Ich muss allen meine Lieblings-Fernsehdokumentation ans Herz legen, die vierzigteilige Serie „Berlin, Schicksalsjahre einer Stadt“, beginnend mit 1961, endend mit dem Jahr 1999. https://www.rbb-online.de/berlin-schicksalsjahre So schön und bewegend. Es werden jeweils die Highlights aus Ost- und Westberlin eines jeden Jahres chronologisch mit altem Archiv-Material und Zeitzeugen-Interviews mit prominenten und unbekannten Berlinern, liebevoll zusammengeschnitten, gezeigt. Mir geht bei jeder Folge das Herz auf, ich liebe diese Stadt sehr. Wenn ich schreibe ‚diese‘ ist das im Grunde unangemessen distanziert. Meine. Mein Berlin.

Am kommenden Samstag ist das Jahr 1986 dran, für mich besonders aufregend, weil es das Jahr ist, in dem ich nach Berlin zog, am zweiten April. Ich fühlte mich wie neugeboren, mochte sofort alles, so wie man frisch verliebt unbedingt alles an seinem Liebsten gut findet, gut finden will, sich allem hingibt, ohne ein Haar in der Suppe zu suchen. Hat sich bis heute nicht verändert. Ich bin ein sehr treues Wesen. Ich freue mich sogar, den mittlerweile 77-jährigen Eberhard Diepgen in den Folgen über die Achtziger Jahre wiederzusehen, der damals Regierender war. „Ebi“ gehörte zu meinem zu entdeckenden Abenteuerspielplatz wie die Berliner Abendschau. Irgendwie mochte ich ihn, obwohl er in der falschen Partei war. Heute kann ich das ja zugeben. Ich habe damals immer grün gewählt, aber ich konnte schon immer Sympathien für einzelne Politiker von Parteien entwickeln, deren Programm mich insgesamt eher befremdete. Ich mochte zum Beispiel auch Norbert Blüm und Heiner Geißler. Wie auch immer – diese gigantische Doku ist ein wahrer Schatz, den ich nur allen, die Dokumentationen und vor allem Berlin lieben, ans Herz legen kann. Und sie ist komplett mit allen Folgen in der Mediathek vom rbb verfügbar. Meine Empfehlung für herzerwärmende Herbstabende im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher.

8 Antworten auf „10. Oktober 2019

  1. Danke für den Tip! Sowas schaue ich auch immer gerne an. Ich mag übrigens Gregor Gysi besonders. Den hab ich abendlich sogar mal im Regierungsviertel getroffen, ihn allerdings im Dunkeln nur an der Stimme erkannt.

  2. Gregor Gysi ist auch ein absoluter Liebling von mir, aber der ist ja in einer Partei, die ich ganz o.k. finde und auch schon gewählt habe, daher fand ich den jetzt nicht passend als Beispiel für einen Politiker, den man trotz seiner Partei gut leiden kann!

  3. Ina Weisse
    Danke Gaga, einen schönen Tag

    Gaga Nielsen
    Dir auch, meine Liebe,
    Gruß aus Charlottenburg.

    Lydia Gebel
    Hast du Dich jetzt doch wieder mit deinem internetfähigen Fernseher versöhnen können?

    Gaga Nielsen
    Total! Ich hab jetzt ein neues superabgeschirmtes Kabel an der Buchse und es läuft wie geschmiert. Das Kabelanschlusskabel war ja nun auch schon zwanzig Jahre alt, hatte einen kleinen versteckten Kabelbruch, daher Wackelkontakt, deswegen immer wieder mal die Meldung „kein Sender verfügbar“ und stotternder Ton und wackeliges Bild. Allerdings ist die rbb-Mediathek direkt über den rbb-Kanal aufzurufen, nicht über youtube.

    Lydia Gebel
    Werde mir Teile der Doku auf jeden Fall ansehen…!

  4. Der rbb hat für die Kommentare aus dem Off für die Folgen jedes Jahrzehntes eine prominente Sprecherin engagiert. Bei den Sechziger Jahre-Folgen ist es Katharina Thalbach, bei den Siebziger Jahren Katja Riemann und bei den aktuell laufenden Achtziger Jahren Katrin Sass. Thalbach erkennt man ja sofort, bei der Stimme von Katja Riemann dachte ich zuerst, das wäre Gila von Weitershausen, die haben eine ganz ähnliche Stimme. Katrin Sass klingt ein bißchen müde mitunter. Ich fand tatsächlich Katja Riemann bislang am Angenehmsten. Aber im Großen und Ganzen sind das durchweg gelungene Filme.

