Ich lese immer noch Montauk von Max Frisch. Ein schmales Taschenbuch eigentlich, aber ich lese in Etappen, in der S-Bahn, in der U-Bahn, und mit Hingabe. Ich will es nicht zu schnell lesen, es soll mich länger begleiten. Aber ich bin nun doch schon bei Seite 151 (von 207). Ich mag das Buch sehr, ist mir nah. Auf Seite 151 in meiner antiquarischen blauen Suhrkamp-Taschenbuchausgabe der 1975 veröffentlichten Erzählung, kommt der vielleicht am meisten zitierte Satz von Max Frisch über seine Beziehung, oder genauer das Ende seiner Beziehung zu Ingeborg Bachmann. „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“. Immer wieder wird der Satz in Texten über die beiden zitiert. Man kann ihn schon im Schlaf herunterbeten. Da ich Montauk jetzt erst zum ersten mal lese, obwohl ich es schon ewig vorhatte, lese ich den Satz nun zum ersten mal im Kontext:

„(…) „Zuletzt gesprochen haben wir uns 1963 in einem römischen Café vormittags; ich höre, daß sie in jener Wohnung, Haus zum Langenbaum, mein Tagebuch gefunden hat in einer verschlossenen Schublade; sie hat es gelesen und verbrannt. Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“
Max Frisch, Montauk, S. 151

Das Buch wurde also 1975, zwei Jahre nach Ingeborg Bachmanns Tod 1973, veröffentlicht. Zehn Jahre vergingen nach dieser erwähnten letzten Begegnung, vielleicht ohne jeden Kontakt. Ich weiß jetzt nicht, ob es in diesen zehn Jahren noch irgendeinen Briefwechsel gab. Die Briefe zwischen Bachmann und Frisch sind noch unveröffentlicht.

Mich beschäftigt diese hölzerne Formulierung „Ende (…) nicht gut bestanden.“ Was soll das denn heißen, „ein Ende einer Beziehung gut bestehen“? Ich ahne es, dass es für Frischs Seelenfrieden angenehm gewesen wäre, wenn man nach einer gewissen Zeit, wenn die akute Verletzung bei Bachmann halbwegs angeheilt war (was sie aber vielleicht nicht war, sie hat lange unter der Trennung gelitten), eine freundschaftliche, respektvolle letzte Begegnung zustande gebracht hätte. Er ist in eine neue Verbindung gegangen, als er die Trennung verursachte. Ein einseitiges Ende wie eine Prüfung gut bestehen. Hm. Für den, der verlässt, ist es eher eine Gewissensprüfung, für den, der verlassen wird, eine Herzensprüfung. Eine echte Überwindung des Verlustes, mit einer Vergebung von Herzen, ist meiner Erfahrung nach erst dann möglich, wenn das Herz nicht mehr gebunden ist. Und das geschieht am ehesten, wenn eine neue Bindung ins Leben tritt. Vielleicht sucht das Herz immer nach Bindung, weil man es dann stärker spürt. Das Band der Bindung berührt, gibt Halt. Man darf es nicht zu fest schnüren, sonst wird die Funktion eingeschränkt. Ich glaube, ich habe zweimal ein Ende „gut bestanden“, jedoch einige Jahre nach dem jeweiligen Ende. Mich beschäftigt der Verlust eines Menschen, der mir sehr nah kommen durfte, sehr lange. Immer.

5 Antworten auf „24. Juni 2019

  1. Maria Schuster
    Ja, so ist das mit dem Loslassen…

    Gaga Nielsen
    Funktioniert nicht mit dem Verstand. Aber eigentlich auch kein Wunder, denn das vorangegangene Gegenteil, die Zuwendung, war ja auch keine rationale Entscheidung.

    Maria Schuster
    Doch! Funktioniert mit Verstand! Sonst: Irrenhaus.

    Gaga Nielsen
    ja, Irrenhaus. Deshalb spricht man ja auch gerne von Irrungen und Wirrungen des Herzens. Wenn ich mich (oder irgendwer) verstandesbetont für jemanden erwärmen könnte, wären die Paarungen sicher anders. Die Wirrnis beginnt ja bereits bei der Tatsache, dass Herzens- und erotische Liebe zwei verschiedene Paar Schuhe sind und eher selten in gleicher Intensität vereint. Das lässt sich nicht befehlen. Und das Gegenteil ebensowenig, es sei denn, man diszipliniert sein Herz und seine Eingeweide. Tatsächlich kann man zwar rational eine seelische Abscheu gegen jemanden hegen, aber dennoch physisch erotisiert sein. Es ist ein weites Feld.

  2. Ein schöner Eintrag über ein ehrliches Zitat. An Montauk kann ich mich gar nicht mehr erinnern, obwohl ich so ziemlich alles von Hesse gelesen habe. Sehr lange beschäftigt mit dem Verlust ist ja auch ein Äquivalent für die Tiefe bzw. die Nähe, sagt aber mehr über die eigenen Fähigkeiten aus als über die Beziehung. Und das ist auch schön.

  3. Hesse…?
    ….da hat wohl die Hitze im DG eine kleine Leseschwäche verursacht? :-)
    Montauk von Max Frisch gilt allgemein als sein aufrichtigstes Buch, auch nicht immer schmeichelhaft für ihn, was er bekennt. Ich glaube, man kann das auch mehrmals mit Gewinn lesen.

  4. P.S. ja, das stimmt auch, dass die lange Beschäftigung mit einer Begegnung und deren Ende nur ein Indiz für die tiefere Bedeutung der Verbindung für denjenigen ist, der sich damit so sehr beschäftigt. Es kann auch ganz viel einseitig nur auf der Gefühlsebene stattgefunden haben. Was heißt ’nur’… Wer gerne Intensität hat und Begegnungen nicht für zufällig oder beiläufig hält, gerade wenn sie körperlich werden, kann sich an jedem Verlust abarbeiten. Weil es dann auch ein veritabler Verlust ist. Man war ja bereichert und ist nun ärmer.

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