18. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch V.

weitere Notiz 11. Juni 2019:

„Clark. getaped!
schimpfe auf Insta- + Influencerscheiße
er pinterest Wohnungen. Empfehle AD auf youtube“

Hm. Frage mich, was daran aus meiner Sicht so merkwürdig gewesen ist. Vielleicht, dass er mich zum ersten mal getaped hat, und wie. Wenn man es nicht wüsste, könnte man es für eine mehrdeutige Umschreibung für etwas anderes halten. Was nicht der Fall ist. Er hat mich eben getaped. Meinen Arm. Mit so einem Verband-Klebeband, das andere war vielleicht gerade nicht zu Hand. Ich sah dann aber aus, als käme ich gerade aus der Unfallklinik, wo man mir einen Notverband angelegt hat. Für das nächste mal habe ich schwarzes Tape verlangt. Das sieht wenigstens cool aus. Aber dass ich auf den ganzen Influencer-etc. pp.-Quark schimpfe, ist ja eigentlich in keinster Weise merkwürdig oder bemerkenswert, sondern absolute Normalität. Meinethalben kann sich die Erde auftun, und den ganzen Kram verschlucken. Bei dem Wort Influencer macht er diese Geste mit der Hand und sagt: „DA könnte ICH kotzen.“ Sind wir uns ja einig. Diese harmonische Kommunikation ist fast schon unheimlich. Aber nun ist es ja erst mal vorbei. Es sei denn, ich hole mir wieder ein Rezept. Freundin mit Erfahrung mit Folgerezepten klärt mich über die Rituale auf. Zwei Folgerezepte würden einem zustehen. Denn nach sechs Behandlungen kann es ja noch gar nicht wieder gut sein, das ist doch wohl klar. Ist es ja auch nicht. Ich muss nicht mal lügen. Aber schon besser. Viel besser. Nun hat er auch erst mal Urlaub, der Gute. Auch steht eine Reise an, mit der Freundin nehme ich an. Er könnte mein Sohn sein. Enkel vielleicht noch nicht, aber Sohn locker. Die Frisur ist übrigens nicht ganz Original Superman, sondern mehr so wie Tim von Tim und Struppi. So eine kecke Locke nach oben. Die jungen Männer achten überwiegend doch sehr auf ihre Frisur, was ich begrüße. In der letzten Stunde, gestern, hatten wir es von Hipstern. Ich musste schon wieder schimpfen, über die Unsitte, Bier aus der Flasche zu trinken und sich womöglich noch mit einer Bierflasche in der Hand in öffentlichen Verkehrsmitteln zu präsentieren. Wo ich schon dabei war, redete ich mich richtig in Rage. „Untergang des Abendlandes!“ Er daraufhin „Aber ich komme doch hoffentlich nicht wie ein Hipster rüber, oder?“ Ich daraufhin: „hm, das kann ich nicht so richtig beurteilen.“ Er (entsetzt): „Um Gottes Willen! Bitte nicht!“ Ich (beschwichtigend): „Nein, nein, alles o.k. Die haben ja außerdem so Kopfsocken und Dutt und Rauschebart und Tunnel….“ Er: „Finden Sie das GUT?“ (wir siezen uns, ich möchte das) Ich: „Nein, ich finde das total unattraktiv!“ Er „Ach so. Dann bin ich ja beruhigt“. Manchmal wird die Kommunikation meinerseits durch seine Handgriffe erschwert, wenn er mein Kinn fest in seiner Hand hat und den Kopf dann so dreht. Das soll die Halswirbel lockern. Ich kann dann gar nicht so viel reden, wie ich möchte. Mal sehen, ob ich nicht doch mal die Sprechstundenhilfe von Finkbeiner um so ein Folgerezept bitte. Ab 8. Juli ist Clark wieder in der Praxis. Da ich ja keine Kinder habe, könnte ich ihn eventuell auch als meinen Erben einsetzen. Er interessiert sich ja sehr stark für meine Werke. Zumindest theoretisch. Ich glaube, nun schießen die Gedanken gerade etwas übers Ziel hinaus. Andererseits kann ich mich nicht erinnern, dass schon einmal ein jüngerer, gutaussehender Mann zu mir gesagt hätte: „Ihre Bilder würden mich ja wahnsinnig interessieren!“ Er meint die gemalten. So, das ist jetzt erst mal genug zum Themenkomplex Clark Kent, eine weitere Notiz zu ihm habe ich auch gar nicht in meinem goldenen Buch.

17. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch IV.

Was solls, ich haue noch einen raus: Eintrag vom 11. Juni 2019:

„Hackescher Markt
(gelesen) „Bio-Späti“
(eigentl. „Bis-„)“

ich wollte ja wieder etwas Persönliches präsentieren, muss aber nochmal vertrösten. Dafür richtet sich dieser Eintrag an alle, die sich beruflich neu orientieren möchten. Ich stand also am 11. Juni 2019 am Hackeschen Markt am S-Bahnsteig und wartete auf die Bahn. Da ich ja kein Smartphone habe, auf das ich unablässig glotzen könnte, lasse ich gerne meinen Blick schweifen. Ich betrachte die städtebaulichen Veränderungen, lasse das Outfit der Mitfahrgäste auf mich wirken. Wenn man ein bißchen weiter hinten steht, also Blickrichtung Bode-Museum, sind da auch ein paar gastronomische Betriebe, öfter mal ein neuer Imbiss. Nun wird der Blick geringfügig, also wirklich nur ganz geringfügig, durch so ein Eisengeländer eingeschränkt, das den Schienenbereich von der Straße trennt. Da sehe ich doch (ich versuche einen Spannungsbogen aufzubauen, daher die umständliche Vorrede) ein neues Ladenschild. Und mir dünkt, da steht „Bio-Späti“. Kann man mal sehen, Berlin Mitte ist wieder ganz vorne mit dabei, wenn es um trendige Angebote geht. Wer hätte ihn nicht schon lange ersehnt, den Bio-Späti! Toll! Wäre ich eine Kundin von Spätis, wäre das mein Späti! Bio-Schokoladenriegel, Bio-Zigaretten, Bio-Schnaps. Alles, was man zu später Stunde so braucht! Da hat doch jemand clever die Marktlücke erkannt. Und Mitte wieder ganz, ganz vorne mit am Start! Meine Hood! Wobei es in Mitte an sich relativ wenig Spätis gibt, zumindest im Vergleich zu Neukölln, wo ungefähr 95 Prozent aller Geschäfte den Späti zum Kerngeschäft erklärt haben. Da ist offenbar ein anderes Publikum mit anderen Bedürfnissen. Ich zum Beispiel bevorrate mich mit Essen und Getränken in Supermärkten zu regulären Öffnungszeiten. Die Späti-Sachen sind mir einfach zu teuer, da bin ich knauserig. Sonst natürlich sehr gerne.

Weil man aber ja auch nicht minutenlang auf derselben Stelle stehen kann, bin ich irgendwann einen Schritt zur Seite getreten. Plötzlich stand da gar nicht mehr „Bio-Späti“, wie von mir vermutet (ich hatte das O ja gar nicht gesehen, da war die Eisenstange von der Absperrung), sondern da stand „Bis Späti“. Ich war dann ein bißchen enttäuscht. Aber der Grund, wieso ich aus so einer läppischen Sache einen extra Eintrag mache, ist der Service-Gedanke, den ich einfach in mir trage. Vielleicht befindet sich einer meiner Leser gerade in einer persönlichen oder existentiellen Krise und möchte sich neu orientieren und sucht noch nach dem richtigen Geschäftsfeld. Ich wüsste da was! Wie wäre es mit der Eröffnung eines „Bio-Spätis“? Eine Start up-Idee, die nun wirklich Zukunft hat. Zumindest in Berlin Mitte. Da bin ich mir ganz sicher.

17. Juni 2018

Aus meinem goldenen Notizbuch III.

Ein weiterer Eintrag. Es wird wieder etwas körperlich:

„neulich in U-Bahn (U8)
(Anfang Juni 2019)
Schienbeintattoo junger Mann:
ovaler Teppich (wie Badvorleger)
darauf quadratisches Tischchen (wie v. Ikea)
auf Tischchen Vase mit Blümchen“

Aha. Ja. Nicht, dass ich mich über Gebühr für Tattoos interessieren würde, mir gefallen auch nur sehr selten die Motive, die dargeboten werden. Wenn überhaupt, dann nur so eine schöne, anmutige Vogelschwinge am Oberarm oder Schulterblatt. (Ich selber bin nicht tätowiert).

Aber dieser junge Mann da neulich, mit seiner mutmaßlichen Freundin in der U 8. Sehr merkwürdig. Er sah erst mal überhaupt nicht wie der gewöhnliche Tattoo-Freund aus, der ganze Typ war eher wie ein braver Bub, nicht so ein wilder Vogel. Klamotten waren auch unspektakulär bis langweilig, ein T-Shirt dessen Farbe mir entfallen ist, was einfarbiges, vielleicht hellblau oder grau. Und eine beigefarbene Hose, die zwangsläufig kurz gewesen sein muss, vielleicht so eine Art Bermuda, sonst hätte ich das Schienbein ja gar nicht ausführlich sehen können. Da er mir gegenüber saß, und eine ganze Weile mitfuhr, hatte ich genug Zeit mir das Motiv einzuprägen, und mir so meine Gedanken darüber zu machen.

Sein unteres Bein war vorne großflächig tätowiert. Wie oben schon angeführt, präsentierte er auf dem Schienbein eine einfarbig in Schwarz gehaltene Zeichnung, die sich eher für DIN A 4-Format empfohlen hätte: ein ovaler, kleinerer Teppich mehr so rechts unten, wie einer dieser puscheligen (für meinen Geschmack nicht sehr attraktiven) Badvorleger, Man kennt ja diese Sets, Puschelvorleger fürs WC, Puschelabdeckung für die Klobrille und passend dazu der etwas größere Vorleger fürs Waschbecken oder die Badewanne. Auf dem ovalen Teppich ein Beistelltischchen, quadratisch. Gibt es bei Ikea in verschiedenen Farben. Auf dem Tischchen, nicht ganz in der Mitte, eine zierliche Blumenvase, schlichte Form. In der Blumenvase ein aparter Blumenzweig mit mehreren Blüten. Sorte konnte ich nicht erkennen. War ja auch einfarbig, was die Bestimmung zusätzlich erschwert hat. Die Blume war dann auch nicht so groß. Es musste ja alles auf das Schienbein passen. Ansonsten war der junge Mann nicht tätowiert. Ich habe mir ja schon viele Tätowierungen in der U 8 ansehen dürfen, aber so etwas war noch nicht dabei. Ich wollte diesen avantgardistischen Ansatz, mal ein bißchen Wohnungseinrichtung als Tätowierung zu präsentieren, hiermit gewürdigt haben, als Merkwürdigkeit Nummer Drei.

Ich hoffe, mir laufen jetzt nicht die Leser davon, weil ich schon wieder mit einer ja doch eher unpersönlichen Merkwürdigkeit langweile! Ich werde mich bemühen, einen Mix hinzubekommen, so dass im nächsten Eintrag, wieder was persönliches drinsteht!

16. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch II.

Also gut, ein frivolerer Eintrag. Mein erster Beitrag ist ja nicht so stark angekommen, wahrscheinlich zu brav! Ich überspringe jetzt einen anderen Eintrag (den ich dann später präsentiere) und verarbeite eine Notiz zu meinem Physiotherapeuten. Wir erinnern uns: zufällig sieht mein Physiotherapeut aus wie Clark Kent. Also groß, athletisch, angenehme Gesichtszüge, schwarze Brille. In meinem goldenen Notizbuch findet sich folgender Eintrag vom 7. Juni 2019:

„Physio (3. Stunde 7. Juni)
„Nelson-Methode“, „Plattenverschiebung“

  • Clark: „ich liebe die Romantik!“ Chopin!„

Am 17. Oktober 2019 ist der 170. Todestag von Herrn Chopin. Ich liebe ihn ja auch sehr. Clark plant anlässlich des runden Todestages nach Paris zu reisen, zu seinem Grab. Ein wahrer Romantiker! Das könnte man jetzt unter banal und alltäglich abtun, aber für mich fällt das ganz klar unter „Merkwürdigkeiten“ für mein goldenes Notizbuch. Käme dieser Plan von einem Studenten an einer Musikhochschule oder einem ambitionierten Dichter, würde mir das ja auf Anhieb einleuchten. Aber dieses Bekenntnis „Ich liebe die Romantik!“ wurde mit einem heiligen Ernst vorgebracht. Von einem athletisch gebauten Physiotherapeuten im schwarzen Sportdress, während er meine Hand hielt. Also bitte.

16. Juni 2019

Aus meinem goldenen Notizbuch I.

Schon etwas länger her, da hatte ich das Büchlein noch gar nicht, aber ich habe es mir gemerkt. Eine junge Frau schrieb mir eine E-Mail. Kein Spam. Der Nachname von ihrem Absender der Mail und der Name in den beigefügten Anhängen, die mit ihr zu tun hatten, war ein anderer, als der mit dem sie ihre Mitteilungen unterschrieb. Ich bat sie um Erklärung, wie nun der aktuelle Name sei, wobei ich mir schon dachte, dass wahrscheinlich eine Eheschließung mit geändertem Namen der Grund ist. Sie rief mich an und sprach sehr gut Deutsch, obwohl sie vor noch gar nicht langer Zeit aus Albanien nach Berlin gekommen ist. Aufgeregt erzählte sie, dass sie geheiratet hat und das der Name ist, mit dem sie jetzt unterschreibt. Zu dem anderen Namen erklärte sie:

„Aber das ist doch mein Geburtstagsname!“

Ich fand das so schön. Geburtstagsname! Wie putzig. Es kommen oft so schöne Sachen dabei heraus, wenn jemand eine Sprache lernt und versucht alles richtig zu sagen. Kinder machen das auch manchmal. Wie unkreativ wir dagegen mit der eigenen Sprache umgehen. Da ist noch viel Luft nach oben! Obwohl mir dann auch wieder so besonders ambitioniert originelle Formulierungen eher auf den Wecker gehen. Aber wenn es so in aller Unschuld kommt, das hat ganz viel Charme. Also das war jetzt eine Kostprobe aus meinem goldenen Notizbuch, was ich unter den angekündigten Merkwürdigkeiten verstehe!

12. Juni 2019

Nun besitze ich ein goldenes Notizbuch. Oft bin ich darum herumgeschlichen, wenn ich nach einem Museumsbesuch durch den zugehörigen Shop schlenderte, und überwiegend niemals etwas kaufte. Dieses herrliche Relief vom Goldhut, eine Pracht. Auf der Abbildung kann man es erahnen (die blaue Bauchbinde ist nur Verpackung). Aber was hätte ich denn bloß hineinschreiben sollen? Lange schon beschrifte ich keine Papierseiten in Kladden mehr mit meinen urpersönlichsten Befindlichkeiten. Was hat man nicht alles hineingeschrieben in die Dinger. Jeden Kummer, den man auf dem Herzen hatte, jede tolle Begegnung, jede Langweiligkeit. Man wusste ja, dass es ein diskreter, verschwiegener Zuhörer ist, dem man seinen Herzschmerz überlassen kann. Oder ein Gefühl der kompletten Orientierungslosigkeit. Aber auch Hass, tiefe Enttäuschung, Wut, Alles! Aber dieses Alles wollte ich nun schon jahrelang nicht mehr verewigen. Das Grauen nicht noch zelebrieren und auf ein Podest heben. Zu viel der Ehre. Am vergangenen Freitag habe ich es nun doch gekauft, das goldene Büchlein. In der Alten Nationalgalerie hat man mich kurz vor Schluss, ein paar Minuten vor Sechs noch reingelassen, weil ich versprach, wirklich nur das Notizbuch kaufen zu wollen, ich wüsste sogar genau, wo es liegt. Gesagt, getan.

Hineingeschrieben habe ich auch schon einiges. Aber es wird kein Tagebuch sein, kein Schmerzensbuch! Ich notiere eher kurze Stichpunkte von Merkwürdigkeiten, die mir begegnen. Also echte Merkwürdigkeiten aus meiner Sicht. Sachen, die man nicht in den anderen Blogs lesen wird. Quasi exclusives Material! Ich habe vor, diese exclusiven Merkwürdigkeiten in lockerer Folge meinen drei Lesern darzulegen. Natürlich stark ausgeschmückt. Wobei ausgeschmückt nicht bedeutet, mit Zierrat versehen, den die Merkwürdigkeit nicht sowieso an sich hatte, sondern detailgenau berichtet. Eventuell fange ich schon morgen damit an. Es hat sich schon ein bißchen was angesammelt, nicht dass es dann so viel wird, dass mir die Lust vergeht, es abzuarbeiten. Clark hat übrigens eine Freundin, wie er heute beiläufig eingeflochten hat. Diese Anmerkung verstehen jetzt aber nur ganz aufmerksame Leserinnen.

08. Juni 2019

„(…) wir fürchteten uns gewaltig vor diesem Abend. Es war dann aber sehr fesch. Bei Tisch soll ich sogar zuviel gelacht haben. (…) Mit dem einen Blau aß ich ein Vielliebchen* auf das Wort ‚Secession‘.“

Alma Mahler-Werfel, „Tagebuch-Suiten 1889 – 1902, S. 41, Suite 5, 16.IV.1898

*) „ein Vielliebchen essen“: findet sich beim Knacken einer Nuß eine Zwillingsnuß in der Schale, essen zwei Personen je einen Teil davon, verabreden ein Wort, und derjenige, der dieses Wort am folgenden Morgen zuerst ausspricht, darf sich etwas wünschen, was der andere ihm erfüllen muß.

So ein schönes Spiel. Mehr Nüsse essen, knacken!

07. Juni 2019

“(…) dazu sein übergroßes Foto-Porträt: dieses Gesicht! Wer oder was verleiht Rang? Die Leistung tut es zum Teil. Verleiht einer den Rang sich selbst? Auch der Gescheiterte kann Rang haben. Wodurch? Rang bedeutet noch nicht Ruhm. Ich kenne Leute, die ihren Ruhm verloren haben zur Lebzeit; der Rang ist ihnen geblieben. Rang ist nicht der Glanz des Siegers. Wie bekundet sich Rang? Ich bin Leuten von Rang begegnet, Männern und Frauen, älteren und jüngeren, berühmten und anderen; ich bin Giacometti nie begegnet. Die Begegnung mit Leuten von Rang (sie müssen nicht von der gleichen Fakultät sein) macht Mut auf merkwürdige Weise; sie bedienen sich nicht des Lobes, um Mut zu machen. Sie verleihen Rang, ob sie zustimmen oder widersprechen; noch eine Fehde führen sie in der Erwartung von Rang. Solche Erwartung kann natürlich enttäuscht werden. Bei Leuten von Rang besteht die Erwartung von Rang nicht blindlings, aber unabhängig von Erfolg oder Nichterfolg; sie selber setzen die Maßstäbe. Das kennzeichnet sie untrüglicher als ihre Leistungen, die der andere in vielen Fällen ja nicht beurteilen kann. Ihr Rang beglänzt ihre Leistung. Sie sind nicht immer freundlich; nur lassen sie sich in ihrer Erwartung nicht irritieren, wenn jemand sich gelegentlich unter seinem Rang verhält. Die Selbstzweifel, die ihnen vorgetragen werden, nehmen sie ernst, doch fallen sie nicht auf Selbstbezichtigung herein wie die andern, die, sobald sie nicht mit Allüre überrannt werden, ihre Erwartung unwillkürlich herabsetzen und gnädig werden in einer Art, die alles eine Nummer zu klein nimmt, aber auch alles.“

Max Frisch, Montauk, S. 25

05. Juni 2019

Neuere Erkenntnisse! Physiotherapeut ist ein sehr toller Beruf. Ich habe jetzt zwei kennengelernt. Natürlich fand ich diese Tätigkeit schon immer sehr gut und respektabel, aber wenn man selber behandelt wird, erweitert sich die Wahrnehmung sehr stark. Der eine hat mit mir letzte Woche „exzentrisches Loslassen“ gemacht, der Florian. Das hat sich schon sehr gut angefühlt. Florian hat eine Textmarker-gelbe Irokesenfrisur und sechzehn Jahre Erfahrung. Ich schätze ihn auf ungefähr 37. Der andere heißt Roman und war heute dran. Wir sehen uns jetzt öfter. Ich nenne ihn heimlich Clark Kent, weil er genauso ausschaut. Also bevor er den Superman-Anzug anzieht. Clark hat ganz neue Sachen mit mir gemacht, ich musste mir das Oberteil ausziehen, er hat mich dann sehr forsch angefasst, aber es hat nicht wehgetan. Dann durfte ich mir das Oberteil wieder anziehen und wir sind in den Turn-Raum gegangen. Da ist ein großer Spiegel, über die ganze Wand, wie im Ballettsaal. Er hat vorgeturnt und ich habe nachgeturnt. Wir haben auch zusammen geturnt. Als ich in den Spiegel geschaut habe, ist mir aufgefallen, wie groß und athletisch er neben mir aussieht. Dabei bin ich doch auch schon nicht klein. Nächste Stunde ist Freitag, also übermorgen. Ich soll wieder mehr tanzen, regelmäßig, findet er. Ich finde auch! Zusammen turnen macht eigentlich Spaß. Aber auch wenn man alleine turnt und dann einer korrigiert oder anleitet, indem er einen an den Armfesseln festhält. Es hat mir gut gefallen. Habe mir dann auch gedacht, dass Jenny wahnsinnig privilegiert ist, dass sie einen Mann hat, der das auch kann. Toll. So ein sinnvoller Beruf. Zu keinem Zeitpunkt fragt man sich, was das eigentlich soll. Selbst wenn es nicht die Krankenkasse zahlen würde, wäre es kein rausgeschmissenes Geld. Ich bin ganz beeindruckt, wie so ein junger Mensch – ich schätze Clark auf Ende Zwanzig, Anfang Dreissig – auf so einen sinnvollen und hilfreichen Beruf kommt. Ich meine, er hätte auch Model oder Schauspieler werden können. Das Aussehen hätte er! Der Grund für die Turnstunden ist mein noch nicht ganz wiederhergestellter Ellbogen. Ich hatte – ich meine ich habe da gleichzeitig einen Tennis- und Golferarm, die Folge von einem Muskelanriss durch Gewalteinwirkung. Ich habe mich selber verletzt, als ich eine blöde Eisenstange mit einer Zange verbiegen wollte. Ist aber fast schon wieder heil. Aber nur fast! Sonst müsste ich ja nicht mehr zu Clark! Ich möchte das unbedingt feinsäuberlich mit viel professioneller Anleitung auskurieren, nicht dass man dann noch was verschleppt!

