Aus meinem goldenen Notizbuch XXII.
23. Juli 2019:

„Hackesche Höfe, Frau mit Hund (Gassi), strubbelige kurze Haare, kein Make up, müder Ausdruck, Shirt silberweißer Satin, Blickfang (unschöner Kontrast). Gedanken über alten Z.-Artikel (B.Z.) v. 2009, „Männer bevorzugen Barbie“ angebl. steht die Kombi großer Busen, schmale Hüften für d. größte Fruchtbarkeit (?!?). Seit wann bitte „schmale Hüften“? Ich dachte viel Busen, schmale Taille, weibl. Hüften, also „breitere“? V. wg. „gebärfreudiges Becken“. Welche Studie???“

Die Gassigängerin lenkte durch ihr glamouröses, elegantes, langärmliges leichtes Satinshirt in silberweiß, meinen Blick auf sich. Ich war perplex, wie ungepflegt der Kopf wirkte, der aus dem Ausschnitt guckte. Die helle Hose passte auch sehr gut zum Shirt. Vielleicht ein hurtiger schneller Gassi-Gang vorm Fertigmachen für den Weg zur Arbeit. Vielleicht habe ich nur das Zwischenstadium sehen dürfen. Wenn es die ultimative Version gewesen sein sollte, täte es mir leid. Wenn ich einen Tag habe, an dem ich mich zum Verstecken fühle, kommt mir nur in den Sinn, mich entweder zu verstecken oder sehr unauffällige Sachen zu tragen, weil ich nicht fokussiert werden will. Da ich kein Hündchen habe, muss ich auch nicht zu einem fremdbestimmten Zeitpunkt dringend vor die Wohnungstür. Meine sonstigen außerhäusigen Termine sind mir ja allesamt bekannt. Ich bin ja nicht die Modepolizei, aber mir kann so ein Anblick richtig wehtun. Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen zurechtmachen, um das Stadtbild in seiner Gesamtheit aufzuwerten. Aber in dem Fall war sicher Stress im Spiel.

Dann fiel mir am Wochenende beim Sichten meines Materialköfferchens ein zehn Jahre alter Zeitungsartikel in die Hand, er bezog sich auf eine Ankündigung einer Lesung von Helge Timmerberg, zu der ich ging, und er signierte mir lachend die B.Z.-Seite. Hab ich aufgehoben, weil es noch ein schöner Abend war. Auf der Rückseite war ein Artikel über den von den meisten Männern angeblich bevorzugten Frauentyp. Blonde lange Haare, blaue Augen, großer Busen, schmale Hüften. Lange Beine vermutlich auch noch. Also wie die klassische Barbie-Puppe. Der Punkt mit den schmalen Hüften beschäftigt mich immer noch. Bislang kannte ich die Version, dass die Eieruhrfigur, also ordentlich Oberweite, gut erkennbare eher schmale Taille und gerne rundliche, breitere Hüften das Ideal für die Frau der Wahl in Sachen Fortpflanzung wäre. Wann hat sich das denn geändert?

Vielleicht war es eine Studie von der B.Z. höchstpersönlich. Womöglich eine Leserumfrage. Leser vielleicht, die das in Werbung und Medien verbreitete Ideal einer schlanken, langhaarigen Frau mit unübersehbarer Oberweite verinnerlicht haben und mittlerweile mögen. Für Modelzwecke werden ja häufig schmalhüftige, ja knabenhafte Frauen gebucht, da Brustvergrößerungen seit einigen Jahren zunehmen, könnte sich damit die von der Natur eher selten gebaute Konstruktion knabenhaftes Becken mit großen Brüsten ergeben. Wenn die Modelmädchen hart an der Size Zero arbeiten, damit die Beine schön schlank sind, nimmt ja meistens die Oberweite ab und ist nur in Ausnahmefällen sehr üppig. Mit künstlichen Brüsten kann die Größe gehalten werden, wenn auch weiterhin am schlanken Rest gearbeitet wird. Eine mögliche Erklärung. Gebärfreudiges Becken bei Models ist ja nur in der Curvy-Abteilung gestattet. Nach den Maßstäben gehöre ich ganz klar in die Curvy-Schublade. Als die Hüftbreite verteilt wurde, habe ich wohl gut hörbar „hier“ geschrien. Also bin ich bestenfalls ein Idealtyp für Männer, die geistig im letzten Jahrhundert steckengeblieben sind. Old School.

2 Antworten auf „23. Juli 2019

  1. Das sind jetzt aber viele Gedanken zum Thema Äusserlichkeiten. Meine eigenen Gedanken hierzu weichen von dem Ideal ein wenig ab, weil ich gelernt habe, dass es für jeden Topf einen Deckel gibt, sprich jede Abweichung von der gesellschaftlichen Norm (konditionierter Geschmack) hat auch seine Reize und damit Liebhaber/innen. Ich kannte mal eine Frau, die ein sehr üppiges Hinterteil hatte, das von ihrer sonst schlanken Statur abwich. Die Männer waren verrückt danach. Bei Männern ist es ja eher die Angst, dass ihr bestes Stück nicht groß genug sei. Alles in allem denke ich, dass Menschen viel zu sehr danach streben, sich einer Norm anzugleichen und sich dann wundern, wieso sie nicht mehr als aussergewöhnlich oder individuell wahrgenommen werden.

  2. mich hat eigentlich vorwiegend gedanklich beschäftigt, wie repräsentativ diese vorgebliche Präferenz ist, und wann dieses angebliche Ideal von wegen schmaler Hüfte bei Frauen ins Spiel gekommen ist, und warum. Aber ich hab es mir vielleicht selbst schon recht gut erklärt. Dass manche Männer auf exorbitante Hintern abfahren ist mir auch bekannt. Da gibt es ja auch spezielle Formen ohne Ende. Afrikanerinnen haben auch besondere Formen an der Stelle, so keck muskulös nach oben, noch nie so einen afrikanischen Hintern bei einer Nicht-Afrikanerin entdeckt. Angeblich unterscheiden sich Männer ja in Busen- und Hintern-Fetischisten. Eine merkwürdige Trennung wie ich finde, warum Beatles ODER Stones, warum nicht beides? Wird es wohl auch geben. Aber polare Meinungen lassen sich journalistisch besser verwursten.

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