„Pille fürs Vergessen“. Interessant. Vierzehn Jahre alt der Artikel zur medikamentösen Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen. Was wohl aus der Entwicklung des Medikaments geworden Ist? Ich war noch nie in psychotherapeutischer Behandlung, vielleicht sollte ich das ändern. Wobei ich mich erstaunlich gut halte, angesichts dessen, was mir widerfahren ist, widerfährt. Belastend empfinde ich, niederdrückende Erlebnisse unter den Teppich zu kehren, um keine gut gemeinten Ratschläge und unerwünschten Bewertungen und Zensuren zu erhalten.

Und selbst wenn ein offenes Ohr und Herz da ist, ohne Stirnrunzeln und anmaßende Handlungsvorschläge, mag ich es nicht, das Ganze mit noch mehr Wucht und Präsenz zu füttern. Im Grunde mag ich beides nicht, es herunterzuschlucken, als wäre nichts gewesen, aber auch nicht, es in die Welt zu tragen, zur öffentlichen Begutachtung. Am besten wäre Ausradieren. Man müsste eine Pille entwickeln, die man exakt chronologisch auf den Punkt einsetzen kann. Also zum Beispiel: bitte Erinnerungen an den 30. Februar 1928 komplett löschen. Ich würde da durchaus die eine oder andere Pille schlucken.

7 Antworten auf „07. November 2018

  1. zuckerwattewolkenmond – 7. Nov, 16:17
    Es muß ja nicht unbedingt eine Psychotherapie sein. Es gibt auch andere Therapiearten, wo nicht alles so extrem aufgerollt wird, zum Beispiel die Verhaltenstherapie, in der dir einfach Werkzeuge an die Hand gegeben werden, mit bestimmten Situationen, Gedanken und Mustern selbst besser umzugehen. Ich hatte an sich keine einzige Therapie, aber alleine die Gespräche mit der Psychoonkologin haben mir genau auf diese Weise sehr geholfen, weil ich eben für mich funktionierende Werkzeuge und Methoden gezeigt bekommen habe. Damit therapiere ich mich jetzt im Prinzip selbst, was erstaunlich gut funktioniert, wenn man erstmal weiß, worauf es ankommt und wie man sich selbst ein Halt sein kann. Bei Bedarf kan ich natürlich auch das Gespräch suchen, aber das brauche ich gar nicht. Das ist dann eigentlich nur für das Rekapitulieren und den anderen Blick, den jemand nochmal drauf wirft. Wichtig ist aber in der Tat, daß man jemanden findet, der nicht urteilt und bei dem man sich verstanden fühlt. Leider ist das nicht bei allen Psychologen oder Coaches der Fall. Die haben meist auch ihre Päckchen, die sie tragen, und nicht alle sind schon so reflektiert und bewußt, daß sie nicht an irgendeinem Punkt seltsam drauf sind, aber die Grundverbundenheit und -offenheit muß irgendwie da sein, dann kann sowas manchmal heilsam sein, wenn man weiß, daß man sozusagen auch Konflikte auf heilsame Art mit jemandem austragen kann.

