Ich weiß nicht, wer hinter dieser Postkarte steckt, aber sie steckte gestern in meinem Postkasten. Ich war niemals in Hannover und weiß auch von niemandem aus dem Internet, den ich virtuell kenne, der von dort kommt, aber das Internet ist eben für Überraschungen prädestiniert. Schon manche, eigentlich die meisten wichtigen Begegnungen der letzten Jahre sind damit verbunden. Mancher realen Begegnung lag ein virtueller Impuls zugrunde. Keine Datingplattformen oder dergleichen, das habe ich noch nie genutzt. Viel mehr lagen Verabredungen mit befreundeten Bloggern zugrunde, die an realen Orten stattfanden, wo ich dann Menschen begegnete, die aus anderen Kreisen kamen und wichtig für mich wurden. Aber das ist nun länger nicht mehr geschehen. Vor zwölf Jahren gab es ein paar Schlüsselbegegnungen, ein besonderes Jahr war dieses 2008 für mich. Und es wäre schön, wenn sich solche Kräfte wieder in meinem Leben finden würden. Nun ja, Wunschträume.

Jedenfalls fand ich am Montag diese von Hand aquarellierte Karte in meinem Briefkasten und der Poststempel weist Hannover aus. Ich will dem auch nicht zu viel Gewicht beimessen, aber ich finde, solche Gesten sollten eine Würdigung erfahren. Denn so eine Mitteilung eines Unbekannten hat doch eine wundersame Qualität. Eine Überraschung, die einen nicht belästigt und nicht in die Pflicht nimmt. Eine luftig leichte Postkarte mit leichtfüßiger Botschaft.

Ich mache mich gelegenheitshalber schlau, welche Söhne die Stadt Hannover so hervorgebracht hat, wenn mir schon kein privater Kontakt in den Sinn kommt. Das ist ja recht interessant. Ich lese im Wikipedia-Eintrag zur Stadt Hannover (u. a.):

„(…)

  • Der Bruder des Erfinders der Schallplatte und des Grammophons Emil Berliner, Joseph Berliner, gründete in Hannover die erste Grammophon-Fabrik der Welt.
  • Der Künstler Kurt Schwitters entwickelte in Hannover seine Form des Dadaismus.
  • Curt Frankenstein, späterer US-amerikanischer bildender Künstler, wuchs an der Eilenriede auf.
  • Der Serienmörder Fritz Haarmann beging in Hannover 27 Morde.
  • Rudolf Augstein gründete 1947 in Hannover die Zeitschrift Der Spiegel.
  • Weitere gebürtige Hannoveraner sind der Dramatiker Frank Wedekind, (…)
  • sowie die Schauspieler August Wilhelm Iffland (nach ihm ist der Iffland-Ring benannt)
  • und Theo Lingen.
  • Zu den bekannten gebürtigen Hannoveranern der Gegenwart zählen Ernst August Prinz von Hannover,
  • der Cartoonist Uli Stein (oha!)
  • die Schauspieler (…) Otto Sander,
  • Kai Wiesinger
  • der Maler Heimar Fischer-Gaaden (aha!)
  • die Sänger Klaus Meine
  • und Mark Morrison (?)
  • der Comedian Oliver Pocher“

Die acht erst genannten kann man aufgrund mangelnder Vitalität mit Sicherheit als Absender ausschließen.

Ernst August Prinz von Hannover lebt meines Wissens noch. Als gebildeter, wenn auch ungehobelter Mann liest er vielleicht mein Blog. Wäre sicher ein spannender Kontakt, wenn auch nicht von erotischer Warte (von mir aus betrachtet). Prominente haben ja mitunter ein Interesse, zunächst anonym aufzutreten, das wäre auch eine Erklärung für die kryptische Signatur. (crimeal?@….)

Der Zeichner Uli Stein wäre von Berufs wegen auch in der engeren Wahl, aber er hat einen anderen Strich, es sei denn, er fertigt private Postkartenzeichnungen bewusst in einem anderen Stil an.

Mit Schauspielern habe ich es irgendwie nicht. Otto Sander war ja sympathisch ist aber nun auch schon (aus bekannten Gründen) länger nicht mehr in der Paris Bar gewesen.

Kai Wiesinger habe ich zweimal in echt gesehen, einmal kam er mir in der Sophienstraße entgegen und lächelte sogar aufmerksam, das andere mal präsentierte er seine Fotos in der Galerie vom Café Einstein. Das war recht nett und er war auch gar nicht affektiert oder sonstwie unangenehm. Er war dort in Begleitung seiner gerade schwanger gewordenen Gefährtin. Eine echte Schönheit. Bettina Soundso. Auch Schauspielerin. Ich denke schon, dass er vielseitig interessiert ist und auch schon mal ein Blog gelesen hat, aber meines Wissens wohnt er in Berlin. Oder war es Hamburg? Jedenfalls nicht Hannover. Oder er war zu Besuch bei seinen Eltern und hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit mit Postkartenschreiben? Ich denke, er wird sich hier im Blog melden, falls er der Absender ist. Was Bettina dazu meint, sei dahin gestellt.

Den Maler Heimar Fischer-Gaaden musste ich googeln. Er weilt seit 2014 auch nicht mehr unter uns und wäre (ganz unter uns) auch nicht mein Typ gewesen.

Dass der Sänger Klaus Meine in seiner Freizeit Blogs liest, hätte ich jetzt so nicht vermutet, aber vielleicht entwickelt man neue Freizeitinteressen, wenn man gerade keinen Hit wie Winds of Change in der Hitparade hat. Ich könnte Autogrammkarten googeln und das Schriftbild vergleichen. Aber möchte ich das?

