Der Rabe

Ich habe ihn vorgestern Jan überlassen

er wird gut auf ihn aufpassen


Was aus der Hellebarde wurde, gestern Nachmittag in meinem Atelier verewigt. Blattgold, dc-fix, Gesso, Spachtel, Spiegelmosaik.

13.07.2020 – Jan Sobottka besucht Gaga Nielsen in ihrem Atelier



Gaga Jawlensky. In meinem ordentlichen Haushalt findet sich alles, auch ein zwanzig Jahre alter Bodypainting-Malkasten aus dem Hause Kryolan. Ohne die Vorgabe des Jawlensky-Selbstportraits von 1912 hätte ich bestimmt keine unkoordinierten bunten Kleckse auf mein Gesicht gemalt, dafür bin ich viel zu strukturiert. Als ich vor zwei Jahrzehnten damit herumexperimentierte, war immer klare Linienführung vorhanden. Aber ich musste mich auch in diesem Fall streng an die Vorlage der Postkarte halten. Jawlensky begleitet mich seit etwa vierzig Jahren in Form des Miniaturbildes des blauen Kopfes, auch aus dem Jahr 1912, das mir als Briefmarke in die Hände fiel. Die Post hat die Marke 1974 herausgebracht und ich fand sie so bemerkenswert, dass ich mit der Handsäge aus der Kellerwerkstatt meines Vaters und einer Leiste von einem kaputten Rahmen einen Miniaturrahmen zusammenschusterte. Die dilettantische Gehrung kann fast schon als Beweis gelten. So lange habe ich also einen Jawlensky in meinem Haushalt.


Die Farbe wieder vom Gesicht zu bekommen, war fast so langwierig, wie die Malerei davor. Interessant, dass die Summe aller Farbpigmente beim Abwischen ein schönes Grau ergab. Deshalb ist Grau auch ein beliebter Hintergrund für Bilder, es korrespondiert fast immer mit den Farben eines Bildes. In meinem Fundus hätte ich auch noch eine Perücke mit einem blonden Pagenkopf, wenn mir da jemand mal eine Postkarte schicken wollen würde? ich bin bereit für die nächste Postkarten-Challenge. Lustig wäre auch, wenn ich nun mehrere Zuschriften mit Motiven von blonden Köpfen bekommen würde und die Perücke mehrfach verwenden. Sie sieht an mir ziemlich bescheuert aus, aber ich würde versuchen, etwas draus zu machen.




Tagebuch, Januar 1990. Farbumkehrung für eine Illustration der März-Ausgabe 2006 „mindesthaltbar„, ein Wiener Online Magazin, das später ein Jahrbuch veröffentlichte. Leider keine Online-Präsenz mehr, alle Spuren verwischt. Aber ich habe zwei Exemplare des Jahrbuchs aufbewahrt, in dem mein Bild „Evolution“ ganzseitig abgedruckt war. Solche Spuren von Materialisierung freuen mich. Umso mehr, weil sie nur durch sogenannte Zufälle entstanden sind. Ich bin nicht der Typ, der sich bewirbt und wedelt, um zum Zuge zu kommen. Weder beruflich, noch privat. Ich mache, was ich machen muss, aus Trieb, aus Spieltrieb, auch aus dem Wunsch mich abzulenken, etwas für mich persönlich Sinnstiftendes in meiner Lebensspanne zu machen.
Aus einem mir nicht erklärbaren Grund, habe ich eine besondere Neigung und Liebe zu Materialisierung meiner Gefühle in Form von Sichtbarem. Je älter ich werde, umso klarer wird mir dieser ganz extrem ausgeprägte Drang. Ich finde es rückblickend selbst geradezu mysteriös und auch ein wenig verwunderlich, dass ich so viele Jahre vor mich hinwerkelte, ohne es offensiv öffentlich zu machen. Jedenfalls nicht so offenkundig wie das Fotografieren. Wobei Letzteres ja nach digitaler Sichtbarkeit schreit. Ich war somit eine Weile ganz dem Zeitgeist verhaftet. Was die Malerei angeht, die einige Jahre im Dornröschenschlaf war, hatte ich wohl schon recht früh ein Bewusstsein dafür, dass es mir nicht leicht fällt, mich von meinen Werken, den Originalen zu trennen. Also kann der Weg nur im Bereich der Vervielfältigung, professioneller Reproduktion sein. Und genau da arbeite ich mich jetzt ein.

In gold’nen Abendschein getauchet,
Wie feierlich die Wälder stehn
In leise Stimmen der Vöglein hauchet
Des Abendwindes leises Weh’n.
Was lispeln die Winde, die Vögelein?
Sie lispeln die Welt in Schlummer ein.
Ihr Wünsche, die ihr stets euch reget
Im Herzen sonder Rast und Ruh
Du Sehnen, das die Brust beweget,
Wann ruhest du, wann schlummerst du?
Beim Lispeln der Winde, der Vögelein,
Ihr sehnenden Wünsche, wann schlaft ihr ein?
Was kommt gezogen auf Traumesflügeln?
Was weht mich an so bang, so hold?
Es kommt gezogen von fernen Hügeln,
Es kommt auf bebendem Sonnengold.
Wohl lispeln die Winde, die Vögelein,
Das Sehnen, das Sehnen, es schläft nicht ein.
Ach, wenn nicht mehr in gold’ne Fernen
Mein Geist auf Traumgefieder eilt,
Nicht mehr an ewig fernen Sternen
Mit sehnendem Blick mein Auge weilt;
Dann lispeln die Winde, die Vögelein
Mit meinem Sehnen mein Leben ein.
Friedrich Rückert, Gestillte Sehnsucht, 1841
[ Bild: Traumwächter v. Gaga Nielsen, Sept. 2000 ]
Tagebuch, 2. März 1987 (A 4)

Ich lese gerade die Munkey Diaries von Jane Birkin. In Tagebüchern offenbart(e) man die Abgründe und Fehlschläge, die man in der virtuellen Welt eher ausspart. Man hat diskret und deshalb vertrauensvoll sein Herz ausgeschüttet, es nicht breit getreten und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zur Ansicht und Verhandlung feil geboten. Das ist der Unterschied zwischen einem wirklich privaten und virtuell für alle zugänglichen Tagebuch. Was Birkin teilt, liegt weit in der Vergangenheit. Sie schrieb seit ihrem 11. Lebensjahr Tagebuch, wie ich. Als ihre erwachsene erste Tochter sich vor wenigen Jahren das Leben nahm, konnte sie nichts mehr schreiben.
Birkin erzählt von ihren Sehnsüchten in Beziehungen, die sie geführt hat. Bin gerade bei der ersten zu John Barry, mit dem sie ihre erste Tochter Kate hatte und der ihr nicht gerecht werden konnte, so sehr war er von seiner Karriere als Komponist absorbiert. Sie leidete etwas unbeschäftigt und eingestanden eifersüchtig vor sich hin, verzehrte sich körperlich neben einem Mann, der sich einfach zur Seite drehte. Sie hat ihn nach zwei Jahren mit ihrer kleinen Tochter verlassen, nachdem er ihr den Todesstoß gab in Form der Aussage „wir sind an dem Punkt, wo sich unsere Wege trennen sollten“.
So hat auch eine schöne Elfe aus privilegierten Verhältnissen ihr Päckchen zu tragen. Man denkt ja immer, alles, aber auch alles wäre besser und schöner und leichter bei Erfolgsbiographien, Lichtgestalten, von Liebe getragen. Nicht immer. Aber Serge war wohl ein anderes Kaliber. Bin gespannt. Immerhin hat sie ihm ihren Plüsch-Affen in den Sarg gelegt, damit er auf Serge aufpasst. Der Affe, an den sie im Alter von elf Jahren ihre Geheimnisse ins Tagebuch zu schreiben begann.
Die Geheimnisse meiner letzten siebzehn Jahre gibt es in keinem privaten Tagebuch, sie sind nur in meinem Herzen und Gedächtnis verewigt. Kein Blatt Papier wurde damit beschrieben. Kein Blogeintrag. Und wenn, nur sehr andeutungsweise.
AMAZONIEN

Nov. 2003, Acryl auf Leinwand, 120 x 150 cm, Staatl. Museen v. Gaganien
Das dritte Bild, das im Herbst 2003 in meinem Berliner Atelier in der Schierker Straße entstanden ist. Vor meinem Einzug habe ich auch gemalt, in meiner Wohnung, zuletzt auch auf ein paar Leinwände, aber dann bemerkte ich die Einschränkung, was die mögliche Größe anbelangt, immer deutlicher, und die vielen Vorkehrungsmaßnahmen, um den Boden und die Wände vor Farbspritzern zu schützen, wurden mir zunehmend lästig. So war das. Der Holzboden in meinem Atelier ist aber auch nicht verkleckert, weil ich ihn schütze oder Farbspritzer schnell wegwische, Er hält schon was aus. Früher hat mich Amazonien etwas beschäftigt, jetzt eigentlich nicht mehr. Auch schon nicht mehr, als ich das Bild gemalt habe. Aber bestimmt habe ich die archaische Formsprache der alten Kulturen von Lateinamerika im Blut. Wie sie da hineingekommen ist, wissen nur die Götter.
EVOLUTION

Februar 2006, Acryl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Staatl. Museen v. Gaganien
Ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der das Wort Evolution im aktiven Alltagswortschatz hat, aus eigener Initiative benutzt. Die Evolution der Menschheit beschäftigt mich schon lange und immer wieder. Ich scanne die Welt nach Indizien dafür und werde auch fündig. Eigentlich ganz leicht, aber es gibt auch Gegenbewegungen, die aber langfristig verlieren werden. Das hat mit Intelligenz zu tun. Das intelligentere System setzt sich auf Dauer durch. Man muss Geduld haben, das sind subtile, nicht plakative Entwicklungen. Davon bin ich überzeugt. Ich spüre es und man kann es auch leicht analysieren, wenn man sich auf eine höhere Ebene begibt und zurückschaut, in der Zeit, das letzte Jahrhundert, fünfzig Jahre zurück, ist bereits ausreichend. Dieses vierzehn Jahre alte Bild bringt mir in Erinnerung, dass es mich damals schon beschäftigt hat. Aber nicht bewusst, während ich es gemalt habe, vielleicht aber unbewusst. In Selbstvergessenheit, wie beim Malen, geschehen geheimnisvolle Dinge. So wie beim Träumen. Schon sehr Alpha der Zustand – also meiner…
Ich bitte meine Leserinnen und Leser mir hier ein bis fünf persönliche Lieblingstiere zu nennen. Eventuell nehme ich sie in den Zoo von Gaganien auf (sehr großer Auslauf und endlose, saftige Weiden sowie riesige Steppen, kein Elektrozaun, kein Gitter).
PAPILLON

Batist, Kordel, Bambus, Libelle, Acryl, Leinwand, 100 x 71, Juni/Juli 2020, Staatl. Museen v. Gaganien Irina u. B.B. gewidmet.
Ich habe mich gegen dieses Tier gewehrt, diese Kreatur, dieses Wesen aus der Ordnung der Lepidoptera. Und man fragt sich warum nur. Weil Schmetterlinge als ernst zu nehmendes Motiv verbrannt sind. Auf Kitschpostkarten, als Nippes auf einem Holzspieß für den Blumentopf, als dekoratives Frühlings- und Sommersymbol für den kleinen Geldbeutel. Tatsächlich sollte aber nicht die mittelmäßige Interpretation eines Symbols, eines Motivs davon abhalten, eine darüber erhabene Spezies der Ordnung Lepidoptera zu züchten oder wenigstens zuzulassen. Dieses geflügelte Wesen war stärker als meine erlernte Zensur. Jetzt, wo es auf der Welt ist, verstehe ich, dass es so gedrängt hat, das Licht der Welt zu erblicken und möchte es um Entschuldigung bitten.
„(…) Groß sind selbst die kleinsten Dinge, löst Du sie vom Alltag frei. Auch der Rost an der Messerklinge und der kleinen fliegenden Ameise Schwinge reden laut vom Weltenfleiße. Tat bei Tat schafft Blatt bei Blatt. Singt im Busch die kleinste Meise, kommt die Sehnsucht ins Geleise, Sehnsucht, die ein gläsern Auge und ein hinkend Holzbein hat.„
Max Dauthendey, Schatten der Schmetterlinge, aus der Sammlung Lieder der Vergänglichkeit
Die Widmung für Irina und B.B. auf der Rückseite ist mit Bedacht gewählt und aus vollem Herzen. Dieses Wesen ist für mich fast ein Portrait von Irina, meiner verstorbenen Freundin. Bevor ich wusste, was sie für Bilder malt, hätte ich gedacht, dass es Bilder sein müssten, die eine Ausstrahlung haben, wie sie selbst. Wäre dieser Papillon nicht von mir, ich hätte ihn gesehen und hätte gedacht, er ist vielleicht von Irina. Aber sie hat ganz andere Wesen gemalt, ich habe mich geirrt. Und dennoch sehe ich die Verwandtschaft. B. B. hat für mich eine ganz ähnliche Ausstrahlung, es ist auch ein Portrait von B. B., nicht weil sie den Tieren so verbunden ist. Es ist ihre Aura. Ich muss das nicht erklären, für mich ist es so und nicht verhandelbar. Vielleicht mache ich davon eine Postkarte und schicke sie ihr nach La Madrague. Ich glaube, das ist eine gute Idee. An Irina schicke ich die Postkarte hiermit. Geht ganz nach oben, auf Deine lila Wolke im ich-weiß-nicht-wievielten Himmel.


Otto Mueller, Liebespaar, 1917/1919
Auf der Rückseite der Karte steht geschrieben „diese Karte ist nicht fürs Blog gedacht, sondern einfach nur zu Deiner Erbauung, weil ich weiß, dass du den Maler magst.“ Das kann man wirklich sagen. Und ganz besonders dieses Bild von ihm. Der Hinweis „nicht fürs Blog“ ist für mich zu lesen als: das Motiv ist nicht als herausforderndes Motiv für meine Serie zu begreifen, wo ich versuche, empfangene Karten nachzuempfinden. Muellers Liebespaar könnte ich in der Tat nicht angemessen umsetzen, es würde immer jemand fehlen. Sie hat einen Ehrenplatz bekommen. Die Karte steckt in einem alten ziselierten, marokkanischen Messingspiegel über meinem Waschbecken, wofür eine andere schöne Karte weichen musste. Das Motiv dieser Karte ist mir das liebste von allen Karten, die ich bisher empfangen habe.


26. Juni 2020
Liebste Gaga,
der Name Josef Engelhart sagte mir nix, dabei gehörte er neben Klimt und anderen zu den Mitbegründern der Wiener Secession. Als die sich gute acht Jahre später in die Wolle bekamen – Klimt trat mit einigen anderen Künstlern aus – führte Engelhart die konservative Gruppe an (er hatte vorher schon die Orga usw. erledigt). Engelhart hatte von seiner Frau auch verlangt, dass sie ihre künstlerischen Ambitionen nach der Hochzeit aufgibt. Sehr unsympathisch, gelinde gesagt.
Liebste Grüße
* * *





Wie ist das denn passiert. Dabei war ich gestern zur Stunde der Aufnahmen doch leicht verkatert. Ich war bis um halbvier in der Nacht im Tarantinos, einer fast komplett gästefreien Bar in Mitte. Eine sehr schöne Bar. ich sah Lydia nach vielen, vielen Monaten zum ersten mal wieder. Vorher waren wir vor einer anderen Lokalität, dem Griffin, innen auch sehr schön, aber wir waren draußen, da war es nicht ganz so anheimelnd, aber es war warm an dem Abend, sehr warm. Es zog nichts nach drinnen.
Zwischen den beiden Barbesuchen irrten wir ein wenig herum und ich glaube, ich wirkte etwas zickig und divenhaft, das war mir unangenehm bewusst, aber ich konnte es nicht abstellen, weil mir meine Lebenszeit immer so kostbar ist, und ich jede Minute meiner Freizeit nur an den schönsten Orten verbringen will. Schwamm drüber! Als wir gegen Dreivierteleins im Tarantinos landeten, hab ich die Kurve gekriegt und sogar übermütig und wie selbstverständlich geraucht, was sicher auch nicht zu meinem Wohlbefinden am Tag darauf beitrug. Aber man hat sich einmal wieder leibhaftig gesehen und ausgiebig ausgetauscht!
An diesem leicht verkaterten Sonntag hatte ich schon wieder zwei Postkarten in der Schleife, die es abzuarbeiten galt! Eine davon, die hier gezeigte. Ich hatte sie schon am Tag davor erhalten und mir den Kopf zerbrochen, wie ich diesen grünen Hintergrund imitieren könnte. In meinem Haushalt gibt es kein einziges Stückchen Stoff in Lindgrün, keine Tischdecke, kein Halstuch, kein Geschirrtuch, nichts. Nur khakigrün hier und da, ein paar T-Shirts, eine Hose, ein Strand-Frotteetuch in einem eher lehmfarbenen Khaki-Ton. Nicht flirrend zart. Dann fiel mein Blick durch die Balkontür, da war doch Grün, richtiges, echtes, junges Grün! Und dieser kleine Klapptisch, ebenfalls n einem zarten Grünton. Nun noch ein weißes Nachthemd. Gibt es nicht in meiner Wohnung (auch keine andersfarbigen, ich brauche keine Anziehsachen im Bett). Dann eben ein weißes Betttuch. Gibt es auch nicht in meiner Wohnung, nur in meiner Werkstatt, aber auch nicht so halbtransparent und licht. Immerhin fand ich einen weißen Baumwollschal mit Fransen, ein längeres Tuch, das ich eigentlich nie trage, aber sorgsam aufgehoben habe. Nun war seine Stunde gekommen.
Ich wickelte mich also irgendwie in das Tuch und hielt die Arme hoch. In der einen Hand ja wieder die Kamera. Ich habe mich längst von dem sehr sportlichen Plan verabschiedet, Postkarten-Posen exakt nachstellen zu wollen, da ich nur eine Hand frei habe. Das kam also diesmal dabei raus, erstaunlich viele Bilder, die ich gar nicht wegschmeißen wollte. Ich sehe gar nicht so verkatert aus, wie ich war. Schon deswegen muss ich die Bilder aufheben. So etwas gibt mir Auftrieb, weil man sich ja manchmal richtig gut fühlt und dann sein Spiegelbild erwischt und nicht ganz so gut und frisch aussieht, wie man erwartet hat. Das Leben hält doch immer wieder Überraschungen bereit. Den Einfallwinkel muss ich mir merken. Indirektes Licht von der Nordseite!




