie aber vielleicht nicht war, sie hat lange unter der Trennung gelitten), eine freundschaftliche, respektvolle letzte Begegnung zustande gebracht hätte. Er ist in eine neue Verbindung gegangen, als er die Trennung verursachte. Ein einseitiges Ende wie eine Prüfung gut bestehen. Hm. Für den, der verlässt, ist es eher eine Gewissensprüfung, für den, der verlassen wird, eine Herzensprüfung. Eine echte Überwindung des Verlustes, mit einer Vergebung von Herzen, ist meiner Erfahrung nach erst dann möglich, wenn das Herz nicht mehr gebunden ist. Und das geschieht am ehesten, wenn eine neue Bindung ins Leben tritt. Vielleicht sucht das Herz immer nach Bindung, weil man es dann stärker spürt. Das Band der Bindung berührt, gibt Halt. Man darf es nicht zu fest schnüren, sonst wird die Funktion eingeschränkt. Ich glaube, ich habe zweimal ein Ende „gut bestanden“, jedoch einige Jahre nach dem jeweiligen Ende. Mich beschäftigt der Verlust eines Menschen, der mir sehr nah kommen durfte, sehr lange. Immer.

24. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch IX.
Dritte merkwürdige Notiz vom 17. Juni 2019:

„Balkon, Nachbarin (Schierker) bittet um Erlaubnis für Insektenhotel! (na klar!)“

Versuche mich kürzer zu fassen, als bei der letzten episch erläuterten Notiz. Meine kleine Werkstatt hat einen Balkon, der eigentlich ein ungefähr 4 Meter langer Balkon war und bei der offenkundigen Trennung einer großen Wohnung zu zwei kleineren, auch getrennt wurde, durch ein halbhohes Mäuerchen und eine darauf befestigte Trennwand aus Eisen. Auf meiner Seite ist ein Anstrich in einem Farbton zwischen Beige und Elfenbein. Der Rest des Balkons ist allerdings Blau-Weiß-Türkis, das Auge erblickt marokkanisch und portugiesisch gemusterte Fliesen und Kacheln, zwei verschnörkelte Eisengartenstühle in altweiß und blauweiße Blumenbepflanzung, Hortensien, Lavendel, Männertreu, Rosmarin, ein Oleander, der aber noch nicht blüht. Ein blauweiß geringelter kleiner Sonnenschirm.

Als ich am Abend des siebzehnten Juni nach der Tanz-Episode bei Rewe eine Weile herumgewurstelt habe, ich saß gerade auf einem Bodenkissen und malte was an, höre ich Klopfzeichen. Die Balkontür stand auf. Klopf, klopf, dann Rufen: „hallo, hallo? Sind sie da?“ Ich saß in meinem bekleckerten Shirt mit dem Pinsel in der Hand da und habe erst mal nicht reagiert. Ich bin ja nicht so ein kommunikativer Typ, wenn ich meine Ruhe haben will. Einige Nachbarinnen habe ich schon getroffen in den letzten siebzehn Jahren, aber manche auch noch gar nicht. Die Balkon-Nachbarin gehört zu denen, die ich noch nie gesehen habe. Aber nun sah ich sie, denn ein Kopf kam plötzlich hinter der Trennwand hervor, sie beugte sich weit vor und rief noch mal. Sie konnte mich sehen, auf dem Boden sitzend, mit dem Pinsel in der Hand! Also musste ich reagieren, ich stand auf und rechnete schon damit, dass mir nun irgendeine Beschwerde unterbreitet wird, irgendetwas soll ich bestimmt unterlassen. Vielleicht einmal zu laut Musik gehört? Aber sie lächelte sehr nett. Ein kurzhaariger blonder Kopf, ca. Ende Fünfzig. Und nun fing sie an zu sprechen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte Ihnen etwas zeigen. Weil Sie es ja vielleicht stören könnte, farblich… also… ich möchte gerne ein Insektenhotel aufhängen, und das steht dann ja so drüber, aber Sie können das gerne anmalen. Wissen Sie, die Natur hat es doch so schwer in der Stadt, und deswegen möchte ich etwas dafür tun, dass die Insekten, die immer weniger werden und auch nützlich sind, wieder zurückkommen. Schauen Sie mal.“

Und zeigt mir so ein Holzhäuschen, so ein flaches, mit mehreren Fächern für Bienen und Marienkäfer. Oben dran so Stahlaufhänger, die dann bei mir drüberstehen würden, aber scheiß drauf, die mal ich dann halt an. Habe ich ihr auch mitgeteilt. Ich habe ihr mehrfach versichert, dass ich dem Insektenhotel meinen Segen gebe und das alles wirklich überhaupt kein Problem für mich ist! Sie war wahnsinnig erleichtert, eine Urberlinerin, ich habe es genau gehört, und eine mit ganz viel Herz. Wie könnte ich da Nein sagen, zu ihrem kleinen Insektenhotel. Hat mich gerührt. Auch, dass sie so eine Wahrnehmung für meine ästhetischen Bedürfnisse hatte. Solche Nachbarn kann man sich nur wünschen. Sie wohnt da mit einem Mann, der hat aber einen anderen Namen. Wie er aussieht, weiß ich nicht. Aber bestimmt auch ein netter Mensch. Seit gestern hängt das kleine Insektenhotel, ich hab die Aufhänger übergepinselt, alles gut.

23. Juni 2019

Es folgt ein Eintrag vom Küchentisch. Habe meiner Erinnerung nach noch nie am Küchentisch geschrieben. Das ist im Moment neben dem Schlafzimmer und dem Bad der am angenehmsten temperierte Raum. Mittlerweile bin ich rundum bei zwei Rollos pro Fenster und sogar drei bei der Balkontür. Das hilft sehr gut, ich flüchte nicht in ein klimatisiertes Museum oder ins KadeWe oder in den Supermarkt. Apropos Supermarkt – die folgende merkwürdige Notiz aus meinem Buch spielt im Supermarkt.

Es gibt dieses goldene Buch übrigens wirklich, wie ich noch einmal betonen möchte, es handelt sich nicht um eine hübsch benannte Kategorie, keine Metapher oder dergleichen. Ina hat mich am Freitag gefragt, daraufhin habe ich das Buch aus der Tasche geholt und ihr meine bisherigen Notizen gezeigt. Die Einträge, die ich schon in Blogtexten veröffentlicht habe, bekommen am Seitenrand einen senkrechten Vermerk „Blogeintrag vom xx.xx.2019“ und einen schwungvollen Haken.

Ina wünscht sich eine Abbildung davon, hier im Internet. Ich dachte auch schon darüber nach. Alternativ zur Kamera kann man ja auch scannen und als Bilddatei abspeichern. Meine Kamera macht seit Mitte November 2018 Pause, und sie will nicht in ihrer Ruhe gestört werden. Die Pause hat sie auch verdient. Um hin und wieder auch einen Eintrag mit Bild zu präsentieren, greife ich auf ältere Aufnahmen zurück. Es findet sich immer etwas passendes (bei 60.000 Bildern kein Wunder), zum Beispiel ist das Küchenbild (ich hatte wohl gerade den Tisch abgewischt, daher das Geschirrtuch) vom 17. Mai 2008. Da die Küche immer noch so aussieht (ich habe mich selbstverständlich auch nicht im geringsten verändert), handelt es sich um eine respräsentative Aufnahme. Aber nun zur Merkwürdigkeit im Supermarkt. Es geht um Musik.

Aus meinem goldenen Notizbuch VIII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„REWE, Hermannstr. „Hermann Arcaden“
„I’m in Love with your Body“
tanze durch die Regalreihen (bei Ketchup und Mayo)
„Shape of You“ (Ed Sheeran)“

Der siebzehnte Juni war auch ein recht sommerlich temperierter Tag. Wie so oft holte ich mir auf dem Weg in meine kleine Werkstatt noch ein paar frische Sachen bei REWE im Untergeschoss der Hermann Arcaden. Da gibt es zum Beispiel im Kühlregal so einen Gurkensalat, der immer frisch zubereitet auf mich wartet und mich total überzeugt. Das muss ich erwähnen, weil ich normalerweise alles selbst zubereite, aber Gurken hobeln etc. kostet dann doch etwas Zeit und besser kriege ich den auch nicht hin. Im REWE läuft Musik zur Unterhaltung beim Einkauf. Das ist für mich sehr interessant, weil mir dadurch Lieder zugetragen werden, die ich normalerweise nie hören würde. Es kommt auch vor, dass ich etwas kenne, aber meistens ist es irgendein Tralala-Popsong, wo ich nicht weiß, wer da gerade singt. Manchmal kenne ich auch die Melodie, irgendwo schon mal beiläufig gehört – eventuell bei Edeka. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die dort auch Musik spielen. Der Edeka am Hackeschen Markt, in der Rosi, der in dem jetzt abgebrochenen Haus war, hatte auch Musik, das weiß ich noch. Manchmal kommen ja auch aktuelle Songs aus der Hitparade als Hintergrundmusik beim Perfekten Dinner oder bei Shopping Queen. Ich schaue mir das ab und zu in der Mediathek an, zu später Stunde beim Schlaftrunk. Aber zurück zu REWE!

Ich hatte die Hände noch relativ frei, nur den Gurkensalat in der Hand, und war nun vor dem Ketchup- und Mayoregal. Da wurde über den Lautsprecher ein Rhythmus in den Laden gespült, Marimbaklänge, sehr groovy, wie die jungen Leute Ende der Siebziger gesagt hätten. Ich hatte an dem Tag wenige Stunden davor eine Mittagsstunde zur Physiotherapie bei Clark Kent genossen und fühlte mich recht locker. Dieser Rhythmus ging mir direkt in die Beine und ich fand den Text auch sehr schön. Ein junger Mann, vermutlich so ein schwarzer junger Sänger mit so einem Dancefloor Projekt, sang immer wieder: „I’m in love with your body“, „I’m in love with your body“. Ich konnte es direkt fühlen. Ich musste tanzen! Ich bewegte mich also am Ketchup und Mayo rhythmisch vorbei, Richtung Bautzener Senf und wieder zurück. Ich sollte ja mehr tanzen, hatte Clark mir ans Herz gelegt, es wäre sicher in seinem Sinn. Ein tolles Lied zum Tanzen. Es ging in dem Text scheinbar nur um den Körper einer jungen Frau, die der Sänger anbetete. Er variierte die Aussage sogar mit „I’m in Love with the shape of you“. Ich sah ihn direkt vor mir, sicher vom Aussehen her so ein Typ wie Pharell Williams oder ein junger Prince (Gott hab ihn selig). Wahrscheinlich hat er ein Unterhemd an, oder Tank Top sagt man ja international, während er seine braunen Muskeln im Video spielen lässt, falls es ein Video davon gibt. Ich freute mich, wie schön lang das Lied war, ich konnte noch ein bißchen vor dem Ketchup herumhampeln. Zum Glück waren in dieser Regalreihe keine Kunden, ich war praktisch unbehelligt. Und die wenigen, die mich hätten sehen können, nahmen nur Notiz von den Produkten im Regal. Das war mir sehr recht. Nicht, dass ich mich irgendwie peinlich bewegen würde, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich an unpassender Stelle mit meinen Tanzkünsten hervortun möchte. Alles Aufgesetzte ist mir zuwider! Manchmal singen junge Frauen (komischerweise nie junge Männer) hörbar in der S-Bahn vor sich hin, durch die Bank wirkt es auf mich, als handelt es sich nicht um einen Impuls, weil man nicht anders kann, und die Muse einen halt gerade massiv küsst, sondern weil die jungen Damen sich selbst eine Gesangsstimme attestieren, die auf Entdeckung wartet. Bisher war aber für meinen Geschmack noch nichts dabei, was ich mir gerne auf Schallplatte anhören möchte.

