Aus gegebenem Anlass noch mal an alle:
MAN KANN AUCH VON EINEM ONE NIGHT STAND SCHWANGER WERDEN!
Aus gegebenem Anlass noch mal an alle:
MAN KANN AUCH VON EINEM ONE NIGHT STAND SCHWANGER WERDEN!
Gestern ging mir durch den Kopf, dass es gar nicht so viele Bilder gibt, die ich gerne um mich hätte, also bei mir in meinen vier Wänden haben wollte, besitzen. Viele grandiose Werke gibt es in der Welt, aber ich sehne mich nicht danach, sie mein eigen zu nennen. Es gibt aber doch ein paar wenige Werke, die mich stärker berühren, denen ich mich besonders verbunden fühle. Müsste ich mich für ein Bild entscheiden, und wäre ich sehr reich (wie Oprah Winfrey z. B., die einige weltberühmte Gemälde ersteigert hat), und wäre das Bild zu haben, dann würde ich sehr gerne Danaë von Klimt dauerhaft in meiner Nähe haben. Es beseelt mich, ich fühle mich geradezu seelenverwandt mit dem Gemälde.
Nun würde mich sehr interessieren, welches Bild der Kunstgeschichte meine Leserinnen und Leser gerne besitzen würden, wenn Geld keine Rolle spielen würde. Habt Ihr ein absolutes Lieblingsgemälde unter den vielen Meisterwerken der Welt und welches ist das? Ich würde mich freuen, wenn ihr es in einem Kommentar schreibt und verlinkt, damit ich es sehen kann. Das interessiert mich über die Maßen! Vielleicht poste ich auch noch ein, zwei andere Bilder, wenn ich sie online finde, die ich auch sehr gerne mag. Eines ist von André Lhote, eine Landschaft, sehr expressiv in den Farben, das ich aber noch nicht online entdecken konnte. Und von Nicolas de Staël gibt es auch ein, zwei Bilder, die ich über die Maßen liebe. Ich bin gespannt auf Euer Lieblingsbild!

Eine Aufnahme vom 30. April 2009. Damals hatten wir Schweinepest und ich habe noch fotografiert. Allerdings muss man zugeben, dass damals fast nur in Asien Mundschutz getragen wurde, Cosmic hat das damals eher als kesse Provokation angezogen und ließ sich immer gerne von mir fotografieren. Hier anlässlich einer Ausstellungseröffnung vor dem Gropiusbau. Damals wurden in öffentlichen Gebäuden und auf Firmentoiletten Desinfektionsmittelspender installiert, die heute noch benutzt werden. Ich hatte ein Interview als Bloggerin bei Radio Fritz in Babelsberg und wir sprachen dort auch kurz über Schutzvorkehrungen gegen Schweinegrippe. Z. B. ob es gefährlich sein könnte, zu nah ans Mikro zu gehen, wenn da vorher einer reingesprochen hat. Ist hier in dem alten Video zu sehen. Cosmic hatte mich begleitet und die beiden Kameras bedient.
Da haben wir noch schön herumgewitzelt, ich insbesondere. Das spare ich mir jetzt. Es ist nicht lustig, wenn es einen wirklich erwischt, der ein geschwächtes Immunsystem hat.
Vor vielen Jahren, mittlerweile bestimmt zwölf, hätte ich zu der Risikogruppe mit Vorerkrankung gehört, da ich früher (jahrzehntelang) Asthma und eine daraus resultierende attestierte Lungenschwäche hatte. Ich habe mich in den letzten zehn Jahren vollständig regeneriert und im letzten September hat die Charité gemessen, dass mein Lungenvolumen beim Luftholen 120 Prozent beträgt. Das ist zwanzig Prozent über dem, was man braucht, um atemtechnisch, die Lungenfunktion betreffend, als gesund definiert zu werden. Ich bin sehr bewusst froh, dass ich nicht zu dieser gefährdeten Gruppe gehöre.
Ich habe es privat schon oft erzählt, weil viele nachfragen, wie es sein kann, dass jemand jahrzehntelang Asthma und Allergien hat und dann vollständig geheilt wird, ohne irgendein Medikament zu nehmen. Ich habe vor vielen Jahren Ausschlussdiät gemacht (man lässt über einen längeren Zeitraum bestimmte Nahrungsmittel weg, mal das eine, mal das andere, und schaut, ob sich das Befinden ändert). Dabei zeigte sich, das eine komplette Ernährung ohne Getreide mein Immunsystem so stark macht, dass ich die Pollen in der Blütesaison selbst abwehren kann. Ich habe also nur etwas in der Nahrung weggelassen, seitdem kein Asthma mehr, kein Heuschnupfen, keine Neurodermitis, ganz selten erkältet. Alles weg. Lunge total erholt.
Und ich rauche nicht, nur gelegentlich beim Ausgehen, aber das mache ich auch ohne Coronavirus nicht häufig. Es sah für einige vielleicht anders aus, weil ich früher immer fleißig dokumentiert habe, wenn ich mal im Nachtleben oder bei Konzerten war, das ist aber durchschnittlich nur ungefähr zweimal im Monat der Fall gewesen. Ich arbeite in jeder freien Minute an meinem Werk, was ich aber nicht als Arbeit empfinde, sondern als reine Erholung. Psychedelische Trips ohne LSD, auch Therapie bei seelischen Einbrüchen.
Nur gestern war ich etwas angespannt, weil ich dauernd an Till Lindemann denken musste beim Malen. Da wusste ich nur, dass er auf der Intensivstation liegt und beatmet wird, wegen einer Lungenentzündung. Und es hieß in der Presse gleich, er hätte sich Corona eingefangen. Nun ist er aber zum Glück negativ, wusste ich gestern tagsüber aber noch nicht (hab kein Internet und kein TV in meiner Werkstatt). Auch so ist Lungenentzündung kein Spaß. Ich glaube, er raucht noch. Als ich dann an meinem Greifvogel arbeitete, malte ich mir aus, was für ein Aufruhr in der Welt wäre, wenn er es nicht überlebt. Und musste an Maria denken, und dass sie dann voraussichtlich auch mit der Versorgung zu tun hätte und stellte mir die Belastung für die Mitarbeiter von Lebensnah vor, wenn sie mit dem toten Till konfrontiert wären. Der arme Eric Wrede (er ist den Rammsteinjungs besonders durch seinen früheren Beruf im Musikgeschäft verbunden). Da fühlt sich das noch näher an, wenn eine enge Freundin als Bestatterin arbeitet. So ein Zeug ging mir durch den Kopf! Nachts las ich dann noch den letzten Stand, dass er nicht mehr auf der Intensivstation ist und der Test negativ ist. Uff. Ich habe wirklich zwölf Stunden für ihn innerlich gebetet. So ein einmaliger Künstler in der Welt. Meine Nerven.
Ich fahre jetzt wieder zu meinem Adler, er ist eigentlich schon fertig. Das Bild heißt „SCHWARZ PINK GOLD – neues Deutschland – …auferstanden aus Corona“. Ich wünsche mir ein neues Deutschland. Und es wird kommen. Mit ganz viel Pink und einem sanften, starken Adler mit viel Gefühl und einem goldenen Herzen. Ich werde Angie ein Bild von dem Bild schicken, vielleicht will sie es im Kanzleramt aufhängen, das wäre schön.
Passt auch gut zur Zeit, dieses Lied von Mono & Nikitaman. „Zeit steht still“ heißt es. Ich habe es nach der Fukushima-Katastrophe live von dem mir bis dahin unbekannten Duo auf der Bühne am Brandenburger Tor der großen ABSCHALTEN-Demo gehört. Als ich es vor ein paar Tagen beim Pinseln im Atelier by random hörte, dachte ich, dass es doch für ein neues Lebensgefühl jenseits der Katastrophe stehen könnte. Wenn die Menschheit gelernt hat, dass Aktionismus, Leistungswahn und Hektik nicht die lebenswertesten Errungenschaften der Menschheit sind.
Wer meint, schon alle Hamsterkaufobjekte zu kennen, ich hab da noch was: L E I N W Ä N D E . Im Baumarkt (Hasenheide) bis auf ein nicht so interessantes, sehr schmales Format, komplett leer geräumt, bis auf Weiteres nicht mehr lieferbar. Ich lief dann durch den gesamten Markt, um Alternativen zu sichten. Der erste Gedanke war, eine der fertig bedruckten Leinwände zu kaufen, mit einem eher hellen Motiv, damit man nicht so stark übergrundieren muss. Aber die sind preislich doch vergleichsweise drüber. Dann war ich im Bereich der Bauplatten, da gibt es passable Formate zum kleinen Preis, aber sehr gewichtig. Auch Rückwandplatten für Schränke in Betracht gezogen, auch schöne Formate, aber auch sperrig. Ich habe stattdessen zwei dicke Styroporplatten gekauft, Einzelpreis 1,49 €, Format je 50 x 1 Meter und zu einem Quadrat zusammengeleimt. Mit großformatigem Papierbogen bezogen, hatte keinen Stoff parat. Papier ist natürlich nicht ideal, aber Not macht erfinderisch.
Bin sehr dankbar, dass man in Berlin noch in den Baumarkt darf, an der Tür sind Aufpasser, die die Besucherzahl beschränken. Ich halte mich superstreng an alle Vorsichtsmaßnahmen. Ich gehe nicht spazieren! Immer schnell von A nach B, mit viel Abstand. Der Schornsteinfegertermin war übrigens nicht abzuwenden, da die Gesetzesgrundlage vorschreibt, dass man die Abgasmessung nur mit Nachweis, dass man zur Risikiogruppe gehört, später terminieren darf. Ich treffe nur die Kassierer von Rewe und dm, und eben gestern vom Baumarkt. Ich wasche mir sogar jedesmal das Gesicht, nicht nur die Hände, wenn ich von draußen komme. Toi, toi, toi.
Dass (m)ein isolierter Lifestyle für das Empfinden anderer eine Katastrophe und Zumutung ist, gibt mir schon auch zu denken. Noch dazu, wenn es einen Lebenspartner gibt, auf den sie gar nicht verzichten müssen. Also bin ich nach deren Ermessen vielleicht ein armes Hascherl. Andererseits aber eben auch sehr abgehärtet. Ich bin Weltmeisterin im Einsiedeln. Daran zu merken, dass ich nicht sehnsuchtsvoll an das Herumtanzen im Hobby zurückdenke. Ich mochte Abstand schon immer. Die Welt darf gerne zur Ruhe kommen und sich auskurieren. Ich stehe dabei nicht im Wege.

Ja. Ich auch. Küssen beschäftigt mich gerade eher nicht, obwohl es immer wieder in dem (nicht exorbitant empfehlenswerten) Buch erwähnt wird, das ich gerade in der U-Bahn und in meiner Werkstatt lese, wenn ich gerade nicht herumwerkle. Die Karte hat mich trotzdem sehr gefreut, weil man ja immer die goldene Zukunft im Blick haben sollte. Sie wartet auf einen, manchmal ist man vielleicht nur etwas langsam.

Ich musste jetzt meine Anschrift etwas zensieren, da ich vorgestern Opfer eines Diebstahls in der U 8 geworden bin. So um 2006 bin ich schon einmal in der U 8 beklaut worden. Ich hatte die Hand nicht auf meiner Tasche, in der meine sehr geliebte Olympus-Kamera war, saß mit kindlicher Arglosigkeit einfach so in der U-Bahn und las wahrscheinlich. Seither war ich sehr bedacht, meine Siebensachen im Auge und Griff zu haben. Aber nun habe ich auch ein Corona-induziertes Erlebnis zu berichten.
Seit Montag fährt die U-Bahn nur noch im 10-Minuten-Takt, was dazu führt, dass die U-Bahn doppelt so voll ist und es nicht mehr so einfach ist, auf den gewünschten Abstand zu gehen. Ich quetschte mich in eine Ecke an einer Ausgangstür, Blick Richtung Scheibe, wo einen keiner anatmet. Und da ist meine Umhängetasche wohl nach hinten gerutscht und die kleine aufgenähte Tasche an der Tasche im Zugriff für gemeine Diebe. Ich hatte einen Termin mit dem Schornsteinfeger, als ich die Haustür aufschließen wollte, fand ich keinen Schlüssel mehr in der kleinen Tasche, der von meiner Wohnung war auch weg. Und auch der USB-Stick auf dem nur zwei Lieder waren (und ein gaga-Aufkleber blöderweise). Das kann nicht rausgefallen sein. Zum Glück hatte ich in Charlottenburg einen Ersatzschlüssel für die Wohnung deponiert, mit S- und U-Bahn also Richtung Zoo, wieder heim nach Mitte, Ersatzschlüsselbund fürs Atelier, setzte hastig diverse Seiten offline, da ich in meiner Arglosigkeit meine komplette Adresse auf geposteten Postkarten gelassen hatte. Aber damit ist jetzt Schluss. Wieder ins Atelier, Schornsteinfeger bedauerte mich und machte seine Messung, ich bot ihm Einweghandschuhe an, die ich eh immer da habe, wenn ich viel mit Klebstoff oder dergleichen hantiere, brauchte er nicht, er hatte eigene Arbeitshandschuhe an.
Ansonsten mache ich das meiste genauso wie immer, da ich ohnehin sehr zurückgezogen lebe. Und zwar so sehr, dass es für andere an Grenzen der Unvorstellbarkeit gerät. Ich musste mich also in privater Hinsicht gar nicht umgewöhnen. Ich küsse keine Männer, sondern Leinwände. Die unterliegen keiner Kontaktbeschränkung. Das ist sehr gut, denn ich bin da sehr hemmungslos und ausschweifend.
Etwas erstaunt mich, wenn wohlsituierte Menschen, die weiterhin gut zu essen haben und ein Dach über dem Kopf und ein fortlaufendes Gehalt, anhand ihrer persönlichen, doch noch recht komfortablen Situation von einem Albtraum sprechen. Ich glaube, eine persönliche Katastrophe fängt bei anderen Bedingungen an. Die existentiellen Einbußen von Gastronomen und Künstlern der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie sind ohne Frage problematisch, aber es ist ein vorübergehener Einbruch und Tiefpunkt. Danach wird es einen großen Nachholbedarf geben. In der Durststrecke wird sich Hilfe finden, vielleicht durch die eine oder andere Zuwendung aus der Familie.
Lange habe ich mich nicht mehr mit astrologischen Konstellationen beschäftigt, seit Jahren nicht. Nun aber war ich doch interessiert, wie die Sterne stehen. Seit Januar bahnte sich eine Konjunktion von Saturn und Pluto an, Mitte März akut, wen es interessiert, einfach googeln. Die Vorstellung, dass etwas dran sein könnte, beinhaltet beruhigenderweise auch immer die Absehbarkeit des Endes (Nov.) des unwirtlichen Geschehens. Alles wird besser. Und dann gut.
Happy Birthday, NENA du coole Socke


Ein ganz arg schönes Tier! Elvira, ich danke Dir. Auf der Insel Fuerteventura war ich noch nie. Ziege heißt auf Spanisch „La Cabra“, das Wort steht auch auf der Rückseite der Karte. Wieder was gelernt. Blöderweise war ich schon wieder ein bißchen krank, aber keine Krankheit mit Husten, sondern Bauchweh und schlecht und schwach gefühlt. Vielleicht die Sardinenbüchse neulich und ein Virus, für den in den Nachrichten keine Zeit ist. Am langweiligsten ist keinen Alkohol trinken, also auch gar keine Lust darauf haben. Das gefällt mir nicht. Die Schonkost hängt mir zum Hals heraus. Obwohl ich sie mir so zubereitet habe, dass sie schon auch schmeckt. Gerade geht es mir wieder ganz brauchbar. Morgen stehe ich wieder mit dem Wecker auf und mache alles ganz normal. Vielleicht sogar am Abend ein Glas trinken. Nach dem Essen. Auf keinen Fall vorher, das bekommt mir nicht. Am besten vertrag ich es am späten Abend, ein, zwei Stündchen vor dem Schlafen gehen. Gestern und vorgestern und vorvorgestern habe ich nur Wasser, Sanddornsaft und langweiligen Tee getrunken. Nicht einmal Kaffee. Heute Vormittag dann nur eine einzige Tasse, normal trinke ich zwei hintereinander und später auch noch. Also ich finde, jetzt hat der Körper genug Möglichkeiten zur Regeneration erhalten. Bin gespannt, ob die S-Bahn morgen früh leerer als sonst ist. Ist ja doch immer ein arges Gedränge. Ich lasse vielleicht die Kapuze von meiner silbernen Rockstarjacke auch im Abteil auf, falls jemand eine feuchte Aussprache hat oder meint niesen zu müssen, ohne sich ein Taschentuch vor den Rüssel zu halten. Handschuhe könnte man auch anlassen und dann immer die anderen den Türöffner drücken lassen. Mal schauen. Jetzt gehe ich brav schlafen. Wollte mich nur wieder mal melden, auch wegen der schönen Postkarte, die aber schon am Samstag im Briefkasten war. Ich war zu schwach zum Eintrag schreiben.
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVIII.
„S7, morgens gegen Neun, kurz vor Bhf. Zoo, Bahn fährt im Bahnhof ein, man bewegt sich Richtung Tür.
„FAHRSCHEINKONTROLLE. DIE FAHRSCHEINE BITTE!“
ruft der Kontrolleur, die Türen gehen gleich auf, ich muß raus! Aber noch bin ich drin und verkünde ihm:
„Ich steige jetzt aus, wenn Sie meine Karte sehen wollen, müssen Sie mit mir aussteigen!“
Er (in aller Ruhe):
„Ick bin frisch geschieden, ick bin flexibel!“
Dabei mein lebenslanges BVG-Abo im Portemonnaie (im Fach mit dem halbtransparenten Sichtnetz) hingehalten, er durchs Netz gescannt.
Na bitte.
Heute Abend in der U 8 zwischen Hermannstraße und Weinmeisterstraße: drei bis vier Italienerinnen mittleren Alters (35 – 55) steigen zu, eine kollidiert mit meinem am Boden stehenden, an meine Bank angelehnten, gut in braune Pappe verpackten und verschnürten Bild im Format 70 x 70. Sie beugt sich zu dem Objekt, schaut es an, als wäre es ein Lebewesen und spricht voller Mitgefühl zu ihm: „Ooh, mi scusi, mi scusi!“, begleitet von einer liebevollen Streicheleinheit. Mich hat sie dabei gar nicht angeschaut. Ich musste grinsen. Zwei Haltestellen später steigt ein dänisch sprechendes, sportlich und kultiviert wirkendes und groß gewachsenes Pärchen ca. Anfang Sechzig zu, nimmt auf der U-Bahn-Bank mir gegenüber Platz. Ich lese während der ganzen Fahrt („Der Concierge: Vom Glück, für andere da zu sein“ von Jürgen Carl, herzerwärmend). Dabei achte ich darauf, dass das Bild nicht kippelt und einigermaßen sicher an meiner Bank lehnt, halte es mit meinem linken Unterarm, der auf der Oberkante der Kartonverpackung wie auf einer Lehne ruht. Dann blättere ich das Buch schnell mit zwei Händen um, das Bild schwankt und fällt gegen die nebenliegende Sitzbank, kleiner Aufprall. Das dänische Pärchen unterbricht die angeregte Unterhaltung, starrt das gekippte Bild an, beide (vor allem sie): „Ohhh!!!!..!!!“ Als könnte ein erheblicher Schaden entstanden sein, eine Verletzung, man rufe den Notarzt! Ich muss wieder grinsen, lache beinah, und winke beschwichtigend ab (weil ich weiß, wie bombensicher gepolstert und bruchsicher ich es verpackt habe), hole mit der linken Hand die gekippte Bildkante wieder zu mir und freue mich über dieses bemerkenswerte Mitgefühl meinem Päckchen gegenüber, von dem ja keiner genau weiß, was darin ist, nur ich weiß es. Noch nie hat jemand das Bild gesehen. Ich frage mich, ob es womöglich ein Eigenleben und eine Ausstrahlung hat, die sich geheimnisvoll durch den dicken Verpackungskarton arbeitet. Ich bekomme ein bißchen Respekt vor dem Bild. Morgen wird es wieder transportiert, diesmal von Mitte nach Charlottenburg. Ich berichte, sollten sich weitere Kollisionen und Unfälle begeben (sowie Mitgefühl).


Abermals Freude und Irritation am Postkasten! Am Samstag fiel mir eine Karte neben der gewohnten Reklame in die Hände, die schon aufgrund des außerordentlichen Formats für eine weitere Karte aus Künstlerhand sprach. Hatte mir etwa der Herr aus Hannover abermals geschrieben und wollte seinen Namen bekennen, somit Ross und Reiter nennen? Ich schob die Lektüre etwas auf, da ich hungrig aus meiner Werkstatt gekommen war und auch Einkäufe zu verstauen hatte. Auch die Waschmaschine wollte ich noch anschalten. Die Lektüre der Karte wäre dann der letzte Akt meiner samstäglichen Aktivitäten. Die Einkaufstüten auspacken und die Vorräte in den Kühlschrank und so weiter packen kann ich noch ohne Brille. Auch das Waschpulver finde ich ohne Sehhilfe und da ich nur ein Waschprogramm benutze, finde ich es fast blind. Dann war es endlich so weit. Ich setzte die Brille auf und hoffte, dass es keine anstrengende Botschaft sein würde, die mich hier mit einer weiteren Karte ereilt. Kaum erkannte ich das Schriftbild, waren alle Befürchtungen weg. Mit rotem Farbband hatte jemand sehr ordentlich und fehlerfrei eine unverfängliche und kurzweile Mitteilung auf einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Aber lesen Sie bitte selbst:
Vom Überwintern auf den Balearen und Erinnerungen an Jugendjahre in Paris ist die Rede. Auch wird eine Dame erwähnt.