Wer bitte ist Mark Morrison? Ich prüfe das. „Mark „The Mack“ Morrison (* 3. Mai 1972 in Hannover) ist ein britischer Musiker. Sein größter Hit war Return of the Mack.“ Hm. 1996. Das war möglicherweise das Jahr, in dem ich aufgehört habe, Radio zu hören. Ich glaube nicht, dass wir füreinander bestimmt sind.

Letzteres gilt auch für den letztgenannten Kandidaten.

Als ich die Karte frisch aus dem Kasten gefischt hatte, teilte ich meiner sehr guten Bekannten Jenny K. aus B. folgende Zeilen mit:

„musste eben an dich denken, weil du doch zu bedenken gabst, dass ich meine echte Postanschrift bei den Postkarten herzeige. Gerade habe ich eine Postkarte auf feinem Bütten mit einem handgemalten Bild aus Hannover bekommen, von einem Maler, der mein Blog mit den Karten gesehen hat und wollte mir eine Freude machen! Er hat nur mit „Der Postkartenmaler“ unterschrieben und eine schwer leserliche Mailadresse vermerkt. Ich poste die Karte bald! Also es können auch schöne Sachen passieren, nicht nur Einbrecher und Mörder kommen des Wegs!

Aber vielleicht bin ich auch nur auf den Postkartenmörder hereingefallen, der nur wissen will, ob es die Adresse in echt gibt, und dann überwacht er mein Blog und wenn ich die Karte gepostet habe, steht er vor der Tür und schlitzt mir den Bauch auf! Mist! Die Welt ist schlecht!!!“

Jenny K. aus B. antwortete daraufhin:

„Haha oh Gott, nein ich finde wir einigen uns auf einen sehr charmanten, intelligenten, gut aussehend Verehrer, der vielleicht mit Wahrscheinlichkeit in dein Leben geweht wird.“

Ich lenkte zunächst ein:

„Er hat eine intelligente Handschrift und die Zeichnung ist auch sehr hübsch. Aber ich kann die Mailadresse nicht lesen, hab schon Varianten gegoogelt. Und er hat einen Hannoveraner Poststempel. Stell dir vor, er liest meinen Eintrag über seine Karte und macht sich bemerkbar und dann ist es ein ekliger alter Tattergreis mit verfilzten Hippiehaaren und gelben Zahnstummeln. Und wenn er passabel wäre, wäre es eine Fernbeziehung. Ich hasse Fernbeziehungen!“

J. aus B. belehrte mich:

„Quatsch, Hannover gehört ja fast zu Berlin ist so nah mit dem Zug. Zug fahren ist wunderbar, man darf ganz offiziell am hellerlichten Tage lesen und das außerhalb des Urlaubes.“

ich äußerte weitere Bedenken:

„hmm – ich gehe davon aus, es ist ein Mann zwischen 55 und 75. Nur so ein Gefühl! Es gab in der Weltgeschichte ungefähr zwei oder drei Männer in dieser Altersspanne, die ich einigermaßen akzeptabel fand. Hannover ist ganz weit weg, aber ganz weit! Es fährt keine Berliner U-Bahn hin! Aber ich will nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und werde als nächsten Schritt die Karte (beidseitig) ablichten.“

So geschehen! Alles weitere muss sich fügen.

6 Antworten auf „12. Februar 2020

  1. Welch eine schöne und poetische Erzählung! Sie wehte eben, mit dem Gewirr der Vogelstimmen im Herbstwind dieses Februars verfangen, durchs offene Oberlicht meiner Arbeitswohnung zu mir herein.
    ANH

  2. Dass der Absender eine hübsche Briefmarke aufgeklebt hat und nicht so ein blödes Automatenmarke oder gar eine mit Scancode, spricht jedenfalls für ihn. Und kleinlich ist er auch nicht, er wählte die Beethoven-Briefmarke zu 80 Cent, obwohl Postkarten nur 60 Cent kosten.

    Ernst-August von Hannover ist doch mit Caroline von Monaco verheiratet. Sollte er wider Erwarten doch der Absender sein, könnte er Sie mit seiner Schwägerin bekannt machen. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war die Ihnen sympathisch.

  3. @ANH
    Lieber Alban… ich seh das Oberlicht und hör die Vögel…

    @noch1glaswein
    Lieber n1g… das hat er nicht, aber ich bin deswegen nicht gram, weil ich die Karte schon als eine ausreichende Zuwendung empfinde, ebenso wie einen Kommentar unter einem Eintrag.

    @schneck
    Lieber Sebastian…. wir beide können das ermessen, und du warst eine absolute Schlüsselfigur für die Bewegungen dieses Jahres 2008. Darüber dachte ich oft nach. Es ist mir ganz und gar bewusst.

    @arboretum
    Liebe arboretum…. ich musste tatsächlich googeln, wie der derzeitige Verbindungsstatus von Caroline mit E. A. v. Hannover ist. Die beiden sind da sehr diskret, man weiß eigentlich nichts genaues. Aber ich weiß, dass ich Caroline von Monaco immer umwerfend fand, ebenso ihre Tochter Charlotte, zum Verlieben. Stephanie hingegen war eine Geburtsjahr-bedingte Identifikationsfigur, ich fand sie sehr okay, aber das größere Charisma hatte für mich immer Caroline. Eine Frau mit großer Klasse, ohne dass ich sie je persönlich getroffen hätte. So ein unwiderlegbares Gefühl.

    Das mit der Postkarten-Zuneigung ist mir vollkommen bewusst, aber der unbekannte Schreiber soll es sich auch gerne vor Augen führen.

    (Und ich finde es wahnsinnig charmant zu sehen, dass die beiden Kommentare auch auf der anderen Seite erscheinen, danke dafür!)

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