Lee Krasner, „Desert Moon“, 1955. Das Bild war für mich Liebe auf den ersten Blick. Für diejenigen, die mit dem Namen Lee Krasner nicht auf Anhieb vertraut sind, zitiere ich aus Wikipedia (man kann nicht alles und jeden kennen, zumal, wenn man nicht selbst malt oder Kunst oder Kunstgeschichte studiert hat, nicht jedes Orchideenstudium gehört zur Allgemeinbildung):

„Lee Krasner (* 27. Oktober 1908 in Brooklyn, New York; † 19. Juni 1984 in New York; eigentlich Lena Krassner) war eine US-amerikanische Malerin und Collage-Künstlerin. Krasner war mit dem Action-Painting-Maler Jackson Pollock verheiratet. Obwohl ihr Werk weniger umfangreich ist, zählte sie neben Helen Frankenthaler, Elaine de Kooning und Joan Mitchell zu den einflussreichsten Künstlerinnen des abstrakten Expressionismus der ersten Generation in den USA.“

Ich wette, Jackson Pollock hat jeder schon mal gehört, hochberühmt, hochpreisig, absolute Oberliga, was Anerkennung anbelangt. Seine Frau Lee Krasner, mit der er auch ein gemeinsames Atelier hatte, war auch sehr erfolgreich, aber nicht ganz so überbordend gefeiert wie er. Von ihm finde ich nur schwer ein Bild, das mir etwas gibt. Alles zu Kraut und Rüben für meinen Geschmack, das Auge findet keinen Fokus, wie gemuschelte Auslegware aus den späten Achtzigern.

Ich kenne und verstehe durchaus das Prinzip von Action Painting, was auch zu sehr interessanten Ergebnissen führen kann. Aber der gute Pollock trifft einfach nicht meinen Nerv. Ich hatte in den Achtziger Jahren das zweifelhafte Vergnügen eine Woche lang von einem recht bekannten Vertreter des österreichischen Action Paintings quasi in seiner Kommune im Burgenland „unterrichtet“ zu werden, von Otto Mühl. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lee Krasner finde ich auch als Persönlichkeit interessant. Ich habe mal einen Dokumentarfilm über sie und Jackson Pollock, ihr Leben und ihr gemeinsames Atelier gesehen. Sehr inspirierend. Preislich ist Lee Krasner auch in der Superstar-Liga. Das teuerste Werk von ihr wechselte 2017 für 5.487.500 $ den Besitzer – not so bad…!

Bislang habe ich keine weiteren Lieblingsbilder von weiblichen Malerinnen in meiner Sammlung. Lee ist bislang die einzige. Ich halte weiter Ausschau und geben sofort Bescheid, wenn ich fündig werde. Ich spreche hier unverändert ausschließlich von Bildern, die ich in meinen eigenen vier Wänden ertragen würde. Dass ein Bild nur „gut“ oder „interessant“ oder „spannend“ ist, reicht mir nicht. „Desert Moon“ trifft mich mitten ins Herz. Ich liebe es total. Ich kann nicht erklären, warum. Es ist wild und doch elegant, die Farben kämpfen nicht gegen, sondern tanzen miteinander. Es hat Weite und Wärme und Feuer. Und archaische Kraft.

22 Antworten auf „07. April 2020

  1. Ich wage es kaum zu sagen, aber ich habe in meinem kleinen Zimmer ein Bild von Rosina Wachtmeister zu hängen. Die meisten Bilder von ihr sind mir eigentlich zu kitschig, obwohl ich generell Katzen mag, aber dieses gefiel mir: https://flic.kr/p/2iN1Ah2
    Ich oute mich nur, weil du weibliche Künstlerinnen erwähnt hast.

