Nun besitze ich ein goldenes Notizbuch. Oft bin ich darum herumgeschlichen, wenn ich nach einem Museumsbesuch durch den zugehörigen Shop schlenderte, und überwiegend niemals etwas kaufte. Dieses herrliche Relief vom Goldhut, eine Pracht. Auf der Abbildung kann man es erahnen (die blaue Bauchbinde ist nur Verpackung). Aber was hätte ich denn bloß hineinschreiben sollen? Lange schon beschrifte ich keine Papierseiten in Kladden mehr mit meinen urpersönlichsten Befindlichkeiten. Was hat man nicht alles hineingeschrieben in die Dinger. Jeden Kummer, den man auf dem Herzen hatte, jede tolle Begegnung, jede Langweiligkeit. Man wusste ja, dass es ein diskreter, verschwiegener Zuhörer ist, dem man seinen Herzschmerz überlassen kann. Oder ein Gefühl der kompletten Orientierungslosigkeit. Aber auch Hass, tiefe Enttäuschung, Wut, Alles! Aber dieses Alles wollte ich nun schon jahrelang nicht mehr verewigen. Das Grauen nicht noch zelebrieren und auf ein Podest heben. Zu viel der Ehre. Am vergangenen Freitag habe ich es nun doch gekauft, das goldene Büchlein. In der Alten Nationalgalerie hat man mich kurz vor Schluss, ein paar Minuten vor Sechs noch reingelassen, weil ich versprach, wirklich nur das Notizbuch kaufen zu wollen, ich wüsste sogar genau, wo es liegt. Gesagt, getan.

Hineingeschrieben habe ich auch schon einiges. Aber es wird kein Tagebuch sein, kein Schmerzensbuch! Ich notiere eher kurze Stichpunkte von Merkwürdigkeiten, die mir begegnen. Also echte Merkwürdigkeiten aus meiner Sicht. Sachen, die man nicht in den anderen Blogs lesen wird. Quasi exclusives Material! Ich habe vor, diese exclusiven Merkwürdigkeiten in lockerer Folge meinen drei Lesern darzulegen. Natürlich stark ausgeschmückt. Wobei ausgeschmückt nicht bedeutet, mit Zierrat versehen, den die Merkwürdigkeit nicht sowieso an sich hatte, sondern detailgenau berichtet. Eventuell fange ich schon morgen damit an. Es hat sich schon ein bißchen was angesammelt, nicht dass es dann so viel wird, dass mir die Lust vergeht, es abzuarbeiten. Clark hat übrigens eine Freundin, wie er heute beiläufig eingeflochten hat. Diese Anmerkung verstehen jetzt aber nur ganz aufmerksame Leserinnen.

12 Antworten auf „12. Juni 2019

  1. Ich besitze eine große Sammlung von Notizbüchern, auch goldenen, weil ich meist kaum an denen vorbeigehen kann. Aber es gibt eine ganze Menge mehr, was man mit ihnen anfangen kann, als ihnen nur unschöne Gefühle anzuvertrauen. Dankbarkeitstagebücher sind zum Beispiel sehr beliebt. Man kann auch kluge Sprüche oder neue Erkenntnisse notieren. In ein Wohlfühltagebuch trage ich zum Beispiel alles ein, was mir gut tut und was ich vielleicht wieder vergessen könnte, gerade wenn es mir nicht so gut geht. In meinem kreativen Tagebuch sammle ich alle meine Ideen für neue Projekte oder auch neue Erkenntnisse zu Materialien usw. Aus einem Notizbuch habe ich einen Farbindex für meine Zeichen- und Malmaterialien gemacht, inklusive Nagellack und Lidschatten. Ein weiteres Notizbuch dient kosmetischen Rezepten und Zusammenstellungen von ätherischen Ölen. In mein Yoga-Tagebuch kommen meine Beobachtungen über Fortschritte und Besonderheiten beim Workout, bzw. meine Überlegungen und Pläne diesbezüglich. Nicht zu vergessen meine Tanzkladden, inzwischen vier – drei für die Choreos und eine als „Schrittsammlung“. Im Dezember hatte ich mir außerdem einen eigenen Fünf-Jahres-Planer entworfen und fertiggestellt, mit dem ich viel besser klarkomme als mit irgendwelchen Kalendern, die ich nie benutze. Manchmal finde ich ja auch, das ist vielleicht ein bißchen viel, aber ich liebe sie alle. ;-))

