Gerade große Rührung und Aufregung in meiner engeren Familie. Ein Stück Familiengeschichte ist verfilmt worden, vom ZDF, vorgestern Erstausstrahlung auf 3Sat. „Der Doppelgänger von Ostberlin“. Der Film handelt von der ungewöhnlichen Flucht des Ostberliners Michael Schneider mit dem Pass eines Dänen. Es gab in den letzten Tagen mehrere Zeitungsartikel zu dieser Doku, im Berliner Fenster in der U-Bahn sah ich heute einen Teaser für diesen Beitrag in der B.Z. dazu.

Radio Eins hat ein Interview mit der Regisseurin gebracht, das kann man hier nachhören. Darin verrät sie auch etwas sehr Persönliches der Beteiligten. Nämlich, dass die unmittelbar Betroffenen, die Eltern und Michael vor den Interviews für die Doku nie mehr über das Thema gesprochen haben. Es hat bestimmt viel aufgewühlt, aber auch viel geheilt.

Das Thema ist natürlich eine Punktlandung zum Tag der deutschen Einheit und zum dreißigsten Jubiläum des Mauerfalls, aber es ist auch eine besondere Geschichte, die ich schon lange kenne, nämlich seit sie passiert ist, seit 1988. Der geflüchtete Michael ist mein Großneffe (obwohl er nur drei Jahre jünger ist als ich), der Enkel der Cousine meines Vaters. Da der Kontakt trotz der Mauer nie abgebrochen ist, und im Rahmen der Möglichkeiten intensiv gepflegt wurde, waren wir immer sehr gut auf dem Laufenden. Man hörte immer wieder Geschichten von Michaels Vater Wolfgang, der bis zu dessen Ausreise Ende der Siebziger mit Manfred Krug im Studio und auf den Bühnen der DDR aber auch international unterwegs war, man traf sich auch privat, und meine Familie hörte permanent von der beständigen Überwachung. Vor allem meine Tante Anna schickte sehr regelmäßig Westpakte zu ihrer Cousine Anna, der Oma von Michael, nach Ostberlin in die Ho-Chi-Minh-Straße (heute Weißenseer Weg), wo sie damals wohnte. Wir bekamen auch Päckchen im Gegenzug, wo dann liebevoll verpackt, Gesticktes und Geschnitztes aus dem Erzgebirge übersendet wurde und feine Karlsbader Oblaten, besonders zu Weihnachten.

Als Michael im März 1988 mit dem abgeluchsten Pass des Dänen rübergemacht hatte, war nichts mehr anderes Gespräch zwischen den Familienangehörigen in Ost und West. Viel konnte auch schon durch unsere familiäre Hauptinformantin, Michaels Oma kommuniziert werden, da sie bereits im Rentenalter war und in den Westen reisen durfte, wo sie dann meine Eltern besuchte. Am Telefon mit ferneren Verwandten andeutungsweise darüber zu sprechen war 1988 dann vermutlich auch schon egal, weil ja eh abgehört wurde und die Familie in Ostberlin sowieso nichts zu verbergen hatte, da gab es keinerlei Fluchtpläne. Sie wussten es wirklich nicht vorher, nur dass Michael immer schon die Welt sehen wollte, von der ihm sein Vater so viel erzählt hatte, wenn er von den Auslandsgastspielen und Jazzfestivals in aller Welt zurück kam.

Als seine Flucht geglückt war, begann er sehr bald sehr viel durch Europa zu reisen und ich erinnere mich an Fotos, die er seiner Familie vor allem aus Südfrankreich geschickt hatte, wo er sich die mondänen Ferienorte der Côte d’Azur einen nach dem anderen anschaute, und überhaupt alles. Auf einem Bild lehnte er an einem glamourösen Auto in Cannes oder Monte Carlo, einem Bentley oder Rolls Royce oder Jaguar, das weiß ich nicht mehr so genau, als wäre es seines. Ein Jahr nach seiner Flucht war ich zu Besuch bei seinen Eltern in Treptow, in der Wohnung, wo auch sein Zimmer bis zur Flucht war. Eine schöne, moderne Neubauwohnung mit einer Durchreiche von der Küche ins Wohnzimmer. Michaels Oma und Mama (die auch im Film zu sehen ist) zeigten mir Ostberlin, vor allem Mitte. Nie hätte ich im Juni 1989 gedacht, dass ich dort selbst einmal leben würde, sogar die bislang längste Spanne meines Lebens an ein- und demselben Ort.

Der Film ist sehr spannend aufgebaut, man zittert direkt mit, wenn die Szene am Grenzübergang Friedrichstr. mit dem falschen Pass minutiös nacherzählt wird, obwohl man doch weiß, dass es gut ausgegangen ist. Dass sich der Däne und Michael nun im Zuge dieser Dreharbeiten das erste mal im Leben begegnet sind, und sich gleich so nah waren, hat mich auch sehr gerührt. Diese Geschichte bringt nicht nur Michael und seine Eltern nach all der Zeit noch einmal zum Weinen, meine Eltern und meine Tante, die Michaels Familie als West-Verwandtschaft am nächsten waren, haben auch feuchte Augen. Diese Doku ist aber nicht nur spannend, wenn man einen familiären Bezug dazu hat, sie vermag wohl jeden mit einem Herz für Freiheit zu bewegen.

Hier noch ein paar Berichte dazu, im Berliner Kurier, im Stern, TV Spielfilm und auch Bild. Der Film ist bis 31.10.19 in der Mediathek von 3Sat, und wird am Sa, 5. Oktober um 19:15 und am 06.10. um 0:45 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt.

Eine Antwort auf „03. Oktober 2019

  1. P.S. ich hatte die Geschichte schon einmal vor einem Jahr erzählt, als sie mir meine Tante wieder in Erinnerung gebracht hatte. Ihrer Erinnerung nach war es allerdings der Kollege von Michael, dem die Ähnlichkeit bei dem Passfoto zuerst auffiel und sie sprach auch von einem schwedischen Pass. Das mag man nachsehen, nach dreißig Jahren, dass man dänisch und schwedisch durcheinanderbringt. Habe es nachträglich in dem Eintrag berichtigt.

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