Als der kleine schwarze Sänger sein Lied mit einer nochmaligen Bestärkung der Aussage: „Im in love with your body, Im in love with the shape of you“ zu Ende gebracht hatte, konnte ich meinen kleinen Einkauf mit drei Sardinenbüchsen, einer Flasche Tonic Water der Rewe-Hausmarke und einer guten Flaschengärung vollenden. Es war bisher eigentlich mein schönster Einkauf bei Rewe und ich nahm mir vor, daheim zu googeln, wer der schwarze Sänger mit diesem tollen Lied ist. „Im in love with your body“ konnte ich mir auch gut merken, die Notiz machte ich dann gleich in meiner Werkstatt. Als ich dann am Abend daheim vor dem Computer war, wollte ich meine Notiz um den Zusatz des Namens des schwarzen Sängers ergänzen. Ich googelte also die Textzeile und fand auch gleich als Ergebnis ein Video auf youtube mit dem Foto von so einem schwarzen Rapper-Typen. Ah ja, ich hatte ihn mir kleiner vorgestellt, zarter irgendwie, aber passt schon. Aha, der Song heißt also „Shape of you“. Als ich auf den Startbutton klicke, kommt ungefähr das Lied, das ich vor dem Ketchupregal gehört habe, aber irgendwas stimmt nicht. Es muss irgendein Remix sein, nicht das Original. Prompt hat auch darunter einer als Kommentar geschrieben, „I love your remix of the song!“ Aha.

Also gibt es noch eine andere Version, die es zu finden gilt. Ich googelte nach den Lyrics von „Shape of You“ und da stand plötzlich, sehr irritierend für mich „by Ed Sheeran“. Hä? Das ist doch dieser rothaarige britische Popsänger, mit Gitarre und Balladen. Von dem soll das Lied sein? Kann ja wohl nicht sein. Der würde doch bestimmt niemals solche eindeutigen Anmach-Lieder singen, das passt doch gar nicht zu dem braven Ed Sheeran. Ich meine, es geht hier doch nun wirklich um hitzige erotische Gefühle, ohne Herzschmerz etc. Das muss ein Ausrutscher gewesen sein, mal schauen, ob es ein Video dazu gibt. Nun fand ich auch recht schnell das Lied, genau das, was mir im Rewe vorgespielt wurde, und was soll ich sagen: der schwarze kleine Sänger war scheinbar tatsächlich Ed Sheeran. Und im Video zeigt er sich sogar etwas körperbetonter im Sportstudio. Die Angebetete passt auch gut zum Song. Ihm kaufe ich die Rolle im Video nicht so ganz ab, so sportiv wirkt er nicht auf mich, wie er da tut. Es soll sich übrigens um einen Hit handeln. Was natürlich auch angebracht ist, denn ein Lied, das mich im Rewe zum Tanzen bringt, hat ganz klar Hitpotenzial, und zwar weltweit. Ich bin da auf jeden Fall ein zuverlässiger Indikator.

Wie ich aber bei weiterer Recherche sehe, ist Ed Sheeran nicht der einzige Autor des Liedes, da werden noch die Herren Steve Mac und Johnny McDaid genannt. Das steht im Wikipedia-Eintrag des Liedes. Wenn es ein Song erstmal zum Wikipedia-Artikel gebracht hat, kann man glaube ich mit Fug und Recht sagen, dass es sich um einen Hit handeln muss. Jedenfalls vermute ich ganz stark, dass der frivole Text maßgeblicih von diesem Steve Mac oder Johnny McDaid stammt. Die sehen schon von den Fotos her mehr so aus, als ob sie auch mal so eine angesexte Nummer raushauen. Ed Sheeran hat sich dann vielleicht die putzigen Marimba-Töne dazu ausgedacht. Aber vielleicht unterschätze ich auch das erotische Songwriterpotenzial von Ed Sheeran, kann gut sein. Es sind halt schon recht einfache Sätze, ohne akademisch lyrischen Anspruch, aber das muss ja auch nicht immer sein. Hier nochmal ein Auszug aus dem Text:

„(…)
Grab on my waist and put that body on me
Come on now, follow my lead
Come, come on now, follow my lead
I’m in love with the shape of you
We push and pull like a magnet do
Although my heart is falling too
I’m in love with your body
And last night you were in my room
And now my bedsheets smell like you
Every day discovering something brand new

I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body“

Schon sehr schön. Wobei man vielleicht auch in einer gewissen Grundverfassung sein muss, um das in der Fülle zu würdigen.

Das war also die merkwürdige Notiz vom 17. Juni im Rewe. Ich zeigte Ina die bis dahin unverarbeitete Notiz in meinem goldenen Büchlein, schilderte kurz den Sachverhalt und vergewisserte mich bei ihr, ob der Vorfall das Prädikat „merkwürdig“ verdient. Sie gab der Notiz den Segen mit den Worten: „merkwürdiger als merkwürdig!“ Na, meine ich doch. Zuerst die Tanzerei vor den Ketchup-Flaschen und dann ist der kleine schwarze Sänger von dem Lied in Wahrheit Ed Sheeran.

Heute habe ich übrigens im Badezimmer beim Abrocknen nach der Dusche auch einen kleinen Tanz-Anfall gehabt. Meine Stereoanlage spielte mir zufällig „Latest Flame“ von Elvis. Ein herrliches Lied, hat natürlich auch einen Wikipedia-Eintrag. Das sind so die Rhythmen, die mich in Bewegung bringen. Dies allen Songschreibern, die hier mitlesen, als kleine Hausaufgabe. „His Latest Flame“ ist übrigens aus der Feder von einem gewissen Doc Pomus und dem auch mir durchaus geläufigen Mort Shuman. Elvis hat auch an seinen Songs mitgeschrieben, aber „Latest Flame“ war ein Cover von einer Originalaufnahme von einem gewissen Del Shannon (nie gehört), die nicht sehr erfolgreich war. Das fehlende Hitpotenzial kann man auch auf youtube prüfen, hier die Version von Shannon. Also die Komposition alleine macht noch nicht den Hit. Man braucht schon ein starkes, grooviges Arrangement und einen starken Sänger. Wie Elvis. Hören Sie mal beide Aufnahmen kurz hintereinander und dann weiß man, warum nur Elvis der King sein konnte. Elvis Forever.

21. Juni 2019

Hiermit fordere ich alle auf, sich eindeutig zu äußern. Bitte bis 24. Juni 2019. An sich kennt man mich nicht so forsch und fordernd, aber man muss ja immer machen, was im Tageshoroskop steht, damit es sich erfüllt. Sonst wäre es am Ende noch falsch und die ganze Astrologie womöglich ein Phantasiegebilde. In meinem Tageshoroskop steht (u. a.) für den Zeitraum 20. bis 24. Juni 2019:

„Sie gehen jetzt entschlossen vor, besonders im Umgang mit anderen Menschen. Sie vertreten einen klaren Standpunkt und fordern auch Ihre Mitmenschen auf, sich eindeutig zu äußern. (…) Ihr bisheriges Wirkungsfeld genügt Ihnen jetzt nicht mehr, Sie wünschen sich neue Ausdrucksmöglichkeiten.

So so. Nennt sich Mars Trigon Aszendent. Da ich mir bekanntlich neue Ausdrucksmöglichkeiten wünsche, werde ich mich heute Abend dem Ausdruckstanz widmen. Ist zwar nicht ganz neu, aber ich habe den Tanz in den letzten Monaten so stark vernachlässigt, dass es doch ein bißchen wie neu sein wird. Es gibt weitere Notizen im Goldenen Notizbuch, die auf die Verarbeitung und Veröffentlichung warten, es passieren doch recht viele Merkwürdigkeiten, wenn man erst einmal darauf achtet. Dabei bin ich schon streng und notiere wahrlich nicht jeden denkwürdigen Eindruck. Wenn sich beispielsweise etwas Merkwürdiges wiederholt, lasse ich es glatt unter den Tisch fallen. Es hat dann ja auch schon nicht mehr ganz den Merkwürdigkeits-Effekt, weil man es ja schon einmal ähnlich erlebt hat. Ich muss nun für heute schließen und mich der Wahl meiner Garderobe für das Tanzvergnügen widmen. Und wenn Sie hier einen Kommentar schreiben möchten, bitte ich doch sehr darum, sich um eindeutige Formulierungen zu bemühen.

19. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch VII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„Hardenbergstr. Reisegruppe, ca. 30 Pers.,
Reiseleiter:„Bitte machen Sie Platz für die Dame!“
Einer aus der Gruppe:
„Du musst aber auch jede Gelegenheit zum Flirten wahrnehmen!“
(ich geschmeichelt)
Erinnerung an Platzangebot S-Bahn, britische Kindergruppe, kleiner Engländer steht auf f. mich!“

Oh ja, vorgestern am frühen Abend. Auf meinem Weg zur S-Bahn Zoologischer Garten, nimmt die oben erwähnte, deutsche Reisegruppe die ganze Breite des Gehweges der Hardenbergstraße ein, ich versuche mich links vorbeizudrücken, der Reiseleiter bittet tatsächlich mit diesen Worten „Bitte machen Sie Platz für die Dame!“ und ziemlich resolutem Tonfall darum, den Weg für mich freizumachen. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, ich dachte erst, hinter oder vor mir ist noch eine richtige „Dame“, aber da war nur ich. Also war ich für ihn die Dame! Toll. Obwohl ich weder Kostüm, noch Pumps, noch Merkel-Blazer trug. Ein feiner Zug. Der Tonfall und Gesichtsausdruck war allerdings überhaupt nicht flirtend, eher sachlich. Ich glaube, er wollte nur, dass seine Gruppe in der deutschen Hauptstadt nicht unangenehm auffällt. Aber der eine Herr aus der Gruppe scheint in solchen schlichten Hinweisen zu höflichem Verhalten eine Form von Annäherungsversuch zu sehen. Wahrscheinlich ist er derjenige, der immer zu einem Flirt aufgelegt ist. Jedenfalls bedeutete das für mich in der Konsequenz, dass ich schön viel Platz zum Durchlaufen hatte und man mich noch für ein potenzielles Opfer eines Annäherungsversuches halten könnte. Beruhigend.

