ich habe schon ein paar mal Leute nah an mich herangelassen, wenn ich das Kleid trug, ans hinten am Halsauschnitt eingenähte Etikett, die wissen wollten, wo ich es herhabe. Ich kann mir den Namen nicht merken. Ein langer Name. So wird man natürlich keine Einflusserin. Ich hätte auch Angst davor, dass auf einmal jeden Tag Kartons mit Klamotten an meiner Wohnungstür landen, die mir vielleicht gar nicht gefallen, und mit denen ich dann ein total zufällig wirkendes Bild für instagram machen müsste. Die sind ja rund um die Uhr beschäftigt, die jungen Frauen und Männer, die sich für die instagram-Prostitution entschieden haben. Es gibt mittlerweile auch schon einige Fälle von „Social Media Burn out„, wundert mich gar nicht. Kein freier Tag mehr, immer Bilder raushauen müssen, die so etwas besonderes an sich haben, dass es unter Abertausenden Bildern von anderen, die dasselbe Geschäft betreiben, heraussticht. Perfektes Make up, perfektes Licht, perfekter Hintergrund, perfekte Laune, perfekte Attitude. Wer Menschen fotografiert, weiß dass es nicht so ruckzuck mit dem ersten Bild erledigt ist, wie wenn man Architektur einfängt oder eine statische Landschaft. Und wenn das Bild dann endlich im digitalen Bauchladen zur Verfügung steht, müssen die Follower gepflegt und gebauchpinselt werden, die haben ja auch was am Start, was Aufmerksamkeit braucht. Dann kommt irgendwann der Moment, wo das, was als schöne kreative Freizeitbeschäftigung anfing, zum lästigen Zwang wird. Als ich vor vierzehn Jahren mit dem Bloggen und demzufolge auch Bilder hochzuladen begann, machten das alle in meinem virtuellen Umfeld just for fun, kein Text wies auf irgendein Produkt hin. Ein, zwei Jahre später hörte man dann von vereinzelten Angeboten, für Geld zu bloggen, für ein bestimmtes Event wie die Fußball WM oder irgendwas mit Autos. Manche machten das dann, und das waren dann in hundert Prozent der Fälle langweilige Blogeinträge, weil man die uninspirierte Absicht in jedem Text spürte, und es auch thematisch nichts hergab, was einen emotional ansprach. Daher kam bei mir nie Neid auf bezahlte Blogger auf. Dann verliert man irgendwann die Lust an dem, was einem einst Herzensanliegen war und sich impulsiv als Teil des ganz persönlichen Lebens entwickelte. Wenn ich nun diese Abertausende von Influencern sehe, die sich auch als Blogger bezeichnen bzw. allgemein so bezeichnet werden, diese Umkehrung des Begriffs von jemandem, der Texte mit einem Anliegen und Bildillustration ins Internet schreibt, zu hysterischen Produktvermarktern mit Bildunterschrift und nahendem Burnout Syndrom, habe ich den Eindruck, dass ich nicht die schlechtere Wahl getroffen habe, indem ich unverändert ohne Zugzwang immer noch nur dann schreibe und fotografiere, wenn ich Lust habe, ohne Kartons im Flur mit Klamotten, die abfotografiert werden müssen. Und dem Luxus der Marken-Demenz. Wobei ich kein Problem habe, Ross und Reiter zu nennen, wenn mich direkt jemand fragt, aber bestimmt nicht als Inhalt eines Blogeintrags. Was nicht bedeutet, dass ich etwa desinteressiert an Mode und Luxusprodukten wäre, aber die sind ja Mittel zum Zweck. Wenn mir im Straßenbild eine Klamotte auffällt, die ich gerne hätte, fange ich an zu googeln und gebe verschiedene Beschreibungen ein, bis ich fündig werde, manchmal finde ich dann auch etwas ähnliches. Aber mir stundenlang Seiten mit Modepüppchen anzuschauen, wäre mir zu langweilig. Das muss alles schnell gehen, damit ich viel Zeit dafür habe, derartige Gedankengänge festzuhalten. Und nun Kaffee. Marke wird nicht verraten. Was italienisches. Aus einem Kolonialwarenladen in Berlin.

18-05-25 Schultz... Paris B. (1)

5 Antworten auf „24. November 2018

  1. auch lesenswert:

    „(…) Bei Instagram und Twitter wird mit »good vibes only« um sich geworfen – bekannt. Küsschen links, Like rechts, alle haben sich lieb. (…) Wo Licht ist, ist auch Schatten (…) David und Goliath. Imperium und Republik. Himmel und Hölle. Tag und Nacht. Ebbe und Flut.