  2. ich finde es hochanständig von dir, dass du zugibst, dass du einen Wandschmuck aus dem Genre der Naiven Malerei von einer der bereits zu Lebzeiten kommerziell erfolgreichsten Malerinnen hast. Wachtmeister hat Malerei und Bildhauerei studiert und offenbar genau einen Nerv des Mainstream getroffen. Ist zwar nicht mein Geschmack, mir zu süß und putzig, aber alle Achtung vor der Lebensleistung. Ich respektiere alle Maler/innen und bin überzeugt, dass sie immer mit Freude am Werk ist. Es wird kaum jemanden geben, der ihre Sachen nicht schon mal gesehen hat, auf Postkarten, auf Postern, auf Kaffeetassen. Das schafft sonst nur Gustav Klimt, mit dem ich ja meine kleine Reihe von Lieblingswerken begonnen habe. Und zwar ganz bewusst mit einem Maler, der im Mainstream angekommen ist und dennoch Substanz hat. Meine Reihe ist noch nicht zu Ende. Es kommen noch zwei bis drei recht bekannte Gemälde neben vielen anderen. Auch Superstars, die jeder kennt, werde ich mit bestimmten Werken noch aus dem Ärmel schütteln.

    Die schleichende Katze, die du verlinkt hast, sieht sehr sympathisch und intelligent aus, auch nicht so kunterbunt, wie andere Bilder von ihr. Wenn man es für sich genommen betrachtet, absolut gelungen, sie weiß schon, was sie macht. Schade nur, dass sie diesen Katzen-Overkill betreibt. Manche Motive wären schon ein fertiges Bild, wenn man die Katzen weglassen würde. Aber sie hat natürlich eine Riesengemeinde mit dieser Spezialisierung.

    Habe heute übrigens nach hartnäckiger Suche doch noch ein Bild von einer weiteren Malerin entdeckt, das mir sehr zusagt. Es ist ja nicht so, dass ich keine Malerinnen kennen würde, ich habe ja schon an meinem Verstand gezweifelt. Ich finde viele Bilder nett, hier und da, aber eben selten springt mich eines total an. Ich wollte jetzt auch nicht wegen der Quote Bilder von Malerinnen wählen, das wäre nun auch kein Zeichen von Gleichberechtigung, sondern ein Akt des Mitleids oder falsch verstandener politischer Korrektheit. Ist ja auch totale Geschmackssache.

    Ich finde zum Beispiel die Kahlo als Erscheinung interessant und kenne die ganze Story aus dem Effeff, habe sogar ein Faskimile-Tagebuch von ihr, aber es gibt kein einziges Bild, das ich mir von ihr aufhängen würde (auch nicht das bekannte Stilleben mit den hübschen Früchten). Es ist IHRE Leidensgeschichte, nicht meine. Auch naive Malerei im Übrigen. Ich habe aber ein paar Postkarten, die sie selbst zeigen. Das erwähne ich wegen der kultischen Verehrung der guten Frida im feministischen Mainstream. Ich habe ja auch schon erwähnt, dass ich von fast allen Bildern enttäuscht war, als ich sie real sah (mickrig klein). Oder O’Keefe, auch interessante Erscheinung, schönes Haus hatte sie, hab auch einen Bildband. Aber diese hundertfünzig Blumenmotive… hm. Man hat es vielleicht auch satt gesehen. Dabei mag ich Blumen sehr. habe auch noch zwei Blumenstrauß-Stilleben am Start. Stay tuned.

  3. Ich kann mit Frida Kahlo auch nix anfangen, weder mit ihren Werken noch mit ihr als Person. Mich hat auch diese kultische Verehrung seitens vieler Feministinnen immer etwas befremdet.

  4. Als Stil-Ikone in Sachen Kleidung und Hairstyling gibt sie schon einiges her. Ich mag durchaus die Ästhetik von ihrem blauen Haus mit den präkolumbianischen Keramiken und farbintensiven Wänden. Aber diese fanatische Liebesabhängigkeit zu diesem äußerlich unattraktiven Diego, der nichts anbrennen hat lassen, ist eigentlich unwürdig. Vielleicht können sich damit viele Frauen in ihrem persönlichen Emanzipationskampf identifizieren. In der Öffentlichkeit präsentierte sie sich als die dominante, selbstsichere Powerfrau im Hosenanzug mit Zigarre im Gesicht und daheim und thematisch in ihren Bildern war sie das um Diegos Liebe winselnde Frauchen.

