Aus meinem goldenen Notizbuch IX.
Dritte merkwürdige Notiz vom 17. Juni 2019:

„Balkon, Nachbarin (Schierker) bittet um Erlaubnis für Insektenhotel! (na klar!)“

Versuche mich kürzer zu fassen, als bei der letzten episch erläuterten Notiz. Meine kleine Werkstatt hat einen Balkon, der eigentlich ein ungefähr 4 Meter langer Balkon war und bei der offenkundigen Trennung einer großen Wohnung zu zwei kleineren, auch getrennt wurde, durch ein halbhohes Mäuerchen und eine darauf befestigte Trennwand aus Eisen. Auf meiner Seite ist ein Anstrich in einem Farbton zwischen Beige und Elfenbein. Der Rest des Balkons ist allerdings Blau-Weiß-Türkis, das Auge erblickt marokkanisch und portugiesisch gemusterte Fliesen und Kacheln, zwei verschnörkelte Eisengartenstühle in altweiß und blauweiße Blumenbepflanzung, Hortensien, Lavendel, Männertreu, Rosmarin, ein Oleander, der aber noch nicht blüht. Ein blauweiß geringelter kleiner Sonnenschirm.

Als ich am Abend des siebzehnten Juni nach der Tanz-Episode bei Rewe eine Weile herumgewurstelt habe, ich saß gerade auf einem Bodenkissen und malte was an, höre ich Klopfzeichen. Die Balkontür stand auf. Klopf, klopf, dann Rufen: „hallo, hallo? Sind sie da?“ Ich saß in meinem bekleckerten Shirt mit dem Pinsel in der Hand da und habe erst mal nicht reagiert. Ich bin ja nicht so ein kommunikativer Typ, wenn ich meine Ruhe haben will. Einige Nachbarinnen habe ich schon getroffen in den letzten siebzehn Jahren, aber manche auch noch gar nicht. Die Balkon-Nachbarin gehört zu denen, die ich noch nie gesehen habe. Aber nun sah ich sie, denn ein Kopf kam plötzlich hinter der Trennwand hervor, sie beugte sich weit vor und rief noch mal. Sie konnte mich sehen, auf dem Boden sitzend, mit dem Pinsel in der Hand! Also musste ich reagieren, ich stand auf und rechnete schon damit, dass mir nun irgendeine Beschwerde unterbreitet wird, irgendetwas soll ich bestimmt unterlassen. Vielleicht einmal zu laut Musik gehört? Aber sie lächelte sehr nett. Ein kurzhaariger blonder Kopf, ca. Ende Fünfzig. Und nun fing sie an zu sprechen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte Ihnen etwas zeigen. Weil Sie es ja vielleicht stören könnte, farblich… also… ich möchte gerne ein Insektenhotel aufhängen, und das steht dann ja so drüber, aber Sie können das gerne anmalen. Wissen Sie, die Natur hat es doch so schwer in der Stadt, und deswegen möchte ich etwas dafür tun, dass die Insekten, die immer weniger werden und auch nützlich sind, wieder zurückkommen. Schauen Sie mal.“

Und zeigt mir so ein Holzhäuschen, so ein flaches, mit mehreren Fächern für Bienen und Marienkäfer. Oben dran so Stahlaufhänger, die dann bei mir drüberstehen würden, aber scheiß drauf, die mal ich dann halt an. Habe ich ihr auch mitgeteilt. Ich habe ihr mehrfach versichert, dass ich dem Insektenhotel meinen Segen gebe und das alles wirklich überhaupt kein Problem für mich ist! Sie war wahnsinnig erleichtert, eine Urberlinerin, ich habe es genau gehört, und eine mit ganz viel Herz. Wie könnte ich da Nein sagen, zu ihrem kleinen Insektenhotel. Hat mich gerührt. Auch, dass sie so eine Wahrnehmung für meine ästhetischen Bedürfnisse hatte. Solche Nachbarn kann man sich nur wünschen. Sie wohnt da mit einem Mann, der hat aber einen anderen Namen. Wie er aussieht, weiß ich nicht. Aber bestimmt auch ein netter Mensch. Seit gestern hängt das kleine Insektenhotel, ich hab die Aufhänger übergepinselt, alles gut.

4 Antworten auf „24. Juni 2019

  1. Die Bewohner sind schon ein bißchen mit Bedacht von unserem (auch sehr) netten Vermieter ausgewählt. Bleiben auch alle ewig lange im Haus wohnen. Lassen sich gegenseitig in Ruhe, aber grüßen nett und auch zum kurzen Pläuschchen aufgelegt. Einmal war ich an der Haustür unten, suche den Schlüssel, kommt eine Mitbewohnerin, die ich auch nicht kannte, Frau in meinem Alter ungefähr, guckt mich interessiert an – das war, als ich nach Jahren wieder regelmäßig in meine Werkstatt fuhr, im letzten September – und meint zu mir: „Sag mal, bist du….? Du bist doch die Fotografin, unsere Fotografin!“ Ich war sehr irritiert, weil ich mich nie zum Fotografieren dort hinbegeben habe, auch dieses sehr familiäre „unsere…“ war merkwürdig. Deswegen antwortete ich, dass ich hier hauptsächlich male, wenn ich auch früher viel fotografiert habe. Sie insistierte aber, dass ich doch „unsere Fotografin“ sei! Ich großes Fragezeichen im Gesicht – sie weiter: „na bei Rosa! Du hast uns doch bei Rosa fotografiert!“ Ich: Rosa? Rosa von Praunheim?“ Sie: „ja! Na klar! Ich war auch da!“ Oh Gott, sie kam mir gar nicht bekannt vor. Das war vor zehn Jahren, daheim bei Rosa von Praunheim, in seiner Charlottenburger Wohnung. Da waren etwa zwanzig bis dreißig Leute, unter anderem Elfie Mikesch und andere aus Rosas langjähriger Filmerei. Und meine Nachbarin lektoriert also Rosas Bücher und hat ihre Wohnung über meiner Werkstatt. Dass diese einmalige Begegnung bei ihr zu so einem familiären „unsere Fotografin“ geführt hat, fand ich auch rührend. Sie hat dann zum gelegentlichen Kaffee eingeladen. Hab ich noch nicht wahrgenommen, ist aber ein angenehmes nachbarschaftliches Grundgefühl.

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