Ein sehr schönes Gespräch zwischen Charlotte Rampling und Isabella Rossellini, vor fünf Jahren von VARIETY in Hollywood initiiert. Rampling, Jahrgang 46, war damals neunundsechzig, Rossellini, Jahrgang 52, dreiundsechzig Jahre alt. Ich bin völlig hingerissen von Isabellas Ausstrahlung und der Ähnlichkeit mit ihrer Mama Ingrid Bergman. Sie hat so einen Glow, wie man so sagt, den man immer schwangeren Frauen und jungen Bräuten attestiert. Den Glow gibt es auch im reiferen Alter ohne Schwangerschaft und Brautkleid, sehr beruhigend. Rampling ist daneben eher interessant, aber nicht so ein massiver Hingucker. Sie erzählen sich interessante Sachen, z. B. warum sie lieber in Europa Filme drehen, als in Hollywood, und das mitten in Hollywood. Isabella erwähnt auch, dass ihre Mutter Ingrid Bergman sie immer wieder ermutigt hat, mal eines der Filmangebote wahrzunehmen, die Isabella zu Model-Zeiten immer wieder angetragen wurden, und die sie immer wieder ablehnte, weil sie den Vergleich mit ihrer Mutter scheute.

Auch aus dem Jahr der Libellenkönigin, „RISING“, 83 x 59 cm, 2002, gerissene Papierfragmente auf Papier und Karton. Es hängt seit achtzehn Jahren in einem goldenen Rahmen in meiner Wohnung und ich möchte es nicht missen. Ich sehe ein Wesen, das Viele(s) in sich vereint. Nicht Mensch, nicht Tier, nicht Elfe, nicht Engel. Einfach alles. Das innere Wesen, die Seele vielleicht. Es steigt nach oben, Richtung Sonne, in eine Welt voller Licht, goldener Wärme und Leichtigkeit. Aber das sieht man ja. Man muss es nicht erklären, nicht wahr? Es ist auch in meiner Wohnung entstanden, ich saß im Schneidersitz auf dem Teppich, hier in meinem Adlerhorst unterm Dach. Damals gab es mein Atelier im Süden von Berlin noch nicht, ich habe es erst im Jahr darauf angemietet. Das Wesen hat seinen Geburtsort noch nie verlassen. Aber mit achtzehn ist man ja volljährig und darf raus ins Internet.
SOLEIL | Blattgold, Sushistäbchen, Bambusstöckchen, Woksieb, Kabelhalter, Dübel, Versandrohr, Stoff, Fragmente, 120 x 60, 2020
Gestern eingefangen, Sommersonnenwende, Zufall. Immer fällt etwas zu einem. Man muss es auffangen. Manche sind besser im Fangen. Ich kann das gut, aber nur im übertragenen Sinn. Geschosse lassen mich eher wegducken. Das Spiel mit Materie in Verbindung mit Tempo, das man Sport nennt, ist ein anderes Spiel, nicht meines. Immer wieder fällt mir auf, dass ich meine Umgebung wie ein Materiallager betrachte, egal wo ich bin. Ich sehe, scanne, sortiere in Gedanken aus. Was schon Sinn ergibt und in sich vollendet ist, kann so bleiben, die Überbleibsel halte ich gegen das Licht und prüfe das Material und die Silhouette. Dann fängt es meist mit zwei Materialien oder Teilen an. Und so fügt sich eines zum anderen. Ich habe immer den Ehrgeiz, möglichst keine Bauteile zu kaufen, meist ist es nur Farbe, Zement, Klebstoff, Spachtel, Blattgold und Anlegemilch, mein alchemistischer Werkzeugkasten. Alles andere ist schon da, es fällt mir immer irgendwie zu. Aus etwa Profanem etwas Erhabenes zu zaubern, ist mein liebster Sport, da habe ich olympischen Ehrgeiz und bestimmt auch ganz gute Chancen auf das Treppchen.








Minerva („Pallas“) und der Kentaur 1482 – 1483, 207 x 148 cm, Sandro Botticelli , geb. 1. März 1445 in Florenz; † 1510

Aus meiner gestrigen E-Mail an die Absenderin der Karte: „Es war leider nicht möglich, gleichzeitig die Hellebarde zu halten, einen Kopf am Schopf zu packen und gleichzeitig eine Kamera zu bedienen (hab kein Stativ in der Wohnung, sind alle im Atelier) und keinen Fernauslöser… so hab ich Zitate aus dem Motiv fabriziert. Den Kentaur wollte ich mit meinem Stofftierlöwen nachspielen, aber das kam nicht so überzeugend rüber.“
Es handelt sich hier also nicht um historische „Making of“-Lichtbilder aus dem Atelier in Florenz von Sandro Botticelli, aus den Jahren 1482 oder 1483, sondern Aufnahmen von gestern in Berlin. Nun kann man es übertrieben finden, dass ich mir eine Hellebarde baue, nur weil eine Postkarte mit einer Hellebarde ins Haus geflattert kommt. Aber ich halte dagegen: Spaß muß sein! Außerdem faszinierte mich schon allein das Wort „Hellebarde“ und auch die Silhouette. Eine weitere Verwendung fällt mir jetzt nicht ein, aber ich fahre später in mein Atelier und es reizt mich, noch ein bißchen Verschönerungsarbeit an ihr zu vollbringen, dann erkläre ich das Dings einfach zur Skulptur.
Zuweilen stelle ich es mir unterhaltsam vor, wenn andere auch mitspielen würden, und sich gegenseitig Postkarten schicken und mit sich selbst nachbauen. In der Tradition der Aktion vom Museum of Modern Art, wo aufgerufen wurde, zum Corona-Lockdown daheim berühmte Gemälde mit Haushaltsgegenständen nachzuspielen, eine sehr schöne Aktion. Aber da ich ja nur ein Privatblog ohne Kooperationen betreibe, fehlt mir da die Reichweite, um so ein Internetbaby in die Welt zu setzen. Ich werde jedenfalls weiter fleißig jede Postkartenherausforderung annehmen.
Es grüßt
Minerva





Überschrift einer gmx-Meldung:
ANGRIFF MIT RELIGIÖSEM MOTIV
Vor meinem geistigen Auge ein zur Waffe umfunktioniertes Heiligenbild, eine silberbeschlagene, russische Ikone mit dem Abbild der hl. Mutter Maria, Größe DIN A 4. Ikonen werden ja überwiegend auf Holz gemalt, die versilberte Blechverzierung gibt dann noch zusätzlich Stabilität beim Zuschlagen. Auch den spirituellen Nebeneffekt finde ich spannend, die symbolische Bedeutung, diese Vermählung der physischen und spirituellen Ebene in einer einzigen Handlung.
Braucht man eigentlich einen Schulabschluss, um für gmx redaktionell tätig zu werden?

Die Libellenkönigin ist auf dem Weg zu Alban, zu Cosima, zu Ina, zu Jan, zu Jenny, zu Maria, zu Phyllis und zu Timo. Bin gespannt, ob der Flug geglückt ist. Ich hoffe, die Post berechnet die Reisegarderobe der Libellenkönigin nicht extra. Sie hat ein transparentes Cape gewählt, um ihr Kleid zu schützen. Ich musste es extra maßschneidern, obwohl es nur für die Reise gedacht ist. Wenn die Post die Karte trotzdem mit Postkartenporto zustellt, bin ich sehr zufrieden mit der Deutschen Post und werde sie weiter empfehlen! Auf jeder Karte steht eine ganz persönliche Botschaft. Bei Empfang möchte die Libellenkönigin bitte ausgezogen werden.



Am Dienstag war ich im Biergarten. Neben mir sitzt Ina, das Foto hat Maria gemacht! Es war sehr schön. Eigentlich waren auf dem Foto noch mehr Leute, aber aus datenschutzrechtlichen Gründen habe ich sie weggeschnitten. Also andere Biergartengäste, und rechts von uns, so leicht nach hinten versetzt, Leute mit Instrumenten. Musikinstrumenten. Zwei Gitarren, eine Bass-Ukulele und so ein Percussionsdings, was man so schüttelt. Hat ausgesehen wie eine reife Orange. Die Musiker haben sich zufällig im Biergarten getroffen und dann ein, zwei Lieder gesungen, die man kannte, und wo man gerne mitgesungen hat. Ich glaube der Sänger war vom Berlin Beat Club, wenn ich mich nicht irre, und der eine Gitarrist spielt in der Band von Frau Kroymann. Dazu gesellte sich eine Gabi von den Gabys mit einer putzigen Bass-Ukulele. Den anderen Gitarrist, Hans hieß er wohl, hat man auch schon in der einen oder anderen Band spielen hören, es hat doch recht gut geklappt für das erste mal. Aber vielleicht haben sie ja auch schon mal zusammen gespielt, bei irgendeiner Gelegenheit. Die kennen sich ja alle untereinander, diese Berliner Musiker, nicht wahr.
Sehr überraschend war die strenge Einhaltung des Abstandes der Tische im Biergarten. Ich schätze zwischen zwei und zweieinhalb Meter, teilweise sogar drei Meter. Das hat man schon anders gesehen. Auf den Tischplatten waren QR-Codes, da konnte jeder Gast sich einscannen und damit registrieren, dass er am Dienstag an einem bestimmten Tisch gesessen hat. Alles sehr vorbildlich. Die anderen Gäste waren auch verblüfft, wir unterhielten uns darüber, und sind zum Schluss gekommen, dass das Rickenbackers, ein Live-Musikclub, vielleicht besonders aufs Korn genommen wird, da man eventuell unterstellt, dass es dort nicht so genau genommen wird mit den Vorschriften. Musiker sind ja so ein lockeres Völkchen und die zugehörigen Gäste eines solchen Lokals nicht minder.
Mit gebührlichem Abstand wurde Jever getrunken und Schnitzel gegessen. Ich war als erste da, Maria kam ein bißchen später, und Ina noch ein bißchen später, Da waren wir mit unserem Schnitzel schon fertig und konnten uns auf das Mitsingen von zwei bekannten Liedern einstimmen. Es ist schon schön und lustig, mit ein paar anderen Menschen unter offenem Himmel den Refrain von Smoke on the Water zu singen, so mitten im alten Westen von Berlin, direkt an der Bundesallee. Sommerlich war der Abend. Man hat jetzt eine ganz andere Vorfreude auf richtige Konzerte, wenn sie denn einmal wieder stattfinden.


Noch ein kleines Tier, ganz groß, vom Oktober 2002. „Libellenkönigin“, papiers collées, 83 x 60 cm. Staatl. Museen von Gaganien. Wer mag, kriegt eine Postkarte davon. Ich weiß schon, dass es sich hier um eine noch nicht so allgemein bekannte Libellenart handelt, deswegen wollte sie wohl unbedingt von mir portraitiert werden. Mit den Tieren aus Gaganien ist es genau wie bei einer echten Tiergeburt, man hat schon ungefähr eine Vorstellung, was es für ein Tierkind wird, aber wie es genau aussieht, weiß man erst nach der Geburt, wenn fertig geschlüpft. Eben wie in der Natur!
Ich widme das heutige Tierkind dem Geburtstagskind Cosima.
Wir leben doch nicht mehr auf dem Baum.
Boris Becker

Gestern war ich zum ersten mal seit Ende Februar wieder verabredet und gleich todesmutig in einem Restaurant, nämlich der guten alten Paris Bar. Ina hatte ich zuletzt einen Tag vor Silvester getroffen, über sechs Monate, schon arg lange, im Vergleich zur Dichte unserer Verabredungen in den vergangenen Jahren. Wir bekamen den sehr schönen Tisch rechts von der Eingangstür, in der lauschigen Ecke am Fenster, mit der gepolsterten Bank, wo ein imposantes Foto von Michel Würthle als Papst steht, und der, wie gewohnt, als fester Teil des Interieurs auch persönlich da war. Zu ihm erzählte ich Ina, die schon näher mit ihm zu tun hatte, eine lustige Beobachtung, die sie noch nicht kannte.
Eine jüngere Autorin hat ein Buch über Ingrid Wiener verfasst, eine aus Wien stammende autodidaktische Köchin und Web*künstlerin, die im Berlin der Siebziger und Achtziger Jahre viel Erfolg mit dem Restaurant Exil hatte, in dem u. a. auch Michel und ihr Mann Oskar Wiener zur festen Truppe gehörten. Das von den Dreien gegründete und bewirtschaftete Lokal am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, wurde zum beliebtesten und kultigsten Berliner Prominenten- und Künstlertreff, ähnlich wie später die Paris Bar. Im Zuge der Recherche traf die junge Autorin nun verschiedene Weggefährten aus dem ehemaligen Dunstkreis von Ingrid Wiener (übrigens die Stiefmutter von Sarah Wiener), somit also auch unseren guten Michel.
Wenn man ein bißchen über Michel Würthle recherchiert, findet man eine ganze Reihe Zeitungsartikel und Interviews über ihn, und ab und zu wird beiläufig erwähnt, dass er daheim, in seinem malerischen Kreuzberger Künstleruniversum über dem ehemaligen Exil, üblicherweise Nescafé, also mit heißem Wasser aufgegossenen Instantkaffee trinkt, den er auch Gästen anbietet. Was natürlich ein wenig überrascht, weil man ihm als hochkultivierten Bon Vivant doch anheimstellen wollen würde, dass nur beste Kaffeebohnen mit speziellen Röstverfahren aus professionellen, italienischen Traditionskaffeemaschinen in die Kaffeetasse kommen. Oder doch wenigstens Kaffeehausklassiker- oder gar -spezialitäten aus der Wiener Heimat. Ein schöner Einspänner vielleicht. Ein „Kaffee Maria Theresia“ womöglich gar.
Nun hatte auch Ina bereits mehrfach Gelegenheit, seine heimische Kaffeetradition zu studieren und konnte bis dato keine Abweichung vom erwähnten Instantkaffeepulver beobachten. Wer sich schon mal Nescafépulver aufgegossen hat, wird bestätigen, dass das Getränk zwar Koffein beeinhalten mag und eine braune Farbe hat, aber unverkennbar anders als frisch gebrühter Bohnenkaffee schmeckt. Es ist eben ein Getränk mit einem ganz eigenen Aroma.
In das Buch, dessen Titel mir gerade entfallen ist, hat die junge Autorin auch ein Danksagungskapitel eingearbeitet, wo sie sich neben vielen Anderen auch bei Michel für die schönen Treffen bei ihm daheim und vor allem den SEHR GUTEN KAFFEE MIT DER KARDAMOM-NOTE bedankt. Ich befragte Ina, ob sie es für möglich hielte, dass er in der jüngeren Zeit eine spezielle Rezeptur und etwas raffiniertere Kaffee-Kultur entwickelt haben könnte. Immerhin ist der Zusatz von Kardamom zum Kaffeepulver im Libanon sehr verbreitet. Und man ist ja auch in fortgeschrittenem Alter mitunter noch neugierig und experimentierfreudig. Warum nicht bei der Kaffeezubereitung. Ina musste sehr lachen.
Also wir saßen sehr gut, um solcherlei Gespräche zu führen und hatten sogar den Eindruck, dass die Tische mit dem größeren Abstand geradezu ideal stehen. Zu früheren Zeiten war es schon sehr dicht an dicht, und immer eine gewisse Gefahr, beim Aufstehen die Gäste am Nachbartisch anzurempeln. Wenn es mit den enger gestellten Tischen auch schneller vertraulich wird, und die Unterhaltung vom Nachbartisch gerne mal launig übergreift. Was auch Schönes hat. Aber gestern waren wir uns erst einmal genug. Es gab viel zu erzählen,
Wir hatten beide richtig Hunger und Lust auf das Entrecôte mit Frites und Béchamel und grünen Bohnen. Ausnahmsweise trank ich mal keinen Wein, sondern zwei Königs Pilsener, die dort klassisch in vernünftigen Gläsern serviert werden. Da bin ich ja empfindlich. Diese Unkultur aus einer Bierflasche zu nuckeln, ohne sich akut im Rippenunterhemd auf einer Baustelle zu befinden, ist mir befremdlich, um nicht zu sagen, es stößt mich ab. Da bin ich sehr altmodisch und konservativ. Wir wurden gut umsorgt gestern, es war angenehm. Ich werde immer empfindlicher, was die Qualität offener Weine in Lokalen angeht, und eine ganze Flasche von einem richtig guten Wein bestellen, kommt einem oft so teuer vor, obwohl es dann unterm Strich nicht mehr kostet, als sechs einzeln bestellte Gläser.
Aus dem Augenwinkel sah ich Wolfgang Joop nach draußen in die späte Abendsonne treten, er wirkt jetzt im höheren Alter vom Blick her altersmilde, verglichen mit früher, irgendwie weicher. Ein Buch von ihm, sein letztes, „Die einzig mögliche Zeit“, liegt seit Monaten auf meinem kleinen Stapel ungelesener Bücher. Ich mag seine Schreibe sehr.
Ina wollte mich eigentlich unbedingt gerne heimfahren, aber als wir gerade beim Aufbruch waren, stand plötzlich ihr Vertrauter und mir auch Bekannter an unserem Tisch und hatte sich ruckzuck auch schon einen Grünen Veltliner bestellt und lächelte uns gesellig an. Ich war jedoch schon etwas bettschwer und räumte gerne den Platz für eine weitere Runde der beiden. Ich wäre die Letzte, die jemanden zum Aufbrechen nötigt, wir sind ja nicht verheiratet. Mir sind eher Leute suspekt, die wegen ihrer gewohnten Schlafenszeit vor Mitternacht eine gesellige Runde verlassen. Aber das ist ja alles typbedingt und individuell. War eher untypisch für mich, dass ich gestern schon um halbzwölf in Stimmung war, heimzufahren.
Mit der S-Bahn habe ich eine unkomplizierte Verbindung von dieser Ecke in Charlottenburg zu mir heim nach Mitte. Vom Bahnhof Zoo direkt durchfahren bis zum Hackeschen Markt, elf Minuten Fahrzeit. Kann man nicht meckern. Fotos wurden gestern nicht gemacht, ich habe aber zwei alte Aufnahmen gefunden, auf denen ich anhabe, was ich gestern auch anhatte, das Fransenoberteil und ein Mäntelchen mit gewebten Ozelotmuster. Fotos von früher eben, 16. September 2015 und 3. Juni 2016. Zweimal anziehen ist okay.

*)„Web“ wie Webstuhl

Die Ankündigung dieser nun wirklich bildschönen, arglosen Postkarte hat vor wenigen Tagen einen Anflug von Panik bei mir ausgelöst. In einer E-Mail wurde mir wörtlich mitgeteilt: „Es ist Post an Dich unterwegs“. Nun ist „Post“ ja ein dehnbarer Begriff.