Man hat ja gelernt, sich über kleine Dinge zu freuen, da die althergebrachten Gentleman-Gesten mehr oder weniger ausgestorben sind. Ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr, dass mir ein junger, kräftiger Mann seinen Platz in der vollbesetzten S- oder U-Bahn anbietet. Eigentlich habe ich es noch nie erwartet, aber freuen täte es mich immer. Vor ca. drei Jahren hat mir ein junger Franzose mal seinen Platz in der S-Bahn angeboten, ich dachte, ich hätte mich verhört, aber er stand auch schon auf, bevor ich sagen konnte „Dankeschön“. Ich reagierte aber nicht gleich mit Hinsetzen, sondern schaute ihn erst etwas ungläubig an. Ich konnte mein Glück kaum fassen und hakte nochmal aktiv nach, ob das jetzt ernst gemeint sei. Er daraufhin lächelnd mit sehr charmantem französischen Akzent: „abär – es wäre unöflisch, ah?“ Ich nahm den Platz dankend an und fügte erklärend hinzu: „Das ist so ungewöhnlich… man kennt das gar nicht mehr…! Danke, vielen, vielen Dank!“ Die Blicke der umsitzenden und stehenden anderen Fahrgäste waren ebenfalls ungläubig. Perplex geradezu. Ein Erlebnis, das das Adjektiv merkwürdig ebenso verdient, wie das Platzmachen der Reisegruppe.

Und es muss doch wirklich Anfang Juni gewesen sein, ich hatte das goldene Notizbuch noch nicht, und es deshalb nicht notiert, dass mir nochmal ein Platz angeboten wurde. Diesmal von einem entzückenden englischen Schulbub. Wie ein kleiner Soldat ist er zackig aufgestanden, leichte Verbeugung in meine Richtung und schenkte mir seinen Platz. Ich war sehr gerührt. Ich habe nun nicht gerade geweint, aber es hätte nicht viel gefehlt. Geweint um die nachlässige Erziehung in puncto Höflichkeitsgesten in unserem Land. Und die vorbildliche Haltung der jungen Menschen in Frankreich und Großbritannien. Vive la France! God Save the Queen!

19. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch VI.

Notiz 12. Juni 2019:

„“Frühchen“ (aber fit)
in der S-Bahn!
(auf Mamas Arm, N I C H T im Brutkasten.
Kopf ca. wie große Katze)“

Rechts auf dem Klappsitz neben mir in der S-Bahn eine junge Mutter. Vielleicht siebenundzwanzig, hält ein ganz kleines Neugeborenes. Man hat ja schon manche Babies gesehen, aber so ein kleines. Ich noch nie. Es schlummert, dunkler Haarflaum wie Mama, an ihren Hals geschmiegt. Sie hält ihr Kind behutsam, aber entspannt. Das muss doch ein Frühchen sein, so klein, denke ich. So ein rührender Anblick, der winzig kleine Mensch. Atmet ganz ruhig, schläft, während die Berliner S-Bahn von der Ost- in die West-City fährt. Der Vater ist auch dabei, sitzt neben der Frau. Sie unterhalten sich manchmal, in einer fremden Sprache. Ich überlege, ob die Geburt erst ein paar Stunden zurückliegt. Und mir fällt ein, dass Frühchen bessere Überlebenschancen haben, schneller kräftig werden, wenn sie Körperkontakt zur Mama haben. Oder auch zum Papa. Hauptsache Körperkontakt, Zuwendung, Nähe. Dann fiel mir noch ein, dass der Sohn von Hannelore Elsner auch ein Frühchen war, sogar ein ganz frühes. Sie hat ihn wohl nur gut vier Monate ausgetragen, als er zur Welt kam. Und ist so ein großer kräftiger Mann geworden. Faszinierend. Es gibt Fotos, er neben seiner kleinen Mama. Eigentlich eine schnelle Sache, vier Monate schwanger, wobei die ersten drei ja nur von Übelkeit eingeschränkt sind, wenn es einen trifft. Dann bis kurz vor dem fünften das sichtbare Bäuchlein, aber immer noch leicht, und schon ist es da, das liebe Kind. Ist natürlich mit Ängsten und Panik verbunden, schon klar. Wird die gute Hanni auch nicht gedacht haben „ja super, das ging ja ruckzuck!“. Sie hat ja auch davon erzählt, von der bangen Zeit, als der Kleine im Brutkasten war. Das S-Bahn-Baby vom 12. Juni war sicher schon ein paar Wochen älter, aber auf keinen Fall neun Monate. Das sehe sogar ich, ohne dass ich bemerkenswert mit Babies zu tun gehabt hätte. Die Mini-Hände rühren einen ja sowieso immer. Diese zarten kleinen Fingerchen. War ein schöner Augenblick.

18. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch V.

weitere Notiz 11. Juni 2019:

„Clark. getaped!
schimpfe auf Insta- + Influencerscheiße
er pinterest Wohnungen. Empfehle AD auf youtube“

Hm. Frage mich, was daran aus meiner Sicht so merkwürdig gewesen ist. Vielleicht, dass er mich zum ersten mal getaped hat, und wie. Wenn man es nicht wüsste, könnte man es für eine mehrdeutige Umschreibung für etwas anderes halten. Was nicht der Fall ist. Er hat mich eben getaped. Meinen Arm. Mit so einem Verband-Klebeband, das andere war vielleicht gerade nicht zu Hand. Ich sah dann aber aus, als käme ich gerade aus der Unfallklinik, wo man mir einen Notverband angelegt hat. Für das nächste mal habe ich schwarzes Tape verlangt. Das sieht wenigstens cool aus. Aber dass ich auf den ganzen Influencer-etc. pp.-Quark schimpfe, ist ja eigentlich in keinster Weise merkwürdig oder bemerkenswert, sondern absolute Normalität. Meinethalben kann sich die Erde auftun, und den ganzen Kram verschlucken. Bei dem Wort Influencer macht er diese Geste mit der Hand und sagt: „DA könnte ICH kotzen.“ Sind wir uns ja einig. Diese harmonische Kommunikation ist fast schon unheimlich. Aber nun ist es ja erst mal vorbei. Es sei denn, ich hole mir wieder ein Rezept. Freundin mit Erfahrung mit Folgerezepten klärt mich über die Rituale auf. Zwei Folgerezepte würden einem zustehen. Denn nach sechs Behandlungen kann es ja noch gar nicht wieder gut sein, das ist doch wohl klar. Ist es ja auch nicht. Ich muss nicht mal lügen. Aber schon besser. Viel besser. Nun hat er auch erst mal Urlaub, der Gute. Auch steht eine Reise an, mit der Freundin nehme ich an. Er könnte mein Sohn sein. Enkel vielleicht noch nicht, aber Sohn locker. Die Frisur ist übrigens nicht ganz Original Superman, sondern mehr so wie Tim von Tim und Struppi. So eine kecke Locke nach oben. Die jungen Männer achten überwiegend doch sehr auf ihre Frisur, was ich begrüße. In der letzten Stunde, gestern, hatten wir es von Hipstern. Ich musste schon wieder schimpfen, über die Unsitte, Bier aus der Flasche zu trinken und sich womöglich noch mit einer Bierflasche in der Hand in öffentlichen Verkehrsmitteln zu präsentieren. Wo ich schon dabei war, redete ich mich richtig in Rage. „Untergang des Abendlandes!“ Er daraufhin „Aber ich komme doch hoffentlich nicht wie ein Hipster rüber, oder?“ Ich daraufhin: „hm, das kann ich nicht so richtig beurteilen.“ Er (entsetzt): „Um Gottes Willen! Bitte nicht!“ Ich (beschwichtigend): „Nein, nein, alles o.k. Die haben ja außerdem so Kopfsocken und Dutt und Rauschebart und Tunnel….“ Er: „Finden Sie das GUT?“ (wir siezen uns, ich möchte das) Ich: „Nein, ich finde das total unattraktiv!“ Er „Ach so. Dann bin ich ja beruhigt“. Manchmal wird die Kommunikation meinerseits durch seine Handgriffe erschwert, wenn er mein Kinn fest in seiner Hand hat und den Kopf dann so dreht. Das soll die Halswirbel lockern. Ich kann dann gar nicht so viel reden, wie ich möchte. Mal sehen, ob ich nicht doch mal die Sprechstundenhilfe von Finkbeiner um so ein Folgerezept bitte. Ab 8. Juli ist Clark wieder in der Praxis. Da ich ja keine Kinder habe, könnte ich ihn eventuell auch als meinen Erben einsetzen. Er interessiert sich ja sehr stark für meine Werke. Zumindest theoretisch. Ich glaube, nun schießen die Gedanken gerade etwas übers Ziel hinaus. Andererseits kann ich mich nicht erinnern, dass schon einmal ein jüngerer, gutaussehender Mann zu mir gesagt hätte: „Ihre Bilder würden mich ja wahnsinnig interessieren!“ Er meint die gemalten. So, das ist jetzt erst mal genug zum Themenkomplex Clark Kent, eine weitere Notiz zu ihm habe ich auch gar nicht in meinem goldenen Buch.

17. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch IV.

Was solls, ich haue noch einen raus: Eintrag vom 11. Juni 2019:

„Hackescher Markt
(gelesen) „Bio-Späti“
(eigentl. „Bis-„)“

ich wollte ja wieder etwas Persönliches präsentieren, muss aber nochmal vertrösten. Dafür richtet sich dieser Eintrag an alle, die sich beruflich neu orientieren möchten. Ich stand also am 11. Juni 2019 am Hackeschen Markt am S-Bahnsteig und wartete auf die Bahn. Da ich ja kein Smartphone habe, auf das ich unablässig glotzen könnte, lasse ich gerne meinen Blick schweifen. Ich betrachte die städtebaulichen Veränderungen, lasse das Outfit der Mitfahrgäste auf mich wirken. Wenn man ein bißchen weiter hinten steht, also Blickrichtung Bode-Museum, sind da auch ein paar gastronomische Betriebe, öfter mal ein neuer Imbiss. Nun wird der Blick geringfügig, also wirklich nur ganz geringfügig, durch so ein Eisengeländer eingeschränkt, das den Schienenbereich von der Straße trennt. Da sehe ich doch (ich versuche einen Spannungsbogen aufzubauen, daher die umständliche Vorrede) ein neues Ladenschild. Und mir dünkt, da steht „Bio-Späti“. Kann man mal sehen, Berlin Mitte ist wieder ganz vorne mit dabei, wenn es um trendige Angebote geht. Wer hätte ihn nicht schon lange ersehnt, den Bio-Späti! Toll! Wäre ich eine Kundin von Spätis, wäre das mein Späti! Bio-Schokoladenriegel, Bio-Zigaretten, Bio-Schnaps. Alles, was man zu später Stunde so braucht! Da hat doch jemand clever die Marktlücke erkannt. Und Mitte wieder ganz, ganz vorne mit am Start! Meine Hood! Wobei es in Mitte an sich relativ wenig Spätis gibt, zumindest im Vergleich zu Neukölln, wo ungefähr 95 Prozent aller Geschäfte den Späti zum Kerngeschäft erklärt haben. Da ist offenbar ein anderes Publikum mit anderen Bedürfnissen. Ich zum Beispiel bevorrate mich mit Essen und Getränken in Supermärkten zu regulären Öffnungszeiten. Die Späti-Sachen sind mir einfach zu teuer, da bin ich knauserig. Sonst natürlich sehr gerne.

