Es folgt ein Eintrag vom Küchentisch. Habe meiner Erinnerung nach noch nie am Küchentisch geschrieben. Das ist im Moment neben dem Schlafzimmer und dem Bad der am angenehmsten temperierte Raum. Mittlerweile bin ich rundum bei zwei Rollos pro Fenster und sogar drei bei der Balkontür. Das hilft sehr gut, ich flüchte nicht in ein klimatisiertes Museum oder ins KadeWe oder in den Supermarkt. Apropos Supermarkt – die folgende merkwürdige Notiz aus meinem Buch spielt im Supermarkt.

Es gibt dieses goldene Buch übrigens wirklich, wie ich noch einmal betonen möchte, es handelt sich nicht um eine hübsch benannte Kategorie, keine Metapher oder dergleichen. Ina hat mich am Freitag gefragt, daraufhin habe ich das Buch aus der Tasche geholt und ihr meine bisherigen Notizen gezeigt. Die Einträge, die ich schon in Blogtexten veröffentlicht habe, bekommen am Seitenrand einen senkrechten Vermerk „Blogeintrag vom xx.xx.2019“ und einen schwungvollen Haken.

Ina wünscht sich eine Abbildung davon, hier im Internet. Ich dachte auch schon darüber nach. Alternativ zur Kamera kann man ja auch scannen und als Bilddatei abspeichern. Meine Kamera macht seit Mitte November 2018 Pause, und sie will nicht in ihrer Ruhe gestört werden. Die Pause hat sie auch verdient. Um hin und wieder auch einen Eintrag mit Bild zu präsentieren, greife ich auf ältere Aufnahmen zurück. Es findet sich immer etwas passendes (bei 60.000 Bildern kein Wunder), zum Beispiel ist das Küchenbild (ich hatte wohl gerade den Tisch abgewischt, daher das Geschirrtuch) vom 17. Mai 2008. Da die Küche immer noch so aussieht (ich habe mich selbstverständlich auch nicht im geringsten verändert), handelt es sich um eine respräsentative Aufnahme. Aber nun zur Merkwürdigkeit im Supermarkt. Es geht um Musik.

Aus meinem goldenen Notizbuch VIII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„REWE, Hermannstr. „Hermann Arcaden“
„I’m in Love with your Body“
tanze durch die Regalreihen (bei Ketchup und Mayo)
„Shape of You“ (Ed Sheeran)“

Der siebzehnte Juni war auch ein recht sommerlich temperierter Tag. Wie so oft holte ich mir auf dem Weg in meine kleine Werkstatt noch ein paar frische Sachen bei REWE im Untergeschoss der Hermann Arcaden. Da gibt es zum Beispiel im Kühlregal so einen Gurkensalat, der immer frisch zubereitet auf mich wartet und mich total überzeugt. Das muss ich erwähnen, weil ich normalerweise alles selbst zubereite, aber Gurken hobeln etc. kostet dann doch etwas Zeit und besser kriege ich den auch nicht hin. Im REWE läuft Musik zur Unterhaltung beim Einkauf. Das ist für mich sehr interessant, weil mir dadurch Lieder zugetragen werden, die ich normalerweise nie hören würde. Es kommt auch vor, dass ich etwas kenne, aber meistens ist es irgendein Tralala-Popsong, wo ich nicht weiß, wer da gerade singt. Manchmal kenne ich auch die Melodie, irgendwo schon mal beiläufig gehört – eventuell bei Edeka. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die dort auch Musik spielen. Der Edeka am Hackeschen Markt, in der Rosi, der in dem jetzt abgebrochenen Haus war, hatte auch Musik, das weiß ich noch. Manchmal kommen ja auch aktuelle Songs aus der Hitparade als Hintergrundmusik beim Perfekten Dinner oder bei Shopping Queen. Ich schaue mir das ab und zu in der Mediathek an, zu später Stunde beim Schlaftrunk. Aber zurück zu REWE!