Da in den letzten Monaten zwischen der Absenderin und mir mehrere Postkarten, und zwar AUSSCHLIEßLICH Postkarten hin- und hergeschickt wurden, bastelte meine Phantasie aus dem Begriff „Post“ eine Sendung, die von einer Postkarte abweichen könnte, und im schlimmsten, aller- allerschlimmsten aller Fälle ein Päckchen sein könnte, das nicht in meinen Briefkasten passt. Dieses Szenario ist für mich ein echtes Problem. Ich bin sehr interessiert zu vermeiden, dass Päckchen an meine Privatadresse geschickt werden, weil ich – sofern ich überhaupt tagsüber da bin, was unwahrscheinlich ist – sehr ungern meine Wohnungstür öffne, wenn jemand klingelt, mit dem ich mich nicht verabredet habe. So ungern, dass ich es tatsächlich niemals mache, außer, die Feuerwehr würde an meine Tür hämmern, weil die Hütte brennt oder unter Wasser steht. Postzusteller neigen dann fast ausnahmslos dazu, bei Nachbarn zu klingeln, um ein Päckchen oder Paket loszuwerden.
Meine nicht zu kleine Sozialphobie lässt mich den gesamten Vorgang, bei Nachbarn klingeln zu müssen, die mit privater Post für mich behelligt wurden, als eine superstressige Situation empfinden. Obwohl es nette Nachbarn sind, aber ich bin nicht mit ihnen befreundet. Mir ist das geradezu peinlich, auch wenn die Post selbst ganz unpeinlich ist. Ich möchte die Leute nicht in ihrer Privatsphäre mit solchen Handreichungen beeinträchtigen, so wenig, wie ich Päckchen für andere entgegennehmen möchte. Selbiges gilt auch für meine Werkstattadresse.
Auch möchte ich aber nicht zu einem Postamt gehen müssen, um ein Päckchen abzuholen, das empfinde ich als sehr umständlich und zeitraubend. In meiner gestörten, leicht psychopathischen (Asperger-?) Welt, gibt es kaum einen Päckcheninhalt, der so wünschenswert wäre, dass ich mich dieser Situation aussetzen wollte. Dann würde ich ein Päckchen noch lieber bei einer Packstation auf meinem Weg abholen, aber auch das ungern. Es sind halt alles Umwege, die ich nicht eingeplant habe oder nicht einplanen will.
Deswegen wünsche ich mir von allen lieben Menschen und Freunden bitte keine Päckchen, aber bitte immer wieder gerne eine kleine Postkarte. Nun werden sich einige fragen, ob ich denn niemals nicht im Internet Sachen bestelle. Diese Frage kann ich ganz klar mit „doch, doch, dauernd und nicht zu knapp“ beantworten. Zum Beispiel maßangefertigte Bilderrahmen. Aber die lasse ich an eine ganz bestimmte, streng geheime Poststelle schicken, wo die Mitarbeiter informiert sind, und die kriegen schon genug Päckchen, die ich selbst verursacht habe, das würde ich gerne eher reduzieren als ausweiten.
Ich muss das einfach einmal für alle hier kommunizieren, weil ich sonst noch einmal jemanden enttäuschen muss, wie neulich Jenny, die mir, liebreizend wie sie ist, etwas Gutes tun wollte. Aber ich freu mich total, das zurückgegangene Päckchen bald von ihr persönlich zu bekommen. Es tut mir echt leid, dass sie es nicht mehr umlenken konnte… Ich habe ja neulich zu allem Überfluss auch noch meinen Namen (nach dem Schlüsseldiebstahl) vom Klingelschild entfernt, jetzt findet mich ein Paketbote gar nicht mehr, sicher ist sicher! Nur unser Briefträger kennt meinen Briefkasten im Haus und bringt mir so schöne Postkarten wie diese hier.
Ich war also unglaublich erleichtert, dass es nur eine Postkarte war, die an mich geschickt wurde, noch dazu eine so schöne. Aber dann hatte ich wieder Stress! Gestern Abend war ich nicht in meinem Atelier, weil ich mich lustlos fühlte, da ich gerade an einer Skulptur arbeite, vor deren weiterer Bearbeitung ich mich seit zwei Tagen drücke, da dies langweilige, feinmotorische Arbeitsschritte erfordert, die eigentlich jeder machen könnte, der Routine im Blattvergolden hat. Es muss auf mehrere Schlangenlinien an einer Säule penibel genau an den Linienkanten Anlegemilch aufgepinselt werden und dann das Blattgold draufgelegt. Ich kann das im Schlaf, aber es ist so langweilig. Ein elendes Gefummel. Ich hätte da gerne einen Assistenten, der das für mich macht und ich segne dann das (bitteschön perfekte) Ergebnis ab.
Kollidiert allerdings auch wieder mit meiner Sozialphobie. Ich möchte keine Mitarbeiter in meiner Werkstatt haben. Also nur theoretisch, aber nicht praktisch. Ein Dilemma. Also warte ich nun, bis ich mal wieder Lust auf so ein Gefrickel habe, eventuell am Freitag oder Samstag oder Sonntagabend unter Drogen (Alkohol).
Somit habe ich mich gestern auch darum gedrückt. Und dann komme ich gegen Halbacht heim, und da wartet diese sehr schöne Karte im Postkasten. Der nächste Stress war vorprogrammiert, da ich mir mit hoher (um nicht zu sagen hysterischer) Disziplin zur Aufgabe gemacht habe, immer möglichst flink ein auf das Motiv abgestimmte Foto vom Empfang der Karte (mit mir selber) zu machen. Also musste ich, anstatt faul herumzuliegen, möglichst noch bei Tageslicht Fotos machen. Jedoch im ersten Schritt muss das korrespondierende Outfit im Kleiderschrank und in der Schmuckschatulle gefunden werden. Und in diesem speziellen Fall musste ich auch noch umfrisiert werden! Oh je. Danach war mir gar nicht! Ich fühlte mich auch nicht sehr fotogen gestern, setzte mich aber dennoch der Chose aus, da ich die Sache auch sportlich sehe, und aufgeschoben wäre ja nicht aufgehoben.
Es zeichnete sich gestern Abend bereits ab, dass ich heute keine Zeit für eine Fotosession und den ganzen Klimbim finden würde. Ich bin nämlich heute Abend zum Essen verarbredet, zum ersten mal nach vielen Monaten. Also habe ich noch gestern geguckt, ob ich ein goldenes Halscollier finde und die Frisur halbwegs hinbekomme. Ich fand tatsächlich zwei goldene Glitzercolliers und ein paar Klamotten, die farblich passten.

Nur die vorschriftsmäßige Frisur gefiel mir nicht sonderlich an mir. Ich fand, ich sehe wie eine alte Jungfer aus, und dass die Frisur einfach alt macht! Deswegen habe ich von den schnell gemachten Fotos fast alle wieder gelöscht. Und das was man hier sieht, ist nun übrig geblieben. Ich habe mir gestern gar nicht gefallen, aber drücken gilt nicht. Deshalb nun hier der vorschriftsmäßige Eintrag zur gestrigen Postkarte, für die ich mich abermals sehr bedanke und die zum Glück kein Päckchen war!!! Tausend Dank dafür!

Mumienporträt einer Frau, zweites Jahrhundert nach Christus, Holz, bemalt, Prinz Johann Georg-Sammlung des Kunsthistorischen Instituts Mainz
Ich habe Blutgruppe A Rhesus negativ. Welche habt ihr?
„Aus der Sitzung des Senats am 9. Juni 2020:
Der Senat hat in seiner heutigen Sitzung auf Vorlage der Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kalayci, Änderungen der SARS-CoV-2-Eindammungsmaßnahmenverordnung beschlossen. Hierdurch wird die Begrenzung der Öffnungszeit für Gaststätten, Spielhallen und ähnliche Gewerbebetriebe auf 23:00 Uhr aufgehoben, mit Wirkung ab dem 10. Juni 2020. Damit ist der Senat einer Vorgabe des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg gefolgt.“
Ich übersetze: ab morgen, Mittwoch, keine Sperrstunde mehr in Berlin für Restaurants, Bars, Kneipen! Da könnte ich mich ja eventuell mal wieder verabreden!
Darf ich vorstellen: WINNIE von der VENUS.

Winnie ist über Pfingsten auf die Erde gekommen und hat beschlossen, erst mal zu bleiben, weil es sehr interessant hier erscheint. Wir haben uns gleich gut verstanden und ich habe meine kleine Werkstatt zum Übernachten angeboten. Winnie ist nicht Junge oder Mädchen, sondern Alles. In fortgeschrittenen Zivilisationen ist die Evolution schon viel weiter und es gibt keine Begrenzungen mehr. Man kann alles sein und haben, was man will. Das hat mir Winnie heute erzählt, als wir die Fotos gemacht haben. Ich hoffe, Winnie bleibt noch ein bißchen und erzählt mir noch mehr von dem schönen Leben auf der Venus.













Heute entbiete ich meine Geburtstagsgrüße an eine liebe Freundin, die ich seit vielen Jahren vom Bloggen und gegenseitigen Kommentieren kenne, aber auch schon einmal (viel zu lang ist’s her) persönlich getroffen habe. Was mich damals sehr überrascht hat, angenehm überrascht hat. Aus irgendeinem Grund hatte ich sie mir mit kürzeren dunklen Haaren und herben Gesichtszügen vorgestellt, sowie eher knabenhaft. Vom Wesen her mir zwar zugeneigt, aber eventuell etwas sperrig, nicht komplett zugänglich. Nichts davon traf zu. Im verabredeten Café begrüßte mich sehr herzlich ein heiteres, helles, und unkompliziert wirkendes Wesen, das mich im Verlauf des Tages äußerlich immer mal wieder an eine sehr berühmte Filmdiva mit Vornamen Greta erinnerte. Wir hatten einen sehr schönen Tag in Berlin, damals. Nach dem Cafébesuch landeten wir in meinem Atelier, wo wir auch Fotos machten, und auf dem Balkon Tee aus alten Sammeltassen tranken. Dazu gab es ganz edles Gebäck, das sie mitgebracht hatte. Damals war der kleine Balkon noch nicht ganz so schön, wie heute mit den blauweißen Azulejos.
Heute hat arboretum wieder einmal Geburtstag und da sie sich eifrig an dem Postkarten Ping Pong beteiligt hat, das ich seit einem halben Jahr betreibe, bekommt sie neben meinen herzlichsten Glück- und Segenswünschen auch eine extra große Postkarte, die nur sie allein bekommt. Darauf zu sehen ist „Der letzte Archaeopteryx“, von mir vor dreizehn Jahren gemalt, 70 x 120 cm, Acryl auf Leinwand. Das Original steht direkt unter dem Küchenfenster von meiner kleinen Werkstatt. Ich wünsche dem Geburtstagskind einen zauberhaften Tag.


P.S. da wohnt der Archaeopteryx in meinem Atelier:



Gestern erreichten mich die folgenden Zeilen:
„Liebste Gaga,
als Besitzerin eines
prächtigen Ufos ist
Dir dieser Anblick be-
stimmt bekannt, auch
wenn Du meines Wissens
noch nicht selbst dort
warst. Ist ja auch kalt
da auf dieser schwimmen-
den Eisdecke. Viele liebe
Grüße (…)“

Da kennt mich jemand schon recht gut. Freilich ist mir der Anblick des Nordpols vertraut, aber ich war nun schon länger nicht mehr im Polarkreis, so dass ich heute morgen spontan beschlossen habe, mit meinem UFO I für einen kleinen Tagesausflug hinzureisen. Da es heute ohnehin etwas bewölkt war in Berlin, konnte ich genauso gut auch gleich zum Polarkreis und habe mich entsprechend angezogen. Wobei ich eine Weile nach meiner guten alten Tschapka für die Polarexpeditionen suchen musste, da die Wintersachen ja doch nicht mehr ganz so griffbereit waren.

Es war ein ganz herrlicher Ausflug, aber leider kann man die Landschaft dort oben nicht so gut fotografieren. Es ist halt immer alles weiß im Hintergrund. Deswegen habe ich auch nur zwei Fotos vor Ort gemacht, die man hier sieht. Weil ich aber doch etwas kälteempfindlich bin, um nicht zu sagen kältescheu, bin ich gegen Nachmittag dann schon wieder zurück und bereits jetzt wieder daheim in Berlin. Das geht sehr gut mit so einem UFO.
Die Anmerkung auf der Karte „auch wenn Du meines Wissens noch nicht dort warst“ kommt sicher dadurch zustande, dass ich nie mit meinen UFO-Expeditionen prahle, so wissen die Leute gar nicht, wo ich schon überall war. Aber es ist mir lieber so, als wenn man mich für eine Angeberin hält, die jedem ständig ihre exclusiven Abenteuerreisen unter die Nase reibt und vielleicht auch noch auf Instagram und im Anschluss in der Bunten präsentiert. Ich werde es weiter so halten, habe ich mir vorgenommen. Also vergessen Sie bitte schnell, dass ich heute Vormittag ganz kurz am Nordpol war.

Ich kann auch Tiere.

SCORPIO | Bilderrahmenstehkeile, Rahmenschutzecken, Ösen, Papier, Acryl, Baustellenbodenschutzpappe, 91 x 93 cm, Mai 2020

Imke, kid37, Gunter Sachs, Georg und mir persönlich gewidmet.


Eine Pflaume von der Kolonie Sonnenschein im Jupiterweg. Vor sieben Jahren aufgegessen. Ein kleiner Hinweis und Beweis, dass ich schon vor sieben Jahren (und mehr) in Farbe fotografiert habe. Aber die Leute gucken ja immer hauptsächlich nach Aufnahmen von sich selber, die tatsächlich oft in Schwarzweiß gehalten waren. Da kommt so eine kleine Pflaume nicht dagegen an. Aber nach ein paar Jahren tritt mitunter zutage, dass ein Pflaumenportrait für die Ewigkeit ist, ohne jede Vergänglichkeit. Das gilt auch für Menschenportraits, aber nur für manche. Fotografien ohne Halbwertzeit sind doch die Schönsten. Tatsächlich werden auch Menschenfotos im Lauf der Jahre wertvoller, ungeachtet der Qualität der Aufnahme, aber nur aus nostalgischen Gründen. Die meisten inflationär rausgehauenen Schnappschüsse von Events, „Been there, done that“, sind doch recht beliebig und selten von künstlerischer Qualität. Was da im Akkord geliked wird, ist nicht das erstaunlich gelungene Portrait, sondern die Möglichkeit einer Art Instant-Teilhabe an einem Geschehen. „Been there, done that.“ Mitreden können, miterleben können, wenigstens ein bißchen. Na ja, wer wollte es verübeln. Aber mit einem liebenden Fotografenauge sollte der fotografische Schnellimbiss nicht in einen Topf geworfen und umgerührt werden, das wäre nicht angemessen.
Willkommen im Juni. Ich bin wieder auf meinem Weg ins Atelier, ich arbeite an einer Figur, sie kommt mir ein bißchen außerirdisch vor, ich glaube, sie wird sich heute zu erkennen geben. Ich versuche sie mit der Kamera einzufangen, wenn sie ihr Gesicht zeigt.
»Sonntag 19.VI.1898
Fand ein entzückendes Gedicht in der ‚Jugend‘. Habe es auch schon vertont.
Vom Küssen
War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
Warum ist mein Mund so roth?
Sprach der Mai: „zum Küssen“.
Als der Nebel schlich durchs Land
Hab ich fragen müssen:
Warum ist mein Mund so blass?
Sprach der Herbst: „vom Küssen“.
Anna Ritter
Ein süßes, geistreiches Gedichterl. Wenn nur mein Lied auch so gut wäre.«
Alma Schindler [Mahler-Werfel], Tagebuch-Suiten 1898 – 1902
„Es lebt sich wahnsinnig angenehm mit den Toten. Man macht sich keine Sorgen um sie. Und wenn sie gut sind, geben sie dir Nahrung.“ Michel Würthle
(so wahr)

Ein weiterer inniglich von mir geliebter Dichter ist Clemens Kerber (1937 – 2016). Diese Zeilen von ihm liebe ich besonders und sie sind wie für diesen Tag im Mai gemacht. Das Gedicht heißt „Wenn’s draußen grün wird“.
Wenn’s draußen grün wird
Fällt mir nur noch Liebe ein
Es kommt über mich
und bricht mir das Herz
Mag Sonne scheinen
oder mag es trübe sein
Ein Gefühl so zwischen
Freude und Schmerz
Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen
Wenn’s draußen bunt wird
dann wird mir so gut zumut
Und auch jeder Blume
jedem Getier
Dann steigt der Saft in Bäume
und auch uns ins Blut
Da muss ich zu dir
und du musst zu mir
Im wunderschönen Monat Mai
Als alle Knospen sprangen
Da ist nicht nur in Heines Herz
Liebe aufgegangen
Clemens Kerber* 1972, aus der Tondichtung „Ein Hauch von Frühling“
Bitte hören Sie auch in die Vertonung hinein – ich möchte sagen: ein Gedicht!
*= M. Krug

Magnolia. 100 x 100 cm, Acryl, Tinte, Papier, Styropor
Noch ein Baum. Ich hatte doch erzählt, wie ich vor ca. zwei Monaten durch den Baumarkt gelaufen bin, auf der Suche nach einem Ersatz für die dort weggehamsterten Leinwände. Weil mir alle Bauplatten zu schwer waren für den U-Bahn-Transport, hatte ich zwei Styroporplatten im Format 50 x 100 gekauft und zusammengeleimt, und dann mit einem großen Papierbogen überzogen, den ich dann übermalt und nochmals mit gemalten Fragmenten beklebt habe. Einmal und nie wieder. Wenn man das fertige Werk falsch anfasst, hat man Dellen von den Fingern im Bild. Ich war bis jetzt vorsichtig, aber es hat wohl einen guten Grund, wieso nicht alle Welt Bilder auf Styroporplatten malt. Schade aber auch, wo sie so günstig sind, eine nur 1,49 Euro.
Das ist also das fertige Werk. Ein Magnolienbaum, sage ich mal. Wenn die Bilder annähernd fertig sind, überlege ich, worum es sich handelt. Ich konzentriere mich ganz stark und dann erkenne ich es blitzartig und weiß, woher das Déjà vu kam, das ich die ganze Zeit schon beim Werkeln hatte. Zufällig haben auch gerade die Magnolienbäume geblüht, als ich daran gearbeitet habe, aber ich habe an nichts Bestimmtes dabei gedacht. Elektrisches Pink mag ich sehr. Kein Barbiepink, sondern mexikanisches Pink, wie ich es nenne. Für mich ist es elektrisch, weil es mehr Elektritzität ausstrahlt, als die meisten anderen Farben. Ich habe das Gefühl, das Pink vibriert. Mit dieser Farbe verbinde ich starke Aufregung wie bei Vorfreude. Nur Gutes.

Eigentlich habe ich nie aufgehört zu malen. Wenn ich die Kamera hielt, war es im Grunde nur ein besonderer Pinsel. Die Motive waren leichter lesbar, weniger geheimnisvoll, aber immer erhebend. Immerhin nähere ich mich dem besonderen Pinsel wieder mit neuer Unbefangenheit, ohne ihn in den Fokus zu stellen. Ich habe es mir gewünscht, wieder unbefangen Bilder damit einzufangen. Das ist mir lange nicht möglich gewesen.
Es wäre unsinnig, wenn gerade ich auf ein visuelles Medium verzichte, wo es mein ureigenstes Sein ausmacht, mich in sichtbaren Welten auszudrücken. Ich spaziere manchmal durch meine sechzigtausend Fotografien und wundere mich. Einige Motive erinnere ich gar nicht mehr und sehe sie wie zum ersten mal. Sobald ich dann weiter durch die Reihe gehe, den Kontext sehe, die vollständige Serie, fällt mir alles oder vieles wieder ein.

