Vor einigen Tagen fand ich beim Blättern am Briefkasten in einem Katalog vom Modeversandhaus Heine, eine kleine Postkarte. Fast hätte ich sie mit dem Katalog weggeschmissen. Ich weiß gar nicht, wie so etwas passieren kann, also physikalisch. Vielleicht wurde der Katalog zuerst eingeworfen, und die nicht gebundene Seite hat nach oben geschaut, und dann wurde die Postkarte hinterher geworfen, und dabei ist sie dann in den Katalog hineingefallen. Da ich in der Vergangenheit schon mal beim Versandhaus Heine bestellt hatte, bin ich in einem Verteiler und blättere dann auch mal kurz vor dem Wegwerfen durch, ein Glück! Ich kenne den Absender persönlich. Es ist ein sehr ordentlicher, wohlerzogener Mensch, wie man auch an der ordentlichen Schrift erkennen kann. Das Motiv aus dem Werk-Unterricht in Manchester ist auch sehr interessant, weil lehrreich. Man kann sich auch in ordentlicher Kleidung im Unterricht einfinden, es muss nicht immer Jeans und T-Shirt sein. Der Absender ist sehr gebildet und teilt gerne sein großes Wissen über alle Dinge der Welt. Ich habe mich sehr über die Karte und die ordentliche Schrift gefreut. Und auch sehr über den höflichen Stil, der mir sehr entspricht! Ich habe eine große Zuneigung zu Menschen, die sehr höflich sind, in einer Weise, wie es früher an der Tagesordnung war. Das bedeutet zum Beispiel, dass man jemandem Feuer gibt, wenn man ein Feuerzeug zur Hand hat, und das Gegenüber sich gerade eine Zigarette aus der Schachtel geholt hat. Die jungen Leute, so unter 39, kennen das ja gar nicht mehr. Da kann man eine Minute mit der Zigarette in der Hand dastehen, und das männliche Gegenüber raucht ungerührt die eigene Zigarette weiter, ohne Anstalten zu machen, das in der Hand parate Feuerzeug zu benutzen. Da kann man bei mir richtig punkten. Also in die andere Richtung. Nicht schön. Oder auch heutzutage praktiziert: während der Verabredung anzufangen, mit anderen Leuten zu telefonieren, nur weil das Mobiltelephon einen Anrufer anzeigt. Wenn es nicht gerade ein hochbetagter Mensch oder ein familiärer Pflegefall ist, der aufgrund einer Notlage durchruft, habe ich da keinerlei Verständnis und denke mir meinen Teil. Man kann doch in fünfzehn Sekunden abklären, ob es ein Not-Antruf ist, oder ob da nur jemand nett plaudern möchte. Des weiteren geißle ich junge Menschen und vor allem Männer, die topfit sind und in der Blüte ihrer Kraft stehen, und in der S-Bahn und U-Bahn einen Sitzplatz einnehmen, von dem sie auch nicht abrücken, wenn ein älterer oder schwächerer Mensch oder eine schwer bepackte Dame zusteigt. Das gehört sich nicht und ist für mich ein Ausdruck schlechten Benehmens und ich möchte keinen Kontakt mit den Personen haben. Die sind bei mir alle unten durch! Herr R. hingegen, der diese Postkarte verfasst hat, verfügt über vorbildliche Manieren und diese Postkarte rundet meinen ohnehin positiven Eindruck nur noch ab. Meinen verbindlichsten Dank dafür!

4 Antworten auf „02. November 2019

  1. Eine Renaissance der „Kinderstube“ wäre auch aus meiner Sicht mehr als dringend notwendig. Soeben bin ich aus einer modernen Großstadt heimgekehrt und konnte dort den allgemeinen Verfall von Grundsitten tagtäglich miterleben. Es ist schlimm!