Weil man aber ja auch nicht minutenlang auf derselben Stelle stehen kann, bin ich irgendwann einen Schritt zur Seite getreten. Plötzlich stand da gar nicht mehr „Bio-Späti“, wie von mir vermutet (ich hatte das O ja gar nicht gesehen, da war die Eisenstange von der Absperrung), sondern da stand „Bis Späti“. Ich war dann ein bißchen enttäuscht. Aber der Grund, wieso ich aus so einer läppischen Sache einen extra Eintrag mache, ist der Service-Gedanke, den ich einfach in mir trage. Vielleicht befindet sich einer meiner Leser gerade in einer persönlichen oder existentiellen Krise und möchte sich neu orientieren und sucht noch nach dem richtigen Geschäftsfeld. Ich wüsste da was! Wie wäre es mit der Eröffnung eines „Bio-Spätis“? Eine Start up-Idee, die nun wirklich Zukunft hat. Zumindest in Berlin Mitte. Da bin ich mir ganz sicher.

17. Juni 2018

Aus meinem goldenen Notizbuch III.

Ein weiterer Eintrag. Es wird wieder etwas körperlich:

„neulich in U-Bahn (U8)
(Anfang Juni 2019)
Schienbeintattoo junger Mann:
ovaler Teppich (wie Badvorleger)
darauf quadratisches Tischchen (wie v. Ikea)
auf Tischchen Vase mit Blümchen“

Aha. Ja. Nicht, dass ich mich über Gebühr für Tattoos interessieren würde, mir gefallen auch nur sehr selten die Motive, die dargeboten werden. Wenn überhaupt, dann nur so eine schöne, anmutige Vogelschwinge am Oberarm oder Schulterblatt. (Ich selber bin nicht tätowiert).

Aber dieser junge Mann da neulich, mit seiner mutmaßlichen Freundin in der U 8. Sehr merkwürdig. Er sah erst mal überhaupt nicht wie der gewöhnliche Tattoo-Freund aus, der ganze Typ war eher wie ein braver Bub, nicht so ein wilder Vogel. Klamotten waren auch unspektakulär bis langweilig, ein T-Shirt dessen Farbe mir entfallen ist, was einfarbiges, vielleicht hellblau oder grau. Und eine beigefarbene Hose, die zwangsläufig kurz gewesen sein muss, vielleicht so eine Art Bermuda, sonst hätte ich das Schienbein ja gar nicht ausführlich sehen können. Da er mir gegenüber saß, und eine ganze Weile mitfuhr, hatte ich genug Zeit mir das Motiv einzuprägen, und mir so meine Gedanken darüber zu machen.

Sein unteres Bein war vorne großflächig tätowiert. Wie oben schon angeführt, präsentierte er auf dem Schienbein eine einfarbig in Schwarz gehaltene Zeichnung, die sich eher für DIN A 4-Format empfohlen hätte: ein ovaler, kleinerer Teppich mehr so rechts unten, wie einer dieser puscheligen (für meinen Geschmack nicht sehr attraktiven) Badvorleger, Man kennt ja diese Sets, Puschelvorleger fürs WC, Puschelabdeckung für die Klobrille und passend dazu der etwas größere Vorleger fürs Waschbecken oder die Badewanne. Auf dem ovalen Teppich ein Beistelltischchen, quadratisch. Gibt es bei Ikea in verschiedenen Farben. Auf dem Tischchen, nicht ganz in der Mitte, eine zierliche Blumenvase, schlichte Form. In der Blumenvase ein aparter Blumenzweig mit mehreren Blüten. Sorte konnte ich nicht erkennen. War ja auch einfarbig, was die Bestimmung zusätzlich erschwert hat. Die Blume war dann auch nicht so groß. Es musste ja alles auf das Schienbein passen. Ansonsten war der junge Mann nicht tätowiert. Ich habe mir ja schon viele Tätowierungen in der U 8 ansehen dürfen, aber so etwas war noch nicht dabei. Ich wollte diesen avantgardistischen Ansatz, mal ein bißchen Wohnungseinrichtung als Tätowierung zu präsentieren, hiermit gewürdigt haben, als Merkwürdigkeit Nummer Drei.

Ich hoffe, mir laufen jetzt nicht die Leser davon, weil ich schon wieder mit einer ja doch eher unpersönlichen Merkwürdigkeit langweile! Ich werde mich bemühen, einen Mix hinzubekommen, so dass im nächsten Eintrag, wieder was persönliches drinsteht!

16. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch II.

Also gut, ein frivolerer Eintrag. Mein erster Beitrag ist ja nicht so stark angekommen, wahrscheinlich zu brav! Ich überspringe jetzt einen anderen Eintrag (den ich dann später präsentiere) und verarbeite eine Notiz zu meinem Physiotherapeuten. Wir erinnern uns: zufällig sieht mein Physiotherapeut aus wie Clark Kent. Also groß, athletisch, angenehme Gesichtszüge, schwarze Brille. In meinem goldenen Notizbuch findet sich folgender Eintrag vom 7. Juni 2019:

„Physio (3. Stunde 7. Juni)
„Nelson-Methode“, „Plattenverschiebung“

  • Clark: „ich liebe die Romantik!“ Chopin!

Am 17. Oktober 2019 ist der 170. Todestag von Herrn Chopin. Ich liebe ihn ja auch sehr. Clark plant anlässlich des runden Todestages nach Paris zu reisen, zu seinem Grab. Ein wahrer Romantiker! Das könnte man jetzt unter banal und alltäglich abtun, aber für mich fällt das ganz klar unter „Merkwürdigkeiten“ für mein goldenes Notizbuch. Käme dieser Plan von einem Studenten an einer Musikhochschule oder einem ambitionierten Dichter, würde mir das ja auf Anhieb einleuchten. Aber dieses Bekenntnis „Ich liebe die Romantik!“ wurde mit einem heiligen Ernst vorgebracht. Von einem athletisch gebauten Physiotherapeuten im schwarzen Sportdress, während er meine Hand hielt. Also bitte.

16. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch I.

Schon etwas länger her, da hatte ich das Büchlein noch gar nicht, aber ich habe es mir gemerkt. Eine junge Frau schrieb mir eine E-Mail. Kein Spam. Der Nachname von ihrem Absender der Mail und der Name in den beigefügten Anhängen, die mit ihr zu tun hatten, war ein anderer, als der mit dem sie ihre Mitteilungen unterschrieb. Ich bat sie um Erklärung, wie nun der aktuelle Name sei, wobei ich mir schon dachte, dass wahrscheinlich eine Eheschließung mit geändertem Namen der Grund ist. Sie rief mich an und sprach sehr gut Deutsch, obwohl sie vor noch gar nicht langer Zeit aus Albanien nach Berlin gekommen ist. Aufgeregt erzählte sie, dass sie geheiratet hat und das der Name ist, mit dem sie jetzt unterschreibt. Zu dem anderen Namen erklärte sie:

„Aber das ist doch mein Geburtstagsname!“

Ich fand das so schön. Geburtstagsname! Wie putzig. Es kommen oft so schöne Sachen dabei heraus, wenn jemand eine Sprache lernt und versucht alles richtig zu sagen. Kinder machen das auch manchmal. Wie unkreativ wir dagegen mit der eigenen Sprache umgehen. Da ist noch viel Luft nach oben! Obwohl mir dann auch wieder so besonders ambitioniert originelle Formulierungen eher auf den Wecker gehen. Aber wenn es so in aller Unschuld kommt, das hat ganz viel Charme. Also das war jetzt eine Kostprobe aus meinem goldenen Notizbuch, was ich unter den angekündigten Merkwürdigkeiten verstehe!

12. Juni 2019

Nun besitze ich ein goldenes Notizbuch. Oft bin ich darum herumgeschlichen, wenn ich nach einem Museumsbesuch durch den zugehörigen Shop schlenderte, und überwiegend niemals etwas kaufte. Dieses herrliche Relief vom Goldhut, eine Pracht. Auf der Abbildung kann man es erahnen (die blaue Bauchbinde ist nur Verpackung). Aber was hätte ich denn bloß hineinschreiben sollen? Lange schon beschrifte ich keine Papierseiten in Kladden mehr mit meinen urpersönlichsten Befindlichkeiten. Was hat man nicht alles hineingeschrieben in die Dinger. Jeden Kummer, den man auf dem Herzen hatte, jede tolle Begegnung, jede Langweiligkeit. Man wusste ja, dass es ein diskreter, verschwiegener Zuhörer ist, dem man seinen Herzschmerz überlassen kann. Oder ein Gefühl der kompletten Orientierungslosigkeit. Aber auch Hass, tiefe Enttäuschung, Wut, Alles! Aber dieses Alles wollte ich nun schon jahrelang nicht mehr verewigen. Das Grauen nicht noch zelebrieren und auf ein Podest heben. Zu viel der Ehre. Am vergangenen Freitag habe ich es nun doch gekauft, das goldene Büchlein. In der Alten Nationalgalerie hat man mich kurz vor Schluss, ein paar Minuten vor Sechs noch reingelassen, weil ich versprach, wirklich nur das Notizbuch kaufen zu wollen, ich wüsste sogar genau, wo es liegt. Gesagt, getan.

Hineingeschrieben habe ich auch schon einiges. Aber es wird kein Tagebuch sein, kein Schmerzensbuch! Ich notiere eher kurze Stichpunkte von Merkwürdigkeiten, die mir begegnen. Also echte Merkwürdigkeiten aus meiner Sicht. Sachen, die man nicht in den anderen Blogs lesen wird. Quasi exclusives Material! Ich habe vor, diese exclusiven Merkwürdigkeiten in lockerer Folge meinen drei Lesern darzulegen. Natürlich stark ausgeschmückt. Wobei ausgeschmückt nicht bedeutet, mit Zierrat versehen, den die Merkwürdigkeit nicht sowieso an sich hatte, sondern detailgenau berichtet. Eventuell fange ich schon morgen damit an. Es hat sich schon ein bißchen was angesammelt, nicht dass es dann so viel wird, dass mir die Lust vergeht, es abzuarbeiten. Clark hat übrigens eine Freundin, wie er heute beiläufig eingeflochten hat. Diese Anmerkung verstehen jetzt aber nur ganz aufmerksame Leserinnen.

08. Juni 2019

„(…) wir fürchteten uns gewaltig vor diesem Abend. Es war dann aber sehr fesch. Bei Tisch soll ich sogar zuviel gelacht haben. (…) Mit dem einen Blau aß ich ein Vielliebchen* auf das Wort ‚Secession‘.“

Alma Mahler-Werfel, „Tagebuch-Suiten 1889 – 1902, S. 41, Suite 5, 16.IV.1898

*) „ein Vielliebchen essen“: findet sich beim Knacken einer Nuß eine Zwillingsnuß in der Schale, essen zwei Personen je einen Teil davon, verabreden ein Wort, und derjenige, der dieses Wort am folgenden Morgen zuerst ausspricht, darf sich etwas wünschen, was der andere ihm erfüllen muß.

So ein schönes Spiel. Mehr Nüsse essen, knacken!