Nun kann es sich um den Kartengruß eines Herrn in Damenbegleitung handeln oder eine mir entfallene Freundin, die gemeinsam mit jener Antonia den kalten Wintermonaten entflohen ist. Des weiteren wird Besuch von Franz wird erwartet. Ich kenne einen Franz, und ich weiß mit Bestimmtheit, dass er bis vor kurzem auf einer kanarischen Insel weilte. Von dort ist es nicht so weit zu den Balearen, also könnte es sich durchaus um den mir bekannten Franz handeln. Aber dass er bereits auf eigene Faust reist, überrascht mich dann doch. Ich meine mich zu erinnern, er hätte gerade seinen achten Geburtstag gefeiert. Somit erneute Grübeleien, von wem die Rede ist. Die Sache mit Paris machte mich nach einer Weile stutzig. Hat nicht mein alter Freund S. immer wieder von seinen Jugendzeiten in Paris geschwärmt? Begann nicht dort seine Liebe zur Kunst und schnellen Automobilen und schönen Frauen? (auf der Karte nebulös als „Natur“ umschrieben) Ich konnte gar nicht schlafen deswegen, daher wollte ich mir durch eine spätnächtliche persönliche Anfrage Gewissheit verschaffen. So schrieb ich am 16. Februar 2020 um 0:34 Uhr:
Anderntags erhielt ich Antwort:
Erleichtert entbot ich folgenden Gruß:
Ich weiß nicht, wer hinter dieser Postkarte steckt, aber sie steckte gestern in meinem Postkasten. Ich war niemals in Hannover und weiß auch von niemandem aus dem Internet, den ich virtuell kenne, der von dort kommt, aber das Internet ist eben für Überraschungen prädestiniert. Schon manche, eigentlich die meisten wichtigen Begegnungen der letzten Jahre sind damit verbunden. Mancher realen Begegnung lag ein virtueller Impuls zugrunde. Keine Datingplattformen oder dergleichen, das habe ich noch nie genutzt. Viel mehr lagen Verabredungen mit befreundeten Bloggern zugrunde, die an realen Orten stattfanden, wo ich dann Menschen begegnete, die aus anderen Kreisen kamen und wichtig für mich wurden. Aber das ist nun länger nicht mehr geschehen. Vor zwölf Jahren gab es ein paar Schlüsselbegegnungen, ein besonderes Jahr war dieses 2008 für mich. Und es wäre schön, wenn sich solche Kräfte wieder in meinem Leben finden würden. Nun ja, Wunschträume.
Jedenfalls fand ich am Montag diese von Hand aquarellierte Karte in meinem Briefkasten und der Poststempel weist Hannover aus. Ich will dem auch nicht zu viel Gewicht beimessen, aber ich finde, solche Gesten sollten eine Würdigung erfahren. Denn so eine Mitteilung eines Unbekannten hat doch eine wundersame Qualität. Eine Überraschung, die einen nicht belästigt und nicht in die Pflicht nimmt. Eine luftig leichte Postkarte mit leichtfüßiger Botschaft.
Ich mache mich gelegenheitshalber schlau, welche Söhne die Stadt Hannover so hervorgebracht hat, wenn mir schon kein privater Kontakt in den Sinn kommt. Das ist ja recht interessant. Ich lese im Wikipedia-Eintrag zur Stadt Hannover (u. a.):
„(…)
Die acht erst genannten kann man aufgrund mangelnder Vitalität mit Sicherheit als Absender ausschließen.
Ernst August Prinz von Hannover lebt meines Wissens noch. Als gebildeter, wenn auch ungehobelter Mann liest er vielleicht mein Blog. Wäre sicher ein spannender Kontakt, wenn auch nicht von erotischer Warte (von mir aus betrachtet). Prominente haben ja mitunter ein Interesse, zunächst anonym aufzutreten, das wäre auch eine Erklärung für die kryptische Signatur. (crimeal?@….)
Der Zeichner Uli Stein wäre von Berufs wegen auch in der engeren Wahl, aber er hat einen anderen Strich, es sei denn, er fertigt private Postkartenzeichnungen bewusst in einem anderen Stil an.
Mit Schauspielern habe ich es irgendwie nicht. Otto Sander war ja sympathisch ist aber nun auch schon (aus bekannten Gründen) länger nicht mehr in der Paris Bar gewesen.
Kai Wiesinger habe ich zweimal in echt gesehen, einmal kam er mir in der Sophienstraße entgegen und lächelte sogar aufmerksam, das andere mal präsentierte er seine Fotos in der Galerie vom Café Einstein. Das war recht nett und er war auch gar nicht affektiert oder sonstwie unangenehm. Er war dort in Begleitung seiner gerade schwanger gewordenen Gefährtin. Eine echte Schönheit. Bettina Soundso. Auch Schauspielerin. Ich denke schon, dass er vielseitig interessiert ist und auch schon mal ein Blog gelesen hat, aber meines Wissens wohnt er in Berlin. Oder war es Hamburg? Jedenfalls nicht Hannover. Oder er war zu Besuch bei seinen Eltern und hatte Langeweile und vertrieb sich die Zeit mit Postkartenschreiben? Ich denke, er wird sich hier im Blog melden, falls er der Absender ist. Was Bettina dazu meint, sei dahin gestellt.
Den Maler Heimar Fischer-Gaaden musste ich googeln. Er weilt seit 2014 auch nicht mehr unter uns und wäre (ganz unter uns) auch nicht mein Typ gewesen.
Dass der Sänger Klaus Meine in seiner Freizeit Blogs liest, hätte ich jetzt so nicht vermutet, aber vielleicht entwickelt man neue Freizeitinteressen, wenn man gerade keinen Hit wie Winds of Change in der Hitparade hat. Ich könnte Autogrammkarten googeln und das Schriftbild vergleichen. Aber möchte ich das?
Wer bitte ist Mark Morrison? Ich prüfe das. „Mark „The Mack“ Morrison (* 3. Mai 1972 in Hannover) ist ein britischer Musiker. Sein größter Hit war Return of the Mack.“ Hm. 1996. Das war möglicherweise das Jahr, in dem ich aufgehört habe, Radio zu hören. Ich glaube nicht, dass wir füreinander bestimmt sind.
Letzteres gilt auch für den letztgenannten Kandidaten.
Als ich die Karte frisch aus dem Kasten gefischt hatte, teilte ich meiner sehr guten Bekannten Jenny K. aus B. folgende Zeilen mit:
„musste eben an dich denken, weil du doch zu bedenken gabst, dass ich meine echte Postanschrift bei den Postkarten herzeige. Gerade habe ich eine Postkarte auf feinem Bütten mit einem handgemalten Bild aus Hannover bekommen, von einem Maler, der mein Blog mit den Karten gesehen hat und wollte mir eine Freude machen! Er hat nur mit „Der Postkartenmaler“ unterschrieben und eine schwer leserliche Mailadresse vermerkt. Ich poste die Karte bald! Also es können auch schöne Sachen passieren, nicht nur Einbrecher und Mörder kommen des Wegs!
Aber vielleicht bin ich auch nur auf den Postkartenmörder hereingefallen, der nur wissen will, ob es die Adresse in echt gibt, und dann überwacht er mein Blog und wenn ich die Karte gepostet habe, steht er vor der Tür und schlitzt mir den Bauch auf! Mist! Die Welt ist schlecht!!!“
Jenny K. aus B. antwortete daraufhin:
„Haha oh Gott, nein ich finde wir einigen uns auf einen sehr charmanten, intelligenten, gut aussehend Verehrer, der vielleicht mit Wahrscheinlichkeit in dein Leben geweht wird.“
Ich lenkte zunächst ein:
„Er hat eine intelligente Handschrift und die Zeichnung ist auch sehr hübsch. Aber ich kann die Mailadresse nicht lesen, hab schon Varianten gegoogelt. Und er hat einen Hannoveraner Poststempel. Stell dir vor, er liest meinen Eintrag über seine Karte und macht sich bemerkbar und dann ist es ein ekliger alter Tattergreis mit verfilzten Hippiehaaren und gelben Zahnstummeln. Und wenn er passabel wäre, wäre es eine Fernbeziehung. Ich hasse Fernbeziehungen!“
J. aus B. belehrte mich:
„Quatsch, Hannover gehört ja fast zu Berlin ist so nah mit dem Zug. Zug fahren ist wunderbar, man darf ganz offiziell am hellerlichten Tage lesen und das außerhalb des Urlaubes.“
ich äußerte weitere Bedenken:
„hmm – ich gehe davon aus, es ist ein Mann zwischen 55 und 75. Nur so ein Gefühl! Es gab in der Weltgeschichte ungefähr zwei oder drei Männer in dieser Altersspanne, die ich einigermaßen akzeptabel fand. Hannover ist ganz weit weg, aber ganz weit! Es fährt keine Berliner U-Bahn hin! Aber ich will nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und werde als nächsten Schritt die Karte (beidseitig) ablichten.“
So geschehen! Alles weitere muss sich fügen.

Ein kostbarer Neuzugang für mein Handschriften- und Postkartenarchiv. Inzwischen ist die Überraschung noch größer, denn ich kann den Inhalt und Absender erst entziffern, wenn ich mich wieder in meiner Wohnung befinde, unten am Postkasten ist mir das Studium der Post leider verwehrt. Nicht, dass ich neugierigen Blicken ausweichen müsste, so prominent bin ich dann doch noch nicht bei meinen Nachbarn. Allein: ich kann es ohne meine Augengläser nicht mehr erkennen, wer mir da schreibt. Aber noch am Kasten fing ich an zu rätseln, weil ich den Schwung der Schrift ungefähr sah und kein Wiedererkennen hatte. Das Motiv konnte ich ungefähr eruieren. Künstlerpostkarten werden sehr gerne von Künstlern geschickt, auch wenn es keine eigenen Werke sind. So halte ich das auch. Aber diese Unterschrift, dieser Schwung! Da dachte ich dann doch recht bald an Jenny. Und als ich die Brille auf die Nase setzte, bewahrheitete es sich. Sehr gefreut habe ich mich. Es ist eine Karte mit einem Motiv von meinem guten alten Freund Pablo, der einige seiner Werke im Berggruen Museum hängen hat. Auch wegen der schönen Mitteilung war ich guter Dinge, die auf einen schönen Nachmittag an einem Sonntag, vielleicht im Frühling hoffen lässt. Vorher sehen wir uns aber auch schon, das ist abgemacht. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft nebenher der Stummfilm „Die Büchse der Pandora“ von G. W. Pabst. In der Hauptrolle als Lulu ist Louise Brooks zu sehen. Sehr schöne Klavierbegleitung, gedreht 1928 in Berlin. So ein Pagenkopf würde Jenny auch stehen, fällt mir gerade auf. Nun zu Bett. Ich muss weiter Kräfte sammeln, denn ich lag darnieder und habe morgen Abend nach vielen Tagen der Schwäche und Rekonvaleszenz wieder einmal etwas vor. Ich werde mich in den Abendstunden gegen neunzehn Uhr im Foyer der Volksbühne einfinden, wo Lulu von Frank Wedekind im Großen Haus gegeben wird. Meine Begleitung ist dankenswerterweise keine geringere als die Absenderin dieser schönen Postkarte.
Jonathan haut wieder einen raus: „Ich fühle mich kunstdeutsch“ Jonathan Meese im Gespräch mit Stefan Koldehoff.

Bin da ganz bei ihm (mein Lieblingsnachbar)
„Mick Jagger told me: ‚I met you 15 years ago at a little club in Los Angeles. You were wearing a blonde wig and you had on a green dress and it had feathers …‘ he named everything. He was right. And a lot of the stuff that I see him do on stage is stuff that I used to do. I mean when I was really jumping around an‘ leaping an‘ looking all crazy.“ Etta James
Auch die beste Version, die ich kenne, I’d Rather Go Blind von Etta James, sie hat diesen traurig schönen Song mitgeschrieben, so she knows…
nie schöner gehört…
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVII.
„Rosi, Ecke Gips, gegen halbzehn (abends), zwei Männer stehen an der Ecke (ich vorbei, von der U Weinmeisterstr. kommend, in die Gipsstr. biegend). Beide ca. Ende Dreißig bis schätzungsweise Mitte/Ende Vierzig (konnte sie nicht sehen, war schon dunkel, bin ja auch nicht stehen geblieben).
Der eine, kleinere zum anderen (Wortfetzen):
„(…) Selbsthilfegruppe, war zweimal da (…)“
(melodiöser, österreichischer Singsang, womöglich Wiener)
ich die Ohren wg. „Selbsthilfegruppe“ gespitzt)
„(…) Das ist wie eine große Familie“
(klang noch recht freundlich)
„(….) eine Mischung aus Familie und Schützenverein!“
(ich innerlich: oha – – merken!)
Er: „Ich HASSE das!“
Ja ja, die Österreicher. Schlimme Wahrheiten, melodiös verpackt!

Heute Abend um 20 Uhr in der Buchhandlung „Der Zauberberg“, Bundesallee 133, 12161 Berlin. Heike Catherina Mertens von der Berliner Außenstelle der Villa Aurora in Los Angeles stellt das Thomas Mann House in Pacific Palisades vor.

Gestern, am 6. Januar 2020 habe ich eine schöne Postkarte aus Portugal bekommen, aus der Hauptstadt Lissabon! Die Karte wurde am 8. Dezember 2019 geschrieben und verschickt. Also war sie dreißig Tage unterwegs. Da ich sehr romantisch bin, stelle ich mir vor, wie die Karte in einem schönen alten, von Hand gewebten Postsack sorgsam von einem feschen berittenen Boten in einer schönen Uniform, abgeholt wurde, der recht bald mit der kostbaren Fracht zum Hafen am Rio Tejo Fluss galoppiert ist.
Dort wurde der Postsack in ein schönes altes Postschiff gepackt, das Kurs auf Mitteleuropa genommen hat. Viele Wochen ging es nun auf hoher See durch winterliche Stürme, man machte Halt in Hafen von Bilbao im Königreich Spanien, wo auch die Vorräte für die Mannschaft mit der einen oder anderen spanischen Spezialität aufgefüllt wurden, nachdem sich die Fässer mit dem guten Madeira-Wein dem Ende neigten.
Von da ging es weiter nach Le Havre im herrlichen Frankreich, wo der Schiffskoch insbesondere die Rotweinvorräte erneuerte, um die nun anstehenden vielen Tausend Seemeilen mit Kurs auf den Hamburger Hafen mit Hilfe von bestem Bordeaux gut zu überstehen.
Nun ward das gute alte Postschiff nach vielen Wochen heil dort angekommen, und an der weihnachtlich geschmücken Hafeneinfahrt wartete bereits ein ebenfalls berittener, holsteinischer Kurier auf einem weißen Schimmel, um mit dem Postsack zum großen, berühmten Postverteilzentrum der alten Hansestadt zu reiten.
Alsbald wurde der große Postsack in aller Ruhe sorgsam ausgeleert und die vielen Liebesbriefe und Postkarten von fleißigen Händen mit einer goldgefassten Lupe begutachtet und sortiert, dabei wurde sich auch Zeit genommen, die vielen interessanten Briefmarken aus aller Herren Länder zu bewundern. Auch die Motive der Postkarten wurden von allen Arbeitern gewürdigt und manch eine liebe Nachricht in einer kleinen Kaffeepause laut vorgelesen und dabei herzlich gelacht oder anerkennend genickt. Die Briefe blieben überwiegend verschlossen, das gebietet der Anstand.
Nun wurden neue, kleinere Postsäcke aus feinstem Leinen bestückt, auf denen geheimnisvolle Zahlen standen. Das waren die Postleitzahlen. Diese waren von großer Wichtigkeit für den Kutscher, der zur Abendstunde mit der gelben Postkutsche mit dem von Hand aufgemalten schwarzen Posthorn, vorfahren würde, um all die kleinen Säcklein aufzuladen.
Der Kutscher trug einen schönen großen Zylinder und einen Frack. Auch hatte er ein warmes Wams aus Schaffell dabei, um den winterlichen Temperaturen zu trotzen, denn die Postkutsche war nicht geheizt. Das Wichtigste für ihn war, dass die kleinen Postsäcklein schön im Trockenen lagen, damit die Tinte auf den Postkarten nicht von Regentropfen verschmiert werden würde. Das war für ihn auch eine Frage der Berufsehre!
Um die vielen Meilen zwischen Hamburg und Berlin gut zu überstehen, und seinem treuen Gespann immer wieder die nötige Ruhepause zu verschaffen, wurden viele Pausen eingelegt, wo die Pferde getränkt und gelobt wurden, und der Kutscher eine kleine Brotzeit einahm.
Auch wurde ein- bis zweimal auf der langen Kutschfahrt Biwak gemacht, bei Ludwigslust und bei Wittenberge, wo es in den einfachen Herbergen und Schänken auch einen guten Tropfen zu verkosten gab und die Wirtstöchter gerne den Geschichten des wenn auch nicht mehr ganz jungen, doch noch lebenslustigen Postkutschers aus dem hohen Norden ein Ohr schenkten und in der anstehenden Silvesternacht auch die kalten Füße wärmten.
Nun ward es also Neujahr geworden und es hieß Abschiednehmen. Die Töchter winkten der Postkutsche noch lange hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war, und träumten fortan bei ihren Handarbeiten von den fernen Städten, von denen der wackere Geselle von der holsteinischen Post am Kaminfeuer so schön erzählt hatte.
Unser Kutscher traf indes bereits im schönen Postdam ein, wo er immer gerne war, und sich gerne mit den königlichen Kutschern im Park von Sans Souci auf ein Schwätzchen bei einem wärmenden Schnaps einfand, bis es weiter ging in die große Hauptstadt.
Die Pferde waren frisch getränkt und in leichtem Galopp näherte sich die Kutsche dem Brandenburger Tor. Da fuhr unser Kutscher besonders gerne durch, es war ein majestätisches Gefühl. Und schon sah er die goldene Kuppel des Berliner Schlosses, nun war es nicht mehr weit, für das kleine Postsäcklein mit der Postleitzahl 10119.
Wir schrieben nun den sechsten Januar des Jahres Zweitausendundzwanzig und ordnungsgemäß lieferte unser treuer Kutscher die Postsäcklein für Berlin im Hauptbezirk von Berlin ab, wo abermals fleißige Hände die Säcklein den bereits wartenden, selbstverständlich ebenfalls berittenen Kurieren in der stolzen preußischen Uniform übergaben.
Der schönste Kurier von allen, ein groß gewachsener, gut gebauter junger Mann hatte die Aufgabe, das Postsäcklein mit der Nummer 10119 zu öffnen und persönlich an den handschriftlich vermerkten Adressen zu übergeben.
So begab es sich, dass am gestrigen sechsten Januar eine Postkarte aus Lissabon mit einem schönen Lichtbild von einem portugiesischen Palast mit blauen Kacheln eingeworfen wurde, die ich in den Abendstunden aus dem Postkasten holte. Sie war wie neu und die Tinte war kein bißchen verschmiert.
Ich bedanke mich aufs Allerherzlichste bei der Absenderin, meiner Freundin Ina, die nun nach langen Reisen durch Europa wieder in ihrer Heimatstadt eingetroffen ist, sowie dem treuen Postkutscher aus Hamburg und der wackeren Mannschaft auf hoher See. Und allen berittenen Kurieren, in Lissabon, in Hamburg und ganz besonders dem feschen Boten aus Berlin!
Facebook fragt: Was machst du gerade? Gaga antwortet: ich gucke “Der große Gatsby“ auf arte, die Verfilmung von 1974, mit Robert Redford! Jetzt, wo die goldenen Zwanziger begonnen haben, kann man sich Inspiration für die nächsten rauschenden Feste holen. Schöne Kleider, schöne Frisuren, schöner Kopfschmuck. Heute eine schwarze Spitzenmaske erstanden und zur Stirnkrone umfunktioniert. Ich muss ja immer alles customizen. Wird eventuell morgen ausgeführt. Die Spitze unterhalb der Augen wegoperiert, so dass nur die Stirn bedeckt ist. Es soll ja auch bequem sein, und meine Augen stehen nicht so eng zusammen, wie es die Maske vorgibt. Auch sind wir ja nicht in den Goldenen Zwanzigern von Venedig, sondern Berlin. Also bitte. Eventuell fertige ich morgen ein Bild davon an. Zeichnung und Malerei eher nicht, die findet ja schon stundenlang am Gesicht statt, vielleicht ein Lichtbild. Morgen DIVA’s Night (oder so ähnlich).
P.S. aber Mia Farrow als Heulsuse Daisy ist schon etwas nervig bis langweilig…
Aber schöne alte Vokabeln, die man sofort dem Wortschatz einverleiben sollte:

HAPPY NEW YEAR…! Ein schmerzarmes, erhebendes und segensreiches. Allen, die das lesen, mir selbst und dem Erdkreis. Und darüberhinaus. Venus und Mars, Jupiter, Neptun und Uranus. Und Pluto. Und Saturn. Und dem kleinen Merkur. Gestern keine angeklebten Wimpern spazieren geführt, aber getanzt. Mal wieder was Neues ausprobiert, im Humboldthain Club gelandet. Getränkemäßig etwas eingeschränkt, ich bin dann doch eine verwöhnte Prinzessin, wenn es um Schaumwein geht, auf Pils vom Fass umgeschwenkt, immerhin im Angebot. Ganz gute Elektrobeats auf dem oberen Dancefloor, unten mehr so Mainstream Pop, gegen halbdrei gabs eine Showeinlage von Victoria Bacon, feine Dragperformance, das Lokal hat gekocht. Lydia hatte Wunderkerzen dabei, die wir zur Mitternacht im Club abfackelten, waren nur draußen, um in die ruhigere Bar in dem würfelförmigen Bretterverschlag zu wechseln. Also wenig Feuerwerk mitbekommen, aber es knallte schon heftig auf dem Weg dahin. Der Club ist unglaublich nah an der S-Bahn Humboldthain, nur zwei Haltestellen von Oranienburger Str. entfernt. Um halbfünf war ich daheim, noch was gegessen, im Stehen in der Küche. Lange geschlafen, bis nachmittags um zwei. Kein Kater, kein miau! Nun einen dritten Kaffee und dann ins Atelier. Einziger Vorsatz, der mich aber auch das ganze letzte Jahr und noch länger begleitet: virtuos trinken. Immer nur gute Sachen, nicht durcheinander, damit man am nächsten Tag auch wieder Lust darauf hat. In diesem Sinne!
huiuiui… Faithfull und Bowie in FULL DRAG
and now let’s take a walk on the wildside
Gute Nacht
Guten Abend
Guten Morgen
ich mag alle Versionen von Melody Gardots „Love me like a river does“, spricht mir so aus der Seele, aber besonders diese live Aufnahme hier.
WER macht WAS an Silvester in BERLIN? Ok, die Frage ist nicht datenschutzkonform, aber ich stelle sie trotzdem.