  2. Eine sehr gute Frage, ob Lois ihn nun doch rumgekriegt hat. Wobei ich gar nicht weiß, ob sie den Beruf noch ausübt, Clark hat ja auch zur Physiotherapie übergewechselt. Er hat nur von „meine Freundin“ gesprochen, und zwar im Zusammenhang mit einer Entschuldigung. Ich hatte ihm einen Besuch im Museum Barberini in Potsdam ans Herz gelegt, Woraufhin er sofort Pläne für das Pfingstwochenende schmiedete: „Dann weiß ich ja jetzt, was ICH am Wochenende mache!“ Gestern dann die Entschuldigung mit der Formulierung „ich habe es doch nicht geschafft! Meine Freundin und ich wir sind dann doch irgendwie zuhause hängen geblieben“. Womöglich wohnt man sogar bereits zusammen. Als hätte ich ihn ins Museum geschickt! Jedenfalls ist diese Sache nun geklärt! In meinem Notizbuch stehen auch noch ein paar Positionen, die mit Clark zu tun haben. Er ist allgemein recht gesprächig!

  3. @Zucker: ich muss sagen, ich bin stark beeindruckt. Es scheint sich hier um eine Enzyklopädie von Notizbüchern zu handeln, ja ich möchte sagen ein Lebenswerk! Toll.

  4. Ina Weisse
    Doris Lessing das goldene Notizbuch

    Gaga Nielsen
    das habe ich extra nicht erwähnt, ich habe das bejubelte Werk vor einem Vierteljahrhundert gekauft und mich unbeschreiblich gelangweilt, nie zu Ende gelesen. vor zehn Jahren oder so noch einen Anlauf genommen, wieder vor Langeweile eingeschlafen. Obwohl ich von Doris Lessing zwei (weniger dicke) Bücher mit Gewinn gelesen hatte: „Das Tagebuch der Jane Somers“ und „Die Liebesgeschichte der Jane Somers“. Deshalb die Vorschusslorbeeren auch von mir für das Goldene Notizbuch. In mein goldenes Notizbuch kommen keine langatmigen Langweiligkeiten! Alles kurz und knapp, stakkatomäßig. Notizen halt! Kleine Denkzettel im glamourösen Gewand.

    Ina Weisse
    In diesem Fall geht es mehr um die Hülle. Ich hab es vor Urzeiten auch gelesen und kaum Erinnerungen, aber die Idee eines goldenen Notizbuchs finde ich nach wie vor groß….

    Gaga Nielsen
    Meine Taschenbuchausgabe von Doris Lessings Goldenem Notizbuch ist mitnichten in Gold gebunden. Gab es etwa eine Hardcover-Ausgabe im goldenen Einband? Jedenfalls hat mein Büchlein sogar Goldschnitt, wie man es von alten Gesangsbüchern und Bibeln kennt. Entzückend. Und keine Linien, schöne blanke Seiten.

  5. Christoph M.
    und vom Brockhaus!

    Gaga Nielsen
    Das muss aber eine ganz exclusive Jubiläumsausgabe gewesen sein. Bei deinen Eltern? Meine haben auch den Brockhaus, von den Eltern mütterlicherseits geerbt, aber der hatte keinen Goldschnitt. Ich muss es wissen, ich habe täglich darin geblättert. Mit einem dunkelgrünen Leineneinband. Oft und gerne habe ich die Faksimile-Unterschriften der berühmtesten Persönlichkeiten geübt. Napoleon Bonapartes Unterschrift gefiel mir besonders gut! Neben der Unterschriften-Abmalerei war mein Favorit der Band mit dem Körper des Menschen, die Cellophan-Seiten, wo man die Organe übereinanderlegen konnte. Gruselig aber faszinierend!
    Kommst du aus einem reichen Elternhaus?

  6. Christoph M.
    Gaga, kein reiches Elternhaus, nicht mal vermögend. Aber gehobenes Bildungsbürgertum. Ich hatte ewig lange den roten Brockhaus meiner Großmutter aus den 60ern. Mit Goldschnitt!

