Wie ist die Halbwertzeit von Fotografien? Ein Tag, zwei, eine Woche? Kann man noch Bilder posten, die gut zwei Jahre zurückdatieren, oder ist das irrelevant, weil nicht nah genug an der Gegenwart? Was immer geht, sind richtig alte Fotografien aus der vordigitalen Ära, nostalgische Gefühle werden ausgelöst, man ruft die eigenen halb verblichenen, verfärbten Bilder seiner Kindheit und Jugend ab. Aber digitale Aufnahmen von vor ein paar Jahren? Das eine oder andere Highlight wird vielleicht genauso gewürdigt wie ein besonderes aktuelles Bild, aber eine ganze Reihe? Das sieht sich doch keiner an, es sei denn man ist eine Ikone von Weltrang, oder? Auf dem Rechner, der meine Fotografien beherbergt, die ich nie veröffentlicht habe, sind noch ein paar Reihen, wie diese hier.

Ich habe tatsächlich Bildstrecken nach hinten geschoben, die mir eigentlich etwas bedeuten, aber vielleicht kaum jemandem sonst, um Aufnahmen den Vorzug zu geben, die Freunden etwas bedeuten. Eine der hinten runtergekippten Strecken ist zum Beispiel diese hier von meinem Geburtstag vor zwei Jahren, an dem die Ausstellungseröffnung in Soeht 7 war, an der ich beteiligt war. Ich fand es so unendlich schade, dass ich am Abend der Eröffnung nicht die Zeit fand, all die Gäste, über die ich mich sehr freute, zu fotografieren. Man hat anhand der Bilder den Eindruck, dass kaum jemand da war, dabei wirbelte ich die ganze Zeit auf dem Lichthof und zwischen den Zellen und Besuchern und Gratulanten herum, freute mich über Blumen und liebe Besucher, die ich seit langem persönlich kenne, saß vor den laufenden Bildern in der großen Zelle und erzählte Hintergrundgeschichten zu hunderten Bildern, die abliefen, vor allem Schwarzweiß-Portraits, teilweise von bekannten Menschen. Ich hatte großes Vergnügen, von den Begegnungen zu erzählen, dabei lief Musik, meine Lieblingsplaylist.

Oben im Kuppelsaal wurde zu Beginn eine Ansprache von Jan, der mich mit ins Boot geholt hatte, gehalten und ich sagte auch ein paar Worte. Davon gibt es leider keine Bilder. Die Stunden vor der Eröffnung waren von Eile und Hektik geprägt, ich machte eine wichtige Erfahrung, nämlich, dass man wenigstens einen Tag vorher eine Generalprobe machen sollte, mit dem kompletten Setting aller Exponate, um dann ausgeruht und entspannt die Gäste zu begrüßen, sich ihnen in aller Ruhe zu widmen. Ich kam dann aber doch langsam runter, als es schon lief. Einige Besucher aus der Berliner Galeristen- und Kuratorenszene gaben mir damals ein Feedback, das mich besonders freute, weil sie mir nicht aus freundschaftlicher Verbundenheit nette Worte zukommen lließen, sondern aus professioneller Sicht. Ich kann das hier nicht wiedergeben, obwohl ich es genau erinnere, weil es teilweise mit Vergleichen zu tun hatte. Ich kam dabei sehr gut weg.

Der damalige Hausherr Jochen Hahn, damaliger künstlerischer Leiter von Soeht 7, hatte im Vorfeld Gelegenheit, sich virtuell ein Bild von meinen Exponaten zu machen, aber er hatte wohl nur durchgezappt, und stand nun vor mir und berichtete mir mit Staunen im Gesicht, dass das ja richtig, richtig gut sei, was ich da aufgebaut hatte. Ich fand es selber ja auch. Ich weiß schon, wann etwas gut ist, sei es bei anderen oder mein eigenes Zeug. Sehr schön war auch, mit einer arrivierten Fotografin vor den laufenden Bildern zu sitzen und ihre sehr aufmerksamen, differenzierten Kommentare zu hören. Das war ein Geschenk für mich. Aber auch die Rosen von Lydia und Modeste in Begleitung von Wortschnittchen Stefanie, die Wiesenblumen von Jenny und Fabian, die guten Flaschen und schönen Kleinigkeiten von Anne und Ilka und Max. Dass Imke vom anderen Ende der Stadt da war, und auch Michaela und Evelyn, Ina eh. Und Cosmic. Und last but not least Alban. Für die mir liebsten Menschen hatte ich ein paar Flaschen Champagner auf Eis unter meinem Tisch mit dem Notebook in der großen Zelle gebunkert. Es war eine gute Erfahrung, dieser erste von drei Tagen Ausstellung im alten Frauenknast von Lichterfelde. Die paar Reibereien im Vorfeld mit meinem künstlerischen Zellennachbarn waren vergessen. Ich fiel zufrieden ins Bett, nach diesem ersten September 2017.

Eine Antwort auf „13. Oktober 2019

  1. Jan Sobottka
    Soeht 7 war ein noch nicht eingeführter Ort, der abseits von allem lag: Mainstream, Erreichbarkeit und erst der Bezirk: Lichterfelde Steglitz. Dennoch eine wertvolle Erfahrung. Hier eines meiner Fotos, das auch Teil meiner Ausstellung bei Manfred Carpentier (2008) war. Zu dieser Zeit zogen wir durch die Galerien, die allesamt im Sog einer künstlerisch-vermarkbaren Aufbruchstimmung in Berlin waren. Auf dem Bild: Gaga Nielsen

    17-09-01 Opening SOEHT (65)

    Bettina L.
    Danke für den Text. Schön- dass es Dich glücklich macht. Mich hat es angeregt, nach meiner eigenen Playlist zu schauen. Wir alle geben einen Beitrag….

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