In zwei Minuten (muss ganz bald schlafen gehen) schaffe ich keinen grandiosen Eintrag. Es gibt aber einen neuen Vermerk in meinem goldenen Notizbuch, und da Jens mich nun schon zweimal in den letzten zwei Wochen darauf ansprach, wann denn mal wieder ein Eintrag aus dem Goldenen Notizbuch käme, hatte ich gestern die Augen auf und fand etwas Bemerkenswertes. Wieder einmal in der S-Bahn, morgens.

Aus meinem goldenen Notizbuch XXX.

  1. Sept. 2019:

„S 7 Hackescher Markt – Zoo
Klassenausflug (Jungs + Mädchen) belegen einen halben Waggon, 9 Jahre alt, 3 Freundinnen sitzen ganz eng, halten Händchen. Zu dritt! Und unterhalten sich + kichern. Die ganze Zeit die Patschhändchen zusammen, so süß!“

Zuerst dachte ich mir beim Betreten des Abteils so, ob das alles so angemessen ist, dass diese jungen gesunden kleinen Menschen mindestens die Hälfte aller Sitzplätze einnehmen, während ältere Zusteigende wie ich stehen müssen, ob sie übermüdet und vom Alkoholgenuss des Vorabends geschwächt sind oder nicht. Dann fand ich nachsichtig zu dem Gedanken, dass es die Aufpasserinnen oder in dem Fall Lehrkräfte (zwei Frauen) ja auch nicht leicht haben, die Rasselbande unter Kontrolle und im Überblick zu behalten, da ist das eine vereinfachende logistische Maßnahme. Ich erfreute mich dann an den zum Teil sehr hübschen und anmutigen jungen Menschen. Stellte zum Beispiel fest, dass mir trotz des sehr jungen Alters schon auffiel, wer mir als erwachsener Mann voraussichtlich mal vom Typ her gefallen könnte. Einen fand ich besonders interessant, auch die Haarfarbe gefiel mir.

Aber dann wanderte mein Blick in die andere Richtung, wo lauter Mädchen nebeneinander saßen. Immerhin haben sie sich so dicht hingesetzt, dass auf zwei Plätzen drei Mädchen Platz fanden. Sie hatten keinerlei Berührungsängste oder Animositäten untereinander. Bei Erwachsenen ist ja doch eher der Wunsch, leicht separiert vom Nachbarkörper zu sitzen, außer es ist eine sehr gute Freundin. Beim Geliebten ja sowieso, das muss nicht weiter erklärt werden. Was mir aber als so bemerkenswert auffiel, war das Händchenhalten von drei Freundinnen, die eifrig miteinander plauderten und kicherten und sich von Herzen gerne hatten. Die Selbstverständlichkeit, wie die beiden Mädchen rechts und links von der Freundin in der Mitte, ihre kleinen Hände auf die Hand der mittleren Freundin legten. Die ganze Zeit, so selbstverständlich, wie man es sieht, wenn ein Brautpaar heiratet, die Hände aufeinandergelegt werden, und der Priester zum Segen auch noch seine Hand auf die beiden legt. So sind sie durch Berlin gefahren. Von der Ost- in die Westcity, ganz selbstverständlich.

Unvorstellbar, dass drei erwachsene Freundinnen so in der S-Bahn sitzen würden. Schade eigentlich. Man wäre gleich im Blickpunkt und die Mitfahrer würden überlegen, ob man erotisch verbandelt ist oder in einer Sekte oder dergleichen. Es war ein schöner Anblick, so ein unschuldiger, inniger Ausdruck von Freundschaft. Weil ich neugierig war, wie alt die Kinder sind, habe ich mir gestattet zu fragen, welche Altersgruppe die Kinder sind, die eine begleitende Lehrerin stand direkt neben mir und tauschte sich mit der anderen über die Vorgehensweise beim Aussteigen am Bahnhof Zoo aus, welcher Teil der Kinder welchen Ausgang nehmen soll. Die Lehrerin beantwortete meine Frage nicht selbst, sondern nahm die Frage zum Anlass, die ihr am nähesten sitzenden drei Kinder zu fragen, wie alt sie sind. Sie wusste es bestimmt, aber wollte die Kinder einbeziehen. Zwei mussten ein bißchen überlegen, eine sagte „Neun!“ Die anderen nickten dann. Also Neun. Manche vielleicht auch erst Acht aber bald Neun.

Das fand ich sehr interessant. Ich hätte nämlich gedacht, dass es noch etwas jüngere Kinder sind, so zwischen Sechs und Sieben. Da habe ich wohl von alten Fotos von mir selber von meiner Einschulung oder der ersten Klasse auf diese Berliner Kinder im Jahre 2019 geschlossen. Ich war ein recht großes Kind, immer das größte Mädchen in der Klasse. Manchmal war es mir sogar peinlich, weil ich damit ein bißchen Außenseiterin war. Ich war ja trotzdem nicht weiter entwickelt, noch dazu extrem schüchtern. Später habe ich Frieden damit geschlossen, dass ich hundertachtzig Zentimeter groß bin. Oder war.

Neulich bei der zweiten Untersuchung zur Charité-Studie, wo ich seit vier Jahren Langzeit-Probandin zur Erforschung von Volks- und Ziviliationskrankheiten bin, wurde ich (u. a.) wieder gemessen und gewogen. Das Gewicht wollte ich gar nicht wissen, solche Zahlen machen einen nur nervös. Aber die Größe hat mich schon interessiert, weil man angeblich wieder kleiner wird, wenn man ein bißchen älter ist. Ich habe mich ordentlich gereckt, und trotzdem waren es nur knapp 178 Zentimeter. Das hat mich ein bißchen geärgert. Es war aber schon Nachmittag, und ich habe schon mal bemerkt, dass man unterschiedlich groß ist, je nach Tageszeit. Am nächsten Tag habe ich mich dann gleich nach dem Aufstehen gemessen und einen Strich an den Türrahmen gemacht und das Maßband hat original 180,7 Zentimeter angezeigt, wie damals, als ich halb so alt war! Das hat mich erleichtert. Meine Freundin Sabine hat mir dann erklärt, dass das etwas mit Wasser in den Bandscheiben zu tun hat, das über Nacht eingelagert wird, und sich im Laufe des Tages dann wieder abbaut. Meinethalben. Mir egal. Hauptsache ich schrumpfe nicht zum Zwerg! Man fühlt sich einfach jünger, wenn körperlichen Gegebenheiten so bleiben, wie sie schon zu jungen Zeiten waren.

Jetzt muss ich aber wirklich schlafen gehen. Ich habe kein perfekt passendes Foto zu dem Eintrag parat, aber vor ein paar Jahren immerhin mal ein paar kleine Jungs in der S-Bahn eingefangen. Also nicht ganz am Thema vorbei.

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