07. Juni 2019

“(…) dazu sein übergroßes Foto-Porträt: dieses Gesicht! Wer oder was verleiht Rang? Die Leistung tut es zum Teil. Verleiht einer den Rang sich selbst? Auch der Gescheiterte kann Rang haben. Wodurch? Rang bedeutet noch nicht Ruhm. Ich kenne Leute, die ihren Ruhm verloren haben zur Lebzeit; der Rang ist ihnen geblieben. Rang ist nicht der Glanz des Siegers. Wie bekundet sich Rang? Ich bin Leuten von Rang begegnet, Männern und Frauen, älteren und jüngeren, berühmten und anderen; ich bin Giacometti nie begegnet. Die Begegnung mit Leuten von Rang (sie müssen nicht von der gleichen Fakultät sein) macht Mut auf merkwürdige Weise; sie bedienen sich nicht des Lobes, um Mut zu machen. Sie verleihen Rang, ob sie zustimmen oder widersprechen; noch eine Fehde führen sie in der Erwartung von Rang. Solche Erwartung kann natürlich enttäuscht werden. Bei Leuten von Rang besteht die Erwartung von Rang nicht blindlings, aber unabhängig von Erfolg oder Nichterfolg; sie selber setzen die Maßstäbe. Das kennzeichnet sie untrüglicher als ihre Leistungen, die der andere in vielen Fällen ja nicht beurteilen kann. Ihr Rang beglänzt ihre Leistung. Sie sind nicht immer freundlich; nur lassen sie sich in ihrer Erwartung nicht irritieren, wenn jemand sich gelegentlich unter seinem Rang verhält. Die Selbstzweifel, die ihnen vorgetragen werden, nehmen sie ernst, doch fallen sie nicht auf Selbstbezichtigung herein wie die andern, die, sobald sie nicht mit Allüre überrannt werden, ihre Erwartung unwillkürlich herabsetzen und gnädig werden in einer Art, die alles eine Nummer zu klein nimmt, aber auch alles.“

Max Frisch, Montauk, S. 25

05. Juni 2019

Neuere Erkenntnisse! Physiotherapeut ist ein sehr toller Beruf. Ich habe jetzt zwei kennengelernt. Natürlich fand ich diese Tätigkeit schon immer sehr gut und respektabel, aber wenn man selber behandelt wird, erweitert sich die Wahrnehmung sehr stark. Der eine hat mit mir letzte Woche „exzentrisches Loslassen“ gemacht, der Florian. Das hat sich schon sehr gut angefühlt. Florian hat eine Textmarker-gelbe Irokesenfrisur und sechzehn Jahre Erfahrung. Ich schätze ihn auf ungefähr 37. Der andere heißt Roman und war heute dran. Wir sehen uns jetzt öfter. Ich nenne ihn heimlich Clark Kent, weil er genauso ausschaut. Also bevor er den Superman-Anzug anzieht. Clark hat ganz neue Sachen mit mir gemacht, ich musste mir das Oberteil ausziehen, er hat mich dann sehr forsch angefasst, aber es hat nicht wehgetan. Dann durfte ich mir das Oberteil wieder anziehen und wir sind in den Turn-Raum gegangen. Da ist ein großer Spiegel, über die ganze Wand, wie im Ballettsaal. Er hat vorgeturnt und ich habe nachgeturnt. Wir haben auch zusammen geturnt. Als ich in den Spiegel geschaut habe, ist mir aufgefallen, wie groß und athletisch er neben mir aussieht. Dabei bin ich doch auch schon nicht klein. Nächste Stunde ist Freitag, also übermorgen. Ich soll wieder mehr tanzen, regelmäßig, findet er. Ich finde auch! Zusammen turnen macht eigentlich Spaß. Aber auch wenn man alleine turnt und dann einer korrigiert oder anleitet, indem er einen an den Armfesseln festhält. Es hat mir gut gefallen. Habe mir dann auch gedacht, dass Jenny wahnsinnig privilegiert ist, dass sie einen Mann hat, der das auch kann. Toll. So ein sinnvoller Beruf. Zu keinem Zeitpunkt fragt man sich, was das eigentlich soll. Selbst wenn es nicht die Krankenkasse zahlen würde, wäre es kein rausgeschmissenes Geld. Ich bin ganz beeindruckt, wie so ein junger Mensch – ich schätze Clark auf Ende Zwanzig, Anfang Dreissig – auf so einen sinnvollen und hilfreichen Beruf kommt. Ich meine, er hätte auch Model oder Schauspieler werden können. Das Aussehen hätte er! Der Grund für die Turnstunden ist mein noch nicht ganz wiederhergestellter Ellbogen. Ich hatte – ich meine ich habe da gleichzeitig einen Tennis- und Golferarm, die Folge von einem Muskelanriss durch Gewalteinwirkung. Ich habe mich selber verletzt, als ich eine blöde Eisenstange mit einer Zange verbiegen wollte. Ist aber fast schon wieder heil. Aber nur fast! Sonst müsste ich ja nicht mehr zu Clark! Ich möchte das unbedingt feinsäuberlich mit viel professioneller Anleitung auskurieren, nicht dass man dann noch was verschleppt!

01. Juni 2019

Heute Abend im Tempodrom – Bryan Ferry. Es muss im März Zweitausend gewesen sein, dass ich ihn bei seiner „As Time Goes By“-Tour erlebte. Mit einem wunderbaren Orchester. In einer der Messehallen, die für schlechte Akustik verrufen war. Niemals, nicht davor und nicht danach habe ich ein Konzert mit so einem vollendeten, absolut brillanten Klang gehört (ausgenommen die Berliner Philharmoniker in der Philharmonie). Bryan Ferry bestens gelaunt, immer in Blickkontakt mit seinen Musikern. Gut gekleidet sowieso. Es war unvergesslich. Also ist nicht die Messehalle akustisch unzulänglich, sondern die technische Vorbereitung, Schlampige Tontechniker! In einer guten Stunde gehe ich los, noch anziehen. Das Ticket ist ein Geburtstagsgeschenk von Ina, vom letzten September. Danke.

26. Mai 2019

Große Pläne:

  1. kleines Sonnenbad, gr. Kaffee, kleines Frühstück, fertig machen
  2. Wahllokal VHS Mitte, Linienstr. 162, kleines Kreuzchen machen
  3. kleiner Spaziergang zur Museumsinsel, Alte Nationalgalerie
  4. kleine Ausstellung von Gustave Caillebotte angucken
  5. kleiner Spaziergang durch den Lustgarten
  6. kleinen Kunstmarkt am Zeughaus besuchen
  7. kleiner Spaziergang Unter den Linden
  8. kleine Busfahrt zum Alex
  9. kleine U-Bahnfahrt mit der U 8 zu meiner kleinen Werkstatt

20. Mai 2019

Zufällig gestern Nacht diese sehr schöne Aufnahme von „Perfidia“ entdeckt. Ich las einen Artikel über den Soundstylisten Michel Gaubert, der seit vielen Jahren die Schauen der größten Modehäuser der Welt mit passender Musik versieht. Diesen Artikel hier. Perfidia in der Orchesterfassung von Xavier Cugat war ihm zufolge eines der Lieblingslieder von Karl Lagerfeld, das ist aber auch durch eine Compilation dokumentiert, die der gute Karl 2006 veröffentlich hat, „Les Musiques Que J’aime – My Favorite Songs“ ich werde mich von Anfang bis Ende durchhören. Die alte Aufnahme von Perfidia gibt ganz viel Vertrauensvorschuss. Ich hörte diesen Klassiker der lateinamerikanischen Musik erstmals um 1992, da ich in den Neunzigern mit einem Südamerikaner liiert war, der mir die spanisch gesungenen Aufnahmen von Nat King Cole näher brachte. Eine der schönsten Versionen von Perfidia überhaupt.

Mein damaliger Geliebter (er war EINIGE Jahre älter als ich) erzählte mir davon, was für ein sagenhafter Erfolg die spanisch gesungenen Stücke von Nat King Cole in Kolumbien waren, obgleich – oder gerade WEIL Nat King Cole mit einem ausgeprägten nordamerikanischen Akzent Spanisch singt, das amüsierte und rührte gleichermaßen, man liebte es. Ich war so neugierig, dass ich mir die Platte kaufte, sie musste sogar aus Amerika importiert werden, das dauerte sechs Wochen, ich bestellte sie in einem Plattenladen am Savignyplatz, der Importware führte. Heute kann man die Aufnahmen von heute auf morgen geliefert bekommen oder mal eben runterladen. Auf youtube ist ja eh alles. Diese Lieder von Nat King Cole begleiten mich seither, siebenundzwanzig Jahre sind es schon. Ein paar Jahre später entdeckte ich die Aufnahmen von Julie London, und auch sie hat eine wunderbare Version von Perfidia aufgenommen, diese hier

– weil mir dieses schöne Lied so vertraut ist, freute ich mich gestern Nacht besonders über diese mir bislang unbekannte Aufnahme, die Karl Lagerfeld so am Herzen lag. Wirklich schön. Ich habe übrigens ein Plakat mit einer Schwarzweiß-Fotografie und einer echten Signatur von Karl Lagerfeld. Ich glaube Nadja Auermann ist darauf zu sehen. Ich finde das Foto gar nicht so gut, obwohl er grandiose Fotografien gemacht hat, das gerade nicht. Aber seine echte Unterschrift ist drauf! Es ist eingerollt in einer Papprolle in meinem Atelier. Ich bekam es vor einigen Jahren als Aufmerksamkeit zu einem Geburtstag. Die liebenswürdige Stifterin war in der Crew bei einer Ausstellungseröffnung von Karl Lagerfeld und er signierte ihr das Plakat als Erinnerung. Da sie wusste, wie meine Interessen gelagert sind, wollte sie mir eine Freude machen und schenkte mir ihre Erinnerung an ihre Begegnung mit Karl. – Verrückt – ich habe heute an einem Bild gearbeitet, das am Ende ein bißchen aussah wie Karl Lagerfeld. Aber auch ein bißchen wie Tweety (falls das noch jemandem etwas sagt, so eine Comic Figur aus meiner Kindheit), aber vor allem wie Gott. Deswegen heißt es auch „GOTT … Tweety Lagerfeld“.

18. Mai 2019

Schönste englische Coverversion von Udo Jürgens‘ und Blacky Fuchsbergers „Was ich dir sagen will“, immer auf der Lieblingsplaylist: Matt Monro, „The Music Played“. Das Amateur-Video dazu ein schönes Beispiel für „ich suche mal für jede Liedzeile ein Foto, wo genau das abgebildet ist, was gerade gesungen wird“. Immer wieder rührend auch, in seiner Unbeholfenheit. Bei „and when I took your hand, the music played“ taktgenaue Einblendung von Foto Hand auf Klaviertasten. Man kann schon mit plakativen Bildern arbeiten, aber man muss es in irgendeiner Form brechen, das allzu Erwartbare ist halt leider sehr, sehr, sehr, sehr langweilig. Um wieder auf die Video-Geniestreiche von Rammstein zurückzukommen: mit Erwartungen und Klischees spielen und dann das Kaninchen aus dem Hut zaubern. So geht das. Aber das kriegen auch die meisten internationalen Top Acts in ihren Hochglanzproduktionen nicht hin. Gibt kaum ein Video, das mich nicht zu Tode langweilt. Ein Gutes allerdings war das zu „Achterbahn“ von Clueso. Das macht auch Freude anzuschauen. Schnelle Schnitte, die das Tempo des Songs begleiten, ohne zu nerven. Und das kann oft nerven. Es ist eben eine hohe Kunst.