01. Juni 2019

Heute Abend im Tempodrom – Bryan Ferry. Es muss im März Zweitausend gewesen sein, dass ich ihn bei seiner „As Time Goes By“-Tour erlebte. Mit einem wunderbaren Orchester. In einer der Messehallen, die für schlechte Akustik verrufen war. Niemals, nicht davor und nicht danach habe ich ein Konzert mit so einem vollendeten, absolut brillanten Klang gehört (ausgenommen die Berliner Philharmoniker in der Philharmonie). Bryan Ferry bestens gelaunt, immer in Blickkontakt mit seinen Musikern. Gut gekleidet sowieso. Es war unvergesslich. Also ist nicht die Messehalle akustisch unzulänglich, sondern die technische Vorbereitung, Schlampige Tontechniker! In einer guten Stunde gehe ich los, noch anziehen. Das Ticket ist ein Geburtstagsgeschenk von Ina, vom letzten September. Danke.

26. Mai 2019

Große Pläne:

  1. kleines Sonnenbad, gr. Kaffee, kleines Frühstück, fertig machen
  2. Wahllokal VHS Mitte, Linienstr. 162, kleines Kreuzchen machen
  3. kleiner Spaziergang zur Museumsinsel, Alte Nationalgalerie
  4. kleine Ausstellung von Gustave Caillebotte angucken
  5. kleiner Spaziergang durch den Lustgarten
  6. kleinen Kunstmarkt am Zeughaus besuchen
  7. kleiner Spaziergang Unter den Linden
  8. kleine Busfahrt zum Alex
  9. kleine U-Bahnfahrt mit der U 8 zu meiner kleinen Werkstatt

20. Mai 2019

Zufällig gestern Nacht diese sehr schöne Aufnahme von „Perfidia“ entdeckt. Ich las einen Artikel über den Soundstylisten Michel Gaubert, der seit vielen Jahren die Schauen der größten Modehäuser der Welt mit passender Musik versieht. Diesen Artikel hier. Perfidia in der Orchesterfassung von Xavier Cugat war ihm zufolge eines der Lieblingslieder von Karl Lagerfeld, das ist aber auch durch eine Compilation dokumentiert, die der gute Karl 2006 veröffentlich hat, „Les Musiques Que J’aime – My Favorite Songs“ ich werde mich von Anfang bis Ende durchhören. Die alte Aufnahme von Perfidia gibt ganz viel Vertrauensvorschuss. Ich hörte diesen Klassiker der lateinamerikanischen Musik erstmals um 1992, da ich in den Neunzigern mit einem Südamerikaner liiert war, der mir die spanisch gesungenen Aufnahmen von Nat King Cole näher brachte. Eine der schönsten Versionen von Perfidia überhaupt.

Mein damaliger Geliebter (er war EINIGE Jahre älter als ich) erzählte mir davon, was für ein sagenhafter Erfolg die spanisch gesungenen Stücke von Nat King Cole in Kolumbien waren, obgleich – oder gerade WEIL Nat King Cole mit einem ausgeprägten nordamerikanischen Akzent Spanisch singt, das amüsierte und rührte gleichermaßen, man liebte es. Ich war so neugierig, dass ich mir die Platte kaufte, sie musste sogar aus Amerika importiert werden, das dauerte sechs Wochen, ich bestellte sie in einem Plattenladen am Savignyplatz, der Importware führte. Heute kann man die Aufnahmen von heute auf morgen geliefert bekommen oder mal eben runterladen. Auf youtube ist ja eh alles. Diese Lieder von Nat King Cole begleiten mich seither, siebenundzwanzig Jahre sind es schon. Ein paar Jahre später entdeckte ich die Aufnahmen von Julie London, und auch sie hat eine wunderbare Version von Perfidia aufgenommen, diese hier

– weil mir dieses schöne Lied so vertraut ist, freute ich mich gestern Nacht besonders über diese mir bislang unbekannte Aufnahme, die Karl Lagerfeld so am Herzen lag. Wirklich schön. Ich habe übrigens ein Plakat mit einer Schwarzweiß-Fotografie und einer echten Signatur von Karl Lagerfeld. Ich glaube Nadja Auermann ist darauf zu sehen. Ich finde das Foto gar nicht so gut, obwohl er grandiose Fotografien gemacht hat, das gerade nicht. Aber seine echte Unterschrift ist drauf! Es ist eingerollt in einer Papprolle in meinem Atelier. Ich bekam es vor einigen Jahren als Aufmerksamkeit zu einem Geburtstag. Die liebenswürdige Stifterin war in der Crew bei einer Ausstellungseröffnung von Karl Lagerfeld und er signierte ihr das Plakat als Erinnerung. Da sie wusste, wie meine Interessen gelagert sind, wollte sie mir eine Freude machen und schenkte mir ihre Erinnerung an ihre Begegnung mit Karl. – Verrückt – ich habe heute an einem Bild gearbeitet, das am Ende ein bißchen aussah wie Karl Lagerfeld. Aber auch ein bißchen wie Tweety (falls das noch jemandem etwas sagt, so eine Comic Figur aus meiner Kindheit), aber vor allem wie Gott. Deswegen heißt es auch „GOTT … Tweety Lagerfeld“.

18. Mai 2019

Schönste englische Coverversion von Udo Jürgens‘ und Blacky Fuchsbergers „Was ich dir sagen will“, immer auf der Lieblingsplaylist: Matt Monro, „The Music Played“. Das Amateur-Video dazu ein schönes Beispiel für „ich suche mal für jede Liedzeile ein Foto, wo genau das abgebildet ist, was gerade gesungen wird“. Immer wieder rührend auch, in seiner Unbeholfenheit. Bei „and when I took your hand, the music played“ taktgenaue Einblendung von Foto Hand auf Klaviertasten. Man kann schon mit plakativen Bildern arbeiten, aber man muss es in irgendeiner Form brechen, das allzu Erwartbare ist halt leider sehr, sehr, sehr, sehr langweilig. Um wieder auf die Video-Geniestreiche von Rammstein zurückzukommen: mit Erwartungen und Klischees spielen und dann das Kaninchen aus dem Hut zaubern. So geht das. Aber das kriegen auch die meisten internationalen Top Acts in ihren Hochglanzproduktionen nicht hin. Gibt kaum ein Video, das mich nicht zu Tode langweilt. Ein Gutes allerdings war das zu „Achterbahn“ von Clueso. Das macht auch Freude anzuschauen. Schnelle Schnitte, die das Tempo des Songs begleiten, ohne zu nerven. Und das kann oft nerven. Es ist eben eine hohe Kunst.

16. Mai 2019



schonschön – abermals große Filmkunst. Till Lindemann könnte sich eingangs noch ein bißchen wärmer singen, aber sonst alles gut. Eigentlich gehören alle Rammstein Videos in eine exclusive Abteilung vom Museum of Modern Art in New York. Wer dieses Gesamtkunstwerk nicht kapiert, ist – ich muss es leider bekennen, für mein Empfinden doch eher simpel gestrickt. Nichts gegen einfache Strickmuster, aber da schaut man halt nur einmal hin, und „…aus den Augen, aus dem Sinn.“

14. Mai 2019

Last but not least ~ „Again“ „(…) written by Lionel Newman and Dorcas Cochran for the film Road House in 1948, was recorded by Doris Day and the Mellomen in February 1949 and released as a single on Columbia Records. The record reached #2 on the Billboard Best Seller chart.“ Die Aufnahme ist siebzig (!) Jahre alt. Sternstunde der Musik. Ich schmelze wie Butter in der Sonne… (scheint auch gerade …immer wieder ein bißchen)

14. Mai 2019

Falling in Love again… hach

Marlene konnte ja ein Biest sein, aber diese Aufnahme von Doris hat ihr sicher auch gefallen. Marlene war ja „nur“ eine singende Schauspielerin, Doris Day hingegen war eine schauspielernde Sängerin.

14. Mai 2019

Auch wunderbar „Daydreaming“, auch von der Platte mit dem André Previn Trio, aufgenommen 1961. Es ist aber mittlerweile schon auch in Europa bekannt, dass Doris Day nicht nur eine lustige Schauspielerin war, sondern auch oder vielleicht sogar noch virtuoser als Sängerin. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich ihre Stimme höre, so feinsinnig, ganz zartfühlend phrasiert, kein Gepose, kein Sportgesang, jeder Ton mitten ins Herz.


13. Mai 2019

Close your eyes
rest your head on my shoulder and sleep
Close your eyes
And I will close mine

Close your eyes
Let’s pretend that we’re both counting sheep
Close your eyes
This is divine

29. April 2019

»(…) Um ein Haar wäre ich in Koblenz ums Leben gekommen. Eine Hausangestellte hatte das Bedürfnis, mich »aufzuklären«, und sie umschrieb es nicht poetisch mit Bienchen und Blümchen, sondern so: Männer hätten einen Aal in der Hose, und der sei auf der Suche nach einer geeigneten Höhle, um hineinzuschlüpfen. Ich war angewidert. Was für eine ekelhafte Vorstellung. Um das Bild so schnell wie möglich zu verdrängen, stürzte ich mich in den Rhein. Wohlgemerkt: Ich war neun Jahre alt und hatte noch nicht einmal den »Freischwimmer«! Wie reißend die Strömung war, merkte ich erst, als ich in den Strudeln zwischen den Brückenpfeilern nach Luft schnappte. Zum Glück landete ich irgendwie am anderen Ufer, völlig erschöpft. Mir war kalt. Die Kleidung war klatschnass. Ich hatte keinen Groschen, um mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Also lief ich zu Fuß zurück. Meiner Mutter erzählte ich kein Wort.«

(Gabriele Henkel, „Die Zeit ist ein Augenblick“, S. 68)

Was für ein Bild. Neue Art des Lesens: bei Erwähnung realer Orte, Personen, Check im Internet, Bildersuche, Quellen. Das macht die Lektüre sehr plastisch und reichhaltig. Alleine wie ich gestern durch die Seiten des Pariser Hotels Meurice spaziert bin, die Badezimmer der Suiten… dieser phantastisch marmorierte Marmor. Oder das Lancaster, in der sehr schönen Marlene Dietrich-Suite steht ein Flügel. Dachte nach, ob die Wände Schallschutz haben, denn man könnte ja auf die Idee kommen, darauf zu spielen. Bei dem eingangs erwähnten Absatz erübrigt sich weiterführende Recherche. Das arme Kind, was für ein schlimmer Eindruck. Eine Lebensleistung, so etwas zu überwinden. Sie hat es wohl geschafft.

(mit zwei Händen getippt, es wird langsam)

20. April 2019

»Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. (…) Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.«

(Max Pechstein auf Schallplatte, 1928)

19. April 2019

»Manchmal erschreckt mich der Gedanke an die Dinge, die unser kurzes Leben überdauern. In früher Jugend schockierten mich die Fotos aus den Konzentrationslagern mit den Brillengestellen und Schuhen der Ermordeten; das hatte mir damals ein Gefühl für die Flüchtigkeit eines Menschenlebens gegeben – auch meines eigenen -, und ich konnte es nicht fassen, dass es möglich gewesen war, Millionen Menschen auf bürokratisch geordnete Weise zu ermorden und dabei den kleinsten Gegenständen aus ihrem Besitz offensichtlich einen höheren Wert beizumessen als ihrem Leben. Und so steigt, wenn ich Anhäufungen von sogenannten Wertgegenständen sehe, regelmäßig mein Puls. Ein flaues Gefühl der Angst vor dem baldigen Verfall beschleicht mich; ich werde daran erinnert, dass die von mir mit Bewunderung gesammelten Dinge nicht nur mich, sondern auch meine Kinder und Enkelkinder überdauern werden. Ich erkenne dann die Lächerlichkeit meiner Existenz und schwanke zwischen der Sammlerliebe und dem Hass auf die Gegenstände, bis ich mich wieder beruhige und mir bewusst mache, dass nicht ich die Dinge besitze, dass sie vielmehr nur eine Weile bei mir bleiben, bis ihre Reise durch die Zeit weitergeht: So lange liegt es an mir, ihnen jenes Etwas zu geben, das sich aus dem Wissen um ihre Geschichte und meiner Phantasie nährt.«

(Wolfgang Beltracchi, “Selbstportrait“, S. 133)

Starkes Déjà-vu beim Lesen dieses Kapitels, ganz ähnlich immer wieder über genau das nachgedacht. Nicht abgetippt, ausgetüftelt, wie man Passagen aus googlebooks kopiert. Gemäß geltendem Urheberrecht, können auch längere Zitate verwendet werden, wenn der Zweck dem kulturellen Diskurs dient und der Umfang des Zitats den Erwerb des Gesamtwerkes nicht ersetzt. Der höhere kulturelle Zweck an dieser Stelle ist, dass ich meine Bekannten die Welt an meinen inneren Bewegungen teilhaben lassen möchte, wie z. B. meiner Verblüffung über die Ausformulierung meiner Gedanken durch eine andere Person, die mir gar nicht bekannt ist. Hier Näheres zum Zitatrecht.



18. April 2019

„Konzerte, Happenings, Kunstauktionen, Ausstellungen, außerdem natürlich girls, girls, girls spukten mir im Kopf herum. Die Schule konnte mir nichts davon bieten (…)“

(Wolfgang Beltracchi, “Selbstportrait“, S. 56)

mit links getippt (anstrengend), rechter Arm (z. Z.) kaputt, Ellenbogengelenk nach Eisenstange biegen (Skulpturzeugs) gezerrt, entzündet, Röntgen kein Bruch, MRT erst 7. Mai. Nur noch lesen, Fernsehen, Musik hören, essen, trinken, duschen, Blumen gießen. Muß dringend dem OIeander u. Hortensie auf sonnigem Atelierbalkon Wasser geben, fahr ich heute hin. Frohe Ostern.

18. März 2019

»Für den Denker und Künstler sind die Frauen nichts anderes als zufällige Anregungsmittel, die er geschickt benützt, um durch sie seinen geistigen Stoffwechsel zu steigern, vorübergehender Zündstoff, den er verbrennt, um durch ihn sein eigenes Feuer zu nähren. Er hat dabei zu den Frauen eigentlich überhaupt keine innere Beziehung. Sie sind für ihn dasselbe wie Alkohol, Nikotin, schwarzer Kaffee. Er braucht sie für den Moment, aber er verbraucht sie auch vollständig und restlos, und wenn sie ihm die notwendigen Kräfteauslöser verschafft haben, so existieren sie für ihn nicht mehr. Sie sind nur dazu da, um ihn reicher und stärker zu machen. Er schöpft aus ihnen nichts als sich selbst, seine eigene Kraft zu lieben und zu hassen, zu denken und zu gestalten.«

[Egon Friedell an Lina Loos, Brief o. D.]

18. Februar 2019

Weiter – immer weiter. Vor sechzehn Jahren etwa hat niemand außer Fotografen täglich Bilder gemacht. Die völlige Abwesenheit von minutiös verewigtem Alltags- und Gesellschaftsleben war normal. Heute ist das anders, und doch kann man wählen. Meine Wahl fällt seit einer Weile, Monate sind es schon, auf den Tanz mit der Materie. Bilder, Farbe und Form sind immer noch meine Welt. Aber die Kamera ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt, geschützt in einem Schrank. Die Freiheit, die eine Leinwand gibt, ist unvergleichlich. Keine Frage muss gestellt werden, ob jemand mitwirken möchte. Man kann Gott spielen. Tatsächlich. Jede Kreatur kann in einem Bild erschaffen werden (oder sie erschafft sich selbst). Es tut mir leid, ich habe nicht einmal den Impuls, das dokumentarisch abzulichten. Vielleicht gehe ich einmal mit der Filmkamera durch. Wer weiß. Man muss mit seiner Zeit behutsam umgehen, sich nicht verzetteln. Ich finde aber schon auch, dass Bilder einen Eintrag heben, deswegen eine Aufnahme vom Januar Zweitausendsiebzehn. Im Badezimmer. Ich glaube ein einziges Bild von mir aus diesem Jahr Zweitausendneunzehn könnte es geben, bei der Eröffnung der Gedenkausstellung für Irina, letzte Woche, hat Bernward die Kamera in Richtung von Lydia und mir gehalten. Ich habe das Bild nie gesehen. Macht nichts. Man sieht sich ja jeden Tag im Spiegel, beim Wimperntuschen oder aus Versehen.

06. Januar 2019

Morgen (bzw. schon heute… ist ja schon nach Mitternacht) gehe ich zu einem meiner liebsten Expressionisten, Otto Mueller im Hamburger Bahnhof, und davor oder danach zum Antikmarkt am Bode-Museum. In der Gurlitt-Sammlung, die vollständig dem Kunstmuseum Bern vermacht wurde, befinden sich auch einige Bilder von Otto Mueller. Ich war von seinen Bildern gestern im Gropiusbau am meisten elektrisiert. So modern, so dynamisch und sensitiv. Auf dem Antikmarkt am Bodemuseum, der auf halber Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Hamburger Bahnhof liegt, halte ich Ausschau nach alten Bilderrahmen. Danach mit Beute ins Atelier, entweder einem Rahmen oder wer weiß und/oder einem schönen Bildband oder dem zugehörigen Katalog aus dem Museumsshop. War heute nach Gurlitt ein Weilchen daheim und dann ins Atelier, habe nach langer Zeit mit Nadel und Faden gearbeitet, von Hand. Zweitausendvier kaufte ich einer virtuosen Weberin der Navajo in Utah einen kleinen Teppich ab, der fünfzehn Jahre in meinem Schlafzimmer hing, aber die letzten Jahre nicht mehr sichtbar, ein zweiter Kleiderschrank („ich habe nichts anzuziehen!“) verdeckte das gute Stück. Er fiel mir vor zwei, drei Wochen wieder ein, und ich fand, dass er ein schönes Bodenkissen abgeben würde, hatte aber keine Lust komplett selbst zu nähen, weil meine Nähmaschine seit Jahren keinen Fuß mehr hat. Ich googelte lieber nach fertigen Kissen im Format des kleinen Teppichs. Ein einziges fand ich, das genau passte, unaufgeregtes Muster, diskret, farblich passend zu meinem Teppichlein. Habe ich heute im Schneidersitz auf den breiten Buchendielen von Hand aufgenäht. Sehr schön geworden. Als wär es nie anders gewesen. Gruß vom tapferen Schneiderlein. Morgen nach Museum und Antikmarkt weiter mit der Präparation der Glitzerpuppen oder der Transformation der Duschköpfe. Bin selber gespannt.

