DENKEN, WAS MAN WILL. AUSSEHEN, WIE MAN WILL. LIEBEN, WEN MAN WILL. Vorhin in der S-Bahn gelesen, neue Aufkleber über den Fenstern, Image-Kampagne FREIHEIT. BERLIN. Schön. Deswegen bin ich 1986 in Berlin gelandet und geblieben. Ich will mal häufiger festhalten, was mir auf den alltäglichen Wegen durch die Stadt auffällt. Zum Beispiel Gesprächsfetzen im Vorbeilaufen, wo ich eigentlich gerne stehen bleiben würde und weiterlauschen (auch wenn sich das nicht gehört, ich mache es ja auch nicht). Meistens bin ich auf dem Sprung, und bekomme nur ein Fragment mit, das mich dann mitunter noch bis zur S-Bahn beschäftigt. Im Trubel des Tages geht es dann wieder unter, fällt durch den Erinnerungs-Rost, manchmal ist das schade.

Zum Beispiel letzte Woche, morgens auf meinem vertrauten Weg durch die Hackeschen Höfe, kurz nach Neun. An der Stelle, wo es links durch die Rosenhöfe geht, kommt mir eine Frau in den Vierzigern (schätzungsweise) entgegen und sieht offenbar eine andere Frau, die hinter mir läuft, die sie gut kennt und ruft ihr laut vernehmlich zu: „NA, ALLES GUT? IMMER NOCH GLÜCKLICH?“ Die Angesprochene hinter mir: „JA….! TOTAL!!!“ Sie hörte sich auch so an. Ganz viel Elan und Optimismus in der Stimme. Gesehen habe ich sie nicht, ich konnte mich ja schlecht umdrehen, das schickt sich nicht, und ich musste ja auch wieder weiter. Aber das hat mich doch sehr beschäftigt. Worauf das der anderen Frau wohlbekannte Glück beruhen mag. Ob es um eine besonders glückliche Beziehung geht, die große Liebe gefunden, oder vielleicht auch glücklich mit einem Ladenlokal innerhalb der Hackeschen Höfe? Ich werde es nie erfahren. Aber es war eine schöne Abwechslung, mal so einen freudigen Austausch mitzubekommen. Überwiegend werden Fragen zur Befindlichkeit mit starker Relativierung beantwortet. Wir sind ja schließlich nicht in Amerika, wo immer alles great und gorgeous und awesome ist. Vielleicht gefiel mir das kleine Geplänkel auch deswegen, weil die fragende Frau kein unterschwelliges Lauern im Tonfall hatte, so ganz arglos und freundlich und aufrichtig wirkte es. Und die Antwort hatte auch nichts Prahlerisches, jemand der einfach gerade mal richtig zufrieden ist und darum weiß.

Heute morgen dann, auch wieder ein interessanter Gesprächsfetzen, auf dem Weg zur S-Bahn, diesmal auf dem Weg durch die Sophie-Gips-Höfe (die kommen immer vor meinem Weg durch die Hackeschen dran), sitzen zwei Frauen, ca. Ende Dreissig, auf dem kleinen Mäuerchen, das die Rasenfläche begrenzt, und die eine sagt zur anderen: „Warum haben Menschen solche Angst vor Veränderung? Der Grund ist: Menschen haben Angst vor Veränderung, weil sie….“ (?) Als es interessant wurde, war ich schon wieder außerhalb des hörbaren Bereichs. Das war auch wieder kurz nach Neun. Die beiden wirkten ausgeruht und nicht in Eile. Vielleicht besuchten sie beide einen Workshop oder ein Seminar zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und rauchten noch eine vor Unterrichtsbeginn. Vielleicht war die eine die Dozentin oder eine bereits psychologisch geschulte Teilnehmerin. Kann gut sein, dass es in den Gebäuden irgendwelche Seminarräume für Coachings gibt. Da sind ja sehr viele gewerbliche Mieter drin. Ich weiß nicht, ob sie geraucht haben, nur eine Vermutung. Also ich habe es mir bis über die S-Bahnfahrt hinaus gemerkt und dann fiel mir auch das andere wieder ein. Ich fand beide Gesprächsfetzen inspirierend.

3 Antworten auf „26. November 2018

  1. fb

    Ina Weisse
    Ja Gaga, das ist Literatur

    Gaga Nielsen
    ich weiß gar nicht, woran man das festmacht, aber es freut mich, wenn du es so empfindest. Ich zum Beispiel lese sehr gerne Gedankengänge, deren Ende man nicht bereits nach den ersten beiden Sätzen absehen kann. Etwas Unerwartetes, Originäres, Inspirierendes und zugleich mit Identifikationswert. Deswegen habe ich wenig Interesse an Fantasy-Literatur. Ich liebe Berichte wahrer Begebenheiten ohne Depressionspotenzial, das gibt mir Hoffnung, dass Wunder geschehen können. Im Grunde eine völlig egozentrische selbstherapeutische Handlung. Auch mein eigenes in die Tastatur tippen, weil ich nie am Anfang weiß, wo ein Eintrag hinführt, immer eine Reise, ein Blind Date mit meinem eigenen Gedankenstrom. Ist beim Malen ähnlich. Unbekanntes Terrain betreten und sich damit einen inneren Tapetenwechsel schenken. Wenn man es braucht. So wie ich gerade (sehr).

    Ina Weisse
    Naja, für mich ist unter anderem Literatur, wenn sich an einer kleinen genauen Beobachtung eine ganz neue Welt entfaltet, so wie dein Weg zur S-Bahn, dann ganz plötzlich durch neue Gebiete führt, den Weg weisen einem die Gesprächsfetzen dieser Frauen, denen du zugehört hast. Sehr schön finde ich.

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