Aus meinem goldenen Notizbuch XXVII.
2. August 2019:

„Sophienstr., Gespräch 2 Frauen, Freundinnen. Die Eine: „(…) und dann erzählt Loke (? o. ä.) die ganze Zeit, dass der Mann so toll ist, so toll. Es ist jedesmal dasselbe, immer sind ihre Männer so toll. Und weißt du, warum? Weil sie es sich selber sagen muss, damit sie es selber glaubt!“
~
Dann indisch aussehende Frau, ca. 30, verstellt mir kurz den Weg: „Soll ich deine Aura lesen?“
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S-B.: Telefonat v. „Daniel“ mit „Flo“ mitgehört („Börlund-Creme“)“

Die erste Notiz spricht für sich, Erläuterungen erübrigen sich.

Zur zweiten Notiz: die Aura-Leserin hob beschwörend die (sicher magischen) Hände in meine Richtung, als sie nach meinem Aura-Lese-Bedarf fragte. Ich war in Eile und antwortete: „Nein, bitte nicht!“ Sonst natürlich immer gerne. Ich lasse mir gerne sagen, dass ich eine strahlend weiße Aura habe, wie man sie nur von sehr alten russischen Ikonen kennt. Oder Jesus. Das hellt den Tag auch gleich auf, wenn man solche hübschen Sachen über sich hört. Ich hätte doch stehen bleiben können und ihr hundert Mark für ein paar nette Worte überlassen. Oder wie der Tarif eben gerade ist. Zu spät. Vielleicht ergibt sich bald wieder eine Gelegenheit, ich laufe da ja jeden Tag entlang.

Die dritte Notiz näher zu erläutern, ist eigentlich nicht ganz im Rahmen der guten Benimmregeln. Ich bin ja in vieler Hinsicht diskret. Aber wiederum für eine gute Geschichte kann man auch schon mal eine Ausnahme machen. Es ist ja nicht peinlich für Daniel. Im Gegenteil, er kommt sehr sympathisch rüber. Er saß mir also in der S-Bahn gegenüber und zückte nach einer Weile sein Telefon. Daniel ist ein ca. 37-jähriger, schlanker Mann und trug vorgestern in der S-Bahn sportiv-lässige Freizeitkleidung, dunkle Jeans und dunkles Hemd oder so. Kurzhaarschnitt, leicht grau meliert, also Einsprengsel, ansonsten brünett. Daniel meldete sich mit: „Hallo Flo, hier ist Daniel!“ Dann erklärte er den Grund seines Anrufes: „Du, sag mal, äh, ich brauche mal deine Hilfe. Ich möchte deiner Mutter zu unserem ersten Jahrestag etwas mitbringen.“

(Einschub von mir: ich vermute entweder gleichgeschlechtliche Ehe oder eingetragene Partnerschaft, wobei ich natürlich nicht weiß, ob Flo nicht auch eine Abkürzung für „Florentine“ oder „Flora“ sein könnte, der unsäuselige Ton ließ mich aber von einem Gespräch unter Männern ausgehen, vielleicht ist Flo aber auch der Bruder seiner Frau, also der Schwager, der weiß, dass Daniel mit „unserem Jahrestag“ den Hochzeitstag von Daniel und seiner Schwester meint)

Daniel weiter: „Und da dachte ich mir, damit es nicht wieder so ein Media-(Markt)-Gutschein wird, wäre eine Creme toll. Sie benutzt da doch sowas, hab ich mal im Bad gesehen, das steht irgendwas drauf wie Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Kannst du da vielleicht noch schnell was besorgen? Aber es eilt! Ist schon morgen!

(Einschub: wobei, wenn Flo und Daniel ein Paar sind, dann müsste Flo doch wissen, dass man sich morgen bei der Mutter von Flo trifft, wegen des Jahrestages. Oder hat Flo den Jahrestag nach so kurzer Ehe etwa schon vergessen? Das gäbe mir sehr zu denken!)

Daniel weiter: „Also ich dachte mir, damit es nicht so plump rüberkommt, könntest du sie fragen: „Du, ich bräuchte mal was für meine Haut, kannst du mir da was empfehlen? Was nimmst du denn so?“ Also wie gesagt, die Creme heißt Börlin oder Börlung oder so ähnlich. Mit einem ö jedenfalls, schau doch mal! Das wäre ganz toll, und wenn nicht, wirds halt doch wieder ein Media-Markt-Gutschein! Danke dir, Tschüss!“

Die Schlussformel gibt mir zu denken, ein bißchen romantischer könnte man sich nach einem Jahr Ehe schon voneinander verabschieden. „Kuss“ oder ein geflüstertes „…ich dich auch“ sollte schon drin sein, unter jungen Eheleuten. Na ja, aber vielleicht ist auch alles ganz anders und Flo ist doch nur der Schwager, der nun hoffentlich dank fachkundiger Beratung bei Douglas oder Karstadt auf die „Börlund“ oder „Börlind“-Creme stößt. Hoffe, die Mutti von Flo freut sich angemessen und es war ein schöner Jahrestag!