Diese Gräser in der Abendsonne wehten auf der großen Düne im Tal des Schweigens auf der Kurischen Nehrung. Ich war dort an meinem zweiundvierzigsten Geburtstag. Allein unterwegs, wie meistens auf meinen Reisen. Ich war glücklich an diesem Tag, an diesem Ort. Ich bin lange nicht mehr durch die Welt gereist, aber durch mein inneres Universum grenzenlos. Heute ist mir ein Tier begegnet. Ein großes, in meinem Atelier. Ich war perplex. Ich werde es fotografieren, wenn es fertig geschlüpft ist.

Passend zu Himmelfahrt präsentiere ich heute mein zweites UFO. Ich habe lange gezögert, es zu zeigen, warum habe ich vorgestern in einem Kommentar erklärt, als kid37 mein UFO gelobt hat, da ist es mir so rausgerutscht, dass ich noch ein zweites UFO besitze:
kid37 – 19. Mai, 13:12
Das ist ein besonders schönes UFO. Man sieht, die Außerirdischen besitzen nicht nur überlegene Intelligenz, sondern auch ästhetisches Bewußtsein.
g a g a – 19. Mai, 13:39
Es gibt auch noch ein zweites UFO, mein ganz persönliches Palastufo, es ist aber wahnsinnig prunkvoll, und ich habe ein bißchen Angst, dass die anderen neidisch werden! Wenn es unter uns bleibt, zeige ich es mal heimlich her!
kid37 – 19. Mai, 23:48
Jetzt haben Sie mich natürlich neugierig gemacht. Fühle fast ein wenig wie Fox Mulder bei dieser Sache!
g a g a – 19. Mai, 23:55
ich habe es noch niemals fotografiert. Es ist an einem geheimen Ort in ultraviolettem Licht mit einer starken Pinkfrequenz geparkt. Ich weiß noch nicht, ob es mit einem normalen Fotoapparat fotografiert werden kann, aber ich will es versuchen. Der geheime Ort ist mir heute Nacht leider nicht mehr zugänglich. In diesen Stunden findet auch ein verstärkter Ladeprozess statt (die Ausstattung benötigt extrem hochfrequente Energien). Ich melde mich wieder, wenn es mir glücken sollte, Bildmaterial zu gewinnen.




Das Palastufo wird mit besonderen Solarzellen betrieben, die man hier auch sehr gut in der Großaufnahme sehen kann. Es handelt sich um eine Technologie, die ich selbst entwickelt habe.

Ich fliege jetzt mit UFO I in meine UFO-Werkstatt!

Auch grandios – Theater an der Wien 1975, „Das Lächeln einer Sommernacht“, Probebühne, Auftritt Zarah Leander (seinerzeit 68), Frau Koller erinnert sich:
»Wir standen bereits mitten in den Proben, da hieß es: „Heute kommt Zarah!“ Wir waren alle sehr gespannt. Ich hatte sie als Kind im Kino gesehen und wusste, was für ein Idol sie in den dreißiger und vierziger Jahren gewesen ist.
Sie betrat den Probenraum mit großer dunkler Brille, ihr Mann, der Pianist und Dirigent Arne Hülphers, immer an ihrer Seite. Zuerst einmal ließ sie ihren Mantel, einen kostbaren Zobel, von den Schultern zu Boden gleiten. Ein Pelz, wie ich ihn nie wieder gesehen habe: bodenlang, sehr weich, grau mit Silberspitzen, das Teuerste.
Sie hat ihn auch später nie normal abgelegt, sondern immer mit lässigem Schwung fallen lassen. Alle haben sich darum gerissen, ihn aufzuheben, um ihn zu befühlen.«
Dagmar Koller, Jetzt fängts erst richtig an, S. 159

Ganz besondere Postkartenereignisse im Jahr 2020 erfordern besondere Postkartenempfangs-Dokumentationsmaßnahmen.

Ich muss gestehen, ich betrachte es mittlerweile als sportliche Herausforderung, dem Postkartenmotiv gerecht zu werden. Mein großer Kleiderschrank ist da sehr hilfreich. Ich lade hiermit alle meine Leser/innen aufs Herzlichste ein, mir eine herausfordernde Postkarte zu schicken. Ich werde etwas daraus machen. Ich gebe alles. Versprochen. Großes I̶n̶̶d̶̶i̶̶a̶̶n̶̶e̶rWüstentochter-Ehrenwort! Mein Dank für dieses inspirierende Postkartenmotiv geht abermals in den tiefen Süden, an eine andere Wüstentochter, die meinen geheimen zweiten Vornamen teilt. Und der Text ist auch schön.

Michel Piccoli zum Gedenken. Auch ihn traf ich oft, aber nur in seinen Filmen, besonders Les choses de la vie ließ ich viele Male laufen. Der ganze Film ist ewig. Oder die Szene, wo er als Polizist Romy in der Badewanne fotografiert. Über meiner eigenen Badewanne hängen Bilder aus dieser Szene (u.a). Er war ein wunderbares Gespann mit ihr, sie waren ja auch sehr befreundet. Piccoli wirkte im selben Maß sinnlich wie intellektuell, alleine wie er rauchte. Wahnsinnig charismatisch. Und so ruhig. Aber unter der ruhigen Oberfläche spielte sich immer etwas ab. Das war die Spannung. Michel Piccoli wurde vierundneunzig. Au revoir.
Noch ein ganz arg geliebtes Gedicht von einem Lieblingsdichter, Max Dauthendey (1867 – 1918)
Immer Lust an Lust sich hängt
Alle Dinge können sehen. Sag nicht, daß sie blind dastehen.
Sag nicht, daß sie dunkel gehen.
Häuser, Bäume, Wege, Wind, Stühle, Tische, Bett und Spind,
Alle Dinge sehend sind.
Alle Dinge können denken. Nicht nur Stirnen Geist dir schenken,
Alle Dinge Geister lenken.
Kleiner Mücken grauer Zug,
Spinnwebfaden leis im Flug; jeder Grashalm denkt genug.
Und es lieben alle Dinge. Wie die Vögel mit Gesinge
Liebt sich alle Welt im Ringe.
Eines hin zum andern drängt,
Jedes seine Lust sich fängt.
Immer Lust an Lust sich hängt.
Max Dauthendey, Lusamgärtlein, 1909
Friedrich Rückert zu Ehren, geb. am 16. Mai 1788

Der Frühling lacht von grünen Höh’n,
Es steht vor ihm die Welt so schön,
Als seien eines Dichters Träume
Getreten sichtbar in die Räume.
Wann schöpferisch aus Morgenduft
Der Sonne Strahl die Wesen ruft,
Kehrt jedes Herz sich, jede Blume
Empor zum lichten Heiligtume.
Wann Abendrot den Purpur webt,
Darin die Sonne sich begräbt,
Schließt sich befriedigt jede Blüte,
Und Sehnsucht schlummert im Gemüte.
Vom Morgen bis zur Nacht entlang
Ist all ein Kampf der Sonne Gang;
Ein Kampf, die Schöpfung zu gestalten,
Durch Licht zur Schönheit zu entfalten.
Die Sonn‘ ist Gottes ew’ger Held,
Mit goldner Wehr im blauen Feld,
Und zu dem lichten Heldenwerke
Erneut der Frühling ihr die Stärke.
Die Sonn‘ am Tag, der Mond bei Nacht,
Sie ringen all‘ mit Wechselmacht,
Die Sonne, Rosen rot zu strahlen,
Und Lilien weiß der Mond zu malen.
Der Himmel ein saphyrnes Dach
Der Flur smaragdnem Brautgemach,
Wo sich im Spiegel von Kristallen
Schaut Rose Braut mit Wohlgefallen.
Die Morgenröte wirkt ihr Kleid,
Der Morgentau reicht ihr Geschmeid,
Der Morgenwind, ihr kecker Freier,
Küßt sie errötend unterm Schleier.
Der Frühling gibt im Garten Tanz,
Und alle Blumen nahn im Glanz,
Wo Mädchen vorzustellen haben
Die Rosen und Jasmine Knaben.
Das Veilchen birgt in Duft sich still,
Weil aufgesucht es werden will;
Die Rose glühend zeigt sich offen,
Wie könnte sie Verbergung hoffen?
Des Paradieses Pforten sind
Nun aufgethan im Morgenwind,
Und auf die Erde strömt vom Osten
Der Duft, den sonst die Sel’gen kosten.
Die Lauben Edens werden leer,
Zur Erd‘ hernieder zog ihr Heer,
Wo nun die Engel schöner wohnen
In Rosenzelt und Lilienkronen.
Nun lebt, berührt vom Liebeshauch,
Das Leben neu, und Totes auch;
Der starre Fels vor Sehnsucht bebet,
Bis auch ein Epheu ihn umwebet.
O Frühlingsodem, Liebeslust,
O Glück der felsentreuen Brust,
Die ein Geliebtes an sich drücket,
Das dankbar sie mit Kränzen schmücket.
In dieser Stille der Natur,
Wo Liebe spricht und Friede nur,
Sei fern den schweigenden Gedanken
Des Menschenlebens lautes Zanken.
Wie sie die Sinne sich verwirrt
Und wie in Wüsten sich verirrt,
Wie sie die Freude sich verkümmert
Und wie das Dasein sich zertrümmert.
Und wie die Welt, so ist ihr Lohn.
Es reut mich jeder Liedeston,
Der aufs verworrene Getriebe
Der Zeit sich wandt‘ und nicht auf Liebe.
Die Liebe ist der Dichtung Stern,
Die Liebe ist des Lebens Kern;
Und wer die Lieb‘ hat ausgesungen,
Der hat die Ewigkeit errungen.
Weg Thorentand und Flitterpracht!
Im Himmel gilt nicht ird’sche Macht.
Erob’rer, Helden, Weltvernichter,
Geht, sucht euch einen andern Dichter.
Du Freimund laß den eitlen Schwall,
Sing‘ Lieb‘ als wie die Nachtigall,
O trachte, still in deinen Tönen
Dein eignes Dasein zu versöhnen.
Friedrich Rückert

Gestern empfing ich diese Postkarte. Ich nahm sie wie immer ohne Lesebrille aus dem Postkasten und versuchte etwas zu erkennen. Die Schrift kam mir schon bekannt vor. Das Motiv, ein Gemälde, hielt ich vermutend für ein Bild von Degas, der ja bekanntlich zwei Lieblingsthemen hatte: Szenen aus der Welt des klassischen Tanzes und Damen im Badezimmer mit einem Frotteetuch oder Leinentüchlein, oder womit man sich eben früher abgetrocknet hat. Ich meinte hier eine Ballettszene zu erkennen, im linken Bereich zwei, drei Tänzerinnen im weißen Tütü und ganz links einen männlichen Zuschauer. Rechts eventuell die Bühnenrampe und weiteres Publikum. Oben in meiner Wohnung angelangt, setzte ich die Brille auf die Nase. Das Bild wurde kaum deutlicher. Ich war einerseits erfreut, dass sich das Motiv kaum geändert hatte, andererseits machte ich mir Gedanken, warum ich mir mittlerweile eine so ausgeprägte Seh-Unfähigkeit ohne Lese-Brille bescheinige.

Tatsächlich ist das Bild keineswegs von Degas, sondern von einem anderen durchaus renommierten Maler mit dem Namen Heinz Kreutz, den ich noch nicht kannte. Das Bild heißt „Hymne an das Licht, Violettes Bild“ und ist aus dem Jahr 1958. Es handelt sich somit um keine Szene mit Tänzerinnen im Tüllröckchen, sondern um eine abstrakte Komposition. Ich habe dann etwas über den Maler recherchiert und festgestellt, dass er in ganz extrem unterschiedlichen Stilen gemalt hat. Es finden sich sehr viele streng grafische Motive mit klar abgegrenzten Farbflächen. Man würde nicht denken, dass es sich um denselben Maler handelt, der diese Komposition gemalt hat. Wirklich interessant – ich finde es sehr schön, auf mir bislang unbekannte Künstler gestoßen zu werden.

Ursprünglich wollte ich diesmal kein Foto von mir mit Postkarte machen, das kann in der Fülle auch etwas aufdringlich wirken, aber dann hat mich ein netter Kommentar bestärkt, dass es vielleicht doch schön für jemanden ist, der mir eine Karte geschickt hat, wenn ich den Erhalt mit einem Bild würdige. Ich zitiere mal aus meiner Antwort auf den Kommentar:
„Die Idee mit den Kartenfotos habe ich ein bißchen von Erpresserfotos von Entführten geklaut, die eine aktuelle Tageszeitung in die Kamera halten, als Beweis, dass sie den Tag, an dem die Zeitung erschienen ist, noch erlebt haben. Heute ist das ja kein Beweis mehr, wo sich alles digital hinbasteln lässt. Aber ich betone, dass es sich bei meinen Fotos nicht um Fotomontagen handelt. Ich lebe noch, und diesen Kommentar verfasst nicht mein körperloser Geist. Lange hatte ich ja gar keine Fotos von mir erstellt, aber in dieser besonderen Zeit kommt es mir doch hilfreich vor, um meinen Freunden zu zeigen, wie es auch in dieser Hinsicht um mich steht. Ich habe mich seit Ende Februar mit Niemandem privat getroffen.“

Nun sind sie beide tot, Irina aus der Lüneburger Heide und der aus der Nähe von Kassel stammende Rolf Hochhuth, die es beide nach Berlin verschlagen hatte. Meine Freundin Irina war nicht nur eine surrealistische Malerin, sondern auch Hochhuths Assistentin, sie kümmerte sich bis einige Zeit vor ihrem Tod im Oktober 2018 um seine Internetseite und alles, was sich um die digitale Verarbeitung seines Werks drehte. Er hatte immer bewundernde Blicke für sie, das war sehr rührend.
Das Bild entstand im Dezember 2016 bei Irinas letzter Ausstellung zu ihren Lebzeiten. Bei der Gelegenheit sprach ich auch mit Hochhuth, er signalisierte mir mit seinen Blicken Interesse und ich setzte mich zu ihm und er fragte mich aus. Aber wie. Ich erzählte ihm, dass ich blogge, sehr Persönliches und er war total gefesselt. „Was schreiben Sie denn da zum Beispiel genau?“ „Na, es könnte zum Beispiel sein, dass ich über unsere Unterhaltung hier einen Eintrag schreibe.“ Er: „Das ist ja wahnsinnig interessant!“.
Wirklich ein netter, umgänglicher älterer Herr, damals war er ja nun auch schon 85 und etwas vergesslich. Aus heutiger ärztlicher Sicht vielleicht dement. Nachdem man sich eine halbe Stunde intensiv unterhalten hatte, konnte es sein, dass er einen eine Stunde später erneut ansprach, als wäre man sich noch nie begegnet. Insofern ist es doch etwas beschönigend, in den Meldungen zu seinem Tod zu lesen, dass er keinerlei Vorerkrankungen gehabt habe.
Na gut. Früher bezeichnete man vergessliche alte Menschen ohne dramatischen Unterton als „auch schon ein bißchen verkalkt“ und nahm das als den normalen Lauf der Dinge. Aber das Gespräch mit ihm verlief sehr eloquent, er erzählte mir von verschiedenen Ärgerlichkeiten mit Verlagen, an die er sich deutlich erinnerte, die aber sicher schon weiter zurücklagen. Ich fand es interessant, dass er mir so etwas erzählte, als sei ich eine Vertraute. Er hatte schon mitbekommen, dass ich mit Irina befreundet bin, vielleicht war ich für ihn dadurch eine Art erweiterte Familie.
Deutlich war zu spüren, dass in seinem doch etwas eingetrübten Blick so eine gewisse Bereitschaft für eine erotisierte Wahrnehmung der Welt weiterhin bestand. Das rührte mich. Er war viel sympathischer und zugewandter, als ich je für möglich gehalten hätte. Zuletzt sah ich ihn vor etwas mehr als einem Jahr bei einer Gedenkfeier für Irina. Er erkannte mich nicht mehr. Ich hatte es aber auch nicht ernsthaft erwartet. Frieden seiner rebellischen Seele.
Seit gut vier Wochen steht ein gelesenes Buch links von mir in der Ecke. Ich habe es nicht ins Regal geräumt, weil ich noch einen Gedanken daraus hier schreiben wollte und ihn unbedingt in die Welt tragen. Einen Absatz hatte ich schon aus dem Buch zitiert, in diesem Eintrag, Mitte April. Aber der zweite Gedanke kommt mir geradezu existentiell und aufrüttelnd vor, obwohl er so schlicht formuliert daherkommt. Einfach mal auf sich wirken lassen, er könnte das bisherige Weltbild, die eigene Biographie betreffend, ins Wanken bringen.
„Ich wollte in die Welt. Und ich war naiv und kühn genug, um mir zu nehmen, was ich wollte. Ob ich Glück hatte, oder das Geheimnis des Glücks darin liegt, dass man es einfordert, ist eine Frage der Interpretation. Jedenfalls wurde mein Wunsch erhört.“
Carsten K. Rath, Sex bitte nur in der Suite, S. 54
„Behandeln Sie Probleme nicht wie große französische Weine, denn sie werden nicht besser, wenn man sie lagert.“
Dagmar Koller, Dranbleiben, S. 153 (letzte Seite)
In diesem Sinne wünsche ich allen einen tatkräftigen Mittwoch.

Wer heute seinen Postkasten besucht, könnte darin ein Kärtchen von mir finden. Am Freitag war wieder Frühlingstombola, allerdings vielleicht zum letzten mal. Ich habe mich nämlich ein bißchen mit Fortuna herumgestritten. Sie will immer nur sieben Karten verlosen, ich muss mich dann ihrer Entscheidung beugen. Sie ist da leider sehr autoritär und lässt nicht mit sich handeln. Diesmal hat es mich besonders geärgert, weil ich das Motiv gerne den ausgewiesenen Blumenliebhaberinnen unter meinen Freundinnen zukommen lassen wollte, z. B. J. und C., aber ich konnte einfach nicht schummeln. Am Ende trifft es ja auch so immer die Richtigen, das will ich gar nicht bestreiten.

Außerdem hat sie auch noch mit mir geschimpft, weil ich bei den letzten Postkarten den Text aufgedruckt habe und nur die Anrede und die Anschrift mit der Hand geschrieben. Das wäre kein guter Stil und wirkt unpersönlich, hat sie gemeint. Wahrscheinlich hat sie da auch ein bißchen recht. Ich wollte aber auch ganz viel auf die Karten schreiben und so klein kann ich nicht mit der Hand schreiben, deswegen! Jedenfalls habe ich diesmal wirklich alles, alles mit der Hand geschrieben, aber dafür ist die Glücksbotschaft halt entsprechend kürzer! Man kann nicht alles haben! Aber sie kommt wie immer von Herzen.