Ich hatte die Hände noch relativ frei, nur den Gurkensalat in der Hand, und war nun vor dem Ketchup- und Mayoregal. Da wurde über den Lautsprecher ein Rhythmus in den Laden gespült, Marimbaklänge, sehr groovy, wie die jungen Leute Ende der Siebziger gesagt hätten. Ich hatte an dem Tag wenige Stunden davor eine Mittagsstunde zur Physiotherapie bei Clark Kent genossen und fühlte mich recht locker. Dieser Rhythmus ging mir direkt in die Beine und ich fand den Text auch sehr schön. Ein junger Mann, vermutlich so ein schwarzer junger Sänger mit so einem Dancefloor Projekt, sang immer wieder: „I’m in love with your body“, „I’m in love with your body“. Ich konnte es direkt fühlen. Ich musste tanzen! Ich bewegte mich also am Ketchup und Mayo rhythmisch vorbei, Richtung Bautzener Senf und wieder zurück. Ich sollte ja mehr tanzen, hatte Clark mir ans Herz gelegt, es wäre sicher in seinem Sinn. Ein tolles Lied zum Tanzen. Es ging in dem Text scheinbar nur um den Körper einer jungen Frau, die der Sänger anbetete. Er variierte die Aussage sogar mit „I’m in Love with the shape of you“. Ich sah ihn direkt vor mir, sicher vom Aussehen her so ein Typ wie Pharell Williams oder ein junger Prince (Gott hab ihn selig). Wahrscheinlich hat er ein Unterhemd an, oder Tank Top sagt man ja international, während er seine braunen Muskeln im Video spielen lässt, falls es ein Video davon gibt. Ich freute mich, wie schön lang das Lied war, ich konnte noch ein bißchen vor dem Ketchup herumhampeln. Zum Glück waren in dieser Regalreihe keine Kunden, ich war praktisch unbehelligt. Und die wenigen, die mich hätten sehen können, nahmen nur Notiz von den Produkten im Regal. Das war mir sehr recht. Nicht, dass ich mich irgendwie peinlich bewegen würde, aber ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich an unpassender Stelle mit meinen Tanzkünsten hervortun möchte. Alles Aufgesetzte ist mir zuwider! Manchmal singen junge Frauen (komischerweise nie junge Männer) hörbar in der S-Bahn vor sich hin, durch die Bank wirkt es auf mich, als handelt es sich nicht um einen Impuls, weil man nicht anders kann, und die Muse einen halt gerade massiv küsst, sondern weil die jungen Damen sich selbst eine Gesangsstimme attestieren, die auf Entdeckung wartet. Bisher war aber für meinen Geschmack noch nichts dabei, was ich mir gerne auf Schallplatte anhören möchte.

Als der kleine schwarze Sänger sein Lied mit einer nochmaligen Bestärkung der Aussage: „Im in love with your body, Im in love with the shape of you“ zu Ende gebracht hatte, konnte ich meinen kleinen Einkauf mit drei Sardinenbüchsen, einer Flasche Tonic Water der Rewe-Hausmarke und einer guten Flaschengärung vollenden. Es war bisher eigentlich mein schönster Einkauf bei Rewe und ich nahm mir vor, daheim zu googeln, wer der schwarze Sänger mit diesem tollen Lied ist. „Im in love with your body“ konnte ich mir auch gut merken, die Notiz machte ich dann gleich in meiner Werkstatt. Als ich dann am Abend daheim vor dem Computer war, wollte ich meine Notiz um den Zusatz des Namens des schwarzen Sängers ergänzen. Ich googelte also die Textzeile und fand auch gleich als Ergebnis ein Video auf youtube mit dem Foto von so einem schwarzen Rapper-Typen. Ah ja, ich hatte ihn mir kleiner vorgestellt, zarter irgendwie, aber passt schon. Aha, der Song heißt also „Shape of you“. Als ich auf den Startbutton klicke, kommt ungefähr das Lied, das ich vor dem Ketchupregal gehört habe, aber irgendwas stimmt nicht. Es muss irgendein Remix sein, nicht das Original. Prompt hat auch darunter einer als Kommentar geschrieben, „I love your remix of the song!“ Aha.

Also gibt es noch eine andere Version, die es zu finden gilt. Ich googelte nach den Lyrics von „Shape of You“ und da stand plötzlich, sehr irritierend für mich „by Ed Sheeran“. Hä? Das ist doch dieser rothaarige britische Popsänger, mit Gitarre und Balladen. Von dem soll das Lied sein? Kann ja wohl nicht sein. Der würde doch bestimmt niemals solche eindeutigen Anmach-Lieder singen, das passt doch gar nicht zu dem braven Ed Sheeran. Ich meine, es geht hier doch nun wirklich um hitzige erotische Gefühle, ohne Herzschmerz etc. Das muss ein Ausrutscher gewesen sein, mal schauen, ob es ein Video dazu gibt. Nun fand ich auch recht schnell das Lied, genau das, was mir im Rewe vorgespielt wurde, und was soll ich sagen: der schwarze kleine Sänger war scheinbar tatsächlich Ed Sheeran. Und im Video zeigt er sich sogar etwas körperbetonter im Sportstudio. Die Angebetete passt auch gut zum Song. Ihm kaufe ich die Rolle im Video nicht so ganz ab, so sportiv wirkt er nicht auf mich, wie er da tut. Es soll sich übrigens um einen Hit handeln. Was natürlich auch angebracht ist, denn ein Lied, das mich im Rewe zum Tanzen bringt, hat ganz klar Hitpotenzial, und zwar weltweit. Ich bin da auf jeden Fall ein zuverlässiger Indikator.

