31. August 2022

Hübsche Pappkulissen im Eckraum. Und der Übergang zu einem anderen Flügel der Burg, zur Kemenate. Die Verbindung ist wohl neu, früher waren in der Kemenate die Schlafgemächer der Burgfräulein. Jetzt aber auf vielen Etagen Exponate vom Germanischen Nationalmuseum, es ist sozusagen eine Abteilung vom Museum mit Sachen, die eine besondere Beziehung zur Burg haben. Und schönen Ausblicken aus den Fenstern. Dazu morgen!

31. August 2022

Hinter dem Schlafzimmer, im Palas der Kaiserburg, also hinter der „Kammer des Kaisers“ kommt ein Raum, der schlicht als „Eckraum“ bezeichnet wird, und von dem es heißt, dass nicht bekannt ist, wofür er genutzt wurde. Jetzt wird allerlei dort gezeigt, unter anderem die Kaiserkrone aus einem 3D-Drucker! Allerhand. Aber für mich am Wichtigsten: die unerwartete Wiederbegegnung mit Albrecht. Er lässt mich nicht locker! Diesmal auf einem riesigen Wandbild von 1895 von einem Maler namens Wanderer, mit anderen berühmten Nürnberger Künstlern der „Dürerzeit“ wie es heißt. Das ist auch eine Liga von weltlicher Anerkennung, dass eine ganze Epoche, die die Lebensspanne von einem bestimmten Menschen umfasst, nach dem Menschen benannt wird. Der Direktor vom Kunsthistorischen Museum in Wien benutzt auch oft das Wort „dürerzeitlich“. Ich gestehe, schon ein bißchen starstruck von dem Rummel um ihn zu sein. Aber ganz objektiv: er sieht auch bei weitem am besten aus, von allen Männern auf dem Gemälde. Eine Erscheinung! Wie groß er war, konnte ich nicht herausfinden, aber wohl der Größte auf dem Bild. Die Schuhe finde ich auch sehr putzig, solche habe ich noch niemals gesehen. Wie Bärentatzen!

31. August 2022

Immer mittendrin, mit seinem Fahrrad, der sympathische Hans-Christian Ströbele. 7. Juni 1939 – 29. August 2022. Die Fotos habe ich am 26. März 2011 gemacht, bei der Abschalten-Demo, anlässlich der AKW-Katastrophe in Fukushima. Keinen bekannten Politiker habe ich öfter zufällig unterwegs gesehen, er hatte immer sein Fahrrad dabei. Am Spreeufer oder auf auf einem S-Bahnsteig. Einer meiner Lieblingspolitiker, besonnen und doch unbestechlich.

30. August 2022

Halleluja…! Was für eine Decke. Sofort kann ich mir vorstellen, hier zu liegen, im King Size Bett von Kaiser Karl und seinen Doppeladler zu bewundern. Hier also nächtigt der Monarch. Obwohl ich nicht der rustikale Wohntyp bin, gefällt mir sein Schlafzimmer überraschend gut. Auch der shabby Schick der einen Wand beim Durchgang, diese Patina – das ist wirklich gut gemacht.

30. August 2022

Wichtigstes Möbelstück in seinem Wohnzimmer ist für den medienaffinen Kaiser ein modernes Smartboard im quadratischen Instagramformat mit Internetzugang, das zugleich als Fernsehgerät dient. Hier bewundern die Tochter und Söhne des Herrschers (von links nach rechts: Prinzessin Margarete, Kronprinz Sigismund, Prinz Johann und Prinz Heinrich) die sehr gute Auflösung der Neuanschaffung im elterlichen Palast. Die prachtvoll bemalte Holzdecke mit den Insignien wie dem stolzen Adler des Hl. Römischen Reiches hingegen wird keines Blickes gewürdigt, da die Kaiserkinder den Anblick von klein auf gewohnt sind und schon in der handgeschnitzten Wiege hinreichend begutachten mussten.

30. August 2022

Die gute Stube des Kaisers besticht durch einen minimalistischen Einrichtungsstil. Kaiser Karl liebt es schlicht, daher sehen wir keine Raffgardinen mit üppigen Volants und Schabracken. Blickdichte Rollos aus feinstem niederländischen Leinen entsprechen dem zum Understatement neigenden Geschmack des Monarchen.

30. August 2022

Herrschaftszeiten! Es ist so weit. Meine persönliche Audienz bei Kaiser Karl IV. Die Karlsbrücke in Prag, wo er 1316 als Wenzel geboren wurde, ist nach ihm benannt und auch Karlsbad. Vor mir sitzt aber nicht „Karl der Große“, das war wieder ein anderer, offiziell „Kaiser Karl I.“, 747 geboren, also 569 Jahre vor Karl IV. Kann man alles leicht verwechseln. Die Nürnberger Kaiserburg wurde erst um das Jahr 1000 herum gebaut. Nicht weiter schlimm. Hauptsache, ich spreche ihn nicht falsch an. Aber ich glaube, dass man das Wort sowieso nicht von sich aus an den Kaiser richtet, sondern abwartet, ob er mit einem spricht, dann darf man antworten. Ich habe mich vorbereitet, ich will schließlich nicht geköpft werden! Angeblich ist er aber friedliebender und kultivierter als seine Vorgänger, von denen er vier auf Gemälden um sich hat. Der Spiegel hat geplaudert, wie er sich so benommen hat.

„Bei Audienzen verzichtete er auf jedweden Schmuck und aufs Schwert, meist trug er schlichte Kleidung – in einer Zeit, die von fürstlicher Prachtentfaltung glänzte. Die glatten, dunklen Haare hingen bis zur Schulter, Bart und Schnäuzer wirkten gepflegt. (…) Die Bittsteller, die vor ihm knieten, schaute Karl kaum an, er ließ den Blick umherschweifen. Dabei saß er selten. Manchmal schnitzte er, scheinbar versunken, mit einem kleinen Messer an einem weichen Stück Holz. Es sah so aus, als interessierten ihn die Petenten nicht sonderlich – das Gegenteil war richtig: Er hörte aufmerksam zu, konzentriert. Dann antwortete er kurz und knapp und auf den Punkt. (…) Er schrieb und redete deutsch, böhmisch, lateinisch, französisch, italienisch. Selbst Dialekte, wie etwa das Lombardische oder das Toskanische, beherrschte er.“

Oha. Für meine Audienz hat er nicht aufs Schwert verzichtet, aber er hält mir einen Apfel entgegen, was ich als freundliche Geste deute. Ich esse sehr gerne Äpfel! Er erinnert mich ein bißchen an den Sänger Rea Garvey. Was gesprochen wurde, ist geheim. Es ging jedenfalls nicht um die Goldene Bulle, die in meiner Schulzeit ein ewiges Thema war, und wo ich mir nie merken konnte, dass es so eine Art Gesetzbuch war. Ich habe mir immer so eine große goldene Kapsel mit geheimnisvollem Inhalt vorgestellt. Eine goldene Buddel sozusagen. Aber der Apfel hat sehr gut geschmeckt. Er hat ihn mir mit dem Schwert zerteilt, in kleine, mundgerechte Schnitze – wo er doch für sein Leben gerne schnitzt! Und dann hat er mir noch gestattet, dass ich mich weiter oben im Palas umschaue, wie der Trakt heißt, nämlich in seiner guten Stube und sogar in der Kammer, dem kaiserlichen Schlafgemach!

30. August 2022

In schicklicher Demutshaltung nähern wir uns dem Kaisersaal, wo uns der Herrscher zur Audienz erwartet. Ich bin schon recht aufgeregt und folge mit leicht geneigtem Haupt einer Hofdame.

29. August 2022

Nun wird sich mancher fragen, wieso ich so lange brauche, um zur Sache, also zur Burg selbst zu kommen. Dem weiß ich zu entgegnen: gerne begeben Sie sich selbst dereinst auf den Weg zur Nürnberger Kaiserburg und werden feststellen: man fährt nicht mit dem Taxi zur Adresse „Burg 1“, steigt aus, klingelt, die Tür geht auf und schon ist man mittendrin, in der guten Kaiser-Stube. Das wäre eine schlechte Burg! Die Bastion will erobert werden, strategische Annäherung ist vonnöten. Das Allerheyligste wird nicht holterdipolter wie zu später Stunde der Späti gestürmt, wenn der Kühlschrank leer ist. Die Annäherung folgt zurecht einer hochkomplizierten Dramaturgie. Diese möchte ich für die Daheimgebliegenen erlebbar machen! Nachdem wir also den äußeren Burghof durchschreiten duften, holen wir uns erst einmal einen Passierschein, ein Billet für den Zutritt der Burg, und dürfen sodann durch den inneren Burghof, von wo wir Einlass erbitten.

Aber erst einmal eine kleine Rast. Im Schatten, gegenüber des Lindenbaumes in der Mitte, steht eine Bank, die ist meine. Proviant habe ich auch dabei: sprudeliges Wasser, Nüsschen, Salamiwürstchen und einen Apfel. Hier lässt sichs gut seyn! Da fällt mir ein: schon lange nicht mehr Albrecht erwähnt! Der hatte von der Linde auch schon gehört, nämlich schreibt er in seiner Familienchronik, vom Vater überliefert: „(…) als man gezählt hat nach Christi Geburt 1455 Jahr, an St. Loyentag (25. Juni). Und auf denselben Tag hatte Philipp Birkamer (Pirkheimer) Hochzeit auf der Vesten, und war ein grosser Tanz unter der grossen Linden.“

Die Besucherinformation weiß zu berichten: „Im inneren Burghof stand, bis sie ersetzt werden musste, die mehrere hundert Jahre alte „Kunigundenlinde“. Sie soll von der heilig gesprochenen Kaiserin Kunigunde gepflanzt worden sein.“ Und Kunigunde hat sie wohl aus Dankbarkeit gepflanzt, weil ihr Kaiser Heinrich II. zu Pferd an einem Abhang von einem Baum gerettet wurde. Die Linde im Hof war ein Ableger, ein Zweiglein vom rettenden Lindenbaum, so geht die Sage. Eine gute halbe Stunde muss ich da gesessen sein und sinniert haben, es geht auf halbdrey zu! Nun aber frisch gestärkt hineyn in die große Veste! Ich erbitte nun etwas Geduld die Fortsetzung meiner ansonsten recht zügigen Berichterstattung betreffend, da mich bis in die Abendstunden anderweitige Tagesgeschäfte beanspruchen. Bleiben Sie dran, Fortsetzung folgt!

29. August 2022

Allerley Hexenhäuschen auf dem Burghof. Für die Wachleute und fürs Gesinde. Café und WC. Kastellanhäuschen klingt hübscher…! Bei näherer Betrachtung ähnelt der äußere Burghof etwas dem Anwesen von Volker in Liebenburg, wo ich im Juni zum Geburtstag war. Auch ein Gehöft mit mehreren Fachwerk-Knusperhäuschen, jedoch ohne Freiung. ABER: dafür Wiese und Hollywoodschaukel!

29. August 2022

Out of Africa auf der Kaiserburg. Allerlei Safari-Grüppchen auf der malerischen Aussichtsplattform. Da sich die Herren im Kolonialstil freudig präsentierten, löste ich ungebeten einfach auch aus. Alles politisch unkorrekt: hochherrschaftliche Burg, Männergruppe, Kolonialstil, aber so nostalgisch verspielt, ganz hübsch anzusehen!

