In diesen Tagen fiel mir wieder eines meiner Lieblingsgedichte in die Hand, es ist von Friedrich Rückert, aus dem 1822 veröffentlichten Gedichtband „Oestliche Rosen“, Zauberkreis. In meinem Atelier steht ein Koffer, darin sind Fundsachen, Reliquien aus Papier und auch einige Ausdrucke von diesem Gedicht.

Was steht denn auf den hundert Blättern der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern der Nachtigall?
Auf allen Blättern steht, was stehet auf einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet im ersten hat:

Dass Schönheit in sich selbst beschrieben hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben zu finden weiß.
Drum kreist um sich mit hundert Blättern die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern der Nachtigall

Ich gab Ina gestern eines mit auf den Heimweg, sie hatte mich am Abend besucht. Wir saßen auf dem Balkon und haben gegessen und Sancerre getrunken. Ich erzählte ihr unter anderem, dass ich für die letzte Physiotherapiestunde etwas für meinen Therapeuten vorbereitet habe. Wir sprachen, während er mich behandelte, über Musik und Dichtung und Malerei, aber auch über Essen und gute Getränke. Da er Sancerre nicht kannte und ich ihm einen bestimmten empfehlen wollte, beschrieb ich das Aussehen des Etiketts auf der Flasche. Das schien mir dann so umständlich, dass ich anbot, einfach eine Flasche zum nächsten mal mitzubringen, da ja außerdem auch sein Geburtstag vor der Tür steht. Ganz pragmatisch, es sollte nicht als Auftakt zu einer Verabredung rüber kommen. Er hob die Hände „ach nein, das ist wirklich nicht nötig“.

Kriegt er eben nur das Etikett von der guten Flasche, die ich neulich mit Jenny und Saskia auf meinem Balkon vernichtet habe. Das Etikett hat hinten so einen hartnäckigen Klebefilm, deswegen musste ich es auf ein Stück Papier aufkleben. Wäre ja nicht sehr angenehm, ihm so einen klebrigen Zettel in die Hand zu drücken. Da fielen mir die Blätter mit den Ausdrucken von Zauberkreis ein, und ich klebte das Etikett auf eine der Rückseiten, im Bereich, wo die Zeilen gedruckt waren, zufällig in dem gleichen Format formatiert, das die Größe des Etiketts hat. Hab es dann auf die Etikettgröße klein geschnitten. Ich hatte ihm bei einer der ersten Sitzungen auch von Rückert erzählt, er kannte ihn nicht, schien aber sehr interessiert.

Jetzt bekommt er eben zur letzten Sitzung Lernmaterialien mit auf den Weg. Dass ich außerdem auch noch eine Flasche von einem sehr guten Médoc besorgt habe, die ich ihm dann auch in die Hand drücke, wo er doch gerne Rotwein trinkt, ist ja wohl nicht völlig überzogen. Das macht man schon mal, wenn man von jemandem so lange behandelt wurde, als Geste des abschließenden Dankes, ohne Hintergedanken. Ist außerdem auch Lehrmaterial, da er Rioja mag und die von mir geschätzten roten Franzosen bislang kaum kennt, das kann er nicht ablehnen.

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