    Gaga Nielsen
    und dann hast du dieses Erbe deiner seligen Großmutter ….verschenkt? Na gut, ich hätte jetzt auch auf Anhieb keinen angemessenen Platz für die 12 bis 20 dicken Bände. In der Tat ein Platzproblem. Man muss auch selber beizeiten darüber nachdenken, was man hinterlässt, und ob es überhaupt jemand haben will und auch Platz dafür hat. Ein großes Thema, mit dem wir uns alle in den kommenden Jahren beschäftigen müssen. Oder können. Doris Day hingegen hat sich zeitlebens geweigert, sich mit ihrem Nachlass zu beschäftigen, sie hat sich strikt dem ganzen Thema mit allem Drum und Dran versperrt, weil sie den Tod auf den Tod nicht ausstehen konnte! Daher auch keine Trauerfeier (jedenfalls keine, von der man weiß, so viel ich weiß). Irgendwie auch wieder sympathisch eigenwillig und konsequent. Ich mochte sie ja sowieso sehr.

  7. kid37 – 12. Jun, 21:50
    Immer wieder heißt es, man solle in Gold anlegen. Jetzt verstehe ich endlich, was damit eigentlich gemeint ist. So ist das natürlich tatsächlich eine gute Anlage. Bei dem Wetter in Berlin wäre dies aber auch ein Goldhelm.

    g a g a – 12. Jun, 23:30
    Ist die Wetter-Info über Berlin aus den irgendwas mit Medien oder aus erster Hand? Hier jedenfalls immer wieder toller Regen, herrlich. Meine blauen Hortensien in meiner kleinen Werkstatt haben nun gute Überlebenschancen, obwohl ich gestern nicht dort war. Die mögen ja ganz viel Wasser und eher ein schattiges Plätzchen, aber ich habe sie auf den dortigen Balkon mit Südwest-Sonne gepflanzt. Das verlangt mir nun viel Fürsorge ab. Aber bildschön!

    Die Hinwendung zum Gold ist auch den reiferen Jahren geschuldet. Man lernt die wahren Werte zu schätzen!

  8. P.S. zum Brockhaus: meine Eltern haben die Ausgabe aus den Fünfziger Jahren, hier eine Seite, die sich wissenschaftlich mit den verschiedenen Auflagen beschäftigt. Hier die Seite zur Ausgabe aus den Fünfzigern:
    https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/Der-Grosse-Brockhaus-16-Auflage/
    Und das ist wohl dann die Auflage von deiner Oma:
    https://www.lexikon-und-enzyklopaedie.de/na/Brockhaus-Enzyklopaedie-17-Auflage/Brockhaus-Enzyklopaedie-17-Auflage-Halbleder-20-Baende.html

  9. Christoph M.
    Gaga, als die Zeit gekommen, da ich zwischen einer größeren Wohnung und Ausmisten entscheiden musste, war ich mit dem Brockhaus bei diversen Antiquariaten. Man hat mir nur immer emotionslos den Weg zum nächsten Altpapiercontainer gewiesen. Und diesen Weg ist der Vielbändige samt Sonderausgaben dann auch schweren Herzens gegangen.

    Gaga Nielsen
    ist sicher in sehr großer Menge in der Welt vorhanden, aber Bücher wegschmeißen ist schon schade, wenn es nicht inhaltlich totaler Schrott ist. Man könnte die Bücher auch in einem Obdachlosenasyl oder so aussetzen oder auf einer lauschigen Parkbank, dann blättert wenigstens nochmal jemand amüsiert darin. wir haben hier ja auch den Trend, Bücherkisten in Durchgängen oder Hinterhöfen oder so für den allgemeinen Zugriff zu präsentieren. So lange es nicht totaler Müll mit ekligen alten Klamotten ist, finde ich das durchaus angenehm. Habe mir mal in so einem Durchgang in der Joachimstraße einen kleinen Matisse-Bildband herausgefischt, ganz schöne Ausgabe.

  10. kid37 – 16. Jun, 18:40
    Ich dachte gegen die vermeldeten Sturzfluten wäre das ein abriebfester Schutz. In Wien habe ich eine Frau mit einem goldfarbenen Farhradhelm gesehen, das paßt auch ganz gut in diese Stadt.

    Gaga Nielsen
    Goldener Fahrradhelm wäre eigentlich auch noch ein denkbarer Neuzugang fürs weltweite Wiener Werbesortiment mit Klimt-Ornament.

    Ich stelle mir reliefartig die göttlichen Dreiecke des Gewandes der goldenen Adele mit dem Auge drin vor. Eventuell abgesetzt mit etwas Lapis. Aber schon Blattgold bittschön!

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