29. August 2022

Der Blick von der Freiung. Über die türkisblauen Hauben vom alten Rathaus hinweg, bis zum Hauptmarkt und dahinter St. Lorenz mit den Turmspitzen der Lorenzkirche. Sind wir überall schon spaziert.

29. August 2022

Oh. Ein großer Platz! Der hoch gelegene äußere Burghof, mit Ausguck über die Mauer: die „Freiung“. Da war ich nicht zum ersten mal in meinem Leben, aber es war ein paar Jahrzehnte her.

27. August 2022

Zur Burg: da lang! Jede Etappe meines Spaziergangs wird gewürdigt. Ich bin beim Flanieren gleichermaßen gründlich wie in allen anderen Lebensbereichen. Der Mann im Schatten von hinten ist auf dem einen Bild mit der Frau missverständlich eingefangen. Es sieht auf dem Foto aus, als ob er ihr hinterherguckt und sie anstiert. Tatsächlich ist es ein Saxophonspieler, der die Besucher der Burg mit Swing Standards empfängt, daher auch die ungewöhnliche Haltung. Der Hall im Vestnertor ist beeindruckend.

27. August 2022

Man läuft kreisförmig am Burggraben entlang und dann, rechter Hand, blitzt wieder die versteckte Burg hervor und ein paar Schritte weiter der putzige runde Sinwellturm. Die untere Bastei endet am Vestnertorgraben, so heißt auch eine große Straße, nicht mehr autofrei. Linker Hand (kein Bild), schaut man durch wucherndes Grün verschwommen Richtung Plärrer, das ist eine stark befahrene Kreuzung und dahinter liegt der Stadtteil Gostenhof, in dem ich 1985 bis 1986 in meiner allerersten eigenen Wohnung (zur Miete) in der Kernstraße 37 gewohnt habe. Jetzt ist es doch schade, dass ich die Blickrichtung nicht als Bild habe. Ich hatte ein Foto gemacht, das auch ganz gut war, aber als ich dann aussortierte, dachte ich mir, dass sich in Unkenntnis nicht erschließt, wieso ich Richtung Plärrer fokussiert habe, ohne dass eine Sehenswürdigkeit erkennbar ist. Ich hätte es ja hier erklärt. Blöd. Da hinten, in Gostenhof war ich am 2. Juli aber eh nicht, also ein andermal. Ich blieb schön im Bereich der Burg, denn ich wollte ja endlich auch in die Burg hinein. Wo der Eingang ist, war mir entfallen, als Bewohner von Nürnberg spaziert man auch nicht mehrmals jährlich zur Burg – schade eigentlich. Es war klar, dass der Zugang irgendwann kommen wird, also immer weiter der Nase nach, im Uhrzeigersinn. Und nach ein paar Metern am Vestnertorgraben entlang, gibt es eine neue Holzbrücke auf hohen Stelzen, die Vestnertorbrücke, vorbei am kleinen Hexenhäuschen, einem trubeligen kleinen Gartenlokal, und danach kommt dann wieder so ein Tunnel, das Vestnertor, der Zugang zur Burg. Ich guckte wieder zum Sinwellturm, der mich abermals stark anzog und den ich besteigen wollte. Ich wollte auch einmal aus so einem Fenster gucken, ich war fest entschlossen. Aber nun endlich zum Burghof!

26. August 2022

Und immer wieder verwildertes Grün. Das verwinkelte Gemäuer der Basteien bietet Tausend Verstecke und Wohnräume für Tiere. So mancher Vogel kann von sich sagen, in der Bastei zu wohnen.

26. August 2022

Es war immer noch Mittagszeit, 13:37 Uhr sagen die Metadaten vom 2. Juli 2022 von den Tunnelbildern, über dreißig Grad, da waren nicht sehr viele Menschen unterwegs. Ich konnte schön meinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Ein starkes Déjà vu, als ich nach unten in den Burggraben blickte, da wo jetzt ein Biergarten zu sein scheint, der aber offensichtlich gerade nicht aufhatte. In diesem Burggraben war bis in die Achtziger Jahre das Bardentreffen. Und zwar nur dort, auf mehreren Open air-Bühnen.

Jetzt erstreckt es sich auf die gesamte Altstadt. Wenn man früher zum Bardentreffen ging, war klar, dass jeder nur dort sein kann, sofern er sich überhaupt dafür interessiert. Ich bin nicht jedes Jahr hin, aber schon manches, wenn mich ein Künstler besonders interessierte, oder ich ihn sogar kannte. Hier kann ich mir die weibliche Form sparen, da es ausschließlich Männer waren. Es traten sicher auch Frauen auf, aber für meinen Geschmack war da nichts dabei. Der war auch eher unkonventionell. Wegen Bettina Wegener wäre ich bestimmt nicht hingegangen, bei allem Respekt, dieses traditionelle Liedermacher-Geschrammel war mir zu altbacken. Seltener gab es auch mal etwas Gewagtes, Avantgardistisches, dazu gehörte ein Auftritt von Duke Meyer, einem damals in Nürnberg lebenden Performancekünstler, den ich nicht nur vom Hörensagen, sondern persönlich kannte. Wir sind heute noch befreundet. Er wurde in der Nürnberger Presse stets als „Enfant Terrible“ bezeichnet und machte möglicherweise den ersten Deutsch-Rap überhaupt. Ich spreche von 1983 bis 1986. Er kleidete sich wie eine wilde Mischung aus Massai und Weltraumkrieger, selbstverfertigte Kreationen. Die Frisur mal superkurz, der Schädel mit kunstvoll ausrasierten Leopardenflecken, oder Sidecut und in der Mitte hochtoupiert, dazu Kriegsbemalung in seiner Jaggerfresse. Und diese Erscheinung im mittelalterlichen, gemütlichen Burggraben, this was really something! Eine Veröffentlichung seiner Texte bezeichnete er als Betonpolemik. Das pink-weiß gestreifte Lyrikheft habe ich noch. Zudem war er der Sänger und Texter der mir auch privat verbundenen Nürnberger Rockband „Männer wie noch nie“. Der Bandname war eine kecke Anspielung auf Ina Deters Lied „Neue Männer braucht das Land“. Sozusagen die Antwort. Daran dachte ich unter anderem, aber hauptsächlich, als ich dort in der heißen Sonne entlangflanierte.

26. August 2022

Wir betreten die Burganlage durch das Tiergärtnertor, direkt gegenüber von Albrechts Haus. Was für eine Lage! Premium. Man geht durch einen Tunnel aus Sandstein, deswegen auch Lampen am hellichten Tag. Und vor einem liegt die untere Bastei im Südwesten, die Tiergärtnertorbastei. Was für eine Festung. Jeder kann selbst im Internet nachlesen, wie eine Bastei oder Bastion aufgebaut ist. Das spare ich mir, wir wollen flanieren. Nur soviel: Nürnberg hat die einzige erhaltene bzw. restaurierte Großstadt-Befestigung Deutschlands. Es gibt einige kleinere Orte mit auch gut erhaltenen Stadtmauern, aber keine dieser Größe mit mehreren Ringen und Ebenen, und über eine Länge von fünf Kilometern, dazu die Höhe von sieben bis acht Metern und einen Meter dick. Alle anderen deutschen Großstädte haben nur noch Teilstücke, wie zum Beispiel Berlin ein 57 Meter langes Stück bei der Zitadelle. Kann man hier nachlesen. Herrlich, die Nürnberger Stadtmauer mit den wild überwucherten Bastionen. Und die mächtigen Tore! 71 Mauertürme! Die schöne Stadtbefestigung aus Sandstein steht zum Glück unter Denkmalschutz, so soll es sein und bleiben. Am Ende des Tunnels läuft man über eine große Holzbrücke, die geht über den zwölf Meter tiefen Burggraben.

25. August 2022

ANKÜNDIGUNG! Von langer Hand teile ich hiermit bereits heute mit, dass ich mein kommendes Wiegenfest, welches sich am Donnerstag, dem 1. September 2022 zum 557. mal jährt, nicht mit einer abendlichen Einladung oder dergleichen begehen werde. Auch feiere ich nicht hinein, obwohl ich am Abend vorher ausgehe. Das ist schon deswegen nicht der Fall, weil es dort kein klassisches Reinfeier-Getränk nach meinem Prinzessinnen-Geschmack gibt. Ich fordere auch keine originellen Postkarten an, die ich dann nachzustellen gedenke, das war eine Lebensphase, die ich fürderhin für beendet erkläre. Außerdem hab ich es immer noch nicht geschafft, die Challenge von Doro vom letzten Jahr zu meistern. („Königin von Saba“). Obwohl, das wäre vielleicht eine Idee für mich persönlich, dass ich mich als Gaga von Saba verkleide. Ganz ehrlich: ich hab im Veranstaltungskalender gestöbert, und nix für den 1. gefunden, wo ich dringend hinwollen würde. Muss ja auch nicht sein. Vielleicht mach ich einen Spaziergang auf der Zitadelle Spandau und spiele Burgfräulein, in Anlehnung an meine Nürnberger Spaziergänge. So, nun sind alle informiert. Von postalischen Zusendungen von Sachen bitte ich abzusehen, ich hab schon zuviel Zeug! Das Einzige was ich immer brauche, ist italienisches Espressopulver, Grundierung, gute Flaschengärungen und mein Armani Code Femme. Von letzterem hab ich mir gerade wieder vier Flaschen auf einmal gekauft, bin versorgt! Glückwünsche sind aber immer willkommen. Gute Vibrations und Komplimente. Dass ich zu nichts einlade, heißt nicht, dass mir mein Geburtstag schnuppe wäre, ich will nur keinen Aufwand diesmal. Und unter der Woche ist auch nicht für alle super. Also: keinerlei Feier- oder Geschenke-Stress für alle Geneigten :-) Ich sehe gerade, ich hab mich oben vertippt: 557 stimmt nicht ganz. Bin wohl gedanklich noch etwas bei Albrecht.

25. August 2022

Albrecht Ade, scheiden tut weh. Komm, ein Selfie zum Abschied geht noch: Du machst eins von dir, ich mach eins von mir. Na bitte. Und jetzt raus in die herrliche Sonne, die Burganlage erkunden. Bis ich davon mit Bildern zurückkomme, kann es ein paar Stunden dauern. Wer mag, kann bis dahin in den anderen Nürnberger Fotoalben blättern, es sind schon zwanzig geworden, allerhand!

25. August 2022

Den handsomen jungen Mann habe ich vor vier Wochen schon einmal vorgestellt, da hatte ich die Dürer-Bilder auf den Fluren meiner Herberge präsentiert. Ich meine nicht das hagere Männlein im Harnisch – das ist der Heilige Eustachius, der rechte Flügel vom Paumgarnter-Altar; wobei der für mich jetzt nicht so richtig heilig aus der Wäsche guckt, sondern den Lockenkopf. Oswolt Krel heißt er, ein junger Kaufmann, also nicht schon wieder ein Selfie vom selbstverliebten Albrecht. Das Original hängt in der Alten Pinakothek (Paumgartner-Altar dito, die Pinakothek hat einige Dürer). Ich hatte den Namen von Oswolt schon wieder vergessen. Ich merke mir solche Sachen auch nur vorübergehend, gut dass das Wissen hier gespeichert ist. Muss ich meinen Kopf nicht damit belasten. Bei Bedarf gilt stets: gewusst wo = Transferkompetenz!