    Der Umgang mit Farbe und Flächigkeit war durchaus plaktiv-dekorativ und ihre inneren Kämpfe und Horrorszenarien sind schon ein spezielles Thema, das ihr als Künstlerin Profil gibt. Der Strich insgesamt etwas kindlich naiv, hat für viele sicher auch viel Charme. Die Kalender verkaufen sich gut.

    Ich wurde mit ihr ca. 1992 massiv in der Wohnung meines damaligen kolumbianischen Geliebten konfrontiert, vorher hatte ich mich nicht groß mit ihr befasst. In dieser Wohnung lebte er eigentlich mit seiner Frau („in Scheidung“ äh…) und zwei Kindern. Ich übernachtete dort, als alle in den großen Sommerferien wochenlang verreist waren, also die beiden Kinder und die Frau. Und so konnte ich mich ausgiebig in der Wohnung umschauen, eine sehr schöne Dachgeschosswohnung, gegenüber vom Schloß Charlottenburg, zwei Balkone, Bananenbaum auf einem. Südamerikanische Musik und überall Bilder und Bildbände und Kalender und Poster etc. pp. von Kahlo. Die Wohnung war sehr kuschelig und geschmackvoll und hatte viele Details und Sachen aus Lateinamerika. Die Frau war so ein Riesen-Kahlo-Fan und war auch in der Feministen-Szene aktiv. Dort habe ich alles mal ausgiebig angeschaut und durchgeblättert. Und er, mein Liebhaber hatte die Untertitel oder Dialoge für die deutsche Synchronfassung eines spanischen Films (nicht der mit Salma Hayek, der war viel später) über Kahlo übersetzt, war auch daher im Thema. War somit ein Crashkurs, auf dem Silbertablett serviert.

    Viele Frauen sind vielleicht auch froh, dass ihnen so eine doch auch dekorative Kunst, die so betont weiblich daherkommt und politisch korrekt verschubladet wurde und wird, als Kalender für die Küche zur Verfügung steht. Man muss keine Anstrengung unternehmen, nach einem anderen dekorativen Wandschmuck Ausschau zu halten, es wird einem fast schon aufgedrängt. Wie auch immer (ich hab noch nie Kalender an der Wand gehabt, auch nicht von anderen Malern oder dergl., mich stören die Datums- und Monats-zahlen-Listen- und Reihen unter Bildern).

  5. P.S. weil in dem verlinkten Video von der Schirn auch Meret Oppenheim erwähnt wird: ich habe explizit nach einem bestimmten Bild von Oppenheim für meine kleine Reihe hier gesucht. Ich habe es in der Retrospektive im Martin-Gropius-Bau gesehen und geliebt, vielleicht war es auch eine Collage, sehr großformatig und viel, viel Gelb darin, hab schon ewig online danach gesucht, nicht zu finden. Ihre „satirischen“ Basteleien sind für einen Lacher gut, aber sonst auch nichts, was ich haben möchte. Nur ein Stück gibt es in ihrem Werk, das war auch in der Ausstellung: der berühmte Tisch mit den Vogelfüßen. Den lieb ich! Aber ich zeige in meiner Serie ja Flachware, keine Skulpturen. Habe ich jetzt erst mal so beschlossen. Vielleicht eine extra Serie später.

  6. Ach, ich glaube, da finde ich Hanna Bekker vom Rath und deren Blaues Haus viel, viel interessanter. Ich sah mal Innenaufnahmen davon, die aus ihrer Zeit stammten. Das Haus und der Garten wurden nach ihrem Tod leider sehr umgestaltet, es gehört nun dem Banker Fitschen, heißt es. Ich weiß jedoch nicht, seit wann.

    Aber diese fanatische Liebesabhängigkeit zu diesem äußerlich unattraktiven Diego, der nichts anbrennen hat lassen, ist eigentlich unwürdig.

    Ja, genau, er war wirklich unattraktiv und zudem 20 Jahre älter.