  5. Gestern habe ich mir die beiden Folgen 1984 und 1985 angeschaut, in einer von beiden ging es u. a. darum, dass das West-Sandmännchen im Fernsehen eingestellt werden sollte und es wurden alte Filmaufnahmen von Bürgerprotesten in Westberlin gezeigt. Die eine Mutti empört: „Wenn das Kind sein Sandmännchen nicht mehr hat, nimmt die Kinderseele Schaden! Das ist nicht zu verantworten!“ Es gab ja auch noch das Ost-Sandmännchen, das sogar viel putziger war, aber ein Westkleinkind sollte schon politisch korrekt mit seinem Westsandmännchen schlafen gehen können. Die Proteste waren dann auch erfolgreich und das West-Sandmännchen durfte weiter Gute Nacht sagen. Ich habe so gelacht. Diese Straßenbefragungen sind zu schön.

  6. Auch amüsant, wie eine 1984 nach Westberlin ausgereiste Ostberlinerin erzählt, wie unterschiedlich sie die schnorrenden Punks in Westberlin im direkten Vergleich mit Ostberliner Punks wahrgenommen hat. Wenn ein West-Punk gefragt hat „haste mal ne Mark?“ und man geantwortet hat; „nee, hab ick nich“, hat der wohlerzogene West-Punk sich ganz ruhig entschuldigt: „war nur ne Frage…“. Wenn man jedoch einem Ost-Punk die gleiche Antwort gegeben hätte, wäre mit einer Entgegung des Kalibers „willste auf die Fresse oder wat?“ zu rechnen gewesen. Also liebe Punks im Westen, böse Punks im Osten, voll aggro! Das sind doch nun wirklich neue Erkenntnisse – war mir nicht bekannt. Ich glaube es aber sofort, da ich einige Menschen näher kannte, die sich der Punkbewegung zuordneten. Die waren alle lieb und nett und haben entspannt von Sozialhilfe oder Bafög oder Eltern oder Schnorren oder Kneipenjobs gelebt. Gefährliche stachelige Armbänder, aber – zumindest mir gegenüber – sanft wie Teddybären.

  7. Ich war 1986 auch in Berlin. Das erste Mal. Klassenfahrt. Damals hat die Stadt einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen – ich war jung und spürte diese Freiheit, die ich daheim so vermisste. Auch die greifbare Geschichte hat mich beendruckt, noch mehr aber die Clubs und Cafés, die Straßen und Häuser. Am allermeisten aber die Menschen, die so wenig konform waren, so bunt und so anders.

  8. Dann waren wir beide in diesem Jahr zum ersten Mal in Berlin, ich war nämlich vorher nie dort, nur in Gedanken und vor dem Fernseher, bin frohen Mutes und voller Zuversicht gleich hingezogen. Der engste Bezug waren die Päckchen, die meine Familie nach Ostberlin schickte, zu unseren Verwandten, da durfte ich als Kind meinen kleinen Zeigefinger über den Knoten halten, wenn die Paketschnur verknotet wurde.

    Wenn man aus Bayern nach Westberlin kam, spürte man vielleicht einen besonders starken Kontrast, was liberale Gesinnung und Toleranz in der Durchschnittsbevölkerung anging. Ich kann mich sehr genau erinnern, dass ich am Anfang fasziniert jede Abendschau verfolgt hatte, das gab mir so ein integratives Gemeinschaftsgefühl, und wie ich staunte, wie sich CDU-Politiker in den Interviews äußerten. Wenn dieselben Aussagen in Bayern geäußert worden wären, wären sie von einem SPD-Politiker gekommen. Diese selbstverständliche Toleranz liebte und liebe ich sehr. Besonders beeindruckte mich in den Achtziger Jahren ein Mitarbeiter der Berliner S-Bahn, der im gläsernen Häuschen die Züge abfertigte und eine S-Bahn-Uniform anhatte. Als Frisur trug er dazu einen froschgrünen Irokesen. Das war für mich die ultimative Evolution.

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