25. August 2022

Willkommen im Dürersaal vom Albrecht-Dürer-Haus! Hier hängen die weltbesten historischen Kopien von einigen von Albrechts bekanntesten Gemälden. Die Schautafel erklärt alles Übrige, was man dazu wissen will. Ich erkläre die nächsten Wochen zur unterrichtsfreien Zeit! Jetzt wird nur noch flaniert und gelustwandelt! Ich habe noch viele Bilder in petto. Hoffe, facebook sperrt mich nicht, weil ich die Paradiesvögel Adam und Eva von 1507 von Albrecht poste. Wenn ja: peinlich! Nicht für mich oder Albrecht, sondern für Facebook. Die Originalen Nackedeis Adam und Eva hängen übrigens im Museo del Prado in Madrid. Dass sich Albrechts Werk so über die Welt verteilt, ist schon ok. Wir haben hier ja auch genug Sachen aus aller Herren (und Damen) Länder.

24. August 2022

Noch ein Blick in die Vitrine mit dem Vergolderzubehör. Zwar ist Dürer nicht dafür bekannt, bei seinen Tafelbildern in größerem Umfang Blattgold eingearbeitet zu haben, aber beim Bild seines Löwen heißt es, dass es mit „Gold gehöht“ ist, also hier und da Glanzpunkte mit Pinselgold aufgesetzt wurden. Vielleicht wurden in der Werkstatt auch Vergoldungen von Rahmen vorgenommen. Außerdem hat er den großen Saal im alten Nürnberger Rathaus ausgemalt, die Wandbemalung ist leider zerstört, die Fotos davon legen aber nah, dass in all der Pracht auch Gold vorgekommen ist.

In der Vitrine ist jedenfalls ein heutzutage handelsübliches Blattgoldheft der Größe 10 x 10 Zentimeter. Das orange Heft kenne ich, und darunter ein kleineres, vermutlich 8 x 8 Zentimeter. Das letztere könnte Blattgold von den Goldschlägern aus Schwabach sein, das dünnste Blattgold, das erhältlich ist, und traditionell das Format 82 x 82 mm hatte, heute 8 x 8 Zentimeter. Der Lehrer von Albrecht Dürer, Michael Wolgemut hat es an einem Flügelaltar in einer Kirche in Schwabach nachweislich benutzt, es gilt als Bestes.

Die ersten zunftmäßigen Goldschläger sind 1373 in Nürnberg belegt. Das nah gelegene Städtchen Schwabach war die Goldschlägermetropole in ganz Europa und versorgt heute noch 40 Prozent des gesamten weltweiten Bedarfs mit dem extradünnen Blattgold. Mit Blattgold kenne ich mich einigermaßen aus, ich verwende es selbst gerne und finde den Vorgang jedes mal geradezu magisch, wenn man die Nahtstellen der Blätter wie durch Zauberhand einfach so wegpinselt, bis es eine glatte Fläche ergibt, und das Stückwerk nicht mehr zu erkennen ist. Wer einmal damit gearbeitet hat, will es in seiner Werkstatt nicht mehr missen. Man möchte es einfach zur Hand haben. Es wäre sonst wie eine fehlende Farbe in der Farbpalette. Aber die Anwendung muss geübt werden. Dass Albrecht das auch virtuos beherrscht hat und in seiner Werkstatt immer da war, steht für mich außer Frage!

Hiermit ist der Werkstattbesuch beim großen Albrecht Dürer beendet. Es gibt jetzt nur noch einen Raum, den ich noch nicht gezeigt habe, den Dürersaal (außer dem „geheimen Gemach“, wie die Toilette früher verschämt genannt wurde, den Luxus hatte Albrecht schon, das ist zugesperrt, vielleicht eine Besenkammer). Der Dürersaal zeigt eine Ausstellung mit hochkarätigen, wertvollen, historischen Kopien seiner wichtigsten Tafelbilder, er ist in einem Anbau vom Dürerhaus und sehr sehenswert. Ach ja, unterm Dach ist auch noch ein Ausstellungsbereich, da sind wechselnde Ausstellungen mit originalen Kupferstichen und Drucken, aber fotografieren verboten. Die Besuchertoiletten im Untergeschoss hab ich auch nicht abgelichtet, sind auch nicht historisch. Für heute ist der Unterricht beendet! Es gibt wie immer keine Hausaufgaben, einen schönen Nachmittag, ich bin nun in meiner kleinen Werkstatt.

24. August 2022

Allerley: Alaun, Aloe, Auripiment, Azurit, Bleiweiß, Drachenblut, Goldrutenwurzeln, Grüne Erde, Gummi Arabicum, Hämatit, Hausenblase/Fischleim, Hühnerei, Knochenleim, Kreide, Läuseblut, Lapislazuli, Leinöl, Maffitot, Malachit, Mastix, Muscheln, Nußöl, Ocker, Purpur, Safran, Saflor, Sepia, Walnußschalen etc.pp.

Es folgt Dürers Rezept für Ultramarinblau: „Und setzt obgemeldt Albrecht Dürer der Jünger in gemeldter seiner Handschrift ein Artificium, wie man das Ultermarin blau soll malen, nämlich also: Mit Nufsöl, welches ufs Reinst geleitert und durch ein hulzens Büchsen, da der Boden einer Hand dick ist, und soll es malen uf das Allerdinnste. Man Öltränke auch den Grund, daruf man malen will, und darnach untermale man es mit schlechten Ultermarin.“

23. August 2022

Bißchen Werkzeug aus der Werkstatt. Stichel und Beitel für Kupferstich und Holzschnitt und was es noch alles dazu braucht und gibt. So schönes Werkzeug. Ich vermute, dass es zwar historische Geräte sind, aber auch keine Originale, die Albrecht noch in der Hand hatte. Obwohl… vielleicht das in der Holzschatulle. Immerhin gesichert in einer Glasvitrine dargeboten. Ich habe keine Schildchen gelesen, nur die Sachen angeguckt. Als Albrecht starb, gab es ja noch keine Museen, in denen man Reliquien von Handwerkern oder Künstlern gezeigt hat, soweit ich weiß. Wenn es Werkzeug zu vererben gab, hat man es wahrscheinlich an jemanden weitergegeben, der es benutzen konnte. Ich freue mich immer über besonders schöne Werkzeuge, und mag auch am liebsten welche mit Holzgriffen. Ich hab gern schönes Werkzeug in meiner hübschen kleinen Werkstatt. Da fahr ich jetzt hin! Erst mal wieder genug Lehrstoff für meine Leserinnen und Leser! Ein bißchen wirkt mein Blog gerade wie Schulunterricht, aber ich hoffe, leicht konsumierbar dargeboten, nicht dass mir hier der Unterricht wegen Langeweile geschwänzt wird! Immerhin gebe ich keine Hausaufgaben auf, sondern hoffe, dass die Schüler einfach gut aufpassen und dadurch Beliebiges für sich mitnehmen!

23. August 2022

Aber mindestens genauso interessant wie der immense Apparat ist der Druckstock, der darinnenliegt! Es ist nämlich ein Holzschnitt von seinem Bestseller – neben dem Hasen und den betenden Händen – dem Rhinocerus! Es ist eines meiner Lieblingsbilder von Dürer, neben der jungen Venezianerin und dem Rasenstück. Ich bin ganz verliebt in das Thier! Es hat natürlich eine eigene Wikipediaseite und hunderttausend Milliarden Suchergebnisse, wo die Geschichte erzählt wird, dass Albrecht Dürer das Tier nie persönlich gesehen hat, sondern nur aufgrund von Skizzen Anderer und Beschreibungen nachempfunden hat. Dafür: erstaunlich! Angeblich gab es in der frühen Römerzeit mal ein paar Nashörner in Europa, aber dann erst wieder 1515 dieses Exemplar. Wie es nach Europa kam, steht in Wikipedia wie folgt:

„Am 20. Mai 1515 landete ein Nashorn im Hafen von Lissabon; es war der bis dahin ungewöhnlichste Import der erst seit wenigen Jahren bestehenden Seeroute nach Indien. Die Portugiesen waren erfolgreich gewesen, wo Columbus versagt hatte; auf den Spuren früherer portugiesischer Seefahrer waren sie der westafrikanischen Küste gefolgt, hatten das Kap der Guten Hoffnung umrundet und waren nach Durchquerung des Arabischen Meeres 1498 nach Indien gelangt.“

Und nun, wie die Topnews zu Albrecht nach Nürnberg gelangte:
„Der aus Mähren stammende und in Lissabon ansässige Valentim Fernandes sah das Nashorn kurz nach dessen Ankunft in der portugiesischen Hauptstadt und beschrieb es im Juni 1515 in einem Brief an einen Freund in Nürnberg. (…) Ein zweiter Brief eines unbekannten Absenders mit einer Skizze wurde etwa um die gleiche Zeit von Lissabon nach Nürnberg gesandt und diente als Information über das Aussehen des wilden Tieres, vermerkt am oberen Bildrand des Holzschnittes von Dürer.“

Albrecht sodann: „Auf der Basis dieser beiden Quellen machte Dürer zwei Zeichnungen. Nach der zweiten Zeichnung entstand der Druckstock des Holzschnitts. Dürer hat ihn wahrscheinlich nicht selbst angefertigt, sondern einen „Formschneider“ damit beauftragt, den Druckstock nach der Zeichnung zu erstellen. Verwendet wurde vermutlich Birnenholz – ausreichend weich, um die feinteilige Wiedergabe zu ermöglichen, aber hart genug, um eine für den geschäftlichen Erfolg hinreichende Anzahl von Abzügen zu gewährleisten.“

Dafür hatte er dann schon seine Gesellen. Früher hat er noch alles selber geschnitzt und geritzt, aber warum nicht das rein Handwerkliche delegieren, bleibt mehr Zeit für den creativen Act, nicht wahr. Der Druckstock in der Presse ist natürlich auch nicht der von 1515, der wurde zahllose Male erneuert, wo der alte wurmstichige verblieben ist, weiß man nicht, vielleicht im Feuer. Feuerholz! Aber die 27,4 x 42 cm große Zeichnung, die ihm zugrundelag, wird in London im British Museum verwahrt. Darunter hat Albrecht in klitzekleiner Schrift das Folgende zur Reise des Tieres vermerkt, beim Ankunftsjahr hat er sich vertan:

„Rhinoceron 1515. Nach Christus gepurt. 1513. Jar. Adi. j. May. Hat man dem großmechtigen Kunig von Portugall Emanuell gen Lysabona pracht auß India ein sollich lebendig Thier. Das nennen sie Rhinocerus. Das ist hye mit aller seiner gestalt Abcondertfet. Es hat ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot. Vnd ist von dicken Schalen vberlegt fast fest. Vnd ist in der groeß als der Helfandt Aber nydertrechtiger von paynen vnd fast werhafftig. Es hat ein scharff starck Horn vorn auff der nasen. Das begyndt es albeg zu wetzen wo es bey staynen ist. Das dosig Thier ist des Helffantz todt feyndt. Der Helffandt furcht es fast vbel dann wo es Jn ankumbt so laufft Jm das Thier mit dem kopff zwischen dye fordern payn vnd reyst den Helffandt vnden am pauch auff vnd er wuorgt Jn des mag er sich nit erwern. Dann das Thier ist also gewapent das Jm der Helffandt nichts kan thuon. Sie sagen auch das der Rhynocerus Schmell Fraydig vnd Listig sey.“

Helffandt ist Elefant, ist klar. Und so sahen dann die gedruckten Exemplare vom Holzschnitt aus, ordentlich mit Albrechts Firmenlogo, dem berühmten AD, wie es sich gehört. Hat er auf der Zeichnung glatt vergessen. Das Rhino schaut in die andere Richtung, weil der Holzschnitzer ja schlecht seitenverkehrt arbeiten konnte, wenn er die Zeichnung als Vorlage hatte, außer, er hätte einen Spiegel zur Hilfe genommen. In der Werkstatt von Albrecht stauben die Geräte und der Druckstock aber nicht vor sich hin, sie werden wie früher benutzt. Es gibt Workshops unter Anleitung einer fachkundigen Künstlerin, die zeigt, wie ein Holzstich und ein Kupferstich angefertigt wird und auch den anschließenden Druck.