    Ich hoffe, es kommt niemals jemand auf die Idee, mir einen Frida-Kahlo-Kalender zu schenken. Gegen Kalender habe ich nichts, ich habe hier an diesem Schreibtisch einen hängen mit Meeres-Gemälden. Ich mag es, dass ich jeden Monat ein neues sehe und über Wochen damit vertraut werde (hoffentlich sehe ich die auch mal alle im Original). In diesem Monat ist es eine Ansicht der schottischen Insel Iona von Francis Cadell. Die Insel hat er häufiger gemalt. Viel Geld hat er mit seiner Kunst nicht verdient, zum Glück stammte er aus einer wohlhabenden Familie, die ihn auch unterstützte.

    Beruflich muss ich auch öfter aufs Datum schauen, von daher stören mich die Zahlen nicht, es ist ganz praktisch. Außerdem habe ich hier auf diesem Schreibtisch noch den Hardenberg Kunstkalender stehen. Heute ist ein Gemälde von Almut Heise dran, das würde ich mir aber gewiss nicht an die Wand hängen.

  7. @arboretum
    Schade, dass im Wiki-Eintrag kein link zu Fotos vom früheren Zustand des Hauses ist, kann mir absolut kein Bild davon machen, leider… der Stil von Bekker vom Rath erinnert mich stark an Max Beckmann, die Farbgebung, der Strich, eine gewisse Unerbittlichkeit und Strenge, unbeschönigend sozusagen… ich finde Beckmann großartig, würde mir aber nichts davon in private Räume hängen, habe nur eine kleine Postkarte mit einem Tulpen-Stilleben in der Küche. Almut Heise hat offenbar einen ähnlichen Ansatz wie Katia Kelm, nur nicht ganz so satirisch überzogen, Fotorealismus, annähernd. Sehe ich auch nicht so die notwendige Existenzberechtigung im Insta-Zeitalter, nech. Aber jeder, wie er mag. Auch ein bißchen Dix drin. Francis Cadell: meisterhaft. Alleine schon sein Selbstportrait bringt ihn zum Recall. Großes Kino.

    @Zucker
    ich stelle abermals fest, ich habe eine ganz starke Aversion gegen Phantasy, sowohl Romane, als auch Filme als auch Bilder. NIcht meine Welt. Da bildet die erwähnte Malerin für mich auch keine erkennbare Ausnahme. Ich hatte eine leider verstorbene Malerfreundin, die auch in der Richtung arbeitete. Ich war außerstande, ihr ehrliches Feedback von Angesicht zu Angesicht zu geben. Ich fand die meisten Bilder grauenhaft. Wenn sie hundert gemalt hat, mochte ich zwei davon. Die konnten auch gut sein, wichen dann aber stilistisch ab, waren reduzierter. Ich will das nicht diskreditieren, ist alles Geschmackssache. Mir ist übrigens gestern noch eine ähnlich populäre Postkarten-, Poster- und Kaffeetassenkünstlerin der Gegenwart eingefallen, die kommerziell vielleicht mit Wachtmeister auf Augenhöhe ist, die ich persönlich aber minimal weniger kitischig finde: Jorinde Binder. Von der habe ich früher (also im letzten Jahrhundert) gerne Postkarten gekauft, die ich zum Geburtstag verschickt habe, gibt noch eine von ihr in meinem Bücherregal. Für sehr verträumte Seelen. Hat schon was, aber würde ich mir auch nicht in groß und Original an die Wand hängen. Der Geschmack und die Rezeption ändert sich doch im Laufe des Lebens, sofern Entwicklung oder Erfahrungszuwachs stattfindet. Man lernt durch viel Sehen auch anders zu sehen.