Mit Lydia im Sage Club in Berlin. Wir waren vorher das Finale im Hobby gucken. Feiern war nicht so ganz durchführbar, weil keine Lieblingsqueen mehr gewinnen konnte und die Krone auf einer merkwürdigen Wahl landete. Aber man muss das Beste daraus machen. Ich gewann immerhin ein rosa T-Shirt und dass neben Lydia auch Ina da war, tröstete auch. Weil es nicht ganz so wild und ekstatisch wie sonst war, wechselten wir zum Sage, wo Lydia der Hingucker war. Das war sie auch schon im Hobby, in ihrem roten Stewardessendress mit der farblich abgestimmten Perücke, aber gegen die Drag Queens kann eine echte Frau kaum auftrumpfen. Wobei ich nicht vergessen sollte, dass mich Brigitte Skrothum nach der Show an der anderen Bar ansprach: „Was bist du denn für eine süße Maus, du Schöne, hm? Du bist mir schon vorhin aufgefallen!“ So in etwa. Solche Ansprachen kriege ich so gut wie nie, ich finde das großartig und hätte gerne mehr davon. Von Heteromännern habe ich wohl nicht mehr viel zu erwarten. Im nächsten Leben möchte ich gerne schwul werden. Als ich die Tanzmoves der heterosexuellen Männer im Sage betrachtete, kam ich mir vor wie unter Neandertalern. Wenn man erst einmal gesehen hat, wie gut Männer tanzen können, die definitiv nicht heterosexuell sind, ist man versaut für heterosexuelle Tänzer, die sich zwar bemühen, aber den Eindruck erwecken, der Oberkörper stünde in keinerlei Verbindung mit dem lahmen Unterkörper. Die wenigen Kandidaten, die eine Ausnahme sind, machen wahrscheinlich komplett bei Let’s Dance mit.

Aber das wirkliche Leben ist intensiver, aufregender als jeder Filmdreh, sofern man sich an intensive, aufregende Orte oder in intensive, aufregende Situationen begibt. Tatsächlich imitiert das Fernsehen und Kino aufregendes Leben in einem Herstellungsprozess, der streng durchgetaktet, ohne Freiraum für kreative Abweichungen und impulsive Ideen von statten geht. Üblicherweise. Der Glamour und Glitzer findet nur im Windschatten von Events statt, die vom Konsumenten für eine Fortsetzung einer beständigen kreativen Aufregung interpretiert werden. Champagner bei Filmpremieren und Festivals, private Begegnungen mit bekannten Gesichtern. Am lustigsten sind am Set die Gespräche außerhalb des Drehs, Anekdoten, kleine Lästereien, Getuschel. Darüber könnte man auch einen launigen Film drehen, was die Komparsen offenbaren, über diese und jene Begegnung, aber man ist ja der Diskretion verpflichtet. Ich hüte mich auch, negative Berichterstattung weiterzutragen, aber George Clooney soll sehr zugewandt sein am Set, ohne Allüren zeigt er von sich aus Interesse mit der Komparserie zu plauschen. Die wenigsten Komparsen machen das hauptberuflich, sondern begeben sich zu dem einen oder anderen Ausflug, wenn ein Angebot lockt. Daher kommen sie nicht aus einer Lebenssituation, die im Saft der eitlen Branche schmort. Sehr interessante Ruheständler sind auch dabei. Die haben richtig was zu erzählen, nicht nur von vergangenen Filmdrehs. Diese Begegnungen sind durchaus ein Grund, das immer wieder mal zu machen. Der perfekte Komparse passt ins Szenario, egal ob klein oder groß, dick oder dünn, alt oder jung und ist sehr diszipliniert. Redet nicht am Set, tratscht nicht über einen laufenden Dreh, ist pünktlich und macht keine eigenen Vorschläge. Hört gut zu, was die Regie vorgibt, damit er nicht zur Ursache für die Wiederholung einer Szene wird. Kleidung wird wie gewünscht angezogen, es wird nicht diskutiert. Beim Catering hält man sich zurück. Kaffee und Wasser ist immer da. Kameras bleiben daheim, Smartphones bleiben im Komparsenraum. Am Set fotografiert nur der Standfotograf. Die Hauptdarsteller werden nicht von der Seite angequatscht. Auch sonst niemand aus der Crew. Möglicherweise bereiten sich diese gerade innerlich auf die nächste Einstellung vor. Wer das alles befolgt, kann ein guter Komparse werden.
Nun ist die Rampensau gelaufen, eine Eigenproduktion von VOX, ausgeführt von der UFA Production. Zehn Folgen waren es und ich hatte einen Auftritt als Tapete. Man nennt das auch Komparse. Ich durfte in der Kneipenszene der letzten Folge, die da heißt „Das Finale“ im 2. Teil bei Min. 3:38 – 3:48 in einer Bar am Tresen sitzen und klare Schnäpse trinken und mit meinen Mitstreitern anstoßen. War natürlich nur Leitungswasser. Wir prosteten uns launig aber geräuschlos zu und unterhielten uns und scherzten in guter alter Stummfilmtradition. Ich habe mir natürlich die Mühe gemacht, alle Folgen zu schauen. Dass ich darauf nicht vorher oder während es lief hingewiesen habe, lag daran, dass meine Freunde und Freundinnen altersmäßig und auch mental nicht zur jugendlichen Zielgruppe gehören. Ich selbst ja auch nicht. In der Barszene, die übrigens in Tempelhof in einer echten Cocktailbar gedreht wurde, gibt es sogar einen Kuss. Ansonsten wurde aber nicht viel geküsst, vielmehr viel geflucht und gestritten. In der Barszene kommt Shiri zur Tür rein, um ihren aus der Untersuchungshaft geflüchteten Lover, der auch ein Schauspieler sein soll, zu treffen. Wer wirklich exzellent in der Serie war, war der Darsteller des Schuldirektors Tess, Florian Bartholomäi. Seine Szenen waren richtig psychologisch aufbereitet und sehr spannend. Ich finde ihn wahnsinnig gut, nicht nur gut aussehend.
Für mich war vor allen Dingen spannend, wie so eine hoch budgetierte Produktion arbeitet, auch technisch. Das pinke Licht in der Bar ist nicht durch die Postproduktion mit Filtern und Colorgrading hingeschraubt, sondern durch einen pinken Filter am Set, so ein großes rechteckiges Gestell mit pinker Folie, hinter der ein starker Scheinwerfer stand, draußen vorm Kneipenfenster. Ich saß ganz am Anfang beim Warten auf meinem Einsatz in dem Licht. Es waren wirklich gute Schauspieler am Start, auch Jasna, die Hauptdarstellerin. Ich finde nur schade, dass ihre Rolle recht eindimensional von der Range ihres Verhaltens angelegt ist. Jasna Fritzi Bauer kann definitiv mehr als nur herumzetern und fluchen. Sollte es eine zweite Staffel geben, wünsche ich ihrer Rolle noch ein paar andere Facetten, die auch ihrem Beruf in der Rolle entsprechen, da ist sie nämlich eine Schauspielerin, und als solche darf sie auch ein paar zartere Saiten haben, die sie zum Klingen bringen könnte.

So, die Damen (und Herren): LAST CALL, heute Abend zum letzten mal Viewing Party im Hobby, Großes Finale mit allen Kandidatinnen von Queen of Drags. Ich freue mich auf alle, die heute zum ersten mal dabei sind, so wie Ina, einschließlich der Damen, die bisher das Sofa mit mir geteilt haben und danach das Tanzbein geschwungen! IT’S TIME TO SHINE!

Meine voraussichtliche Garderobe (plus schwarze Showbiz-Wimpern mit Straß!)
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXVI.
„S7 oder 9, Friedrichstr. – Zoo. Ältere Dame fängt im Stehen an zu tanzen.“
Ja wirklich. Ich hatte das schon mal in einem Kommentar erzählt und dann ganz vergessen, hier zu erwähnen. Ich kopiere mal den auf die goldene Notiz bezogenen Teil aus meinem Kommentar, der eine Antwort auf die Frage war, was man in seinem Leben als glitzernd empfindet:
„(…) Glitzer sind auch ungewöhnliche, irgendwie auffällige Leute in der S-Bahn oder U-Bahn. Muss nicht äußerlich sein, kann auch nur das Verhalten sein. Heute morgen zum Beispiel war ich wieder in einer S-Bahn, wo diese berüchtigte Truppe von Musikanten von Wagon zu Wagon wandert, bewaffnet mit einem Karaoke-Apparat, der nur die rhythmische Begleitung abspielt, die die Herren mit Trompeten und Gesang begleiten. Ich habe Respekt vor jedem Musiker, aber diese Truppe wandert seit Jahren mit den ewig gleichen zwei Liedern in aller Herrgottsfrüh durch die S-Bahn. Man kann es wirklich nicht mehr hören. Stimmungsmusik am Morgen ist eh nicht so meins. Immer wieder und wieder „Hit the Road Jack“ und „When the Saints go Marching in“, heute auch wieder ersteres. Jetzt länger nicht mehr gehört. Ich war ganz gut drauf, nicht ganz so belästigt wie sonst. Gefallen hat es mir immer noch nicht, aber vor mir stand eine ältere Dame, die kannte diese Auftritte wohl noch nicht, und für sie war es eine belebende Überraschung. Sie fing zuerst an mit dem Fuß zu wippen, lächelte ihren Mann an, und dann machte sie richtige Tanzschritte, so Foxtrottmäßig, Wiegeschritt. Wie auch immer das heißt, es war ein ganz putziger Anblick, alles im Stehen, auf einem Fleck. Ich freute mich mit ihr und das Lied war auf einmal gar nicht mehr so abgedroschen, weil sie es mit den Füßen vertanzt hat. Das war Glitzer!“
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXV.
auch 27. November 2019:
„S-Bahn, Ringbahn S 42 (linksrum), Bundesplatz nach Hermannstr.
Junger Mann mit angenehmer Stimme erzählt vom Job (Sprecherberuf). Er spricht am nächsten Tag etwas ein, und der Regisseur und Produzent sind via Facetime zugeschaltet. Sieht aus wie Kafka in jung.“
Das hat er jemandem am Telefon erzählt, ich stand mit dem Rücken zu ihm, neben ihm, ich konnte es nicht überhören. Vor der Erwähnung der Aufnahme war die Rede von Alltäglicherem, wie der Tag mit seiner Anreise verlief, und ich dachte mir, was für eine wohlklingende Stimme. Danach kam erst der Teil mit der Erwähnung der beruflichen Tätigkeit. Dass bei Studioarbeit ein Regisseur und Produzent heutzutage offenbar gar nicht im Studio sein muss, wurde mir da auch zum ersten mal klar. Er erwähnte dann auch noch, dass er den Abend damit verbringen muss, einen Text in Gebärdensprache zu lernen, für ein Lied, das er einsingen muss. Auch interessant. Wieso schaut man sich jemanden an, der singt, und den man nicht hört, um den Text, den man auch lesen könnte, in Gebärdensprache zu sehen? Hm. Vielleicht habe ich es auch falsch in Erinnerung. Der junge Mann mit der schönen Stimme war recht klein und filigran. Hat mich überrascht, weiß gar nicht, warum. Habe ich erst gesehen, als sich bei einer Haltestelle die Situation lockerte und ich mich drehte, um einen frei gewordenen Platz einzunehmen. Dann war er außer Hörweite und ich bald schon am Ziel.
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXIV.
„U 9 Zoo/Rath. Steglitz, 2 Frauen (Kolleginnen):
Frau 1: „Ich habe auch zum ersten mal ein Büro mit persönlicher Toilette nur für mich.“
Frau 2: „Ja, die Büros sind wirklich sehr, sehr schön, kann man nicht anders sagen, ich bin sehr zufrieden.“
(ich spitze die Ohren, will herauskriegen, welche Firma)
Frau 1: „Also bei uns im Referat (…)“
(Aha. Senatsverwaltung?)“
Frau 2 hat noch erwähnt, dass sie ein Zweierbüro mit dem einzigen männlichen Kollegen hat und sehr froh darüber ist, ja es sich sogar gewünscht hat, da man sich sehr gut versteht. „Wir sind die Schweiz in unserer Abteilung. Was die anderen machen… phh…“
Weiter gingen meine Vermutungen in die Richtung, dass es sich um ein ehemaliges Hotel handeln könnte, dessen Gästezimmer zu Büros umgewandelt wurden. Ein persönliches WC für jeden Mitarbeiter ist doch ein recht ungewöhnlicher Standard. Oder weiß da jemand mehr? Die Damen sind an der Haltestelle Berliner Straße zusammen ausgestiegen und haben sich noch über den weiteren Weg unterhalten, von wegen hier lang oder da lang, also man kannte sich nicht aus. Eventuell waren sie auf dem Weg zu einer aushäusigen betrieblichen Weihnachtsfeier, die fangen ja teilweise schon im November an.

Am vergangenen Donnerstag hat sich mein Wunsch erfüllt, dass Bambi Mercury zur Viewing Party ins Hobby kommt. Und noch eine zweite Queen war da, Candy Crash. Die beiden hatten einen aufregenden Tag hinter sich, da Bambi an diesem Tag Mama von seinen Zwillingsmädchen wurde und Candy war die ganze Zeit an der Seite von Bambi, wie man in dem kleinen Film hier sehen kann. Ich hatte die Kamera wieder dabei, diesmal mit geladenem Akku, muss allerdings zugeben, dass ich die Bilder eher auf Verdacht gemacht habe, da ich die Lesebrille, ohne die ich auf dem Display nicht mehr erkennen kann, ob das Bild scharf ist, nicht aufsetzen wollte. Die hätte ja auch mit meinen Wimpern kollidiert. Unsere Gastgeberin Brigitte Skrothum war wieder in Hochform und hat Bambi und Candy ausgefragt. Jenny war diesmal auch mit dabei, zum ersten mal, und hat anschließend noch wild getanzt. Lydia brachte zwei Perücken mit, allerdings aus der Karnevalsabteilung, die ich noch aufprobieren werde, ein schwarzer, kinnlanger Bob und eine hellblonde Langhaarperücke mit Pony. Nächste Woche ist großes Finale. Leider sind Bambi und Catherrine raus, aber vielleicht sind die ausgeschiedenen trotzdem bei der letzten Show dabei. Ich auf jeden Fall. Tut mir leid, dass ich von Victoria Bacon kein Bild habe, sie war so schön. Ich hatte die Kamera nur mal kurz für wenige Minuten ausgepackt, in der sind die Bilder entstanden. Lydia hat sogar ein Bild von sich und Candy, das ist aber nicht von mir, ist aber auch in der Reihe. Ich hätte ganz gern ein Bild von Bambi und mir gehabt, ich bin da aber zu schüchtern. Immerhin habe ich ihm gesagt, dass er mein Favorit war, als er beim Gehen war, und dass immer alle, die ich in der Schlange vorm Klo beim Warten gefragt habe, wen sie gewählt haben, „Bambi!“ gesagt haben. Wir haben uns dann noch zum Abschied geherzt.






Ich glaube, dieses Wimpernmodell wäre sogar Hilde dann doch etwas übertrieben erschienen. Für mich hingegen ist es für diesen bestimmten wöchentlich wiederkehrenden Anlass, wo ich mir mit Begeisterung möglichst unnatürlich wirkende Wimpern anklebe, goldrichtig. Ich bin ja bestimmt einer der größten Fans von Hilde, schon seit „Eins und Eins das macht Zwei“ in den Siebziger Jahren aus dem Radio dudelte, aber diese Wimpernsache fand ich immer eher kurios als attraktiv. Nun sieht man heute viele junge Frauen, die sich für die alltägliche Lebensbühne mit gewagt unnatürlichen Wimpern aufhübschen, allerdings offensichtlich ohne sich ein ehrliches Meinungsbild im Bekannten- und Freundeskreis einzuholen. Manche kleben sich Wimpern in natürlicher Wimpernfarbe aus dem Drogeriemarkt an, und vergessen die Silhouette anzupassen. Der Vorgang ist vielen Damen gar nicht geläufig. Professionellerweise klebt man die üppigen Wimpern, die am Ende wie die eigenen aussehen sollen, an und stutzt an den Seiten ein bißchen abgerundet zurecht, was zu lang und unnatürlich und eckig wirkt. Andere Damen lassen sich einzelne Fliegenbeine zwischen die eigenen Wimpern kleben, die dann aber oft kurios nach oben stehen und einen leicht erstaunten bis irrsinnigen Ausdruck unterstützen. Auch das hebt meiner Meinung nach nicht die Attraktivität. Bin gespannt, wie lange diese Mode noch anhält. Mich sieht man im Alltag und tagsüber mit meinen eigenen getuschten Naturwimpern, die nicht sonderlich lang oder dicht sind, da fehlt bei mir leider der südländische Einschlag. Die unnatürlichen Wimpernmodelle, die ich mir immer am Donnerstag anklebe, jedes mal andere, sollten unbedingt unnatürlich wirken, damit der Show-Effekt gewährleistet ist, daher wird an denen nicht herumgeschnippelt. Ich hatte übrigens zum ersten mal seit November 2018 meine Kamera mit nach draußen genommen, für den Fall, dass ein toller Überraschungsgast da wäre, wie zum Beispiel Bambi Mercury, und ich mich dann doch ärgern würde, dass ich das nicht verewigt hätte. Weil ich aber ein bißchen bequem bin, habe ich nicht geprüft, ob der Akku noch ausreichend geladen ist. Es gab zwar keinen Überraschungsgast aber unsere drei Berliner Drag Queens Brigitte Skrothum, Anna Klatsche und Victoria Bacon waren wieder so eine Augenweide, dass sie mir auch ein Foto wert gewesen wären. Ich setzte also meine Kamera im Ruhestand an, löste einmal aus und schon erschien auf dem Display: „Batterie leer“. Es hat nicht sollen sein. Das einzige Foto, das nur ein bißchen Profil und viel Blondhaarperücke von Anna Klatsche zeigt, ist auch in der kleinen Dokumentationsreihe zu diesem Wimpernabend. Lydia war auch wieder an meiner Seite und hat mit ihrem alten Handy Bilder gemacht. Eines davon ist auch in diesem Album zu sehen, unsere drei blonden Grazien. Man kann ein bißchen Atmosphäre erahnen, viel Schummerlicht, viel blondes Haar, viel Make up und ganz, ganz viel Lebensfreude.



Am letzten Donnerstag habe ich tatsächlich die Kamera aus ihrem Versteck genommen, um meine Wimpern zu verewigen. Die Abende im Hobby werden liebevoll vorbereitet, auch von mir als Gast. Ich fühle mich unter anderem deshalb so wohl bei der Veranstaltung, weil das Publikum so sympathisch und gutaussehend und entspannt ist. Man schaut sich zuerst gut gelaunt die für meine Begriffe derzeit politisch wirksamste Sendung im deutschen Fernsehen an, erfreut sich an experimentellen Outfits und Statements, die zur Prime Time gesendet werden, unterhaltsam verpackter Freigeist und Rebellion. Das ist wahre Evolution, wenn die Freiheitsbewegung einer Gruppierung, die einige immer noch als Randgruppe bezeichnen, in jedem Wohnzimmer ankommt. Ich wüsste nicht, was ich lieber feiern wollte. Wieder ein schöner Abend, auch Dank unserer drei schönen blonden Berliner Drag Queens, die die Abende moderieren und die laufende Sendung aufs Lustigste kommentieren. Lydia war da und unsere Freundin Nora, die auch gerne wieder kommt. Nach dem Tanzvergnügen saßen Lydia und ich noch ein Weilchen auf den Kinoklappsesseln im Foyer, als uns eine schöne Nonne im silbernen Habit beehrte. Sie kam von den Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, im Arm ein Körbchen mit Kondomen und Seifenblasenpustefix. Mutter Dora kam ein längeres Weilchen zu Lydia und mir und wir plauderten unter anderem über meine Wimpern, die ihr sehr gut gefielen, und ich spendete mein komplettes Kleingeld in die Spendenbüchse von Mutter Dora zu Balfanz für die Berliner Aidshilfe. Der Heimweg führte uns wieder zur S-Bahn Warschauer Straße. Lydia fand, ich sollte die Wimpern über Nacht dranlassen, damit sie am nächsten Tag auch alle anderen sehen können, ich erklärte ihr, dass ich darüber nachgedacht hatte, es aber für schwierig befand, weil ich mich ja sehr gerne dusche, wenn ein neuer Tag anbricht, und zwar von Kopf bis Fuß. Und dann wären die Wimpern bestimmt auf Halbacht. Ungewaschen aus dem Haus gehen wollte ich auch nicht so gerne. Plötzlich stand der männliche Fahrgast von Gegenüber auf, er hatte trotz seiner Kopfhörer mitgehört und ließ mich wissen, dass er gut fände, dass ich „mitdenke“. Aha. „Richtig, richtig gut“ fände er das. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, dass er uns auch noch wissen ließ, dass er gelernter Koch sei und später auch noch eine Ausbildung zum Tontechniker gemacht hätte und jetzt aber einen anderen Job hat. Mitterweile waren wir an der Haltestelle Jannowitzbrücke, wo wir eigentlich in die U 8 umsteigen wollten. Ich war aber neugierig, was er noch weiter erzählen würde, und entschied, dass wir erst am Alex in die U 8 umsteigen. Nun sprach der Mann eine Einladung in Richtung Lydia aus, die ich akustisch nicht verstanden hatte. Explizit wurde Lydia eingeladen, und zwar zu seiner Geburtstagsfeier, wie sie mir später erzählte, zumindest hatte sie das verstanden. Aber mich wollte er mit in sein Tonstudio nehmen. So so. Na immerhin. Leider kamen die großen Pläne nicht zur Ausführung, weil wir dann auch schon am Alex waren und ausstiegen, und zwar ohne den guten Mann. Man hat sich dann noch zugewunken. Solche Sachen passieren auch nur in der Nacht. Und das war es definitiv. Und zwar schon so spät in der Nacht, dass längst keine U-Bahn mehr gefahren ist. Zum Glück sind wir erst am Alex ausgestiegen, so konnten wir heimlaufen. War noch ein launiger Spaziergang über den Hackeschen Markt und durch die Sophienstraße und die Große Hamburger. Wir blieben an Schaufenstern stehen und blödelten herum. Ecke Auguststraße haben wir uns getrennt, ich bin ein paar Meter weiter in meinen Adlerhorst und Lydia ist in die Ackerstraße.




