[ Ein privater Dialog, 25. Oktober 2018 ]

Georg
Warum ist Dir die Lust am Fotografieren abhanden gekommen?

Gaga
wegen dem ganzen hochgejazzten Instagram-Gewichse allenthalben, der inflationären Rezeption, dem Gefühl nur noch eine Stecknadel im Heuhaufen zu sein, weil ich auch ganz viel auf unverarbeiteter Halde habe, mich nicht wiederholen will, und auch wegen eines sehr privaten Grundes. Da kommt ganz viel zusammen. Aber schön, dass du fragst…

Georg
wenn eine der besten Fotochronistinnen der Welt ihre Arbeit einstellt, muss man schonmal nachfragen. Du solltest mal eine richtige Ausstellung anpeilen. In der Seven Star Gallery oder etwas in der Kategorie (Kein Bunker oder Gefängnis). Retrospektive. Es würde passen, ich habe eh das Gefühl, das in diesem Jahr eine Ära / Phase zu Ende ging.

Gaga
das ist unbenommen, das werde ich auch, aber dann nicht nur eindimensional Fotografie auch die anderen Bereiche, die ich bislang versteckt habe. Zwischen April 2018 und August 2018 sind ca. 50 Bilder/Objekte entstanden, spielerisch, auch weil ich inneren Tapetenwechsel brauchte, aus explantierten analogen Kameras, mit denen ich besondere Aufnahmen, Lebensphasen verbinde, ich habe die hochwertigsten Teile jeder Kamera verarbeitet, das Ergebnis ist wie aus einer fernen, glamourösen, außerirdischen Kultur. Kleinere Teile, dann wurden sie immer größer und sprengten den Rahmen und die Wände meiner Wohnung, ich arbeitete zunächst auf dem Balkon in der Sonne oder mit einer Schutzplane im Wohnzimmer auf dem Teppich, Untergründe Fundsachen, stabile Kartons etc. andere metallische Fundsachen aus meinem Haushalt verarbeitet, weil ich ungerne Metall im Müll entsorge. Als ich alles verarbeitet hatte und die Wände entschieden zu voll waren und ich sowieso wegen eines Handwerkertermins in mein Atelier in Neukölln musste, das nur noch Lagerfunktion für alte Sachen, Bilder von früher, unbemalte Leinwände und meine Projektionswände und Beamer hatte, alles noch von der Ausstellung im letzten Jahr einfach so abgelegt nach dem Rücktransport, Kraut und Rüben, da fiel mir vor Ort auf, dass es gut tun würde mal richtig dort aufzuräumen und es auf Vordermann zu bringen. So habe ich dort in den letzten zwei Monaten renoviert, es richtig, richtig schön gemacht, ein Schmuckstück. Zuerst malern, dann malen. Mir fiel bei einem der letzten Bilder, das ich in der Wohnung fabrizierte auch auf, dass es ein unnötiger Dilettantismus ist, mit Fundsachen wie Kartons, die eh nicht ganz plan sind bzw. nicht bleiben nach der Bearbeitung, zu arbeiten, wenn ich unbearbeitete Leinwände habe und ein Atelier. Was für ein Luxus. Das dämmerte mir so richtig. Ich wollte jahrelang keine materialisierten Bilder mehr in einem mich erschlagenden Ausmaß machen… was hinterlässt man, wem… und dann begriff ich, dass man sowieso IMMER Materie hinterlässt, und wenn ich in meiner Verkörperung einen massiven Drang habe, Materie zu formen, warum soll ich es mir verbieten, verkneifen….? Das ist doch Quatsch!

Georg
Ja sicher!

Gaga
Mir ist auch inzwischen klar, dass es nur noch eine mich befriedigende Würdigung meiner fotografischen Aktivitäten geben kann, und das ist in einem veritablen Ausstellungs-/Kunst-Kontext. Kein digitaler Selbstbedienungsladen mehr, keine Freundschaftsdienste mehr in Form von opulenten Dokumentationen von Auftritten von befreundeten Musikern und Musikerinnen. Als du um 2010 oder war es 2011 dein zweites poetryclub-Album gemacht hast, mit einem Cover, das mir ehrlich gesagt nicht nur in den Augen weh getan hat, war das auch ein gewisser Einbruch für mein Ego. Ich dachte an die etwa zweitausend Bilder, die ich von dir gemacht hatte, mit so viel Herzblut, und nichts davon fand je eine nachhaltige Materalisierung. Das war so schade. Das wäre ein schönes Booklet geworden. Aber das ist Vergangenheit. Ich habe gerade eine ähnliche Frustration erfahren und auch deswegen die Schnauze voll.

Georg
Daumen hoch

Gaga
das ist ja ein sehr knapper Kommentar auf meine Offenbarung! Ihr Männer seid einfach faule Säcke – immer der Weg des geringsten Widerstands! ;-)

[ edit – Fortsetzung ]

Georg
Nein. Nur weil ich auf Arbeit im Auto bin. Und auch ungern ins Telefon tippe. Kommentar kommt später…

Gaga
das klingt durchaus glaubwürdig, habe mir übrigens erlaubt, diesen Dialog in meinem neuesten Eintrag im Logbuch von meinem Raumschiff zu verarbeiten, da die Offenbarungen ja nur auf meiner Seite liegen.

