Gestern erhielt ich überraschend eine weitere farbige Postkarte mit der Abbildung eines Gemäldes aus dem Jahre 1909 von der Malerin Gabriele Münter, betitelt „Allee vor Berg“. Man sieht Berge, einen Weg und Bäume. Ich transkribiere die Mitteilung in Computerschrift:

„14. April 2020

Liebste Gaga,

überhaupt wird meiner Mei-
nung nach die Bedeutung von
Bäumen für die Kunstge-
schichte unterschätzt. Höchste
Zeit, sie mal mit einer eigenen
Ausstellung zu würdigen. Die
Auswahl an großartigen Werken
ist immens.

Herzlichst

(zensiert)

P.S. Wußte gleich, diese Karte soll zu Dir.“

Da denkt doch jemand mit! Das nenne ich aufmerksam. Wie oft leide ich unter mangelnder Aufmerksamkeit! Gäbe es nicht diese kleinen Silberstreifen am Horizont, ich wüsste mir nicht mehr aus noch ein. Ich freue mich immer ganz außerordentlich, wenn mir jemand eine Karte schickt, noch dazu, wenn sich jemand etwas beim Motiv zu mir gedacht hat. Das ist ein schönes Gefühl.

Die Berge auf dem Postkartenbild erinnern mich an Island, wo es wirklich vulkanische Berge gibt, die so ausschauen. Aber es geht ja eigentlich um Bäume. Wo ich auch gerade ein bis zwei Bäume gemalt habe, interessiert mich das Thema unbedingt, auch wenn ich nicht die erste Sammlerin von Gabriele Münter bin, ich respektiere ihr Schaffen und Werk und habe mit der Karte wieder ein neues Werk (in Privatbesitz) kennen gelernt.

Interessanterweise hatte ich gerade, bevor ich die Karte aus dem Postkasten fischte, beschlossen, mich bei einigen Postkartenfreundinnen und -freunden, die mir in den letzten Monaten auch einmal geschrieben hatten, zu revanchieren, indem ich auch einmal wieder etwas schicke. Das habe ich heute in die Wege geleitet. Ich hoffe, ich kann damit so viel Freude auslösen, wie mir die mir zugeschickten Karten bereiten.

15 Antworten auf „17. April 2020

  1. Wenn ich Baumkarten hätte … (Aber der Eintrag erinnert mich an eine Zeit im Übergang von der Kindheit zur Jugend, da ich immer und immer wieder – nach einer langen Windjammerphase (also-großer Segelschiffe von Kogge bis Bark) – Bäume zeichnete, eigentlich nur einen Baum, einen imaginären, der riesig war, aber states an einem Abhang stand; Stunden verbrachte ich mit dem Astwerk, das auf eigenwillige Weise den Wurzeln glich, die freilich nur in ihrem oberen Achtel oder Zwölftel zu sehen waren, doch immerhin. – Keine der Zeichnungen ist leider erhalten, sonst hätte ich Ihnen eine in Papier eingeschlagen und geschickt. S o tu ich’s nun nur in Gedanken.

  2. Das wäre natürlich ein Schatz für meine Postkartensammlung gewesen. (Ich freue mich auch außerordentlich über Karten mit anderen Motiven). Den beschriebenen großen Baum mit dem adäquaten Wurzelwerk stelle ich mir gerade vor. Ich denke ihn mir großzügig und weit ausladend. Da käme dieser alte Psychotest https://de.wikipedia.org/wiki/Baum-Test möglicherweise zu interessanten Schlüssen. Der Abhang ist interessant… die Spannungskomponente, Dramaturgie.

    Mir ist auch keine Baumzeichnung aus der Kindheit mehr verfügbar. Ich erinnere mich nur, dass ich als Schulkind einst einen Baum in weißer Frühlingsblüte mit Wasserfarben und Deckweiß auf ein großes Blatt gemalt habe und mir steht noch die Krone vor Augen, sehr groß und weit und prächtig, strotzender Frühling mit schweren, weißen Blüten… es war ein Obstbaum.

    Ich wusste gar nicht lieber ANH, dass es diese Affinität zum Zeichnen gab. Aber verwundert bin ich auch nicht. Schön, zu lesen.

  3. Es wird wohl niemanden überraschen, dass ich etliche Baumkarten habe. Karten mit Segelschiffen oder vom Meer, besitze ich auch einige, die blieben übrig aus der Zeit, als ich sie jemandem schrieb.