Morgen wieder Hobby! Bei Kryolan in der Uhlandstr. 3 Paar neue Wimpern gekauft. Mit Glitzer und Straß und Silberne! Eventuell mach ich doch mal ein Foto, also mit meiner alten Kamera, bevor ich losgehe. Sehr ungewohntes Vorhaben. Aber dann würde man die Wimpern richtig gut erkennen. Mal sehen…
eternal love

Kleiner Bericht zum letzten Besuch im Hobby, zweite Viewing Show von Queen of Drags, ich zitiere mich selbst aus einem Kommentar:
„(…) ich war die erste in dem Laden, um 19:10 Uhr an der Tür und konnte den absoluten Premiumplatz für mich und die Damen ergattern, die braune Ledercouch an der Ecke hinten am Tresen, wo man perfekten Blick auf die Leinwand UND unsere drei moderierenden Berliner Drag Queens hat. Ein Traum! Und wir hatten einen Stargast, nämlich eine der Drag Queens aus der Sendung, also auf Kandidaten-Seite, nämlich KATY BÄHM aus Berlin mit Verlobtem und weiblichem Familienanhang! Und natürlich dementsprechendem Nähkästchengeplauder vom Dreh mit Heidi und Conchita und Bill. Auf die Frage, wie Heidi so war, erzählte Katy, am Anfang hätte es doch Vorbehalte gegeben und sie hätte vor der Kamera immer sehr zurückhaltend gewirkt, weil sie auch nichts falsch machen wollte und niemandem zu nahe treten. Aber hinter der Kamera wäre sie total aus sich herausgekommen, ganz nahbar und superlustig und ein echter Kumpel und deshalb sei er nun „Team Heidi all the way!“
Wir haben uns demzufolge gut amüsiert und im Anschluss auch noch getanzt. Sowohl Lydias als auch meine Wimpern haben gehalten, allerdings meine nur diesen Abend lang. Sind ja auch nur Papierwimpern mit kleinen Fledermäusen an den Spitzen gewesen, die man leider ganz schlecht fotografieren konnte. Es gibt genau ein Bild, wo man ein bißchen Minifledermaus erkennt, das hier. Ich muss auch mal in den Kryolan-Shop, wo Lydia ihre gekauft hat, in der Grolmannstraße ist einer. Da gibt es die wahren Wimpern fürs Show Biz! Hoffe, das nächste mal kommen noch mehr Freundinnen mit. Maria hat leider keine Lust, ihr fehlt der Sinn für diese Drag-Geschichte. Aber vielleicht kommt es ja noch. Mich hat es auch lange nicht sonderlich interessiert, wenn Olivia Jones im ewig gleichen Styling im TV interviewt wurde, hat mich der Anblick schon gelangweilt, zu wenig Abwechslung, auch ein wenig altbacken für meinen Geschmack. Ich respektiere alles, was wild und schräg und phantasievoll ist, mag aber keine Tussi-Klischees. Deswegen begeistert mich in der Sendung am allermeisten Conchita Wurst, wenn es ums Styling geht. Diese Yoncé, die immer gute Bewertungen bekommt, ist mir auch zu klischeehaft „heißer Feger“. Alles kalkuliert und berechenbar, langweilig. Mein Favorit ist seit der ersten Sendung Bambi Mercury, außerdem aus Berlin! Wenn Bambi mal ins Hobby kommen würde, wäre ich sehr begeistert. Es sind lustige Abende, die ihresgleichen suchen!



Manche Postkarten, die ich erhalte, kann ich nicht vollständig abbilden, aufgrund von Befindlichkeiten, die mit dem Datenschutz zusammenhängen, was ich stets respektiere. Aber bevor ich die Karten dann ganz unterschlage, radiere ich lieber ein paar Sätze aus, die zuviel Transparenz bieten würden. Der Leser und die Leserin kann dann selbst den Text der Karte ergänzen und die Phantasie spielen lassen. Die Vorderseite der Karte, dieses heimelige Bild von Vincent hat nicht sehr viel mit der Mitteilung auf der Karte zu tun. Früher, in der Schule, besonders im Englisch- und Französisch- Unterricht gab es öfter mal als Aufgabe, dass man Sätze, in denen Wörter fehlten, ergänzen musste. Darin war ich immer recht gut. Und meine Leser doch sicher auch! Ich kenne ja nur hocheloquente Menschen mit galoppierender Phantasie.
Wer Schwierigkeiten hat, die Schrift zu lesen:
„Liebe Gaga, (…) Bundesinnenministerium muss (…) seit einigen Jahren (…) ungeduldig (…) Natürlich (…) eingeladen (…) gerne mal in echt sehen (…) Ausstellung (…) schon sehr gespannt. Liebe Grüße“
Nun Wimpern kleben!
Wer kommt morgen mit?
P.S. Darum gehts. Morgen schon um 19:15 (!) dort sein, so der Plan. Heute bei dm Fledermaus-Wimpern erstanden. An der Kasse lege ich das Päckchen hin, stolz verkündend: „Ich möchte meine Fledermaus-Wimpern bezahlen!“. Kassiererin: „Ach… trägt man die denn noch?“ Ich überlegend, ob ich wieder mal einen Trend übersehen habe, als er gerade total heiss war, und ich nun Jahre später endlich auch mal darauf komme, nun, wo keiner mehr Fledermauswimpern sehen kann. Quasi das Arschgeweih im Wimpern-Segment. Ich: „Wieso ‚ N O C H ‚ ?“ Sie: „Na, Halloween ist doch schon vorbei.“ Ich erleichtert: „Ach soo! Nein, nein, ich gehe morgen zu so einem Public Viewing in einen Club, von dieser Show „Queen of Drags!“ Sie: „Ah! Und da muss man dann auch mithalten!“ Ich: „Ja, genau!“ „Tschü-üs“. „Tschü-üs!“
Wieder einmal eine bildschöne Postkarte verschickt. Die ist aus der Galerie in meiner Straße, wo ich schon ein paar mal vor verschlossener Tür stand, und die Karte immer durch die Scheibe begehrte. Ich habe mir gleich zwei nehmen dürfen, eine für mich selbst, die andere zum Verschicken. Diese Postkarte geht an einen geheimen Ort in einem geheimen Bundesland, in dem unter anderem ein Gericht zu den regionalen Spezialitäten gehört, das ich gestern zum ersten mal in einem Schöneberger Restaurant gegessen habe. Dieses Gericht wird mit einer hellgrünen Soße gereicht, die mir eindeutig zu sauer war. Auch die Kartoffeln waren mir zu festkochend, aber sonst ein prima Lokal. Der Handkäs mit Musik war aber eine Delikatesse. Erstaunlich, dass sich dieser unattraktive, komisch riechende Käse, nach der Präparation mit Essig und Öl und Zwiebeln in so eine Leckerei verwandelt. Der Inhaber, der uns geradezu mütterlich bewirtet hat, kommt auch aus der Region dieser Spezialitäten. Motzstraße 10, Empfehlung!

Ich freue mich auf Anna Klatsche, Victoria Bacon und Brigitte Skrothum! Noch eine Stunde Zeit zum Anziehen. Mein kurzes silbernes Paillettenkleid ist zwar vergleichsweise eher schlicht, würde aber die Hauptprotagonistinnen umso mehr zur Geltung bringen. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Zum Fernsehen soll es ja auch bequem sein. Vielleicht erst mal mit dem Make up anfangen. In Sachen falsche Wimpern bin ich leider auch nicht so gut ausgestattet. Ich hätte da noch ein paar schwarzrotgoldene Deutschlandwimpern von der Fußball WM oder EM vor zehn Jahren ungefähr, so genau merke ich mir das alles nicht. Man kann natürlich auch wahnsinnig durch betontes Understatement auffallen. Mal sehen, was Lydia anzieht. Man muss aber auch immer im Hinterkopf haben, dass man nicht zur Wahl steht, sondern mehr so einen Art Jurymitglied darstellt. Sicher sind interessante Kommentare zur Show zu erwarten. Durchaus auch von mir! Also, auf ins Schmutzige Hobby! Showtime 20:15 Uhr.
Es war schön bei Imke in Müggelheim. Heitere und tiefe Gespräche im kuscheligen Hexenhaus, Geburtstagskind Imke die Königin im Bienenschwarm. Man möchte auch gar keine andere. So oft hatte sie mich schon eingeladen. Gut, dass ich die Reise auf mich nahm, denn das ist es bis Müggelheim. Auch wegen ihrer schönen Mama, wenn sie in mein Blickfeld kam, wähnte ich mich in Hollywood. Margret Dünser interviewt…Tippi Hedren? Ewige Schönheit. Neben mir ein überaus gewitzter Tischherr, der nur Dinge sagte, die man gerne hört. Passiert auch nicht so oft. Ich habe ein bißchen zu viel Grauburgunder getrunken, nachdem der Champagner alle war. Aber alles gut. Irgendwie heimgekommen, ein netter Gast mit weiblicher Begleitung lud ins Auto ein, zur Rückfahrt nach Berlin. Obwohl Köpenick und Müggelheim ist ja auch Berlin. Als ich zuletzt auf die Uhr sah, war es ungefähr Sieben Uhr morgens. Ich laborierte eine Weile an den Spätfolgen der vielen Gläser Wein, jetzt wieder o.k., zwei Tage nur Kaffee, Wasser, Tee. Das Bild zeigt ein Stückchen Imke, als ich sie das erste mal traf, vor zehn Jahren, im Dezember Zweitausendneun bei Sevenstar. Ich nehme an, ich habe aus Respekt nur die Beine fokussiert, die sich nicht wehren konnten. Sie hat auch einen sehr schönen und eigenwilligen Kopf, mit dem sie uns bestens unterhalten hat. Und ein großes Herz. Danke für diesen besonderen Abend.
Wunschkonzert. Das sind die übrigen Postkarten aus meiner Schachtel, manche schon über zwanzig Jahre alt. Zum Beispiel die auch noch ganz hübsche mit dem Tunis-Bild von August Macke oder die mit dem Fernsehturm im Sonnenuntergang. Der Rest ist teilweise etwas merkwürdig. Links und rechts von den Postkarten sind meine übrigen Briefmarken. Wer noch keine Postkarte bekommen hat, und sich auch eine wünscht, oder sogar schon eine bekommen hat und noch eine zweite möchte, kann sich jetzt eine davon aussuchen. Dann habe ich nämlich Platz in der Schachtel für die Postkarten, die ich in der letzten Zeit bekommen habe. Zufällig habe ich gestern erst entdeckt, dass am 1. Oktober 2019 das 150-jährige Jubiläum der Postkarte gefeiert wurde. Vor hundertfünfzig Jahren war es revolutionär, eine Postkarte zu schicken, es galt teilweise sogar als anstößig. Hier ist ein schöner Artikel im Spiegel zum Jubiläum: „Die Whatsapp der Kaiserzeit„, mit schönen Beispielen der ersten Postkarten. Ich sehe da noch viel Entwicklungspotenzial bei mir und meinen Karten. Ich werde zum Beispiel einige der verbliebenen Karten, die mir persönlich nicht so gut gefallen, noch etwas optimieren, lassen Sie sich überraschen!
Wer also eine nicht so attraktive aus dem Sammelsurium auswählt, kann damit rechnen, dass sie schöner ankommt, als sie jetzt aussieht. Außerdem habe ich in einer Galerie in meiner Straße im Schaufenster zwei bildschöne Künstlerpostkarten gesehen, die ich auch selbst gerne haben möchte. Bislang ist die Galerie leider immer gerade geschlossen, wenn ich vorbeigehe, ich schau später gleich noch mal vorbei. Es ist ja nicht so, dass ich nun keine Karten mehr schreiben werde, nachdem die aus der Schachtel aufgebraucht sind. Danach kommen schönere als je zuvor! Man muss sich natürlich auch für den Empfang einer Postkarte von mir qualifizieren, in dem man entweder sehr lieb zu mir ist und Bitte Bitte macht und mir natürlich auch die Postanschrift zukommen lässt, oder mir auch mal eine Karte schreibt. Wer zum Beispiel keine Postkarte von mir zu erwarten hat, sind die beiden letzten Absender der Post, die ich gestern, am 7. November 2019 im Briefkasten fand, nämlich die Deutsche Rentenversicherung mit der Information, wieviel Rente ich mal kriege, und der zweite Absender war die Sparkasse mit einem Kontoauszug von meinem Tagesgeldkonto. Ich werde diese beiden Poststücke auch nicht ablichten und hier einstellen, obgleich es natürlich sehr interessant für meine Leserinnen und Leser wäre. Das mit dem Tagesgeldkonto ist insofern erwähnenswert, als ich nun schon mehrfach meine offizielle Postadresse preisgegeben habe und damit klarstellen möchte, dass ich mein Erspartes nicht in einem Strumpf unter der Matratze aufhebe, es gibt also nicht viel zu holen, außer ein paar Postkarten und veralteten Geräten, die keiner haben möchte. Und die größten Schätze trage ich sowieso ordnungsgemäß im Herzen.

Am 6. November 2019 erhielt ich Post in Gestalt eines braunen DIN A 5-Kuverts mit dem hier abgebildeten Inhalt. Eine Postkarte mit der sehr schönen Behauptung „Ich hol dir die Sterne vom Himmel“ sowie einem kleinen Päckchen in der Größe einer Zigarettenschachtel mit 25 Zigaretten. Über das Internet erhielt ich zudem die Bitte, die rückwärtige Botschaft der Karte nicht zu veröffentlichen, die unter anderem besagte, dass ich das Päckchen erst Weihnachten öffnen sollte. Demzufolge sieben Wochen nach Erhalt des Präsents. Da ich keine Veranlassung habe, etwas anders als Zigaretten in dem Päckchen zu vermuten, habe ich kein Problem das kleine Geschenk einfach liegen zu lassen. Ich rauche ganz selten und habe noch Zigaretten vorrätig, sollte es mich überkommen oder sich ein spontaner Besuch einfinden, dem man neben einem Getränk auch noch etwas anderes anbieten möchte. Ich gab zu bedenken, dass die Bitte um Diskretion in Sachen der beschrifteten Rückseite eine Lücke in meinem Gesamtkunstwerk verursacht, die Kunsthistoriker dereinst stark beschäftigen könnte, aber ich konnte in der Angelegenheit nichts bewirken. Mittlerweile haben mich Warnungen eingeholt, dem mutmaßlichen Verehrer, der hier größten Wert auf Diskretion legt, nicht über den Weg zu trauen („Am Besten, Du lässt die Finger von dem. Der denkt nur an sich..“)
Zu allem Überfluss träumte ich letzte Nacht, ich hätte das Präsent vor Weihnachten geöffnet, es stellte sich in der Tat als die vermutete Zigarettenschachtel heraus, die jedoch nur noch zur Hälfte bestückt war. In einem Kommentar äußerte ich mich hierzu wie folgt:
„Meinst du, derjenige plant für Weihnachten einen Überraschungsbesuch und möchte nur Vorsorge treffen, dass ihm die Zigaretten nicht ausgehen? Ich habe leider Gottes immer wieder starke Raucher in der Vergangenheit in der Wohnung gehabt. Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich das Päckchen vorzeitig geöffnet habe und wie vermutet, war eine extra große Schachtel Zigaretten darin. Als ich den Deckel aufklappte, fehlte die Hälfte. Also handelt es sich nur um eine halbe Schachtel. Das lässt vermuten, dass der Schenkende auch in anderer Hinsicht halbe Sachen macht. Die Sorte hatte ich zu oft. Wie soll ich mich nur verhalten?“
Die Frage beschäftigt mich nun verständlicherweise. Falls meine Leser irgendeinen zielführenden Gedanken dazu haben, zeige ich mich offen. Diese Geheimnistuerei ist mir schon etwas suspekt, und ich spiele mit dem Gedanken, das Geschenk vor Weihnachten zu öffnen, um mir ein näheres Bild der genaueren Absichten zu machen. Ich meine: wer schickt denn Anfang November ein Weihnachtsgeschenk in einem Papier mit der geradezu aufdringlichen Aufschrift „Merry“ in der Mitte. Manche können ja auch nicht richtig Englisch und verwechseln „Merry“ mit „Marry“. Sollte ich mich innerlich auf einen weihnachtlichen Heiratsantrag einstimmen? Ist in dem Päckchen womöglich eine Schmuckschatulle mit einem Verlobungsring? Ich brauche jetzt wirklich guten Rat, wie ich mich verhalten soll. Aber nun zu Bett.


Ich habe mal wieder eine Postkarte geschrieben, das ist jetzt die schönste von den Verbliebenen aus der Schachtel. Mir fällt bei dem Motiv auf, dass es mich tatsächlich an einen Ausblick an der Havelchaussee auf die Havel erinnert, an so einer Anhöhe im Wald. Aber auf dem Motiv ist die walisische Küste zu sehen. Und viel Blau. Ina liebt Blau und geht gerne schwimmen. Auch eine meiner schönsten Briefmarken habe ich draufgeklebt, die Kreideküste von Jasmund ist da zu sehen. Ich bin da schon mal im Regen entlang gelaufen. Es ist interessant, die weißen Kreidefelsen, wenn sie nass sind, anzufassen, man hat eine ganz weiße Hand davon, die Kreide wird ganz schnell weich und glitschig. Ein Wunder, dass noch so viel übrig ist von den Kreidefelsen. Ich mag Kreide sehr gerne beim Malen, die matte, samtige Textur. Diese Karte geht in den hohen Norden von Berlin, wo Farin Urlaub aufgewachsen ist. Mehr verrate ich aber nicht, das fällt unter Datenschutz! Ich war heute noch nicht am Briefkasten, vielleicht habe ich ja auch eine Karte drin. Ich finde es sehr interessant, die Handschriften von meinen Freundinnen zu sehen, die waren mir zum größten Teil bislang völlig unbekannt. Eine Handschrift ist doch etwas sehr Persönliches. Und auch die Vorstellung, dass jemand extra eine Briefmarke aufklebt und zum nächsten Postkasten läuft, finde ich höchst ehrenvoll.

Vielleicht bastle ich demnächst selber Postkarten, wenn die in der Schachtel aufgebraucht sind, oder ich verschönere die übrigen ein bißchen. Mit einer Karte kann ich gar nichts mehr anfangen, sie hat als Motiv einen dunkelgrauen Untergrund und eine große beige Aufschrift, wie ein Foto von einem Ladenschild, das man an die Tür hängt, und darauf steht „HEUTE KEINE WARE“ Das war wohl mal kurz nach Mauerfall ein Lacher, so alt ist die Postkarte nämlich. Damals fand man es wohl kurios, dass es in einem Land innerhalb von Europa mal keine Ware, Bananen oder was eben in der DDR knapp war, gab. Finde ich heute einfach nur doof, den Kalauer. Die unfassbare Arroganz unserer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Die Karte hat es verdient, dass man vorne ein ansprechendes Motiv drüberklebt. Oder will hier jemand eine Postkarte von mir mit einem historischen Schild „HEUTE KEINE WARE“? Falls ja, bitte melden. Auf einen Familien-Kühlschrank geklebt, wäre es eigentlich schon wieder lustig, fällt mir gerade auf. Ich habe ja keinen zum Bekleben einladenden Kühlschrank, sondern so einen diskret eingebauten.

Heute keine Post im Briefkasten. Keine Karte, kein handgeschriebener Brief, keine Einladung, nicht mal Reklame. Dann zeige ich eben meine Mitbringsel von meinem Sonntagsausflug. Ich war in Charlottenburg. Zuerst im Bröhan-Museum und danach am Fehrbelliner Platz, in der sogenannten „Kommunalen Galerie„, was ein wenig trocken klingt. Ich studiere keine Veranstaltungskalender, daher komme ich auf meine Ausflugsideen durch Zufälle. Das entspricht meiner etwas fatalistischen Persönlichkeit. Alles, was ich so an Bemerkenswertem erlebt habe, ergab sich durch zufällige Eingebungen oder Begebenheiten. Die beiden Sachen in Charlottenburg kamen mir in den Sinn, weil ich auf dem Rückweg von meiner Werkstatt zu meiner Wohnung immer eine bestimmte Treppe zum U-Bahnhof Hermannstraße nehme. Und wenn man die Stufen herunterläuft, schaut man auf eine gekachelte Wand mit Schaukästen mit großen Plakaten. Also sehe ich beim Runterlaufen beharrlich, was da avisiert wird. Und da hingen unlängst zwei Plakate nebeneinander, die mir ins Auge sprangen. Das eine war für eine Ausstellung zu nordischem Design als Antwort auf das Bauhaus, im sehr schönen Bröhan-Museum in Charlottenburg, das sich vornehmlich Jugendstil und Art Déco widmet. Dort war ich seit vielen Jahren nicht mehr und ich war gleich neugierig. Das zweite Plakat war Knallorange und hatte eine große weiße 3 drauf, was ich sehr gelungen fand, und für drei Ausstellungstage von Charlottenburger Künstlern warb. Ich entdeckte es am ersten Tag der Ausstellung, dem Freitag, und sah, dass sie bis Sonntag, dem 3. November ging, bis achtzehn Uhr. Habe ich mir gemerkt. bzw. aufgeschrieben. Ich war an dem Tag vorher bei Galeria Kaufhof und hatte mir mein Armani-Parfüm nachgekauft, und zwei Proben bekommen, auch Parfum. Cool Water und noch was. Die waren in so kleinen Hochglanzpapp-Briefchen und einen davon habe ich für die Notiz zu den Ausstellungen benutzt, damit ich es nicht vergesse. Am Sonntag Nachmittag bin ich dann hin, alleine. Ich hätte nicht gewusst, wer sich so kurzfristig für einen Museums-Nachmittag mit mir erwärmt, und man ist ja auch freier, wenn man alleine loszieht. Einerseits habe ich gerne Gesellschaft, die sich auch für schöne Dinge begeistert, andererseits muss das oft von langer Hand geplant und verabredet werden. So konnte ich ausschlafen und mich in aller Ruhe fertig machen und dann losgehen, wann mir danach war.
Die Gegend, wo das Bröhan-Museum ist, gegenüber vom Schloss Charlottenburg, habe ich vor siebenundzwanzig Jahren oft besucht. Ich hatte nämlich einen Liebhaber, der am Klausener Platz wohnte und gerne Dauerlauf im Schlosspark machte und überhaupt sehr kulturbeflissen war. Damals gab es in der Ecke noch das Ägyptische Museum, ich rede von Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre. Inzwischen befindet sich die Ägyptische Sammlung im Neuen Museum in Mitte, der Umzug hat mit dem Mauerfall zu tun, nach dem verschiedene Museen neu organisiert wurden und die Sammlungen aus Ost- und Westberlin zusammengelegt wurden. Das schöne Berggruen-Museum gab es Anfang der Neunziger auch noch nicht, da muss ich auch mal wieder hin. Es ist direkt neben dem Bröhan. Als ich vom S-Bahnhof Westend Richtung Schloss lief, kam ich am Klausener Platz vorbei und überlegte, wo eigentlich die Wohnung von meinem damaligen Liebhaber war. Ich kam nicht mehr drauf, obwohl ich dort so oft geschlafen und gefrühstückt hatte. Es war eine Wohnung unter dem Dach und man konnte von seinem Balkon aus die Kuppel vom Charlottenburger Schloss sehen. Und er hatte einen Bananenbaum. Sehr idyllisch. Ich sah mir die ganze Ausstellung vom Bröhan-Museum an, nicht nur das nordische Design. Auch die schönen Möbel der Wiener Werkstätten und des Französischen Art Nouveau und das Silber von Georg Jensen, ganz oben. Da wo das ganze Porzellan und Silber in Vitrinen ist, steht auch ein Konzertflügel. Ich wunderte mich darüber. Beim Hinausgehen entdeckte ich eine kleine Karte mit annoncierten Konzerten, die in den nächsten Wochen im Bröhan-Museum stattfinden. Vielleicht gehe ich zu dem einen oder anderen. Und dann entdeckte ich noch die vielen vergangenen Ausstellungsplakate vom Museum, die man für sehr wenig Geld kaufen kann. Ich nahm eines mit, von einer Ausstellung mit Zeichnungen von Klimt und Schiele und Kokoschka und Kubin, aus dem Jahr 2005, die ich leider Gottes versäumt hatte, sehr schade.