Am meisten freue ich mich, wenn Gewinner dabei sind, die bis jetzt noch gar nicht gewonnen haben, nämlich K. und P.! Wegen der Diskretion muss ich die Namen abkürzen, mir reicht schon der Ärger mit Fortuna! Also gewonnen haben: A., I., K., M., M., M. und P. (alles Mädchen)


Kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt eine Lektüre so erheitert hat, wie das Werk von Frau Koller. Seite 73:
»(…) Ich kaufe mir auch keine Modezeitschriften mehr. Früher posierten in der Vogue derart schöne Frauen – die Models von heute schauen alle aus wie Buben. Germany“s Next Topmodel habe ich mir nie angesehen, obwohl ich Heidi Klum mag. Sie ist noch so etwas wie ein Idol. Und sie hat sich einen jungen Boy genommen. Ich hätte mir an ihrer Stelle allerdings einen Schöneren ausgesucht. Wenn ich mir einen Jungen nehme, muss es schon der Schönste in der Stadt sein.«
Dagmar Koller (80), Dranbleiben
Das kleine Buch ist vor einem halben Jahr erschienen. Jetzt weiß man natürlich nicht genau, ob sie diese Gedanken verfasst hat, als Heidi noch mit Vito zugange war oder ob bereits Tom gemeint ist. Im späteren Verlauf des Kapitels benennt sie noch Männer nach ihrem Geschmack, da sind dann aber auch Kandidaten dabei, wo man recht schnell begreift, dass Schönheit offenbar auch im Fall von Dagmar Koller im Auge des Betrachters liegt. Wobei ihr verstorbener Mann schon fesch war.
Sehr interessante Verhaltensempfehlung von Frau Koller:
»Als schwierig empfinde ich es bis heute, wenn ich Premierenparties von Aufführungen besuchen soll, die mir nicht gefallen haben. Ich tat mir immer schon schwer, Kollegen zu bejubeln, wenn mir das Stück oder ihre Arbeit nicht gefallen hat. Nachdem Helmut 1983 Bundesminister für Unterricht und Kunst geworden war, erlebten wir etliche solcher Situationen, die für mich eine Qual waren. Einmal erwischte uns Susi Nicoletti, die Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst, nach einem völlig misslungenen Abend, als wir gerade dabei waren, uns möglichst unauffällig aus dem Staub zu machen. Sie stellte sich uns in den Weg und meinte: „Kommt doch gar nicht in Frage! Und wenn einer der Mitwirkenden von euch wissen will, wie es euch gefallen hat, dann sagt ihr einfach: Gratuliere, gratuliere!“
Dieses wertvolle „Gratuliere, gratuliere!“ wende ich bis heute in den unterschiedlichsten Situationen an. Auf diese Weise muss ich nicht lügen und bleibe mir trotzdem treu. So klingt hohe Diplomatie. Für die Künstler meiner Generation spielt nämlich noch etwas eine wichtige Rolle: das Alter. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was es bedeutet, in einer Hauptrolle auf der Bühne zu stehen, und welche Probleme sich manchmal ergeben können, einfach weil man keine dreißig, vierzig oder fünfzig mehr ist. In solchen Momenten lüge ich so gekonnt, dass alle glücklich sind. Weil ich Respekt vor der Arbeit habe. Ich kann lügen, dass sich die Balken biegen! Interessant ist, dass man mit zunehmenden Jahren sensibler wird und nicht abgestumpfter. Bedenken Sie immer: In einer Welt der wachsenden Unsicherheiten kann es nicht genug Lob geben. Quittieren Sie daher jede Art von Leistung immer mit einem „Gratuliere, gratuliere!“ So müssen Sie nicht lügen und bleiben sich trotzdem treu.«
Dagmar Koller, Dranbleiben

Möge dieser 75. Jahrestag der Befreiung, nicht nur als der Tag der Kapitulation der abgewichsten Wehrmacht gewürdigt werden, sondern als Tag der Befreiung von sonstigem Unbill, Ängsten, Dummheit, unattraktiven Krankheiten, schlechtem Benehmen… wäre das nicht herrlich. Vielleicht muss man es sich einfach nur vornehmen und praktisch umsetzen. Das Wetter ist jedenfalls feiertagswürdig hier in Berlin. Draußen sprießen weiterhin die Frühlingsblüten und -gärten.
Dazu passend ein Bild vom April, das ich in Ermangelung einer passenden Leinwand auf einen Verpackungskarton pinselte. Das Ergebnis ist dennoch ganz passabel, aber nicht einfach. Wellpappe ist so ziemlich das ungeeignetste Medium, um darauf zu malen. Sie entwickelt ein noch welligeres Eigenleben, wenn sie von feuchter Farbe geküsst wird. Greta Garbo ist es gewidmet, weil sie die Farbkombination Grün und Pink wie keine andere liebte, und sogar selbst einen großen Teppich mit einem ornamentalen Muster in diesen Farben entworfen hat, der in einem ihrer Salons ihres Apartments am Hudson River lag. Und meiner Mama ist es gewidmet, weil sie die Farbe Grün und Blumen über alles liebt.
P.S. das war übrigens das Bild, von dem ich mit einem Blatt Papier die überschüssige grüne Farbe abtupfte, woraus dann zufällig der Baum entstand, den ich neulich als Postkarte verschickt habe.

Gräser heute am frühen Nachmittag in Charlottenburg. Auf einem sehr, sehr großen Hinterhof zwischen Kant- und Fasanenstraße. Der Frühling lässt sich durch Corona nicht aufhalten. Auch nicht durch Krebserkrankungen, auch Masken können nichts ausrichten. Kein privates Drama hat Einfluss auf die Wucht der explodierenden Natur. Ich erinnere mich gut, dass es mir oft weh tat, wenn der Frühling besonders schön war, und ich an einem Frühlingstag unter der Woche auf einer Bank in die Sonne blinzelte, in dieses junge, verheißungsvolle Grün. Nie hat es einen Frühling geschert, nie und nie. Am besten ist, man dividiert sein privates Elend und die zauberhafte Fülle des Frühlings auseinander. Man muss versuchen, es ganz unabhängig voneinander zu erleben und wahrzunehmen, damit das schwer Erträgliche das so Schöne und Verzaubernde nicht erstickt.
Gestern – oder war es vorgestern – musste ich sehr lachen. Ich kam am frühen Abend heim und hatte Lust den Fernseher anzuschalten. Ich bin ein bißchen auf Vox eingeschossen, da kommen die meisten Sendungen, die mich einigermaßen interessieren. Es war gerade Sendezeit für eine Folge einer Datingshow – Moment – wie heißt die noch… – also Leute sind zum Essen in einem Studio-Restaurant verabredet, ein Blind Date – „First Dates… Restaurant“? So ähnlich. Unter anderem bereit für so ein Date, eine junge Dame mit langen blonden Haaren, etwa Anfang Dreißig aus Brandenburg. Burschikoser Typ, wie man so sagt, zum Pferdestehlen (zufällig hat sie auch welche). Sie erzählt, dass es bislang noch nicht so recht geklappt hat mit den Männern, und sie es nun einmal auf diesem Weg versuchen möchte: „Ick hoffe ja immer noch, dass ick mal den Deckel zu meinem Topf finde, bis jetzt war nur Frischhaltefolie dabei!“
„Der Berliner Senat hat (…) das Soforthilfepaket IV in Höhe von 30 Millionen Euro beschlossen. Es gilt für kleine und mittlere Unternehmen im Kultur- und Medienbereich, für die es bisher kein passendes Förderinstrument gab. Diese Lücke wird nun mit der Soforthilfe IV geschlossen. Damit leistet Berlin einen weiteren Beitrag zur Sicherung und zum Überleben der vielfältigen Kulturlandschaft der Stadt. (…) Die besonders hart von der Corona-Krise betroffenen Kultur- und Medienunternehmen mit i.d.R. über 10 Beschäftigten können Zuschüsse bis zu 25.000 EUR zur Überwindung einer existenzbedrohenden Wirtschaftslage beantragen. In begründeten Ausnahmefällen können bis zu 500.000 EUR beantragt werden.“

Feuer des Lebens
für Alban
– wird bewahrt –
Blattgold, Kupfer, Acryl, Leinen, Karton, Styropor, 40 x 65 x 8 cm
Staatl. Museen von Gaganien 01./02./03. Mai 2020 | Gaga Nielsen

Bleibt über meinem Kamin-Kerzenfeuer. Die Flamme wird gehütet.


Lola im Badezimmer. Suchbild für Ina. Ich fand es neulich sehr schön, als Cosima mir Fotos gezeigt hat, wie meine Postkarte durch ihren Garten gewandert ist. Lola Montez hat einen Premiumplatz in meinem Badezimmer bekommen, anders kann man es nicht sagen. Ich denke, sie kann zufrieden sein über ihr neues Heim. Habe ich gerade vor zwanzig Minuten fotografiert.




Schnell hinaus, die Sonne zeigt sich gerade noch. Zu Edeka in die Große Hamburger Str., dann zurück um die Ecke in meine Wohnung, die Sachen in den Kühlschrank räumen und wieder los ins Atelier. Habe mich überraschenderweise daran gewöhnt, die schwarze Auerbach’sche Maske anzuziehen, sie wärmt ein bißchen, wenn kalter Wind weht, wie in diesen Tagen der Fall, oder wenn ich durch die Nacht laufe, von der U-Bahn kommend, nach Hause. Wie vorhergesehen, ist der Anteil der Maskenträger innerhalb der Strecke der der U 8, die Neukölln und Kreuzberg umfasst, eher gering. Obwohl es heißt, man schützt andere mehr als sich, empfinde ich es sogar als angenehm, innerhalb von diesem Streckenabschnitt bedeckt zu sein. Als wäre ich in meinem privaten Kokon. Da fährt niemand, den ich je näher kennenlernen wollte. Je mehr Abstand, desto lieber. Mit und ohne Corona. Ich sehe auch ein bißchen gefährlich damit aus, wie eine Terroristin, was eine ganz gute Kampfansage bei dem dubiosen, relativ aggressiven Publikum ist. Mit den dunklen Kajalaugen, die hervorgucken, wie bei einer Wüstentochter, ernte ich eher respektvoll interessierte Blicke, ohne die Vermummung sehe ich bedeutend harmloser aus. Ich benutze übrigens echtes Kajalpulver aus Mekka, also aus Saudi-Arabien, deep shit! Es wirkt!

Berlin 24.4.2020
Liebste Gaga,
seit 52 Jahren hat die Karte auf dich gewartet, so lange befindet sie sich in meinem Besitz. Ich war 13, als ich sie in München kaufte. Ich lebte damals noch in der Heide und war fasziniert von den Gepflogenheiten der Wittelsbacher. Ich wollte auch so eine Schönheit werden. Lola Montez erinnert mich an dich. Es ist meine Handschrift unter ihrem Bild.
Allerliebste Grüße
v. Ina

DANKE, Ina


Neue Post in Gaganien! Aus dem schönen Venedig ist die Karte gemeinsam mit der Kaltmamsell nach München gereist. Weil es aber eine reiselustige Karte ist, wollte sie dort nicht für immer bleiben und ein bißchen mehr von Deutschland sehen. So ist sie über Hamburg nach Berlin gereist. Ich behaupte das immer und vielleicht stimmt es sogar, dass alle, alle Post, die von Berlin kommt und nach Berlin geht, in Hamburg in einem großen Verteilzentrum sortiert wird. Ich stelle es mir gigantisch vor. Fast so groß wie der Ohlsdorfer Friedhof ist es vermutlich. Eigentlich unvorstellbar, denn wer schon eimal auf dem Ohlsdorfer Friedhof war, weiß, dass er eigentlich größer als die ganze Stadt Hamburg ist.

Bis zu meinem circa vierzigsten Lebensjahr war ich der festen Meinung, dass Hamburg ungefähr so groß wie Berlin ist. Weil ich noch nicht da war. Dann aber war ich da, und habe den Eindruck erhalten, dass Hamburg etwas kleiner als Berlin ist. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof war ich bei der Gelegenheit auch (mit kid37, falls es wen interessiert) und das hat den Eindruck bei mir gefestigt, dass Hamburg ein Stadtteil von Ohlsdorf ist. Ich schweife eventuell etwas ab. Vorrangig geht es in diesem Eintrag um die schöne Postkarte, die ich von der Kaltmamsell erhalten habe, und zwar am 28. April 2020. Die Karte zeigt ein Gefäß, das aus Glas besteht, und ich vermute ganz stark, dass es in einer Werkstatt auf der Insel Murano bei Venedig geblasen wurde. Das habe ich auch einmal in echt bewundern dürfen, ich war nämlich schon einmal in Murano. In Venedig auch. Ich glaube, Venedig ist so eine Art Stadtteil von Murano. Oder war es umgedreht? Es verhält sich wohl so ähnlich wie Ohlsdorf zu Hamburg. Eigentlich sind solche geographischen Feinheiten doch völlig egal, Hauptsache, man hat es gesehen und sich gefreut! So wie ich mich über die Karte und die Farbe. Orange ist nämlich eine meiner absoluten Lieblingsfarben. In dem Moment, wo ich die Karte aus dem Kasten geholt habe, ist mir auch noch eine zweite entgegengefallen, die kriegt einen extra Eintrag.
Ich habe übrigens gar nicht damit gerechnet, dass ich jetzt auch noch weitere Karten kriege und es schon gar nicht erwartet. Die Tombola-Hauptgewinnkarten aus Gaganien verpflichten nämlich zu überhaupt nichts, sie sind gratis und nur zum Spaß gedacht. Das wäre mir eine schreckliche Vorstellung, dass jemand aus der zugesendeten Karte eine langweilige und lästige Verpflichtung ableitet, mir seinerseits eine Postkarte zu schicken. Wenn es aber natürlich ein Bedürfnis ist, ist mir so eine Karte schon durchaus willkommen und ich werde es immer in einem extra Eintrag würdigen. Alle anderen, die zu faul sind, können ruhig faul bleiben.
Mir macht das natürlich einerseits Freude, so eine Karte an mich herzuzeigen, aber andererseits ist es natürlich auch Arbeit und Stress! Die Karte muss eingescannt oder abfotografiert werden. Neuerdings bin ich auf die Idee gekommen, mich selber mit der frisch eingetrudelten Karte vor der Kamera zu präsentieren, eine ganz neue Sache: sich selber fotografieren! Da wollte ich auch mal mit tun und ein wenig experimentieren. Funktioniert sogar ohne Instagram, wie ich überrascht festelle. Ich dachte immer, so Selfies macht nur das Programm Instagram, aber es scheint auch mit anderen Geräten zu funktionieren. Ist das überhaupt ein Gerät, dieses Instagram? Weiß da wer was Genaues? Also ich merke, es ist spät und ich werde albern und fange an wirres Zeug zu reden. Ich beende diesen Eintrag, also diese Huldigung nun und widme mich dem Eintrag zur zweiten Karte mit Eingangsstempel 28. April.


Ich mache ja einiges mit, aber nach jeweils ca. dreiminütigen Probetragen meiner beiden Masken aus dem Hause Auerbach, stellt sich kein komfortables Gefühl ein, aber eindeutig Hitzestau. Auch behagt mir das Gefühl von den strammen Gummibändern hinter den Ohren nicht. Ich kann derlei Modelle nicht empfehlen. Ich hoffe, ich fange nicht während der Fahrt zu husten an, nur weil unter der Maske die Luft knapp wird. Ich bin – toi toi toi – bei guter Gesundheit und habe womöglich längst diese Herdenimmunität.

Heute ist es nun also so weit. Da ich täglich mit der S-Bahn und auch U-Bahn von hier nach da fahre, betrifft es mich und ich werde mich der Anordnung erst mal fügen. Auf mich wartet zunächst eine 11-minütige S-Bahnfahrt. Ich plane, die Vermummung bei Einfahren der S-Bahn anzulegen und dann sofort nach dem Aussteigen, noch auf dem Bahnsteig wieder auszuziehen. Wenn hier jemand pingelig Abstände einhält, dann bin ich das. Für den maximalen Abstand verzichte ich auch fast täglich auf einen Sitzplatz. Kontrollen sind wohl nicht vorgesehen. Bin sehr gespannt, wie sich die Situation gestaltet. Morgens in der S-Bahn vermute ich eher disziplinierte Berufsverkehr-Fahrgäste.

Am frühen Abend in der U 9 und S-Bahn Richtung Berliner Süden dann eventuell auch noch. Wenn ich dann allerdings in den späteren Abendstunden in die gefürchtete U 8 steige, treffe ich mit Sicherheit auf das übliche langmütige U-8-Publikum aus Drogensüchtigen und sonstigen Abgestürzten, die herzhaft auf den Bahnsteig spucken und kotzen. Für derlei Zwecke wäre eine Maske doch arg hinderlich. Außerdem gibts zum Maskenpreis ein Piece oder Fluppen oder nen Sixpack. „MAFKE? WELCHE MAFKE?“

Bevor ich dahin fahre, wo dieses Bild sich befindet, möchte ich mitteilen, dass es gestern wieder Frühlingstombola in Gaganien gab und welche Gewinner sich auf die abgebildete Postkarte freuen dürfen. Das gestrige Glückslos haben Doro, Georg, Imke, Inés, Jan, Miriam und Roger gezogen, die Karte könnte schon heute im Postkasten sein, ich hab sie gestern um 17.14 Uhr am Hardenbergplatz, direkt beim Bahnhof Zoologischer Garten eingeworfen. Auf der Karte ist ein Lieblingsbild der letzten beiden Jahre von mir zu sehen. Es heißt „In Memoriam David – Space Oddity“ und ist ca. 110 x 75 cm groß. Ich denke, man erkennt David Bowie ganz gut. Als ich es im Dezember 2018 und Januar 2019 gemacht habe und es fertig war, kam es mir vor wie das fehlende Grabmal von David Bowie. Deswegen wollte ich auch einen besonderen Rahmen dafür, so ein bißchen wie im Vatikan. Es ist mir heilig. Letztes Jahr zu meinem Geburtstag bin ich durch mein Atelier spaziert und habe ein paar Fotos gemacht, u. a. diese hier, wo man sieht, wo das gerahmte Bild in meinem Atelier steht. Aus einem der Fotos hab ich gestern die Postkarte gebastelt. Also nicht auf den Scanner aufgelegt, dafür wäre es zu groß. Ich hoffe, ihr freut euch über die Karte, ich fahr jetzt zu David. Schönen Samstag allen.





Wie man auf den beiden ganz indiskret von mir hergezeigten Karten lesen kann, hat die Glücksfee von Gaganien eine Zusatzziehung gemacht, wo es ein kleines Büchlein zu gewinnen gab, und ich meine, das Los hat genau die Richtigen getroffen.


Ina, weil sie auch viele Gespräche mit ihrer über neunzigjährigen Mama führt, und Alban, weil er die gleichen jahrzehntelangen Sympathien wie ich für André Heller hat und das Thema einfach so ein schönes ist. Ich habe das Buch, das aus Gesprächen zwischen André Heller und seiner zu dem Zeitpunkt 102-jährigen Mama über ihr Leben und alles, was wirklich wichtig ist und war, besteht, selbst auch und werde es gleich als nächstes lesen. Schon der Titel ist einfach wunderbar. „Uhren gibt es nicht mehr“
Die beiden bemerkenswerten Postkarten sind diesmal keine eigenen Werke, wie man sich schon fast denken kann. Für Ina gibt es eine große Karte mit dem Gemälde „The Lady of the Ibis“ von Daria Pitrilli, einer römischen Illustratorin, und für Alban ein schönes altes Portrait von Schinkel in Neapel, gemalt von Franz Ludwig Catel, von 1824, das in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu bewundern ist und das ich gleich liebte, als ich es sah. Ich habe diese beiden Postsendungen gestern um 16:15 Uhr in den gelben Postkasten vor dem Hotel Savoy in Charlottenburg gesteckt und vielleicht sind sie heute schon da. Mit den allerbesten Wünschen.



