19-10-19 Silver Wings (7)

In ein Tagebuch gehört auch das letzte Tanzvergnügen. Ich war ja gestern Abend erstmalig im SilverWings Club im Tempelhofer Flughafen, wo von 1953 bis zum Rückzug der Allierten, die Bediensteten der amerikanischen Schutzmächte und der amerikanischen Luftwaffe gefeiert haben. Der Club hat eine denkmalgeschützte Innenausstattung. Der Bequemlichkeit halber zitiere ich mich selbst, einen Kommentar von heute Vormittag unter meinem gestrigen Eintrag:

„(…) In manchen Sitzecken, besonders einer hinter der Wabentrennwand kommt man sich vor wie in einem alten James Bond Film. Die Innenausstattung sieht eher nach Sechziger/Siebziger aus. Vielleicht haben die Alliierten nach der Eröffnung 1953 auch mal nach zwanzig Jahren renoviert. Steht aber unter Denkmalschutz. Zum Glück ist die Musikanlage nicht aus der Zeit, der Sound ist gut zum Tanzen. Auch ein schöner Mix aus alten Knallern und dem Besten der Neuzeit. Großzügige Räume. Es gibt zwei Tanzflächen, die größere ist Nichtraucherbereich, die zweite abgetrennte, auf der dieselbe Musik läuft, ist für Raucher. Wir waren recht früh da, so Viertel vor Zehn, da war es schon gut besucht mit älteren Semestern meiner Generation, mit jeder weiteren Stunde wurde es voller und das Publikum und auch die Musik jünger. Habe ein Tonic und zweimal Sekt und Selters bestellt. Um zwei Uhr war ich rechtschaffen müde. Lydia hätte noch weitertanzen können. Ich muss an meiner Kondition arbeiten. Dafür ist der heutige Tag nicht komplett mit Ausschlafen verloren, hab auch keinen Kater. Man kann den Club tatsächlich mieten, wenn man aber nicht weiß, dass es alte Inneneinrichtung ist, könnte man denken, das es sich um Retro-Chic aus den Siebzigern handelt, also kein Fünfziger Jahre Flair. Wobei die Waben-Deko tatsächlich uralt sein könnte. Und manche Lampe, die Schummerlicht verbreitet. Überall ist es schummrig, so soll es sein! Der „Ma Baker Club“, der gestern statt fand, ist ein Denkmal für sich. Ein über 25 Jahre altes Partykonzept in wechselnden Locations, jetzt regelmäßig einmal im Monat im Silverwings. Es gibt noch eine zweite Partyreihe dort, die heißt „Eis am Stiel“, dort wird konsequent nur Fünfziger und Sechziger Jahre Musik aufgelegt, Mit Rockabilly Dresscode, aber nicht streng. Habe ich auch mal Lust drauf. Mit einem gepunkteten Kleid ist man da immer richtig angezogen, denke ich mal.“

Was ich in dem Kommentar unterschlage habe, waren die Annäherungsversuche. Also nicht von uns, sondern an uns. Besonders zutraulich war ein Visagist, wenn ich ihn richtig verstanden habe (er konnte nicht so gut Deutsch). Die Musik hat natürlich auch einen gewissen Pegel, so dass man auch jemanden oft schwer versteht, der unsere Amtssprache vollendet beherrscht. Ich habe aus seinen Worten herausgefiltert, dass er zwischen Istanbul und Berlin pendelt, wo er jeweils einen Laden hat. Möglicherweise hat er aber auch etwas ganz anderes erzählt. Ein netter junger Mann, der mich mit glänzenden, ja ich möchte sagen funkelnden Augen betrachtete. Ich schätze mal Anfang Dreißig.

Für mich ist es immer etwas anstrengend, eine Unterhaltung zu führen, bei der man jedes Wort in verschiedenen Betonungen wiederholen muss, damit sich die Chance erhöht, dass das Gesagte verstanden wurde. Zum Glück raucht Lydia, so konnte er wenigstens seine angebotenen Zigaretten an die Frau bringen. Mir war nicht nach Rauchen, ich praktiziere das nur nach Lust und Laune. Er stellte sich sogar mit Handschlag und Namensnennung vor, ganz artig. Auch sein Freund wurde namentlich vorgestellt, daraufhin stellten auch wir uns namentlich vor. Da die Konversation dann etwas ins Stocken geriet, tanzten Lydia und ich wieder eine Runde.

Die Musik war tatsächlich gut ausgesucht, man hatte richtig Lust, sich zu bewegen. Auf einmal war unser Kavalier aus Istanbul weg, aber nicht auf der Tanzfläche vom Raucher-Bereich. Egal. Nach noch ein paar Nummern hatte ich Lust nachzuschauen, wie sich die andere Tanzfläche mittlerweile entwickelt hat, wir gingen nach nebenan. Ich sah schon von weitem unseren Verehrer mit seinem Kumpel, Lydia wohl nicht, sie ging nach vorne zur tanzenden Meute. Ich hingegen bog ab in das interessante Séparée hinter der Wabenwand, die mich immer wieder an Dalli Dalli erinnerte. Da saß ich eine Weile auf der denkmalgeschützten Ledercouch und betrachtete den sehr speziellen Wandschmuck über den Sofas. Der war bestimmt noch aus den Fünfzigern. Seltsame Kupferbilder mit afrikanisch anmutenden Ornamenten. Links und rechts davon je eine aparte Stehlampe mit Leinenschirm, die angenehmes Schummerlicht verbreitete. Ich schaute dem Treiben eine Weile zu.