05. Januar 2019

„Bestandsaufnahme Gurlitt“ im Gropiusbau, heute auf den letzten Drücker (läuft bis Mo, 7. Januar), versuche, um Neun da zu sein, eine Stunde vor Einlass. Online Tickets ausverkauft. Hoffe, ich muss nicht zu lange draußen rumstehen. Für die Wartezeit Flakes „Heute hat die Welt Geburtstag“ dabei. Liest sich sehr schön, man spürt in jedem Kapitel seine Freude, Teil seiner Band zu sein, ja man könnte denken, es hätte ein glühender Rammstein-Fan geschrieben, der Funke springt dann auch über. Bin doch überrascht, in welche körperlichen Herausforderungen er sich bei jedem Auftritt begibt. Werde mich extra warm anziehen, bißchen Kratzen im Hals, habe den Ehrgeiz, nicht klein beizugeben und dagegenzuhalten. Schon geduscht und Haare trocken geföhnt, Thermoleggins an, also unter der schwarzen Jeans. Dazu meine Love-Boots, warm und bequem und sehr hübsch. Die habe ich bei einer jungen Frau in der S-Bahn gesehen und war verliebt. Schwarze Schnürboots mit Reißverschluss und hinten am Schaft oben steht Weiß auf Schwarz gedruckt „LOVE LOVE“. Doppelt hält besser. Hat mich bestimmt eine Stunde Lebenszeit gekostet, herauszugoogeln, wo es die Schuhe gibt, hab mich nicht getraut, die junge Frau zu fragen. Gab es dann bei Deichmann für kleines Geld, so bequem, passen wie für mich gemacht. Vorgestern in der U–Bahn einen jungen Mann mit Freundin erblickt, er hatte eine umwerfende Jacke an. So ein Daunen-Modelll, relativ eng anliegend mit großem Camouflage-Muster in Schwarz und Gold, ich war sofort hypnotisiert. Habe mich getraut zu fragen, welche Marke es ist, er sprach nur Englisch, also what’s the brand? Er „Nike“. War auch meine erste Vermutung, obwohl man das Logo auf die Schnelle nirgends sah. Dann bestimmt anderthalb Stunden herumgegoogelt, auf sämtlichen Nike-Seiten, bei Foot Locker etc. pp. Nicht gefunden. Nicht annähernd. Verstehe ich nicht. Habe auch mit englischen Begriffen gegoogelt, auch ohne „NIKE“, vielleicht hab ich mich ja auch verhört. Mysteriös. Oder ein älteres Modell in exclusiver Auflage. Wie auch immer, zufällig war ich gestern im Europa-Center, da ist so ein großer NIKE-Store, und fragte einen jungen hippen Verkäufer, der sehr bemüht war und er hatte die Vermutung, dass es vielleicht eine Kooperation von Nike mit einem anderen Designer sein könnte, und gar nicht unter Nike vertrieben wird. „Der Felix“ könnte das wissen, meinte er, so eine absolute Koryphäe für das ganze Sortiment, er rief dann an, aber der Felix hatte frei. Wenn ich mal wieder in der Nähe bin, soll ich also nach Felix fragen, wenn es einer weiß, dann er! Oh, meine Waschmaschine ist fertig, noch ausräumen und dann anziehen und los!

29. Dezember 2018

Gruß von zwischen Tür und Angel, vorgestern zum ersten mal nach fünfzehn Jahren in der Schierker Str. übernachtet. In der Speisekammer, auf dem großen Schaumstoffblock, die Füße zur Tür raus. Na ja. Wenn ich demnächst wieder zu müde bin zum heimfahren, wähle ich doch lieber die Luftmatratze, mitten auf den Holzboden, mit viel Beinfreiheit. Beim Umdrehen im Schlaf hat sich der Kontakt mit dem Türrahmen der Kammer so ähnlich angefühlt wie ein anderes Bein. Man kann sich ja alles schönreden. Ein anderes Bein hätte aber vielleicht ein bißchen nachgegeben. Die Dusche zum ersten mal zum Duschen benutzt, der Wasserdruck könnte ein bißchen stärker sein. Musste erst diverse bemalte Leinwände aus der Duschkabine räumen. Habe die Dusche jetzt nicht mehr ganz so dicht bestückt, nur noch ein großes Bild. Und die Zahnpasta, die ich in einer kleinen Portion in einem Holzdöschen deponiert hatte, ein Mitbringsel einer Freundin aus Neuseeland oder Australien, da war mal irgendeine Urwald-Salbe drin, war betonhart eingetrocknet. Oh. Muss ich wohl doch im Drogeriemarkt so eine Mini-Reise-Tube holen. Ansonsten eine Grabplatte für David Bowie in Türkis, Schwarz, Violett und viel Gold fertig gestellt. Ich muss nur noch Iman darüber informieren. Weiter geht es mit zwei Bildern betitelt male nude und female nude. Und zwei außerirdischen Glitzerpuppen. Was sonst. Kommt gut rüber, falls ich mich nicht mehr bemerkbar mache. Bin an Silvester bei einer Party in Spandau und danach voraussichtlich ab zwei mit Ina in der Paris Bar (es wird getanzt). Aber nun wieder los.

11. Dezember 2018

Angelica Blechschmidt. Sie starb am 29. Juni 2018, ich habe es nicht mitbekommen. Weil ich die Tagespresse nicht kontinuierlich und lückenlos verfolge. Es gab in allen großen Zeitungen Nachrufe. Aber für die vermutlich sehr jugendlichen gmx-Redakteure nicht präsent genug. Sie war bereits fünfzehn Jahre im Ruhestand, die ehemalige Chefredakteurin der deutschen VOGUE. Mitte der Achtziger, ab circa 1986 kaufte ich das Heft regelmäßig, bis Ende der Neunziger, also fast fünfzehn Jahre. Ich habe die kompletten Jahrgänge aufbewahrt. Es umfasst annähernd die Spanne ihrer Zeit als Chefredakteurin. Zur Jahrtausendwende war ich der Lektüre überdrüssig, es wiederholte sich alles so sehr, die Posen in den Bildstrecken langweilten mich oft, ich war plötzlich keine faszinierte VOGUE-Leserin mehr. Früher hatte ich mir auch hin und wieder die amerikanische oder britische Ausgabe gekauft. Und Harper’s Bazaar. In jedem Heft fand ich Inspiration anhand der visuellen Kostbarkeiten. Der Druck war aufwändig, das Layout erstklassig. Weil ich so genussvoll in die Bildstrecken eintauchen konnte – und die hochkarätige Werbefotografie war ein Teil davon – bewahrte ich alle Ausgaben auf. Ich hätte es als Gotteslästerung, als Sünde empfunden, die Hefte zu entsorgen. Eine Tageszeitung ohne Meldung von historischem Rang oder eine beliebige Illustrierte oder Frauenzeitschrift packt man nach der schnellen Lektüre in die Altpapiertonne, aber doch keine VOGUE! Das wäre, als ob man einen hochglänzenden Bildband von Schirmer Mosel wegschmeißt. Es waren durchaus auch ansprechende Interviews darin, von interessanten und charismatischen Künstlern, das rundete das visuelle Erlebnis mit geistigem Input ab. Aber das war nicht der Hauptgrund, nicht die Essenz. Es war alles zusammen. Wäre ich nicht gestern mit Ina essen gegangen und hätte sie nicht erzählt, was sie die letzten Tage unternommen hatte, wüsste ich heute noch nicht, dass Angelica Blechschmidt tot ist. Die Alterslose, heißt es überall, weil sie ihr Geburtsjahr nie veröffentlichte. Der Spiegel hat wohl doch einen Zugriff gehabt und vermerkte in einem Nachruf ein Alter mit Klammer auf – Klammer zu (76). Ob es genau stimmt, ist eigentlich egal. Es war klar, dass sie irgendwann in den Vierzigern geboren sein musste, im Alter meiner Mama. Die ist Jahrgang 43. Wie Mick Jagger. Was jetzt aber nicht verleiten soll, da Ähnlichkeiten zu assoziieren. Das ergab sich logisch aus ihren biographischen Eckdaten. Blechschmidt hatte einen Kopf wie eine Löwin. Manche sagen ihr nach, sie wäre die Vorlage der Figur, die Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ verkörpert hat. Aber das ist die weltweit bekanntere Anna Wintour ja auch. Eine diktatorische Fashion-Ikone, die die Puppen tanzen lässt und in ihrem Umfeld keine Geschmacksverirrung duldet. Aber die deutsche Vorlage war wohl letztendlich eine warmherzigere Variante, als die Figur im Film. Ich habe sie nur einmal wirklich gesehen, das war in Berlin, am Rande einer Ausstellungseröffnung. Dabei entstand auch dieses Bild. Es war der 2. Mai 2008. Rund zehn Jahre vor ihrem Tod. Sie rauchte. Beständig heißt es. Gestern beim Essen im Jungbluth erzählte mir Ina, dass sie ein Sofa aus dem Nachlass der ehemaligen Chefredakteurin der Vogue gekauft hat. Bei der Vorbesichtigung einer Auktion ihres Nachlasses. Ich war hellwach. „Was? Wer? Angelica Blechschmidt? Ist tot…?!?“ Sie erwähnte, es gäbe noch einen Termin. Der ist heute. Die eigentliche Auktion. Heute wird der Nachlass von Angelica Blechschmidt im Auktionshaus Dannenberg in Berlin versteigert. Ich habe mich durch den online Katalog geblättert und etwas gesehen, was ich gerne hätte. Ich würde es ehren und benutzen. Es war ihr eigener Wunsch, dass ein größerer Teil ihrer bildschönen Sammlung von Mobiliar und Kleidern und Objekten und Bildern und Büchern anderen zuteil wird. Das hat sie wohl ausdrücklich verfügt. Letzte Woche wurde bereits Schmuck und die eine oder andere Handtasche und Kleinmöbel in Hamburg verkauft. Bei Dannenberg gibt es auch größere Möbel und Objekte, aber auch ganz kleine Dinge, wie Sonnenbrillen, kleine Lampen, Geschirr, Brillenetuis. Was sich so ansammelt, in einem Leben. Insgesamt sind 3000 Objekte in den Verkauf gekommen. Dennoch bleibt ein großer Teil bei ihren Angehörigen, die es gibt, auch wenn sie nicht verheiratet war, kinderlos blieb. Ich habe noch nie auf einer Auktion etwas ersteigert, vielleicht kann ich es mir am Ende auch nicht leisten, obgleich es kein Mindestgebot gibt. Aus einer Sentimentalität hätte ich es gerne. Mal sehen.

11. Dezember 2018

Besuch in Zelle vier. Ina, Alban, Jan. Und die mir bis dahin nur von Jans Fotografien bekannte Miss Lee. Sie setzte sich auf die Pritsche und schaute sich die Slideshow an, nahm die Fotos, die auf dem Bettlaken lagen, blätterte sie Bild für Bild durch, sehr konzentriert. Freut einen. Gerade wenn jemand bislang keinen Bezug zu mir hatte und dann bleibt, länger als es ein Höflichkeitsbesuch sein müsste. Das war für mich interessant und amüsant. Ich habe bei weitem nicht alle fotografiert, die kamen, sich vorsichtig („darf man….?“) hinsetzten und auch Fragen stellten. Oft war ich zu sehr damit beschäftigt, von einer Zelle zur anderen zu turnen. An dem Abend kamen auch noch Ilka und Max und Martin und brachten eine gute Flasche und noch etwas mit, das mich rührte (sehr), ein kleines Kunstwerk, „Free Gaga“. 3. September 2017. Nicht vertippt. Mehr als ein Jahr her. Ich hab noch mehr.

26. November 2018

DENKEN, WAS MAN WILL. AUSSEHEN, WIE MAN WILL. LIEBEN, WEN MAN WILL. Vorhin in der S-Bahn gelesen, neue Aufkleber über den Fenstern, Image-Kampagne FREIHEIT. BERLIN. Schön. Deswegen bin ich 1986 in Berlin gelandet und geblieben. Ich will mal häufiger festhalten, was mir auf den alltäglichen Wegen durch die Stadt auffällt. Zum Beispiel Gesprächsfetzen im Vorbeilaufen, wo ich eigentlich gerne stehen bleiben würde und weiterlauschen (auch wenn sich das nicht gehört, ich mache es ja auch nicht). Meistens bin ich auf dem Sprung, und bekomme nur ein Fragment mit, das mich dann mitunter noch bis zur S-Bahn beschäftigt. Im Trubel des Tages geht es dann wieder unter, fällt durch den Erinnerungs-Rost, manchmal ist das schade.

Zum Beispiel letzte Woche, morgens auf meinem vertrauten Weg durch die Hackeschen Höfe, kurz nach Neun. An der Stelle, wo es links durch die Rosenhöfe geht, kommt mir eine Frau in den Vierzigern (schätzungsweise) entgegen und sieht offenbar eine andere Frau, die hinter mir läuft, die sie gut kennt und ruft ihr laut vernehmlich zu: „NA, ALLES GUT? IMMER NOCH GLÜCKLICH?“ Die Angesprochene hinter mir: „JA….! TOTAL!!!“ Sie hörte sich auch so an. Ganz viel Elan und Optimismus in der Stimme. Gesehen habe ich sie nicht, ich konnte mich ja schlecht umdrehen, das schickt sich nicht, und ich musste ja auch wieder weiter. Aber das hat mich doch sehr beschäftigt. Worauf das der anderen Frau wohlbekannte Glück beruhen mag. Ob es um eine besonders glückliche Beziehung geht, die große Liebe gefunden, oder vielleicht auch glücklich mit einem Ladenlokal innerhalb der Hackeschen Höfe? Ich werde es nie erfahren. Aber es war eine schöne Abwechslung, mal so einen freudigen Austausch mitzubekommen. Überwiegend werden Fragen zur Befindlichkeit mit starker Relativierung beantwortet. Wir sind ja schließlich nicht in Amerika, wo immer alles great und gorgeous und awesome ist. Vielleicht gefiel mir das kleine Geplänkel auch deswegen, weil die fragende Frau kein unterschwelliges Lauern im Tonfall hatte, so ganz arglos und freundlich und aufrichtig wirkte es. Und die Antwort hatte auch nichts Prahlerisches, jemand der einfach gerade mal richtig zufrieden ist und darum weiß.

Heute morgen dann, auch wieder ein interessanter Gesprächsfetzen, auf dem Weg zur S-Bahn, diesmal auf dem Weg durch die Sophie-Gips-Höfe (die kommen immer vor meinem Weg durch die Hackeschen dran), sitzen zwei Frauen, ca. Ende Dreissig, auf dem kleinen Mäuerchen, das die Rasenfläche begrenzt, und die eine sagt zur anderen: „Warum haben Menschen solche Angst vor Veränderung? Der Grund ist: Menschen haben Angst vor Veränderung, weil sie….“ (?) Als es interessant wurde, war ich schon wieder außerhalb des hörbaren Bereichs. Das war auch wieder kurz nach Neun. Die beiden wirkten ausgeruht und nicht in Eile. Vielleicht besuchten sie beide einen Workshop oder ein Seminar zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und rauchten noch eine vor Unterrichtsbeginn. Vielleicht war die eine die Dozentin oder eine bereits psychologisch geschulte Teilnehmerin. Kann gut sein, dass es in den Gebäuden irgendwelche Seminarräume für Coachings gibt. Da sind ja sehr viele gewerbliche Mieter drin. Ich weiß nicht, ob sie geraucht haben, nur eine Vermutung. Also ich habe es mir bis über die S-Bahnfahrt hinaus gemerkt und dann fiel mir auch das andere wieder ein. Ich fand beide Gesprächsfetzen inspirierend.

25. November 2018


Mein Studium der Elvis-Wissenschaften endete am zweiten September mit dem Besuch der letzten Vorstellung des Elvis-Impersonators Grahame Patrick in Begleitung des Stamps Quartets, das auch den echten Elvis jahrelang in Las Vegas und so weiter in Amerika begleitet hat. Ich war sehr beeindruckt von den Visuals. Wenn ich ehrlich bin, war ich stärker geneigt, der wirklich überzeugenden musikalischen Performance zuzuhören und dabei auf die Monitorwand mit den Bildern vom echten Elvis zu gucken, als den Impersonator anzuschauen. Ich habe dennoch ein paar Bilder auch von ihm eingefangen. Die Filmausschnitte vom echten Elvis waren zu schön. Die Inszenierung versucht zum Teil die live Performance des Iren Grahame Patrick mit den Filmbildern legendärer Elvis-Auftritte zu synchronisieren. Eine kurzweilige Show. Die großen Elvis Songs live zu hören ist auch einfach mal schön. Ich war vorher noch nie bei so einer Show im Estrel, das war bestimmt nicht die schlechteste. Das war allerdings keine hauseigene Produktion, sondern ein Gastspiel. Er gibt schon alles. Ein herzensguter Imitator, der auch Kontakt zum Publikum sucht und händeschüttelnd durch die Reihen geht. Da soll man sich nicht beschweren. Der echte Elvis ist halt nun einmal tot, ob einem das jetzt in dem Kram passt oder nicht. ELVIS HAS LEFT THE BUILDING. Aber dass man nach über vierzig Jahren nach seinem Tod immer noch regelmäßig an einer Gedenkfeier mit allem Zinnober teilnehmen kann, ist schon etwas besonderes in der Menschheitsgeschichte. Irgendwann werde ich vielleicht doch mal Graceland besuchen. Und das angefangene Buch weiterlesen, mit der hochgelobten Biographie von Peter Guralnick, den zweiten Teil, Careless Love. Es ist sehr dick und schwer, deswegen habe ich es niemals unterwegs dabei. Ich lese nämlich nur in der S-Bahn und beim Mittagessen.



24. November 2018

ich habe schon ein paar mal Leute nah an mich herangelassen, wenn ich das Kleid trug, ans hinten am Halsauschnitt eingenähte Etikett, die wissen wollten, wo ich es herhabe. Ich kann mir den Namen nicht merken. Ein langer Name. So wird man natürlich keine Einflusserin. Ich hätte auch Angst davor, dass auf einmal jeden Tag Kartons mit Klamotten an meiner Wohnungstür landen, die mir vielleicht gar nicht gefallen, und mit denen ich dann ein total zufällig wirkendes Bild für instagram machen müsste. Die sind ja rund um die Uhr beschäftigt, die jungen Frauen und Männer, die sich für die instagram-Prostitution entschieden haben. Es gibt mittlerweile auch schon einige Fälle von „Social Media Burn out„, wundert mich gar nicht. Kein freier Tag mehr, immer Bilder raushauen müssen, die so etwas besonderes an sich haben, dass es unter Abertausenden Bildern von anderen, die dasselbe Geschäft betreiben, heraussticht. Perfektes Make up, perfektes Licht, perfekter Hintergrund, perfekte Laune, perfekte Attitude. Wer Menschen fotografiert, weiß dass es nicht so ruckzuck mit dem ersten Bild erledigt ist, wie wenn man Architektur einfängt oder eine statische Landschaft. Und wenn das Bild dann endlich im digitalen Bauchladen zur Verfügung steht, müssen die Follower gepflegt und gebauchpinselt werden, die haben ja auch was am Start, was Aufmerksamkeit braucht. Dann kommt irgendwann der Moment, wo das, was als schöne kreative Freizeitbeschäftigung anfing, zum lästigen Zwang wird. Als ich vor vierzehn Jahren mit dem Bloggen und demzufolge auch Bilder hochzuladen begann, machten das alle in meinem virtuellen Umfeld just for fun, kein Text wies auf irgendein Produkt hin. Ein, zwei Jahre später hörte man dann von vereinzelten Angeboten, für Geld zu bloggen, für ein bestimmtes Event wie die Fußball WM oder irgendwas mit Autos. Manche machten das dann, und das waren dann in hundert Prozent der Fälle langweilige Blogeinträge, weil man die uninspirierte Absicht in jedem Text spürte, und es auch thematisch nichts hergab, was einen emotional ansprach. Daher kam bei mir nie Neid auf bezahlte Blogger auf. Dann verliert man irgendwann die Lust an dem, was einem einst Herzensanliegen war und sich impulsiv als Teil des ganz persönlichen Lebens entwickelte. Wenn ich nun diese Abertausende von Influencern sehe, die sich auch als Blogger bezeichnen bzw. allgemein so bezeichnet werden, diese Umkehrung des Begriffs von jemandem, der Texte mit einem Anliegen und Bildillustration ins Internet schreibt, zu hysterischen Produktvermarktern mit Bildunterschrift und nahendem Burnout Syndrom, habe ich den Eindruck, dass ich nicht die schlechtere Wahl getroffen habe, indem ich unverändert ohne Zugzwang immer noch nur dann schreibe und fotografiere, wenn ich Lust habe, ohne Kartons im Flur mit Klamotten, die abfotografiert werden müssen. Und dem Luxus der Marken-Demenz. Wobei ich kein Problem habe, Ross und Reiter zu nennen, wenn mich direkt jemand fragt, aber bestimmt nicht als Inhalt eines Blogeintrags. Was nicht bedeutet, dass ich etwa desinteressiert an Mode und Luxusprodukten wäre, aber die sind ja Mittel zum Zweck. Wenn mir im Straßenbild eine Klamotte auffällt, die ich gerne hätte, fange ich an zu googeln und gebe verschiedene Beschreibungen ein, bis ich fündig werde, manchmal finde ich dann auch etwas ähnliches. Aber mir stundenlang Seiten mit Modepüppchen anzuschauen, wäre mir zu langweilig. Das muss alles schnell gehen, damit ich viel Zeit dafür habe, derartige Gedankengänge festzuhalten. Und nun Kaffee. Marke wird nicht verraten. Was italienisches. Aus einem Kolonialwarenladen in Berlin.