  8. Bei mir gab es im Laufe der Jahre auch eine starke Geschmacksveränderung, denn in meiner Jugend mochte ich vor allem Expressionistisches wie Gauguin oder Munch, allerdings habe ich damals mehr mit dem Kopf gesehen als mit dem Herzen und hatte so eine indoktrinierte Vorstellung von den Erwachsenen, wie „echte“ Kunst zu sein habe. Je mehr ich aber mir selbst und auch meiner körperlichen Reaktionen bewußt wurde (ja, bewußtes Sehen hat auch viel mit dem Körper zu tun), um so mehr hat sich irgendwie im Laufe der Zeit mein ästhetisches Empfinden sehr sensibilisiert und damit auch mein Geschmack verändert. Wie ebenfalls in der Musik bin ich bei bildnerischen Darstellungen im Grunde für alles offen, doch sind mir inzwischen meine körperlichen Reaktionen (und damit die gefühlsmäßige Ebene) auf ein Bild wichtiger, als das was ich oder andere darüber denken. Vermutlich kann ich deshalb inzwischen viel mehr mit Mainstream anfangen als früher, denn er ist ja nicht umsonst kommerziell so erfolgreich. Und ich finde inzwischen nichts Schlimmes mehr dabei, das zu mögen, was alle mögen, aber eben nur dann, wenn es mir auch tatsächlich selbst gefällt und ich mich damit wohlfühle.

  9. @Zucker
    „Vermutlich kann ich deshalb inzwischen viel mehr mit Mainstream anfangen als früher, denn er ist ja nicht umsonst kommerziell so erfolgreich.“

    Der zweite Teil des Satzes könnte zu hundert Prozent von mir stammen. Ich halte es für einen Grad von Reife und höherer Erkenntnis zum einen unabhängig von akademischen und intellektuell belobigten Qualitätsurteilen eine eigenständige Meinung zu haben und diese auch zu äußern, und zum anderen in der Lage zu sein, Erfolg im Mainstream, sei es in der bildenden Kunst oder Musik oder Literatur oder bei einem Showact, nicht als Futter für schlichte Gemüter abzutun, sondern sich ernsthaft zu befragen, WESHALB ein kollektiver Erfolg in dem Ausmaß vorhanden ist. Weniger Begabte in einigen der genannten Sparten schieben ihren ausbleibenden Erfolg ja gerne auf Weltverschwörungen und eine böse kommerzielle Vermarktungsmaschinerie, an der sie nicht teilhaben können. Ist natürlich immer eine bequeme und wohlfeile Antwort, um Erfolglosigkeit vor sich selbst und anderen zu erklären. Für mich persönlich ist es übrigens immer ein besonders beglückendes Kompliment, wenn jemand ohne akademische Vorbildung im künstlerischen Bereich und auch sonst keinem nennenswerten Bezug zu Kunst im Alltag, unaufgefordert auf meine Bilder reagiert. Ich habe das schon mehrfach erlebt. Das bedeutet für mich, dass ich einen Nerv getroffen habe, der keine besondere Kenntnis oder Vorbildung erfordert. Das empfinde ich als Riesenerfolg, wenn auch kein Geld dabei rumkommt (weil ich aktuell noch nicht bereit war/bin, mich von meinen Kindern zu trennen.)

    Ich kenne sehr viele (sehr, sehr viele…) Menschen aus der professionellen Berliner Kunstszene, Galeristen, Kuratoren, Kunstkritiker, aktive bildende Künstler, Kunstpädagogen, Kunstliebhaber, Galerieflaneure… und ich kann dir versichern, dass die wenigsten davon in der Lage sind, unbefangen auf ein Kunstwerk zu reagieren, mit dem Bauch. Und wenn sie es tun, äußern sie sich noch lange nicht dementsprechend. Es gibt immer einen Fokus auf in irgendeiner Weise prätentiöse, vergleichende Meinungsäußerung, als müsste man ständig sein riesiges, fein verästeltes Wissen um die gesamte Kunstgeschichte und die Einordnung im Gesamtkontext und den Kanon mitliefern, total befangenes und geschraubtes Geschwurbel kann man da hören. Ich habe dann ganz oft Mitleid und sage nichts, was das angelesene Wissen, das nichts mit dem Bauchgefühl zu tun hat, entlarven könnte, aber denke mir meinen Teil.

