Aus meinem goldenen Notizbuch XXIII.
25. Juli 2019:

„Coca Cola-Reklametafel am Hackeschen: „ANGER CAN‘T DREAM – LOVE CAN“ (hm…) Meine Qualitäts-Kalauer-Arroganz. Literarische Befangenheit.“

Im ersten Moment beim Lesen des Coca Cola-Kalenderspruchs gedacht: „hübscher Gedanke“. Dann: „kommt darauf an, wie eng man „Träumen“ fasst. „Anger“ kann durchaus träumen. Das Ergebnis sind nur keine Schäfchenwolken, sondern dunklere Himmelsszenarien: Donner, Blitz, reinigendes Gewitter. Erdbeben. Sturmflut. Hurrikan. Reset. Ende und Neubeginn. Nach Waldbränden regeneriert sich der Waldboden, neben den verkohlten Baumstämmen sprießen irgendwann kleine junge Bäume und in irgendeinem kommenden Frühling überdecken zarte, maigrüne Blätter die kohlschwarze Erinnerung an den alten zerstörten Wald. Bestimmt hat der Kontrast auch eine eigene Schönheit, wenn im jungen Paradies Fragmente der Zerstörung wie ein Denkmal stehen. Wie eine Signatur vergangenen Lebens, spannende Narben. Kalendersprüche bilden selten komplexe Gedankengänge ab. Aber immerhin können sie wie der Coca Cola-Spruch dazu inspirieren. Abermals kam mir ein Zitat des Schriftstellers Hans Blüher in den Sinn (sinngemäß, finde es nicht mehr schwarz auf weiß): „Nur sehr seltene Menschen haben die Größe, das Verbrecherische in sich zu erkennen“. Christlich konditioniert gehören dunkle Träume nach-paradiesischer Zustände in die „pfui-pfui!“-Schublade. Es ist sowohl tabu destruktive Phantasien („Phantasie“, die Zwillingsschwester der Tagträumerei) in ausgeführte Handlungen umzusetzen, als auch den dunklen Gedankengang zu pflegen. Auch ich bin dagegen, schon aus Selbstschutz, da dunkle Gedanken Lebenszeit beanspruchen, die damit nicht mehr für schön und lustvoll Erlebtes (wenn auch nur in Gedanken) zur Verfügung steht. Man soll sich ja nur Substanzen hoher, vitaler Qualität einverleiben. Hat Costa Cordalis, Gott hab ihn selig, übrigens auch gewusst. Schlechte Energie sollte nicht durch Aufmerksamkeit geehrt werden. Das haben die Verursacher dieser dunklen Befindlichkeiten nicht verdient. Zu viel der Ehre. Aber sich einzugestehen, dass ein schmerzhafter Dorn in einem steckt, der auf zermürbende Art irgendwann auch Gefühle von Zorn verursacht, so dass man den Schmerz mit der Wurzel ausreißen möchte, auch gewaltsam, weil man es anders noch nicht geschafft hat, das einzugestehen, finde ich respektabel, ja mutig, weil man nur sehr selten dafür plakatives Verständnis ernten wird. In Zeiten der Mode-Weltanschauung Buddhismus wird einem zusätzlich mit schlimmen Karmapunkten gedroht. Ich halte nicht die andere Wange hin. Ich vergebe auch nicht, wenn Reue Fehlanzeige ist. Dann ist die liebevolle Bilanz nicht ausgeglichen.

Die Notiz „Meine Qualitäts-Kalauer-Arroganz“ bezieht sich auf die Erkenntnis, dass ich jedem, ob er es hören will oder nicht, mitteile, dass ich Kalauer hasse. Wenn ich mir aber den einen oder anderen Eintrag von mir anschaue, muss ich feststellen, dass mir kalauerende Gedanken und Einträge unterlaufen, die mir offenbar nicht zu blöd sind. Ich mache manchmal gerne Quatsch, also nun keine Streiche spielen, aber albern herumphantasieren. Gestern zum Beispiel berichtete ich stolz von der Eröffnung meiner – jetzt hätte ich fast geschrieben „Karma-Boutique“ (auch schön) – meiner „Kaftan-Boutique“. Also nur für’s Protokoll: ja, ich habe vorgestern mehrere Kaftane angeboten und auch Käuferinnen gefunden. Wir haben eben „Kaftan-Boutique“ gespielt. Wie man als Kind Doktor-Spiele gemacht hat. Warum ich dann einen ganzen Eintrag über ein albernes Spielchen (wobei echte Kaftane und echtes Geld im Spiel waren!) schreibe, das kaum einer, außer den beteiligten oder eingeweihten Damen nachvollziehen kann, wissen die Götter. Wahrscheinlich hat es mir gerade am nötigen Ernst gemangelt. Ich entschuldige mich dafür. Ich wollte Ihre Lebenszeit nicht damit vertun, unsinnige Mitteilungen zu lesen. Was ich tatsächlich gar nicht (mehr) mag, sind überbordende, vermeintlich kreative Wortspielereien. Ich liebe es, wenn jemand auf mich packende Weise Dinge mit bekannten und geläufigen Worten ausdrückt. Das ist eine ganz große Kunst. Wortspielereien sind schon arg Achtziger. „Friseur Hairlich“, „Unzumut-Bar“ etcetera. Wenn ein Kalauer öffentlich dargeboten wird, sollte für meine Ansprüche ein derart exorbitantes Amusement-Potenzial vorhanden sein, dass man sogar dann lachen muss, wenn man sich fest vorgenommen hat, keine Albernheiten zu tolerieren.

Zur Notiz „Literarische Befangenheit“ kann ich erklären, dass mir aktuell bei mir auffällt, dass ich gerne hier ein wenig detaillierter über gewisse Begegnungen berichten würde, mich aber nicht so recht traue, weil ich mir unsicher bin, ob ich diese Einträge dem Betroffenen gegenüber auf Dauer unter den Teppich kehren kann. Schade, da der Unterhaltungswert recht gut wäre. Also nur exclusives Material für Freundinnen-Gespräche. Wenn die nicht wären…! Man müsste ersticken. Sind nicht mal schlimme Sachen, aber dass ich hier überhaupt schon das Eine oder Andere geäußert habe – ohne dass der Betroffene davon Kenntnis hat, ist mir auf Dauer ein bißchen unangenehm. Die Einträge rücken ja irgendwann so weit nach hinten, dass bei Entdeckung von meinen kleinen Reportagen die Lust rückwärts zu blättern, irgendwann aufhört. Den Begriff „literarisch“ habe ich nur mangels eines passenderen Adjektivs benutzt. Ich sehe mich nicht als angehende Literatin, träume auch nicht von Romanveröffentlichungen oder dergleichen. Ich schreibe zur reinen Erholung, Spaß an der Freud. Erfundene Geschichten interessieren mich auch eher nicht. Ich liebe Autobiographisches. Die Wunderwelten der Realität!

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