Wie ich aber bei weiterer Recherche sehe, ist Ed Sheeran nicht der einzige Autor des Liedes, da werden noch die Herren Steve Mac und Johnny McDaid genannt. Das steht im Wikipedia-Eintrag des Liedes. Wenn es ein Song erstmal zum Wikipedia-Artikel gebracht hat, kann man glaube ich mit Fug und Recht sagen, dass es sich um einen Hit handeln muss. Jedenfalls vermute ich ganz stark, dass der frivole Text maßgeblicih von diesem Steve Mac oder Johnny McDaid stammt. Die sehen schon von den Fotos her mehr so aus, als ob sie auch mal so eine angesexte Nummer raushauen. Ed Sheeran hat sich dann vielleicht die putzigen Marimba-Töne dazu ausgedacht. Aber vielleicht unterschätze ich auch das erotische Songwriterpotenzial von Ed Sheeran, kann gut sein. Es sind halt schon recht einfache Sätze, ohne akademisch lyrischen Anspruch, aber das muss ja auch nicht immer sein. Hier nochmal ein Auszug aus dem Text:

„(…)
Grab on my waist and put that body on me
Come on now, follow my lead
Come, come on now, follow my lead
I’m in love with the shape of you
We push and pull like a magnet do
Although my heart is falling too
I’m in love with your body
And last night you were in my room
And now my bedsheets smell like you
Every day discovering something brand new

I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body
Oh—I—oh—I—oh—I—oh—I
I’m in love with your body“

Schon sehr schön. Wobei man vielleicht auch in einer gewissen Grundverfassung sein muss, um das in der Fülle zu würdigen.

Das war also die merkwürdige Notiz vom 17. Juni im Rewe. Ich zeigte Ina die bis dahin unverarbeitete Notiz in meinem goldenen Büchlein, schilderte kurz den Sachverhalt und vergewisserte mich bei ihr, ob der Vorfall das Prädikat „merkwürdig“ verdient. Sie gab der Notiz den Segen mit den Worten: „merkwürdiger als merkwürdig!“ Na, meine ich doch. Zuerst die Tanzerei vor den Ketchup-Flaschen und dann ist der kleine schwarze Sänger von dem Lied in Wahrheit Ed Sheeran.

Heute habe ich übrigens im Badezimmer beim Abrocknen nach der Dusche auch einen kleinen Tanz-Anfall gehabt. Meine Stereoanlage spielte mir zufällig „Latest Flame“ von Elvis. Ein herrliches Lied, hat natürlich auch einen Wikipedia-Eintrag. Das sind so die Rhythmen, die mich in Bewegung bringen. Dies allen Songschreibern, die hier mitlesen, als kleine Hausaufgabe. „His Latest Flame“ ist übrigens aus der Feder von einem gewissen Doc Pomus und dem auch mir durchaus geläufigen Mort Shuman. Elvis hat auch an seinen Songs mitgeschrieben, aber „Latest Flame“ war ein Cover von einer Originalaufnahme von einem gewissen Del Shannon (nie gehört), die nicht sehr erfolgreich war. Das fehlende Hitpotenzial kann man auch auf youtube prüfen, hier die Version von Shannon. Also die Komposition alleine macht noch nicht den Hit. Man braucht schon ein starkes, grooviges Arrangement und einen starken Sänger. Wie Elvis. Hören Sie mal beide Aufnahmen kurz hintereinander und dann weiß man, warum nur Elvis der King sein konnte. Elvis Forever.

Eine Antwort auf „23. Juni 2019

  1. kid37 – 24. Jun, 00:37
    Ich kann hier nichts anklicken, weil ich, glaube ich, der einzige Mensch auf Erden bin, der noch nie bewußt ein Lied von Herrn Sheeran gehört hat. Und ehrlich gesagt, möchte ich es dabei auch belassen. Ihr Küchenfoto interessiert mich viel mehr. Zum Beispiel die korrespondierenden, aber fragmentierten Elemente, wie die herren- bzw. besser damenlosen Beine, die aber aufgefangen durch das Foto im Foto (und optisch zusammengefügt durch die Stuhllehne) ihre Besitzerin finden. „Shape Of You“ würde ich dazu komponieren, wäre mir nach einem Lied.

    g a g a – 24. Jun, 01:01
    ich meine, ich hätte seinerzeit vor dem Auslösen bemerkt, dass es ein interessantes Bild werden könnte, wenn ich einfach so stehen bleibe und den Beinen Raum gebe. Ich hatte tatsächlich den Tisch abgewischt, dewegen auch das Obst auf dem Stuhl. Man kann ja nicht immer nur drumherum wischen. Einmal gründlich pro Jahr ist schon eine gute Sache.

    Ich meine, es wäre lediglich interessant als empathisches Experiment, ob man den Song so hören kann wie ich im Rewe, wenn man sich vorstellt, man wüsste nicht, wie der Sänger heißt, und denkt es ist der erste Hit von einem Newcomer, eine totale Neu-Entdeckung, die man sich auf Empfehlung von Gaga Nielsen mal anhört. Übrigens hat der Eindruck des Songs nicht dazu geführt, dass ich mich nun für weitere Aufnahmen von Herrn Sheeran interessieren würde, da ich immer noch ein wenig glaube, dass es eine Art Ausrutscher war und er eigentlich überwiegend was ganz anderes macht.

    Vielleicht ist es aber doch machbar, das Elvis-Lied anzuklicken. Eventuell morgen früh. Jetzt zum Abend wäre das viel zu aufwühlend. Die Adrenalinstöße sind nicht schlaffördernd.

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