Nach etwa fünf Minuten kam Lydia und freute sich, mich gefunden zu haben. Sie nahm neben mir auf der Couch Platz, wir tauschten uns ein wenig aus, aber die Zweisamkeit währte nicht lange. Da strahlte uns schon wieder unser Visagist aus Istanbul an, einen dritten Freund im Schlepptau, der uns beiden wohlwollende Blicke schenkte. Schon saßen wir zu viert im Séparée und unser türkischer Freund startete den nächsten Anlauf des Versuchs einer Unterhaltung. Ich lächelte verständnisvoll. Mich hatte er ja schon im Raucherstübchen nach meiner Herkunft befragt. Ich hatte „Berlin“ als Antwort im Angebot. „Deutschland?“ war die Rückfrage. „Ja, ich bin aus Deutschland.“

Nun war Lydia dran. Wo denn nun meine Freundin herkäme, wollte er wissen. Lydia, die links von mir saß, und gerne Späßchen macht, flüsterte mir zu, dass sie ja antworten könnte, sie wäre Griechin, mal sehen, wie er darauf reagiert. Die Türken und Griechen können ja mitunter nicht so gut miteinander, könnte eine interessante Reaktion zufolge haben. Da Lydia weiter von ihm weg saß als ich, antwortete ich assistierend: „Griechenland, Greece!“ Er verstand nicht gleich. Ich: „Greek. Aus G R I E C H E N L A N D .“ Er: „Ah….!“ Möglicherweise hatte er es gar nicht verstanden, das war aus der Folgefrage nicht zu eruieren. Diese war: „Urlaub?“ Ich: „Ja, Urlaub! Sie macht hier Urlaub.“

Lydia entgleisten die Gesichtszüge, sie musste einen Lachanfall unterdrücken, es gelang nicht. Passenderweise kam gerade ein neues Lied, das den Impuls auslöste, dringend tanzen zu müssen. Wir verließen die beiden Herren im Waben-Séparée und legten eine weitere flotte Sohle aufs Parkett. Ich ging dann recht bald mit meiner griechischen Freundin Richtung Garderobe, um meine Rockerjacke und ihr Mäntelchen auszulösen. Auf dem Weg zur U-Bahn fragte ich sie, wie ihr Deutschland gefällt. Sie fand es recht interessant und möchte gerne noch mehr davon sehen.

5 Antworten auf „21. Oktober 2019

  1. Genau. Zum Nachtleben gehören auch neue Bekanntschaften. Nächstes Mal bei anhänglichen Neuzugängen einfach darauf hinweisen, dass auch anderen potentiellen Interessenten noch eine Chance zu gewähren sei. Bei ganz hartnäckigen Fällen einfach darauf hinweisen, dass man gerade in einer Phase der Neufindung in der Beziehung zu einem türkischen, italienischen oder afrikanischen Mafiaboss steckt. Oder bei jedem zweiten Satz grundlos herzhaft lachen bzw. was völlig zusammenhangloses antworten. Die griechische Touristin wäre schon ein Anfang.

  2. Muss gerade herzhaft über dieses Ideen-Potpourri lachen! Grundlos herzhaft lachen oder zusammenhanglos antworten. Grandios. Ich kann mich gar nicht entscheiden. Man kann ja auch beides synchron machen. Herrliche Vorstellung! Nun muss ich eingestehen, dass ich prinzipiell immer freundlich bleibe, wenn jemand höflich Nähe zu mir sucht, denn es bedeutet ja, dass ich irgendetwas an mir haben könnte, was anziehend wirkt. Ich möchte nicht zur Traumatisierung von Menschen beitragen. Die Frage ist eigentlich immer nur, wie kriege ich einen eleganten Abgang hin, wenn ich so gar nicht interessiert bin. Ich bin schon so ein bißchen der Typ, der versucht einen nachvollziehbaren Grund darzustellen. Wie zum Beispiel dringend tanzen müssen, dringend ein neues Getränk holen müssen, mit der Freundin etwas besprechen müssen. Das letzte was ich machen würde, ist jemandem direkt eine Abfuhr erteilen, es sei denn, jemand, von dem ich es mir keinesfalls wünsche, würde körperlich übergriffig werden. Da habe ich schon ein paar passende Worte oder werde auch mal handgreiflich!

  3. Der Abgang wird elegant, wenn das Gegenüber Interesse verliert. Mit etwas unlogischem Verhalten kann sowas beeinflusst werden – ganz ohne schroff oder abweisend zu sein. Schlimmstenfalls gilt man danach als gaga oder seltsam. Ich finde das sehr legitim, weil manche M…enschen nicht begreifen wollen, wieso ab einem gewissen Punkt die Unterhaltung stockt. Die verpassen den Absprung oder haben die Erfahrung gemacht, dass Hartnäckigkeit zum Ziel führt. Da fällt mir immer der alte Film ‚der bewegte Mann‘ ein und die Szene wo sie zu einem Fremden mitgeht und ihm dann klarmacht, dass doch nix läuft und er sagt: „wie, du kannst nicht? Es ist Freitagabend! Ich reiß doch jetzt keine mehr auf!“

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