Das recht große und schöne Plakat kostete nur drei Euro. Es ist ca. 60 x 90 oder sogar noch größer. Es gibt auch kleinere Plakate, die kosten nur 1,50 Euro. Unglaubliche Preise für so einen schönen Wandschmuck. Dann bin ich zur U-Bahn Richard-Wagner-Platz gelaufen. Ich war mindestens zwanzig Jahre nicht mehr in der Ecke, aber wusste noch die Richtung. Von da fuhr ich mit der U 7 bis zum Fehrbelliner Platz, wo ganz in der Nähe diese Kommunale Galerie ist. Überall waren Plakate in Orange mit der weißen 3, die Ausstellung war hauptsächlich im Obergeschoss. Ich bin recht schnell durch. Das liegt daran, dass ich mit einem scannenden Blick durch Ausstellungen laufe. Ich schaue mir nur Exponate länger an, die mich total anspringen, und davon gab es nicht viele. Ich blieb bei zwei Künstlern etwas länger stehen. Eine Frau hatte mysteriöse organische Malereien, relativ klein, die ich ganz gelungen fand. Und ihr gegenüber war ein Künstler, der aus meiner Sicht eine völlig andere Liga als der Rest war. Er spannte genähte Baumwoll- und Leinenfragmente auf Holzrahmen, in ganz subtilen Farbkombinationen, grafisch, flächig. Dass es genähter Stoff war, sah man erst, wenn man ganz nah dran war. Ein großes Bild war in Gelbtönen, schon verkauft. Es hätte 9000 Euro gekostet, und danach sah es auch aus. Ich hätte gar keinen Platz für so ein großes Bild, aber wenn ich eine Galeristin wäre oder ein Riesenhaus hätte, hätte ich es haben wollen. Ich sagte ihm, wie großartig ich seine Arbeiten fand, er freute sich. Unten gab es auch Wein und Kuchen und Kaffee, aber ich ging hinaus, ohne etwas zu trinken oder zu essen. Es war so gegen Viertelsechs, als ich wieder zur U-Bahn ging. So früh trinke ich noch keinen Alkohol, und ich kannte ja auch niemanden, dem ich hätte zuprosten wollen. Ich bin recht zurückhaltend und quatsche keine Leute an. Den Rückweg nahm ich über den S-Bahnhof Charlottenburg, mit der U 7 bis Wilmersdorfer Straße und dann ein paar Meter bis zur S-Bahn, fünfzehn Minuten Fahrt bis zum Hackeschen Markt, und schon war ich wieder daheim. War ein sehr schöner kleiner Sonntagsausflug.


Am Samstag hatte ich neben der Karte von Maria auch noch Post von Lydia. Sie hatte sogar ein Geschenk für mich, eine CD von Gustav Klimt, dachte ich im ersten Moment. Wusste gar nicht, dass er auch Musik komponiert hat, dabei bin ich doch wirklich sehr umfassend über das Wirken von Gustav im Bilde. Lydia war wieder einmal zu einem kleinen Scherz aufgelegt und hat eine CD von Aldi (wenn ich es recht verstehe), mit einem selbstausgemalten Cover versehen. Es gibt jetzt auch Malbücher für Erwachsene, die zur Entspannung beitragen sollen, also Ausmalbücher. Ob das Buch auch von Aldi ist, weiß ich nicht. Auf der CD ist wohl Entspannungsmusik, welche im Allgemeinen nicht zu meiner Entspannung beiträgt, eher im Gegenteil. Ich kriege ein bißchen schlechte Laune, wenn ich einen Klangteppich aus Panflöten und indischen Glöckchen garniert mit Synthesizer-Gesäusel hören muss. Aber das weiß Lydia ganz genau und amüsiert sich. Ich habe mich aber auch amüsiert, ja sogar sehr darüber gefreut, weil sie auch einen handgeschriebenen Beipackzettel, man könnte auch Brief dazu sagen, verfasst hat. Auf sehr schönem Büttenpapier. Auch gefällt mir, wie sie das Ausmalbild ausgemalt hat, und dass es die Wasserschlangen von Gustav zeigt. Den Spruch auf der Rückseite habe ich auch abgelichtet, er ist gar nicht verkehrt. Man kann ruhig mal schnuppern, wie der Regen in der Straße riecht, warum nicht! Sicher eine neuartigere Erfahrung, als auf das Smartphone zu glotzen. Also eine rundherum gelungene Post, sogar mit einem goldenen Bändchen versehen. So will ich auch jedes Detail davon verewigen. Nur die Schallplatte konnte leider noch nicht von mir gehört werden. Lydia hat mich auch davor gewarnt. Ich denke, ich werde die Warnung ernst nehmen, und die CD einfach in der Hülle lassen, wo sie am besten aufgehoben ist.





Am gestrigen Samstag fand ich Post von Maria im Postkasten. Eine Karte mit der Aufschrift: „Glück ist wie Schluckauf: man weiß nie, wann es kommt und wie lange es bleibt.“ Ich habe mich über den Gedanken gefreut, dass man ganz plötzlich vom Glück überrumpelt wird, obwohl man gar nicht mehr danach Ausschau hielt. Was man so Glück nennt. Dass es aber dann so kurz wie ein Schluckauf währt, ist natürlich kein so erbaulicher Gedanke. Meine tatsächlichen Schluckaufe waren meistens nach fünf bis zehn Minuten vorbei. Das jedoch, was ich als besonderes Glück empfand, dauerte immerhin meistens ein paar Stunden. Fünf oder acht, oder eine ganze Nacht. Na ja. Ohne in Details gehen zu wollen, ein seltenes Glück für mich ist zum Beispiel ein gemeinsamer Spaziergang draußen im Grünen, im Frühling, oder auch im Herbst, im Wald oder in der Wildnis. Ich habe gerade einen sehr schönen Film zu Ende gesehen, in dem auch viel Frühling und Wald ist. Und Glück. Er ist in der Arte Mediathek zu sehen. „Lady Chatterley“, in einer französischen Verfilmung von 2006, die Regie hat eine Frau geführt, Pascale Ferran. Ich habe selten so einen Film gesehen, mir fällt gar kein Vergleich ein. Diese langen Einstellungen, in denen sich Sehnsucht und Erotik aufbaut, die vor allem durch Blicke zu sehen ist. Ganz wunderbar. Er hat eine Überlänge, die abschrecken könnte, hundertsechzig Minuten. Ich habe ihn in zwei Etappen angeschaut, heute Nachmittag und jetzt gerade, und mich keine Minute gelangweilt. Eine Geschichte der Erfüllung einer elektrisierenden Zuneigung. Hier. Dieses Meisterwerk erhielt vor zwölf Jahren fünf Césars, darunter für den besten Film.


Hier ist meine Antwort auf die letzte Postkarte, die ich aus Manchester erhielt. Aber lesen Sie selbst. Im sechzehnten Jahr des Bloggens erfinde ich etwas Neues, indem ich meine neu erwachte analoge Konversation mit digitalem Dasein verbinde, ja vermähle. Im Grunde träumen wir doch alle davon, diese isolierte Internet-Existenz mit dem anderen Leben zu verbinden, ohne eine Grenze zu empfinden. Noch werden keine privaten Sachen abgehandelt, aber vielleicht doch, in nächster Zukunft. Dann muss ich mir Gedanken machen, was ich über Postanschriften hinaus diskret ausblende. Bislang ist alles unverfänglich. Wir werden sehen. Bis ans Ende aller Tage genauso weiter zu bloggen wie bisher, ist nicht spannend. Caswell Bay gehört zu Swansea. Ich war auf den Spuren von Dylan Thomas in Wales. Davon gibt es Bilder, analoge Bilder. Was wird damit geschehen. Ein Scanner wäre hilfreich. Zu Lebzeiten die eigene Historie verewigen. Vielleicht. Ja. Kein Instagram, atmende Bilder. Atmende Worte. Man kann im Grunde alles beatmen, es gibt kein Medium, das sich nicht eignet. Man muss es sich zueigen machen. Einfach alles. WIRKLICH ALLES.


Vor einigen Tagen fand ich beim Blättern am Briefkasten in einem Katalog vom Modeversandhaus Heine, eine kleine Postkarte. Fast hätte ich sie mit dem Katalog weggeschmissen. Ich weiß gar nicht, wie so etwas passieren kann, also physikalisch. Vielleicht wurde der Katalog zuerst eingeworfen, und die nicht gebundene Seite hat nach oben geschaut, und dann wurde die Postkarte hinterher geworfen, und dabei ist sie dann in den Katalog hineingefallen. Da ich in der Vergangenheit schon mal beim Versandhaus Heine bestellt hatte, bin ich in einem Verteiler und blättere dann auch mal kurz vor dem Wegwerfen durch, ein Glück! Ich kenne den Absender persönlich. Es ist ein sehr ordentlicher, wohlerzogener Mensch, wie man auch an der ordentlichen Schrift erkennen kann. Das Motiv aus dem Werk-Unterricht in Manchester ist auch sehr interessant, weil lehrreich. Man kann sich auch in ordentlicher Kleidung im Unterricht einfinden, es muss nicht immer Jeans und T-Shirt sein. Der Absender ist sehr gebildet und teilt gerne sein großes Wissen über alle Dinge der Welt. Ich habe mich sehr über die Karte und die ordentliche Schrift gefreut. Und auch sehr über den höflichen Stil, der mir sehr entspricht! Ich habe eine große Zuneigung zu Menschen, die sehr höflich sind, in einer Weise, wie es früher an der Tagesordnung war. Das bedeutet zum Beispiel, dass man jemandem Feuer gibt, wenn man ein Feuerzeug zur Hand hat, und das Gegenüber sich gerade eine Zigarette aus der Schachtel geholt hat. Die jungen Leute, so unter 39, kennen das ja gar nicht mehr. Da kann man eine Minute mit der Zigarette in der Hand dastehen, und das männliche Gegenüber raucht ungerührt die eigene Zigarette weiter, ohne Anstalten zu machen, das in der Hand parate Feuerzeug zu benutzen. Da kann man bei mir richtig punkten. Also in die andere Richtung. Nicht schön. Oder auch heutzutage praktiziert: während der Verabredung anzufangen, mit anderen Leuten zu telefonieren, nur weil das Mobiltelephon einen Anrufer anzeigt. Wenn es nicht gerade ein hochbetagter Mensch oder ein familiärer Pflegefall ist, der aufgrund einer Notlage durchruft, habe ich da keinerlei Verständnis und denke mir meinen Teil. Man kann doch in fünfzehn Sekunden abklären, ob es ein Not-Antruf ist, oder ob da nur jemand nett plaudern möchte. Des weiteren geißle ich junge Menschen und vor allem Männer, die topfit sind und in der Blüte ihrer Kraft stehen, und in der S-Bahn und U-Bahn einen Sitzplatz einnehmen, von dem sie auch nicht abrücken, wenn ein älterer oder schwächerer Mensch oder eine schwer bepackte Dame zusteigt. Das gehört sich nicht und ist für mich ein Ausdruck schlechten Benehmens und ich möchte keinen Kontakt mit den Personen haben. Die sind bei mir alle unten durch! Herr R. hingegen, der diese Postkarte verfasst hat, verfügt über vorbildliche Manieren und diese Postkarte rundet meinen ohnehin positiven Eindruck nur noch ab. Meinen verbindlichsten Dank dafür!


Die schönste Blumenpostkarte aus meiner alten Schachtel ging an Jenny, die Blumen sehr liebt. Ein Gruß vom Sommer in den Herbst. Wenn man die Karte anschaut, freut man sich schon auf den nächsten Frühling. Nur noch sechzehn Wochen, dann ist schon März. Das klingt eigentlich überschaubar. In der Zwischenzeit kann man dann mal die Herbst- und Winterkollektion aus dem Kleiderschrank vorführen. Man sollte sich also möglichst aparte Jacken und Mäntel kaufen, in denen man sich gerne präsentieren möchte. Ich habe jetzt zum Beispiel seit letzter Woche eine silberne Daunenjacke, in der ich in Kombination mit meiner schwarzen Sonnenbrille aussehe wie ein Rockstar! Das hat auch etwas für sich. Ich erntete heute bereits interessierte Blicke, sicher wurde darüber nachgedacht, ob man mich um ein Autogramm bittet. Ich bin da sehr ansprechbar und würde mich auch nicht zieren und alles freundlich unterschreiben. Also sprechen Sie mich ruhig an, wenn sie mich in meiner silbernen Rockstar-Jacke irgendwo auf der Straße oder in der S-Bahn sehen. Diese sehr schöne Mohnblumenpostkarte habe ich bestimmt schon fünfzehn oder zwanzig Jahre in meiner Schachtel aufbewahrt. Nun hat sie die goldrichtige Empfängerin gefunden. Die Sonne scheint gerade herrlich über Berlin. Man braucht zwar dringend eine dicke silberne Jacke, weil es doch herbstlich kühl geworden ist, aber die Sonne lacht so sehr, dass man spazieren gehen möchte, an diesem 1. November 2019. Gestern Abend habe ich meinen rosa Oleander vom Atelier-Balkon ins Kämmerchen ans Fenster gestellt, zum Überwintern. Da wird er nicht erfrieren. Schönes Wochenende!


Meine Sonntagspostkarte Nummer vier ging von Berlin Mitte nach Berlin Mitte und zeigt Berlin Mitte. Für Maria habe ich eine Briefmarke mit der Hl. Mutter Maria gewählt. Eine gelungene Postkarte zeichnet sich durch ein mit persönlicher Hingabe gewähltes Motiv und auch eine passende Briefmarke aus. Damit meine ich natürlich nicht das Porto. Es sollte schon ausreichend sein, aber es kann auch mal drüber sein, Hauptsache, das Bild auf der Briefmarke korrespondiert mit dem Empfänger oder dem Kartenmotiv. Ich bin da etwas perfektionistisch, was aber auch dazu beiträgt, die Wirkung zu steigern. Zudem denke ich auch daran, wie es sich farblich usw. in meinem Blogeintrag macht, oder dann später mal in einer Vitrine, wenn es eine große Gaga Nielsen-Retrospektive zu meinem Lebenswerk gibt. Auch solche Dinge sind zu beachten. So eine Postkarte ist ja kein Wegwerfartikel wie eine unattraktive Betriebskostenabrechnung von der Hausverwaltung, sondern für die Ewigkeit, zum steten Gedenken! Daher sollte man auch keine Sachen draufschreiben, die einem einmal leid tun könnten! Ich habe noch nie eine bösartige Postkarte geschrieben, das ist nicht mein Stil. Böse Mails übrigens auch nicht. Wenn mir etwas Böses oder Trauriges widerfährt, werde ich sehr stumm. Mir fehlen dann einfach nur die Worte. Ich finde nämlich auch, dass man ein völlig bescheuertes Verhalten nicht auch noch mit einer schriftlichen Dokumentation ehren sollte. Das gibt dem Unerfreulichen nur noch mehr Gewicht, das lehne ich prinzipiell ab. Also werden hier nur freundliche Postkarten gezeigt, denn andere gibt es gar nicht. Diese Postkarte habe ich auch in meiner Wohnung, im Badezimmer, schön gerahmt. Habe ich ja auch auf der Karte erwähnt. Maria kennt mein Badezimmer, da hängen ganz viele Bilder.


Das ist eine weitere Wunschpostkarte, die ich am Sonntag geschrieben habe. Auch nach Berlin geschickt. Ich befürchte, die Schrift hat sich bis zur Zustellung fast aufgelöst, weil ich blöderweise einen ungeeigneten Stift zum Schreiben benutzt habe, der auf dem glatten Kartenkarton schnell verschmiert. Ich rate somit ab, Vernissagen-Postkarten aus Galerien zu verwenden, es sei denn, man plant keine Beschriftung. Es steht ja auch schon immer was auf der Rückseite, was die Beschriftung platzmäßig erschwert. Ich hoffe, der Empfänger Bernward ist nachsichtig. Ich muss das doch auch erst wieder lernen, wie man eine Postkarte richtig schreibt. Auch schreibe ich viel zu groß, so passt fast nichts darauf! Die nächsten Postkarten schreibe ich nur noch auf nicht glattes Postkartenpapier und werde einen Bleistift verwenden. sowie viel ordentlicher und kleiner schreiben. Zum Glück mache ich immer eine digitale Kopie bevor ich die Karten verschicke, so kann der Leser noch einmal am Monitor lesen, was ich da eigentlich gekritzelt habe, und sogar reinzoomen!

Einen wichtigen Hinweis habe ich noch, wenn jemand auch mit dem Postkarten-Hobby beginnen möchte: beim Herausholen aus dem Briefkasten muss man ganz dringend Folgendes beachten: in den Werbebroschüren, die man gratis in den Briefkasten bekommt, könnte sich eine schon sehr erwartete Postkarte befinden! Wie schnell hat man dann die Reklame entsorgt und geht geknickt zurück in die Wohnung, weil man denkt, dass keiner an einen gedacht hat. Das muss aber nicht stimmen! Es kann ganz leicht passieren, dass eine wunderschöne Postkarte zwischen die Seiten von der Reklame gerutscht ist. Man muss immer schütteln, bevor man wegwirft, oder mal kurz durchblättern! Ich habe gestern Abend ein Reklameheft für die Herbstmode von einem Versandhaus herausgenommen, mehr war nicht drin, im Postkasten, dachte ich zuerst. Um nicht die neueste Mode zu verpassen, habe ich die Broschüre ganz schnell mal so durchgeblättert, bis ich bei den Daunenjacken war, und da fällt auf einmal eine hübsche kleine Postkarte aus den Seiten. Sogar aus England! Ich hätte sie fast mit dem Reklameheft weggeschmissen! Also immer die Reklamepost schütteln! Dann ist das Postkarten-Hobby eine sehr schöne Sache, die den Alltag bereichert und zuverlässig immer eine kleine Freude bringt. Auf der Postkarte von der Galerie ist ein Foto von einer felsigen Landschaft, wo weiß ich nicht, es steht nicht drauf. Aber mir gefällt sie sehr gut.

Am letzten Sonntag habe ich fünf Postkarten geschrieben, das ist die zweite, auch nach Berlin. Ich war am Abend zuvor in einem Konzert von einer Stones Coverband, die richtig gute Stones Vibes versprüht hat, was vornehmlich an dem Sänger lag, der ohne Hemmungen die ganze Spannbreite von Jagger Moves drauf hatte und auch vom Gesicht her ähnlich wie Mick aussah. Auch schon ein älteres Modell, aber noch viel Spannkraft. Es war keinen Moment peinlich oder Möchtegern. Die Band heißt Brown Sugar und hat sogar schon auf einer After Show Party der Stones gespielt und schon dreimal bei Vernissagen von Ron Wood, der seit langem malt. Das sind ja allerhöchste Weihen. Gehe ich gerne wieder mal hin. Wir haben wild getanzt, danach ließen wir uns im Rickenbackers noch von Freunden aufgabeln, die die Cover-Stones auch gut fanden, und die weiter zum Silver Wings wollten, wo diesmal aber nicht Mainstream à la Ma Baker Party geboten wurde, sondern schwere dunkle Techno, Elektro und Gothic-Sachen, die extrem basslastig waren, was ich sehr animierend fand. Wahnsinnig schöne Menschen im Publikum, total durchgestylte schwarze Outfits, Aufwändige Frisuren, gute Tänzer. Es war eine Augenweide. Ein Publikum, das man auch bei Rammstein Konzerten trifft. Freundliche Menschen. Ich verließ unsere kleine Gruppe wieder mal gegen zwei Uhr morgens, da ich nicht den ganzen nächsten Sonntag verschlafen wollte. Habe fleißig gemalt. Lydia hat ein paar Filmsequenzen von dem Brown Sugar Sänger gemacht, er war sehr kamera-affin. Da tat es mir ein bißchen leid, dass ich keine Kamera dabei hatte. Wären bestimmt tolle Bilder geworden. Die für Lydia gewählte Postkarte habe ich schon viele Jahre in meiner Schachtel, ich habe sie selber auch. Das ist der versteinerte Urvogel, eine Mischung aus D̶i̶̶n̶̶o̶̶s̶̶a̶̶u̶̶r̶̶i̶̶e̶r Reptil und Vogel, bei uns im Naturkundemuseum in Berlin. Ich mag Versteinerungen sehr.


Die erste Wunschpostkarte ging nach Berlin zu Marc. Ich hoffe doch, er freut sich. Ich finde sie selber sehr schön. Man sieht darauf das Dach vom U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg. Wie ich schon auf der Karte schreibe, finde ich die Dachkonstruktion von vorbildlicher Schönheit und wünsche mir sehr, dass Architektur wieder einen Sinn für Gestaltung entwickelt, die nicht nur von statischen Berechnungen gesteuert wird. Mein Auge freut es, wenn virtuos mit Formen gespielt wird. Und bestimmt nicht nur meines.