    g a g a – 7. Nov, 21:00
    ich habe gute Freundinnen, die auch nicht werten und deuten und raten, aber ich habe ein grundlegendes Problem damit, etwas mit Energie aufzuladen, was ich eigentlich reduzieren möchte (deswegen rede ich auch nicht über die Afd haha). Für mich ist die ideale Therapie innerer Tapetenwechsel, durchaus auch äußerer, gute Erlebnisse, die zumindest für ein paar Stunden bewusst machen, dass es noch andere gute Dinge gibt, die weiter bestehen. Ich hätte schon gar keine Lust, ständig Termine zu haben, wo ich wohin gehe, um zu reden. Man macht etwas immer stärker, wenn man es laut ausspricht. Ich will nur das Gute stärker machen. Ich transformiere sehr viel, wenn ich etwas erschaffe, mit meinen Augen und Händen, weil dann die Zeit anders vergeht, sie wird beinah aufgehoben, ich könnte mitunter nicht sagen, welchen Monat wir haben, welches Jahr, welche Jahreszeit. Und wenn genug Zeit vergangen ist, und einem andere gute Dinge widerfahren, wird man auch wieder heil. Danke für deine Empathie. Ich war übrigens noch nie depressiv, ich würde das auch nicht so bezeichnen. Meine Tiefpunkte haben immer einen sehr konkreten, greifbaren Anlass. Eine Ursache, die auch jeder nachvollziehen könnte, wenn ich es darlegen würde. Nichts Diffuses. Man könnte locker ein Bild davon malen oder einen Film darüber drehen. Das wäre hochspannend für andere, aber nicht für mich. Wenn ich locker davon erzählen kann, liegt etwas so weit zurück, als gehörte es zu einem anderen Leben. Und dann interessiert es mich auch nicht mehr so sehr.

  2. zuckerwattewolkenmond – 7. Nov, 22:46
    Das kann ich alles absolut nachvollziehen und sich auf Gute Dinge zu konzentrieren, ist durchaus auch wichtig, um sich selbst zu stärken. Deshalb würde ein guter Therapeut auch niemals verlangen, daß man sich mit irgendetwas Schmerzvollem auseinandersetzt, wenn man selbst noch nicht bereit dazu ist. Er ebnet und begleitet sozusagen nur den Weg.

    Aber in einer Sache kann ich dir überhaupt nicht zustimmen, weil ich das völlig anders erfahren habe:
    „Man macht etwas immer stärker, wenn man es laut ausspricht.“

    Im Gegenteil, ich glaube, bzw. weiß aus meiner Erfahrung, daß genau die Dinge, die man eben nicht ausspricht, vielleicht nicht einmal denken möchte, genau die sind, die das Leben am stärksten beeinflussen und die größte Macht über einen haben. Es ist einfach so, daß je mehr man etwas abwehrt, um so stärker haftet es an einem fest und zieht immer wieder ähnliches an. Es klingt paradox, aber wenn man etwas loswerden will, muß man es zuerst annehmen. Genauso habe ich das selbst erlebt. und wenn man etwas auspricht, sogar vor anderen, kann das manchmal bei einem Trauma sogar einer Katharsis gleichen. Plötzlich verliert es seine große Macht, wird immer kleiner und lastet nicht mehr so schwer, sondern reiht sich einfach in die Vielfalt menschlicher Schicksale ein.

    g a g a – 7. Nov, 23:03
    ich habe mich dazu verleiten lassen, darüber zu sprechen. Es kommt natürlich auch darauf an, mit wem. Ich hatte unterschiedliche Gefühle dabei. Dass jemand außer mir einen Großteil der Geschichte kennt, tut mir in einem Fall auch ganz gut, aber das liegt daran, dass es eine Parallele in der Geschichte dieser Freundin gibt, ich ihr eigentlich nur etwas vermittle, das sie selbst ähnlich kennt, das stärkt in diesem Fall unsere ohnehin sehr starke innere Verbindung. In einem anderen Fall tat es mir danach fast leid, dass ich mich dazu verleiten ließ, weil ich dabei in das niederdrückende Gefühl sank, zu sehr. Und in einem dritten Fall war es nur eine logische Konsequenz, eine Fortsetzung einer ohnehin kommunizierten Offenbarung, die ich vor längerer Zeit in aller Arglosigkeit machte. Ich kenne also durchaus die Wirkung des darüber Sprechens. Das Gute daran und den Schatten. Es ist nicht so einfach. Ich trage solche Geschichten für immer und lange in mir, und der Schmerz verliert sich erst dann ultimativ, wenn eine stärkere schöne Erfahrung die traumatische Erinnerung überlagert und dadurch ausmerzt.