    Aus Angst vor schlechter Laune, negative vibes, verkrümeln wir uns hinter einer Utopie, die dem Realitätscheck nicht standhält. Wir wollen keine Aversion. Wir wollen Perfektion, eine schöne heile Welt. Nicht mit Happy End, sondern mit Happy Everything. Wir schrauben unsere Erwartungen an das Leben in schwindelerregende Höhen. Die Gefahr: Umgeben wir uns – z. B. in Social Media – nur mit Menschen, die uns »positive vibes only« vorspielen, ertappen wir uns dabei, wie wir uns fragen: Warum gibt es bei mir auch bad vibes? Was mache ich falsch?“

    http://janrein.de/good-vibes-only

  2. und das auch:

    „(…) Was ich besonders erschreckend fand: Eine vermeintlich erfolgreiche und glücklich wirkende Instagrammerin sagte mir mehrfach, sie leide an Social Media Burnout. Sie wiederholte es so oft, es wirkte wie ein Hilferuf. Ihr Feed hingegen spricht eine andere Sprache: Lachen, Achtsamkeit und Dankbarkeit, wohin man blickt.“

    „(…) Nicht alles von uns ›funktioniert‹ in sozialen Netzwerken; nicht jede Eigenart kann vermarktet werden; nicht alles will offengelegt sein. Es entstehen interne Zwänge. Willst du in einem sozialen Netzwerk funktionieren, musst du zu einem bestimmten Grad ein Verhalten erzwingen, das zur Plattform passt. Der Grad variiert je nach Persönlichkeit und ist wohl höher, je jünger die Person.

    Die Diskrepanz zwischen Persönlichkeit und äußeren Einflüssen und Erwartungen machen uns offline schon zu schaffen. Online, wo unser Handeln tausendfach gelobt und getadelt werden kann, multiplizieren sich die Auswirkungen auf unsere Psyche.

    Das führt dazu, dass man vermehrt das zeigt, was beim jeweiligen Zuschauerkreis gut ankommt. Einem Zuschauerkreis, den man zumeist gar nicht persönlich kennt. Übrig bleibt die Light-Version eines Menschen.“

    http://janrein.de/influencer-blues

  3. „(…) „Neurobiologische Studien zeigen, dass nichts das Motivationssystem so sehr aktiviert, wie von anderen gesehen und sozial anerkannt zu werden“, sagt Joachim Bauer, Medizinprofessor aus Freiburg, der seit Jahren den Wunsch nach Anerkennung erforscht. Schon bei einem freundlichen Blick oder Lob schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, neben Dopamin auch körpereigene Opiate und Oxytocin, was uns entspannt macht und Lebensfreude auslöst. Je stärker ein Signal der Zuneigung, desto mehr Botenstoffe werden freigesetzt – bei Liebe oder einem Orgasmus explodiert das Netzwerk förmlich. „Unser Gehirn giert nach Anerkennung“, erklärt Bauer. „Alles, was wir tun, steht im Dienste des tiefen Wunsches nach guten zwischenmenschlichen Beziehungen.““

    https://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/04/psychologie-soziale-anerkennung

  4. Ich achte bei allen Dingen, die ich gerne tue, daß es nicht zum Zwang wird. Vielleicht habe ich deshalb ein eher schlechtes Gefühl bei der Möglichkeit, ein Hobby zum Beruf zu machen. Dabei wird das doch immer so als das Gelbe vom Ei angepriesen. Irgendwie ist es wie ein instinktiver Schutz, den man dem angedeihen läßt, was einem Entspannung und Freude schenkt. Doch manchmal soll das mit Hobby und Beruf in einem ja auch funktionieren.

  5. wo es funktioniert, sind das entweder seltene Künstlerbiographien, wo jemand mit seinem ureigenen Werk von Glück beschienen zu Erfolg kommt, sei es in der Musik oder bildenden Kunst oder auch in einem Kunsthandwerk oder als Autor… wie auch immer. So sehr oft gibt es das aber nicht. Einige erfolgreiche Fotografen machen auch Werbefotografie, die meisten eigentlich, aber machen mehr Öffentlichkeitsarbeit für ihre künstlerisch ambitionierten Werke. Zum Beispiel Jim Rakete. Wenn man damit leben kann… Ich finde es angenehmer, wenn mein Gelderwerb nicht emotional besetzt ist, dann muss man zumindest in dem Bereich, wo das Herzblut hinfließt, keine Kompromisse machen.

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