8 Antworten auf „04. August 2019

  1. Flo könnte aber auch die Stieftochter sein und die Mutter Freundin oder Frau von Daniel. Einen Stiefsohn dagegen würde man wohl nicht vorschicken, um sich nach Pflege für seine Haut zu erkundigen. Das wäre für das vermutlich pubertäre oder etwas postpubertäre Alter etwas sehr auffällig.

  2. Moment – wenn die Mutter von Flo die Freundin oder Frau von Daniel ist, dann würde das ja bedeuten, dass er in der einjährigen Ehe oder Beziehung trotz mutmaßlich häufigerer Besuche im Badezimmer nicht in der Lage war, sich den Namen der Hautpflege seiner Liebsten einzuprägen. Peinlich! Wenn Flo aber nun doch männlich wäre und der Gefährte von Daniel, wäre es ja nicht so außergewöhnlich, wenn er ein gepflegtes Erscheinungsbild hat und sich für Hautpflege interessiert. Meiner Erfahrung nach ist es eher problematisch, sich mit heterosexuellen Männern qualifiziert über Kosmetik und Körperpflegeprodukte auszutauschen.

  3. Ja, aber bei einem Stiefsohn würde ich erstmal von hetero ausgehen. Es könnte natürlich auch ein schon geouteter homosexueller Stiefsohn sein, bei dem es nicht weiter auffällig ist, wenn er sich nach Kosmetik erkundigt. Wenn sich ein Mann nicht die Namen von Kosmetikmarken seiner Freundin merken kann, würde mich das nicht sehr wundern. Selbst ich habe kaum Interesse mir die Namen all der Marken zu merken, die irgendwann mal in meinem Bad herumstanden, und das um so weniger, wenn ich sie nicht selbst benutzen würde.

  4. Was ich nicht erwähnt habe, ist, dass ich meine, Daniel hätte auch noch irgendsoeine Bemerkung gemacht, dass man am nächsten Tag die Mutter besucht, aber das könnte auch von mir dazuphantasiert sein. Mir war so, als wäre sie nicht in Berlin. Es wird immer komplizierter!

  5. Das wirft natürlich wieder ein völlig anderes Licht. Wir werden es wohl nie erfahren. Nächstens fragst du am besten gleich nach. Wenn es jemandem nichts ausmacht, daß seine privaten Telefongespräche von Fremden mitgehört werden, sollte er interessierten Mithörern auch entsprechend Auskunft geben, damit sie sich nicht den Kopf zermartern. ;-)

  6. P.S. jetzt fällt mir noch ein: wenn Flo die Stieftochter Florentine oder der Stiefsohn Florian von Daniel ist, dann wohnt sie/er doch bestimmt in derselben Wohnung wie die Mutter, die die Börlund-oder-so-ähnlich-Creme benutzt und muss doch nur im Bad nachschauen und nicht so umständlich fragen! Das erscheint mir nicht plausibel. Es sei denn, das Stiefkind von Daniel wurde ins Internat verfrachtet, damit die junge Ehe von Daniel und der Mutter von Flo ausgiebig ausgelebt werden kann und niemand zur Unzeit ins Elternschlafzimmer hereinplatzt! Sehr egoistisch von Daniel und der Mutter von Flo. Ich bin jetzt ein wenig enttäuscht. Hatte bislang so einen guten Eindruck von Daniel! Dass mich meine Menschenkenntnis so im Stich lassen konnte!

  7. Das habe ich bei meiner Überlegung alles bedacht! Das Stiefkind könnte durchaus schon mindestens zwanzig sein, vielleicht ist die Mutter sogar etwas älter als Daniel. Sowas kommt immer häufiger heutzutage vor. Ich bin mit 17 von Zuhause ausgezogen und die Enkelin meiner Schwägerin sogar mit 16.

  8. Hm…! Du hast natürlich wie meistens Recht. Selbst wenn die Mutti von Flo so alt wäre wie Daniel, könnte sie bereits einen siebzehnjährigen Sprössling haben. Der Tonfall von Daniel gegenüber Flo war auch eher kumpelhaft als erotisch verbandelt. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Mutter von Flo um einiges älter als Daniel ist – nur so ein Gefühl! Der Trend geht zum jüngeren Mann!

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