Georg
Daumen hoch

[ Fortsetzung folgt eventuell, abhängig von der Offenbarungs-Toleranz von beiden Seiten ]

Georg
Daumen hoch

[ edit – Fortsetzung ]

Georg
Ich denke viel über dein Geschriebenes nach, schaffe es aber heute nicht mehr, mit einer längeren Antwort. Musik geht vor quasi … muss mir noch because the night von Patti Smith anschauen…

Gaga
denk nur nach, das wird dein Schaden nicht sein! Kein Stress, guten Abend dir, ich bin später wieder in meinem Atelier.

Georg
aah das mit dem Atelier klingt so gut… toll!

Gaga
da sind jetzt ja auch die Gaga Nielsen-Regiestühle…. und zwei Fotografien, die dich zeigen, haben einen Ehrenplatz, aber weniger aus Sentimentalität, sondern weil sie einfach so gut sind ;-)

Georg
Also ich denke halt oft auch über die Fehler nach, bzw. die Umstände, warum gewisse Dinge sich wie entwickelt haben und so geschehen sind. Oftmals nicht optimal. Nein, sogar richtig scheisse. Mit Schmerzen. Und ob das noch immer als ein Teil eines grösseren Ganzen gelten darf, welches dann irgendwann doch noch zum Ausdruck kommt, und dann alles was zuvor war, liebevoll und schlüssig integrieren kann. Sehr gerne würde ich schauen, was sich in den nächsten Jahren noch entwickeln kann. Die Zeit läuft, also mit lang drüber nachdenken ist es eigentlich auch vorbei. Schlingensiefs machen machen machen! kommt mir da wieder in den Sinn. Das Feld in unserer Generation lichtet sich ja auch immer mehr. Vielleicht kommt es jetzt (szenemäßig) in Berlin auch wieder zu neuen Fusionen! Ich hab auch einen Plan, ein Ziel, dass ich hier jetzt lieber noch nicht ausbreiten möchte, das erzähle ich Dir dann lieber erstmal privat. Aber ja, alles was Du schreibst gibt mir zu denken, und inspiriert. Und das war schon immer die Essenz unserer Verbindung. …sollte man was draus machen solange es noch geht ;-) <3

Falls du das abdruckst, mach bitte noch ein paar Korrekturen an den Drehern usw. – danke und gute Nacht 

P.S. Inspiration als Essenz der Verbindung ist gemeint. Nicht das Denken. Viel denken mussten wir in unserem Flow ja gar nicht. Das war eher das pure Sein und Schöpfen…ohne Denken…da hat ja eher das Universum für uns gedacht. hehe

Gaga
ja, so war das – gute Nacht, Georg

Georg
Manchmal versagt ein Universum halt auch. ;-)
Gute Nacht

Gaga
ich hab die zweite Platte übrigens nie gehört, nur gesehen

Georg
ich hab sie seitdem auch nicht mehr gehört. die erste aber auch nicht. Mir bumms. Hab noch ein drittes Album vorbereitet, mache ich nächstes Jahr fertig und dann wars das mit Rückert. Nach dem zweiten Album war ich durch, Lust kaputt. Zu viele schlechte Gigs, blödes Album, Sackgasse. Da war dann bei mir das Feuer auch gelöscht.

Gaga
alles sehr weit weg, auch für mich, aber dennoch sind auf meiner Lieblingsplaylist ca. 3, 4 Songs… mein Live-Mitschnitt von Widerspruch aus der Brotfabrik, die Audiospur meines Videos, Dschellaladin, Schwesterbraut und evt. noch eins, das mir gerade entfallen ist.

2 Antworten auf „25. Oktober 2018

  1. [ Kommentarstrang von Facebook ]

    Jan Sobottka …
    und der ist lang genug !

    Gaga Nielsen
    und immer für einen Kalauer gut!

    Jan Sobottka
    schade, kam nicht an deine Stuhlreihen ran…
    Gruß Jan

    Gaga Nielsen
    (meinst du gestern beim Fotografieren? Ich hab nur mitgekriegt, dass du Lydia zu dir gewunken hast, als sie zurückkam, sagte sie, dass du ein paar Fotos von ihr machen wolltest bzw. gemacht hast.)

    Jan Sobottka
    Ich bin nicht faul. (ps. Warum verallgemeinerst du so schrecklich?)

    Gaga Nielsen
    kommunikationsfaul! Manchmal braucht es eine Überspitzung, um eine Reaktion zu provozieren, hervorzukitzeln, in Gang zu bringen! Mittel zum Zweck! Was Bilder anfertigen und bearbeiten angeht, bist du zweifellos sehr fleißig.