  2. Danke für diesen Beitrag, lieber Schneck. Ein weiteres mal möchte ich die Gelegenheit nutzen, für ein Schulfach „Gutes Benehmen und Empathie“ zu plädieren. In dem Fach sollten praktische Übungen gemacht werden. Die Schülerinnen und Schüler werden darin unterwiesen mit Messer und Gabel zu essen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und auch auf dem Gehweg Rücksicht zu üben, einen Platz anzubieten, bzw. sich nicht unnötig breitbeinig hinzusetzen, wenn einer daneben Platz nehmen möchte, sowie g e l e g e n t l i c h vom Smartphone aufzublicken, um zu sehen, was in der übrigen Welt gerade vor sich geht, ob vielleicht gerade eine neunzigjährige Dame mit Gehhilfe zugestiegen ist und sich über ein bißchen Erholung im Sitzen freuen könnte. Auch könnte man lehren, wie Getränke aus Trinkgefäßen zu sich genommen werden, und wie die verschiedenen Gläser heißen. Eine untergehende Kulturerrungenschaft, auch in der Amateur-Gastronomie. Dass Papierkörbe und Abfallbehälter nicht zur Dekoration im öffentlichen Raum stehen, ist auch weitgehend unbekannt. Das mag man alles für oberflächliche Dinge erachten, aber ich finde, dass solche Rücksichtnahmen die Welt schöner machen. Kaugummi kauen mit offenem Mund finde ich auch nicht sehr attraktiv. Die Litanei ließe sich endlos fortsetzen, aber dafür ist mir nun auch der Abend zu schade! Wenn hier mal jemand von den Kultusministerien mitlesen sollte, denken Sie bitte über meinen Vorschlag nach.

  3. kid37 – 4. Nov, 14:24
    Ein ganz wunderbare Kartenmotiv. Gut gekleidete Menschen bei der Arbeit. Und abends dann einer Dame Feuer anbieten – nicht mit Schnickschnack, sondern einem richtigen Gerät.

    g a g a – 4. Nov, 14:56
    Ich möchte sagen, ein Bruder im Geiste. Die Sache mit dem Feuer ist natürlich auch deshalb existentiell, weil es sich um gelebte Metaphorik handelt. Was ich gar nicht erwähnt habe, weil einfach auch zu schmerzlich, wie sich solche Situationen dann weiter entwickeln, wo man eine Minute mit der unangezündeten Zigarette vor den jungen rauchenden Herren darbt. Üblicherweise frage ich nach ca. zwei bis drei Minuten (ich gebe immer noch Verlängerung): „Entschuldigung, könnte ich eventuell Feuer bekommen?“ oder (man duzt heutzutage in solchen Kreisen): „Entschuldigung, hast Du vielleicht Feuer?“ woraufhin der Angesprochene (von dem ich zuverlässig weiß, dass er sich eben noch die eigene Zigarette angezündet hat, und ein Feuerzeug in der Hosen- oder Jackentasche trägt) dergestalt reagiert, dass er zögerlich und mit gleichgültigem Gesichtsausdruck ein Feuerzeug aus der (meistens) Hosentasche zieht, und es mir kurz auf Hüfthöhe entgegenhält, damit ich es ihm aus der Hand nehmen kann und mir selbst damit Feuer gebe. Dieses geschieht nun, ich bedanke mich und halte das Feuerzeug auf selber Höhe in seine Richtung, zur Rückgabe. Das Gerät wird nun wieder entgegengenommen, ohne ein „Bitte, gern geschehen“, auch ein verbindliches Lächeln ist in keinster Weise zu erwarten, und der Feuerzeugbesitzer steckt das Ding zurück, ohne mich eines Blickes zu würdigen. So läuft das heutzutage ab. Ich finde das beschämend, ja entwürdigend, und es ist mir fast peinlich, das hier zu offenbaren.

  4. kid37 – 4. Nov, 22:54
    Man duzt dort? Mich schaudert’s! Ich weiß schon, warum ich heutzutage viele dieser Geselligkeitsgelegenheiten entsage. Ich halte solange mein Zunder trocken, wie man so sagt. Wenn die rechte Dame kommt, nicht zu kokett natürlich, stehe ich flammend mit meinem Ronson-Feuerspender bereit.

    g a g a – 4. Nov, 23:07
    Der Ronson-Feuerspender ist schon ein Traum, wie dafür gemacht, das Feuer gereicht zu bekommen. Ob mir das noch einmal vergönnt sein wird, wissen die Götter. Diese Duzerei nimmt hier wirklich überhand. Ich bin da in einem großen Dilemma, da ich einerseits noch mittun möchte, und mich gerne auch dort einfinde, wo die jüngere Generation anzutreffen ist, andererseits ist es doch eine plumpe Vertraulichkeit, die mir innerlich widerstrebt, so ich jemandem nicht seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden bin, und man sich irgendwann das Du angeboten hat, an einem passenden Abend mit entsprechendem Getränk und Anstoßen. Eben allem, was dazu gehört.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s