18-05-25 Schultz... Paris B. (1)

23. November 2018

Gerade alle Interessenbekundungen an Veranstaltungen in diesem Jahr entfernt. Die nächste Veranstaltung an der ich teilnehmen möchte, findet am 1. Juni 2019 statt, das Konzert von Bryan Ferry. Dann ist es auch wieder angenehm warm. Wenn die Temperaturen winterlich werden, vergeht mir beim Ausgehen sogar die Lust am Rauchen. Dieses draußen in der Kälte mit klammen Fingern stehen, ist meine Sache nicht!

22. November 2018

Juli, vierzehnter, Nick Cave in der Waldbühne. Ich war längst nicht mehr darauf fixiert, permanent alles Erinnernswerte mit der Kamera zu verewigen, und fand es daher auch nicht so einschränkend, sie daheim zu lassen. Ohnehin hat fast jeder Konzertbesucher ein smartes Fon dabei und fängt den einen oder anderen Moment ein. So auch Ina. Sie macht immer  wieder ein paar Aufnahmen, aber zeigt sie nicht bei instagram oder dergleichem herum, sondern nur im Freundeskreis mal direkt auf dem Display oder per Mail. So mailte sie mir wieder ein paar ihrer Eindrücke und ich sicherte sie in meinen flickr stream. Dieser Konzertbesuch war mein Geburtstagsgeschenk für Ina. Sie hat am ersten Februar Geburtstag, man kann mit einem schönen Konzerticket auch weit entfernt vom Geburtstagstag Freude bereiten. Eigentlich sollte es zuerst ein Lady Gaga-Konzert werden, aber die wurde krank. Auf Nick Cave konnten wir uns sehr schnell einigen. An einem der oberen Ränge der Waldbühne fanden wir einen angenehmen Platz. Intensität und Melancholie. Was man von Nick Cave erwartet, bekommt man. Zur ultimativen Zugabe „Rings of Saturn“, bewegte Nick Cave das Publikum zum Mitsingen. Das war ungeheuer schön, dadurch Teil der Musik zu sein, ein großer Chor. Nick Cave war sehr nahbar, ganz zutraulich, suchte immer wieder Kontakt zum Publikum, berührte die vielen Hände, die sich ihm entgegenstreckten, bat zuguterletzt gar Konzertbesucher auf die Bühne (das habe ich bislang nur einmal bei Prince erlebt). Erst am Tag danach, als ich die intensiven Eindrücke verarbeitete und Konzertkritiken suchte, realisierte ich lesenderweise, dass es am dritten Todestag seines Sohnes war, dieses Konzert in Berlin. Während der Show wurde eine sehr lange Weile ein Bild eingeblendet, eine schwarz-weiß-Aufnahme, die einen bekannten Teil der Küste von Brighton im Regen zeigte, die Ruine der Brücke des West Pier. Sein Sohn stürzte an der Küste von Brighton in den Tod. Das beschäftigte mich noch Tage danach, mit welchen Gefühlen Nick Cave dieses Konzert gespielt haben muss.

20. November 2018

Alle Aloen alliiert. Im warmen Zimmer neu gruppiert. Dieses Jahr erfriert mir keine. Die Mutterpflanze ist sowieso immer drinnen, jetzt ist der Nachwuchs wieder ganz in ihrer Nähe. Ob das in so einer Pflanze etwas auslöst, gefühlsmäßig? Viele halten Aloen für Agaven, sehen auch zum Verwechseln ähnlich aus. Sehr leicht zu halten, brauchen wenig Wasser, aber erfrieren schnell, weil sie so viel Wasser in ihren Blättern speichern. Wenn das bei Frost zu Eis wird, zerstört es die Zellen der Pflanze und sie hängen schlapp und glitischig herunter und erholen sich nie mehr. Ein trauriger Anblick. Man kann die glibberigen toten Blätter dann nur noch mit den meistens ebenfalls toten Wurzeln wegschmeißen. Aber dieses Jahr habe ich alle gerettet, gestern Abend. Je größer die Kinder werden, umso mehr freuen sie sich über einen schönen großen Topf. Da muss man dann gut überlegen, wohin damit, es soll ja in der Wohnung nicht aussehen wie im Gewächshaus. Ins Treppenhaus will ich sie auch nicht stellen, dafür bin ich zu sehr mit meinen Pflanzenkindern verbunden. Ich habe ganz gute Stellen gefunden, nicht weit vom Balkon, ähnliches Licht, nur drinnen und schön warm. Nun kann Väterchen Frost kommen!

19. November 2018

(Zu)Stand der Dinge. Ab und zu kann man den Zustand festhalten. Besonders im Badezimmer. Zwei neue Bilder, nicht von mir. Ich habe neulich drei Gemälde gekauft und mit ein bißchen schlechtem Gewissen runtergehandelt. Ich war so verliebt und ich will doch sparen. Und dann auch wieder nicht. Eigentlich will ich überhaupt nicht sparen. Ich will das Geld mit vollen Händen ausgeben! Und auf jeden Fall mit ‚warmer Hand‘, wie man so schön sagt. Irgendwann werde ich auch bereit sein, meine Werke zu verhökern, aber jetzt noch nicht. Der italienische Maler, den ich um drei Gemälde erleichtert habe, Riccardo Raul Papavero heißt er („from Milano“), hat sich vor zwei Jahren entschieden, seinen Handwerksberuf aufzugeben, um sich mit seiner Kunst zu verdingen. Dann muss man natürlich verkaufen, aber er macht es auch gerne. Sein Prinzip ist simpel und oft genial im Ergebnis. Er arbeitet mit Fotokopien von ikonenhaften Fotografien der größten Stars der Weltgeschichte. Maria Callas, David Bowie, Frank Sinatra, Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Frida Kahlo, Kate Moss, Twiggy, usw. usf. Die Fotos sind die Basis, er klebt den Abzug auf eine Holzplatte und lasiert, lackiert, übermalt, dekoriert, bis eine Ikone alter Schule entstanden ist. So sehen einige aus, zumindest. Es ist wirklich Pop Art, hat mich Vieles angesprochen, als ich ihn entdeckte, auf der diesjährigen Importmesse unterm Funkturm. Er verarbeitet auch Motive von Seiten von Hochglanzmagazinen, zum Beispiel Modefotografien aus der Vogue. Dass er damit in Milano gut ankommt, ist klar. Aber auch bei mir. Nicht alles gefiel mir, aber die drei Bilder, die ich erstand, haben mich entflammt. Es sind mutmaßlich zwei Motive aus dem Fashion-Bereich und ein drittes, kleineres Werk, basierend auf einer berühmten Fotografie von Twiggy. Ich liebe diese drei Bilder sehr. Eins ist im Schlafzimmer und die beiden anderen im Badezimmer. Man sieht ein bißchen etwas auf dem Bild da oben. Im Hintergrund hinter mir, das präraffaelitisch anmutende Werk. Habe mich vorgestern, bevor ich zu Wredes Lesung bin, schnell mal davor eingefangen. „Kunst kann man kaufen“ predigt ein lieber Freund aus Hamburg immer. So sei es. Amen. Kunst macht glücklich, sage ich. Vielleicht nicht komplett, das ist man ja nie – aber ein bißchen.

19. November 2018

Langes Interview mit (Onkel) Wolfgang Zicke Schneider in der taz.
Die Stelle finde ich ja besonders interessant, war mir so nicht bekannt:

taz: (…) Die Biermann-Ausbürgerung wirkte sich gravierend in der DDR-Künstlerszene aus. Wurde innerhalb des Günther Fischer Quintetts oft über politische Dinge diskutiert?

WS: Eigentlich haben wir nicht sehr eifrig politisch diskutiert, wir waren eher locker drauf. Außerdem haben wir als Jazzer ja in eine ganz andere Richtung Musik gemacht als der Liedermacher Biermann. Wobei mir einfällt, dass ich mit ihm sogar mal eine Platte aufgenommen habe – in seiner Wohnung.

taz: In der legendären Chausseestraße 131 in Mitte?


WS: Ja, 1973. Bei den Jazzabenden in der „Großen Melodie“, wo ich zu der Zeit oft spielte, hatte mich Biermann angesprochen. Ich selbst hatte ihn bis dato gar nicht sehr wahrgenommen, weil er ja eher so politmäßig drauf war. Als er mich aber fragte, ob wir ein bisschen Musik machen wollten, bin ich darauf eingegangen. Von einer Plattenproduktion war da übrigens keine Rede. Ich bin also mit meinem Schlagzeug in seine Wohnung, wo wir erst mal Billard spielten. Dann habe ich ein bisschen getrommelt und dazu ein paar Geräusche gemacht, während Mario Peters Harmonium spielte. Irgendwann sagte Biermann: Ich schneide mal was mit. Dass er das für eine Platte tat, hat er nicht erwähnt. Das Album hieß „Warte nicht auf beßre Zeiten“ und erschien dann im Westen. Mein Lohn waren übrigens zwei Büchlein von ihm, die er mir geschenkt hat. (lacht)

15. November 2018

Gestern ein paar ganz brauchbare Bilder von Rudi Protrudi (66) von den Fuzztones und seinem dreissigjährigen italienischen Schlagzeuger Marco Rivagli (der aussieht wie der fünfte Ramone), auf meinem Rechner gesichtet. Die Bilder sind am 5. Juni 2018 beim EHIEH („Ein Hit ist ein Hit“) Vol. 38 entstanden. Von Nikko Weidemann, dem Gastgeber auch sehr viele, besonders gute sogar. Die kennt er noch gar nicht. Aber wen interessiert das – außer den Abgebildeten – ein halbes Jahr später. Ich beschäftige mich nach Lust und Laune, ohne Zeitplan und ohne besonderen Ehrgeiz nebenher mit diesen ganzen älteren Aufnahmen, lade es dann auch irgendwann in flickr hoch, ist ja mein virtuelles back up, aber mir geht da keiner ab. Ich war im Frühjahr schon mal bei einer der Shows und habe fotografiert. Letzten Endes gibt man die Bilder zur Kenntnis, es gibt ein paar lahme Reaktionen und eine Weile später sieht man rein zufällig, dass jemand aus zwei Fotografien einen Header für sein Musikerprofil gebastelt hat. Mich ärgert nicht, dass sich jemand damit repräsentiert, sondern nicht darüber kommuniziert.

An dem Abend mit Rudi Protrudi waren auch noch andere eindrucksvoll kostümierte musikalische Performer auf der Bühne vom Ballhaus. Die eine Truppe hatte bizarre Teletubbi-mäßige Plüschkostüme an, der sonnenbebrillte Sänger stellte einen Teller Spaghetti mit Tomatensoße dar, was sich lächerlicher anhört, als es visuell wirkte. Die drei Kostümierten coverten „DA DA DA“ von Trio. Ich war mit Jenny dort, sie wäre bestimmt amüsiert von den Bildern, zumal sie auch weiß, dass diese Truppe musikalisch nicht sehr interessant war, aber das ist der monotone Kult-Song ja auch nicht. Ina erzählte ich später von dem Abend und dass ich ziemlich eindrucksvolle Bilder hätte, die mich aber dennoch nicht so wahnsinnig interessieren, ich habe mit den Protagonisten auf der Bühne ja sonst nichts zu tun. Und ich sagte ihr auch, dass wer die Bilder sehen würde, denken müsste, er oder sie hätte die superhippe Mega-Party des Jahrtausends verpasst. Aber vielleicht war es das ja für einige. Mir ist da zuviel Powerpoint Präsentation, zu viel Gerede, zu viel Moderation im Stil eine Kultur-Vortrags mit Inhalten, die man bei Wikipedia nachlesen kann, zu viele platte Witzeleien, zu viele Kalauer. Ich hasse Kalauer. „Mainz wie es singt und lacht“ für Akademiker. Wir haben den Abend trotzdem genossen, aber die musikalische Qualität war schon sehr durchwachsen. Eine blonde Keyboarderin und Sängerin hat ein Cover von Joni Mitchell gesungen. Eine ihrer melancholischsten Balladen. Sehr, sehr gut. Das war eher auf meiner Wellenlänge.

14. November 2018

Musste vorhin lachen. Gegen 13:10 Uhr und noch einmal um 13:30 Uhr. Zweimal innerhalb von zwanzig Minuten (Monats-Rekord). In beiden Fällen Alma Schindler zu verdanken. Später hieß sie dann Alma Mahler. Und noch später Alma (Mahler-?)Gropius. Und dann Alma Werfel. Zuletzt dann wohl Alma Mahler-Werfel in ewigem Gedenken an ihren Gustav und natürlich auch um die Zugehörigkeit zum größten männlichen Superstar in ihrer Biographie für die Nachwelt undemontierbar zu demonstrieren, zementieren. Werfel war dann ja auch schon tot und konnte das nicht mehr unpassend finden. Wobei ich nicht genau weiß, was in welcher Beziehungsepoche tatsächlich in ihren Pässen stand. Als sie noch Alma Schindler hieß, ihr Mädchenname, schrieb sie bereits mit großem Eifer Tagebücher. Nun lese ich gerade ein Buch, das sich durchaus nicht zentral um Alma Schindler Mahler Gropius Werfel dreht, aber kurze Passagen mit Tagebuchzitaten von ihr enthält. Diese meine aktuelle Lektüre heißt „Auf der Hohen Warte„, eine exclusive Wohngegend in Wien mit vielen schönen alten Villen, ja man könnte von einer Künstlerkolonie sprechen, nicht nur Industrielle, auch die Künstler der Wiener Werkstätte und der Secession wurden hier heimisch und Alma immer mittendrin. Das Buch beschreibt einzelne Villen und die Eckdaten der Bewohner bis in die Gegenwart, daher kommt so ein Buch auch an der guten Alma nicht vorbei. Es liest sich insgesamt eher wie ein Wikipedia-Eintrag in mehreren Kapiteln, ich hatte mir mehr Anekdoten und Nähkästchengeplauder erhofft. Umso mehr horche ich auf, wenn es dann doch einmal menschelt, in diesem Sachbuch.

Seite 119 – 120:
„(…) in der Villa Moll I auf der Hohen Warte macht Gustav Mahler Alma am 28. November 1901 einen Heiratsantrag, nachdem er sie am Tag davor bei der Abendgesellschaft von Berta Zuckerkandl kennengelernt hatte. Weil der Direktor der Hofoper im neuen Haus nicht telefonieren kann, gehen sie gemeinsam „durch den knirschenden Schnee, Seite an Seite – fremd und nah – hinunter nach Döbling“, so Alma in ihren „Erinnerungen“. Er muss sich mehrmals bücken, um das lose Schuhband wieder zuzuschnüren. Sie findet: „seine kindliche Unbeholfenheit war rührend“. „Mein Gustav war bei mir heroben, wir fühlten unser Blut toben.“ schreibt sie kurze Zeit später.

MEIN GUSTAV WAR BEI MIR HEROBEN
WIR FÜHLTEN UNSER BLUT TOBEN

Ich meine das hat Potenzial. Im Grunde schreit es nach Weiterentwicklung zu einem Schlager alter Schule. Max Raabe könnte sich einmal daran versuchen oder Henry de Winter, wobei ich nicht weiß, ob die beiden Erfahrung oder Talent in der Richtung haben.

Des weiteren Seite 133:
„(…) im Februar 1900 lernt Alma Schindler (20) bei einer Abendgesellschaft „beim Spitzer“ Alexander Zemlinsky kennen. Sie trinken Punsch und sie erzählt ihm von ihrer „großen Verehrung“ für Gustav Mahler und ihrer „Sehnsucht, ihn kennen zu lernen“. Zunächst aber schwärmt sie für den 28-jährigen Komponisten Zemlinsky, findet ihn zuerst hässlich – und dann: „Er gefällt mir sehr – sehr. Ich werde ihn zu uns ins Haus bringen. Der Abend war kein verlorener für mich. Ich habe gelebt.“

DER ABEND WAR KEIN VERLORENER FÜR MICH
ICH HABE GELEBT

Ganz herrliche Zeilen.

10. November 2018

Man hat nicht immer ganz realistische Vorstellungen, was ein gewisses Lebensalter bedeutet. 1992 gab es eine Fotostrecke in der deutschen Vogue mit Vera von Lehndorff („Veruschka“). Sie trug meiner Erinnerung nach u. a. einen Anzug, vielleicht von Yamamoto, weißes Hemd, flache Schuhe, die Haare glatt und schulterlang. Sehr cool, sehr attraktiv. Damals war sie 53 und ich blätterte die Strecke immer wieder durch und betrachtete die „hochbetagte“, von mir zeitlebens verehrte Veruschka wie ein Weltwunder. Sie sah nicht wie ein altes Mütterchen aus, war weder verunzelt noch sonstwie verwelkt und auch nicht jenseits von Gut und Böse. Sie war dynamisch, schön, cool, lässig, hochattraktiv. Als ich fünfzig wurde, stellte ich fest, dass kein Alterungsprozess im Zeitraffer eintritt, der einen alsbald dahinrafft. Ich fühlte mich nicht schwächer oder gebrechlicher als mit vierzig. Natürlich treten biologische Veränderungen ein, aber die sind keine Katastrophe, manche haben sogar Vorteile. In einem Gespräch unter vier Augen mit Jenny, heute vor einer Woche – sie hatte bei sich zuhause wunderbar gekocht, und wir waren unter uns, kam das Gespräch auf verschiedene Legenden, die dieses Lebensalter umranken. Viele denken ja, dass gewisse Gefühlsempfindungen nachlassen. Ich meine nicht die Fähigkeit, sich zu verlieben, sondern das Gesamtpaket. Aus meiner Erfahrung lässt da überhaupt nichts nach. Kein bißchen. Die Einbrüche im Empfindungsvermögen die ich in meinem Leben hatte, waren immer mentaler Natur, was sich dann zeitweise auch körperlich auswirkte. Aber das bleibt nicht ewig. Wenn man sich innerlich wieder berappelt, folgt der Körper mit allen Zellen. Wirklich allen. Dass man keine Panik mehr vor einer ungewollten Schwangerschaft haben muss, ist auch alles andere als ein Beinbruch. Und die paar Hitzewallungen, die ohnehin nicht jede Frau hat, kann man auch wegstecken ohne sich ein Hormon-Potpourri einzuverleiben. Meine Mama hatte kaum aufsteigende Hitze, war aber früher in den Wechseljahren als ich. Ich kenne das durchaus, die plötzliche tropische Hitze im Nacken. Aber das tut ja nicht weh. Ist auch sehr unregelmäßig, kann man wirklich aushalten. Ich nehme gar nichts außer Aspirin, wenn ich mal aus Versehen irgendwo außer Haus doch ein Glas zuviel von keinem Spitzengewächs getrunken habe. Sonst gibt es hier nur Pflaster und Ohropax für die Silvesternacht. Dass die kleine Lesebrille nun doch immer in Griffweite ist, finde ich mit Abstand am Schlimmsten. Ich hatte doch angeblich laut Augenarzt bei diesen Kontrolluntersuchungen immer 120 Prozent Sehfähigkeit. Seit Ende meiner Vierziger hat sich da doch irgendeine Veränderung eingeschlichen, die ich nicht begrüße. Leider gibt es keine Tabletten gegen diese Sache. Ärgerlich! Da könnte man doch mal forschen. Das bedeutet nämlich auch, dass ich auf dem Display der Kamera nicht mehr ohne Lesebrille erkennen kann, ob ein Bild scharf ist. Ich kann so nicht arbeiten! Aber sonst alles im grünen Bereich. Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

LeidensGenossinnen

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*1965

07. November 2018

„Pille fürs Vergessen“. Interessant. Vierzehn Jahre alt der Artikel zur medikamentösen Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen. Was wohl aus der Entwicklung des Medikaments geworden Ist? Ich war noch nie in psychotherapeutischer Behandlung, vielleicht sollte ich das ändern. Wobei ich mich erstaunlich gut halte, angesichts dessen, was mir widerfahren ist, widerfährt. Belastend empfinde ich, niederdrückende Erlebnisse unter den Teppich zu kehren, um keine gut gemeinten Ratschläge und unerwünschten Bewertungen und Zensuren zu erhalten.