16. Mai 2019



schonschön – abermals große Filmkunst. Till Lindemann könnte sich eingangs noch ein bißchen wärmer singen, aber sonst alles gut. Eigentlich gehören alle Rammstein Videos in eine exclusive Abteilung vom Museum of Modern Art in New York. Wer dieses Gesamtkunstwerk nicht kapiert, ist – ich muss es leider bekennen, für mein Empfinden doch eher simpel gestrickt. Nichts gegen einfache Strickmuster, aber da schaut man halt nur einmal hin, und „…aus den Augen, aus dem Sinn.“

14. Mai 2019

Last but not least ~ „Again“ „(…) written by Lionel Newman and Dorcas Cochran for the film Road House in 1948, was recorded by Doris Day and the Mellomen in February 1949 and released as a single on Columbia Records. The record reached #2 on the Billboard Best Seller chart.“ Die Aufnahme ist siebzig (!) Jahre alt. Sternstunde der Musik. Ich schmelze wie Butter in der Sonne… (scheint auch gerade …immer wieder ein bißchen)

14. Mai 2019

Falling in Love again… hach

Marlene konnte ja ein Biest sein, aber diese Aufnahme von Doris hat ihr sicher auch gefallen. Marlene war ja „nur“ eine singende Schauspielerin, Doris Day hingegen war eine schauspielernde Sängerin.

14. Mai 2019

Auch wunderbar „Daydreaming“, auch von der Platte mit dem André Previn Trio, aufgenommen 1961. Es ist aber mittlerweile schon auch in Europa bekannt, dass Doris Day nicht nur eine lustige Schauspielerin war, sondern auch oder vielleicht sogar noch virtuoser als Sängerin. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich ihre Stimme höre, so feinsinnig, ganz zartfühlend phrasiert, kein Gepose, kein Sportgesang, jeder Ton mitten ins Herz.


13. Mai 2019

Close your eyes
rest your head on my shoulder and sleep
Close your eyes
And I will close mine

Close your eyes
Let’s pretend that we’re both counting sheep
Close your eyes
This is divine

29. April 2019

»(…) Um ein Haar wäre ich in Koblenz ums Leben gekommen. Eine Hausangestellte hatte das Bedürfnis, mich »aufzuklären«, und sie umschrieb es nicht poetisch mit Bienchen und Blümchen, sondern so: Männer hätten einen Aal in der Hose, und der sei auf der Suche nach einer geeigneten Höhle, um hineinzuschlüpfen. Ich war angewidert. Was für eine ekelhafte Vorstellung. Um das Bild so schnell wie möglich zu verdrängen, stürzte ich mich in den Rhein. Wohlgemerkt: Ich war neun Jahre alt und hatte noch nicht einmal den »Freischwimmer«! Wie reißend die Strömung war, merkte ich erst, als ich in den Strudeln zwischen den Brückenpfeilern nach Luft schnappte. Zum Glück landete ich irgendwie am anderen Ufer, völlig erschöpft. Mir war kalt. Die Kleidung war klatschnass. Ich hatte keinen Groschen, um mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Also lief ich zu Fuß zurück. Meiner Mutter erzählte ich kein Wort.«

(Gabriele Henkel, „Die Zeit ist ein Augenblick“, S. 68)

Was für ein Bild. Neue Art des Lesens: bei Erwähnung realer Orte, Personen, Check im Internet, Bildersuche, Quellen. Das macht die Lektüre sehr plastisch und reichhaltig. Alleine wie ich gestern durch die Seiten des Pariser Hotels Meurice spaziert bin, die Badezimmer der Suiten… dieser phantastisch marmorierte Marmor. Oder das Lancaster, in der sehr schönen Marlene Dietrich-Suite steht ein Flügel. Dachte nach, ob die Wände Schallschutz haben, denn man könnte ja auf die Idee kommen, darauf zu spielen. Bei dem eingangs erwähnten Absatz erübrigt sich weiterführende Recherche. Das arme Kind, was für ein schlimmer Eindruck. Eine Lebensleistung, so etwas zu überwinden. Sie hat es wohl geschafft.

(mit zwei Händen getippt, es wird langsam)

20. April 2019

»Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. (…) Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.«

(Max Pechstein auf Schallplatte, 1928)

19. April 2019

»Manchmal erschreckt mich der Gedanke an die Dinge, die unser kurzes Leben überdauern. In früher Jugend schockierten mich die Fotos aus den Konzentrationslagern mit den Brillengestellen und Schuhen der Ermordeten; das hatte mir damals ein Gefühl für die Flüchtigkeit eines Menschenlebens gegeben – auch meines eigenen -, und ich konnte es nicht fassen, dass es möglich gewesen war, Millionen Menschen auf bürokratisch geordnete Weise zu ermorden und dabei den kleinsten Gegenständen aus ihrem Besitz offensichtlich einen höheren Wert beizumessen als ihrem Leben. Und so steigt, wenn ich Anhäufungen von sogenannten Wertgegenständen sehe, regelmäßig mein Puls. Ein flaues Gefühl der Angst vor dem baldigen Verfall beschleicht mich; ich werde daran erinnert, dass die von mir mit Bewunderung gesammelten Dinge nicht nur mich, sondern auch meine Kinder und Enkelkinder überdauern werden. Ich erkenne dann die Lächerlichkeit meiner Existenz und schwanke zwischen der Sammlerliebe und dem Hass auf die Gegenstände, bis ich mich wieder beruhige und mir bewusst mache, dass nicht ich die Dinge besitze, dass sie vielmehr nur eine Weile bei mir bleiben, bis ihre Reise durch die Zeit weitergeht: So lange liegt es an mir, ihnen jenes Etwas zu geben, das sich aus dem Wissen um ihre Geschichte und meiner Phantasie nährt.«

(Wolfgang Beltracchi, “Selbstportrait“, S. 133)

Starkes Déjà-vu beim Lesen dieses Kapitels, ganz ähnlich immer wieder über genau das nachgedacht. Nicht abgetippt, ausgetüftelt, wie man Passagen aus googlebooks kopiert. Gemäß geltendem Urheberrecht, können auch längere Zitate verwendet werden, wenn der Zweck dem kulturellen Diskurs dient und der Umfang des Zitats den Erwerb des Gesamtwerkes nicht ersetzt. Der höhere kulturelle Zweck an dieser Stelle ist, dass ich meine Bekannten die Welt an meinen inneren Bewegungen teilhaben lassen möchte, wie z. B. meiner Verblüffung über die Ausformulierung meiner Gedanken durch eine andere Person, die mir gar nicht bekannt ist. Hier Näheres zum Zitatrecht.



18. April 2019

„Konzerte, Happenings, Kunstauktionen, Ausstellungen, außerdem natürlich girls, girls, girls spukten mir im Kopf herum. Die Schule konnte mir nichts davon bieten (…)“

(Wolfgang Beltracchi, “Selbstportrait“, S. 56)

mit links getippt (anstrengend), rechter Arm (z. Z.) kaputt, Ellenbogengelenk nach Eisenstange biegen (Skulpturzeugs) gezerrt, entzündet, Röntgen kein Bruch, MRT erst 7. Mai. Nur noch lesen, Fernsehen, Musik hören, essen, trinken, duschen, Blumen gießen. Muß dringend dem OIeander u. Hortensie auf sonnigem Atelierbalkon Wasser geben, fahr ich heute hin. Frohe Ostern.

18. März 2019

»Für den Denker und Künstler sind die Frauen nichts anderes als zufällige Anregungsmittel, die er geschickt benützt, um durch sie seinen geistigen Stoffwechsel zu steigern, vorübergehender Zündstoff, den er verbrennt, um durch ihn sein eigenes Feuer zu nähren. Er hat dabei zu den Frauen eigentlich überhaupt keine innere Beziehung. Sie sind für ihn dasselbe wie Alkohol, Nikotin, schwarzer Kaffee. Er braucht sie für den Moment, aber er verbraucht sie auch vollständig und restlos, und wenn sie ihm die notwendigen Kräfteauslöser verschafft haben, so existieren sie für ihn nicht mehr. Sie sind nur dazu da, um ihn reicher und stärker zu machen. Er schöpft aus ihnen nichts als sich selbst, seine eigene Kraft zu lieben und zu hassen, zu denken und zu gestalten.«

[Egon Friedell an Lina Loos, Brief o. D.]

18. Februar 2019

Weiter – immer weiter. Vor sechzehn Jahren etwa hat niemand außer Fotografen täglich Bilder gemacht. Die völlige Abwesenheit von minutiös verewigtem Alltags- und Gesellschaftsleben war normal. Heute ist das anders, und doch kann man wählen. Meine Wahl fällt seit einer Weile, Monate sind es schon, auf den Tanz mit der Materie. Bilder, Farbe und Form sind immer noch meine Welt. Aber die Kamera ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt, geschützt in einem Schrank. Die Freiheit, die eine Leinwand gibt, ist unvergleichlich. Keine Frage muss gestellt werden, ob jemand mitwirken möchte. Man kann Gott spielen. Tatsächlich. Jede Kreatur kann in einem Bild erschaffen werden (oder sie erschafft sich selbst). Es tut mir leid, ich habe nicht einmal den Impuls, das dokumentarisch abzulichten. Vielleicht gehe ich einmal mit der Filmkamera durch. Wer weiß. Man muss mit seiner Zeit behutsam umgehen, sich nicht verzetteln. Ich finde aber schon auch, dass Bilder einen Eintrag heben, deswegen eine Aufnahme vom Januar Zweitausendsiebzehn. Im Badezimmer. Ich glaube ein einziges Bild von mir aus diesem Jahr Zweitausendneunzehn könnte es geben, bei der Eröffnung der Gedenkausstellung für Irina, letzte Woche, hat Bernward die Kamera in Richtung von Lydia und mir gehalten. Ich habe das Bild nie gesehen. Macht nichts. Man sieht sich ja jeden Tag im Spiegel, beim Wimperntuschen oder aus Versehen.

06. Januar 2019

Morgen (bzw. schon heute… ist ja schon nach Mitternacht) gehe ich zu einem meiner liebsten Expressionisten, Otto Mueller im Hamburger Bahnhof, und davor oder danach zum Antikmarkt am Bode-Museum. In der Gurlitt-Sammlung, die vollständig dem Kunstmuseum Bern vermacht wurde, befinden sich auch einige Bilder von Otto Mueller. Ich war von seinen Bildern gestern im Gropiusbau am meisten elektrisiert. So modern, so dynamisch und sensitiv. Auf dem Antikmarkt am Bodemuseum, der auf halber Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Hamburger Bahnhof liegt, halte ich Ausschau nach alten Bilderrahmen. Danach mit Beute ins Atelier, entweder einem Rahmen oder wer weiß und/oder einem schönen Bildband oder dem zugehörigen Katalog aus dem Museumsshop. War heute nach Gurlitt ein Weilchen daheim und dann ins Atelier, habe nach langer Zeit mit Nadel und Faden gearbeitet, von Hand. Zweitausendvier kaufte ich einer virtuosen Weberin der Navajo in Utah einen kleinen Teppich ab, der fünfzehn Jahre in meinem Schlafzimmer hing, aber die letzten Jahre nicht mehr sichtbar, ein zweiter Kleiderschrank („ich habe nichts anzuziehen!“) verdeckte das gute Stück. Er fiel mir vor zwei, drei Wochen wieder ein, und ich fand, dass er ein schönes Bodenkissen abgeben würde, hatte aber keine Lust komplett selbst zu nähen, weil meine Nähmaschine seit Jahren keinen Fuß mehr hat. Ich googelte lieber nach fertigen Kissen im Format des kleinen Teppichs. Ein einziges fand ich, das genau passte, unaufgeregtes Muster, diskret, farblich passend zu meinem Teppichlein. Habe ich heute im Schneidersitz auf den breiten Buchendielen von Hand aufgenäht. Sehr schön geworden. Als wär es nie anders gewesen. Gruß vom tapferen Schneiderlein. Morgen nach Museum und Antikmarkt weiter mit der Präparation der Glitzerpuppen oder der Transformation der Duschköpfe. Bin selber gespannt.