23. August 2022

Albrecht hatte eine stattliches Gerät! Riesengroß! Sein Erfolgsgeheimnis. Ich spreche von seiner Hochdruckpresse. Als Technik-Geek und Early Adopter musste so ein Ding her, jetzt hatte er ja Platz. Der alte Gutenberg, drüben in Mainz, hatte diese Sache mit dem Bücher drucken, anstatt umständlich abzuschreiben und abzumalen, gerade erst 1450 ausgedacht, und der pfiffige, gut zwanzig Jahre später geborene Albrecht, hat sofort Möglichkeiten gesehen, das nicht nur für seine Schriften, sondern auch für seine Bilder anzuwenden. Und anstatt nur fromme Heilige damit zu drucken, seine auch mal nicht so frommen, modernen Motive zu vervielfältigen und unters Volk zu bringen. Den heimischen High End-Apparat konnte er sich leisten, weil er schon vorher Sachen auf kleineren Pressen druckte und von Agnes auf dem Hauptmarkt verkaufen ließ und gut im Geschäft war. Nun hatte er auch Gehilfen und Gesellen, die er ausgiebig damit beschäftigen konnte.

Dafür braucht man nämlich auch die Lederballen mit dem Griff, die ich vorher auf einem Foto gezeigt habe. Der Druckstock, ein Holzschnitt, wurde mittels des Druckerballens, einem Ledersäckchen aus Hundeleder, das mit Roßhaar gefüllt war, mit Druckfarbe bestrichen und in die Presse eingelegt. Da drauf wurde dann das Pergament oder Bütten gelegt und kräftig zugedrückt. Wie stempeln, nur umgekehrt – vereinfacht ausgedrückt. Ursprung des Wortes Presse! Gutenbergs erste Druckerpresse war eine umfunktionierte Traubenpresse. In dem Video hier sieht man den ganzen Druckvorgang mit einer nachgebauten Gutenbergpresse. Wie auf der Erklärtafel im Dürerhaus schon erwähnt wird, ist das natürlich nicht die originale Presse von AD, sondern ein penibler Nachbau aus dem Jahr 1971 seiner Presse, die er einmal gezeichnet hat. Leider halten Holzapparate keine 500 Jahre durch.

22. August 2022

Und nun hereinspaziert ins Allerheiligste des Meisters! Die Werkstatt von innen. Wir gewahren Werkzeug. Was das Leder-bespannte Dings ist, erklärt der nächste Beitrag. Allerley Zauberey!

22. August 2022

Blick aus Albrechts Dürers Werkstatt durch die teilweise offenen Butzenscheibenfenster. Abgesehen von den königsblauen Augustinerbräu-Sonnenschirmen und dem „Café am Dürerhaus“ an der Neutormauer, hat er ziemlich dasselbe gesehen, wenn er aus dem Fenster geschaut hat. Der runde Sinwellturm aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war kürzer und hat ein anderes Dach mit vier Erkern gehabt, 1560 wurde um eine Etage aufgestockt, und das jetzige „Renaissancehelmdach“ gemacht.

22. August 2022

Ein paar Eindrücke von gestern vom RIO-REISER-PLATZ. Ich konnte nur vier Fotos machen, dann war der Akku alle, hatte ich nicht darauf geachtet, als ich losging. Hier ist ein kleiner Filmbericht. Es war richtig voll und schon ab der Mariannenstraße weiträumig abgesperrt. Gar nicht so klein der Rio-Reiser-Platz, aber doch heimelig, mit den individuellen Läden und Lokalen rundherum.

Ich war ewig nicht in der Ecke. Als ich noch nicht in Berlin lebte, wusste ich, dass Ton Steine Scherben da sind, und dass Rio – damals – in der Adalbertstraße wohnte. Das hat mich auch nach Berlin gezogen. Die Stadt von Ton Steine Scherben und der Einstürzenden Neubauten. Cool! Es hieß dann zwar bald, dass sich Rio nun auf den Hof nach Fresenhagen verzogen hätte, aber sein Bruder hat in einem jüngsten Interview etwas Interessantes ausgeplaudert, das mir neu war, nämlich:

„(…) Da gibt’s jetzt Feinschmeckerlokale und Galerien – da war früher gar nicht dran zu denken. Wenn das damals schon so gewesen wäre, wäre ich gar nicht weggezogen. Aber dass eine Gegend sich so sehr ändern kann, finde ich bemerkenswert. Die Atmosphäre ist so anders da inzwischen. Auch Rio hatte ja bis zu seinem Tod eine Wohnung dort, in der er einen Großteil seiner Zeit verbracht hat. Das, was da heute zu erleben ist, ging ja damals schon langsam los. Das hat Rio nicht gestört. Da war er nicht so empfindlich. Er hat es eben auch in Nordfriesland, wo er ja in Fresenhagen auf einem Bauernhof lebte, auch nicht mehr wirklich ausgehalten. Das war ihm zu weit weg von allem. Die Kreuzberger Atmosphäre war ihm näher als das von Bauern geprägte Nordfriesland.“

Also neu war mir, dass Rio sich bis zu seinem Tod nicht hauptsächlich in Fresenhagen, sondern in Kreuzberg aufgehalten hat. Als ich das gestern gelesen habe, hat es mich irgendwie beruhigt und eine Irritation beseitigt, die ich zeitlebens im Zusammenhang mit diesem Landleben in Fresenhagen in Verbindung mit Rio hatte. Er war also doch meistens in Berlin! Dass er in Fresenhagen gestorben ist, war dann vielleicht nur, weil er mal ein bißchen Lust auf Sommer auf dem Land hatte, zwischendurch.

Ich war damals auch betrübt, dass er nicht in Berlin sein Grab hatte, sondern dort. Aber das hat sich ja am 11. Februar 2011 durch die Umbettung nach Schöneberg zurechtgeruckelt. Da war ich auch schon so erleichtert. Rio hat mich immer beschäftigt, ich habe ihn sehr geliebt, wie einen Bruder.

Gestern hat Gloria Viagra die Bühne mit einer Moderation eröffnet und sie hat mich richtig beeindruckt. Eine Urberliner Pflanze mit Herz und Verstand und unheimlich kämpferisch. Sie hat gleich klargemacht, dass wir als nächstes noch einen Ton-Steine-Scherben-Platz in Kreuzberg brauchen, ja fordern! Entzückend.

Dann haben die übrigen Scherben mit Unterstützung von verschiedenen Gastmusikern und Sängern ein paar bekannte Songs gespielt, da war großes Hallo, als sie die Bühne betraten. Allerdings habe ich Lanrue an der Gitarre vermisst, obwohl er laut Wikipedia immer noch in der aktuellen Besetzung aufgeführt wird. Und Rio fehlt so. Ton Steine Scherben ohne Rio und Lanrue ist wie die Stones ohne Mick und Keith.

Im Publikum waren alle Generationen, wobei ich vermute, dass die Jüngeren doch hauptsächlich die Kids der alten Scherben- und Rio-Fans waren. Wenn nicht, sollte es mich freuen. Auf jeden Fall eine total schöne Sache, dass wir jetzt in Berlin einen Rio-Platz haben. Bin mir auch sicher, dass er ihn an genau der Ecke gut gefunden hätte. Eindeutig schöner als die Kraut- und Rüben-Ecke am Kottbusser Tor, zum Beispiel.

Der Kotti treibt mich schon immer in den Wahnsinn, weil ich nie weiß, in welche Richtung ich mich orientieren muss. 1986 habe ich unter anderem ein paar Monate in Kreuzberg gewohnt, in der Prinzessinnenstraße, da war er meine nächste U-Bahnhaltestelle, neben dem Moritzplatz. Selbst damals hatte ich Orientierungsschwierigkeiten, obwohl ich kein orientierungsloser Typ bin. Als ich zurück zur U-Bahn bin, fielen mir erst die vielen Plakate für den Festakt auf, die ich nirgendwo sonst in Berlin gesehen habe. Hätte ich gerne fotografiert, ging aber nicht mehr.

21. August 2022

Darf ich vorstellen: das sind unsere quasi musikalischen Lebensabschnittspartner, also von Ina, Lydia und mir: in der oberen Reihe abwechselnd Leeman (Gitarre und Gesang) und Gabi (Bass und Gesang) und in der Mitte immer Tom (Gesang und Percussion). Der gemeinsame Lebensabschnitt ist immer der Zeitraum, in dem der Berlin Beat Club auftritt. Dann sind wir der Gruppe ganz treu und ergeben. Am allermeisten Spaß auf der ganzen Welt macht es zum Berlin Beat Club zu tanzen. Zu Jimi Hendrix, The Rolling Stones, The Kinks, The Who, The Doors! Sie haben alles drauf. Hans ist wieder sonstwo rumgeschwirrt. Das war gestern nach dem Konzert, Bilder aus Inas Mobiltelefon. Nächster Gig in Berlin: Jubiläum 101 Jahre open air-Bühne Zitadelle, heute in einer Woche, am 28. August um 19 Uhr. Wird voll und wird toll!

21. August 2022

Gestern unternehmungslustig. Zum Berlin Beat Club ins Rickie. Nix reserviert, Platz gekriegt, den man immer haben wollen würde, und was beim Reservieren nie klappt. Ina war schon da, Lydia kam nach. Ich mit U-Bahn, Ina mit Auto, Lydia mit Fahrrad. Schön viel getanzt und mitgesungen, im zweiten Set gabs ein Rolling Stones-Special. In der Pause im Biergarten hab ich Hans von unseren beiden sehr guten Stones-Coverbands erzählt, Get Stoned und Brown Sugar, die er beide noch nie gehört und gesehen hat, obwohl sie auch immer wieder im Rickie spielen. Wir müssen ihn mal mitnehmen, damit er sieht, dass die Kollegen was Ordentliches abliefern, nicht nur showmäßig, auch handwerklich.