  3. Jan Sobottka
    für dich
    https://www.dctp.tv/filme/ich-bin-aus-rohheit-romantisch-news-stories-09-01-2000

    Gaga Nielsen
    Danke, Jan.
    „Rohheit, das bedeutet Unverlogenheit, Authentizität, dadurch wird man zum Romantiker.“ Der Link ist bestimmt auch für Alban

    Alban Nikolai Herbst
    Grandioser Titel!

    Jan Sobottka
    Ich bin noch beim Anhören… ein sehr schönes Interview, zumal wenn man einige der Teilnehmer kennt…

    Gaga Nielsen
    absolut, Wondratschek ist immer inspirierend, habe noch nie ein langweiliges Gespräch mit ihm erlebt. Sehr schön war auch jene Folge mit Wondratschek von André Hellers Interview-Serie „Menschenkinder“ im ORF, die bei Heller im Wohnzimmer gedreht wurde. https://tv.orf.at/orf3/stories/2743974 Gar nicht so lange her, 2015 – war aber nur begrenzt in der Mediathek. Ich schaue noch mal danach.

    edit: leider nicht mehr verfügbar, auch nicht auf youtube oder dergl.

    Alban Nikolai Herbst
    Ich kann’s Euch geben, hab ich bei mir. Wenn Ihr mögt, schiebe ich es morgen in meine Cloud und schicke Euch den Link.

    Alban Nikolai Herbst
    Aber das dann bitte nicht über FB.

    Gaga Nielsen
    Danke Alban, ich hab es ja schon gesehen, sogar mehrfach, damals als es noch online war. Aber für Jan wäre es schön.

    P.S. man kann auf fb ohnehin nicht ohne weiteres Videos hochladen, für deren Inhalte man keine Verwertungsrechte innehat. Ich uploade hier sowieso so gut wie nichts.

  4. g a g a – 7. Nov, 23:23
    Gaga Nielsen
    schön auch in dem Gespräch mit Kluge, wie Wondratschek seine Beobachtung erzählt, dass es sich an den Gesichtern der Liebenden, die sich im Hotel Orient einfinden, nicht ablesen lässt, dass sie sich begehren…. und wenig später übereinander herfallen werden….

  5. zuckerwattewolkenmond – 7. Nov, 23:17
    Es kann auch nach hinten los gehen, mit Menschen darüber zu sprechen, die ein ähnliches Trauma mit sich herumtragen und ihres selbst noch nicht ganz bewältigt und verarbeitet haben. Die entsprechenden Reaktionen können das eigene Gefühl der Ohnmacht noch verstärken. Es ist wirklich wichtig, bei jemanden tatsächlich einfach schwach sein zu dürfen und einen bedingungslosen Trost zu erhalten, zumindest so lange, bis man ihn sich selbst geben kann, aber nach meiner Erfahrung kann es in solch einer Situation dazu kommen, daß diese Schwäche irgendwie vom andern abgelehnt wird und subtil ein Schuldgefühl verstärkt wird. Das kann allerdings auch bei Therapeuten passieren, die halt selbst noch nicht ganz mit sich im reinen sind.

    g a g a – 7. Nov, 23:23
    ich habe an sich schon ein gutes Gespür dafür, was wo gut aufgehoben ist. Diese Freundin ist überaus reflektiert, gerade deshalb ist sie eine Ausnahme. Und sie steht etwas abseits von persönlichen Verflechtungen, was auch eine nicht zu geringe Rolle spielt. Nicht von ungefähr sagt man, dass es leichter ist, einem Wildfremden auf einer Parkbank von Abgründen zu erzählen. Sobald persönliche Verbindungen zu den Protagonisten vorhanden sind, gibt es Vorbehalte und Gefühle, die nicht selten zu einem davon befangenen Urteil führen.

  6. Madame Nielsens Abend im Literaturhaus hatte mich zunächst auch interessiert, aber ich hatte noch zwei weitere Einladungen und gehe voraussichtlich zu einer Lesung von Eric Wrede, dem Berliner Bestatter.

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