Und selbst wenn ein offenes Ohr und Herz da ist, ohne Stirnrunzeln und anmaßende Handlungsvorschläge, mag ich es nicht, das Ganze mit noch mehr Wucht und Präsenz zu füttern. Im Grunde mag ich beides nicht, es herunterzuschlucken, als wäre nichts gewesen, aber auch nicht, es in die Welt zu tragen, zur öffentlichen Begutachtung. Am besten wäre Ausradieren. Man müsste eine Pille entwickeln, die man exakt chronologisch auf den Punkt einsetzen kann. Also zum Beispiel: bitte Erinnerungen an den 30. Februar 1928 komplett löschen. Ich würde da durchaus die eine oder andere Pille schlucken.

05. November 2018




Hennigsdorf. Mitte Oktober. Weil ich noch niemals in Hennigsdorf war, hatte ich doch die Kamera eingepackt, falls eine ungeahnte Sehenswürdigkeit daherkäme, und ich die einmalige Gelegenheit dann versäumt hätte, dieses eine Bild einzufangen. Tatsächlich war es schon völlig dunkel, als ich aus der S-Bahn stieg, ich kann kaum beurteilen, wie die Straßen von Hennigsdorf wirken, ob mir da etwas entgangen ist. Vom Gefühl her war es wie eines von vielen kleineren Städtchen, das man offen gestanden auch recht schnell wieder vergisst, hat man ihm den Rücken gekehrt. Vor dem Stadtklubhaus war ein stattliches Konzertplakat angebracht, wie man es eher am Berliner Olympiastadion erwarten würde. Beinah hätte ich es fotografiert, aber dann wurde mir klar, dass sich die Größe nur vermittelt, wenn jemand daneben steht. Das Gebäude hat eine ganz schöne, elegant zurückgenommene Fünfziger(?)-Jahre-Architektur. Man hätte dort auch gut und gerne eine Szene mit Lilo Pulver und Paul Hubschmidt beim ersten Rendezvous drehen können. Ich mag architektonischen Feinsinn, daher hoffe ich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Hennigsdorf ist ja nicht so weit von Berlin und gehört für mich zu den Orten, wo man nie sicher ist, ob es gerade noch ein Randbezirk von Berlin ist, oder doch schon Brandenburg. Auf jeden Fall von mir aus ohne umzusteigen leicht mit der S-Bahn zu erreichen. Daher fand ich es auch ein bißchen merkwürdig, dass Freunde anmerkten, dass es doch sehr beachtlich sei, dass ich nun sogar schon nach Hennigsdorf reise, um ein Konzert vom Berlin Beat Club zu besuchen. Also praktisch nach Übersee. Ohne den Ruhm der von mir geschätzten Formation schmälern zu wollen, habe ich dann das Gefühl erklären zu müssen, dass ich kein hysterischer Fan bin, sondern einfach gerne zu sehr guter Live Musik tanze, noch dazu zu einem Potpourri geliebter Songs der Sixties und Seventies. Als müsste ich mich dafür entschuldigen, wie blöd. Tatsache ist, dass der Berlin Beat Club mehr Tempo und Stimmung macht, als zum Beispiel die als Beste geltende Doors Coverband aus UK, und das ganz ohne den Ehrgeiz, wie ein Abziehbild eines der alten Superstars auszusehen. Es war total voll, womöglich ausverkauft, jedenfalls gab es in kürzester Zeit keinen freien Sitzplatz mehr. Ein paar bekannte Gesichter aus Berlin winkten mich zu ihrem Tisch, sehr familiär und nett, ein Tisch ganz vorne. Im Grunde möchte man hauptsächlich tanzen und benutzt den Stuhl nur für Verschnaufpausen oder um die Jacke drüberzuhängen. Etwas nach mir trudelte Ina ein, die mit mir die Begeisterung für dieses spezielle Tanzvergnügen teilt. Ich hatte zuletzt als Teenie eine Freundin, mit der ich regelmäßig tanzen gegangen bin, ich liebe das so sehr.

In einer der Pausen setzten wir uns in die Nähe des Tresens, wo es auch Wiener Würstchen gab, die wir uns auch genehmigten. Während der Unterhaltung nahm unsere Stimmung einen Umschwung. Ina begann über Irina zu sprechen, und dass es ihr zunehmend schlechter ging. Sehr schlecht. Im Grunde hoffnungslos. Das bedrückte mich so sehr, ich driftete innerlich völlig nach unten, auch wegen der Hilflosigkeit, mit der nicht nur wir beide vor dieser Krankheitsgeschichte standen. Eine Mischung aus Trauer und Wut und Ach. Die Band spielte schon längst wieder, als wir wieder nach vorne gingen, das Hennnigsdorfer Publikum feierte dieses Live-Erlebnis als etwas Besonderes. Was es wohl auch ist, einmal im Jahr, wenn ich es richtig verstanden habe. Ich versuchte noch einmal mitzugrooven, aber es fühlte sich gezwungen an, die Band gab wie immer alles. Ich kam nicht mehr von der dunklen Wolke herunter, Ina bekam noch mal die Kurve und tanzte weiter. Da saß ich mit einer inneren Trauer und Wehmut und ermunterte mich selbst bei Hey Jude zum Schluss wenigstens den Chor mitzusingen. Das war auch ganz schön. Ina fuhr mich dann bis Frohnau zu S-Bahn, von wo ich alleine heimfuhr. Zwei Tage später schrieb Jan, dass Irina gestorben ist. Am Freitag, dem 12. Oktober um 14:30 Uhr. Also war sie schon nicht mehr unter uns, als wir am Samstag über sie sprachen. Oder aber auch doch. Wer weiß es. Vielleicht ja doch. Diese paar Bilder habe ich sehr nebenher gemacht, eigentlich um mich abzulenken. Die eine Frau im Publikum, im Profil da oben, ist auch eine Berliner Anhängerin der Band. Sie erinnerte mich wieder daran, wie schön ich es fände, wenn Uschi Nerke irgendwann einmal zu einem Konzert des Berlin Beat Club käme. Sie hatte ja auch so eine Frisur. Das wäre schön.

01. November 2018

Auch eine nette Familiengeschichte, die hat mir meine Tante Anna erst genauer bei meinem Besuch Ende September erzählt. Ich wusste nur, dass der Sohn von (Onkel) Wolfgang in der ersten Hälfte der Achtziger aus der DDR geflüchtet ist, also „Republikflucht“ begangen hat, aber die genaueren Umstände waren mir nicht so bekannt. Vielleicht habe ich auch nicht so genau zugehört und es wieder vergessen. Er hat eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Ostberlin gemacht und war in einem Hotel (müsste das Metropol-Hotel gewesen sein), das internationale Gäste beherbergt hat, angestellt. Ich nehme an, dass er durch die Erzählungen von seinem Vater, der als international engagierter Jazzmusiker einer der Künstler war, der die Republik für Gastauftritte im westlichen Ausland verlassen durfte (und wieder zurückkehren), Blut geleckt hat. Westfernsehen hatte man in Ostberlin ja sowieso. Die Familie wohnte in Berlin Treptow. Jedenfalls hatte Michael große Lust, die weite Welt kennenzulernen und wollte raus, hatte aber noch keinen konkreten Plan. Wer als Hotelgast eingecheckt hatte, musste seinen Personalausweis bzw. Reisepass für die Dauer des Aufenthalts an der Rezeption abgeben. Eines Tages kam ein Kollege zu Michael, der an der Rezeption arbeitete und von Michaels Ausreiselust wusste, und hielt ihm einen dänischen Reisepass unter die Nase. Auf dem Foto war ein junger Mann abgebildet, der Michael zum Verwechseln ähnlich sah. Der Kollege animierte ihn, die Gunst der Stunde zu ergreifen und mit dem dänischen Pass rüberzumachen. Da es unwahrscheinlich war, dass so eine Gelegenheit noch einmal kommen würde, die so eine geschmeidige Ausreise ermöglichen würde, hat Michael die Chance ergriffen und ist ohne Misstrauen zu erwecken, wohl über den Grenzübergang Friedrichstraße nach Westberlin. Vielleicht wars auch der Checkpoint Charlie. Kaum war er drüben, hat er sich auf große Europareise gemacht und die Welt erkundet, an der Côte d’Azur hat es ihm besonders gut gefallen, in Cannes und Nizza und Saint Tropez. Ich erinnere mich noch dunkel an Fotos, die er an die Familie geschickt hat, wo er in Cannes lässig an einem Luxus-Auto lehnt, eine Palme im Hintergrund und man denkt, es wäre sein Auto. Heute lebt er in Genf, in der schönen Schweiz.

P.S. den dänischen Pass hat er nach seiner glücklichen Ankunft wieder zurück ins Hotel geschickt, damit der Däne, dem er seine Ausreise verdankt, keine Probleme bekommt.

28. Oktober 2018

Mama vorhin am Telefon: „am Freitag im „Riverboat“, da war der Wolfgang, mit dem Sohn von Manfred Krug. Habe mir dann auch gleich noch mal die Wiederholung am Samstag angeschaut! Er hält sich recht gut, ist ja auch schon 74.“ Gut, dass meine Mama so gerne Talkshows schaut, hätte ich sonst nicht mitgekriegt. So oft sitzt ja kein Verwandter in einer Talkrunde im Fensehen. Wolfgang „Zicke“ Schneider ist doch ein G̶r̶̶o̶ßOnkel 2. Grades von mir, er hat jahrzehntelang mit Manfred Krug Musik gemacht, auf mehr oder weniger allen Platten Schlagzeug gespielt und auch bei seinem letzten Konzert in der DDR, vor seiner Ausreise. Da wurde jetzt zufällig eine Tonspur davon entdeckt und sein Sohn, also Manfred Krugs Sohn Daniel, hat nach Studium der Stasi-Akten verifiziert, dass es tatsächlich der letzte Auftritt in der DDR war. Schönes Gespräch mit Daniel Krug, Kim Fisher und Onkel Wolfgang. Ist in der Mediathek vom mdr, ab Minute 59. Hier zum Anschauen: https://www.mdr.de/riverboat/riverboat-gesamt-avplus-432.html

25. Oktober 2018

[ Ein privater Dialog, 25. Oktober 2018 ]

Georg
Warum ist Dir die Lust am Fotografieren abhanden gekommen?

Gaga
wegen dem ganzen hochgejazzten Instagram-Gewichse allenthalben, der inflationären Rezeption, dem Gefühl nur noch eine Stecknadel im Heuhaufen zu sein, weil ich auch ganz viel auf unverarbeiteter Halde habe, mich nicht wiederholen will, und auch wegen eines sehr privaten Grundes. Da kommt ganz viel zusammen. Aber schön, dass du fragst…

Georg
wenn eine der besten Fotochronistinnen der Welt ihre Arbeit einstellt, muss man schonmal nachfragen. Du solltest mal eine richtige Ausstellung anpeilen. In der Seven Star Gallery oder etwas in der Kategorie (Kein Bunker oder Gefängnis). Retrospektive. Es würde passen, ich habe eh das Gefühl, das in diesem Jahr eine Ära / Phase zu Ende ging.

Gaga
das ist unbenommen, das werde ich auch, aber dann nicht nur eindimensional Fotografie auch die anderen Bereiche, die ich bislang versteckt habe. Zwischen April 2018 und August 2018 sind ca. 50 Bilder/Objekte entstanden, spielerisch, auch weil ich inneren Tapetenwechsel brauchte, aus explantierten analogen Kameras, mit denen ich besondere Aufnahmen, Lebensphasen verbinde, ich habe die hochwertigsten Teile jeder Kamera verarbeitet, das Ergebnis ist wie aus einer fernen, glamourösen, außerirdischen Kultur. Kleinere Teile, dann wurden sie immer größer und sprengten den Rahmen und die Wände meiner Wohnung, ich arbeitete zunächst auf dem Balkon in der Sonne oder mit einer Schutzplane im Wohnzimmer auf dem Teppich, Untergründe Fundsachen, stabile Kartons etc. andere metallische Fundsachen aus meinem Haushalt verarbeitet, weil ich ungerne Metall im Müll entsorge. Als ich alles verarbeitet hatte und die Wände entschieden zu voll waren und ich sowieso wegen eines Handwerkertermins in mein Atelier in Neukölln musste, das nur noch Lagerfunktion für alte Sachen, Bilder von früher, unbemalte Leinwände und meine Projektionswände und Beamer hatte, alles noch von der Ausstellung im letzten Jahr einfach so abgelegt nach dem Rücktransport, Kraut und Rüben, da fiel mir vor Ort auf, dass es gut tun würde mal richtig dort aufzuräumen und es auf Vordermann zu bringen. So habe ich dort in den letzten zwei Monaten renoviert, es richtig, richtig schön gemacht, ein Schmuckstück. Zuerst malern, dann malen. Mir fiel bei einem der letzten Bilder, das ich in der Wohnung fabrizierte auch auf, dass es ein unnötiger Dilettantismus ist, mit Fundsachen wie Kartons, die eh nicht ganz plan sind bzw. nicht bleiben nach der Bearbeitung, zu arbeiten, wenn ich unbearbeitete Leinwände habe und ein Atelier. Was für ein Luxus. Das dämmerte mir so richtig. Ich wollte jahrelang keine materialisierten Bilder mehr in einem mich erschlagenden Ausmaß machen… was hinterlässt man, wem… und dann begriff ich, dass man sowieso IMMER Materie hinterlässt, und wenn ich in meiner Verkörperung einen massiven Drang habe, Materie zu formen, warum soll ich es mir verbieten, verkneifen….? Das ist doch Quatsch!

Georg
Ja sicher!

Gaga
Mir ist auch inzwischen klar, dass es nur noch eine mich befriedigende Würdigung meiner fotografischen Aktivitäten geben kann, und das ist in einem veritablen Ausstellungs-/Kunst-Kontext. Kein digitaler Selbstbedienungsladen mehr, keine Freundschaftsdienste mehr in Form von opulenten Dokumentationen von Auftritten von befreundeten Musikern und Musikerinnen. Als du um 2010 oder war es 2011 dein zweites poetryclub-Album gemacht hast, mit einem Cover, das mir ehrlich gesagt nicht nur in den Augen weh getan hat, war das auch ein gewisser Einbruch für mein Ego. Ich dachte an die etwa zweitausend Bilder, die ich von dir gemacht hatte, mit so viel Herzblut, und nichts davon fand je eine nachhaltige Materalisierung. Das war so schade. Das wäre ein schönes Booklet geworden. Aber das ist Vergangenheit. Ich habe gerade eine ähnliche Frustration erfahren und auch deswegen die Schnauze voll.

Georg
Daumen hoch

Gaga
das ist ja ein sehr knapper Kommentar auf meine Offenbarung! Ihr Männer seid einfach faule Säcke – immer der Weg des geringsten Widerstands! ;-)

[ edit – Fortsetzung ]

Georg
Nein. Nur weil ich auf Arbeit im Auto bin. Und auch ungern ins Telefon tippe. Kommentar kommt später…

Gaga
das klingt durchaus glaubwürdig, habe mir übrigens erlaubt, diesen Dialog in meinem neuesten Eintrag im Logbuch von meinem Raumschiff zu verarbeiten, da die Offenbarungen ja nur auf meiner Seite liegen.

Georg
Daumen hoch

[ Fortsetzung folgt eventuell, abhängig von der Offenbarungs-Toleranz von beiden Seiten ]

Georg
Daumen hoch

[ edit – Fortsetzung ]

Georg
Ich denke viel über dein Geschriebenes nach, schaffe es aber heute nicht mehr, mit einer längeren Antwort. Musik geht vor quasi … muss mir noch because the night von Patti Smith anschauen…

Gaga
denk nur nach, das wird dein Schaden nicht sein! Kein Stress, guten Abend dir, ich bin später wieder in meinem Atelier.

Georg
aah das mit dem Atelier klingt so gut… toll!

Gaga
da sind jetzt ja auch die Gaga Nielsen-Regiestühle…. und zwei Fotografien, die dich zeigen, haben einen Ehrenplatz, aber weniger aus Sentimentalität, sondern weil sie einfach so gut sind ;-)

Georg
Also ich denke halt oft auch über die Fehler nach, bzw. die Umstände, warum gewisse Dinge sich wie entwickelt haben und so geschehen sind. Oftmals nicht optimal. Nein, sogar richtig scheisse. Mit Schmerzen. Und ob das noch immer als ein Teil eines grösseren Ganzen gelten darf, welches dann irgendwann doch noch zum Ausdruck kommt, und dann alles was zuvor war, liebevoll und schlüssig integrieren kann. Sehr gerne würde ich schauen, was sich in den nächsten Jahren noch entwickeln kann. Die Zeit läuft, also mit lang drüber nachdenken ist es eigentlich auch vorbei. Schlingensiefs machen machen machen! kommt mir da wieder in den Sinn. Das Feld in unserer Generation lichtet sich ja auch immer mehr. Vielleicht kommt es jetzt (szenemäßig) in Berlin auch wieder zu neuen Fusionen! Ich hab auch einen Plan, ein Ziel, dass ich hier jetzt lieber noch nicht ausbreiten möchte, das erzähle ich Dir dann lieber erstmal privat. Aber ja, alles was Du schreibst gibt mir zu denken, und inspiriert. Und das war schon immer die Essenz unserer Verbindung. …sollte man was draus machen solange es noch geht ;-) <3

Falls du das abdruckst, mach bitte noch ein paar Korrekturen an den Drehern usw. – danke und gute Nacht 

P.S. Inspiration als Essenz der Verbindung ist gemeint. Nicht das Denken. Viel denken mussten wir in unserem Flow ja gar nicht. Das war eher das pure Sein und Schöpfen…ohne Denken…da hat ja eher das Universum für uns gedacht. hehe

Gaga
ja, so war das – gute Nacht, Georg

Georg
Manchmal versagt ein Universum halt auch. ;-)
Gute Nacht

Gaga
ich hab die zweite Platte übrigens nie gehört, nur gesehen

Georg
ich hab sie seitdem auch nicht mehr gehört. die erste aber auch nicht. Mir bumms. Hab noch ein drittes Album vorbereitet, mache ich nächstes Jahr fertig und dann wars das mit Rückert. Nach dem zweiten Album war ich durch, Lust kaputt. Zu viele schlechte Gigs, blödes Album, Sackgasse. Da war dann bei mir das Feuer auch gelöscht.

Gaga
alles sehr weit weg, auch für mich, aber dennoch sind auf meiner Lieblingsplaylist ca. 3, 4 Songs… mein Live-Mitschnitt von Widerspruch aus der Brotfabrik, die Audiospur meines Videos, Dschellaladin, Schwesterbraut und evt. noch eins, das mir gerade entfallen ist.