Wer sich noch eine Postkarte von mir wünscht, soll als Kommentar hier drunter schreiben: „ICH ICH ICH“! Habe noch ganz tolle in meiner Schachtel, mit Blumen und Berlin usw. usf.!

Bei der dritten Postkarte aus meiner alten Schachtel ist eine kleine Steigerung zu verzeichnen. Der Empfänger hat die Karte aber besonders verdient, da er mir im Laufe der letzten Jahre mehr als eine Postkarte zukommen hat lassen. Vor allem aus dem schönen Wien! Ich hingegen habe aber immer nur mit preisgünstigen E-Mails geantwortet. Jetzt schäme ich mich ein bißchen dafür und hoffe, strebe danach, mich mit dieser ersten Karte zu rehabilitieren.

Die zweite Postkarte aus der alten Schachtel geht nach Berlin. Derselbe Wohnort sollte kein Hinderungsgrund für den Versand einer Postkarte sein. Das wäre eine Benachteiligung der Berliner Bevölkerung, die ich nicht unterstützen werde. Die Postkarte geht von Ostberlin nach Westberlin. Ohne Mauer endlich kein Problem!

Meine erste alte Postkarte aus der Schachtel geht nach MUC! Aber mit schöner, ebenfalls recht alter Briefmarke. Ich verschicke zuerst die einfachen Karten, später dann die schöneren, wegen der Steigerung. Dramaturgie ist wichtig, in allen Lebenslagen! Auch beim Text mache ich mir viele Gedanken, ich hoffe, es kommt an!

Heute gehe ich früh schlafen, damit ich morgen ausgeruht bin. Ich schlafe nämlich unter der Woche immer zu wenig, weil ich bis in die Puppen aufbleibe. Manchmal nicke ich dann am frühen Abend kurz weg, der Fernseher läuft nebenher und gerade hat sich die Gruppe vom Perfekten Dinner noch begrüßt und ich falle plötzlich in Narkose. Dann blinzle ich kurz und schon werden die Karten mit den Bewertungen hochgehalten und ich weiß nicht, ob es nur 5 Punkte gibt, weil der Wein nicht nachgeschenkt wurde. Kann man dann ja in der Mediathek noch mal anschauen. Mache ich manchmal. Morgen möchte ich gerne nicht um 19 Uhr einschlafen. Ich habe nämlich eine Einladung zur Eröffnung der Van Gogh Ausstellung bekommen, und da will ich mich nicht daneben benehmen, indem ich einschlafe, wenn die Kuratoren was erzählen. Die Gefahr ist ja mitunter auch gegeben, wenn man kein Schlafdefizit hat. Also ich werde mich benehmen und aufrecht sitzen und zuhören. Hoffe, es gibt auch Getränke. Die Eröffnungen im Museum Barberini in Potsdam sind offenbar so gefragt, dass die Museumsleitung eine Art Losverfahren unter den Barberini Freunden macht. Wenn man Glück hat, kriegt man eine Mail mit einer Einladung, und darf eine Begleitung mitnehmen. Vincent Van Gogh hat schon einen einmaligen Blick auf die Welt gehabt. Das ist immer wieder magisch und ergreifend, weltberühmte Bilder zum ersten mal im Leben in Wirklichkeit, ganz aus der Nähe zu sehen. Ich freue mich sehr darüber. Und jetzt gehe ich schlafen.
Liebes Tagebuch,
heute ist ein besonderer Tag. Ich habe eine handgeschriebene Postkarte bekommen. Auf der Vorderseite ist ein Foto von einer Wand mit Efeu, und in der Mitte ist ein gelber Postbriefkasten mit Schlitzen. Auf der linken Klappe steht „Rechnungen“, auf der rechten Klappe steht „Liebesbriefe“. Ich habe mich sehr über die Postkarte gefreut. Sie kommt aus MUC! Die Absenderin fliegt dauernd um die Welt und sieht bestimmt öfter die Aufschrift MUC als Ortsschilder auf Straßenschildern.
Wenn man von oder nach Tegel fliegt steht da glaube ich immer TXL, ich weiß gar nicht, woher das X kommt. Ich bin auch schon von und nach Schönefeld und Tempelhof geflogen, habe aber vergessen, wie da die Abkürzungen sind, zu lange her. Viel zu lange. Na ja, von Tempelhof kann man ja nicht mehr fliegen. Und wie der neue Flughafen irgendwann mal heißt, weiß ich nicht, da war ich noch nie. Ich fliege total gerne, ich warte aber nicht gerne auf den Abflug. Aber wenn der Flieger auf der Startbahn Tempo aufnimmt, werde ich immer ganz aufgeregt und euphorisiert. Ich habe richtige Glücksgefühle. Angst habe ich noch nie gehabt, über den Wolken.
Mir tun die Menschen leid, die Panik kriegen beim Fliegen. Sie sagen immer, es wäre die Angst vor dem Kontrollverlust. Ich verstehe das nicht, weil man ja auch in anderen Zusammenhängen keine technische Kontrolle hat. Zum Beispiel habe ich keine Kontrolle über Schwachstellen im Stromnetz von meiner Wohnung. Ein Kabelbrand könnte sich entwickeln und die Bude abfackeln. Es könnte schon brennen, wenn die Sicherung rausgeflogen ist. Man könnte als Gast im Taxi fahren und ein Geisterfahrer kommt einem entgegen und rumms und aus und vorbei.
Mir sind Straßenbahnen viel unheimlicher als Flugzeuge. Wenn man träumt und über die Straße geht und die Tram schafft die Bremsung nicht rechtzeitig, das ist kein schönes Bild. Das quietscht auch so furchtbar. Mir ist das einmal fast passiert. Ich habe geträumt, bzw. war ich in Gedanken, nicht schönen, traurigen. Und bin wie ein Roboter am Hackeschen Markt Richtung Rosenthaler über die Straße, von rechts kam gerade die Tram und hat eine Vollbremsung hingelegt. Ich bin so erschrocken und habe mich geschämt. Weil ich fast einen Menschen ins Unglück gestürzt hätte. Den Fahrer meine ich. Die Menschen, die mir nahe stehen natürlich auch.
Seitdem warte ich immer ganz artig und aufmerksam bis es grün wird, da wo Straßenbahnschienen sind. Es ist eine unübersichtliche Ecke, da am Hackeschen Markt. Da habe ich großen Respekt. Aber Fliegen ist bis jetzt noch nicht durch dumme Erlebnisse belastet.
Ich will auch eine Postkarte zurück schreiben. Es ist so etwas Besonderes geworden. Ich habe eine Schachtel mit ganz vielen unbeschriebenen Postkarten, ich werde eine davon auswählen. Briefmarken hab ich auch.
In ein Tagebuch gehört auch das letzte Tanzvergnügen. Ich war ja gestern Abend erstmalig im SilverWings Club im Tempelhofer Flughafen, wo von 1953 bis zum Rückzug der Allierten, die Bediensteten der amerikanischen Schutzmächte und der amerikanischen Luftwaffe gefeiert haben. Der Club hat eine denkmalgeschützte Innenausstattung. Der Bequemlichkeit halber zitiere ich mich selbst, einen Kommentar von heute Vormittag unter meinem gestrigen Eintrag:
„(…) In manchen Sitzecken, besonders einer hinter der Wabentrennwand kommt man sich vor wie in einem alten James Bond Film. Die Innenausstattung sieht eher nach Sechziger/Siebziger aus. Vielleicht haben die Alliierten nach der Eröffnung 1953 auch mal nach zwanzig Jahren renoviert. Steht aber unter Denkmalschutz. Zum Glück ist die Musikanlage nicht aus der Zeit, der Sound ist gut zum Tanzen. Auch ein schöner Mix aus alten Knallern und dem Besten der Neuzeit. Großzügige Räume. Es gibt zwei Tanzflächen, die größere ist Nichtraucherbereich, die zweite abgetrennte, auf der dieselbe Musik läuft, ist für Raucher. Wir waren recht früh da, so Viertel vor Zehn, da war es schon gut besucht mit älteren Semestern meiner Generation, mit jeder weiteren Stunde wurde es voller und das Publikum und auch die Musik jünger. Habe ein Tonic und zweimal Sekt und Selters bestellt. Um zwei Uhr war ich rechtschaffen müde. Lydia hätte noch weitertanzen können. Ich muss an meiner Kondition arbeiten. Dafür ist der heutige Tag nicht komplett mit Ausschlafen verloren, hab auch keinen Kater. Man kann den Club tatsächlich mieten, wenn man aber nicht weiß, dass es alte Inneneinrichtung ist, könnte man denken, das es sich um Retro-Chic aus den Siebzigern handelt, also kein Fünfziger Jahre Flair. Wobei die Waben-Deko tatsächlich uralt sein könnte. Und manche Lampe, die Schummerlicht verbreitet. Überall ist es schummrig, so soll es sein! Der „Ma Baker Club“, der gestern statt fand, ist ein Denkmal für sich. Ein über 25 Jahre altes Partykonzept in wechselnden Locations, jetzt regelmäßig einmal im Monat im Silverwings. Es gibt noch eine zweite Partyreihe dort, die heißt „Eis am Stiel“, dort wird konsequent nur Fünfziger und Sechziger Jahre Musik aufgelegt, Mit Rockabilly Dresscode, aber nicht streng. Habe ich auch mal Lust drauf. Mit einem gepunkteten Kleid ist man da immer richtig angezogen, denke ich mal.“
Was ich in dem Kommentar unterschlage habe, waren die Annäherungsversuche. Also nicht von uns, sondern an uns. Besonders zutraulich war ein Visagist, wenn ich ihn richtig verstanden habe (er konnte nicht so gut Deutsch). Die Musik hat natürlich auch einen gewissen Pegel, so dass man auch jemanden oft schwer versteht, der unsere Amtssprache vollendet beherrscht. Ich habe aus seinen Worten herausgefiltert, dass er zwischen Istanbul und Berlin pendelt, wo er jeweils einen Laden hat. Möglicherweise hat er aber auch etwas ganz anderes erzählt. Ein netter junger Mann, der mich mit glänzenden, ja ich möchte sagen funkelnden Augen betrachtete. Ich schätze mal Anfang Dreißig.
Für mich ist es immer etwas anstrengend, eine Unterhaltung zu führen, bei der man jedes Wort in verschiedenen Betonungen wiederholen muss, damit sich die Chance erhöht, dass das Gesagte verstanden wurde. Zum Glück raucht Lydia, so konnte er wenigstens seine angebotenen Zigaretten an die Frau bringen. Mir war nicht nach Rauchen, ich praktiziere das nur nach Lust und Laune. Er stellte sich sogar mit Handschlag und Namensnennung vor, ganz artig. Auch sein Freund wurde namentlich vorgestellt, daraufhin stellten auch wir uns namentlich vor. Da die Konversation dann etwas ins Stocken geriet, tanzten Lydia und ich wieder eine Runde.
Die Musik war tatsächlich gut ausgesucht, man hatte richtig Lust, sich zu bewegen. Auf einmal war unser Kavalier aus Istanbul weg, aber nicht auf der Tanzfläche vom Raucher-Bereich. Egal. Nach noch ein paar Nummern hatte ich Lust nachzuschauen, wie sich die andere Tanzfläche mittlerweile entwickelt hat, wir gingen nach nebenan. Ich sah schon von weitem unseren Verehrer mit seinem Kumpel, Lydia wohl nicht, sie ging nach vorne zur tanzenden Meute. Ich hingegen bog ab in das interessante Séparée hinter der Wabenwand, die mich immer wieder an Dalli Dalli erinnerte. Da saß ich eine Weile auf der denkmalgeschützten Ledercouch und betrachtete den sehr speziellen Wandschmuck über den Sofas. Der war bestimmt noch aus den Fünfzigern. Seltsame Kupferbilder mit afrikanisch anmutenden Ornamenten. Links und rechts davon je eine aparte Stehlampe mit Leinenschirm, die angenehmes Schummerlicht verbreitete. Ich schaute dem Treiben eine Weile zu.
Nach etwa fünf Minuten kam Lydia und freute sich, mich gefunden zu haben. Sie nahm neben mir auf der Couch Platz, wir tauschten uns ein wenig aus, aber die Zweisamkeit währte nicht lange. Da strahlte uns schon wieder unser Visagist aus Istanbul an, einen dritten Freund im Schlepptau, der uns beiden wohlwollende Blicke schenkte. Schon saßen wir zu viert im Séparée und unser türkischer Freund startete den nächsten Anlauf des Versuchs einer Unterhaltung. Ich lächelte verständnisvoll. Mich hatte er ja schon im Raucherstübchen nach meiner Herkunft befragt. Ich hatte „Berlin“ als Antwort im Angebot. „Deutschland?“ war die Rückfrage. „Ja, ich bin aus Deutschland.“
Nun war Lydia dran. Wo denn nun meine Freundin herkäme, wollte er wissen. Lydia, die links von mir saß, und gerne Späßchen macht, flüsterte mir zu, dass sie ja antworten könnte, sie wäre Griechin, mal sehen, wie er darauf reagiert. Die Türken und Griechen können ja mitunter nicht so gut miteinander, könnte eine interessante Reaktion zufolge haben. Da Lydia weiter von ihm weg saß als ich, antwortete ich assistierend: „Griechenland, Greece!“ Er verstand nicht gleich. Ich: „Greek. Aus G R I E C H E N L A N D .“ Er: „Ah….!“ Möglicherweise hatte er es gar nicht verstanden, das war aus der Folgefrage nicht zu eruieren. Diese war: „Urlaub?“ Ich: „Ja, Urlaub! Sie macht hier Urlaub.“
Lydia entgleisten die Gesichtszüge, sie musste einen Lachanfall unterdrücken, es gelang nicht. Passenderweise kam gerade ein neues Lied, das den Impuls auslöste, dringend tanzen zu müssen. Wir verließen die beiden Herren im Waben-Séparée und legten eine weitere flotte Sohle aufs Parkett. Ich ging dann recht bald mit meiner griechischen Freundin Richtung Garderobe, um meine Rockerjacke und ihr Mäntelchen auszulösen. Auf dem Weg zur U-Bahn fragte ich sie, wie ihr Deutschland gefällt. Sie fand es recht interessant und möchte gerne noch mehr davon sehen.
..geht heute tanzen in den Silverwings Club, zur Ma Baker Party! Muss mich noch anziehen.

Zitat aus einem schönen Blogeintrag. Mit „ihr drüben“ bin ich gemeint. Ich kann den Eintrag ja nur schön finden, da es so ziemlich das Ausgiebigste ist, was eine Blogger-Freundin mir je öffentlich schriftlich zuteil werden ließ. Das allererfreundlichste noch dazu. Diese von ihr erwähnten, nicht selten bekenntnisreichen Unterhaltungen über ein Kommentarfeld unter einem Blogeintrag spielen sich zwischen München (und manchmal auch anderen Metropolen) und Berlin ab. Weil man realistischerweise davon ausgeht, ausgehen kann, dass sich im Bekannten- und Freundeskreis kaum einer die Mühe macht, die Kommentare unter unseren Einträgen analytisch zu verfolgen.
Mit „Kommentare“ ist nicht die eine oder andere Anmerkung in Facebook gemeint, sondern in unseren altmodischen Blogs. Da kann man sich dann mal so richtig aussprechen. Dass mitunter private Sachverhalte dort öffentlich zugänglich verhandelt werden, liegt an dem Wohnzimmergefühl und weil man auch nichts dagegen hätte, wenn sich andere, den Angelegenheiten quasi „neutral“ aber doch mifühlend gegenüber stehende Leser gedanklich und gerne auch kommentierend einbringen würden. Es machen aber so gut wie nie andere Leser, was auch zu diesem Gefühl beiträgt, dass man sich in einem versteckten, schummrigen Séparée befindet, aber sicher nicht bloß- oder in Frage gestellt.
Es gibt doch sehr verschiedene Leser- und Freundeskreise bei unseren Blogs und bei Facebook. Wenn man sich über viele Jahre gegenseitig liest, weiß man eine ganze Menge über seine Bloggerfreundinnen. Und weiß auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ich möchte unsere geflüsterten Gedanken im Séparée keinesfalls missen. Es handelt sich nicht um weinerliche Kummerkastenkonversation, sondern hochgradig welthaltige Angelegenheiten und Erkenntnisse, die sich aus urpersönlichem Erleben und Beobachten gedanklich dynamisch entwickeln und gratis allen als Lektüre zur Verfügung stehen. Wer suchet, der findet. Ich mache ja seit 2018 doppelte Buchführung auf gaga.twoday.net und gaganielsen.com. Man muss immer auf die Überschrift klicken, um das Kommentarfeld und die bereits vorhandenen Kommentare zu sehen. Ich schreibe immer noch den initialen Eintrag auf twoday und copypaste dann zu wordpress. Und zuletzt kopiere ich denselben Text in ein facebook-Statusmeldung-Fenster, wo dann aber nicht alle eingebauten Fotos sichtbar sind, das geht nur in Blogs, zumindest in der von mir gewünschten ästhetischen Form.
Ich lade alle herzlich ein, auch wenn es noch nie geschehen ist, unter den Blogeinträgen (alten, neuen, uralten) auf gaga.twoday.net oder gagnielsen.com zu kommentieren, das geht sogar auch anonym, die Möglichkeiten sind vielfältig. Auf meinen beiden Blogs sind alle Einträge und Kommentare bis zum Ende meiner Tage sichtbar. Bei Facebook setze ich immer nur ein paar ganz aktuelle auf sichtbar.
Das war jetzt viel Hintergrundinformation zu später Stunde. Kann ja nicht schaden – und falls zu langatmig: im Zweifel liest eh keiner so lange Einträge zu Ende und ist schon längst weg, um das nächste Pizzafoto zu liken. Dann aber bitte nicht demnächst beschweren, dass ich bei nächster privater Begegnung keine Lust habe, alles noch mal live nachzuerzählen, was ich schon detailliert geschrieben habe.
Ich finde nicht, dass enge Freunde beanspruchen können, eine Live-Nacherzählung von dem zu erhalten, was ich bereits detailverliebt gebloggt habe. Freunde können anderes von mir erwarten. Zum Beispiel Gespräche unter vier Augen, in denen ich Sachen offenbare, die ich noch nicht mal in dieses erwähnte öffentliche Kommentarfeld zwischen München und Berlin schreibe. Und das ist ganz schön viel und superexclusiv.
P.S.
das Foto da oben ist vom 1. Februar 2004, mit einer analogen Kamera mit einem batteriebetriebenen ferngesteuerten Selbstauslöser fotografiert. So machte man das damals. Ich sitze vor meinem allerersten Notebook, einem Sony Vaio, das Bild ist fünfzehn Tage vor meinem ersten Blogeintrag gemacht. Das alte Notebook steht jetzt in meinem Atelier, es funktioniert immer noch, aber dient mir jetzt mit einem kleinen Lautsprecher aufgerüstet, als Jukebox für meine Lieblingsmusik. Diesen Eintrag gerade schreibe ich von genau demselben Ort, auf einem großen Bodenkissen, mit meinem mittlerweile dritten Notebook. Ich habe immer sehr gute Geräte gekauft, alle funktionieren noch.
requiem
1:12:16
~
‘The songs on the first album are the children. The songs on the second album are their parents. Ghosteen is a migrating spirit.’ Nick Cave
Das Requiem, liturgisch Missa pro defunctis „Messe für die Verstorbenen“, auch Sterbeamt, ist die heilige Messe für Verstorbene. Der Begriff bezeichnet sowohl die Liturgie der heiligen Messe bei der Begräbnisfeier der katholischen Kirche als auch kirchenmusikalische Kompositionen für das Totengedenken. Er leitet sich vom Incipit des Introitus Requiem aeternam dona eis, Domine „Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr“ ab. Wikipedia
Der Countdown läuft. Im Zuge der 5000 habe ich bereits ein bisschen über meine Gäste (Kommentierende) geschrieben. Heute und über die nächsten 38 Tage möchte ich ein paar hervorheben und – natürlich sehr subjektiv – erklären, wieso ich bei ihnen ebenfalls gerne zu Gast bin. Das hat übrigens durchaus Potenzial für ein sogenanntes Bloggerstöckchen.
Gaga ist nicht nur eine hervorragende Fotografin, sie versteht es auch wie keine andere, sich selbst mit Wort & Bild in Szene zu setzen. Doch der virtuelle Eindruck täuscht. Sie ist keine Egozentrikerin, keine Selbstdarstellerin im herkömmlichen Sinne. Gaga drückt einfach nur aus, was sie denkt und fühlt. In echt wirkt sie zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern und beherrscht die hohe Kunst der Hintergrunddominanz – eine Fertigkeit, die guten Fotografierenden gemein ist.
So Gaga wie ihr Name prophezeit, ist sie gar nicht. Ab und zu macht sie lustige Sachen, wie beispielsweise Stummfilme drehen oder in einer Radiosendung auftreten, Literarisches vortragen oder MRT Selfies veröffentlichen. Sie hat – wie ich – einen Faible für Grande Dames. So ehrte Sie Brigitte Bardot zu deren Geburtstag oder schrieb über Hildegard Knef und die, die sie persönlich kennengelernt hat. Es gibt aber auch andere Serien, in denen sie nur über alltägliche Begebenheiten schreibt – so im Goldenen Notizbuch.
Ich schätze die offene und ehrliche Weise in der sie schreibt. Manchmal entstehen daraus längere Unterhaltungen, in denen wir meist stark vom Thema abschweifen. Dann sitze ich daheim und warte auf eine Antwort hier oder bei ihr drüben, die nie lange auf sich warten lässt. Das ist ein bisschen wie zeitverzögertes Telefonieren, bei dem wir öffentlich abgehört werden, weil sich nie jemand anderer beteiligt. Und manchmal denke ich, wir sollten wirklich richtig miteinander sprechen, denn ich mag auch ihre dunkle, warme Stimme.
Seit gestern weiß ich nicht, ob da ein naher Verwandter gestorben ist oder die Ankündigung von Nick Caves Requiem nur dem Künstler huldigt. Ich möchte ungern stören, zumal ich keine Kontaktdaten mehr habe. Irgendwann werden wir aber unsere Unterhaltung fortsetzen, da bin ich sicher.
tbc.
https://smartass.blogger.de/stories/2739770
und mein Kommentar darunter:
gaga, 16. Oktober 2019, 20:06
...ich will doch gar nicht immer zuerst kommentieren – – – aber deine letzten Gedanken muss ich ganz schnell aufklären, der Hinweis zu Nick Caves Meisterwerk, diesem Requiem für seinen Sohn – ich fühle tief mit ihm. Mir ist seit 2014 (als mein Neffe in einem Fluß ertrank) kein ganz eng familiär nahestehender Mensch mehr gestorben.
Mich hat dieses Requiem so sehr ergriffen, mir fehlen die Worte. Wenn man nahestehende Menschen zu betrauern hat, trauert man auch noch Jahre und Jahrzehnte danach. Ich musste weinen, als ich es hörte. Diese Musik ist so tief ergreifend und ewig, ich kann es nur ans Herz legen.
Und deine vorangehenden Worte ergreifen mich auch sehr. Ich habe mich von dir immer verstanden und gesehen gefühlt. Sehr gewürdigt. Denn Würdigung ist in dieser virtuellen Dimension ein verständiger Kommentar, unendlich mehr wert, als ein hastiger Like-Klick. Dafür danke ich dir sehr. Ich hoffe, denke, du weißt, dass ich nie aus Höflichkeit oder Opportunismus irgendwo kommentiere (tatsächlich genießt du eine exclusive Dichte, ich kommentiere insgesamt sehr wenig). Die Kommentare bei dir werden deshalb oft länger, weil ich vorher viel nachgedacht habe, oder währenddessen…. und so geht es dir vielleicht auch bei mir. Ich bin total gerührt über deinen Eintrag, weil er mir ungefähr so viel bedeutet, wie irgendwelche Blogger-Awards, für die ich nie in Betracht gezogen wurde, in den vielen Jahren des Schreibens. Und du glaube ich auch nicht. Aber wir schreiben ja auch nicht für einen Award, sondern weil wir es dringend brauchen, auf diesem Weg die Gefühle und Gedanken ein wenig zu ordnen.
Ich stoße jetzt in Gedanken mit dir an. Auf all das geschriebene Herzblut, das vergangene und das kommende.