    Jan Sobottka
    http://www.mencare.swiss/de/news/2016-06-03-maenner-sind-fauler-als-frauen?fbclid=IwAR38w1J1pnmj0EE17e8-LtMFTWBMOB83k_LixCgKRw3AompAJRxC4Vq4nfY

    Gaga Nielsen
    BIG NEWS!

    Gaga Nielsen
    Im Übrigen belegt diese statistische Erhebung, auf die sich der Artikel bezieht, in keinster Weise, ob in der angegebenen „Arbeitszeit“ auch wirklich etwas zustande gebracht wird, oder ob es sich nicht vielmehr um eine Bemessung der dokumentierten Anwesenheitszeit am Arbeitsplatz handelt. Ein feiner Unterschied. Und die Herren werden einen Teufel tun, das transparent zu machen. Überstunden gelten ja vielerorts als Statussymbol für Alphatiere und Führungsfunktionen, geradezu ein must have. Der Chef bleibt bis zuletzt, ansonsten auf Geschäftsreise, geschäftliche Termine. Kann natürlich auch sein, dass im Büro private Internet-Geschäfte abgewickelt werden.

    Jan Sobottka
    aber du steigst auch voll drauf ein ….
    Gruß Jan

    Gaga Nielsen
    ich setzte mich kritisch damit auseinander, das ist etwas anderes als „voll drauf einsteigen“. Ich klicke auf Links und lese. Dafür sind sie doch da, oder?

    Kaltmamsell
    Ich bilde mir ein, dich zu verstehen.

    Erst vergangene Woche hub ich an, jemandem von deiner Fotografie zu erzählen. Nämlich mal wieder deine schöne Antwort auf die Frage vor (mindestens) zehn Jahren, warum du vor allem dich selbst fotografiertest: Weil du besonders lange Arme hättest, eine besonders ruhige Hand, und du nun mal das Model seist, das du immer zur Verfügung hast.

    Doch ich kam nicht übers Luftholen hinaus: Inzwischen versteht man nicht mal, wie man überhaupt jemanden nach vorwiegend Selbstfotografie fragen kann. Die herrscht seit Handy vor und hat mit „Selfie“ (schreckliches Wort) sogar eine eigene Bezeichnung.

    Und doch vermisse ich deine Bilder.

    Gaga Nielsen
    Danke …
    übrigens fällt mir gerade auf, dass du erinnernderweise etwas abgespeichert hast, was sich etwas anders verhält. Als ich um 2004/2005 begann, digital zu fotografieren, fingen die Experimente mit den Selbstportraits (dank schwenkbarem Display) an und ich zeigte die auch immer wieder in meinem Blog, aber sie waren jeweils eingebunden in ebenso umfangreiche Bildstrecken, die andere Motive zeigten, ich hatte nur immer diese Foto-Roman-hafte Herangehensweise: Gaga Nielsen zieht sich was an, guckt noch mal in den Spiegel und macht dann einen Ausflug nach irgendwohin, sei es eine Lesung, ein Museum oder ein Konzert. Am Ende landete ich wieder daheim, von Dazwischen und dem Heimkommen gab es auch noch mal die einer oder andere Dokumentation meines Zustandes. Das machte etwa 5 – 10 Prozent des gesamten Bildmaterials aus, aber es war damals derart unüblich, ungewöhnlich, sich selbst abzulichten, dass sich das bei dir so festgesetzt haben muss, das war geradezu ein Alleinstellungsmerkmal meiner Herangehensweise. Damals gab es ja noch kein smartphone, das die Selbstkontrolle auf das entstehende Bild ermöglicht hätte, bis auf die wenigen, die die Vorzüge des schwenkbaren Displays ausgelotet hatten, und von den meisten hatte da keiner Ambitionen, sich selbst zu präsentieren. So war das nämlich!

    Kaltmamsell
    Ganz sicher war das so: Alleinstellung, dass du dich überhaupt ohne Spiegel selbst fotografieren konntest.

    Georg
    Gaga, ein Aspekt der Deiner Arbeit besondere Bedeutung verleiht, denn es dürfte kaum jemanden geben, der das Massenphänomen SELFIE in dieser Weise vorweggenommen hat. Langsam sollten mal die Kunsthistoriker auf Dich aufmerksam werden ;) .

    Gaga Nielsen
    Georg, das klingt zwar ein bißchen hochtrabend, aber tatsächlich ist es offenbar zutreffend. Nur überlasse ich es lieber anderen, mich für die Rock’n’Roll Hall of Internet-Fame vorzuschlagen. Was mich ja auch von diesen sogenannten Influencern unterscheidet ist, dass ich mich und mein Zeug nicht wie Sauerbier anbiete.

    Georg
    Ja, deswegen hatte ich den Zwinker Smiley dazu getan. Aber es ist ja mein blanker Ernst :-).

    Gaga Nielsen
    ich bin durchaus immer noch beeindruckt, wenn DU so etwas äußerst, denn ich habe ja noch im Hinterkopf – was die drei anderen, die das jetzt vielleicht auch lesen – nicht unbedingt wissen, dass du das Portal Kunstmarkt.com unter deinen Fittichen hattest.

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