Meine lieben Postkartenfreunde und -freundinnen, das ist die Postkarte, die in der Frühlingstombola sieben mal als Hauptgewinn von mir verschickt wurde. Die Glücksfee hat diesmal Alban, Arboretum, Cosima, Duke, Jenny, Timo und Valerian ausgewählt. Ich habe darauf natürlich überhaupt keinen Einfluss, deswegen kann es auch schon mal passieren, dass jemand schon zum zweiten mal eine Karte gewonnen hat. Die anderen, die diesmal nicht dabei sind, sollen aber nicht traurig sein, weil die nächste Tombola schon vorbereitet wird und dann können ganz neue Gewinner dabei sein! Ihr merkt es bei der nächsten Glückslos-Ziehung daran, dass ich vielleicht ganz unverbindlich nach der Postanschrift frage. Also seid nicht traurig, wenn es diesmal nicht geklappt hat, schon bald gibt es neues Spiel und neues Glück!
Eure Gaga


Heute fand ich eine Karte mit einer Skulptur von Camille Claudel in meinem Briefkasten, „La Valse“, auch „Les Valseurs“. In der genaueren Beschreibung lese ich, dass der Mann vollständig unbekleidet ist und die Frau eigentlich nur ein Tuch um die Hüften trägt. Ich habe das gar nicht sehen können, aber es passt zu meiner Wahrnehmung von einer unglaublichen Intimität und Hingabe, die gewiss nichts mit Walzern zu tun hat, die in der Öffentlichkeit stattfinden. Der Anblick ging mir so nah, dass ich, als ich die Karte in der Küche im Stehen genauer betrachtete, mich auf der Spüle aufstützen musste und kurz weinte. So schön. Zu schön.


Camille Claudel, La Valse, 1891 – 1905
Gestern hat die Frühlingstombola von Gaganien stattgefunden und es wurden sieben Gewinner gezogen, die eine von mir persönlich handschriftlich adressierte neue Postkarte erhalten. Wen das Glückslos getroffen hat, seht ihr spätestens morgen in eurem Postkasten! Ich nenne dann morgen auch die Gewinner, damit die anderen nicht denken, dass der Briefträger geschlampt hat! Es wird auch weitere Tombolas geben, jeder bekommt eine Schangse!

Gaga Nielsen, „GOTT – Wenn Dreiecke einen Gott hätten, hätte er drei Ecken.“ Acryl, Textmarker, Papier auf Bandana, 22 x 31 cm
Wieder ein ungeplantes Zufallswerk, das tadellos auf den Scanner passt. Es ist einwandfrei ein Abbild von Gott, wie ich ihn mir vorstelle. Das habe ich aber erst bemerkt, als das Bild schon fertig war, so geht es mir meistens. Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich da mache. Normalerweise male ich ja viel größere Bilder, aber der kleine Gott wollte auch auf die Welt. Und das begab sich so.
Am Sonntag, also vorgestern, war ich irgendwie verkatert, jedenfalls fühlte es sich so an (dabei hatte ich gar nicht über Gebühr getrunken) und hatte so gar keine Lust in meine Werkstatt zu fahren. Ich schlief bis um drei am Nachmittag, da konnte ich dann immerhin aufstehen, duschen und mich anziehen und zurechtmachen, aber ich war dann doch nicht in der Stimmung mich auf den Weg zu machen.
In der Wohnung gibt es ja auch immer was zu tun, und ich rahmte ein paar kleinere Bilder neu und hing sie um. Dabei fiel mir so ein eher unattraktiver Metallrahmen für A 4-Format in die Hände, den ich so nicht verwende. So ein Standard-Bilderrahmen hat ja eine Papprückwand und ist ein stabiler Untergrund, wenn man so will. Nun hatte ich die Idee, das kleine Teil mit Stoff zu überziehen, um es als Mini-Leinwand zu verwenden.
Nun war aber guter Rat teuer. Ich habe keine Stoffreste. Stoffservietten, die sich dafür auch gut eignen, hatte ich schon mal verarbeitet. Das einzige Stückchen Stoff, das mir in den Sinn kam, war ein kleines blaues quadratisches Hals-Tüchlein, auch Bandana genannt. mit so kleinen weißen Ornamenten und Kringeln, das ich noch nie getragen habe, ich glaube es war mal bei einer Veranstaltung zur Deko in einem Brotkorb, jedenfalls habe ich es nicht gekauft. Klebstoff hatte ich auch und klebte das blaue Bandana-Tüchlein über den Rahmen.
Eigentlich wolte ich es dann in die Ecke packen und das nächste mal mit in meine Werkstatt nehmen, um es gnadenlos weiß zu grundieren und dann irgendwas darauf zu malen. Aber das kleine Ding wollte woanders hin.
Ich schaute den ganzen Nachmittag und Abend Filmdokus über Picasso, da gibt es schöne Sachen auf youtube. Nebenher wollte ich mich aber doch noch irgendwie beschäftigen und ich sortierte meine übrigen Postkarten und fand einen kleinen Ausdruck von einem großen Bild, das ich vor siebzehn Jahren mal auf Leinwand gemalt habe.
Der Ausdruck hatte ein paar Knicke und Risse im Papier und ich schnitt nur das mittlere Objekt mit der Nagelschere aus. Es war Orange und Blau. Ich legte es mitten auf die blau bespannte Minileinwand und es passte irgendwie ganz gut zusammen. Nur die verspielten weißen Ornamente störten mich etwas. Ich holte einen türkisblauen Textmarker und färbte die ganzen weißen Kringel um, das gefiel mir schon viel besser.
Mit einem alten weißen Lackmalstift, der fast keine Farbe mehr hatte, malte ich ein paar Strahlen, immer an den kleinen Arabesken vorbei. Dann kam ich nicht mehr weiter, weil mir Farbe fehlte. Ich habe nur ein paar Textmarker und Faserschreiber in meiner Wohnung, keine Farben zum Malen.
Ich schaute noch mal in meiner kleinen Kiste, wo auch Tesafilm und Kleber ist. Und da war zufällig ein Mini-Rest goldene Acrylfarbe, die ich mal mit in die Wohnung genommen habe, um eine abgestoßende Stelle an einem Rahmen auszubessern. Im Deckel war ein dicker Pinsel, wie man das von Nagellackfläschchen kennt. Eigentlich wollte ich gar kein Gold verwenden, aber es war die einzige Farbe, die ich nun gerade griffbereit hatte, und Nagellack wäre noch unpassender gewesen. Ich konnte einfach nicht warten, bis ich wieder in meiner Werkstatt bin, ich musste pinseln! Eine höhere Macht zwang mich dazu!
Ich schaute dabei die super Doku „Picasso – Kunst als politische Waffe“ und malte unter Zwang goldene Vierecke. Als ich noch Dreiecke malen wollte, war nach einem die Farbe alle und der Film war aus.
Also musste ich mich in mein Schicksal fügen und schlafen gehen, obwohl das unbeabsichtigte Zufallsbild nicht fertig war. Aber nun wusste ich, wo es hinwill. Am nächsten Tag habe ich es mit in meine Werkstatt genommen und die Dreiecke fertig gemalt. Und die übrigen etwas lästigen Girlanden, die man noch gesehen hat, mit schöner blauer Farbe übermalt.
Ich fand es dann doch ein bißchen magisch und sah ein, dass man manchmal einfach nicht seinen Willen durchsetzen kann, wenn so ein Bild meint, es will goldene Drei- und Vierecke haben. Vielleicht ist es ein bißchen kitschig, aber der Kontrast von Orange und Blau mit dem Gold hat schon was. Und wer bin ich, mich dem Willen von Gott zu widersetzen.
Ich glaube, das könnte auch wieder eine kleine Postkarte abgeben. Ich denke, ich kaufe heute Nachmittag ein paar Briefmarken. Die Empfänger werden diesmal nach einem streng geheimen Losverfahren ausgewählt.
Liebes Tagebuch,
vorgestern habe ich zehn Postkarten gebastelt und verschickt. Ich hatte noch Briefmarken und das Porto hat für zehn Karten gereicht. Ich hatte Lust, einen Frühlingsgruß zu verschicken, aber nicht nur an eine einzige Freundin, sondern an alle, die mir in den letzten Monaten auch einmal eine schöne Karte geschickt haben. Meine Eltern haben auch eine bekommen. Wegen der Gleichbehandlung haben alle (außer meine Eltern) dieselben Zeilen bekommen, aber die Anrede und die Postanschrift habe ich höchstpersönlich von Hand geschrieben. Ich hoffe, dass niemand beleidigt ist, dass ich noch neun anderen Freunden genau dasselbe geschrieben habe. Es kommt auf allen Karten von Herzen, ohne Ausnahme! Ich hätte natürlich gerne noch mehr Karten verschickt, aber die Bastelei ist doch anstrengend und ich wollte keine Briefmarken dazukaufen (ich muß auch wirtschaften!). Man kann es ja auch von der Warte betrachten, dass man privilegiert ist, wenn man eine der Karten im Briefkasten hat, da es sich um eine streng limitierte Auflage von zehn Stück handelt. Ich hoffe, die Karten sind angekommen und haben ein bißchen Freude bereitet.


Manche Sätze, Gedanken bleiben auch noch lange nach der Lektüre hängen. Aber viele sind es nicht. Diese Zeilen des sehr erfolgreichen Hoteliers Carsten K. Rath unbedingt:
„Die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen und ihre Bedürfnisse zu erkennen, ist ein entscheidenes Merkmal echter Service-Persönlichkeiten. Sie ist die Grundvoraussetzung, um Gäste zu begeistern, und die Basis für eine persönliche, herzliche Beziehung. Herzlichkeit ist nicht unprofessionell, sondern Trumpf. Professionalität ohne Herzlichkeit ist Arroganz.“
Carsten R. Rath, „Sex bitte nur in der Suite – aus dem Leben eines Grand Hoteliers“
Gerne gelesen, erstaunlicher internationaler Werdegang durch die absolute Oberliga von fünf Sterne-Hotels. Er hat u. a. das Berliner Adlon auf die Eröffnung vorbereitet. Heute betreibt er eigene Hotels, machen einen guten Eindruck.

Gestern erhielt ich überraschend eine weitere farbige Postkarte mit der Abbildung eines Gemäldes aus dem Jahre 1909 von der Malerin Gabriele Münter, betitelt „Allee vor Berg“. Man sieht Berge, einen Weg und Bäume. Ich transkribiere die Mitteilung in Computerschrift:
„14. April 2020
Liebste Gaga,
überhaupt wird meiner Mei-
nung nach die Bedeutung von
Bäumen für die Kunstge-
schichte unterschätzt. Höchste
Zeit, sie mal mit einer eigenen
Ausstellung zu würdigen. Die
Auswahl an großartigen Werken
ist immens.
Herzlichst
…
(zensiert)
P.S. Wußte gleich, diese Karte soll zu Dir.“

Da denkt doch jemand mit! Das nenne ich aufmerksam. Wie oft leide ich unter mangelnder Aufmerksamkeit! Gäbe es nicht diese kleinen Silberstreifen am Horizont, ich wüsste mir nicht mehr aus noch ein. Ich freue mich immer ganz außerordentlich, wenn mir jemand eine Karte schickt, noch dazu, wenn sich jemand etwas beim Motiv zu mir gedacht hat. Das ist ein schönes Gefühl.
Die Berge auf dem Postkartenbild erinnern mich an Island, wo es wirklich vulkanische Berge gibt, die so ausschauen. Aber es geht ja eigentlich um Bäume. Wo ich auch gerade ein bis zwei Bäume gemalt habe, interessiert mich das Thema unbedingt, auch wenn ich nicht die erste Sammlerin von Gabriele Münter bin, ich respektiere ihr Schaffen und Werk und habe mit der Karte wieder ein neues Werk (in Privatbesitz) kennen gelernt.
Interessanterweise hatte ich gerade, bevor ich die Karte aus dem Postkasten fischte, beschlossen, mich bei einigen Postkartenfreundinnen und -freunden, die mir in den letzten Monaten auch einmal geschrieben hatten, zu revanchieren, indem ich auch einmal wieder etwas schicke. Das habe ich heute in die Wege geleitet. Ich hoffe, ich kann damit so viel Freude auslösen, wie mir die mir zugeschickten Karten bereiten.

Pablo Picasso, “Nature morte à la bouteille, à la sole et à l’aiguière” 1946.
Mein Altarbild. 120 x 250 cm. Ripolin-Farbe und Graphit auf Faserzementtafel. Ich hätte dann auch gerne so eine kleine, weiß gekalkte Kapelle in meinem Ausstellungstempel, und dort wäre dieses Bild. Man kann Andacht halten, noch mehr als in den anderen Schatzkammern meiner Ausstellung. Pablo ist schon Elvis, da gibt es nichts zu deuten.
Was ich auch sehr an ihm mochte, ist sein klares Urteil über seine missratenen Ergebnisse, ohne Koketterie. Er hat richtig schlimme Bilder gemacht, er war eben sehr fleißig, da hat man auch mal einen schlechten Tag oder vertut sich.
Aber das hier ist vom Allerfeinsten, eine Sternstunde. Hätte ich unendlich gerne um mich. Er begleitet mich nun fast vierzig Jahre, und immer wieder hat er mich stark beschäftigt. Von keinem Künstler habe ich mehr Bilder real gesehen. Im wunderbaren Picasso-Museum in Paris war ich auch so sehr angetan von seinen Keramiken und seiner eigenen Gemäldesammlung, die eine ganze Etage einnimmt.
Ich kann die Ausstellungen nicht mehr zählen, die ich von seinen Werken sehen durfte. Überall atemberaubende Highlights, immer diese verspielte Urkraft, dazwischen auch Mittelmäßiges, aber im Kontext interessant. In meiner Wohnung gibt es so viele Picasso-Spuren und auch Fotografien von ihm, dass ich mit ihm lebe, wie mit einem Familienmitglied. Der einzige Verwandte unter meinem Dach sozusagen.
Ich lese gerade eine mit Fotos bebilderte Erinnerungsfibel von der Kunstsammlerin Angela Rosengart. Das Büchlein heißt: „Besuche bei Picasso“, von 1973, ist ganz vergilbt und nur antiquarisch erhältlich. Er hat sie auch gemalt, sie lernte Picasso gemeinsam mit ihrem Vater Siegfried Rosengart, einem renommierten Schweizer Kunstsammler- und händler kennen und sie befreundeten sich und trafen sich von da an immer im Oktober in Vallauris. In diesem Gespräch erzählt sie auch von ihrem Werdegang und ihren Begegnungen mit Picasso. Sehr sehenswert.

Hier sehen wir ein spätes Kinderbild von Gaga Nielsen. Ich habe in den letzten Tagen ja wieder fleißig gewerkelt, dabei ist mir zum ersten mal seit meiner Schulzeit ein Bild auf stinknormalem DIN A 3 Papier unterlaufen, das ich eigentlich nur wie Küchenpapier benutzt habe, um Farbüberschuss von einem anderen, ‚richtigen‘ Bild abzutupfen. Irgendwie hat der Abdruck zufällig wie ein Baum ausgesehen und dann war es mir zu schade zum Wegschmeißen und ich hab den Baum noch ein bißchen weiter ausgemalt und die Flecken drumherum mit weißem Kreidemalstift überdeckt. Reduce to the max! Da es DIN A 3 ist, kann man es auch mal auf die Schnelle einscannen, ich habe ja derzeit keine Lust, meine Bilder zu fotografieren, weil es auch einfach viel Aufwand ist, bei den Ansprüchen, die ich habe.
Typisch für den Gaga Nielsen-Stil ist auf jeden Fall immer eine ordentliche, saubere Silhouette, nicht so ein ausgefranstes Gefussel, wie man das andernorts sieht! Ordnung muss sein, bin ja schließlich Jungfrau! Nachdem die überschüssige Farbe vor allem Grün war, sind die Bilder, an denen ich sonst gearbeitet habe, die schon größenmäßig nur auf einen Reproduktionsscanner passen würden, in zwei Fällen auch sehr grün. Das eine hat einen vibrierenden Kontrast mit Pink. Elektrisierend! Der Frühlingsbaum hier dürfte so ziemlich das schlichteste Bild sein, das ich in den letzten Jahren gemacht habe. Oder vielleicht jemals. Aber man kann was erkennen! Wenn man einen Bewegungsablauf macht, den man Jahre nicht gemacht hat, wie zum Beispiel mit so einer Wasserfarbenpalette aus dem Supermarkt auf einfaches weißes Papier zu malen, wie in der Schulzeit, fühlt man sich auch ein bißchen wie ein Schulkind. Ich war also vorgestern, als ich den Baum gemalt habe, ungefähr 11 Jahre alt.

August Macke, Kairouan I, 1914
Ich muss gestehen, mir ist jetzt erst bei der Lektüre von Mackes Wikipedia-Eintrag bewusst geworden, dass er nur 27 wurde und im ersten Weltkrieg 1914 (dem Jahr, in dem er die Kairouan-Reihe malte) „fiel“, wie man es immer so merkwürdig abgeschwächt nannte, wenn ein Soldat im Krieg einem tödlichen Schuss der gegnerischen Truppen zum Opfer fiel. Ja fiel. Zum Opfer fiel. Das ergibt für mich plötzlich einen ganz anderen, dramatisch verschärften Kontrast zu seinem weltberühmten Lebenswerk, das in nur zehn Jahren entstanden ist (Parallele zu Van Gogh übrigens), diesen vor Leben und Lebenslust strotzenden Gemälden, feinsinnig, atmosphärisch dicht, hingebungsvoll. Die Tunisreise habe ich als Bildband, die Motive dieser Reise fingen mich schon als sehr junge Frau ein. Dieses Licht aus Nordafrika, das Gleißen, die reduzierte, kubistische Architektur…
Kairouan I ist mir auch als Kalenderblatt zugeflogen, ebenso wie van Goghs Ebene bei Auvers. Merkwürdig, da kauft irgendjemand einen Kalender mit schön gedruckten Bildern und dann ist das Jahr passé und der ganze Kalender landet im Papierkorb oder angelehnt daneben… Banausen! Ich kaufe gar nicht erst Kalender, weil ich das Datum bei Bedarf von Displays ablese und für längerfristige Planungen würde ich mich auch nicht vor einen Bildkalender stellen und hin und herblättern. Das ist doch unpraktisch! Auch finde ich nicht, dass ein Bildmotiv durch Zahlen unterhalb des Bildrandes aufgewertet wird. Gut, das kann jeder halten, wie er will.
Immerhin ist mir auf diesem Weg gratis Kairouan I in die Hände geflattert. Ich fand passenderweise sogar ganz in der Nähe des ausrangierten Kalenderblattes ein Bild mit einer Industrie-Fotografie, auf Spanplatte aufgeleimt. Das Schicksal wollte es, dass das Kairouan I-Format wie angegossen auf die Spanplatte mit dem uninteressanten Foto passte und ich holte den Klebestift und schritt zur Tat. Seither lehnt es an einer der Wände, die meinen Schreibtisch umgeben. Es ist im Lauf der Jahre etwas verblasst, aber das steht dem Motiv sehr gut. Als wäre der Sonnenwind der nordafrikanischen Wüste darübergeweht.
Auch dieses Aquarell befindet sich im Original in der Sammlung der Pinakothek. Macke ist selten auf dem Markt und wenn dann natürlich im Millionenbereich, wie alle Superstars.

