Auch eine nette Familiengeschichte, die hat mir meine Tante Anna erst genauer bei meinem Besuch Ende September erzählt. Ich wusste nur, dass der Sohn von (Onkel) Wolfgang in der ersten Hälfte der Achtziger aus der DDR geflüchtet ist, also „Republikflucht“ begangen hat, aber die genaueren Umstände waren mir nicht so bekannt. Vielleicht habe ich auch nicht so genau zugehört und es wieder vergessen. Er hat eine Ausbildung zum Hotelfachmann in Ostberlin gemacht und war in einem Hotel (müsste das Metropol-Hotel gewesen sein), das internationale Gäste beherbergt hat, angestellt. Ich nehme an, dass er durch die Erzählungen von seinem Vater, der als international engagierter Jazzmusiker einer der Künstler war, der die Republik für Gastauftritte im westlichen Ausland verlassen durfte (und wieder zurückkehren), Blut geleckt hat. Westfernsehen hatte man in Ostberlin ja sowieso. Die Familie wohnte in Berlin Treptow. Jedenfalls hatte Michael große Lust, die weite Welt kennenzulernen und wollte raus, hatte aber noch keinen konkreten Plan. Wer als Hotelgast eingecheckt hatte, musste seinen Personalausweis bzw. Reisepass für die Dauer des Aufenthalts an der Rezeption abgeben. Eines Tages kam ein Kollege zu Michael, der an der Rezeption arbeitete und von Michaels Ausreiselust wusste, und hielt ihm einen schwedischen Reisepass unter die Nase. Auf dem Foto war ein junger Mann abgebildet, der Michael zum Verwechseln ähnlich sah. Der Kollege animierte ihn, die Gunst der Stunde zu ergreifen und mit dem schwedischen Pass rüberzumachen. Da es unwahrscheinlich war, dass so eine Gelegenheit noch einmal kommen würde, die so eine geschmeidige Ausreise ermöglichen würde, hat Michael die Chance ergriffen und ist ohne Misstrauen zu erwecken, wohl über den Grenzübergang Friedrichstraße nach Westberlin. Vielleicht wars auch der Checkpoint Charlie. Kaum war er drüben, hat er sich auf große Europareise gemacht und die Welt erkundet, an der Côte d’Azur hat es ihm besonders gut gefallen, in Cannes und Nizza und Saint Tropez. Ich erinnere mich noch dunkel an Fotos, die er an die Familie geschickt hat, wo er in Cannes lässig an einem Luxus-Auto lehnt, eine Palme im Hintergrund und man denkt, es wäre sein Auto. Heute lebt er in Genf, in der schönen Schweiz.

P.S. den schwedischen Pass hat er nach seiner glücklichen Ankunft wieder zurück ins Hotel geschickt, damit der Schwede, dem er seine Ausreise verdankt, keine Probleme bekommt.

2 Antworten auf „01. November 2018

  1. Jens Fredrich
    Was für eine Geschichte. Hoffentlich hat der Kollege keinen Ärger bekommen!?

    Gaga Nielsen
    ich nehme an, dass Michael auch Zugriff auf die Pässe hatte, die haben es so hingedreht, dass es eine ureigene Idee von Michael war. Seine ganze Familie, ob seine Schwester, seine Mutter, sein Vater Wolfgang oder seine Oma waren immer in Habacht-Stellung, was die Überwachungn anging, da Wolfgang so oft Westkontakt hatte, und beständig mit Manfred Krug gearbeitet hat, der die Biermann-Petition unterzeichnet hatte und auch sonst bei keinem Auftritt ein Blatt vor den Mund nahm – im Rahmen der Möglichkeiten, alles sehr subtil. Alle Telefone meiner Ostberliner Familie wurden überwacht, alle Post gelesen, meine Eltern und meine Tante haben regelmäßig Westpakete mit Schokolade und Kaffee und Strumpfhosen nach Treptow bzw. Pankow (in die damalige Ho-Chi-Minh-Straße, wo meine als harmloser geltende Großtante wohnte) geschickt, die waren immer schon geöffnet und fahrlässig wieder zugeklebt, manchmal hat auch was gefehlt. Die Kommunikation war immer verschlüsselt. Die wahren Pläne und Absichten und Meinungen wurden nur in der freien Natur ausgetauscht, wo man sicher sein konnte, dass keine Wanze versteckt ist.

    Das Ganze ging jedenfalls in einem der beiden damaligen „Interhotels“ Palasthotel und Hotel Metropol, die bevorzugt „Gäste aus den nichtsozialistischen Wirtschaftsgebieten“ beherbergten über die Bühne. https://de.wikipedia.org/wiki/Interhotel Bei dem Begriff „Interhotel“ blitzt bei mir auch Erinnerung auf, vielleicht wurde man als Mitarbeiter auch in beiden Hotels eingesetzt, das gehörte ja irgendwie zusammen.

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