24. Oktober 2018

The Doors Alive im Quasimodo. Hat mans mal gesehen. Der Brite Mike Griffioen gibt Jim Morrison, Norbert Varga spielt Ray Manzarek. Auch ein Gitarrist, Baz Meyer und ein Drummer, Buzz Allan sind mit dabei. Die Gruppe wird gerne als die überzeugendste Doors-Coverband bezeichnet, wobei man schon sagen muss, dass die äußerlichen Eckdaten des Sängers, inclusive des Schnitts seiner Lederhose schon gut für die Rolle geeignet sind. Auch die Stimmlage und Stimmfarbe und der Gesang sind verblüffend. Er gibt auch sehr viel im Rahmen seiner Möglichkeiten, aber als Reinkarnation würde ich das nicht bezeichnen wollen. Jenny, die mitkam, fand ihn total ausstrahlungsarm, Ina hat sich auf die musikalischen Wiedererkennungseffekte konzentriert, wir haben schon auch getanzt, aber der richtige Drive oder gar Magie wollte sich nicht einstellen. Dafür hätte es ein paar Drogen gebraucht, die nicht verfügbar waren. Jenny hat eine ganze Weile nach dem passenden Wort gesucht, das bezeichnet, in welchem Ausmaß Mike Griffioen Jim Morrisons Performance verinnerlicht hat, es wollte ihr nicht einfallen. Ich machte Angebote: „adaptiert“? „absorbiert“? „inhaliert“?. Sie schwankte. Der Sound war recht undifferenziert gemischt, um nicht zu sagen versuppt, und so ganz aufeinander eingespielt war die Rhythmusabteilung auch nicht. War dennoch ein launiger Abend. Ich fragte mich allerdings, ob die echten Doors nicht vielleicht auch vom Tempo her ein bißchen behäbig waren, manche Rhythmen sind arg schunkelig. Der Kult beruht schon stark auf dem Charisma von Jim Morrison und den absoluten super Hits wie „Light my Fire“, „Riders on the Storm“, „The End“ oder „Spanisch Caravan“ oder „She lives on Love Street“ und dem „Alabama Song“. Schon großartige Nummern. Reicht ja auch, so sechs, sieben Songs im Rock-Olymp. Was ich allerdings ganz klar als Erkenntnis mitgenommen habe, ist das Potenzial der Frontmann-Pose von Jim Morrison als Role Model. Rocksänger, die sich stehenderweise auf der Bühne, ohne umgehängte Gitarre ein wenig verloren fühlen, sollten sich einfach mit einem kraftvollen Griff mit beiden Händen am Mikro festhalten, das hat so eine subtile Erotik und erfordert auch keinerlei tänzerisches Können. Das sollte eigentlich jeder hinkriegen. Nur mal so als Tipp. Jedenfalls besser, als mit den Händen in den Hosentaschen auf der Bühne zu stehen. Anschließend haben wir noch was in der nahe liegenden Paris Bar getrunken. Am Nachbartisch war ein etwas bizarres Publikum, wie man das beobachtenderweise auch mal amüsant finden kann, zeitweise. Darunter eine schrille Dame mit Schlauchbootlippen und Polizeimütze und anstrengender Tonlage. Aber das Bier war o.k. Obwohl es spät war, wurde diesmal nicht geraucht. Lag daran, dass Michel Würthle nicht da war, der sonst den Auftakt macht, und dem sich dann der Rest anschließt. Aber dann wäre der Abend sicher noch länger geworden. Beim Gehen traf ich auf den Fotografen André Rival mit lustiger Mütze, lange nicht mehr gesehen. Er hatte mitbekommen, als ich erzählte, warum mir die Lust am Fotografieren vorläufig abhanden gekommen ist, und ich wieder male, er schien es zu verstehen. Die paar Schnappschüsse hier sind eher beiläufig, ohne echtes Herzblut entstanden. Kein sentimentales Archiv.


16. Oktober 2018

auch so ein schöner Abend, wir haben so viel gelacht. Farin Urlaub zeigte im Herbst 2010 erstmalig seine Fotografien bei Lumas in den Hackeschen Höfen und lief danach im Hof herum, ließ sich von Fans ansprechen, wir saßen auf einer Steinstufe, tranken Bier und Wein, Jan war auch dabei. Ich rauchte eine, Irina bestimmt auch. Als Farin in unsere Nähe kam, versteckte ich die Zigarette ein bißchen, weil man ja weiß, dass Farin mit Alkohol und Zigaretten nichts anfangen kann, ich wollte keinen schlechten Einruck machen. Irina musste so lachen.

12. Oktober 2018

Noch ein Beifang von meinem Elternbesuch. Sommer 1967 im Garten. Mein großer Bruder von hinten im Planschbecken, meine Tante, Mama, ich, fast zwei Jahre alt, mein Bruder schon fast dreieinhalb. Ich erinnere mich gerne an das aufblasbare Planschbecken, es hatte ein von der Sonne verblichenes knalliges Orange und in der Mitte so ein Indigoblau. Ich mag diese Farbkombination heute noch gerne, und verbinde damit immer ein Gefühl von sorglosen Sommertagen.

Das Bild darunter ist auch im Garten gemacht, mein Bruder bemalt ein Regenwasserbecken. Neben ihm sitzt mein Stief-Großvater Anton, der zweite Mann meiner Oma Alma. Sie hat ihn ein paar Jahre nach dem Tod meines richtigen Großvaters André geheiratet. Ich schaue meinem Bruder zu, das Bild hat mein Vater gemacht. Das andere auch, er hat immer viel und gerne fotografiert. Auf der Rückseite hat meine Mama „1970“ geschrieben, dann wäre ich da erst vierdreiviertel gewesen. Aber das Fotolabor hat ein Datum vom Juli 1972 daraufgedruckt, das ist glaube ich richtiger. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man zwei Jahre gewartet hat, bis man einen Film entwickelt hat. So sparsam war mein Vater nicht mit den Fotos, man wollte ja auch recht bald sehen, ob es was geworden ist. Also ich glaube, das Foto ist doch eher vom Juli 1972. Ich war zwar schon immer ein großes Kind, aber wie vierdreiviertel sehe ich da nicht aus, oder?

P.S.
vor ein paar Stunden noch einmal das Bild mit dem unklaren Datum mit der Brille auf der Nase angeschaut – und erkannt, dass da ja ein blühender Zweig links ins Bild ragt. Also kein Juli-Bild. Ich erinnere mich, dass an der Stelle ein Birnbaum war, und Birnbäume blühen im April. Also ist es ein Bild aus dem April oder vielleicht auch frühen Mai. Vielleicht also April 1972 oder auch 1971 oder auch doch 1970. Kann doch sein. Es gibt ein Bild von mir mit einer Mini-Schultüte, die ich zum Trost bekam, als mein Bruder in die Schule kam. Das war im September 1970, und da sehe ich genauso groß aus, wie auf dem Bild da oben, die Haare noch ein bißchen länger. Also hat Mama wahrscheinlich doch recht gehabt mit 1970. Ich war eben ein großes Mädchen, auch schon mit viereinhalb.

09. Oktober 2018

Ich gebe zu, es ist derzeit schwierig, mich zu treffen. Ich muss dauernd S-Bahn und U-Bahn fahren, obwohl ich nicht als Kontrolleurin bei der BVG arbeite. Das geht seit ungefähr sieben Wochen so. Wenn überhaupt, wäre es am günstigsten an einer der folgenden Stationen, die ich täglich befahre, ich könnte dann mal kurz (5 – 10 Minuten) die Fahrt für einen Kaffee auf dem Bahnsteig oder schnellen Umtrunk in den Abendstunden in einem Etablissement in unmittelbarer Bahnsteignähe unterbrechen:

Mitte, S-Bahn Hackescher Markt
Mitte, S-Bahn Friedrichstr.
Mitte, S-Bahn Hauptbahnhof
Tiergarten, S-Bahn Bellevue
Charlottenburg, S/U-Bahn Zoologischer Garten
Charlottenburg, U-Bahn Kurfürstendamm
Wilmersdorf, U-Bahn Spichernstr.
Wilmersdorf, U-Bahn Güntzelstr.
Wilmersdorf, U-Bahn Berliner Str.
Wilmersdorf, S/U-Bahn Bundesplatz
Schöneberg, S-Bahn Innsbrucker Platz
Schöneberg, S-Bahn Schöneberg
Schöneberg, S-Bahn Südkreuz
Tempelhof, S-Bahn Tempelhof
Neukölln, S/U-Bahn Hermannstr.
Neukölln, U-Bahn Leinestr.
Neukölln, U-Bahn Boddinstr.
Neukölln, U-Bahn Hermannplatz
Kreuzberg, U-Bahn Schönleinstr.
Kreuzberg, U-Bahn Kottbusser Tor
Kreuzberg, U-Bahn Moritzplatz
Mitte, U-Bahn Heinrich-Heine-Str.
Mitte, U-Bahn Jannowitzbrücke
Mitte, U-Bahn Alexanderplatz
Mitte, U-Bahn Weinmeisterstr.

02. Oktober 2018

Mama, Velden am Wörthersee, September 1961. Am Sonntag beim Besuch bei meinen Eltern in Süddeutschland in einer alten Fotokiste gefunden. Ich habe den Abzug selbst gemacht, im Herbst 1981, 23,8 x 17,7 cm, Hochglanz. Ich hatte mich in der Schule zu einem Kurs angemeldet, in dem man lernte, Fotonegative selbst zu entwickeln und Abzüge zu machen. Ich kramte in den vielen Negativstreifen, die meine Eltern in Schachteln hatten und fand dieses Urlaubsfoto aus Österreich. Auf dem Bild war meine Mama achtzehn und hatte meinen Vater gerade kennengelernt. Sie war mit einer Freundin in den Ferien in Velden am Wörthersee und frisch verliebt. Als ich ihr mit fünfzehn stolz den Abzug präsentierte, war sie ganz aus dem Häuschen, aber nicht vor Begeisterung. Sie fand es unangemessen, dass ich ein Bild von ihr im Unterkleid ausgewählt hatte, das gehörte sich nicht, was sollten die anderen Mitschüler in meinem Fotokurs von ihr denken. Ich fand es aber sehr schön und konnte ihre Reaktion überhaupt nicht verstehen, sie war ja kein bißchen nackig. Das Bild fängt den Spätsommer so schön ein, mit den Sonnenstrahlen auf dem Fensterladen. Am Sonntag, als ich es aus der Kiste holte und ihr wieder zeigte, lächelte sie erfreut und fand es schön. Sie konnte gar nicht glauben, dass sie vor siebenunddreißig Jahren so unwirsch darauf reagiert hat. In der Kiste war noch ein zweiter, hellerer Abzug davon, den überreichte ich ihr feierlich und sagte ihr, dass sie den haben kann, ich aber den besseren behalte und mitnehme, weil ich das Bild aufhängen will, weil es mir immer noch so gefällt. Es waren drei schöne spätsommerliche Tage bei meinen Eltern, denen es leider nicht mehr so gut geht. Mein Vater wurde am Freitag, dem 28. September sechsundachtzig Jahre alt und er hatte am Wochenende davor einen leichten Schlaganfall, eine Einblutung im Gehirn, er kann sprechen, etwas verzögert, aber es geht. Auch laufen ist möglich. Er hat sich tapfer selbst entlassen und will eine ambulante Reha machen. Ich schlief in meinem alten Zimmer unter dem Dach und hatte nur ganz wackeligen Internetempfang. Aber dafür war ich ja auch nicht da. Es war auch schön, die prächtigen Äpfel mit dem Kescher vom Baum zu holen, so eine schöne Arbeit, wenn die Sonne scheint. Wie die schmecken. Mein Gepäck war ganz schwer, als ich die Rückreise antrat, weil ich so viele Äpfel eingepackt hatte, wie ich nur konnte. Mein Zimmer ist jetzt ein bißchen Abstellkammer geworden, aber ein paar Möbel sind noch von früher da, und viele meiner Jugendbücher. Und die ganzen Bände „Das Beste aus Reader’s Digest“, das meine Eltern abonniert hatten, das habe ich immer gerne gelesen. Das elektrische Piano links vom kleinen Fenster, in der Dachschräge steht da erst, seit mein Neffe Valerian Klavierunterricht hatte, jetzt ist er auch schon groß. Zu meiner Zeit war da leider kein Klavier. Ich muss öfter meine Eltern besuchen. Es ist eine richtige Zeitreise. An einem Nachmittag saßen wir auf der sonnigen Terrasse und mein Vater fing auf einmal an, Verse von Wiener Liedern zu zitieren. Ganz flüssig. „Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental, das ist für alte Ehepaare viel zu schmal. Die Jungen aber müssen eing’hängt geh’n, und das ist schön, und das ist schön. Das Gras, das dorten wachst, macht keine grünen Fleck‘, beim ersten Busserl schau’n sogar die Bäume weg, und kriegen dann als Dank dafür ein Herz mit Jahreszahl, am lieben kleinen Wegerl im Helenental.“ Das hat mich so furchtbar angerührt, dass mir bei „Helental“ die Tränen in die Augen geschossen sind. Weil man ja nicht weiß, wie oft man noch mit seinen Eltern auf der sonnigen Terrasse sitzt und seinen Vater solche Zeilen auswendig aufsagen hört. So versonnen saß er da. Es gibt jetzt einen ICE, der schneller fährt, ich muss ihn bald wieder nehmen.

17. September 2018

t̶o̶̶ ̶̶d̶̶o̶:

F̶l̶̶u̶̶r̶:
B̶̶̶e̶̶t̶̶t̶̶z̶̶e̶̶u̶̶g̶̶ ̶̶b̶̶e̶̶z̶̶i̶̶e̶̶h̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶i̶̶n̶̶s̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶ ̶̶p̶̶a̶̶c̶̶k̶̶e̶̶n̶
Be̶̶t̶̶t̶t̶̶a̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶ ̶̶b̶̶e̶̶s̶̶c̶̶h̶̶r̶̶i̶̶f̶̶t̶̶u̶̶n̶̶g̶̶ ̶̶k̶̶o̶̶r̶̶r̶̶i̶̶g̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
̶f̶̶o̶̶t̶̶o̶̶l̶̶a̶̶m̶̶p̶̶e̶̶n̶̶s̶̶c̶̶h̶̶i̶̶r̶̶m̶̶ ̶̶z̶̶u̶̶m̶̶ ̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶i̶̶n̶̶w̶̶e̶̶r̶̶f̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶i̶̶n̶̶s̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶ ̶̶p̶̶a̶̶c̶̶k̶̶e̶̶n̶
̶s̶̶o̶̶m̶̶m̶̶e̶̶r̶̶i̶̶n̶̶l̶̶e̶̶t̶̶ ̶̶s̶̶c̶̶h̶̶l̶̶a̶̶f̶̶s̶̶a̶̶c̶̶k̶̶ ̶̶u̶̶m̶̶p̶̶a̶̶c̶̶k̶̶e̶̶n̶
̶u̶̶n̶̶s̶̶i̶̶n̶̶n̶̶i̶̶g̶̶e̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶-̶h̶̶a̶̶k̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶v̶̶o̶̶r̶̶n̶̶e̶̶ ̶̶a̶̶b̶̶s̶̶c̶̶h̶̶r̶̶a̶̶u̶̶b̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶e̶̶v̶̶t̶̶.̶̶ ̶̶h̶̶i̶̶n̶̶t̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶o̶̶b̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶n̶̶e̶̶u̶̶ ̶̶a̶̶n̶̶s̶̶c̶̶h̶̶r̶̶a̶̶u̶̶b̶̶e̶̶n̶
̶d̶̶i̶̶e̶̶ ̶̶v̶̶i̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶o̶̶v̶̶a̶̶l̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶o̶̶b̶̶j̶̶e̶̶k̶̶t̶̶e̶̶,̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶n̶̶n̶̶ ̶̶f̶̶e̶̶r̶̶t̶̶i̶̶g̶̶,̶̶ ̶̶s̶̶e̶̶n̶̶k̶̶r̶̶e̶̶c̶̶h̶̶t̶̶ ̶̶a̶̶n̶̶ ̶̶t̶̶ü̶̶r̶̶ ̶̶s̶̶c̶̶h̶̶r̶̶a̶̶u̶̶b̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶h̶̶a̶̶n̶̶d̶̶b̶̶o̶̶h̶̶r̶̶e̶̶r̶̶,̶̶ ̶̶k̶̶l̶̶e̶̶i̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶ ̶̶s̶̶c̶̶h̶̶r̶̶a̶̶u̶̶b̶̶e̶̶n̶)
R̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶b̶̶r̶̶e̶̶i̶̶t̶̶e̶̶ ̶̶f̶̶ü̶̶r̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶i̶̶t̶̶e̶̶r̶̶e̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶b̶̶ö̶̶d̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶m̶̶e̶̶s̶̶s̶̶e̶̶n̶̶ ̶
2R̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶b̶̶r̶̶e̶̶t̶̶t̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶3̶̶0̶̶ ̶̶x̶̶ ̶̶8̶̶0̶̶ ̶̶c̶̶m̶̶ ̶̶i̶̶m̶̶ ̶̶b̶̶a̶̶u̶̶h̶̶a̶̶u̶̶s̶̶ ̶̶a̶̶l̶̶b̶̶o̶̶i̶̶n̶̶s̶̶t̶̶r̶̶.̶̶ ̶̶h̶̶o̶̶l̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶e̶̶i̶̶n̶̶l̶̶e̶̶g̶̶e̶̶n̶
R̶e̶̶g̶̶a̶̶l̶̶ ̶̶u̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶b̶̶a̶̶m̶̶b̶̶u̶̶s̶̶r̶̶o̶̶l̶̶l̶̶o̶̶ ̶̶s̶̶t̶̶r̶̶e̶̶i̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶

K̶ü̶̶c̶̶h̶̶e̶:
V̶o̶̶r̶̶r̶̶a̶̶t̶̶s̶̶d̶̶o̶̶s̶̶e̶̶ ̶̶m̶̶a̶̶i̶̶s̶̶w̶̶a̶̶f̶̶f̶̶e̶̶l̶̶n̶̶ ̶̶e̶̶i̶̶n̶̶r̶̶ä̶̶u̶̶m̶̶e̶̶n̶ n̶a̶̶c̶̶h̶̶f̶̶ü̶̶l̶̶l̶̶e̶̶n̶
S̶c̶̶h̶̶r̶̶a̶̶n̶̶k̶̶t̶̶ü̶̶r̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶c̶-̶f̶̶i̶̶x̶̶ ̶(̶w̶̶e̶̶i̶̶ß̶̶,̶̶ ̶̶l̶̶a̶̶c̶̶k̶)̶ ̶̶b̶̶e̶̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶n̶, S̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶̶b̶̶a̶̶h̶̶n̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶2̶̶ ̶̶u̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶3̶̶
M̶ü̶̶l̶̶l̶̶e̶̶i̶̶m̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶c̶-̶f̶̶i̶̶x̶̶ ̶(̶s̶̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶)̶ ̶̶b̶̶e̶̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶n̶
h̶ä̶̶s̶̶s̶̶l̶̶i̶̶c̶̶h̶̶e̶̶ ̶̶p̶̶f̶̶a̶̶n̶̶n̶̶e̶̶ ̶̶v̶̶o̶̶m̶̶ ̶̶v̶̶o̶̶r̶̶m̶̶i̶̶e̶̶t̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶g̶̶s̶̶c̶̶h̶̶m̶̶e̶̶i̶̶ß̶̶e̶̶n̶
He̶̶r̶̶d̶̶s̶̶c̶̶h̶̶u̶̶b̶̶l̶̶a̶̶d̶̶e̶̶ ̶̶p̶̶u̶̶t̶̶z̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶e̶̶i̶̶n̶̶r̶̶ä̶̶u̶̶m̶̶e̶̶n̶
H̶a̶̶v̶̶e̶̶l̶-̶p̶̶e̶̶r̶̶l̶̶m̶̶u̶̶t̶̶t̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶f̶̶ ̶̶k̶̶a̶̶d̶̶e̶̶w̶̶e̶-̶z̶̶i̶̶g̶̶a̶̶r̶̶e̶̶t̶̶t̶̶e̶̶n̶̶k̶̶i̶̶s̶̶t̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶
̶a̶̶l̶̶t̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶k̶̶a̶̶f̶̶f̶̶e̶̶e̶̶p̶̶u̶̶l̶̶v̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶i̶̶n̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶m̶̶ü̶̶l̶̶l̶, ̶f̶̶r̶̶i̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶i̶̶n̶ ̶d̶̶i̶̶e̶̶ ̶̶d̶̶o̶̶s̶̶e̶
F̶e̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶p̶̶u̶̶t̶̶z̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶4̶̶ ̶̶f̶̶e̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶r̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶i̶̶b̶̶e̶̶n̶̶!̶)
S̶i̶̶l̶̶b̶̶e̶̶r̶-̶o̶̶b̶̶s̶̶t̶̶s̶̶c̶̶h̶̶a̶̶l̶̶e̶̶ ̶̶p̶̶u̶̶t̶̶z̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶e̶̶i̶̶l̶̶t̶̶ ̶̶n̶̶i̶̶c̶̶h̶̶t̶)

g̶r̶̶o̶̶ß̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶z̶̶i̶̶m̶̶m̶̶e̶̶r̶:
I̶s̶̶o̶̶m̶̶a̶̶t̶̶t̶̶e̶̶n̶̶b̶̶e̶̶u̶̶t̶̶e̶̶l̶̶ ̶̶h̶̶e̶̶r̶̶v̶̶o̶̶r̶̶h̶̶o̶̶l̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶s̶̶o̶̶m̶̶m̶̶e̶̶r̶̶i̶̶n̶̶l̶̶e̶̶t̶̶ ̶̶s̶̶c̶̶h̶̶l̶̶a̶̶f̶̶s̶̶a̶̶c̶̶k̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶i̶̶n̶̶p̶̶a̶̶c̶̶k̶̶e̶̶n̶
Z̶e̶̶u̶̶g̶̶ ̶̶w̶̶i̶̶e̶̶ ̶̶v̶̶o̶̶r̶̶b̶̶e̶̶r̶̶e̶̶i̶̶t̶̶e̶̶t̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶f̶̶ ̶̶ ̶̶s̶̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶̶o̶̶v̶̶a̶̶l̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶f̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶m̶̶ ̶̶b̶̶o̶̶d̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶f̶̶i̶̶x̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶a̶̶u̶̶g̶̶u̶̶s̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶s̶̶t̶̶a̶̶r̶̶k̶̶e̶-̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶r̶̶!̶)̶,̶̶ ̶̶s̶̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶̶f̶̶l̶̶ä̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶p̶̶o̶̶l̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
̶e̶̶b̶̶r̶̶a̶̶s̶̶t̶̶u̶̶h̶̶l̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶-̶c̶-̶f̶̶i̶̶x̶̶ ̶̶s̶̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶̶ ̶̶b̶̶e̶̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶n̶
d̶r̶̶i̶̶t̶̶t̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶f̶̶e̶̶u̶̶e̶̶r̶̶z̶̶e̶̶u̶̶g̶
d̶i̶̶c̶̶k̶̶e̶̶ ̶̶k̶̶e̶̶r̶̶z̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶f̶̶ü̶̶r̶̶ ̶̶k̶̶a̶̶m̶̶i̶̶n̶̶f̶̶e̶̶u̶̶e̶̶r̶
A̶u̶̶g̶̶e̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶p̶̶a̶̶r̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶u̶̶h̶̶u̶-̶b̶̶a̶̶s̶̶t̶̶e̶̶l̶̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶r̶)
̶s̶̶ä̶̶u̶̶l̶̶e̶̶ ̶̶f̶̶ü̶̶r̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶g̶̶e̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶c̶-̶f̶̶i̶̶x̶̶ ̶(̶w̶̶e̶̶i̶̶ß̶̶,̶̶ ̶̶l̶̶a̶̶c̶̶k̶)̶ ̶̶b̶̶e̶̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶s̶̶t̶̶a̶̶n̶̶d̶̶f̶̶e̶̶s̶̶t̶̶i̶̶g̶̶k̶̶e̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶k̶̶o̶̶r̶̶r̶̶i̶̶g̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
A̶u̶̶g̶̶e̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶f̶̶ ̶̶s̶̶ä̶̶u̶̶l̶̶e̶̶ ̶̶m̶̶o̶̶n̶̶t̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
Wa̶̶s̶̶s̶̶e̶̶r̶̶f̶̶a̶̶r̶̶b̶̶e̶̶n̶̶s̶̶c̶̶h̶̶a̶̶c̶̶h̶̶t̶̶e̶̶l̶̶d̶̶e̶̶c̶̶k̶̶e̶̶l̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶g̶̶u̶̶s̶̶t̶-̶d̶̶e̶̶r̶-̶s̶̶t̶̶a̶̶r̶̶k̶̶e̶-̶k̶̶l̶̶e̶̶b̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶p̶̶a̶̶r̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
p̶a̶̶t̶̶i̶̶n̶̶i̶̶e̶̶r̶̶t̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶g̶̶a̶̶g̶̶a̶-̶a̶̶t̶̶e̶̶l̶̶i̶̶e̶̶r̶-̶s̶̶c̶̶h̶̶i̶̶l̶̶d̶̶ ̶̶v̶̶e̶̶r̶̶g̶̶o̶̶l̶̶d̶̶e̶̶n̶
test̶n̶̶i̶̶c̶̶k̶̶e̶̶r̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶schlafen
F̶e̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶u̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶b̶̶a̶̶l̶̶k̶̶o̶̶n̶̶t̶̶ü̶̶r̶̶ ̶̶p̶̶u̶̶t̶̶z̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶8̶̶ ̶̶f̶̶e̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶r̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶i̶̶b̶̶e̶̶n̶̶!̶)

B̶a̶̶l̶̶k̶̶o̶̶n̶:
T̶r̶̶e̶̶n̶̶n̶̶w̶̶a̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶a̶̶n̶̶s̶̶t̶̶r̶̶i̶̶c̶̶h̶̶ ̶̶r̶̶e̶̶p̶̶a̶̶r̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶, ̶e̶̶v̶̶t̶̶.̶̶ ̶̶k̶̶o̶̶m̶̶p̶̶l̶̶e̶̶t̶̶t̶
̶Kü̶̶h̶̶l̶̶h̶̶o̶̶c̶̶k̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶w̶̶̶̶e̶̶̶̶n̶̶̶̶n̶̶̶,̶̶ ̶=̶ ̶̶g̶̶e̶̶l̶̶i̶̶e̶̶f̶̶e̶̶r̶̶t̶̶,̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶g̶̶e̶̶t̶̶r̶̶ä̶̶n̶̶k̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶p̶̶o̶̶n̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶

K̶ä̶̶m̶̶m̶̶e̶̶r̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶:
t̶e̶̶s̶̶t̶̶w̶̶e̶̶i̶̶s̶̶e̶̶ ̶̶k̶̶ü̶̶h̶̶l̶̶k̶̶ü̶̶b̶̶e̶̶l̶̶ ̶(̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶c̶̶k̶̶e̶̶l̶̶)̶ ̶̶a̶̶m̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶ß̶̶e̶̶n̶-̶f̶̶e̶̶n̶̶s̶̶t̶̶e̶̶r̶̶b̶̶r̶̶e̶̶t̶̶t̶̶ ̶̶m̶̶o̶̶n̶̶t̶̶i̶̶e̶̶r̶̶t̶̶,̶̶ ̶H̶a̶̶l̶̶t̶̶e̶̶r̶̶u̶̶n̶̶g̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶i̶̶ß̶̶ ̶̶l̶̶a̶̶c̶̶k̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶f̶̶r̶̶o̶̶n̶̶t̶̶s̶̶e̶̶i̶̶t̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶f̶̶a̶̶s̶̶s̶̶a̶̶d̶̶e̶̶n̶̶f̶̶a̶̶r̶̶b̶̶e̶̶ ̶̶k̶̶a̶̶s̶̶c̶̶h̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶

B̶a̶̶d̶:
N̶i̶̶v̶̶e̶̶a̶̶ ̶̶m̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶h̶̶a̶̶u̶̶t̶̶c̶̶r̶̶e̶̶m̶̶e̶, ̶n̶̶e̶̶u̶̶e̶̶s̶̶ ̶̶d̶̶e̶̶o̶̶ ̶̶u̶̶̶̶n̶̶̶̶d̶̶̶̶ ̶̶̶̶s̶̶̶̶c̶̶̶̶h̶̶̶̶m̶̶̶̶i̶̶̶̶n̶̶̶̶k̶̶̶̶z̶̶̶̶e̶̶̶̶u̶̶̶̶g̶̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶n̶̶e̶̶h̶̶m̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶u̶̶n̶̶d̶̶ ̶̶i̶̶r̶̶g̶̶e̶̶n̶̶d̶̶w̶̶o̶̶h̶̶i̶̶n̶̶ ̶̶s̶̶t̶̶e̶̶l̶̶l̶̶e̶̶n̶
̶n̶̶e̶̶u̶̶e̶̶ ̶̶r̶̶o̶̶l̶̶l̶̶e̶̶ ̶̶k̶̶l̶̶o̶̶p̶̶a̶̶p̶̶i̶̶e̶̶r̶
A̶b̶̶f̶̶l̶̶u̶̶s̶̶s̶̶r̶̶o̶̶h̶̶r̶-̶a̶̶b̶̶l̶̶a̶̶g̶̶e̶̶b̶̶r̶̶e̶̶t̶̶t̶̶ ̶̶a̶̶u̶̶s̶̶ ̶̶l̶̶ ̶-̶ ̶̶r̶-̶s̶̶c̶̶h̶̶i̶̶l̶̶d̶̶ ̶̶z̶̶u̶̶s̶̶c̶̶h̶̶n̶̶e̶̶i̶̶d̶̶e̶̶n̶̶,̶̶ ̶̶m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶f̶̶o̶̶l̶̶i̶̶e̶̶ ̶̶b̶̶e̶̶z̶̶i̶̶e̶̶h̶̶e̶̶n̶̶ ̶(̶w̶̶e̶̶i̶̶ß̶̶ ̶̶o̶̶d̶̶e̶̶r̶̶ ̶̶s̶̶p̶̶i̶̶e̶̶g̶̶e̶̶l̶̶,̶̶ ̶̶t̶̶e̶̶s̶̶t̶̶e̶̶n̶), f̶i̶̶x̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
E̶n̶̶d̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶d̶̶u̶̶s̶̶c̶̶h̶̶v̶̶o̶̶r̶̶h̶̶a̶̶n̶̶g̶̶s̶̶t̶̶a̶̶n̶̶g̶̶e̶̶ ̶̶l̶̶a̶̶c̶̶k̶̶i̶̶e̶̶r̶̶e̶̶n̶
̶te̶̶s̶̶t̶̶d̶̶u̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n̶

10. September 2018

Das war ein umtriebiges Wochenende. Ich wäre eigentlich an beiden Tagen gerne in mein Atelier gefahren, um weiter herumzuräumen, schauen welche Farben eingetrocknet sind, und was sich eigentlich in den Kartons in dem Regal im Flur befindet. Ich habe es vergessen. Könnten Verlängerungskabel sein, aber auch Materialien, die ich verarbeiten wollte. Wahrscheinlich beides. Bin schon sehr weit fortgeschritten mit meinen Ausgrabungsarbeiten, erstaunliche Sachen gefunden. Es sieht auch schon sehr ordentlich aus. Aber ich habe am Wochenende keinen Fuß dahingesetzt, sondern war an beiden Tagen in Charlottenburg unterwegs.

Am Samstag ausgeschlafen und gesonnt und dann fertig gemacht für meinen Besuch einer Veranstaltung vom Eldaring zur Langen Nacht der Religionen. Duke hatte dort eine Lesung und ich wollte ihn mal wiedersehen, zumal er in den letzten Monaten mit einer besorgniserregenden Netzhautablösung kämpfte. Alleine, dass er überhaupt schon wieder lesen kann, ist so ein Glück, darauf wollte ich mit ihm anstoßen. Außerdem war auch Luci van Org da, auf die ich neugierig war, und die immer noch superlange Haare hat, fast wie damals als sie ihren Hit „Weil ich ein Mädchen bin“ hatte und außerdem supernett ist. Hat mich aber auch nicht überrascht, denn sie hat am ersten September Geburtstag, wie ich! Duke und Luci haben zusammen ein Buch herausgebracht, „Der Sonnenglanz“, Duke hat die Texte geschrieben und Luci sehr sinnliche Illustrationen gezaubert. Die beiden sind gut Freund mit dem germanischen Götter-Pantheon, darum ging es auch in den Lesungen und Vorträgen. Sehr unterhaltsam. Einer, auch ein Buchautor, Andreas Mang, hielt einen Vortrag zum Thema Opferkulte in verschiedenen Religionen und natürlich im Heidentum. Da kursieren ja viele wirre  Informationen und Traditionen, das hat er launig und kompetent ein bißchen auseinanderklamüsert. Luci erzählte, dass sie sich früher sehr engagiert um das Christentum bemüht hat, aber ein Heimatgefühl erst erfahren hat, als sie in die neun Welten der germanischen Götter eintauchte. Ein sehr schöner Song, den sie später mit Gitarre performte, hieß deshalb auch „Neun Welten“. Duke signierte mir ein Buch und Luci versprach es auch noch zu tun, aber lieber später nach dem „blót“.  Ich wusste schon, dass zum Abschluss der Veranstaltung, nach Einbruch der Dunkelheit ein Ritual auf der Wiese vom Mierendorffplatz geplant ist, blót genannt (kann man googeln).

Als ich mit Duke draußen beim Jever saß und wir uns austauschten, kam eine der Veranstaltungsorganisatorinnen und bat, den Ablauf des Rituals kurz zu besprechen. So bekam ich uneingeweihter Weise ein Tutorial, was da genauer von statten gehen würde. Ganz unbekannt waren mir diese rituellen Vorgänge nicht, da ich Anfang des Jahrtausends einige Zeit mit Duke verbracht hatte und durchaus schon mal von Odin und Loki und Thor und Frigg (usw. usf.) gehört hatte. Und auch schon mal Met aus einem Horn getrunken. Aber in  ein Ritual in einem veritablen Kreis war ich noch nie involviert, obwohl mich das damals durchaus auch interessiert hätte. Ich wollte mich seinerzeit aber auch nicht aufdrängen. In einem sehr freien Sinne bin ich durchaus auch naturreligiös, ohne aber definierte oder traditionelle Religionsformen dafür zu bemühen. Ich bin da überhaupt sehr tolerant, wie Elvis! Der trug übrigens eine Kette mit einem christlichen Kreuz, einem Davidstern und einem Ankh. Und wenn er mehr darüber gewusst hätte, wäre vielleicht auch noch ein kleiner Thorshammer, der „Mjölnir“  dabei gewesen. Den sieht man recht oft bei den Asatrú, den Asentreuen, so nennen sich die Anhänger der germanischen Götter. Es soll auch rechtsradikale Vollidioten geben, die meinen, sie wären bei diesem Glauben an der richtigen Adresse, aber die kennen offenbar die Gebote nicht. Ein hohes davon ist die Gastfreundschaft und Fremde im eigenen Haus Willkommen zu heißen. Zum Glück gibt es aber jede Menge Asatrú, die ihre Schularbeiten gemacht haben, und gegen die Rechten auf die Barrikaden gehen. Beim Eldaring, wo ich also war, sind Asatrú, die ganz klar Position gegen Neonazis und jegliche rechte Strömungen und Ideologien beziehen. Sonst wäre ich da auch niemals hingegangen, wo sind wir denn! Wie ernst das mit dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit gemeint ist, habe ich dann in dem wirklich sehr schönen blót erleben dürfen.

Auf der recht großen Wiese vom Mierendorffplatz haben sich alle Teilnehmer der Veranstaltung, die Lust darauf hatten, also alle, in einen Kreis gestellt. In der Mitte war ein symbolisches Feuer aus fünf dicken Kerzen, weil man ja nicht einfach mal so ein offenes Feuer machen kann. Ich wusste durch die kleine Abstimmung beim Bier, dass es drei Runden geben würde, in denen das Horn kreist. Mit Met natürlich, und zwar nicht irgendeiner klebrigen Plörre, wie man sie  im Supermarkt  im unteren Preissegment findet, sondern ein richtig guter Tropfen, sozusagen die trockene Flaschengärung unter den Honigweinen, vom Winzer des Vertrauens. Klamottenmäßig hatten alle mehr oder weniger Alltagskleidung an, viele Jeans und schwarzes T-Shirt, gerne Thorshammer um den Hals, aber auch ein eleganter schwarzer Anzug war dabei. Ich hatte einen Zebra-Anzug an, Jeans, T-Shirt, Jacke, Tasche – alles Zebra! Also Muster, nicht echt. Sah schon auch irgendwie festlich aus, für meine Begriffe! Luci trug glaube ich eine schwarze Jeans und ein schwarzes Eldaring-Shirt und später beim Ritual noch ein schwarzes Gewand glaube ich. Aber keiner hatte sich irgendwie Harry Potter-mäßig verkleidet und es gab auch keinen Wikingerhelm mit Hörnern auf dem Kopf. Man stellt sich ja so allerhand vor, wenn man es nicht weiß. Aber zurück zum Ritual, also drei Runden mit kreisendem Methorn. Trinken tun sie ja sowieso gerne, die Asatrú. Aber wer nicht! Bei der ersten Runde wurde von jedem ein Gott angerufen, der ihm persönlich nahesteht und darauf das Horn gehoben und zwar unter Verwendung des sehr schönen Wortes – Achtung, jetzt kommt’s: „Heil“. Wer die intellektuellen Kapazitäten besitzt, sich darüber im Klaren zu werden, wie alt und schön dieses Wort in seiner ureigenen Bedeutung ist, das in der doch vergleichsweise kurzen Zeitspanne von 1938 bis 1945 derart vergewaltigt und missbraucht wurde, dass verständlicherweise (!) bis heute Rehabilitationsversuche permanent von expliziter Distanzierung von braunem Kackgedankengut begleitet werden müssen (was ich hiermit unmissverständlich tue, das ist ja wohl klar, wo sind wir denn!), hat meinen Segen!

Aber weiter zum Ritualgedöns. Luci ging vor Start der ersten Runde mit feinem Räucherwerk an allen im Kreis vorbei und fächelte uns zu. Dann wurde ein großes Horn mit dem wirklich sehr gutem Met gefüllt und die – ich nenne sie mal Ritualleiterin – richtete ein paar einleitende Worte an die Götter und den Kreis, wobei sie auch besonders auf den hohen Wert der Gastfreundschaft und Offenheit und Toleranz gegenüber fremden Menschen und Kulturen einging und auch nicht mit Seitenhieben Richtung Chemnitz sparte, wo ja offenkundig so einiges in Unordnung sei. Damit da mal ein bißchen Ordnung einkehrt, und zwar nicht etwa Ordnung im reaktionären Sinne von Kleingeistern und Spießern, sondern im Sinne  einer ordentlichen liberalen, weisen  Haltung allem Fremden gegenüber. Dazu rief sie Heimdall an und nahm einen Schluck aus dem Horn. Daraufhin raunten die, die das Spielchen schon kannten: „Heil Heimdall!“ Kann sein, dass sie auch noch ein paar Tropfen vom guten Met auf den Boden gesprenkelt hat, als Opfer für die Götter und natürlich speziell Heimdall, damit er noch motivierter an die Arbeit gehen kann! Das Horn wurde weitergereicht und nun kam jeder mal dran. Man konnte sich frei aussuchen, auf wen man trinkt, man hätte theoretisch auch auf Jesus oder den lieben Gott trinken können, da ist man relativ tolerant (ausgenommen ein gewisser ‚Hitler‘, denn der war ja bekanntlich alles andere als göttlich). Es kam dann immer das Echo „Heil Soundso…“ Nach einer Weile hatte ich das Prinzip begriffen und fand daran Gefallen. Einfach mal das schöne alte Wort ganz neu benutzen! Seelenheil darf man ja zum Glück sagen. Ekelhafterweise ist aber das Wort UNheil nicht tabu, dabei sollte das ja wohl das Unwort sein, verdient hätte es das allemal!