Otto Mueller, Akt auf dem Sofa liegend, 1920
Auch ein Bild, das ich herzen möchte. Von Mueller hab ich ja schon eins in meiner Traumsammlung, die „Drei Frauen im Spiegel“, auch schon gezeigt. Ich weiß auch noch zwei weitere, die mich sehr anziehen.
Geld spielt ja keine Rolle, daher kann ich auch noch ein paar größere Kaliber in meine Sammlung nehmen. So ein Scheich aus den Arabischen Emiraten guckt auch nicht erst ins Portemonnaie oder auf den Kontoauszug, wenn er sich für ein Bild entscheidet und inkongnito per Unterhändler via Telephonschaltung mitbieten lässt.
Das wäre ja auch unwürdig, wenn es um große Kunst geht. Dass man den Zuschlag kriegt, darauf kommt es an! Also ich halte mit. Ohne Wenn und Aber! Das Bild würde auch sehr schön in mein Schlafzimmer passen. Mueller lag zuletzt so um zwei Millionen Euro, wie ich mich erinnere.

Vincent van Gogh, Ebene bei Auvers, 1890, Neue Pinakothek
Ich verbinde eine persönliche Geschichte mit dem Bild. Eigentlich war und bin ich nicht die größte Verehrerin von Vincent van Gogh, mir ist das Gestrichel oft zu dominant und auch in diesem Bild hätte ich es im oberen Bereich beim Himmel gerne etwas reduziert.
Aber dennoch habe ich das Bild sofort sehr gemocht, es hat mich hineingezogen, als ich es zufällig in einem ausrangierten, abgelaufenen Wandkalender entdeckte, der neben einem Papierkorb lehnte. Ich riss es aus dem Kalender, die übrigen Motive interessierten mich nicht.
In Blickrichtung von meinem Schreibtisch brachte ich es an, vorher hatte ich natürlich den unteren Streifen mit der Monatsangabe und den Tagen abgeschnitten, so dass es einfach wie ein ganz brauchbarer Druck auf festerem Papier wirkte. So begleitete es mich viele Jahre, ich zog mit meinem Schreibtisch um und hatte dann keinen Platz mehr dafür, weil ich andere Bilder, eigene aufhing.
Beim Ausmisten fiel es mir in die Hände, es war inzwischen in einem Schrank gelandet, zum Wegschmeißen war es mir aber auch zu schade, ich nahm es in meine Wohnung und fand zufällig auch einen genau passenden weißen Rahmen dafür, und stellte es eher beläufig hin.
Im Mai 2010 unternahm ich mit Georg eine besondere Reise auf den Spuren von Friedrich Rückert und auch auf den Spuren von Georgs Kindheit in der Nähe von Würzburg. Wir besuchten Gerbrunn, wo er als kleiner Junge wohnte. Die Sonne schien und der Raps blühte, er zeigte mir den Lieblingsspielplatz seiner Kindheit, wo er mit seinen Freunden Drachen steigen ließ und Indianer spielte.
Es war eine Anhöhe, die wir nach oben gingen, von der aus man einen weiten Blick ins Land, auf Felder und Raps hatte. Mir war, als hätte ich diesen Anblick schon einmal gesehen. Ich wusste aber nicht woher.
Als ich von der Reise zurück nach Hause kam, fiel mein Blick auf das alte gerettete Kalenderbild mit dem Bild der Ebene von Auvers von Vincent van Gogh. Ich war geradezu erschüttert. Es sah genau aus, wie der Blick von der Anhöhe auf die Felder, auch das Rapsfeld war da. Ich hatte eine Gänsehaut. Was für ein Déjà Vu. Ich habe das alte Kalenderbild immer noch und halte es seither in Ehren.

Judy Watson Napangardi – Mina Mina Jukurrpa 2005, 152 x 122 cm
„Judy Napangardi Watson (circa 1925 – 2016) was an Indigenous Australian, senior female painter from the Yuendumu community in the Northern Territory, Australia. Well known for the distinctive style of painting that she developed alongside her sister Maggie Watson who taught her painting skills, she was a significant contributor to contemporary Indigenous Australian art.“
Was eher nur australische Einwohner und Kunstkenner und Museumsbesucher wissen werden ist, dass Judy Watson Napangardi zu Lebzeiten schon so erfolgreich war, dass man sagen könnte, was Klimt für das Abendland ist, ist Judy für Australien. Sie ließ sich parallel von mehreren hochkarätigen Galeristen vertreten, hängt in allen Nationalgalerien des australischen Kontinents und ihre Motive werden auf Kaffeetassen und andere Souvenirs gedruckt. Sie malte überwiegend großformatige Bilder. Eines der größten, 193 x 367 cm mit dem Titel „Womens Dreaming“ erzielte bei einer Auktion fast zweihundertdreißigtausend australische Dollar.
Ich habe ein Foto gesehen, wo man sie beim Malen sieht, sie sitzt am Boden AUF dem Bild und bearbeitet die Mitte. Entweder war es eine große Spanplatte oder eine Leinwand, die noch nicht aufgespannt war. Ich male auch auf dem Boden, aber auf dem Bild bin ich dabei noch nicht gesessen. Eine Staffelei wäre keine gute Geschenkidee für mich, ich hätte überhaupt keine Verwendung dafür. Auf eine senkrechte Fläche zu malen ist einfach ein anderer Bewegungsablauf, der mir nicht zusagt und auch das Verhalten der aufgetragenen Farbe, sofern flüssiger, nicht in meinem Sinne beeinflusst.
Aboriginee Art ist in den letzten Jahren sehr populär geworden, es gibt wahnsinnig viele Künstler, die das in Australien anbieten und auch gut verkaufen. Viele machen auch schöne Tiermotive, kennt man ja. Von allen Bildern, die ich gesehen habe, auch unter denen von Judy, mochte ich dieses hier am liebsten. Ich würde es mir sofort in meinen privaten Räumen aufhängen. Für so einen schönen Anblick findet sich immer ein Platz, oder man schafft ihn eben.
Wenn ich all diese phantastisch schönen Bilder, die ich bislang gezeigt habe, wirklich hätte, wäre ich ja sowieso finanziell so aufgestellt, dass ich auch die entsprechenden Räumlichkeiten hätte, um jedes Bild in einem eigenen Raum zu präsentieren. So stelle ich mir das vor. Ich würde dann das Interieur auf das Bild abgestimmt auswählen. Ein passender Teppich, ein schöner Sessel, der mit den Farben des Bildes korrespondiert. Ich möchte eigentlich immer, dass sich das gemalte Bild in den Raum fortsetzt, dass man darin lebt, sobald man den Raum betritt. Ich wäre eine ganz hervorragende Ausstellungsarchitektin und Kuratorin und Galeristin oder Museumsdirektorin. Es wäre ein Traum…

Max Pfeiffer Watenphul, Landschaft bei Positano 1954
Nach Neapel geht es nach Positano. Auch dieses schöne Aquarell von einer Ansicht in Positano befindet sich seit vielen Jahren in meinem Besitz – als …äh Postkarte. Immerhin schön gerahmt mit einem elfenbeinfarbenen Passepartout. Wie kommt der Maler zu so einem komplizierten Namen… ich kann ihn mir einfach nicht merken. Pinien mag ich sehr.
Max Pfeiffer Watenphul ist wie ich am ersten September geboren, aber 69 Jahre vor mir. In den Fünfziger Jahren zog er nach Rom, wo er 1976 starb. Seine Wegbegleiter sind dermaßen berühmt und auch er hatte einigen Erfolg, dass man sich fragt, wieso einem der Name nicht geläufiger ist. Alfred Flechtheim war sein Galerist, mit Peggy Guggenheim war er auf Du und Du. Schon der Werdegang… ich zitiere aus Wikipedia:
„(…) 1919 wurde Max Peiffer Watenphul Schüler am Bauhaus in Weimar. Von Walter Gropius erhielt er die Erlaubnis, in allen Werkstätten zu hospitieren. Er bekam ein eigenes Atelier und besuchte den Vorkurs von Johannes Itten. In diese Zeit fällt der Beginn der Freundschaft mit Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Gerhard Marcks, Josef Albers, Paul Klee, Kurt Schwitters und Else Lasker-Schüler. Bis Ende 1923 hatte Peiffer Watenphul seinen Wohnsitz in Weimar. Ab 1920 war er Mitglied im Künstlerbund „Das Junge Rheinland“ in Düsseldorf, befreundet mit Otto Dix, der ihn porträtierte, Werner Gilles, Otto Pankok und Max Ernst.“
usw. usf. Also ein Schüler von Itten (der mit dem Farbkreis) Eine ganz schicke Website hat er auch. Preislich bewegen sich seine Werke zwischen zwei- und fünfunddreißigtausend Euro. Eigentlich erschwinglich (ich bin ja nun inzwischen andere Preise gewohnt).

Carl Gustav Carus, Balkon in Neapel 1829 – 1830
Alban Nikolai Herbst gewidmet, der Neapel so sehr liebt, und nun nicht dort sein kann. Dafür zeigt Berlin in diesen Ostertagen neapolitanisch warme Sonnenstrahlen. Und in diesem kleinen Bild ist ein Saiteninstrument zu sehen, auch deswegen widme ich es Alban. Dieses Bild, das ich als Postkarte um mich habe, hängt im Original in der Alten Nationalgalerie in Berlin, die, wie alle Museen auf der Welt geschlossen ist. Das kleine Leinwandbild ist minimal größer als DIN A 4, und natürlich prächtig gerahmt, wie es sich gehört. In der Dokumentation der Alten Nationalgalerie findet sich dazu die folgende Beschreibung von Birgit Verwiebe:
„Während seiner Italienaufenthalte genoß Carus die Schönheiten des Südens mit seiner »ganzen feenhaften Erscheinung von Meer und Feuerbergen, Zitronen- und Orangenwäldern, Staub- und Menschenwogen« (C. G. Carus, Denkwürdigkeiten aus Europa, Hamburg 1963, S. 314). Zugleich betrieb er naturwissenschaftliche Studien über Fauna, Flora und Geologie der Region. In dieser Komplexität von Weltwahrnehmung und Weltanschauung lag ein Grundmotiv seines Strebens.
Die zweite Italienreise, die Carus im Jahre 1828 als Begleiter des Prinzen Friedrich August von Sachsen unternahm, führte ihn am 4. Mai desselben Jahres nach Neapel, wo er sein Quartier im Casino Reale an der Via Chiatamone bezog: »Ein alter reichgekleideter, deutscher Haushofmeister führt jeden in die bereiteten Zimmer. Mit nicht geringer Spannung erwarte ich mein Los! Endlich geleitet er mich hinauf, ich trete ein, und vor mir liegt Vesuv, Meer, Kastell und blaue Ferne!« (ebd., S. 298). Mit leuchtenden Farbklängen hat Carus in diesem Gemälde die Eindrücke seines Neapler Aufenthaltes festgehalten. 1830 war das Bild als »Erinnerung an Neapel« in Dresden ausgestellt. Das Zimmer gewährt einen Ausblick auf die vom Sonnenlicht golden umglänzte Hafenbucht mit Booten und dem Castel dell’Ovo, dahinter in zartem Blau die Insel Ischia. Die im Türrahmen des Balkonzimmers lehnende Gitarre deutet auf den Gesang der Fischer, der abends im Hafen erklingt. Mit dem Fensterausblick griff Carus ein romantisches Sehnsuchtsmotiv auf: Der Nähe des Vordergrundes ist die Aussicht in die Ferne, ins Weite gegenübergestellt“
Ich mag Bilder mit Fensterausblicken sehr. Ich fahre nun wieder in mein Atelier und werkle zwischen Sonne und Halbschatten. Vorher noch zur Bio Company, Sahne kaufen. Und guten Wein.

Ich bleibe in Südfrankreich, mit einem Bild von einer großen Pinie an der Côte d’Azur. Roger Mühl (1929 – 2008), Paysage au grand pin. Öl auf Leinwand, 100 x 110 cm. Roger Mühl oder Muhl, wie er international geschrieben wird, war deutsch-französischer Herkunft und lebte und malte den größten Teil seines Lebens in der Provence, deren Küste und Landschaften seine Hauptmotive waren. Ein Streifzug durch seine Bilder ist wie ein Urlaubstag. Sein virtuos flächiger Stil mit leuchtenden, jedoch überaus subtilen Farbabstufungen ist total auf meiner Wellenlänge. Die Bilder liegen preislich im vier- bis fünfstelligen Bereich, bis zu fünfundzwanzigtausend Euro. Überwiegend von Christie’s und Sotheby’s versteigert. Habt einen angenehmen Tag, in Berlin ist gleißende Sonne. Ich fahre jetzt in mein Atelier und arbeite mit offener Balkontür.

René Genis, Les olives 1984
René Genis war ein französischer Maler und lebte von 1922 bis 2004. Seine Bilder sind vor allem in französischen Sammlungen und Museen zu finden. Ich entdeckte ihn zufällig, er hat keinen deutschen Wikipediaeintrag, nur einen französischen und ist bei artnet verzeichnet. Er malte vorwiegend Stilleben und Landschaften und muss eine grenzenlose Liebe zu Blumen gehabt haben. Wenn man seinen Namen in Verbindung mit „fleurs“ eingibt, zeigen sich unendlich viele Gemälde von ihm, auf denen er Blumensträuße verewigt hat. Mit einem ganz besonders feinen Sinn für Farbe und Licht und auch den Hintergrund. Er wäre sicher auch ein guter Stylist geworden. Sehr souverän, wie er mit Farbkombinationen arbeitet. Klare, beinah grafische Flächen, alle Details beachtend. Sehr virtuos in seinem Lieblingsgenre. Und die Landschaften haben besondere Helle und Weite.
Seine Werke sind gar nicht teuer, ich sollte mich ernsthaft erkundigen, was gerade zum Verkauf auf dem Markt ist. Die Preisspanne beginnt schon bei ein paar Hundert Euro, das bislang teuerste Bild von ihm wurde für ca. 6.300 Euro versteigert. In Relation zu meinen bisher gezeigten Lieblingsbildern fast schon geschenkt. Diese von ihm gemalten Blütenrispen in einer Vase finde ich einfach zauberhaft. Der Dichter Ralph Waldo Emerson schrieb: “The earth laughs in flowers.” ― „Blumen sind das Lachen der Erde“

Johannes Itten, Komposition in Orange und Blaugrün, 1957
Der am Bauhaus lehrende Itten hat diesen berühmten Farbkreis entwickelt, den wir wohl alle als Schulkinder malen mussten. Oder durften. Mir kam das entgegen, da ich sowieso gerne malte und auch immer sehr konzentriert und genau, ein unkontrolliertes Gekleckere oder Geklekse über den Rand gab es bei der kleinen Gaga nicht. Das ostereierbunte Aquarellbild, das mir sehr gut gefällt, wurde 2010 von Sotheby’s, zum Preis von 41.250 CHF versteigert, das sind ungefähr 39.000 Euro. Es ist eher klein, 27 x 37 cm. Eine Größe zwischen DIN A 3 und DIN A 4. Dafür würde ich bestimmt auch noch ein Plätzchen finden.

Lee Krasner „Milkweed“, 1955.
Oil, paper and canvas collage on canvas, 213 x 150 cm
Gerade ein Zitat bei Lydia gelesen „Kunst ist dazu da, die Wirklichkeit zu verhindern…“ (Heiner Müller). Finde ich wunderbar. Obwohl es noch wunderbarer wäre, wenn Kunst unsere Wirklichkeit würde. Im Sinne des großartigen Ideals der Navajo, die das (was ich meine oder mir ersehne) „To Walk in Beauty“ nennen. Als ich vor sechzehn Jahren eine Weile bei der Navajo Nation in Utah und Arizona verbrachte, habe ich aus nächster Nähe erfahren, was das im Alltag bedeutet. Andere erfahren das als Zen beim Bogenschießen oder Gemüseschnippeln. Es ist ein liebender Blick auf die Welt, jedes Wesen, jede Bewegung, jeden Augenblick. Wille zur Anmut.
In einem alten Interview auf youtube erzählt Lee Krasner, wie sie ihre Bilder angeht. Ich dachte, ich traue meine Ohren nicht. Sie hat exakt dasselbe beschrieben, wie ich es mitunter schon zu erklären versuchte. Das war so deckungsgleich – in der Ausprägung habe ich das noch nie vorher von einem anderen Maler gehört, obwohl es sehr freie Maler immer schon so praktizieren.
Man befindet sich vor einer neuen Leinwand. Oder einem anderen Materialträger. Dann stellt sich ein vorrangiger Impuls ein, der zu einer bestimmten Farbe oder einem bestimmten Material drängt. Das ist die erste Entscheidung. Dann der erste Farbauftrag, die erste Linie, Silhouette. Ein starker Impuls, dem man nachgibt, dem man sich fügt. Nach einer Weile stellt sich die Richtung ein, wohin es will, dieses Bild, das man vor sich hat. Man fällt dann viele weitere Entscheidungen, aber die kennt man erst in dem Moment, wo sie fallen. Man fügt sich dem Diktat, dem Gebot der Stunde und ergibt sich einer großen Welle. Und an guten Tagen wird es ein großes Konzert.

Saloua Raouda Choucair „Two=One“, 1947 – 1951. Ich habe tatsächlich seit gestern nach einer weiteren Malerin gesucht, der ein Bild unterlaufen ist, das ich gerne dauerhaft um mich hätte. Das war gar nicht einfach. Und dann stieß ich auf die libanesische Malerin Saloua Raouda Choucair, die im Jahr 2013 von der Tate Modern in London mit einer Retrospektive gewürdigt wurde.
Noch nie vorher von ihr etwas gesehen oder gehört. Geboren 1916, gestorben 2017. Fernand Léger unterrichtete sie in Paris. Ein sehr eigener Stil, den ich in jedem Detail verstehe, nachempfinden kann. Mehr will ich gar nicht dazu sagen. Es gibt eine stilistische Parallele zu einer anderen von mir geschätzten Künstlerin, Mary Bauermeister. Sie hat eine Serie von genähten Bildern aus alten, geflickten Fragmenten von Leintüchern gemacht, die aber Gegenlicht brauchen, um ihren Zauber zu entfalten. Vielleicht poste ich das auch noch. Ganz großartig. Man müsste sie vor eine Scheibe mit Sonnenlichteinfall hängen.
Aber dieser Eintrag hier soll Saloua Raouda Choucair gewidmet sein. Amen. Inshallah. Und gute Nacht aus Berlin. Morgen mehr (ich habe noch einige Schätze).