An dem guten Tisch, das ist der direkt gegenüber von der Bühne, wo unter einem Spiegel eine Sitzbank ist, saß eine Gruppe Gäste, die etwas älter als wir waren. Der Mann mit den langen grauen Haaren direkt neben mir, fragte in einer Musikpause, wie denn „so junge Leute wie wir auf die Idee kämen, sich so eine Musik anzuhören?“ Ich fühlte mich in dem Moment wie ungefähr 21. Als ich sagte, das sei die Musik, die ich als Kind und Jugendliche gehört habe und deswegen bei mir im Blut ist, ich kenne alles, was gespielt wird, schon immer, guckte er mich an, als ob ich schwindle. Er meinte, ich könnte doch seine Enkelin sein, das könnte nicht stimmen. Ich meinte daraufhin, dass er dann MINDESTENS Achtzig sein müsste. Wenn man so rechnet: er 83, mit 13 Vater geworden, seine Tochter jetzt 70, mit 13 Mutter geworden, ich die Tochter, jetzt 57. Dann kommts hin. Jedenfalls wollte er mir auf Nachfrage keinesfalls beantworten wie alt er sei, nur dass er NOCH NICHT ACHTZIG! wäre, hat er betont. Ich erklärte, ich werde Anfang September 57, also in drei Jahren Sechzig. Als er ungläublig guckte, fühle ich mich maximal wie Sechzehn! Die Band hat wieder toll gespielt, es war eine super Stimmung, als gäbe es kein Morgen. Sehr zufrieden heimgefahren, Lydia mit dem Fahrrad, Ina mit dem Auto, ich mit der U-Bahn. Wo ich die Ankündigung für die heutige festliche Umbenennung vom Heinrichplatz zum Rio-Reiser-Platz angekündigt sah. Es gibt ein paar Handy-Fotos, die Ina noch hat, mit der Band, also mit Tom und Gabi und Leeman und Ina und Lydia und mir. Bin gespannt.

21. August 2022

Am Sonntag, 21. August 2022, also heute, ist ein besonderer Tag für alle Rio-Freunde. Der Kreuzberger Heinrichplatz, unterhalb vom Mariannenplatz, wird umbenannt in Rio-Reiser-Platz. Der Festakt beginnt um 17 Uhr und geht bis 22 Uhr. Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die eine besondere Vergangenheit mit Ton Steine Scherben verbindet, wird da sein, Gloria Viagra moderiert, und die übrigen Ton Steine Scherben werden spielen. Ich habe davon erst heute Abend in der U-Bahn erfahren, da wurde es im „Berliner Fenster“ angekündigt. Ich gehe auf jeden Fall hin und würde mich freuen, Euch auch da zu treffen, am RIO-REISER-PLATZ in Berlin!



20. August 2022

Das bedauerlicherweise leergeräumte Schlafzimmer von Albrecht Dürer und seiner Agnes. Ich habe versucht herauszufinden, in was für einem Bett er geschlafen haben könnte. Meine Forschungen haben ergeben, dass im Spätmittelalter und der Renaissance nur die besseren Stände, wie gut verdienende Handwerker, eine Bettstatt hatten. Als Albrecht 1509, da war er 38, in das Haus einzog, war er schon recht erfolgreich und auch wohlhabend. Die Welt hat in einem Artikel vor zwölf Jahren geschrieben:

„(…) Als Albrecht Dürer 1528 starb, war er ein reicher Mann – auch nach heutigen Maßstäben. Bis zu seinem Lebensende hatte der 1471 in Nürnberg geborene Künstler ein Vermögen von rund 6.000 Gulden angespart. Das wären heute etwa sechs Millionen Euro. (…) Dürer hat stolze Preise gehabt (…) Er war wirklich teuer. Für normal große Werke verlangte er umgerechnet einen fünfstelligen Eurobetrag, für ganz große Gemälde kam noch eine Null dazu. Doch Dürer konnte sich das offensichtlich erlauben.“

Das lässt vermuten, dass er sich nicht nur eine archaisch grob gezimmerte, karge Bettstatt leisten konnte, sondern durchaus einen fürstlichen Wohnstandard. Ein Jahr nach seinem Einzug, 1510, hat er an einem Holzschnittzyklus zum Leben Marias gearbeitet, in dem er auf dem Blatt „der Tod Mariens“, der guten Maria ein sehr schön ausgearbeitetes Bett zuphantasiert, das wohl eher dem Möbelstil seiner Zeit entspricht. Auf jeden Fall hatten die besseren Stände am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ein Himmelbett, auch um sich vor Ungeziefer zu schützen. Vielleicht hat er ja sogar sein eigenes Bett als Vorlage genommen. Eine andere Seite, die sich mit mittelalterlichen Betten befasst, beschreibt das Bett Marias in Dürers Holzschnitt so (woher die Farbzuweisungen rühren, ist mir allerdings ein Rätsel):

„(…) Maria liegt hier in einem Bett unter grünem Baldachin, der mit goldgelben Fransen und Borten verziert ist, mit verschiedenen, ebenfalls teils golden anmutenden Decken, feinen Leintüchern und gestreiftem Kissen. Andere Werke aus dem Umfeld Albrecht Dürers zeigen ähnliche Dispositionen.“

Meine Vermutung möchte ich noch zusätzlich damit untermauern, dass Dürer sich zwischen 1505 und 1507, also zwei Jahre vor Bezug des Hauses auf einer Venedigreise aufhielt. Ein Zeitgenosse Albrecht Dürers war der venezianische Maler Vittore Carpaccio, von dem das Bild „Der Traum der Heiligen Ursula“ stammt, in dem ebenfalls ein Baldachinbett im Mittelpunkt steht. Das Bild ist von 1495 und Albrecht Dürer könnte das Bild oder ähnliche Betten vor Ort gesehen haben. Da er einen Hang zu extravaganter und eleganter Kleidung hatte und er von Venedig sehr angetan war, nehme ich an, dass der Gestaltungswille beim Schlafzimmer nicht Halt machte, und er bei der Einrichtung seines Heimes auch vom verfeinerten, luxuriöseren, venezianischen Lifestyle inspiriert war.

Da der Schlafraum auf der oberen Etage ein Durchgangszimmer ist, hat er bestimmt ein Himmelbett gehabt, das wie ein abgeteilter Raum im Raum ist. Daneben war der Flur zu seiner Werkstatt. Er konnte ungestört arbeiten, weil die Wirtschaftsräume und die Wohnstube, wo sich Agnes aufhielt, unten waren. Soweit meine aktuellsten Forschungsergebnisse zu Albrecht D.s Schlafzimmer!

19. August 2022

Es ist vollbracht. Eva-Maria Hagen. 19. Oktober 1934 – 16. August 2022. So ein reiches Leben, so eine inspirierende, anziehende Persönlichkeit. Die verträumten, sinnenfrohen Bilder, die sie malte, fand ich besonders schön. Wie eine virtuose Form dessen, was Chagall wollte, aber niemals so hinbekam. Spät erst erlebte ich sie auf der Bühne, da war sie knapp sechsundsiebzig und mächtig aufgeregt und auch gerade von irgendeiner Malässe nur so halb gesund geworden, ein bißchen zittrig. Ihr Buch, Eva und der Wolf hatte ich auch gelesen. Zuerst kannte ich Nina, die ich 1979 auf ihrer ersten Tournee im Westen gesehen hatte. Wo Nina war, war es zu Eva-Maria nicht weit, und wenn man Wolf Biermann kannte, schloss sich der Familienkreis. Mein Onkel war auch mal mit Nina auf irgendeiner Tournee, als sie noch im Osten war. Eva-Maria war für mich anziehender als Nina, ich mochte sie beide, fühlte mich Eva-Maria aber näher, so als Gesamtpaket. Sie hatte noch ewig Sex Appeal und war nicht so ein Kasperle wie Nina, mehr so hintersinnig augenzwinkernd, ihr beträchtlicher Humor. Ganz bestimmt hat hier kein Leben voller Verzicht und Bedauern geendet, sondern ein ganz wunderbares, in Fülle und Dankbarkeit.

(fotografiert am 10. Oktober 2010 im Schlossparktheater Berlin)

18. August 2022

In Farbe auch schön – gerade! Das Pippi-Langstrumpf-bunte Haus auf dem Hof vom Studio. Mit diesen Bildern schließe ich meine topaktuelle Berichterstattung von meinem allerersten Besuch bei Jenny im Popschutz-Studio und widme mich nun wieder Albrecht Dürer, der bestimmt schon eifersüchtig geworden ist. Er möchte nämlich auch von mir in seinem Studio besucht werden! Seins ist in dem puppigen Haus unter der Nürnberger Kaiserburg, über der guten Stube, das zeige ich dann als nächstes. Bleiben Sie dran!

18. August 2022

Apropos Hingabe. Das stelle ich mir mit am Herausfordernsten für eine Sängerin oder einen Sänger vor, dem Gefühlsausdruck Vorrang vor einem aparten Effekt zu geben. Wenn jemand an sich eine wohlklingende Stimme hat und weiß, welches Timbre rein von der Tonlage her wie wirkt, könnte versucht sein, das beim Singen gezielt anzuwenden. Ich bilde mir ein, das zu hören und bin verstimmt. Menschlicher Gesang ist für mich nur schön, wenn ich die Hingabe spüre, bei Effekthascherei bekomme ich schlechte Laune. Das fängt schon da an, wenn ein Sänger oder eine Sängerin die Gesangsstimme auffallend tiefer oder höher oder nasaler oder gutturaler anlegt, als die natürliche Tonlage beim Sprechen ist. Opern- und Sakralgesang ist da jetzt raus, weil das dort ein immanentes Prinzip ist. Aber wenn ich z. B. an Voice of Germany denke und ein Kandidat oder ein Kandidatin trägt mit betont kernig tiefer, oder hauchig gurrender bitchy Stimme vor, und dann hört man im Anschluss die normale höhere oder eben sonstwie andere eher durchschnittliche Tonlage „ja, hallo, ich bin der Bernd aus Gütersloh und seit meinem elften Lebensjahr Fan von Johnny Cash“ oder „hi, mein Name ist Cindy aus (nein, nicht Marzahn) Treptow und meine beste Freundin – wir kennen uns schon aus der Kita – findet ich singe genau wie Billie Eilish“ da bin ich etwas verstimmt. Kann man entgegnen: „na dann schalte doch ab, musst du dir ja nicht anhören“. Mache ich dann auch, aber ich gebe erst mal eine Chance. Ich glaube, ein Teil künstlerischer Relevanz und Reife ist, das eigene Potenzial realistisch einzuschätzen und innerhalb der eigenen „Range“ virtuos zu werden. Und ganz viel Gefühl zuzulassen, sich hin und wieder auch ein bißchen nackt zu machen. Da kann man dran arbeiten. Muss man aber für sich erkannt haben. Alles andere ist aufgesetzt, affektiert und keine Bereicherung für die Menschheit. Meine gestrenge Anmaßung rührt von meiner tiefen Liebe zu Musik. Ich verschwende ungern Lebenszeit mit Trallala und Hopsassa.

18. August 2022

She’s The Boss. Also eigentlich. Arne Bergner vom Studio meinte grinsend, wer nach der Chef-Frage befragt, „eigentlich ich“ sagt, hat das Zepter nicht mehr in der Hand. Als Boss delegiert man aber auch, vertrauensvolle, kenntnisreiche Zuarbeit ist notwendig. Ich halte es für einen qualifizierten Führungsstil, in bestimmten Bereichen auf Fachkompetenz zu vertrauen, sich alles anzuhören, dann aber trotzdem das letzte Wort zu haben. Der musikalische Mitarbeiter, der in dem Metier zwangsläufig selbst ein Künstler ist, muss in seinem Bereich schon das Gefühl haben, dass er ein kleiner Chef in seinem Gewerk ist. Wenn ich also nicht Gitarre spielen kann, aber sehr gut Gitarre hören kann, bitte ich den Gitarristen, etwas anzubieten und wähle dann die Trüffel aus dem Sortiment. So stelle ich mir das wenigstens vor. Jenny ist als Boss vielleicht ähnlich. Wichtig ist, dass jeder Musiker und der Produzent des Vertrauens spürt, dass man ihn grundsätzlich super findet und alles, was er vorbringt, willkommen ist und ernst genommen wird – als Verhandlungsbasis. Bevor man jemanden engagiert, hat man sich ein Bild gemacht, in welche Richtungen die Ergebnisse tendieren können. Es ist wie überall in der Arbeitswelt: der Respekt und die Achtung vor dem Können des anderen muss echt sein, keine gespielte Attitüde, um Demokratie zu heucheln. Der oder Die Boss wäre ja blöd, sich den Rat von einem Profi nicht zu Herzen zu nehmen. Sich damit auseinanderzusetzen, bedeutet in dem Moment auch, sich über die eigenen Prioritäten und Vorlieben noch klarer zu werden, ist insofern auch eine super Orientierungshilfe.