Ich wusste dann ja, dass ich nun auch bald dran sein würde, auf wen zu trinken und dachte mir so einen Mix aus, man kann ja auch auf mehrere trinken. Weil ich von früher noch in Erinnerung hatte, dass Frigg eine ganz attraktive Gottheit ist (von der Bedeutung her so ein bißchen das Pendant zu Aphrodite, wenn man jetzt unbedingt einen Vergleich zur Anschaulichkeit braucht), wählte ich diese Göttin für meinen Toast, aber dann fiel mir auch noch Elvis ein! „Heil Frigg! Heil Elvis!“ Weil das ja eine lustige Truppe ist, freuten sich einige, dass endlich mal auf den Gott des Hüftschwungs getrunken wurde. Dann machte Luci wieder eine Räucherrunde und das große Horn wurde erneut gefüllt. Nun waren die Ahnen dran, die schmerzlich vermissten Verstorbenen, das können auch Freunde sein, aber auch Ahnen, die man gar nicht gekannt hat. Jemand, der einen beinflusst hat, der einem wichtig oder nah war und nicht mehr da ist. Ich wusste recht schnell, auf wen ich da trinke, nämlich auf meine Oma Alma. Als ich dran war, habe ich auch noch kurz erklärt warum. Weil sie nämlich immer versucht hat, mich als Kind zum Lachen zu bringen und zwar damit, dass sie Zarah Leander-Lieder gesungen hat, vor allem „Kann denn Liebe Sünde sein“!  Auch mit diesem Toast erhielt ich guten Zuspruch. Es war herzerwärmend! Wann steht man schon mal nachts auf einer Wiese in Charlottenburg und trinkt lautstark auf seine Oma und fünfunddreißig Leute (oder so) machen begeistert mit! Die meisten haben bei der Ahnenrunde auch Met auf den Boden gemacht, ich habe es glatt vergessen, er hat aber auch zu gut geschmeckt! Dann gab es noch eine dritte, offene Runde, da hat Duke ein Lied gespielt, das zum Thema passte und währenddessen kreiste das Horn noch einmal. Dann gab es ein Schlusswort der Ritualleiterin, es war schön feierlich, aber von mir aus hätte es noch weiter gehen können. Ich wurde dann herzlich umarmt mit den Worten „tak for blót“. Das war auch schön. Also mir hat es rundherum gefallen. Duke meinte erheitert, das hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass er noch mal mit mir ein blót abhält. Daraufhin erhellte ich, dass mich das eigentlich immer schon mal interessiert hätte – „….aber du warst da ja immer sehr distanziert“. Überraschung bei Duke. Er hatte gedacht, ich hielte nichts von seinen Göttern, weil ich mal erläutert hatte, dass das ja eigentlich nur Krücken wären, also im Sinne von Gehhilfen. Womit ich ja außerdem auch recht gehabt hätte. Wie auch immer, es war ein schönes Wiedersehen.

Und am Sonntag war ich dann mit Ina im Cinéma Paris, um den wirklich meisterhaften  Dokumentarfilm „Maria by Callas“ zu sehen. Ich war ganz benommen, ergriffen, alles. Ich habe geweint. So eine zarte Seele, was man ja sowieso eigentlich immer schon durch die Stimme hören konnte, aber nun auch ganz persönlich in alten Filmaufnahmen sichtbar wurde. Ich dachte immer, sie wäre irgendwie arroganter, kälter als Mensch gewesen. Der Film läuft nur noch in wenigen Kinos, aber irgendwo findet man ihn, unbedingt anschauen, Zwei Stunden mit altem Filmmaterial, viel Privates darunter, aber auch ganze Arien, live Aufnahmen in Bild und Ton. Und ab und zu die warme Stimme von Eva Mattes, die einige private Briefe von Maria Callas liest, in denen sie Vertrauten ihr Herz ausschüttet. Nur dreiundfünfzig wurde sie, so alt wie ich jetzt bin. Nach den Film gingen wir ins Gartencafé vom Literaturhaus in der Fasanenstraße, noch ein bißchen über den Film und dies und das plaudern, herrliches Spätsommerwetter, ein Eisbecher, Espresso unterm Sonnenschirm.

Und dann mein letzter Programmpunkt des Wochenendes, Albans Werkschau im Kaminzimmer des Literaturhauses, last but not least. Ich war somit schon am richtigen Ort und liebe Freunde und Bekannte trudelten ein. Der ganze Tag im Literaturhaus war Albans Werk gewidmet, das erste Panel hatte ich versäumt, aber beim zweiten und dritten war ich von Anfang bis Ende dabei und war schon wieder ergriffen, diesmal von seiner vierten Elegie. Filigrane Gefühle, Verlust, schmerzhafte Wucht…. Im letzten Teil der Werkschau ging es dann um sein Weblog, die Dschungel. Die Geschichte und die Entwicklung und die Bedeutung für ihn selbst. Gegessen hatten wir schon, ein abschließender Umtrunk führte uns noch in den Diener ums Eck. Wir versäumten die letzte S-Bahn, als wir draußen saßen, ein Smartphone gab irrige Auskunft, das der letzte Zug Richtung Alex 1:17 Uhr fährt, aber vielleicht war auch die Frage falsch. Dann nahmen wir gemeinsam den Nachtbus vom Zoo. Lange nicht mehr gemacht. Am Hackeschen Markt zum Abschied geherzt. Daheim die Bilder angeschaut, ein kleiner Nachtimbiss, ein letztes Glas, vier Bilder an Alban geschickt. Es gibt schon welche  von Alban und Elvira, und vom Samstag von Duke und Luci, Meine Leser haben ja Phantasie.

02. September 2018

Heute Abend gehe ich (alleine) zur letzten Show vom Elvis-Musical im Estrel, weil ich z. Z. Elvis-Wissenschaften studiere und der Impersonator Grahame Patrick, als der beste weltweit gilt, ein Ire. Außerdem singt eine Gospeltruppe als Begleitung, das Stamps Quartet, vier Männer, die auch schon mit Elvis in Las Vegas gespielt haben und mit ihm mehrfach getourt sind. Ist zwar nur noch einer dabei, der zur Urbesetzung gehört, aber der ist hellauf begeistert von dem irischen Elvis. Fängt schon um 19 Uhr an, gibt noch Tickets, hab gerade telefonisch eins reserviert!

01. September 2018

was zieh ich bloß an??? Ich möchte ungern ein Kleid tragen, das ich schon mal bei ähnlicher Gelegenheit getragen habe. Die Leute merken das und dann steht es morgen in der Bunten!

26. August 2018

Meine letzte Google-Suche „welcher Tag ist heute“. Erster Tag auf dem Balkon seit Wochen. Unten im Park tragen die Menschen noch T-Shirts, die Ärmel sind länger. Ich nix. Jetzt kommt mein Sommer. Hier oben ist eine andere Zeit- und Klimazone. Gestern im Atelier, Rollos angebracht, bißchen geräumt. Gerade letztes Bild fertig. Keine Untergründe mehr hier, keine Hinterlassenschaften, keine Metallteile, die zu schade zum Wegwerfen sind. Im Atelier will ich die Fenster endlich mal wieder putzen. Und malern, die kleine Kammer. Dann den großen zugeschnittenen Schaumstoffblock, mit elektrischem Pink neu bezogen, wieder zurück ins Kämmerchen, nimmt viel Platz im großen Raum. Erst malern, dann malen. Wieder auf richtige Leinwände, so viele da, in verschiedenen Größen. Rund sechzig Teile sind seit April entstanden, kleine und größere Bilder, Objekte, gemalte, geklebte, vergoldete. Eingeweide alter Kameras, Adapter, Router, Kabel. Die Untergründe Fundsachen, flache und säulenförmige Verpackungsschachteln. Nach einer Weile merkt man, die flachen sind nicht so plan, wie man es gerne dauerhaft hätte, bekommen eine Biegung, die es nicht braucht. Aber jetzt bin ich ja damit fertig. Ein paar letzte Linien mit Weiß auf Schwarz auf dem Balkon auf der Südseite. Sie ist immer noch da, die Sonne. Ich signiere das Teil jetzt. Dafür brauchte ich das Datum, daher die Google-Suche.

16. August 2018

Elvis ist tot. Und Madonna ist Sechzig. Am 16. August 1977, heute vor einundvierzig Jahren, brach Elvis in seinem Badezimmer zusammen. Ich kann mich diffus an die Nachricht auf allen Radiosendern und in den Fernsehnachrichten erinnern. Es gab nur noch dieses Thema, als ob die Welt von einem Moment zu anderem in Schockstarre gefallen wäre. Das war niemandem gleichgültig. Er war der größte Star auf der Erde, der einem einfiel. Selbst als es ihm nicht mehr so gut ging, er an Gewicht zulegte, nicht mehr ganz so schön war. Elvis war ein Gigant. Der Ruhm war durch nichts mehr auslöschbar und ist es bis heute nicht. Ich hatte als größeres Kind, als ich schon meinen ersten eigenen Dual-Plattenspieler hatte, ein Doppel-Album von Elvis mit seinen größten Hits, das habe ich ganz, ganz oft gehört. Ich schätze, ich war so ungefähr Neun oder Zehn. Als die Todesnachricht kam, war er nicht mehr ganz so präsent auf meinem Plattenspieler, ich war ja immerhin fast schon Zwölf und mein Musikgeschmack hatte sich in andere Richtungen entwickelt, aber ich mochte ihn immer noch und war dementsprechend geschockt. Ich erinnere mich an ein so taumelndes Gefühl, als ob sich etwas auflöst und die Zeit stillsteht, als ob eine neue Zeitrechnung beginnen müsste. Vor und nach Elvis. Vor und nach den Dinosauriern. Ich hatte eine Weile auch ein kleines Elvis-Poster mit (aufgedruckter) Unterschrift aus der Bravo und vielleicht sogar den zweiten Elvis-Starschnitt von 1978, aber das weiß ich nicht mehr so genau, ich hatte viele Bravo-Starschnitte. Ich war eine fleißige Sammlerin und mochte viele Stars, die einem in kleinen Schnipseln zum Zusammenkleben im Heft geliefert wurden. Was für eine hübsche Idee. Gibt es eigentlich noch Starschnitte?

Jedenfalls habe ich mich ewig nicht mit Elvis beschäftigt, aber neulich fand ich diese schöne neue Doku in der ARD-Mediathek und die Tage waren so wahnsinnig heiß, dass ich keinen Fuß auf den Balkon oder vor die Tür setzen wollte und vertiefte mich im abgedunkelten Zimmer in alle Dokumentationen über Elvis, die auf youtube und sonstwo vorhanden sind. Dabei wurde die Erinnerung an den Todeshergang aufgefrischt. Ich schaute mir sämtliche Berichte über Graceland an und könnte mich nun wohl schlafwandlerisch durch die Räume bewegen, außer die obere Etage. Denn die ist seit seinem Tod gesperrt. Die eigentlich sagenumwobensten Räume können nur von Familienmitgliedern und Bediensteten betreten werden, es gibt keine aktuellen Fotografien der Räume. Sein Schlafzimmer und das Badezimmer, in dem er starb, befinden sich oben. Auch ein Arbeitszimmer und das Kinderzimmer von Lisa Marie. Also eine ganze Reihe von Räumen, die unter Verschluss sind. Sogar Bill Clinton wurde, als er noch Präsident der Vereinigten Staaten war, der Zutritt verwehrt, obwohl er sehr darum bat. Demzufolge wird jeder Hinweis, dass die obere Etage doch einmal jemand gesehen hat, in Elvis-Fan-Foren heiß diskutiert. Als Nicolas Cage mit Lisa Marie Presley verheiratet war, soll er sich einmal auf das Bett von Elvis gelegt haben. Er hat wohl damit angegeben, ein Bild gibt es davon nicht. Ein paar wenige verrauschte alte Fotos der oberen Räume schwirren durchs Netz. Es wird vermutet, dass die Räume in einem Biopic aus den frühen Achtzigern zu sehen sind, bei dem Priscilla Presley als Co-Produzentin involviert war, sie hatte ja die Möglichkeit, die Räume für Dreharbeiten freizugeben, laut IMDb wurde tatsächlich in Graceland gedreht. Es wäre ja auch günstiger, den Originalschauplatz zu nutzen, als einen aufwändigen Nachbau herzustellen.

Elvis hat zu Lebzeiten Fans gelegentlich gestattet, ihn in Graceland zu besuchen, aber diese Besuche fanden auschließlich in den unteren Räumen statt, die oberen waren für Fans tabu. In diesem Sinne haben Priscilla und Lisa Marie Presley entschieden, auch nach seinem Tod nur den unteren Bereich zugänglich zu machen. Manche Räume im unteren Bereich sind ganz schön, andere möchte man nicht geschenkt. Das Zimmer mit dem Billardtisch gefällt mir am besten und das Multimediazimmer in Schwarz und Gelb, mit mehreren in die Wand eingebauten TV-Monitoren nebeneinander. Siebziger-Jahre-Schick und für damals High Tech. Elvis wäre heute sicher ein absoluter Internet-Freak und hätte immer die Nase vorn, er liebte die modernsten technischen Spielereien. Außerdem konnte er tanzen. Und singen. Und überhaupt. Und hatte Herz. Elvis war toll. Auch wenn er manchmal in den Fernseher geschossen hat, wenn ihm das Programm nicht gefiel. Ich bin gerade wieder ein bißchen frisch verliebt in Elvis. Zum Glück ist er unsterblich. Der König ist tot, es lebe der König. ELVIS FOREVER

Elvis Presley

CAN’T HELP FALLING IN LOVE WITH YOU

12. August 2018

Gerne schalten Sie heute Abend Ihr Empfangsgerät ein, zur neuen Folge aus der beliebten Reihe Terra X: „Der große Bluff“. Um 19:30 Uhr im ZDF. Heute unter anderem mit Gaga Nielsen. Und zwar in der dritten Geschichte, so gegen 20 Uhr über den Hochstapler Franz Tausend. Bevor mein kleiner Auftritt kommt, erscheint auch Ina in zwei Szenen, mit Zwanziger Jahre-Wasser-Wellen-Frisur, sehr schön zurechtgemacht. Sie hatte das Privileg, in einem ansprechenden Abendkleid nur gut auszusehen und interessiert zu gucken, während Franz Tausend schwadroniert. Ich hingegen hatte leider Gottes Text und ein eher biederes Kostüm, denn ich musste ja seriös rüberkommen, als Dolmetscherin der ultimativ belastenden Zeugenaussage. Lieber wäre auch ich im raffinierten Abendkleid vor der Villa Jacobs herumgestanden. Über den Drehtag habe ich ja schon in aller Ausführlichkeit berichtet. Der Film wurde vor vier Wochen schon einmal vorab für die Beteiligten im Garten der Villa Jacobs gezeigt, wo auch ein paar Szenen gedreht worden sind. Es gab auch Essen und Trinken und Musik. Zum Beispiel „Oh Donna Clara, ich hab dich tanzen gesehen“ und andere schöne Weisen. Das Lied ist leider nicht im Film, aber diese Terra-X-Folge ist trotzdem recht sehenswert, weniger wegen mir, sondern weil es überhaupt sehr schön und unterhaltsam dargeboten wird, was die drei portraitierten Hochstapler verbrochen haben. Wenn man in einem Film mitspielt, heißt das ja nicht, dass man alle Darsteller getroffen hat oder alle Szenen kennt. Für mich war das auch größtenteils neu und interessant. Die eine Gespielin von Victor Lustig hätte ich auch gerne gespielt, die muss in der einen Szene nur hinter ihm stehen, so keck in der Hüfte eingeknickt ihre Kurven präsentieren und dabei dekorativ aus der Wäsche gucken. Ich hingegen habe mich mit fünf handbeschriebenen Blättern Text gequält, von denen am Ende (zum Glück!) nur ein Satz übrig geblieben ist. Da gibt man alles und macht und tut, und am Ende bleiben zehn Sekunden und ein Satz übrig. Aber ich habe gelernt, das ist halt so, man muss es nicht persönlich nehmen. Unser Hauptdarsteller, der den Franz Tausend gespielt hat, hatte einen ganz tollen Monolog im Gerichtssaal, wo er herrliche alchimistische Formeln präsentiert hat – davon ist auch nichts mehr übrig geblieben. Und er ist ein richtiger Schauspieler. Ich habe ja nur aus Jux und Tollerei mitgemacht. Heute Abend schauen wir uns den Zinnober noch mal zusammen mit der Crew an und trinken einen. Wen es interessiert, die Folge ist auch in der Mediathek vom ZDF. Viel Vergnügen!

(Szenenbild aus dem Kriminalgericht Moabit)

08. August 2018

37 Grad. Was mir auch nicht einleuchtet, wieso man selber 37 Grad Körpertemperatur hat und dieselbe Außentemperatur nicht als ideal empfindet. Wäre es nicht logisch, dass man unter 37 Grad friert und darüber erst schwitzt? Für mich ist die angenehmste Temperatur zwischen 23 und 27 Grad, mehr wird nicht benötigt. Alles darüber schränkt meine Gehirnfunktion ein. Ich bin keine Pflanze, die sich rund um die Uhr stundenlang darüber freut, ausschließlich zu trinken und in der Sonne zu baden. Gott segne die Klimaanlagen dieser Welt. Am angenehmsten tagsüber ist es, sofern man nicht an einen klimatisierten Arbeitsplatz, ein klimatisiertes Hotelzimmer, einen klimatisierten Supermarkt oder ins Kadewe oder Galeria Kaufhof oder Karstadt oder ins Lafayette oder Kino oder Museum flüchten kann oder will, an folgender Stelle: dem U-Bahnhof-Eingang zur U 8, Weinmeisterstraße, und zwar der an der Ecke Rosenthaler Straße. Direkt unten am Plateau, wo die erste Treppe nach unten aufhört, wo es rechts um die Kurve geht, da weht immer ein ganz herrlicher lauer Wind. Leider ist es vom Ambiente her nicht so schön, es fehlen ansprechende Loungemöbel und Beistelltischchen mit kühlen Getränken. Aber sonst perfektes Klima, ganz ohne Klimaanlage.

Ansonsten ist es auch noch in meinem abgedunkelten Schlafzimmer ganz okay, obwohl direkt unterm Dach. Ich bin nach fast zwanzig Jahren im Dachgeschoss, Profi was Hitze-Abschottung angeht. Man kann es aushalten. Ab Freitag dann wieder meine Lieblingstemperatur. Was mich an der Turbo-Hitze auch einschränkt, ist der mangelnde bzw. wenn überhaupt erst zu sehr später Stunde, so kurz vor Mitternacht kommende Appetit auf alkoholhaltige Getränke. Mir fehlt das Ritual. Ich kann das nicht in derselben Form mit alkoholfreien Getränken zelebrieren. Am liebsten trinke ich als Alternative Tonic. Aber bitte ohne Gin. NUR Tonic. Auch keine Eiswürfel drin, sondern das Getränk selber gut gekühlt. Bei zwei verschiedenen Gelegenheiten passiert: Ich bestelle „Tonic“ und wie selbstverständlich wird Gin dazugekippt. Möglicherweise bin ich die einzige Erdbewohnerin, die Tonic ohne Gin trinkt. Das eine mal im Ballhaus in der Chausseestraße und das andere mal an einem der Getränkestände in der Waldbühne, beim Konzert von Nick Cave. Ich habe die Gin-Tonic-Versionen abgelehnt, es musste neu eingegossen werden. Ich schätze zwar hochkarätige Obstbrände und guten Scotch, aber vermeide es trotzdem weitgehend, weil ich nicht durcheinander trinke. So eine ganze Flasche Williamsbrand oder Whisky an einem Abend wäre mir dann doch nicht das Höchste der Gefühle. Und diese Getränke vertragen sich ja ganz schlecht mit Wein und Champagner. Da wähle ich zu gegebener Stunde lieber Letzteres. Wir befinden uns nun immer noch in der heißesten Tageszeit, die Höchsttemperatur ist jeweils immer zwischen 15 und 18 Uhr und nicht etwa mittags. Erst danach wird es in Zeitlupe weniger warm. Ab 22 Uhr kann man dann schon mal ganz vorsichtig testweise eines der hermetisch verschlossenen und abgedunkelten Fenster öffnen. Aber nur ganz kurz! Ab Mitternacht ist alles erlaubt. Die im wahrsten Sinne des Wortes heiß ersehnten, angenehmsten Stunden des Tages kommen.