  10. Das war wohl auch mein Problem, daß ich von klein auf quasi mit Kunst, Künstlern, Kunstpädagogen usw. aufgewachsen bin. Ab 4 oder 5 Jahre hatte ich ja Kunstuntericht bei einer Künstlerin, danach wollten die Kunsterzieher etwas aus mir machen und dann die ganzen Zeichen- und Malzirkel, die auch meist von „echten“ Künstlern geleitet wurden. Selbst wenn irgendwelche Wertungen nicht offen ausgesprochen wurden, so spürt man sie als Kind sehr wohl und da man ja noch beeinflußbar ist, den Erwachsenen alles glaubt und sich natürlich Anerkennung von ihnen wünscht, übernimmt man dann sowas unbewußt. Mir fällt gerade wieder ein, daß ich bei der Geschichte zu dem Degas-Bild, welche ich letztens auf meinem Blog schrieb, mich nach meiner Wahl ein bißchen geschämt habe, weil ich glaubte, es sei für die Erwachsenen nicht die „richtige“ Wahl gewesen. Keine Ahnung wieso, ich kann mich nicht erinnern, daß jemand etwas gesagt hätte diesbezüglich. Inzwischen habe ich mich aber wie gesagt von sowas völlig frei gemacht.
    Einerseits kann es ja etwas Gutes sein, wenn man als Kind so viel gefördert witrd, aber wenn es halt von Menschen ist, die Kunst mehr als Schein als als Sein leben, kann es auch Schaden anrichten. Andererseits habe ich vielleicht gerade durch diesen Weg so viel über mich und das Ego anderer gelernt, wer weiß.

  11. Liebe Zucker,

    das ist sehr interessant, aber auch ein wenig bedenklich (wie du bei mir im Kommentar erwähntest), dass du abwägen musstest, ob du die spontane Liebe zu dem Bild von Degas erzählen willst (wenn ich das recht verstanden habe). Gut, dass du es getan hast. Die Musikalität in seinen Bildern ist sehr stark und Menschen lieben eben Musik und Tanz. So ein Bild von einer Ballerina gibt einem Raum immer eine feinsinnige, filigrane Atmosphäre, das ist etwas sehr schönes. Man denkt in dem Moment nur an Erhebendes, weniger die Schmerzen, die eine Ballerina in den Füßen hat.

    Ich glaube, dass sogar dieses Ballerina-Bild, das du auch haben wolltest, als Reproduktion (so richtig auf Leinwand gedruckt, bevor es das in digitaler Form gab) im Flur oder Esszimmer des Elternhauses meiner damaligen besten Freundin hing, als ich ca. 12 – 15 Jahre alt war. Die Freundin war stolz, dass ihre Eltern so aufwändig gemachte Kopien von berühmten Gemälden hatten (auch noch andere gab es in dem Haus, von Breughel z. B.). Es war auch sehr fein gerahmt, ich meine aber, es wäre mehr ein Ausschnitt mit Fokus auf die Tänzerin gewesen, dass sie das Bild mehr ausgefüllt hat. Aber vielleicht war es auch ein anderes Motiv. Ich habe es immer gerne angeschaut. Weil ich selbst nie Ballettunterricht hatte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir eine Ballerina aufzuhängen, aber es gefiel mir doch.

    Entweder war es vor 25 Jahren in Paris oder noch länger her irgendwo in Berlin, da kaufte ich mir einen Kunstdruck (ganz einfach gemacht und preisgünstig) von einer Zeichnung von Degas, die eine Rückenansicht einer unbekleideten Frau zeigt, die sich die Haare abtrocknet. Ich sah es und mochte es sofort und hing es im Badezimmer auf. Zufällig fand sich auch ein schmaler Goldrahmen. So lange ist es nun schon im Badezimmer und durch die Feuchtigkeit nach dem Duschen, nimmt Papier etwas davon auf, und die Oberfläche bekam so eine interessante matte Patina, leicht gewellt, da ich es nicht hinter Glas habe, dass es nun schon viele Jahre wirkt, als sei es eine echte alte Zeichnung. Toller Effekt! Es passt einfach atmosphärisch und farblich perfekt in mein Badezimmer und ist so ideal. Ich hätte keinen Bedarf am Original. Ist auch nicht mein absolutes Lieblingsbild auf der ganzen Welt, es ist nett, hübsch und dekorativ, mehr verlange ich nicht an dieser Stelle.