18. August 2022

„Und: wie war’s…..???!!!?????“ Hans: „Ganz, ganz großes Kino! Phantastisch, mir fehlen die Worte! Ella und Aretha können einpacken! Nie Besseres gehört, Chapeau! À la bonheur! „ (Was mir am Bloggen auch sehr gefällt ist, dass man schreiben kann, was einem einfällt, je nachdem wonach einem so der Sinn steht! :-)

18. August 2022

Mir hat es gestern im Popschutzstudio sehr gut gefallen. Richtig gemütlich. Auch war die Getränkeauswahl vorbildlich. Daran hat natürlich Jenny mitgewirkt, die weiß, was ich gerne mag. Popschutz ist übrigens keine umgangssprachliche Bezeichnung für ein ganz bestimmtes Verhütungsmittel, obwohl auch was verhütet werden soll. Nämlich die kleinen Wind- und Ploppgeräusche bei der Aufnahme von bestimmten Konsonanten wie „P“. Zusätzlich will das Studio vermutlich auch mithelfen, die Popkultur unter Artenschutz zu stellen. Es werden dort aber auch Hörspiele produziert. Jenny nimmt dort in diesen Wochen ihre zweite Platte auf, geht in Richtung deutsches Chanson – vermute ich zumindest! Also ich schätze, es wird kein Psychedelic Punk oder Dark Metal. Kann mich natürlich täuschen! Vielleicht macht sie auch eine Reggae-Platte oder eine Tribute-Compilation mit deutschen Versionen der größten Hits der Rolling Stones? Denkbar, da Hans Rohe mit daran werkelt, und der ist ja Stones-Fan wie ich. Aber Jenny ist überhaupt kein Stones-Fan und findet Mick Jagger sogar doof (glaub ich – also jedenfalls wie er singt)! Ob Hans sie nun doch bekehrt hat? Es ist ja alles geheim. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts! Das Popschutz-Studio ist jedenfalls für alles gewappnet: ausreichend Popschütze an den Mikros. Vor denen waren auch schon ein paar Musikkünstler, von denen man zuweilen gehört hat, wie Max Herre, Jennifer Rostock und Yvonne Catterfeld. Ich denke, ich werde meine erste große Schallplatte auch dort aufnehmen. Vielleicht eine Single. Der Hausherr vom Studio hat mich gestern schon interessiert gefragt, ob ich auch singen kann. Ich habe mich mit der Antwort etwas bedeckt gehalten, da ich diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht eindeutig mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Auch fehlt mir noch der Schallplattenvertrag bei einem Major. Ich möchte gleich ganz groß durchstarten! Die Richtung weiß ich auch noch nicht, da die Frage etwas sehr plötzlich kam. Etwas wird sich finden! Schätzungsweise irgendwas zwischen Sex Pistols und Schubert.

17. August 2022

Komisch. Jetzt sitz ich da, alles ist gerichtet und keiner kommt. Wo doch sonst immer so viele Leut da unten stehen, richtig lange Schlangen bis zum Tiergärtnertor kann ich manchmal sehen. Die Fenster mit den Butzenscheiben lasse ich immer ein bißchen auf, wegen Durchlüften, aber auch um zu schauen, wer so kommt. Das Buch ist auch an der richtigen Stelle aufgeschlagen, da wo steht, dass Hitler nie im Dürerhaus war, weil es das Dürerhaus noch attraktiver macht, was jeder verstehen wird, der einigermaßen bei Verstand ist. Es ist nicht verunreinigt! Ich habe jetzt nichts mehr weiter zu tun. Da sitze ich auf der Eckbank. Wenn nun doch einer kommt, denken die, ich bin faules Gesindel! Der Eintrittspreis ist bestimmt nicht zu hoch. Sechs Gulden, für Schulkinder sogar nur 1,50 Gulden, wenn sie mit der Klasse kommen. Es ist aber auch Mittagszeit, Schlag Halbeins. Da wollen die Reisenden vom Burgspaziergang ausruhen und ihr Schäufele essen. Na ja. Ich kanns auch verstehen. Einer wird schon noch kommen. Ich weiß mir die Zeit zu vertreiben! Ich hab ja Internet und blogge was!

17. August 2022

Willkommen! Hereinspaziert bei mir daheim, in meiner gute Stube zu Füßen der Nürnberger Kaiserburg. Mein Name ist Gaga Dürer, ich bin die uneheliche Urururururururururururururur-Enkelin von Albrecht Dürer und sehe hier ein wenig nach dem Rechten, seit mein Opa Albrecht, Gott hab ihn selig, nicht mehr ist, darf ich mich hier aufhalten und finde Inspiration und Seelenfrieden. Wenn Wände sprechen könnten! Hier saß mein Opa Dürer immer mit seinem Freund, dem Pirckheimer Willi. Sie haben dann ordentlich gebechert, Bier und Rostbratwürstchen waren auch immer auf dem Tisch. An Lebkuchen hat es auch nicht gefehlt, aber nur die guten, die Elisen-Lebkuchen! Dazu ein schöner Honigwein, aber nicht zu süß. Albrecht war den weltlichen Genüssen immer sehr zugetan. Das hab ich von ihm geerbt! Ich male sogar auch, aber natürlich nicht so gut, weil so gut malt ja eigentlich kaum einer sonst. Ich will mich aber verbessern und übe weiter, um meinem Opa Dürer keine Schande zu machen! So, nun habe ich alles fein gerichtet und geräumt, und die Besucher dürfen wieder herein in die gute Stube!

16. August 2022

Hoch die Treppe, vor der Wohnstube die Küche mit schickem zentralen Kochblock. Leider etwas verschwommen das Foto. Die Apparate waren 1509 noch nicht so gut entwickelt. Gerne hat man seine Nürnberger Rostbratwürstchen von Zinntellern gegessen, so auch Albrecht. Ob er die Würstchen selbst zubereitet hat, ist mir nicht bekannt. Er war ja verheiratet, seine Frau Agnes hat sich jeden Tag (außer dem heiligen Sonntag nehme ich an) auf den Hauptmarkt gestellt und seine Drucke verkauft. Und die Bücher geführt. Und möglicherweise auch den Haushalt. Er hatte schon einiges damit zu tun, die Kupferstiche und Drucke anzufertigen, denn fleißig war er, der Albrecht. Kinder hat er keine bekommen, aber seine Bilder sind ja auch irgendwie Kinder. Angenommen, er hätte in den 43 Schaffensjahren kein einziges Bild gemalt, aber 43 Kinder gezeugt, wäre er möglicherweise völlig unbekannt geblieben. Es hat schon alles seinen Sinn. Aber bemerkenswert, dass ein Mann aus einer so kinderreichen Familie – er hatte siebzehn Geschwister, von denen die wenigsten das Erwachsenenalter erreichten – so gar keinen direkten Nachfahren hat. An wem es lag, ist nicht bekannt. Ich vermute aber doch eher an ihm, weil er seiner Agnes bestimmt nicht immer körperlich treu war. Dafür ist zuviel Umtriebigkeit überliefert. Begriffe wie „Lieblingshuren“ fallen aus dem Munde von Kunsthistorikern. Auch wird ihm das Zitat „Ich mag nicht in den Himmel, wenn es dort keine Weiber gibt. – Was soll ich mit bloßen Flügelköpfchen?“ zugeschrieben. Vielleicht läuft doch irgendwo ein Bankert in soundsovielter Generation herum. Möglicherweise enden da auch die Forschungskompetenzen der Kunsthistoriker. Ich war jedenfalls auch nicht dabei und kann hier nichts außer Mutmaßungen beitragen. Das Schlafzimmer ist übrigens nicht rekonstruiert, es gibt nur einen leeren Vorraum, quadratisch. Göße King Size-Bett.

16. August 2022

DAS nenne ich Ruhm, wenn 492 Jahre nach Versterben einer Persönlichkeit berichtet wird, dass jüngst (in dem Fall 2020) Neues zur Todesursache erforscht wurde. Die Rede ist von Albrecht Dürer. Möglicherweise wird man sich auch noch in 430 Jahren mit den Todesumständen von Marilyn oder Elvis oder Lady Diana befassen. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Hier nachzulesen, worüber ich gestern stolperte, ich zitiere: „Im Wikipedia-Eintrag zu Albrecht Dürer (1471-1528) steht noch, dass der große Künstler am 6. April 1528 an Malaria starb. Aber die Notizen eines Nachbarn des Nürnberger Malers berichten nun von einer anderen Todesursache. Eine neu vorgestellte wissenschaftliche Arbeit besagt, der Künstler sei wohl einer Lungenentzündung oder einer Rippenfellentzündung erlegen. Das hat der emeritierte Würzburger Geschichtsprofessor Franz Fuchs in seinem Aufsatz für den jüngsten Band des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg dargelegt.“ Für mein Empfinden geht das dezent in Richtung Promi-Klatsch, welchen ich auch oft sehr interessant und pikant finde. Sobald das Herumgebohre bei einer bildungsbürgerlich und historisch anerkannten Persönlichkeit stattfindet, bekommt das Geschnüffel das Prädikat „wissenschaftliche Arbeit“. Schon lustig. Ich wüsste nicht, welchen kunsthistorischen Unterschied es machen sollte, ob er an Malaria oder Lungenentzündung gestorben ist. Aber gut: hat man’s mal gehört. Das ist ja überhaupt so ein Phänomen, je mehr Zeit nach dem Tod eines Menschen vergangen ist, umso selbstverständlicher wird offengelegt, was der- oder diejenige unter Verschluss gehalten hat. Manche Menschen, die öffentlich publizieren, verfügen, dass bestimmte Schriften erst nach einem bestimmten nennenswerten Zeitraum veröffentlicht werden dürfen. Da spielt wohl zu Lebzeiten der Gedanke eine Rolle, dass Überlebende komische Befindlichkeiten angesichts des Inhalts von Tagebüchern oder Briefen haben könnten. Eine Schutzvorkehrung für die verstorbene Seele eventuell. Ist mir auch nicht völlig fremd. Ich lasse bewusst einige Aspekte meines Lebens beim öffentlich zugänglichen Bloggen unthematisiert. Ich stelle Dinge nicht anders dar, als sie sind, aber erwähne Verschiedenes als Schutzvorkehrung gar nicht. Um Betreffende zu schützen, aber auch mich selbst. Das ist der Fall bei Familiärem, das nicht unter leichte Kost fällt, oder Intimitäten. Das ist behutsam zu handhaben. Angenommen, ich würde heiraten, wäre das schon durch den mehr oder weniger öffentlichen Akt sicher etwas, was ich in irgendeiner Form erwähnen würde. Oder wenn ich in einer Partnerschaft mit gemeinsamer Wohnung leben würde, würde ich es auch nicht verschleiern. Oder gar, wenn ich Nachwuchs in die Welt gesetzt hätte. Ist alles nicht der Fall. Im Grunde betrifft es Themen, die in irgendeinem wesentlichen Aspekt ungeklärt oder heikel oder schmerzhaft sind. Die Krankheiten von Dürer waren zwar bestimmt schmerzhaft, aber nicht in peinlicher Weise heikel. Sein Bild für die Nachwelt wurde dadurch nicht eingetrübt, es hat nicht gelitten. Wenn jemand so sehr öffentlichen Ruhm anstrebt, wie Albrecht Dürer es tat, muss er auch damit rechnen, dass sich noch Hunderte Jahre später jemand mit seinen persönlichen Angelegenheiten befasst. Sein Ruhm ist unauslöschlich für alle Ewigkeit gesetzt. Wenn man z. B. versuchen würde herauszufinden, wieviele „Albrecht-Dürer-Straßen“ es alleine in Deutschland gibt, hätte man richtig viel zu tun. Natürlich fängt am Haus von Albrecht Dürer in Nürnberg auch eine Albrecht-Dürer-Straße an, Parallelstraße zum Albrecht-Dürer-Platz. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine größere Stadt eine Albrecht-Dürer-Straße hat ist größer, als keine zu haben. Allerdings leistet sich Hamburg die Extravaganz, eine „Dürerstraße“ zu verzeichnen. Im Grunde NOCH ruhmreicher für Albrecht, da klar ist, es gab nur EINEN Dürer, nach dem Straßen in der Welt benannt wurden und werden. Vorname geschenkt. Sein Vater, ein recht erfolgreicher Goldschmied in Nürnberg hieß genauso, Zusatz „der Ältere“, aber der hat es nur zu einer Gedenktafel an einer Hauswand in der Burgstraße in Nürnberg gebracht. Die habe ich auch abgelichtet. Ehrlich gesagt auch wegen Albrecht, dem Jüngeren. Wenn eine grundlegende starke Faszination da ist, die auch noch dermaßen durch jahrhundertelangen Hype wie bei Jesus befeuert wird, macht es Spaß, sich dem hinzugeben. Man berauscht sich am eigenen Berauschtsein. Das ist, wie es der Schlager schon sagt: „ich bin verliebt in die Liebe, sie ist okay-hay für mich.“ Gesteigerte Lebens- und Wahrnehmungs- und Empfindungs-Intensität. Amen.

