Aus meinem goldenen Notizbuch VII.

Notiz vom 17. Juni 2019:

„Hardenbergstr. Reisegruppe, ca. 30 Pers.,
Reiseleiter:„Bitte machen Sie Platz für die Dame!“
Einer aus der Gruppe:
„Du musst aber auch jede Gelegenheit zum Flirten wahrnehmen!“
(ich geschmeichelt)
Erinnerung an Platzangebot S-Bahn, britische Kindergruppe, kleiner Engländer steht auf f. mich!“

Oh ja, vorgestern am frühen Abend. Auf meinem Weg zur S-Bahn Zoologischer Garten, nimmt die oben erwähnte, deutsche Reisegruppe die ganze Breite des Gehweges der Hardenbergstraße ein, ich versuche mich links vorbeizudrücken, der Reiseleiter bittet tatsächlich mit diesen Worten „Bitte machen Sie Platz für die Dame!“ und ziemlich resolutem Tonfall darum, den Weg für mich freizumachen. Das bin ich überhaupt nicht gewohnt, ich dachte erst, hinter oder vor mir ist noch eine richtige „Dame“, aber da war nur ich. Also war ich für ihn die Dame! Toll. Obwohl ich weder Kostüm, noch Pumps, noch Merkel-Blazer trug. Ein feiner Zug. Der Tonfall und Gesichtsausdruck war allerdings überhaupt nicht flirtend, eher sachlich. Ich glaube, er wollte nur, dass seine Gruppe in der deutschen Hauptstadt nicht unangenehm auffällt. Aber der eine Herr aus der Gruppe scheint in solchen schlichten Hinweisen zu höflichem Verhalten eine Form von Annäherungsversuch zu sehen. Wahrscheinlich ist er derjenige, der immer zu einem Flirt aufgelegt ist. Jedenfalls bedeutete das für mich in der Konsequenz, dass ich schön viel Platz zum Durchlaufen hatte und man mich noch für ein potenzielles Opfer eines Annäherungsversuches halten könnte. Beruhigend.

Man hat ja gelernt, sich über kleine Dinge zu freuen, da die althergebrachten Gentleman-Gesten mehr oder weniger ausgestorben sind. Ich erwarte schon seit Jahren nicht mehr, dass mir ein junger, kräftiger Mann seinen Platz in der vollbesetzten S- oder U-Bahn anbietet. Eigentlich habe ich es noch nie erwartet, aber freuen täte es mich immer. Vor ca. drei Jahren hat mir ein junger Franzose mal seinen Platz in der S-Bahn angeboten, ich dachte, ich hätte mich verhört, aber er stand auch schon auf, bevor ich sagen konnte „Dankeschön“. Ich reagierte aber nicht gleich mit Hinsetzen, sondern schaute ihn erst etwas ungläubig an. Ich konnte mein Glück kaum fassen und hakte nochmal aktiv nach, ob das jetzt ernst gemeint sei. Er daraufhin lächelnd mit sehr charmantem französischen Akzent: „abär – es wäre unöflisch, ah?“ Ich nahm den Platz dankend an und fügte erklärend hinzu: „Das ist so ungewöhnlich… man kennt das gar nicht mehr…! Danke, vielen, vielen Dank!“ Die Blicke der umsitzenden und stehenden anderen Fahrgäste waren ebenfalls ungläubig. Perplex geradezu. Ein Erlebnis, das das Adjektiv merkwürdig ebenso verdient, wie das Platzmachen der Reisegruppe.

Und es muss doch wirklich Anfang Juni gewesen sein, ich hatte das goldene Notizbuch noch nicht, und es deshalb nicht notiert, dass mir nochmal ein Platz angeboten wurde. Diesmal von einem entzückenden englischen Schulbub. Wie ein kleiner Soldat ist er zackig aufgestanden, leichte Verbeugung in meine Richtung und schenkte mir seinen Platz. Ich war sehr gerührt. Ich habe nun nicht gerade geweint, aber es hätte nicht viel gefehlt. Geweint um die nachlässige Erziehung in puncto Höflichkeitsgesten in unserem Land. Und die vorbildliche Haltung der jungen Menschen in Frankreich und Großbritannien. Vive la France! God Save the Queen!

Eine Antwort auf „19. Juni 2019

  1. Christoph M.
    Du siehst so jung und fit aus. Da kommt man doch nicht auf die Idee, dir einen Platz anzubieten. Oder trägst du beide Arme getaped in Schlingen?

    Gaga Nielsen
    undenkbar, dass ein solcher Kommentar von einem Herren aus Frankreich oder Großbritannien käme! Das macht mich ein wenig traurig. Du bist doch so ein kultivierter Mann! Ich trage keinen Arm in der Schlinge und bin aktuell auch nicht getaped. Man könnte sagen, ich wirke geradezu unversehrt. Auch als der Bub aus England mir den Platz angeboten hat, sah man mir meine Armverletzung nicht an (es läuft kein Blut raus!)

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