05. Januar 2019

„Bestandsaufnahme Gurlitt“ im Gropiusbau, heute auf den letzten Drücker (läuft bis Mo, 7. Januar), versuche, um Neun da zu sein, eine Stunde vor Einlass. Online Tickets ausverkauft. Hoffe, ich muss nicht zu lange draußen rumstehen. Für die Wartezeit Flakes „Heute hat die Welt Geburtstag“ dabei. Liest sich sehr schön, man spürt in jedem Kapitel seine Freude, Teil seiner Band zu sein, ja man könnte denken, es hätte ein glühender Rammstein-Fan geschrieben, der Funke springt dann auch über. Bin doch überrascht, in welche körperlichen Herausforderungen er sich bei jedem Auftritt begibt. Werde mich extra warm anziehen, bißchen Kratzen im Hals, habe den Ehrgeiz, nicht klein beizugeben und dagegenzuhalten. Schon geduscht und Haare trocken geföhnt, Thermoleggins an, also unter der schwarzen Jeans. Dazu meine Love-Boots, warm und bequem und sehr hübsch. Die habe ich bei einer jungen Frau in der S-Bahn gesehen und war verliebt. Schwarze Schnürboots mit Reißverschluss und hinten am Schaft oben steht Weiß auf Schwarz gedruckt „LOVE LOVE“. Doppelt hält besser. Hat mich bestimmt eine Stunde Lebenszeit gekostet, herauszugoogeln, wo es die Schuhe gibt, hab mich nicht getraut, die junge Frau zu fragen. Gab es dann bei Deichmann für kleines Geld, so bequem, passen wie für mich gemacht. Vorgestern in der U–Bahn einen jungen Mann mit Freundin erblickt, er hatte eine umwerfende Jacke an. So ein Daunen-Modelll, relativ eng anliegend mit großem Camouflage-Muster in Schwarz und Gold, ich war sofort hypnotisiert. Habe mich getraut zu fragen, welche Marke es ist, er sprach nur Englisch, also what’s the brand? Er „Nike“. War auch meine erste Vermutung, obwohl man das Logo auf die Schnelle nirgends sah. Dann bestimmt anderthalb Stunden herumgegoogelt, auf sämtlichen Nike-Seiten, bei Foot Locker etc. pp. Nicht gefunden. Nicht annähernd. Verstehe ich nicht. Habe auch mit englischen Begriffen gegoogelt, auch ohne „NIKE“, vielleicht hab ich mich ja auch verhört. Mysteriös. Oder ein älteres Modell in exclusiver Auflage. Wie auch immer, zufällig war ich gestern im Europa-Center, da ist so ein großer NIKE-Store, und fragte einen jungen hippen Verkäufer, der sehr bemüht war und er hatte die Vermutung, dass es vielleicht eine Kooperation von Nike mit einem anderen Designer sein könnte, und gar nicht unter Nike vertrieben wird. „Der Felix“ könnte das wissen, meinte er, so eine absolute Koryphäe für das ganze Sortiment, er rief dann an, aber der Felix hatte frei. Wenn ich mal wieder in der Nähe bin, soll ich also nach Felix fragen, wenn es einer weiß, dann er! Oh, meine Waschmaschine ist fertig, noch ausräumen und dann anziehen und los!

29. Dezember 2018

Gruß von zwischen Tür und Angel, vorgestern zum ersten mal nach fünfzehn Jahren in der Schierker Str. übernachtet. In der Speisekammer, auf dem großen Schaumstoffblock, die Füße zur Tür raus. Na ja. Wenn ich demnächst wieder zu müde bin zum heimfahren, wähle ich doch lieber die Luftmatratze, mitten auf den Holzboden, mit viel Beinfreiheit. Beim Umdrehen im Schlaf hat sich der Kontakt mit dem Türrahmen der Kammer so ähnlich angefühlt wie ein anderes Bein. Man kann sich ja alles schönreden. Ein anderes Bein hätte aber vielleicht ein bißchen nachgegeben. Die Dusche zum ersten mal zum Duschen benutzt, der Wasserdruck könnte ein bißchen stärker sein. Musste erst diverse bemalte Leinwände aus der Duschkabine räumen. Habe die Dusche jetzt nicht mehr ganz so dicht bestückt, nur noch ein großes Bild. Und die Zahnpasta, die ich in einer kleinen Portion in einem Holzdöschen deponiert hatte, ein Mitbringsel einer Freundin aus Neuseeland oder Australien, da war mal irgendeine Urwald-Salbe drin, war betonhart eingetrocknet. Oh. Muss ich wohl doch im Drogeriemarkt so eine Mini-Reise-Tube holen. Ansonsten eine Grabplatte für David Bowie in Türkis, Schwarz, Violett und viel Gold fertig gestellt. Ich muss nur noch Iman darüber informieren. Weiter geht es mit zwei Bildern betitelt male nude und female nude. Und zwei außerirdischen Glitzerpuppen. Was sonst. Kommt gut rüber, falls ich mich nicht mehr bemerkbar mache. Bin an Silvester bei einer Party in Spandau und danach voraussichtlich ab zwei mit Ina in der Paris Bar (es wird getanzt). Aber nun wieder los.

11. Dezember 2018

Angelica Blechschmidt. Sie starb am 29. Juni 2018, ich habe es nicht mitbekommen. Weil ich die Tagespresse nicht kontinuierlich und lückenlos verfolge. Es gab in allen großen Zeitungen Nachrufe. Aber für die vermutlich sehr jugendlichen gmx-Redakteure nicht präsent genug. Sie war bereits fünfzehn Jahre im Ruhestand, die ehemalige Chefredakteurin der deutschen VOGUE. Mitte der Achtziger, ab circa 1986 kaufte ich das Heft regelmäßig, bis Ende der Neunziger, also fast fünfzehn Jahre. Ich habe die kompletten Jahrgänge aufbewahrt. Es umfasst annähernd die Spanne ihrer Zeit als Chefredakteurin. Zur Jahrtausendwende war ich der Lektüre überdrüssig, es wiederholte sich alles so sehr, die Posen in den Bildstrecken langweilten mich oft, ich war plötzlich keine faszinierte VOGUE-Leserin mehr. Früher hatte ich mir auch hin und wieder die amerikanische oder britische Ausgabe gekauft. Und Harper’s Bazaar. In jedem Heft fand ich Inspiration anhand der visuellen Kostbarkeiten. Der Druck war aufwändig, das Layout erstklassig. Weil ich so genussvoll in die Bildstrecken eintauchen konnte – und die hochkarätige Werbefotografie war ein Teil davon – bewahrte ich alle Ausgaben auf. Ich hätte es als Gotteslästerung, als Sünde empfunden, die Hefte zu entsorgen. Eine Tageszeitung ohne Meldung von historischem Rang oder eine beliebige Illustrierte oder Frauenzeitschrift packt man nach der schnellen Lektüre in die Altpapiertonne, aber doch keine VOGUE! Das wäre, als ob man einen hochglänzenden Bildband von Schirmer Mosel wegschmeißt. Es waren durchaus auch ansprechende Interviews darin, von interessanten und charismatischen Künstlern, das rundete das visuelle Erlebnis mit geistigem Input ab. Aber das war nicht der Hauptgrund, nicht die Essenz. Es war alles zusammen. Wäre ich nicht gestern mit Ina essen gegangen und hätte sie nicht erzählt, was sie die letzten Tage unternommen hatte, wüsste ich heute noch nicht, dass Angelica Blechschmidt tot ist. Die Alterslose, heißt es überall, weil sie ihr Geburtsjahr nie veröffentlichte. Der Spiegel hat wohl doch einen Zugriff gehabt und vermerkte in einem Nachruf ein Alter mit Klammer auf – Klammer zu (76). Ob es genau stimmt, ist eigentlich egal. Es war klar, dass sie irgendwann in den Vierzigern geboren sein musste, im Alter meiner Mama. Die ist Jahrgang 43. Wie Mick Jagger. Was jetzt aber nicht verleiten soll, da Ähnlichkeiten zu assoziieren. Das ergab sich logisch aus ihren biographischen Eckdaten. Blechschmidt hatte einen Kopf wie eine Löwin. Manche sagen ihr nach, sie wäre die Vorlage der Figur, die Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ verkörpert hat. Aber das ist die weltweit bekanntere Anna Wintour ja auch. Eine diktatorische Fashion-Ikone, die die Puppen tanzen lässt und in ihrem Umfeld keine Geschmacksverirrung duldet. Aber die deutsche Vorlage war wohl letztendlich eine warmherzigere Variante, als die Figur im Film. Ich habe sie nur einmal wirklich gesehen, das war in Berlin, am Rande einer Ausstellungseröffnung. Dabei entstand auch dieses Bild. Es war der 2. Mai 2008. Rund zehn Jahre vor ihrem Tod. Sie rauchte. Beständig heißt es. Gestern beim Essen im Jungbluth erzählte mir Ina, dass sie ein Sofa aus dem Nachlass der ehemaligen Chefredakteurin der Vogue gekauft hat. Bei der Vorbesichtigung einer Auktion ihres Nachlasses. Ich war hellwach. „Was? Wer? Angelica Blechschmidt? Ist tot…?!?“ Sie erwähnte, es gäbe noch einen Termin. Der ist heute. Die eigentliche Auktion. Heute wird der Nachlass von Angelica Blechschmidt im Auktionshaus Dannenberg in Berlin versteigert. Ich habe mich durch den online Katalog geblättert und etwas gesehen, was ich gerne hätte. Ich würde es ehren und benutzen. Es war ihr eigener Wunsch, dass ein größerer Teil ihrer bildschönen Sammlung von Mobiliar und Kleidern und Objekten und Bildern und Büchern anderen zuteil wird. Das hat sie wohl ausdrücklich verfügt. Letzte Woche wurde bereits Schmuck und die eine oder andere Handtasche und Kleinmöbel in Hamburg verkauft. Bei Dannenberg gibt es auch größere Möbel und Objekte, aber auch ganz kleine Dinge, wie Sonnenbrillen, kleine Lampen, Geschirr, Brillenetuis. Was sich so ansammelt, in einem Leben. Insgesamt sind 3000 Objekte in den Verkauf gekommen. Dennoch bleibt ein großer Teil bei ihren Angehörigen, die es gibt, auch wenn sie nicht verheiratet war, kinderlos blieb. Ich habe noch nie auf einer Auktion etwas ersteigert, vielleicht kann ich es mir am Ende auch nicht leisten, obgleich es kein Mindestgebot gibt. Aus einer Sentimentalität hätte ich es gerne. Mal sehen.