Lee Krasner, „Desert Moon“, 1955. Das Bild war für mich Liebe auf den ersten Blick. Für diejenigen, die mit dem Namen Lee Krasner nicht auf Anhieb vertraut sind, zitiere ich aus Wikipedia (man kann nicht alles und jeden kennen, zumal, wenn man nicht selbst malt oder Kunst oder Kunstgeschichte studiert hat, nicht jedes Orchideenstudium gehört zur Allgemeinbildung):
„Lee Krasner (* 27. Oktober 1908 in Brooklyn, New York; † 19. Juni 1984 in New York; eigentlich Lena Krassner) war eine US-amerikanische Malerin und Collage-Künstlerin. Krasner war mit dem Action-Painting-Maler Jackson Pollock verheiratet. Obwohl ihr Werk weniger umfangreich ist, zählte sie neben Helen Frankenthaler, Elaine de Kooning und Joan Mitchell zu den einflussreichsten Künstlerinnen des abstrakten Expressionismus der ersten Generation in den USA.“
Ich wette, Jackson Pollock hat jeder schon mal gehört, hochberühmt, hochpreisig, absolute Oberliga, was Anerkennung anbelangt. Seine Frau Lee Krasner, mit der er auch ein gemeinsames Atelier hatte, war auch sehr erfolgreich, aber nicht ganz so überbordend gefeiert wie er. Von ihm finde ich nur schwer ein Bild, das mir etwas gibt. Alles zu Kraut und Rüben für meinen Geschmack, das Auge findet keinen Fokus, wie gemuschelte Auslegware aus den späten Achtzigern.
Ich kenne und verstehe durchaus das Prinzip von Action Painting, was auch zu sehr interessanten Ergebnissen führen kann. Aber der gute Pollock trifft einfach nicht meinen Nerv. Ich hatte in den Achtziger Jahren das zweifelhafte Vergnügen eine Woche lang von einem recht bekannten Vertreter des österreichischen Action Paintings quasi in seiner Kommune im Burgenland „unterrichtet“ zu werden, von Otto Mühl. Aber das ist eine andere Geschichte.
Lee Krasner finde ich auch als Persönlichkeit interessant. Ich habe mal einen Dokumentarfilm über sie und Jackson Pollock, ihr Leben und ihr gemeinsames Atelier gesehen. Sehr inspirierend. Preislich ist Lee Krasner auch in der Superstar-Liga. Das teuerste Werk von ihr wechselte 2017 für 5.487.500 $ den Besitzer – not so bad…!
Bislang habe ich keine weiteren Lieblingsbilder von weiblichen Malerinnen in meiner Sammlung. Lee ist bislang die einzige. Ich halte weiter Ausschau und geben sofort Bescheid, wenn ich fündig werde. Ich spreche hier unverändert ausschließlich von Bildern, die ich in meinen eigenen vier Wänden ertragen würde. Dass ein Bild nur „gut“ oder „interessant“ oder „spannend“ ist, reicht mir nicht. „Desert Moon“ trifft mich mitten ins Herz. Ich liebe es total. Ich kann nicht erklären, warum. Es ist wild und doch elegant, die Farben kämpfen nicht gegen, sondern tanzen miteinander. Es hat Weite und Wärme und Feuer. Und archaische Kraft.

Ich habe noch ein Bild von Walter Becker gefunden, das ich besonders gerne mag. Er hat es vier Jahre nach den Tänzerinnen gemalt, nämlich 1969 und es heißt „Terzett III“. Das bedeutet, dass seine Sehkraft noch mehr nachgelassen hatte, vielleicht war er fast schon blind und hat nur vage erkennen können, was er malt, vor allem die Farben vermute ich, konnte er noch wahrnehmen. Für mich sieht es dennoch nicht wie ein Bild aus, das jemand mit einem körperlichen Defizit gemacht hat, es wirkt keineswegs mitleiderregend. Aber es rührt mich. Er war damals 76 Jahre alt, und das Bild zeigt auch, dass der Blick auf die Welt immer jung bleibt. Ein älterer oder alter Mensch nimmt immer noch mit allen Sinnen wahr, was die Welt zu bieten hat, auch erotisch. Selbst wenn man es nicht mehr in der Form wie ein junger, vitaler Mensch ausleben kann. Die Phantasie bleibt immer wach und feurig wie in der Jugend oder einer anderen Blütezeit der eigenen physischen Existenz. Ewig jung.

Ein zauberhaftes Werk von Walter Becker aus dem Jahr 1965, in dem ich geboren wurde. Ich denke beim Betrachten daran, wie gerne ich mit meinen Freundinnen tanzen gehe, mit Ina, und Lydia und Jenny. Es wird bestimmt irgendwann wieder möglich sein, im Sommer vielleicht, aber im Augenblick scheint es so weit entfernt, als sei es in einem anderen Leben gewesen.
Der Maler dieses Bildes, Walter Becker, zählte für die Nazis zu den zu ächtenden Künstlern. 1937 wurden im Rahmen der Aktion Entartete Kunst 19 Werke Beckers beschlagnahmt. 1941 erhielt Becker einen Ruf als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe. „Doch noch vor Antritt seines Amtes, so schreibt Becker, sei durch die SS von Berlin aus sein Atelier versiegelt worden, und er sei ‚unter versteckter Drohung gezwungen gewesen vom Vertrag zurückzutreten‘.“ usw. usf.; später konnte er doch noch eine akademische Karriere machen.
Aber die folgende Anmerkung im Wikipedia-Eintrag: trifft mich dann wieder: „Seit den 60er-Jahren setzte eine fortschreitende Einschränkung der Sehkraft ein, die fast zur Erblindung führte. Becker gab die Malerei vorläufig auf.“ Mitte der Siebiger nahm er die Malerei mit stark geschwundener Sehkraft wieder auf und produzierte zum Teil sehr archaisch wirkende Bilder.
Das Bild, das 2007 bei einer Auktion unter dem Titel „Tänzerinnen“ angeboten wurde, wäre im Vergleich zu den bisherigen millionenschweren Werken meiner Wunschsammlung ein absolutes Sonderangebot gewesen. Es wurde vom Kunsthaus Ketterer für „nur“ 23.400 € versteigert. Ich mag es sehr.

Noch einmal ein Bild von Paul Klee, Lichtbreitung 1929, das ich durchaus nicht in meiner Sammlung verschmähen würde. Das Bild (Auflösung leider nicht so gut) kenne ich noch nicht so lange, es sprang mir zufällig bei einer Bildersuche ins Auge, ohne zu wissen, von wem es ist. Ich hätte es nicht Paul Klee zugeordnet. Es gibt schon noch ein paar Sachen bei ihm zu entdecken. Ich habe eine starke Zuneigung zu diesen Farben, besonders in der Kombination und dem intensiven Licht. Ich finde, es sieht ein bißchen anhtroposophisch aus, obwohl das nicht gerade ein Qualitätsmerkmal bildender Kunst aus meiner Sicht ist. Ich würde eher sagen, obwohl es so eine gewisse anthroposophische Anmutung hat, mag ich es sehr.
Ich hatte vor vielen Jahren eine Freundin, die der Anthroposophie äußerst zugeneigt war und immer einen Kalender von Weleda an der Wand hatte. Die Bilder waren auch immer sehr licht und organisch, aber nicht annähernd so plakativ und farblich virtuos wie dieses Bild. Das ich mir übrigens auch ausgezeichnet als Strandtuch vorstellen könnte. Ich habe mal recheriert, ob Klee eine Beziehung zur Anthroposophie hatte. Man findet ausschließlich Ergebnisse in denen erwähnt wird, dass er sich explizit davon distanzierte, vielleicht weil man Parallelen in seiner Malerei und diesem Weltbild zu finden glaubte und ihn mehrfach darauf ansprach. Im Zuge dieser Suche fand ich eine Auflistung von Malern und anderen bekannten Persönlichkeiten, die der Anhtroposphie sehr zugetan waren, was mich zum Teil auch überraschte, Beuys zum Beispiel und Piet Mondrian und Le Corbusier. Die werden hier im Wikipedia-Eintrag (vorletzter Absatz) als Freunde der Anthroposophie vermerkt.
Die Waldorfschulen machen ihre Sache schon ganz gut und Weledaprodukte sind auch nicht verkehrt. Der Einstein-Turm in Potsdam ist auch ein hübsches Ergebnis anthroposophischer Architektur. Aber das esoterische Geschwurbel drum herum ist zum Teil schon etwas überdreht und dogmatisch. Das wird Paul Klee im Himmel jetzt gar nicht gefallen, dass ich die von ihm so gar nicht gemochte Weltanschauung hundertfünfzig mal unter einem Bild von ihm erwähnt habe, aber dafür bringe ich es gerade noch mal richtig nach vorne. Kannte jemand das Bild? Es gibt noch ein zweites Bild von Klee mit dem Titel „Lichtbreitung I“, auch von 1929, stilistisch sehr ähnlich.
Paul Klee ist mir nicht so nah, aber dieses Bild finde ich wunderbar. Es ist aus dem Jahr 1939 und betitelt „Ernste Miene“. Ich finde viele seiner Bilder recht nett, aber nicht nett genug, um sie haben zu wollen. Bis auf noch ein anderes, das ich auch noch zeigen werde. Rekordsumme für einen Klee war bislang 4,18 Millionen Pfund, für das Bild „Die Tänzerin“. Wieder einmal bei einer Auktion von Christie’s in London.

František Kupka „Plans par couleurs“ 1910 – 1911. Das Bild hängt im Centre Pompidou in Paris. Ich habe es vor etwa dreissig Jahren entdeckt, und zwar als kleine farbige Abbildung auf einer Seite der deutschen Vogue. Ich habe es ausgeschnitten und immer irgendwo hingeklebt, wo ich es sehen konnte. Das kleine Bild ist bei irgendeinem Umzug beim Ablösen zerrissen, Damals gab es noch kein Internet und ich konnte mir keinen Ersatz ausdrucken. Ich weiß gar nicht, ob ich es 1995 im Centre Pompidou gesehen habe. Vielleicht doch, ja kann sein. Mir ist, als hätte ich dann erst gewusst, wer es gemalt hat. Aber manchmal erinnert man sich auch nicht richtig und baut sich die Bruchstücke der Erinnerung zu einer neuen Wahrheit zusammen. Ich mag das intensive Licht und die Geste, die Silhouette. Ich finde allerdings, es gibt einen kleinen Fehler: er hätte die Nase nicht so herausstellen sollen. Dieses auffällige Dreieck hätte es nicht gebraucht. Aber dennoch ein Bild, das ich sehr mag und mein Leben begleitet. Ich habe es mir vor einiger Zeit größer ausgedruckt und es steckt seitlich im Rahmen von einem Spiegel im Flur. Kupka hat in Prag studiert und sein Weg führte ihn nach nach Frankreich, er starb 1957 in der Nähe von Paris, im Alter von 86 Jahren. Das Bild malte er mit 39. Im Mai 2019 wurde ein Bild von ihm („Vertikale Flächen“) für 2,5 Millionen Euro versteigert.

Ein weiteres Premiumwerk aus meiner feudalen Sammlung. „Drei Mädchen im Spiegel“ von Otto Mueller aus dem Jahr 1912. So viele Bilder von ihm begeistern mich. Bei anderen Malern von Weltrang suche ich meistens länger, bis mich eines wirklich anspringt. Alle Frauen, die Mueller gemalt hat, wirken ungeheuer modern und eigensinnig, schon alleine wegen der Haltung des Kopfes. Dieses Bild ist über hundert Jahre alt und wenn einem heute eine Figur aus einem Bild von Mueller auf der Straße entgegenkäme, fände man sie völlig zeitgemäß. Das soweit bekannt teuerste Werk von Otto Mueller wurde 2010 von Christie’s für 2.079.650 £ versteigert. Der Preis einer sehr vorzeigbaren, luxuriösen Immobilie. Den Vergleich finde ich am eindrucksvollsten, schon wegen des physikalischen Größenunterschiedes. So einen enormen materiellen Vergleichswert hat große Kunst. Eine schöne Erkenntnis eigentlich.

Noch so ein Lieblingsbild von mir, das Original ist irgendwo in Privatbesitz. André Lhote hat es gemalt. Er wurde 1885 in Bordeaux geboren und starb 1962 in Paris und wird gerne in die Kubisten-Schublade gesteckt, aber ich finde, das wird ihm nicht gerecht. Seine Bilder würden auch gut ins Berliner Brückemuseum passen. Dieses prachtvolle Werk heißt „L’Atelier sur la terrasse de Mirmande“ und ist aus dem Jahr 1957. Lhote unterrichtete auch Malerei, unter anderem die legendäre Tamara de Lempicka, was insofern interessant ist, als ich bislang dachte, der unverwechselbare Stil von Lempicka sei originär ihr ureigener. Wenn man aber Bilder von Lhote aus früheren Jahren sieht, tritt zutage, dass Lempicka offenbar von ihm inspiriert wurde. Er hat im Laufe seines Lebens, wie die meisten großen Maler, in verschiedenen Richtungen stilistisch experimentiert. Dieses farbenfrohe Gemälde von Mirmande habe ich als kleineren, schön gerahmten Druck in meinem Atelier, weil es mich so inspiriert. Auch niemals in echt gesehen. Ich weiß nicht einmal, welche Größe das Original hat, ich kann nur vermuten. Vielleicht 60 x 80 cm. Oder größer. Oder kleiner. Keine Ahnung.
Manchmal stellt man sich Bilder größer vor, als sie tatsächlich sind. Beispielsweise die Gemälde von Frida Kahlo. Weil ihr plakativer, großzügiger Stil nach Größe schreit und die Bilder ab einer gewissen Größe auch gut wirken würden, dachte ich immer, sie müssen groß sein. Habe nie auf die Maßangaben geachtet, wenn ich einen Bildband durchblätterte. Als ich dann viele ihrer bekannten, zentralen Werke bei einer Retrospektive im Gropius Baus ‚in echt‘ sah, war ich bei fast allen von der Kleinformatigkeit enttäuscht. Geradezu läppisch klein sind die meisten Bilder. Teilweise sind die Abdrucke auf Kalenderblättern größer als die Originale. Eine Enttäuschung. Aber auch wieder erklärbar durch ihre Körperbehinderung. Im Bett auf dem Rücken liegend, kann man schlecht große Formate bearbeiten. Das ist schon bei guter Gesundheit eine gymnastische Herausforderung, da braucht man einen gesunden Rücken.
Zurück zu Lhote, den viele gar nicht kennen, und auf den ich selbst auch erst recht spät aufmerksam wurde, nämlich durch die Beschäftigung mit dem Meisterfälscher Beltracchi, der gerne auch mal den einen oder anderen Pseudo-Lhote auf den Kunstmarkt geschmissen hat. André Lhotes Gemälde „La danse au bar (Gypsy Bar)“ wurde 2007 bei Christie’s in New York für 2,7 Millionen Dollar verkauft, was bei aktuelleren Verkäufen so aufgerufen wurde, finde ich auf die Schnelle nicht, aber eher selten fallen die Preise für solche Meisterwerke ja. Beltracchi hat zudem für eine zusätzliche Popularität des einen oder anderen Malers gesorgt. Wenn ich das Bild also mein eigen nennen dürfte, hätte ich ein weiteres Werk im Wert einer feudalen Immobilie in meinem Heim. Es wäre schon eine sehr feine Sammlung. Na ja, Träumen kostet ja zum Glück nichts.

Noch eine Postkarte in meinem Wohnzimmer, sie lehnt in einem der weißen Bücherregale, seit vielen Jahren, und zeigt das Gemälde „Site bleu aux maisons“ aus dem Jahr 1975 von Jean Dubuffet. Ein spätes Werk von ihm, mein liebstes. Er ist mir ein Bruder im Geiste und der Vater der ‚art brut‘, die Schublade, in der ich mich auch am ehesten finde, wenn ein kunsthistorisches Etikett gefragt wäre. Ich weiß genau wie er arbeitete, alleine durch die Betrachtung seiner Werke, mehr muss ich nicht wissen. Aber ich weiß mehr. Er war auch ein experimenteller Musiker und Komponist, spielte mit Akkordeon und Fagott und Saiteninstrumenten. Er wurde 84 Jahre alt und hat bis zum Ende 1985 gemalt. Das teuerste Werk von Jean Dubuffet wurde am 11.05.2015 im Auktionshaus Christie’s für 24.805.000 $ versteigert. Damit liegt er preislich in der gleichen Liga wie mein Liebling De Staël. Dieses Bild „Site bleu aux maisons“ befindet sich in der Sammlung der Fondation Dubuffet in Paris. Ich würde es gerne einmal besuchen, immerhin ist es eventuell möglich. Es hätte einen Ehrenplatz in meiner Traumsammlung von Werken von Weltrang.


„Paysage du Lavandou“, Nicolas De Staël, 1952. Sehr, sehr geliebt… ich hab es nur als kleine Postkarte von 1996, seit zwanzig Jahren in meinem Wohnzimmer, weiß gerahmt mit weißem Passepartout. Ich habe es noch niemals in Wirklichkeit gesehen. Auf der alten Postkarte wird es der Pariser Galerie Malingue zugeschrieben, diese hat aber auf ihrer Seite keinen Hinweis auf das Werk. Ich vermute es in Privatbesitz. Was für ein Schatz. Im Oktober 2019 hat Christie’s ein anderes Bild von Nicolas De Staël für 20 Millionen Euro versteigert. In dieser Liga bewegt es sich.

Nicolas De Staël gehört zu den Malern, die ich besonders liebe. Er wäre auf jeden Fall in meiner privaten Sammlung von Werken von Weltrang, mit mehr als einem Bild. Er nahm sich im März 1955 in Antibes das Leben, indem er vom Balkon seines Ateliers stürzte. Er wurde nur 41 Jahre alt. Dieses Bild, Le Fort-Carré d’Antibes , ist eines seiner letzten. Das allerletzte heißt „Le Grand Concert„, „Das große Konzert“. Es ist weltberühmt, darauf ist ein Flügel zu sehen und flammendes Rot. De Staël hat mit archaischem Strich und stark pastosem Auftrag in Öl gemalt, weswegen ein klassischer Druck seiner Bilder niemals den sinnlichen Eindruck eines Originals ersetzen wird können. Ein Relief atmet anders. Er ist mir sehr nah, auch wenn ich nichts Vergleichbares erschaffen habe… bislang. Große Inspiration und ein Gefühl von Zuhause vermitteln mir seine Bilder aus Südfrankreich. Grau kam nicht so oft vor in seinen Werken, er liebte intensive, klare Farben, stark kontrastierend. Diese Grautöne eines eher windigen, bedeckten Tages entsprechen jedoch eher meiner heutigen Stimmung.

Nicolas De Staël, Le Fort-Carré d’Antibes 1955
Installation des Künstlers Sakir Gökcebag aus dem Jahr 2010
Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral, aber da wir ja nicht am Verhungern sind: alles für die Kunst!