  4. jaja… wie man so ein empathisches Ritual mitunter beibehält, reflexartig, wie das mit dem Ausschau halten nach Postkarten mit Segelschiffen… kann aber, wenn der Schmerz noch nachwirkt, ein lästiger Reflex sein, den man dann zu umschiffen sucht…

    Bei meinen Sichtungen von Werken meiner Lieblingsmaler ist mir kein weiteres Baumbild in Erinnerung (abgesehen von den Pinienbildern, die ich gepostet habe, die Südfranzosen haben immer Pinien, Pinien, Pinien…), das hängen geblieben wäre. Aber ich meine, es gibt ein sehr abstraktes bei meinem Liebling de Staël. Ich schau mal.

  5. Die Postkarten vom Meer sammelte ich schon vorher, und auf solchen Gemälden sind ja oft auch Schiffe drauf. Ich kaufe sie aber nicht mehr doppelt. Von Gustave Courbet gibt es einige wunderbare Bilder, die ich sehr liebe, etwa Die Woge im Städel oder Die Welle in der Nationalgalerie. Leider wollten sie mir keins der beiden einpacken und mitgeben.

    Stimmt, wäre tauglich gewesen.

  6. Bei alten Bildern wie diesen beiden von Courbet, die ja recht dunkel wirken, habe ich immer den Impuls innerlich die nachgedunkelte Firnis, den „Galerieton“ abzuziehen, und mir das Bild um einiges heller vorzustellen, so wie es der Maler bei Fertigstellung vor sich hatte. Bei Münters Bild gehe ich auch von der original Firnis aus und von einer Nachdunklung, deswegen hab ich die Helligkeit etwas nach oben gezogen.

  7. Ina Weisse
    Ach ja das Münterhaus in Murnau. Ein ganzer Liebesroman rankt sich für mich darum und um das Murnauer Moos. Schicke dir bei Gelegenheit mal ein Jugendfoto vor dem Münterhaus. Allerliebste Grüße

    Gaga Nielsen
    au ja, Foto!

  8. Liebe Gaga, Deine Karte ist heute bei mir eingetroffen. Vielen Dank dafür! Jetzt bin ich aber baff, dass sowohl der Vorsatz des Verschickens als auch das Eintreffen bei mir auf dasselbe Datum fallen. Die Postkarte ist wohl durch einen Schluckauf in der Matrix früher angekommen als sie sollte.
    Ich gehe jetzt einen Baum suchen… hab‘ ich die Geschichte mit meinem Baum eigentlich mal erzählt? Nein?

  9. Diesen Eintrag hier hatte ich am 17. April nach Mitternacht verfasst, für mich war es dem Empfinden nach noch der 16. April, weil ich ja noch nicht geschlafen hatte. Ich habe die Karte am 16. April um 17:13 Uhr eingeworfen, zwei Minuten vor der Entleerung des Postkastens am Hardenbergplatz. Und dann hat sie sich gleich auf die Reise gemacht, und war über Nacht unterwegs.

    Deine Baumgeschichte ist mir jetzt nicht präsent, aber ich würde sie gerne erfahren.

  10. Die zeitliche Logik ist aber ein wenig entnüchternd. Ich hätte gerne an einen zur Karte materialisierten Gedankengruß geglaubt. Magie findet aber leider nur von 2-7 statt (auf das Alter bezogen).
    Als meine Beschwerden anfingen, empfahl mir mein Tanzlehrer eine Übung aus dem Wing Chung – eine asiatische Kampfsportart. Er sagte, ich solle mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen und mich wie ein Baum in ihm verwurzeln. Weil ich das langweilig fand, so jeden Tag für ein paar Minuten rumzustehen, habe ich mir einen Baum im nahen Park gesucht, dem ich mich gegenüber stellte. Er hat sehr große Wurzeln und ist wirklich hoch. Im breiten Stamm gibt es Löcher, in denen Vögel nisten. Er ist zu meinem Baum geworden, den ich öfter besuchte und ihm auf seinen Wurzeln sitzend meine Geschichten erzählte. Aber ich war länger nicht mehr dort….

  11. ich finde es gar nicht ernüchternd, sondern einen Beweis, dass Menschen zaubern können! Vor hundert Jahren wären Empfänger einer Karte ganz aufgeregt gewesen, wenn sie zum ersten mal erlebt hätten, dass jemand in einer weit entfernten Stadt eine Karte schreibt und sie genau diese Karte schon am nächsten Tag in ihrem Postkasten finden. Ich finde es eine unromantische Sichtweise, die Erklärbarkeit der Zauberei als schmälernd zu empfinden. Dass wir uns im Internet solche Sachen hier schreiben können, ist doch auch die totale Zauberei! Ich finds toll und die ganzen Techniken, die das ermöglichen, haben schon wegen ihrer Wirkung romantische Verklärung verdient!

    Was ist das denn für ein Baum im nahen Park? Vielleicht blüht er gerade, wenn man hingegehen darf, würde ich nachschauen, vielleicht trägt er gerade sein schönstes Kleid!

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