    Beim Googeln danach, um es dir zu zeigen, wurde mir bewusst, dass Degas offensichtlich genau zwei Lieblingsthemen hatte: Balletttänzerinnen und Frauen, die sich im Badezimmer abtrocknen ;-) Es war gar nicht einfach, genau das Motiv zu finden, das ich an der Wand im Bad habe, weil es gefühlt fünfhundert verschiedene Bilder von Degas mit vergleichbaren Motiven bei der Bildersuche gibt. Ich habe es aber doch noch entdeckt. Voilà:

    Neben dieser Badezimmer-Szene von Degas zieren noch weitere Bilder mit ähnlichen Motiven meine Badestube, z. B. ein Foto, ein Filmstill, Romy Schneider in der Badewanne, wie sie von ihrem Filmpartner Michel Piccoli,der auf dem Badewannenrand sitzt, fotografiert wird, aus dem Film „Das Mädchen und der Kommissar“. Oder Fotos von Marilyn Monroe vor dem Spiegel, wie sie sich schminkt usw. usf. Ich bin eine leidenschafltiche Dekorateurin! Das macht vor Bildern natürlich nicht Halt, da müssen die durch.

  12. Den Frankfurter Hauptbahnhof von Beckmann, der im Städel hängt, mag ich gern und ich glaube, wenn das Städel auf die Idee käme, mir das Bild zu schenken, würde ich es mir auch aufhängen. Aber damit ist ja eher nicht zu rechnen.

    Ich sah im Hofheimer Museum mal eine Ausstellung mit Bildern von Hanna Bekker vom Rath, der Rote Fuchs gefiel mir, leider gab es davon keine Postkarte. Ihre Enkelin Marian Stein-Steinfeld hat eine Biographie geschrieben, ich war 2018 mit meiner Mutter im Holzhausenschlösschen bei der Buchvorstellung. Sie war eine sehr interessante Persönlichkeit – eigentlich wollte ich schon immer einmal etwas über sie bloggen. 1918 – da war sie 25 – hielt sie in der Frankfurter Paulskirche auf einer SPD-Versammlung spontan eine Rede über die Emanzipation der Frau. Fanden ihre großbürgerlichen Eltern – Frankfurter Patrizier – nicht so prickelnd.

    Es gibt noch ein anderes Buch von Ulrike Fuchs über sie, das heißt „Die Kunstvermittlerin“. Darin wird erwähnt, dass das Blaue Haus 1945 für kurze Zeit von den Amerikanern beschlagnahmt worden war, die dort aber nichts angerührt hatten, sieht man einmal davon ab, dass sie das steinerne Brustbild einer jungen Frau von Wilhelm Lehmbruck mit Lippenstift „verziert“ hatten (Mund und Brustwarzen). Eins der Zimmer im Blauen Haus hieß das „Rote Zimmer“, es hatte eine helle Decke und es hing und stand jede Menge Kunst darin.

    Auf diesem Bild sieht man das Blaue Haus von der Gartenseite. Im Garten gab es ein Atelierhaus, das sie eigens für ihre Künstlerfreunde errichten ließ. Die Fotografin Marta Hoepffner zog dann auch ganz in die Nähe (dort sind einige ihrer Arbeiten zu sehen).

  13. och schade… gar keine Bilder von drinnen….aber in der Biographie wird es vielleicht plastisch beschrieben, bestell ich mir, Mäzene und Kunstsammler/innen, zumal wenn sie auch noch selbst künstlerisch arbeiten, sind spannende Menschen!

    Ich habe mir gerade ein Buch bestellt, das den Titel „Besuche bei Picasso“ trägt, von der Schweizer Museumsstifterin, Kunstsammlerin und ehemaligen Kunsthändlerin und ehemaligem Modell von Picasso, Angela Rosengart. Ich wurde auf sie durch dieses sehr sehenswerte NZZ-Gespräch mit ihr aufmerksam:

    Toll ist auch, dass sie im Gespräch die Halskette trägt, die sie beim ersten Portrait, das Picasso von ihr als junge Frau machte, anhatte. Sie hat auch eine sehr schöne Art zu sprechen, viel weicher, als man das sonst von Schweizerinnen kennt, beinah mit österreichischem Einschlag. Was für eine Zeitzeugin! Ihr Vater, der ein renommierter Kunsthändler war, war gut mit Picasso befreundet, es war zuerst eine Freundschaft und dann erst gelegentlich auch ein Geschäftskontakt, da Picasso seinem Galeristen Kahnweiler zeitlebens treu verbunden blieb. Aber es gab Ausnahmen…. für Freunde wie Rosengart, der auch ein enger Freund von Kahnweiler war.

