»(…) Um ein Haar wäre ich in Koblenz ums Leben gekommen. Eine Hausangestellte hatte das Bedürfnis, mich »aufzuklären«, und sie umschrieb es nicht poetisch mit Bienchen und Blümchen, sondern so: Männer hätten einen Aal in der Hose, und der sei auf der Suche nach einer geeigneten Höhle, um hineinzuschlüpfen. Ich war angewidert. Was für eine ekelhafte Vorstellung. Um das Bild so schnell wie möglich zu verdrängen, stürzte ich mich in den Rhein. Wohlgemerkt: Ich war neun Jahre alt und hatte noch nicht einmal den »Freischwimmer«! Wie reißend die Strömung war, merkte ich erst, als ich in den Strudeln zwischen den Brückenpfeilern nach Luft schnappte. Zum Glück landete ich irgendwie am anderen Ufer, völlig erschöpft. Mir war kalt. Die Kleidung war klatschnass. Ich hatte keinen Groschen, um mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Also lief ich zu Fuß zurück. Meiner Mutter erzählte ich kein Wort.«

(Gabriele Henkel, „Die Zeit ist ein Augenblick“, S. 68)

Was für ein Bild. Neue Art des Lesens: bei Erwähnung realer Orte, Personen, Check im Internet, Bildersuche, Quellen. Das macht die Lektüre sehr plastisch und reichhaltig. Alleine wie ich gestern durch die Seiten des Pariser Hotels Meurice spaziert bin, die Badezimmer der Suiten… dieser phantastisch marmorierte Marmor. Oder das Lancaster, in der sehr schönen Marlene Dietrich-Suite steht ein Flügel. Dachte nach, ob die Wände Schallschutz haben, denn man könnte ja auf die Idee kommen, darauf zu spielen. Bei dem eingangs erwähnten Absatz erübrigt sich weiterführende Recherche. Das arme Kind, was für ein schlimmer Eindruck. Eine Lebensleistung, so etwas zu überwinden. Sie hat es wohl geschafft.

(mit zwei Händen getippt, es wird langsam)

2 Antworten auf „29. April 2019

  1. kid37 – 1. Mai, 22:46
    Sehr gut. Fortschritte, das vernehmen wir gern. Aale in Deutschland immer nur im Verbund mit „Blechtrommel“. Nicht so sympathische Tiere in allgemeiner Ansicht. Ich finde Reisen (oder vielleicht besser: Ortsvisitationen) im Internet auch immer anregend. Was es alles gibt! Orte, die mir versperrt bleiben werden z. B. Aber Gucken ist erlaubt.

    g a g a – 2. Mai, 03:00
    apropos Schlöndorff, die letzten sechs Stunden dreieinhalb mal seinen Film „Rückkehr nach Montauk“ geschaut, zuerst zufällig in die Sendung auf Arte geschaltet, dann nochmal aus der Mediathek. https://www.arte.tv/de/videos/067040-000-A/rueckkehr-nach-montauk Bei jedem Sehen andere Details wahrgenommen. Viele gute Sätze, Gedanken. Und auch ein Film kann zur weiteren Recherche animieren. In diesem Fall zuguterletzt diese Reportage über die wahre „Lynn“ aus Frischs Montauk gefunden, Alice. Auch lesenswert: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/mit-lynn-in-montauk-sie-wusste-wo-es-schoen-sein-wuerde-1637891.html

    Nina Hoss mochte ich sehr in dem Film, aber sowieso auch immer. Sie spielt so subtil, bewegend. Verstörend aber für mich die Besetzung der männlichen Hauptrolle, ja, gut gespielt, aber dieses Attraktivitätsgefälle ist schon arg. Ich konnte nicht hinschauen, als es intim wurde. Schlöndorff sagt über den Film, der ihm ein Herzensanliegen ist, dass er endlich mal „über sich“ einen Film machen wollte. Oha. Also wohl maximale Identifikation mit dem älteren Hauptprotagonisten. Einer, der viel unter den Teppich kehrt und die Dinge so hindreht, dass er ungeschoren davon kommt. Dabei sentimental und an sich nicht dumm. Und schöne und kluge Frauen anzieht, zu denen er nicht immer loyal ist. Da ist er wohl auch nicht der einzige.

  2. kid37 – 5. Mai, 00:46
    Ich bin nach einer halben Stunde ausgestiegen, obwohl der sicher seine Qualitäten hat. Mir war es zu… getragen. Aber das ist ja immer auch eine Frage des persönlichen Resonanzraums. Altmännerwerke haben öfter mal etwas Unangenehmes, will jetzt aber auch nicht in den Spiegel schauen.

    g a g a – 5. Mai, 05:23
    man muss wissen, dass ich nicht tatenlos vor dem Fernsehbildschirm war – während der Film ablief, tauchte ich den Pinsel in einen Farbtopf, damit der Flow nicht beeinträchtigt wird, habe ich den Film aus der Mediathek erneut ablaufen lassen, zumal ich den Anfang verpasst hatte. Ich streiche also zwei Bilderrahmen und lasse mich dabei berieseln und halte mitunter inne, wenn Bilder oder Dialoge auftauchen, die Resonanz auslösen. Die Figur, die Nina Hoss spielte, hat mich in der Tat sehr berührt. Resonanz, Déjà-Vu.

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