11. Dezember 2018

Besuch in Zelle vier. Ina, Alban, Jan. Und die mir bis dahin nur von Jans Fotografien bekannte Miss Lee. Sie setzte sich auf die Pritsche und schaute sich die Slideshow an, nahm die Fotos, die auf dem Bettlaken lagen, blätterte sie Bild für Bild durch, sehr konzentriert. Freut einen. Gerade wenn jemand bislang keinen Bezug zu mir hatte und dann bleibt, länger als es ein Höflichkeitsbesuch sein müsste. Das war für mich interessant und amüsant. Ich habe bei weitem nicht alle fotografiert, die kamen, sich vorsichtig („darf man….?“) hinsetzten und auch Fragen stellten. Oft war ich zu sehr damit beschäftigt, von einer Zelle zur anderen zu turnen. An dem Abend kamen auch noch Ilka und Max und Martin und brachten eine gute Flasche und noch etwas mit, das mich rührte (sehr), ein kleines Kunstwerk, „Free Gaga“. 3. September 2017. Nicht vertippt. Mehr als ein Jahr her. Ich hab noch mehr.

26. November 2018

DENKEN, WAS MAN WILL. AUSSEHEN, WIE MAN WILL. LIEBEN, WEN MAN WILL. Vorhin in der S-Bahn gelesen, neue Aufkleber über den Fenstern, Image-Kampagne FREIHEIT. BERLIN. Schön. Deswegen bin ich 1986 in Berlin gelandet und geblieben. Ich will mal häufiger festhalten, was mir auf den alltäglichen Wegen durch die Stadt auffällt. Zum Beispiel Gesprächsfetzen im Vorbeilaufen, wo ich eigentlich gerne stehen bleiben würde und weiterlauschen (auch wenn sich das nicht gehört, ich mache es ja auch nicht). Meistens bin ich auf dem Sprung, und bekomme nur ein Fragment mit, das mich dann mitunter noch bis zur S-Bahn beschäftigt. Im Trubel des Tages geht es dann wieder unter, fällt durch den Erinnerungs-Rost, manchmal ist das schade.

Zum Beispiel letzte Woche, morgens auf meinem vertrauten Weg durch die Hackeschen Höfe, kurz nach Neun. An der Stelle, wo es links durch die Rosenhöfe geht, kommt mir eine Frau in den Vierzigern (schätzungsweise) entgegen und sieht offenbar eine andere Frau, die hinter mir läuft, die sie gut kennt und ruft ihr laut vernehmlich zu: „NA, ALLES GUT? IMMER NOCH GLÜCKLICH?“ Die Angesprochene hinter mir: „JA….! TOTAL!!!“ Sie hörte sich auch so an. Ganz viel Elan und Optimismus in der Stimme. Gesehen habe ich sie nicht, ich konnte mich ja schlecht umdrehen, das schickt sich nicht, und ich musste ja auch wieder weiter. Aber das hat mich doch sehr beschäftigt. Worauf das der anderen Frau wohlbekannte Glück beruhen mag. Ob es um eine besonders glückliche Beziehung geht, die große Liebe gefunden, oder vielleicht auch glücklich mit einem Ladenlokal innerhalb der Hackeschen Höfe? Ich werde es nie erfahren. Aber es war eine schöne Abwechslung, mal so einen freudigen Austausch mitzubekommen. Überwiegend werden Fragen zur Befindlichkeit mit starker Relativierung beantwortet. Wir sind ja schließlich nicht in Amerika, wo immer alles great und gorgeous und awesome ist. Vielleicht gefiel mir das kleine Geplänkel auch deswegen, weil die fragende Frau kein unterschwelliges Lauern im Tonfall hatte, so ganz arglos und freundlich und aufrichtig wirkte es. Und die Antwort hatte auch nichts Prahlerisches, jemand der einfach gerade mal richtig zufrieden ist und darum weiß.

Heute morgen dann, auch wieder ein interessanter Gesprächsfetzen, auf dem Weg zur S-Bahn, diesmal auf dem Weg durch die Sophie-Gips-Höfe (die kommen immer vor meinem Weg durch die Hackeschen dran), sitzen zwei Frauen, ca. Ende Dreissig, auf dem kleinen Mäuerchen, das die Rasenfläche begrenzt, und die eine sagt zur anderen: „Warum haben Menschen solche Angst vor Veränderung? Der Grund ist: Menschen haben Angst vor Veränderung, weil sie….“ (?) Als es interessant wurde, war ich schon wieder außerhalb des hörbaren Bereichs. Das war auch wieder kurz nach Neun. Die beiden wirkten ausgeruht und nicht in Eile. Vielleicht besuchten sie beide einen Workshop oder ein Seminar zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und rauchten noch eine vor Unterrichtsbeginn. Vielleicht war die eine die Dozentin oder eine bereits psychologisch geschulte Teilnehmerin. Kann gut sein, dass es in den Gebäuden irgendwelche Seminarräume für Coachings gibt. Da sind ja sehr viele gewerbliche Mieter drin. Ich weiß nicht, ob sie geraucht haben, nur eine Vermutung. Also ich habe es mir bis über die S-Bahnfahrt hinaus gemerkt und dann fiel mir auch das andere wieder ein. Ich fand beide Gesprächsfetzen inspirierend.

25. November 2018


Mein Studium der Elvis-Wissenschaften endete am zweiten September mit dem Besuch der letzten Vorstellung des Elvis-Impersonators Grahame Patrick in Begleitung des Stamps Quartets, das auch den echten Elvis jahrelang in Las Vegas und so weiter in Amerika begleitet hat. Ich war sehr beeindruckt von den Visuals. Wenn ich ehrlich bin, war ich stärker geneigt, der wirklich überzeugenden musikalischen Performance zuzuhören und dabei auf die Monitorwand mit den Bildern vom echten Elvis zu gucken, als den Impersonator anzuschauen. Ich habe dennoch ein paar Bilder auch von ihm eingefangen. Die Filmausschnitte vom echten Elvis waren zu schön. Die Inszenierung versucht zum Teil die live Performance des Iren Grahame Patrick mit den Filmbildern legendärer Elvis-Auftritte zu synchronisieren. Eine kurzweilige Show. Die großen Elvis Songs live zu hören ist auch einfach mal schön. Ich war vorher noch nie bei so einer Show im Estrel, das war bestimmt nicht die schlechteste. Das war allerdings keine hauseigene Produktion, sondern ein Gastspiel. Er gibt schon alles. Ein herzensguter Imitator, der auch Kontakt zum Publikum sucht und händeschüttelnd durch die Reihen geht. Da soll man sich nicht beschweren. Der echte Elvis ist halt nun einmal tot, ob einem das jetzt in dem Kram passt oder nicht. ELVIS HAS LEFT THE BUILDING. Aber dass man nach über vierzig Jahren nach seinem Tod immer noch regelmäßig an einer Gedenkfeier mit allem Zinnober teilnehmen kann, ist schon etwas besonderes in der Menschheitsgeschichte. Irgendwann werde ich vielleicht doch mal Graceland besuchen. Und das angefangene Buch weiterlesen, mit der hochgelobten Biographie von Peter Guralnick, den zweiten Teil, Careless Love. Es ist sehr dick und schwer, deswegen habe ich es niemals unterwegs dabei. Ich lese nämlich nur in der S-Bahn und beim Mittagessen.



24. November 2018

ich habe schon ein paar mal Leute nah an mich herangelassen, wenn ich das Kleid trug, ans hinten am Halsauschnitt eingenähte Etikett, die wissen wollten, wo ich es herhabe. Ich kann mir den Namen nicht merken. Ein langer Name. So wird man natürlich keine Einflusserin. Ich hätte auch Angst davor, dass auf einmal jeden Tag Kartons mit Klamotten an meiner Wohnungstür landen, die mir vielleicht gar nicht gefallen, und mit denen ich dann ein total zufällig wirkendes Bild für instagram machen müsste. Die sind ja rund um die Uhr beschäftigt, die jungen Frauen und Männer, die sich für die instagram-Prostitution entschieden haben. Es gibt mittlerweile auch schon einige Fälle von „Social Media Burn out„, wundert mich gar nicht. Kein freier Tag mehr, immer Bilder raushauen müssen, die so etwas besonderes an sich haben, dass es unter Abertausenden Bildern von anderen, die dasselbe Geschäft betreiben, heraussticht. Perfektes Make up, perfektes Licht, perfekter Hintergrund, perfekte Laune, perfekte Attitude. Wer Menschen fotografiert, weiß dass es nicht so ruckzuck mit dem ersten Bild erledigt ist, wie wenn man Architektur einfängt oder eine statische Landschaft. Und wenn das Bild dann endlich im digitalen Bauchladen zur Verfügung steht, müssen die Follower gepflegt und gebauchpinselt werden, die haben ja auch was am Start, was Aufmerksamkeit braucht. Dann kommt irgendwann der Moment, wo das, was als schöne kreative Freizeitbeschäftigung anfing, zum lästigen Zwang wird. Als ich vor vierzehn Jahren mit dem Bloggen und demzufolge auch Bilder hochzuladen begann, machten das alle in meinem virtuellen Umfeld just for fun, kein Text wies auf irgendein Produkt hin. Ein, zwei Jahre später hörte man dann von vereinzelten Angeboten, für Geld zu bloggen, für ein bestimmtes Event wie die Fußball WM oder irgendwas mit Autos. Manche machten das dann, und das waren dann in hundert Prozent der Fälle langweilige Blogeinträge, weil man die uninspirierte Absicht in jedem Text spürte, und es auch thematisch nichts hergab, was einen emotional ansprach. Daher kam bei mir nie Neid auf bezahlte Blogger auf. Dann verliert man irgendwann die Lust an dem, was einem einst Herzensanliegen war und sich impulsiv als Teil des ganz persönlichen Lebens entwickelte. Wenn ich nun diese Abertausende von Influencern sehe, die sich auch als Blogger bezeichnen bzw. allgemein so bezeichnet werden, diese Umkehrung des Begriffs von jemandem, der Texte mit einem Anliegen und Bildillustration ins Internet schreibt, zu hysterischen Produktvermarktern mit Bildunterschrift und nahendem Burnout Syndrom, habe ich den Eindruck, dass ich nicht die schlechtere Wahl getroffen habe, indem ich unverändert ohne Zugzwang immer noch nur dann schreibe und fotografiere, wenn ich Lust habe, ohne Kartons im Flur mit Klamotten, die abfotografiert werden müssen. Und dem Luxus der Marken-Demenz. Wobei ich kein Problem habe, Ross und Reiter zu nennen, wenn mich direkt jemand fragt, aber bestimmt nicht als Inhalt eines Blogeintrags. Was nicht bedeutet, dass ich etwa desinteressiert an Mode und Luxusprodukten wäre, aber die sind ja Mittel zum Zweck. Wenn mir im Straßenbild eine Klamotte auffällt, die ich gerne hätte, fange ich an zu googeln und gebe verschiedene Beschreibungen ein, bis ich fündig werde, manchmal finde ich dann auch etwas ähnliches. Aber mir stundenlang Seiten mit Modepüppchen anzuschauen, wäre mir zu langweilig. Das muss alles schnell gehen, damit ich viel Zeit dafür habe, derartige Gedankengänge festzuhalten. Und nun Kaffee. Marke wird nicht verraten. Was italienisches. Aus einem Kolonialwarenladen in Berlin.

18-05-25 Schultz... Paris B. (1)