16. August 2022

So geradlinig und zeitgenössisch sieht es nur unten im Eingangsbereich aus, wo die Besucher empfangen werden. Es gibt Schließfächer, wo man seine Sachen loswerden kann und eine digitale Säule, die dreiundvierzig Werke aus Albrecht Dürers dreiundvierzig Schaffensjahren zeigt und kunsthistorisch erklärt.

15. August 2022

Angekommen. Ganz ehrlich: ich bin auch bei Albrecht Dürers Haus davon ausgegangen, dass sein Fachwerkhaus Baujahr 1420, in dem er von 1509 bis zu seinem Tod 1528 lebte, im Krieg massiv zerstört wurde und man einen Wiederaufbau vor sich hat. Aber so ist es nicht. So stand das Haus vor Albrecht Dürer, Stein auf Stein, und es entging dem Bombenhagel. Die archaische Küche mit dem gemauerten Herdfeuer ist seine Küche. Das Wohnzimmer wurde rekonstruiert, auch das Zubehör in der Werkstatt. Aber alleine die Holzvertäfelungen an den Türstöcken sind kostbar. Sicher wurde der eine oder andere Balken ausgewechselt, aber das passiert ja auch schon bei viel jüngeren Häusern, zum Beispiel demnächst bei meinem Südbalkon in der Gaube, und das Haus ist Baujahr 1997. Das ist schlichte Instandsetzung und Erhaltung und Reparatur, aber keine disneylandhafte Kopie. Also betreten wir über das Stiegenhaus Räume, die bis auf den Zentimeter dem Zuschnitt von 1509 entsprechen. Wir sehen durch die Fenster zum Platz vor dem Tiergärtnertor auf denselben Sichtachsen, die er sah, so hat Albrecht Dürer die Burg und den Sinwellturm erblickt, wenn er am Fenster stand. Der untere Eingangsbereich ist der einzige, der mehr oder weniger modern gestaltet ist, schlichte, zeitgemäße Ausstellungsarchitektur. Den zeige ich zuerst, dann gehts treppauf.

15. August 2022

Nur gut, dass Gott Sonnenschirme erschaffen hat. Bei praller Mittagshitze setzt sich die Touristenmeute auf die heißen Stühle, vielleicht ein erlernter Reflex: Mittag = Mittagessen, Sitzgarnitur im Sommer draußen = dort hinsetzen. Ein Lokal „Zum Albrecht Dürer-Haus“ zu nennen, finde ich ein bißchen keck, in Anbetracht dessen, dass der unkundige Tourist das Albrecht Dürer-Haus sucht. Es ist ja auch auf dem Platz, aber gegenüber. Dann doch schon besser: „Café am Dürerhaus“. Wenn Engel reisen: hatte ich soeben noch ein glückliches Händchen beim spontanen Besuch in der Sebalduskirche mit gratis-Live-Konzert der h-Moll-Messe, so konnte ich mir wahrlich keinen besseren Zeitpunkt erwählen, um das Albrecht Dürer-Haus zu besuchen. Gegenüber vom Café am Dürerhaus steht es an der Ecke und bekommt nicht nur einen extra Eintrag, sondern voraussichtlich eine ganze Serie, so viele Zimmer und Räume der Meister eben bewohnt hat. Seine Werkstatt, also sein Atelier ist auch darin. Und eine tolle Küche. An der Kasse stand kein Besucher an, ich kam sofort dran. Albrecht, ich komme!

15. August 2022

Was für ein Gewimmel in den Lokalen! Es ist Samstag Mittag und jeder Tourist scheint ohne Ausnahme zur Burg zu drängen, mein Kopf geht nach oben, in der Hitze nicht einmal ein Vogel am Himmel. Ich werde gleich nach dem Dürerhaus auch durch das Tor gehen, in das schöne kühle Gemäuer, sehr gute Idee bei 33 Grad.

15. August 2022

Beim Tiergärtnertor angekommen, hier endet die Bergstraße, zu Füßen der Burg. Ich schaue mich um, war fast vierzig Jahre nicht mehr da oben. Eigentlich unverändert. Ein paar Geschäfte und Lokale sind anders oder neu, aber sonst alles wie gehabt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt es in einem Kirchenlied vom bekannten Singer-Songwriter Martin Luther von ca. 1529, leicht abgewandelt möchte ich umdichten „Ein feste Burg ist unser Burg“. Hier braucht es keine Metaphern, das Ding steht da, bombenfest. Na gut, nicht durchgängig. Am 2. Januar 1945 wurde die 1050 erstmalig urkundlich erwähnte Kaiserburg sehr in Mitleidenschaft gezogen, aber bis 1954 war der gröbste Schaden behoben und 1981 war die Wiederherstellung vollendet. Da oben am Tiergärtnertor ist allerlei los, viele Lokale, von denen jedes zweite Albrecht Dürer im Namen führt. Ich hatte ja vor, das Albrecht Dürer-Haus zu besuchen, aber das musste erst einmal identifiziert werden. Auf Anhieb ist es mir nicht gelungen. Erst einmal den Wind um die Nase wehen lassen.

14. August 2022

Auf den letzten Metern der Bergstraße, kurz vorm Tiergärtnertorplatz, wo es zur Burg geht. Vorbei am Schmelztiegel, einem weit über vierzig Jahre alten, urigen Lokal in einem Gewölbe mit Livemusik, das für mich früher keine Rolle spielte. Ich glaube das musikalische Programm war mir zu rustikal, nichts für 17 – 20-jährige. Dort gingen ältere Herrschaften hin, so richtig Erwachsene. Wer ins Komm zu Ton Steine Scherben ging, hatte kein Interesse am Schmelztiegel-Programm. Das Lokal hat völlig versäumt auf seiner aktuellen Website die Historie zu erwähnen, kein Wort davon. Ich fand nur einen Zeitungsartikel, der auf die Geschichte eingeht. Offenbar wurde umfangreich renoviert und es gibt Craft Beer und weiterhin Live Musik Richtung Folk und Americana, vielleicht auch Country und Abende mit DJ und eine Tanzfläche. Könnte mir vielleicht jetzt eher zusagen, im reiferen Alter :-) Ein anderes Traditionslokal mit Live Musik ist das seit 1954 existierende Nürnberger Jazzstudio, da war ich recht häufig. Allerdings eine andere Liga. Dort traten sowohl lokale Musiker als auch durch die Zusammenarbeit mit Lippmann & Rau ganz große international renommierte Namen wie Ella Fitzgerald, Miles Davis, Duke Ellington und John Coltrane auf. Auch ein lauschiges Gewölbe in Burgnähe, andere Ecke, am Paniersplatz.

14. August 2022

Hallöchen! Da kommen wir der Burg jetzt aber entschieden näher. Der Sinwell-Turm guckt schon zwischen Fachwerkhäusern hervor, zum Greifen nah. Einmal habe ich ihn schon gezeigt, aus der Entfernung vom Lorenzer Platz, beim Tugendbrunnen. Hier, zur Erinnerung der Blick aus der Ferne. Dass sich das Fachwerk hier verdichtet, liegt sicher an den Wiederaufbaubemühungen nach dem zweiten Weltkrieg, wo Prioritäten gesetzt werden mussten, wo man den Aufwand betreibt. Wer die Bedeutung von Nürnberg während der Nazizeit erinnert, wird verstehen, dass Nürnberg ebenso wie Berlin und München ein vorrangiges Ziel der Angriffe sein musste. Weil das den Nürnbergern völlig klar war, haben sie viele Kunstschätze im sogenannten unterirdischen Kunstbunker geschützt. Aber die Häuser selbst konnten sie nicht schützen, wie auch. Höchstens durch freiwillige Kapitulation, aber dafür war die sture Nazi-Idiotie zu sehr in ihrem Fahrwasser, eben zu dumm und kurzsichtig. Als ich den Sinwellturm von da an immer wieder durchblitzen sah, wuchs mein Wunsch, hinaufzusteigen. Habe ich auch gemacht, aber dazu später, viel später. Wir haben noch mehr anzuschauen, es geht immer noch bergauf in der Bergstraße.

14. August 2022

Zweiter Juli 2022, ein ganz normaler Samstag in der Bergstraße in Nürnberg, es ist Mittag, der Burgerladen „Burglette“ lüftet durch und richtet die Loungemöbel her. Die recht kurze Bergstraße fängt am Albrecht-Dürer-Platz an und endet direkt unter der Burg. Es geht immer nach oben. Wenn man sich Fotos anschaut, weiß man oft nicht, ob man sie ausrichten soll, welche schiefe Horizontale oder Vertikale evt. den Tatsachen entspricht, weil es eben kein ebener Weg nach oben ist. Das Fundament der Häuser muss die Steigung ausgleichen. Ich mag solche krummen und schiefen Wege sehr, auf und ab, sehr abwechslungsreich. Man kann in Sebald auch nie die Himmelsrichtung verwechseln. Wenn es merklich nach oben geht, bewegen wir uns Richtung Burg, nach Norden, umgekehrt immer nach Süden, Richtung Hauptmarkt und St. Lorenz. Wieder ein angenehmer lauer Wind, der durch die Gassen wehte, wie beim Fahrradfahren, obwohl über dreißig Grad. Das Burgerrestaurant Burglette ist wohl recht neu, erst 2021 eröffnet und schreibt sich slow food auf die Fahne, mit vegetarischen und veganen Burgern, ein Familienbetrieb. Zu „meiner Zeit“ gab es selbstverständlich keine Edel-Burger-Restaurants, sondern nur McDonalds und Burger King. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wo McDonalds war. Eventuell in der Breiten Gasse. Ja, stimmt – hab gerade nachgeschaut. In den Achtziger Jahren gab es nur einen McDonalds in Nürnberg, inzwischen gibt es zwölf Filialen. Ich war ewig in keiner, auch in Berlin nicht. Aber als Teenies waren wir oft dort, es war angesagt!