  14. P.S. wollte gerade bestellen, bei Amazon ist es leider gerade nicht verfügbar… ich machs mal auf die Merkliste, hab auch noch viele, viele Bücher auf einem Stapel im Wohnzimmer, die ich nach und nach lese, also kein Büchernotstand. Interessiert mich aber wirklich.

  15. Man kann es auch direkt bei der Frankfurter Bürgerstiftung bestellen, allerdings kostet es dort halt noch vier Euro Versandkostenpauschale. Vielleicht versuchen Sie es bei einem Buchhändler in Ihrer Nähe, die meisten nehmern derzeit die Bestellungen online an und liefern selbst aus. Bei unserem Buchhändler an der Kreuzung bekommt man normalerweise Bestellungen über Nacht – das ist häufig schneller als Amazon.

    Die Biographie von Ulrike Fuchs ist bei Amazon erhältlich, wobei in dem Buch die Anfänge ihrer Galerie „Frankfurter Kunstkabinett“ im Fokus stehen.

    Innenaufnahmen des „Blauen Hauses“ sah ich bei einer Kunstführung zu Hanna Bekker vom Rath, die startete im Museum und ging dann zu ihrem Haus und dann noch weiter den Berg hinauf* zu dem Haus von Ottilie Roederstein, die seit 1907 offen mit ihrer Lebensgefährtin Elisabeth Winterhalter erst in Frankfurt und später in Hofheim zusammenlebte. Winterhalter war die erste Chirurgin Deutschlands.

    * allerdings ohne mich, ich ging nach der Knie-OP noch an Krücken und mein Bein mochte dann nicht mehr

  16. Vergangenes Wochenende musste ich an diese Unterhaltung über Degas denken, denn ich hörte abends im Bett im Deutschlandfunk Kultur die interessante Besprechung der wiedereröffneten Schau „En Passant – Impressionismus in Skulptur“ im Städel:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/schau-en-passant-im-staedel-museum-edgar-degas-und-andere.1013.de.html?dram:article_id=476382

    „Hübsch ist sie nicht, die „Kleine Tänzerin von vierzehn Jahren“, die Edgar Degas 1881 in Paris präsentierte – den Körper modelliert aus pigmentiertem Wachs, den Kopf erhoben, die Beine verdreht zu einer Ballettpose, mit einem Röckchen aus Tüll und einer Schleife im echten Haar, das allerdings von einem Pferd stammte.“

    Sie sei hässlich, hieß es damals, sie sehe aus wie eine Kröte, eine Verkörperung der Laster, erinnert der Kurator Alexander Eiling:

    „Sie war eigentlich ein Skandal. Sie wurde mit dem Thema der Prostitution verknüpft, die hinter den Kulissen der Pariser Oper grassierte. Und dieses wurde nicht den Männern angelastet, der Oberschicht, die da auf die Suche nach minderjährigen Prostituierten gingen, sondern das wurde ihr zur Last gelegt, und so galt sie als kriminell und verderbt.“

    An diesen Kontext denkt heute wahrscheinlich kaum einer beim Betrachten von Degas‘ Tänzerinnen, der sie ja überwiegend hinter den Kulissen zeigt.

    g a g a – 16. Mai, 03:04
    Als Skulpteur war er mir auch nicht geläufig… ich muss sagen, diese Figur erinnert mich ganz stark an Zeichnungen von Wilhelm Busch. Kommt schon ein bißchen wie eine Karikatur rüber, das Filigrane aus seinen Gemälden konnte er da nicht materialisieren. Ich würde das gute Stück sofort verhökern, sollte ich es erben.

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