Wie ist die Halbwertzeit von Fotografien? Ein Tag, zwei, eine Woche? Kann man noch Bilder posten, die gut zwei Jahre zurückdatieren, oder ist das irrelevant, weil nicht nah genug an der Gegenwart? Was immer geht, sind richtig alte Fotografien aus der vordigitalen Ära, nostalgische Gefühle werden ausgelöst, man ruft die eigenen halb verblichenen, verfärbten Bilder seiner Kindheit und Jugend ab. Aber digitale Aufnahmen von vor ein paar Jahren? Das eine oder andere Highlight wird vielleicht genauso gewürdigt wie ein besonderes aktuelles Bild, aber eine ganze Reihe? Das sieht sich doch keiner an, es sei denn man ist eine Ikone von Weltrang, oder? Auf dem Rechner, der meine Fotografien beherbergt, die ich nie veröffentlicht habe, sind noch ein paar Reihen, wie diese hier.
Ich habe tatsächlich Bildstrecken nach hinten geschoben, die mir eigentlich etwas bedeuten, aber vielleicht kaum jemandem sonst, um Aufnahmen den Vorzug zu geben, die Freunden etwas bedeuten. Eine der hinten runtergekippten Strecken ist zum Beispiel diese hier von meinem Geburtstag vor zwei Jahren, an dem die Ausstellungseröffnung in Soeht 7 war, an der ich beteiligt war. Ich fand es so unendlich schade, dass ich am Abend der Eröffnung nicht die Zeit fand, all die Gäste, über die ich mich sehr freute, zu fotografieren. Man hat anhand der Bilder den Eindruck, dass kaum jemand da war, dabei wirbelte ich die ganze Zeit auf dem Lichthof und zwischen den Zellen und Besuchern und Gratulanten herum, freute mich über Blumen und liebe Besucher, die ich seit langem persönlich kenne, saß vor den laufenden Bildern in der großen Zelle und erzählte Hintergrundgeschichten zu hunderten Bildern, die abliefen, vor allem Schwarzweiß-Portraits, teilweise von bekannten Menschen. Ich hatte großes Vergnügen, von den Begegnungen zu erzählen, dabei lief Musik, meine Lieblingsplaylist.
Oben im Kuppelsaal wurde zu Beginn eine Ansprache von Jan, der mich mit ins Boot geholt hatte, gehalten und ich sagte auch ein paar Worte. Davon gibt es leider keine Bilder. Die Stunden vor der Eröffnung waren von Eile und Hektik geprägt, ich machte eine wichtige Erfahrung, nämlich, dass man wenigstens einen Tag vorher eine Generalprobe machen sollte, mit dem kompletten Setting aller Exponate, um dann ausgeruht und entspannt die Gäste zu begrüßen, sich ihnen in aller Ruhe zu widmen. Ich kam dann aber doch langsam runter, als es schon lief. Einige Besucher aus der Berliner Galeristen- und Kuratorenszene gaben mir damals ein Feedback, das mich besonders freute, weil sie mir nicht aus freundschaftlicher Verbundenheit nette Worte zukommen lließen, sondern aus professioneller Sicht. Ich kann das hier nicht wiedergeben, obwohl ich es genau erinnere, weil es teilweise mit Vergleichen zu tun hatte. Ich kam dabei sehr gut weg.
Der damalige Hausherr Jochen Hahn, damaliger künstlerischer Leiter von Soeht 7, hatte im Vorfeld Gelegenheit, sich virtuell ein Bild von meinen Exponaten zu machen, aber er hatte wohl nur durchgezappt, und stand nun vor mir und berichtete mir mit Staunen im Gesicht, dass das ja richtig, richtig gut sei, was ich da aufgebaut hatte. Ich fand es selber ja auch. Ich weiß schon, wann etwas gut ist, sei es bei anderen oder mein eigenes Zeug. Sehr schön war auch, mit einer arrivierten Fotografin vor den laufenden Bildern zu sitzen und ihre sehr aufmerksamen, differenzierten Kommentare zu hören. Das war ein Geschenk für mich. Aber auch die Rosen von Lydia und Modeste in Begleitung von Wortschnittchen Stefanie, die Wiesenblumen von Jenny und Fabian, die guten Flaschen und schönen Kleinigkeiten von Anne und Ilka und Max. Dass Imke vom anderen Ende der Stadt da war, und auch Michaela und Evelyn, Ina eh. Und Cosmic. Und last but not least Alban. Für die mir liebsten Menschen hatte ich ein paar Flaschen Champagner auf Eis unter meinem Tisch mit dem Notebook in der großen Zelle gebunkert. Es war eine gute Erfahrung, dieser erste von drei Tagen Ausstellung im alten Frauenknast von Lichterfelde. Die paar Reibereien im Vorfeld mit meinem künstlerischen Zellennachbarn waren vergessen. Ich fiel zufrieden ins Bett, nach diesem ersten September 2017.







Wow Cover von BILLIE JEAN – Heath Brandon

In Gedenken an Irina Rosanowski. 13. Juni 1981 – 12. Oktober 2018. Ein gemeinsames Bild vom 26. Mai 2013, aufgenommen in der Galerie Carpentier. Wir steckten immer schnell die Köpfe zusammen, wenn wir uns trafen. Unterhaltungen mit Irina waren tiefgründig und amüsant zugleich. Ernsthaft und albern, melancholisch und heiter. Praktisch und absurd. Es gibt solche Menschen. Aber nicht viele. Schon deshalb fehlt sie jedem, der sie gekannt hat. Ich sende einen Gruß nach oben, in deinen Himmel. Rauche keine Zigarette, gebe dir aber gerne in Gedanken Feuer.
ja
„On ne juge pas du mérite d’un homme par ses grandes qualités, mais par l’usage qu’il en sait faire.“
François de La Rochefoucauld
Les réflexions ou sentences et maximes morales (1665)
[Man sollte einen Menschen nicht nach seinen Vorzügen beurteilen, sondern danach, wie er sie benutzt.]
Ich muss allen meine Lieblings-Fernsehdokumentation ans Herz legen, die vierzigteilige Serie „Berlin, Schicksalsjahre einer Stadt“, beginnend mit 1961, endend mit dem Jahr 1999. https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre So schön und bewegend. Es werden jeweils die Highlights aus Ost- und Westberlin eines jeden Jahres chronologisch mit altem Archiv-Material und Zeitzeugen-Interviews mit prominenten und unbekannten Berlinern, liebevoll zusammengeschnitten, gezeigt. Mir geht bei jeder Folge das Herz auf, ich liebe diese Stadt sehr. Wenn ich schreibe ‚diese‘ ist das im Grunde unangemessen distanziert. Meine. Mein Berlin.

Am kommenden Samstag ist das Jahr 1986 dran, für mich besonders aufregend, weil es das Jahr ist, in dem ich nach Berlin zog, am zweiten April. Ich fühlte mich wie neugeboren, mochte sofort alles, so wie man frisch verliebt unbedingt alles an seinem Liebsten gut findet, gut finden will, sich allem hingibt, ohne ein Haar in der Suppe zu suchen. Hat sich bis heute nicht verändert. Ich bin ein sehr treues Wesen. Ich freue mich sogar, den mittlerweile 77-jährigen Eberhard Diepgen in den Folgen über die Achtziger Jahre wiederzusehen, der damals Regierender war. „Ebi“ gehörte zu meinem zu entdeckenden Abenteuerspielplatz wie die Berliner Abendschau. Irgendwie mochte ich ihn, obwohl er in der falschen Partei war. Heute kann ich das ja zugeben. Ich habe damals immer grün gewählt, aber ich konnte schon immer Sympathien für einzelne Politiker von Parteien entwickeln, deren Programm mich insgesamt eher befremdete. Ich mochte zum Beispiel auch Norbert Blüm und Heiner Geißler. Wie auch immer – diese gigantische Doku ist ein wahrer Schatz, den ich nur allen, die Dokumentationen und vor allem Berlin lieben, ans Herz legen kann. Und sie ist komplett mit allen Folgen in der Mediathek vom rbb verfügbar. Meine Empfehlung für herzerwärmende Herbstabende im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher.
Lese gerade auf gmx einen Artikel über die „Mittelmeerkost“, die als gesund angepriesen wird, was bestimmt nicht völlig verkehrt ist, folgendes ist dort zu lesen:
„Charakteristisch für die traditionelle Mittelmeerküche sind mediterranes Gemüse wie Tomate, Paprika, Zucchini oder Aubergine, Fisch und Olivenöl sowie Hülsenfrüchte und Obst.“
Ja, o.k. Aber dann lese ich:
„Ergänzt werden die Gerichte durch Vollkorn- und Milchprodukte. Statt ungesundem Salz werden frische Kräuter verwendet.“
Ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, jemals beim Italiener, Spanier, Griechen oder Portugiesen ein Gericht mit „Vollkorn“ und ohne „ungesundes Salz“ gegessen zu haben. Durch die Bank backen die Mittelmeerländer Weißbrot, auch in Südfrankreich gibt es traditionelles helles Baguette, dann dieses (für mich) sehr langweilige Ciabatta bei den Italienern, wüsste nicht, dass sich das geändert hätte. Von wegen mediterrane Küche ohne Salz, das ist ja der allergrößte Unsinn. Ich esse seit Gedenken immer sehr gut gesalzene (und gepfefferte) Gerichte. Ich gebe sogar beim Kaffeekochen eine Prise Salz hinzu, was auch der eine oder andere „mediterrane“ Kaffeekoch praktiziert, da es sich sehr schön auf das Aroma auswirkt. Mein massiver Salzkonsum hat sich bis jetzt noch nicht nachteilig auf meine Verfassung ausgewirkt, laut der Charité-Studie sind meine Gefäße zehn Jahre jünger als es meinem biologischen Alter entspricht. Wüsste nicht, durch welches Kraut man Salz angemessen ersetzen kann. Ich liebe es mit Kräutern zu kochen, aber hatte noch nie den Eindruck, dass sich Salz geschmacklich durch Zusatz von Basilikum oder dergleichen erübrigt hätte. Also nicht alles glauben, was auf gmx und web.de an Unsinn verbreitet wird!
Heute Abend um 19:15 und 00:40 Uhr auf ZDFinfo.
Gerade große Rührung und Aufregung in meiner engeren Familie. Ein Stück Familiengeschichte ist verfilmt worden, vom ZDF, vorgestern Erstausstrahlung auf 3Sat. „Der Doppelgänger von Ostberlin“. Der Film handelt von der ungewöhnlichen Flucht des Ostberliners Michael Schneider mit dem Pass eines Dänen. Es gab in den letzten Tagen mehrere Zeitungsartikel zu dieser Doku, im Berliner Fenster in der U-Bahn sah ich heute einen Teaser für diesen Beitrag in der B.Z. dazu.
Radio Eins hat ein Interview mit der Regisseurin gebracht, das kann man hier nachhören. Darin verrät sie auch etwas sehr Persönliches der Beteiligten. Nämlich, dass die unmittelbar Betroffenen, die Eltern und Michael vor den Interviews für die Doku nie mehr über das Thema gesprochen haben. Es hat bestimmt viel aufgewühlt, aber auch viel geheilt.
Das Thema ist natürlich eine Punktlandung zum Tag der deutschen Einheit und zum dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls, aber es ist auch eine besondere Geschichte, die ich schon lange kenne, nämlich seit sie passiert ist, seit 1988. Der geflüchtete Michael ist mein Großneffe (obwohl er nur drei Jahre jünger ist als ich), der Enkel der Cousine meines Vaters. Da der Kontakt trotz der Mauer nie abgebrochen ist, und im Rahmen der Möglichkeiten intensiv gepflegt wurde, waren wir immer sehr gut auf dem Laufenden. Man hörte immer wieder Geschichten von Michaels Vater Wolfgang, der bis zu dessen Ausreise Ende der Siebziger mit Manfred Krug im Studio und auf den Bühnen der DDR aber auch international unterwegs war, man traf sich auch privat, und meine Familie hörte permanent von der beständigen Überwachung. Vor allem meine Tante Anna schickte sehr regelmäßig Westpakte zu ihrer Cousine Anna, der Oma von Michael, nach Ostberlin in die Ho-Chi-Minh-Straße (heute Weißenseer Weg), wo sie damals wohnte. Wir bekamen auch Päckchen im Gegenzug, wo dann liebevoll verpackt, Gesticktes und Geschnitztes aus dem Erzgebirge übersendet wurde und feine Karlsbader Oblaten, besonders zu Weihnachten.
Als Michael im März 1988 mit dem abgeluchsten Pass des Dänen rübergemacht hatte, war nichts mehr anderes Gespräch zwischen den Familienangehörigen in Ost und West. Viel konnte auch schon durch unsere familiäre Hauptinformantin, Michaels Oma kommuniziert werden, da sie bereits im Rentenalter war und in den Westen reisen durfte, wo sie dann meine Eltern besuchte. Am Telefon mit ferneren Verwandten andeutungsweise darüber zu sprechen war 1988 dann vermutlich auch schon egal, weil ja eh abgehört wurde und die Familie in Ostberlin sowieso nichts zu verbergen hatte, da gab es keinerlei Fluchtpläne. Sie wussten es wirklich nicht vorher, nur dass Michael immer schon die Welt sehen wollte, von der ihm sein Vater so viel erzählt hatte, wenn er von den Auslandsgastspielen und Jazzfestivals in aller Welt zurück kam.
Als seine Flucht geglückt war, begann er sehr bald sehr viel durch Europa zu reisen und ich erinnere mich an Fotos, die er seiner Familie vor allem aus Südfrankreich geschickt hatte, wo er sich die mondänen Ferienorte der Côte d’Azur einen nach dem anderen anschaute, und überhaupt alles. Auf einem Bild lehnte er an einem glamourösen Auto in Cannes oder Monte Carlo, einem Bentley oder Rolls Royce oder Jaguar, das weiß ich nicht mehr so genau, als wäre es seines. Ein Jahr nach seiner Flucht war ich zu Besuch bei seinen Eltern in Treptow, in der Wohnung, wo auch sein Zimmer bis zur Flucht war. Eine schöne, moderne Neubauwohnung mit einer Durchreiche von der Küche ins Wohnzimmer. Michaels Oma und Mama (die auch im Film zu sehen ist) zeigten mir Ostberlin, vor allem Mitte. Nie hätte ich im Juni 1989 gedacht, dass ich dort selbst einmal leben würde, sogar die bislang längste Spanne meines Lebens an ein- und demselben Ort.
Der Film ist sehr spannend aufgebaut, man zittert direkt mit, wenn die Szene am Grenzübergang Friedrichstr. mit dem falschen Pass minutiös nacherzählt wird, obwohl man doch weiß, dass es gut ausgegangen ist. Dass sich der Däne und Michael nun im Zuge dieser Dreharbeiten das erste mal im Leben begegnet sind, und sich gleich so nah waren, hat mich auch sehr gerührt. Diese Geschichte bringt nicht nur Michael und seine Eltern nach all der Zeit noch einmal zum Weinen, meine Eltern und meine Tante, die Michaels Familie als West-Verwandtschaft am nächsten waren, haben auch feuchte Augen. Diese Doku ist aber nicht nur spannend, wenn man einen familiären Bezug dazu hat, sie vermag wohl jeden mit einem Herz für Freiheit zu bewegen.
Hier noch ein paar Berichte dazu, im Berliner Kurier, im Stern, TV Spielfilm und auch Bild. Der Film ist bis 31.10.19 in der Mediathek von 3Sat, und wird am Sa, 5. Oktober um 19:15 und am 06.10. um 0:45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt.

Ich möchte noch ein paar Souvenirs von meinem Ganzkörper-MRT zeigen. Es wurden nicht alle Körperteile aufgezeichnet, der Schwerpunkt lag im Herzbereich, beim Gehirn, der Wirbelsäule und den inneren Organen. Es sind ein paar ganz schöne Aufnahmen dabei. Die beide ovalen Abbildungen zeigen die stufenweise Annäherung an die Gehirnhälften von oben, je mehr die Magnetwellen die Materie durchdringen, umso mehr wird von den tieferen Schichten zur Ansicht freigegeben. Das ist jetzt laienhaft von mir übersetzt. Ich habe noch viel mehr Bilder von diesen Bereichen auf der CD und die Möglichkeit, diese Durchdringung im Zeitraffer wie einen Film anzuschauen. Die Aufnahme der Wirbelsäule mit den vielen Bandscheiben und dem außerirdisch anmutenden Kopf, kommt wir vor wie eine Figur aus der Requisitenkammer eines Science Fiction Films mit größerem Budget. Die Aufnahme ist natürlich im Liegen gemacht, aber auf der CD ist sie auch senkrecht justiert, wirkt auch beeindruckender. Das, was aussieht wie eine Scheibe von einer französischen Gänseleber-Pastete im Teigmantel mit eingearbeiteten Trüffeln und so weiter sind meine Eingeweide im Querschnitt des unteren Torsos. Die Nieren kann man noch am besten erkennen. Das letzte Bild, ganz unten, mit dieser art déco-haften ornamentalen Anmutung, ist auf dem Weg durch den Brustkorb zum Herzen entstanden. Diese Bilder wollte ich nicht vorenthalten. Das war es jetzt für die nächsten Jahre mit Ansichten meines physischen Innenlebens. Schon alles sehr schön. Aber selbst der beste Magnetom kann nicht zeigen, wen man im Herzen trägt, wer in einer der Herzkammern wohnt oder gewohnt hat, und wieder ausgezogen ist, Spuren hinterlassen hat, Und das ist gut so.





Groß- und Kleinhirn von Gaga Nielsen. Man könnte denken, ich bin eine Afrikanerin, mit so einer superkurzen Lockenfrisur. Die Haare sind nie drauf, auf den MRT-Bildern. Das Kleinhirn ist die ganz kleine Nuss innerhalb-unterhalb der großen Walnuss. Aufgezeichnet am 30. September 2019, 15:51 Uhr, Magnetom Berlin Ultrahigh Field Facility, Campus Buch. Untersuchung der Charité für eine Langzeitstudie im Auftrag der Bundesregierung. Ich schreibe das lieber jedesmal dazu, damit flüchtige Leser/innen nicht denken, ich hätte eine schlimme Krankheit und müsste deswegen in die Röhre. Ich mache das freiwillig und ehrenamtlich. Ich bin sehr fasziniert von Untersuchungen unter Hinzuziehung aufregender High End-Technologien. Mir gefallen sogar die ganzen Geräusche, die dieser Magnetom macht. An manchen Stellen hört es sich sogar an wie eine Kirchenorgel. Mysteriöse Symphonie aus dem All. Man würde sich auch nicht wundern, wenn man mit dem ganzen Apparat in die Umlaufbahn katapultiert würde.
Der Countdown läuft. Schon wieder vier Jahre her. Heute 14:30 zweites Ganzkörper-MRT in Bln. Buch. Hoffe, ich halte 1 Std. still.
Happy Birthday, B. B.
Es folgt ein langer Eintrag. Was man in dem Video von der Lesung, das ich gestern gepostet habe, nicht sieht, ist was vor und nach der Lesung passiert ist (für ungeduldige Leser: am Pikantesten sind die letzten beiden Absätze). Ich führe nachfolgend u. a. aus, wie es dazu kam, dass ich Lydia auf der Bühne begleitete und wie sich das Ende des Tages im „Schmutzigen Hobby“ gestaltete.
Lydia und ich sind sehr gut befreundet und einige Sätze aus diesem Theaterstück wurden schon einmal bei einer privaten Lesung im Frühjahr 2018 vorgetragen. Damals hatte die Rolle von Frau 2 Irina Rosanowski gelesen, eine gemeinsame gute Freundin, die im Oktober 2018 mit nur 37 Jahren an einer gemeinen Krankheit starb.
Lydia hatte der Lesung im Lettrétage schon vor Monaten zugesagt und wählte wohl erst später den Text aus. Eigentlich könnten noch mehr Stimmen die Rollen lesen, aber das erfordert noch mehr Abstimmung und Übung als zu zweit. Sie fragte mich spontan, ob ich es mir vorstellen könnte, mit ihr gemeinsam aufzutreten, gar nicht so lange her, erst Anfang September, und ich sagte gut gelaunt zu. Ich habe nur Hemmungen auswendig Gelerntes auf einer Bühne zu präsentieren, wenn ich ablesen darf, kenne ich keine Grenzen. Also kaum. Ich war schon als Kind eine Leseratte und muss auch nicht zwanzig mal überlegen, wie ich etwas betone. Wir trafen uns auch nur zweimal zum Proben, es wurde einiges zusammengestrichen, ich machte Lydia teilweise verrückt mit meinen Einlassungen, welche Sätze mir befremdlich seien. Total unprofessionell, da Lydia aus meiner Sicht die Regisseurin der Sache war, schon klar, aber immer im Interesse der Performance gedacht. Ich kann halt den Kopf nicht abschalten und bin eine schlechte Erfüllungsgehilfin, wenn ich nicht hinter der Sache stehen kann. Nun konnte ich aber dahinterstehen und freute mich. Die Sache mit den hochgehaltenen Schildern fußt auf dem Zitatrecht. Lydia hat im Stück Zitate von Heiner Müller und dem Philosphen Marcus Steinweg eingestreut. Mir erschien es holprig, vorlesend dauernd Fußnoten mit Urheberverweis zu machen, die genaue Herkunft lässig unter den Tisch fallen zu lassen, fand ich aber auch nicht die feine Art. Da kam mir die Idee mit den hochgehaltenen Schildern, einer Kenntlichmachung ohne den Lesefluss zu unterbrechen. Somit konnte keiner unterstellen, dass sich die Autorin mit fremden Federn schmückt.
Am Abend der Lesung hatte ich vorher einen wichtigen Termin, der unverschiebbar war. Ich eilte mit fliegenden Fahnen von der Besprechung nach Hause, bastelte noch fünf weitere Schilder (u. a. die Pippi-Herzchen) und rannte zum Taxistand in der Rosenthaler Str., wo ich, seit ich denken kann, noch nie länger als eine Minute auf ein Taxi warten musste. Aber es war wie verhext. Es war Freitag gegen 18:30 nach der großen Klima-Demo und ich wartete zehn Minuten, bis ich entschied, die Straßenseite zu wechseln, weil alle Taxis, die frei waren, in genau die andere Richtung unterwegs waren. Normalerweise schafft man es bei flüssigem Verkehr in fünfzehn Minuten zum Mehringdamm, wo die Lettrétage ist. Aber durch die vielen Absperrungen wichen ganz viele Autofahrer auf dieselbe Route am Tempelhofer Ufer aus, die wir auch nahmen. Stockender Verkehr, zähflüssig wäre übertrieben. Man stand fast nur. Eine unendlich lange dreiviertel Stunde Stop and Go. Ich hatte zum Glück darum gebeten, dass wir als Letzte lesen und mich für worst case 20 Uhr angekündigt.
Ich war dann kurz nach Halbacht in Kreuzberg, fast eine Stunde von Mitte nach Kreuzberg unterwegs! Ich eilte möglichst diskret durch den hinteren Zuschauerbereich, es wurde schon gelesen. Aus dem Augenwinkel sah ich Jenny und Fabian und hoffte, dass noch andere Freundinnen gekommen waren. War zu meinem Bedauern nicht der Fall. Es war recht gut besucht, keine leeren Reihen. In einem Hinterzimmer zog ich mir die Jacke aus und holte die Schilder und das Skript raus, winkte Lydia nach hinten und wir stimmten und kurz ab. Dann ging es auch schon los.
Gerne hätte ich danach in dem schönen Restaurant Schmelzwerk in den nahen Sarottihöfen gegessen, aber es stellte sich heraus, dass man die Räume nur privat anmieten kann, mit allem Drum und Dran. Dafür haben wir an einer der Wände im Innenhof einen riesigen Sarottimohr bewundern können.
Wir landeten in einem nahen italienischen Ristorante und ich teilte mir mit Lydias Freundin eine vegetarische Pizza, die sehr gut war. Ich hätte aber auch eine ganze verdrücken können. Habe mir dann noch ein kleines Törtchen als Nachtisch bestellt, sehr liebevoll präsentiert. Sah tausendmal besser aus als der Nachtisch neulich in der bejubelten französischen Brasserie, wo sich die Berichte mit Lobhudeleien auf die Küche überschlagen.
Mittlerweile hatten sich uns zwei junge Männer um die Dreißig angeschlossen, die uns ihren Plan unterbreiteten, anschließend noch in ein Lokal namens „Clash“ zu gehen, so ein Hard Rock Schuppen, wo man das eigene Wort nicht versteht, und dubiose Getränke auf der Karte stehen. Aber sympathisches Publikum. Nur die Kontakaufnahme gestaltete sich schwierig bis unmöglich. Jeder blieb in seinem Grüppchen und versuchte sich mit Zeichensprache, Geschrei und Händen und Füßen zu verständigen. Einer der beiden Jungs hatte zum Glück recht bald den Vorschlag, weiterzuziehen und einen Kumpel mit Auto vor den Club bestellt. Ein recht teures Auto mit toller Musikanlage, ich war beeindruckt. Der Fahrzeughalter sah auch recht gut aus und schien in der gleichen Altersgruppe wie unsere neuen Bekannten zu sein.
Nun wurde zu flotten Rhythmen das RAW-Gelände in Friedrichshain angesteuert. Wir waren nun zu fünft. Vor dem ersten Club wurden wir abgewiesen, weil einer unserer drei Herren dort Lokalverbot genoss. Im zweiten Club wurde wie schon im ersten gefragt, welche Sprache wir sprechen. Ich war irritiert ob dieser Fragestellung und antwortete mit: „Wieso? Also ich kann ganz gut Deutsch, aber wir können uns auch auf Englisch unterhalten.“ Lydia fragte keck „Sprechen Sie auch Griechisch?“. Der Türsteher fand das gar nicht lustig und wies uns strikt ab, er sah direkt ein bißchen beleidigt aus. Komische Sitten an den Türen heutzutage, dachte ich so bei mir. Beim dritten Club hielten wir artig die Klappe und warteten. Und warteten. Und warteten. Nicht etwa in einer Schlange, einfach so. Bis das salomonische Urteil erging, dass wir reindürften. Mittlerweile waren wir nur noch zu viert, der Junge mit Lokalverbot wollte dann auch zu keinen anderen Clubs mehr, vielleicht ist er auf dem ganzen Gelände aktenkundig und meines Erachtens war er auch pleite. Als wir drin waren, war ich dann überraschenderweise doch recht angetan. Eine gemütlich-schicke Einrichtung mit kleingerahmten alten Schwarzweißfotos, älterer Musik und vielen Sitzgelegenheiten. Sogar zwei Dancefloors, ich konnte mich gar nicht entscheiden. Das Publikum wirkte nicht unangenehm. Ich checkte erst nach einer Weile auf der Tanzfläche, dass da doch recht viele schwule Pärchen miteinander tanzten. Aber nicht nur. Ich fühlte mich sehr wohl, weil es eine ausgewogene Mischung von Heteros und Schwulen war, die miteinander Spaß hatten und vor allem super enthusiastisch tanzten. Richtig gut tanzende junge Männer darunter. Ich war in meinem Element! Auch wurde ich angesprochen. Ein besonders eifriger Tänzer hatte für sich entschieden, dass ich nun genug Freestyle getanzt hätte und packte mich immer wieder mal um Taille und an den Händen, um irgendetwas Disco-Fox mäßiges zu starten. Ich machte ein Weilchen mit, merkte aber, dass wir offenbar ein sehr unterschiedliches Rhythmusgefühl hatten.
Lydia tanzte mittlerweile auf dem DJ-Podest zwischen dem sympathischen schwulen DJ-Pärchen, das sich ab und zu heiße Küsse gab. Der Autofahrer, der uns kutschiert hatte, war kein so heißer Tänzer, er trat mehr oder weniger von einem Bein aufs andere und machte dabei sehr kontrolliert wirkende schaufelnde Handbewegungen, die mich nicht zu erotisieren vermochten. Ich tanzte dann regelmäßig an ihm vorbei, in alle Richtungen, mal mit dem und mal mit dem, was ihn zu der Bemerkung hinreißen ließ: „Läuft ja bei dir! Du bist ja ein richtiger Männermagnet!“ Solcherlei Worte hatte ich schon lange nicht mehr vernommen, gerne höre ich mir noch weitere Anmerkungen dieser Qualität an. Nun winkte mich der andere junge Mann, der schon mit uns beim Italiener war, und die Idee mit dem Metal-Schuppen hatte, zu sich, mit der Bitte, ihm zu einer Sitzgelegenheit mit gut gepolsterten Kino-Klappsesseln zu folgen. Ich konnte eine Pause vom Tanzen vertragen und machte es mir gemütlich. Er nahm neben mir Platz und hob nun an, dass er beobachtet habe, dass ich „Klasse“ hätte. Also „richtig Klasse“. Auch was ich sagen würde, sei sehr stark beeindruckend und man würde die Überzeugung und Leidenschaft spüren, die aus meinen Worten spräche. Das sei ihm schon beim Italiener aufgefallen, als ich von diesem japanischen Pornofilm erzählt hätte. Hierzu möchte ich anmerken, dass ich von einem japanischen Film mit einer erotischen Szene bei einem Tätowierer erzählte, bei dem die Erotik nahezu ausschließlich durch die Mimik transportiert wurde. Ich betonte sogar mehrfach, dass es kein Pornofilm war. Aber bei dem jungen Mann blieb wohl nur das Wort „Pornofilm“ hängen.
Alsbald eröffnete der junge Mann mir, dass er es für den passenden Zeitpunkt hielte, dass wir beide uns nun ein Taxi nähmen, um zu mir zu fahren. Ich erklärte ihm pädagogisch wertvoll, um ihn nicht zu verstören, dass ich am Liebsten alleine in meiner Wohnung aufwache, den darauffolgenden Tag eingeschlossen. Dieses wollte er nun nicht gelten lassen und fragte übergangslos, ob ich eine Katze beherberge. Er erklärte den Anlass der Frage mit seiner Katzenallergie. Ich bedauerte keine Katze zu haben, einziger Grund sei der fehlende Garten. Ich musste leider hart bleiben, versuchte aber dennoch keine trübsinnige Stimmung zu verursachen. Er machte ein längliches Gesicht und hielt dann Ausschau nach anderen Club-Besucherinnen mit hoffentlich mehr Interesse an seinem erotischen Verlangen. Insgesamt gefiel es mir sehr gut, einmal wieder nach Strich und Faden mit Komplimenten überschüttet zu werden, zumal von so jungen Männern. Ein direkt vor der Clubtüre stehendes Taxi hat mich dann gegen Halbsieben heimgebracht, es wurde schon hell. Ein ereignisreicher Tag war zu Ende gegangen und ein neuer angebrochen. Der Club hieß übrigens „zum schmutzigen Hobby“. Gerne schwinge ich dort bald wieder einmal das Tanzbein!
Wenn jemand Lust hat, zu gucken, was ich neulich am letzten Freitag mit Lydia Gebel bei der Lesung vorgetragen habe, hier sind ein paar repräsentative Ausschnitte. Hat sehr viel Spaß gemacht, ich denke, das machen wir noch mal. Wenn man mich lässt! Bedenkenswerterweise schreibe ich hier gerade den 4663. Blogeintrag, aber mich hat noch nie jemand in den letzten fünfzehn Jahren gebeten, zu lesen. Wahrscheinlich weil ich immer die Foto-Tante war. Hätte ich bei den Bloggerlesungen mitgemacht, wäre die Foto-Dokumentation in höchster Gefahr gewesen. Nur so kann ich mir das erklären. Ich schließe nicht völlig aus, dass ich demnächst im schönen Lettrétage lesenderweise etwas aus meinem Befindlichkeitsblog zum Besten gebe. Apropos Lesung, muss jetzt zu Alban, er liest gleich im Buchhändlerkeller in der Carmerstr. 1. Nix wie hin!
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXIII.
25. September 2019:
„S 7 (Richtung Bhf. Zoo), 9.20 Uhr, Ansage: „Achtung, Achtung! Dieser Zug fährt nur bis Grunewald!“ Klassenausflug im Abteil, nur Jungs, ca. 10 Jahre alt. Einer zu seinen beiden Klassenkameraden: „MIR EGAL! Ich will nur zum Ku’Damm! Ku’Damm ist toll!“ (ich denke: hm? Robuster kleiner Junge begeistert sich für schicke Gucci-Pucci-Mode-Designer-Schaufenster und so? Hä? Interessant.) Er weiter: „Auf dem Ku’Damm sind viele teure Autos!!!“
Aha. Hat mich mein Instinkt doch nicht getrogen, also doch kein Mini-Harald Glööckler. Das war so ein richtiger Junge-Junge. Wenn ich Kinder gehabt hätte, und hätte es mir aussuchen können, hätte ich gerne einen kleinen Hetero- und einen kleinen schwulen Jungen zusammen aufgezogen, da hätte ich am meisten gelernt, und die beiden Racker auch. Für’s Leben! Und dazu noch ein kleines Mädchen als Schiedsrichterin. Und vielleicht noch ein Kind vom dritten Geschlecht, auch toll. Solche Menschen sind glaube ich früher bei den alten Griechen als Gottheiten behandelt worden, weil sie beide Geschlechter und damit die Vollkommenheit der Schöpfung in sich tragen. Aber ich wollte jetzt nicht ausufernd in evolutionäres Philosophieren kommen, nur eine weitere putzige Beobachtung teilen.
Ich finde es gut, wenn sich der kleine Junge auf teure Autos einschießt, die sehen meistens schöner aus und haben die neueste Technik. Besonders pfiffig fände ich Autos mit Oldtimer-Karosserie, aber superduper umweltschonender Technologie, mir egal ob mit Elektro oder Solar oder Gemüsesaft betrieben, halt das Beste vom Besten! Das Stadtbild gewinnt auch sehr mit gutaussehenden Fahrzeugen. Mir gefallen so Autos wie Kim Novak eins in „Große Lüge Lylah Clare“ fährt, dieser cremeweiße Zwanziger Jahre-Rolls Royce (oder was das war), mit offenem Verdeck (wahlweise natürlich). Der kleine Junge und ich sind also gar nicht so weit voneinander entfernt. Und so ein Auto dann am Ku’Damm… grandios! Ich selber fahre ja nur S-Bahn und U-Bahn (und ab und zu Nachtbus oder Taxi oder bei einer Freundin mit), und das werde ich auch weiter so halten, sonst hätte ich ja keine solchen Geschichten für mein Goldenes Notizbuch mehr.
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXII.
23. September 2019:
„August-/Ecke Joachimstr., Mitte. Milchhalle/Hauseingang. Junger Mann erzählt draußen beim Kaffee guter Freundin, dass er ganz oft Blumen kauft und schenkt, auch ohne Anlass, weil er Blumen liebt. Aber er selber kriegt nie welche geschenkt. Nie, nie, nie. (enttäuscht…), und zu ihr: „Ja! Mach das!“ – als hätte sie gefragt, ob man einem Mann Blumen schenken kann.“
Ich muss gestehen, dass ich auch noch nie einem Mann Blumen geschenkt habe. Meine überwiegend heterosexuellen männlichen Freunde und Bekanntschaften oder auch frühere Liebhaber haben bislang kein besonderes Interesse an Pflanzen, geschweige denn Blumen gezeigt. Wenn es überhaupt Blumen oder Blumentöpfe gab, dann entweder in getrockneter Form, mal hier eine alte verblichene Rose, mal da ein anspruchsloses Geldbäumchen oder ein alter Kaktus oder Gummibaum, der auch nicht sonderlich gepflegt aus der Wäsche schaute. Das motiviert freilich nicht, sich mit Schnittblumen zu verausgaben, weder gekauften, noch gepflückten, noch geklauten. Der junge Mann am Kaffeetischchen, direkt neben meinem Hauseingang sprach so ganz leicht gedehnt, was ein Hinweis auf seine sexuelle Präferenz sein könnte, sein ganzes Lamento hatte schon etwas mädchenhafte Züge. Aber sehr süß. Ich war gerührt. Ich hatte meinen Hausschlüssel noch nicht griffbereit in der Hand, deshalb stand ich ein Weilchen am Hauseingang, bis ich ihn fand. Also keine Lauscherin an der Wand. Die Ohren funktionieren noch ganz gut. Da fällt mir ein, ich hab noch gar keine Auswertung von meiner Untersuchung bei der Charité. Hat das letzte mal vor vier Jahren aber auch einen Monat oder so gedauert. Ist ja immer ein sehr gutes Zeichen, wenn man nichts hört, also in diesem speziellen Fall.
Herzliche Einladung!
DIE VORWURFSMASCHINE.
Eine Lesung mit Lydia Gebel und Gaga Nielsen.
20. September 2019, 19 Uhr. Lettrétage, Berlin.
Mehringdamm 61. 10961 Berlin
Gaga Nielsen P.S. vor uns lesen noch zwei andere Autorinnen, wir legen gegen 20 Uhr los. Eintritt frei, es gibt Getränke!
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXI.
14. Sept. 2019:
„U 8 – „Berliner Fenster“ (Fernseher an der U-Bahn-Decke)
„DROGEN-SPÄTI IN SCHÖNEBERG HOPSGENOMMEN“
Ok. Das ist ja einleuchtend. Es wurde nächtens nicht nur Snickers über den Tresen geschoben, sondern auch Riegel mit Pilzen, Koks etc. pp. Aber schreibt man „hopsgenommen“ wirklich zusammen? Müsste es nicht richtiger heißen „hops genommen“? Auf jeden Fall eine sehr schöne Redewendung, die man viel zu selten in den Nachrichten hört und liest. Danke, Berliner Fenster fürs in Erinnerung bringen!
Diese U-Bahnfahrt am (mittlerweile vor-)gestrigen Samstag Nachmittag wurde durch mein Gewissen initiiert. Die Blümchen in meiner Werkstatt mussten gegossen werden, die Sonne gab noch mal alles. Aber ich holte auch eine bislang unbenutzte Trinkflasche aus Stahl, die mir die Charité neulich geschenkt hat, als Dankeschön für meine Bereitschaft, mich von Kopf bis Fuß untersuchen und ausmessen und befragen zu lassen.
Am 4. September 2019 hatte ich die zweite Untersuchung als Langzeit-Probandin (lebenslänglich, bis zu meinem Tod) für die Studie vom Bundesgesundheitsministerium zur Erforschung von Volks- und Zivilisationskrankheiten. Die Voraussetzung für die Teilnahme ist nicht, dass man eine solche Erkrankung hat, sondern dass einen der Zufallsgenerator ermittelt hat. So bei mir geschehen. Diesmal gab es neue Untersuchungen und neue Fragen. Ich musste zum Beispiel ganz viele Fragen zu meinen Musikhörgewohnheiten beantworten, wie oft, welche Musik, und ob ich selbst musiziere oder singe.
Ein ausgesprochen ansehnlicher dunkelblonder Medizinstudent mit sommerlich keck geöffnetem Hemd, das sein Brusthaar im Ansatz freigab, fragte mich dann auch noch recht intime Sachen, die aber von seinem Computer vorgegeben waren. Er hat meine gute Vorbereitung gelobt, da ich alles flüssig beantworten konnte. Auch musste ich Zahlenreihen, die der Computer vorsagte, rückwärts aufsagen. Bis zu 10 verschiedene Zahlen, auch zweistellige. Eine neunstellige hatte ich komplett richtig! Obwohl ich mir solche Sachen total ungerne merke, ich hasse Gedächtnisspiele wie die Pest! Es interessiert mich nicht die Bohne! Die Zahlen konnte ich mir nur deshalb teilweise so erstaunlich gut merken, weil ich fluchs Eckdaten meiner Biografie identifizierte. Als zum Beispiel die Zahl 86 mit in der Reihe war, konnte ich sie mir als das Jahr merken, in dem ich nach Berlin zog. Oder 21, als das Alter, in dem man früher volljährig war. Oder 45 für Kriegsende – ok, eher indirekt meine Biographie – usw. usf. Es waren aber auch immer ein, zwei Fehler bei den meisten meiner Reihen drin. Die fehlerlose 9-er-Reihe war eher Glückssache.
Ich musste auch offenlegen, ob ich Medikamente oder Drogen konsumiere. Ich gestand, dass ich hin und wieder Aspirin nehme, wenn ich qualitativ unzulänglichen Wein trinken musste. Damit waren beide Fragen beantwortet. Mein Lungenvolumen beträgt 5 Liter, obwohl ich nur 4,1 Liter benötigen würde. Ein Erfolgserlebnis für mich, da man mir noch vor zwanzig Jahren einen Lungenschaden und eine unterdurchschnittliche Lungenfunktion attestierte (ich hatte ca. vierzig Jahre Asthma, seit vierzehn Jahren spurlos verschwunden – Ernährung umgestellt). Seit ich keine Atemprobleme habe, rauche ich auch ab und zu mal gerne, aber unregelmäßig. Fällt nicht ins Gewicht. Der Augenhintergrund wurde auch fotografiert, der helle Blitz ist nicht schön, wenn ausgelöst wird, tut aber nicht weh. Die Fotos davon und die Auswertung kommt wieder per Post und am 30. September 2019 habe ich wieder ein Ganzkörper-MRT in Berlin-Buch, können nur Leute ohne Rückenprobleme machen. Ist im Grunde Folter. Eine ganze Stunde regungslos zu liegen und nicht einmal mit der kleinen Zehe zu wackeln, ist maximale Anstrengung. Grenzwertig! Aber eine tolle Untersuchung, die ich mir sonst niemals leisten würde. Hoffe, sie finden nix, fühle mich sehr fit. Toi, toi, toi!
Die Trinkflasche habe ich dann mit eiskaltem Champagner eingeweiht, den ich neulich geschenkt bekommen habe, und der Proviant für einen abendlichen Kinobesuch mit Jenny war. Wir haben uns den Gloria-Film mit Julianne Moore im Kant-Kino angeschaut. Danach in ein französisches Restaurant am Stuttgarter Platz, wo wir ein bißchen – nein falsch: sehr – vom Service der dort tätigen Dame enttäuscht waren. Eine erlesene Flasche Wein zu bestellen ist schon erwünscht, aber eingießen darf man dann selber. Wohl eine Fehlinterpretation moderner Zeiten, wie mir scheint. Aber der Abend war trotzdem schön, wir haben uns wie immer blendend unterhalten, unter anderem über die Unattraktivität des männlichen Hauptdarstellers, mit dem Gloria Küsse austauschen musste, und ich habe weitere Kapitel aus meinem vergangenen Liebesleben zum Besten gegeben. Wir sind aber noch nicht durch, demzufolge müssen wir uns noch für weitere Abende verabreden. Ordnung muss sein!