14. August 2022

Selfies mit dem Pionier des Selbstportraits: Albrecht Dürer. Albrecht & Gaga – it’s a match! Ich wische ihn auf Tinder direkt nach rechts, wenn ich auch nicht mehr auf so lange Haare bei Männern stehe. Aber wie er den Pinsel führt…Wir hätten uns bestimmt viel zu erzählen gehabt. Die knapp fünfhundert Jahre Altersunterschied wollen wir nun nicht auf die Goldwaage legen.

14. August 2022

Ich überlasse Wikipedia den einleitenden Text zu diesen Bildern: „Das Albrecht-Dürer-Denkmal in Nürnberg (Sebalder Altstadt) wurde nach einem Entwurf von Christian Daniel Rauch durch Jacob Daniel Burgschmiet gegossen. Den Auftrag gab der bayrische Kronprinz Ludwig. Anlässlich des 300. Todestag Dürers wurde am 7. April 1828 der Grundstein für das Denkmal gelegt und am 21. Mai 1840 auf dem Milchmarkt (heute Albrecht-Dürer-Platz) enthüllt. Mit dem Denkmal Albrecht Dürers wurde das erste öffentliche Künstlerdenkmal in Deutschland errichtet.“ Mir ging durch den Kopf, ob Albrecht seinen Frieden mit dieser Abbildung seiner Selbst gemacht hätte? Er wurde nur 56 Jahre alt – so alt wie ich jetzt. Vielleicht sah er dem Denkmal in seinen letzten Lebensjahren ähnlich. Albrecht Dürer ist unter anderem für seine Selbstportraits bekannt, von denen Kunsthistoriker meinen, vermuten, er hätte sie auch als Aushängeschild seines Könnens angefertigt. Ich empfinde andere Vibes vor dem Denkmal als angesichts seiner Selbstportraits. Aber bestimmt ist Albrecht einverstanden, dass in der Mitte der Nürnberger Altstadt, mit Blickrichtung auf die Sebalduskirche, ein überlebensgroßes Denkmal von ihm steht. Das hätte er mit Bestimmtheit gemocht.

14. August 2022

Am Albrecht-Dürer-Platz. Er fängt direkt am Chörlein vom Sebalder Pfarrhof an. Direkt vor der Sebalduskirche ist der Sebalder Platz, gegenüber davon der Pfarrhof, und genau da, Richtung Norden fängt der Albrecht-Dürer-Platz an. Der Pfarrhof hat zwei Adressen, Sebalder Platz und Albrecht-Dürer-Platz, da es quasi ein Eckhaus ist. Ich habe gerade das Gefühl, ich schreibe wirres Zeug, das kein Schwein interessiert! Auf jeden Fall zu kompliziert für jemanden, der die Nürnberger Altstadt nicht kennt. Es ist im Grunde wie bei mir daheim in Berlin: ich wohne Auguststraße, Ecke Joachimstraße. Meine Eingangstür ist in der Joachimstraße, aber die meisten Fenster meiner Wohnung, einschließlich des Südbalkons, sind in der Auguststraße. Ich präsentiere bei meinen Nürnberg-Spaziergängen genau die Reihenfolge, in der ich gelaufen bin, weil ich mir denke, dass es dann mehr so ist, als ob man mit mir da entlangläuft, obwohl man es sich nur in der eigenen guten Stube in meinem Blog oder auf facebook anschaut. So kann man es besser nachempfinden, wie sich die Wege erschließen.

Und wer es langweilig findet, liest ja eh nicht bis hierher weiter! Also, ich war in der Sebalduskirche, dann beim Chörlein und bin dann nördlich weiter gelaufen, deswegen sind wir jetzt am Albrecht-Dürer-Platz und gleich kommen wir zum Denkmal, welches selbstverständlich einen eigenen Eintrag erhält. Im Antiquariat Heubeck war ich übrigens auch noch nie. Wird jetzt nicht überraschen, da ich ja lauter schöne Ecken und Orte zeige, wo ich zu fünfzig Prozent noch nie drin war, obwohl ich seinerzeit sehr wohl die Möglichkeit gehabt hätte. Gefühltes Wissen: das Antiquariat Heubeck gibt es ewig und drei Tage. Habe es nicht gegoogelt, aber mir ist so. Ich meine: was hätte ich als Kind oder Teenie in einem Antiquariat zu schaffen gehabt? Für antiquarische Ausgaben von Lyrikbänden habe ich mich erst mit ernstlicher Kaufabsicht interessiert, als es schon Internet gab. Früher fand ich alte Ausgaben auch schon schön, aber mein Taschengeld hätte dafür nicht gelangt! Und diesmal war ich auch nicht drin, OBWOHL mein Taschengeld endlich erhöht wurde! Ich hatte andere Pläne!

13. August 2022

Ich hab mich treiben lassen, hatte nur eine Vorstellung in welche Himmelsrichtung. Das mache ich immer gerne. Weder war der Besuch in St. Sebald geplant, noch beim Chörlein. Das war gerade das Schöne, die Überraschungen des Wiedersehens von in der Vergangenheit verwurzelten Eindrücken. Das Einzige, was ich vorher auf dem Notebook gecheckt habe war, wo das Albrecht-Dürer-Haus genau steht, war mir nicht präsent. Dann war klar, dass es direkt unterhalb der Burg ist und die Richtung war mir bekannt. Wenn jemand ortsunkundig ist, wird er einen Plan dabeihaben, oder immer wieder das Smartphone checken oder sich vor dem Losgehen vorbereiten. Ich konnte schon recht gut auf meiner inneren Landkarte aufbauen. Allerdings bin ich naturgemäß nicht auf dem Laufenden, wie sich die Stadt gastronomisch entwickelt hat. Als ich vor dem Sebalder Pfarrhaus stand, sah ich am Spitzbogeneingang dieses Schild vom ION-Musikfest und dass davor Tische und Stühle waren, auch im lauschigen Hinterhof. Aber dass da ein Café ist, hat sich mir nicht erschlossen. Ich dachte, vielleicht ist das eine geschlossene Veranstaltungslocation für die Musiker und Mitarbeiter der Musikfestes, warum sollten da sonst überall so präsent Schilder davon sein? Jetzt im Nachhinein lese ich, dass im Pfarrhof ein Café ist. Bestimmt schön, da zu sitzen. Ich hatte ja gerade eine gute halbe Stunde vorher gefrühstückt und reichlich Kaffee getrunken, wollte daher nicht schon wieder irgendwo einkehren, aber gut zu wissen, dass da was wäre. Heißt Café Maulbeere, Adresse Albrecht-Dürer-Platz 1, direkt im Pfarrhof, aber wohl erst seit Oktober 2021 dort ansässig.

13. August 2022

Das Sebalder Superstar-Chörlein hemmungslos von allen Seiten papparazzt! Der andere Superstar Albrecht Dürer hat es auch persönlich gut gekannt. Celebrity-Hot Spot St. Sebald: place to be!

13. August 2022

Alsdann tritt man wieder durch das Portal zum Ausgang und hat einen heißen Sommertag vor sich. Es ist 11:32 Uhr, fast Mittag und der Blick fällt auf den Sebalder Platz mit dem alten Pfarrhof. Und das daran wie ein Vogelnest angeklebte, nicht übersehbare prachtvolle Erkerlein. Solche findet man immer wieder an besonders alten Häusern in Nürnberg und sicher auch in anderen mittelalterlichen Städtchen. Aber ich weiß nicht, ob die Erkerlein auch anderswo „Chörlein“ heißen. Als ich die Sebalduskirche betrat, erklärte gerade eine Ortskundige ihrer aus Hamburg angereisten Freundin oder Bekannten im künstlerisch angehauchten Kaftan mit passend aus einem bestimmt teuren Seidentuch geschlungenem, mondänen Turban dass DAS das berühmte Chörlein sei. Ich habe die Bekannte kurz antworten hören und meinte den ganz typischen Tonfall einer Hamburgerin erkannt zu haben. Ich musste innerlich lächeln, weil die Einheimische etwas wie ein kompliziertes Fremdwort erklärte, was mir sofort wieder geläufig war – „ach ja genau, das Chörlein“. Auch wenn man gar nichts darüber weiß, bleibt man stehen und staunt, weil es so besonders hübsch und filigran gestaltet ist, als wäre es mit dem Brautportal der gegenüberliegenden Sebalduskirche direkt blutsverwandt. Das Chörlein am Pfarrhof ist schon das zweite, also eine Nachbildung, aber auch schon wieder sehr alt. Das Original von 1370 ist vor Wind und Wetter geschützt im Germanischen Nationalmuseum ausgestellt und hat noch Reste einer vielfarbigen Bemalung. Das Chörlein vom Sebalder Pfarrhof ist eindeutig der Superstar unter den Nürnberger Chörlein. Wie Maria Callas oder Marilyn oder Elvis. Oder die Stones. Must See! Und der Platz ist sowieso schön. Es handelt sich beim Chörlein vom Sebalder Pfarrhaus um eine Mini-Hauskapelle, für die schnelle Andacht zwischendurch, nach dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen. Sehr praktisch, man kann im Schlafanzug oder Morgenrock oder sogar ganz wie Gott einen schuf, im Chörlein beten und Andacht halten. Ob das der Herr Pfarrer von St. Sebald manchmal macht?

12. August 2022

Kirchgang durch St. Sebald beendet. War doch schön, oder? Angenehm kühl auch, draußen ging es auf Mittag zu, ein heißer Tag dieser 2. Juli 2022, aber auch immer ein lauer Wind, da am Sebalder Platz und Richtung Burgberg. Für heute eine gute Nacht!

12. August 2022

Noch ein paar hübsche Details aus St. Sebald. Was mir so auffiel.

Madonna im Strahlenkranz von 1438. Ein namentlich nicht bekannter Nürnberger Künstler hat sie aus Birnbaumholz geschnitzt und reich mit Gold bemalt. Zwei Engel setzen Maria die Krone auf, zwei andere tragen sie auf einer Mondsichel in den Himmel. Strahlen umgeben sie, als ob sie mit der Sonne bekleidet wäre, wie es in einer Vision d. Johannes in Offenbarung 12 heißt.“

12. August 2022

Kirchenorgeln sind auch so eine Wissenschaft für sich. In St. Sebald wird erst die dritte Orgel seit 1440 bespielt. Die erste, die „Traxdorff“-Orgel von 1440 ist 1945 verbrannt. Auf der hat in den 505 Jahren (1/2 Jahrtausend!), die sie funktioniert hat, u. a. zwischen 1695 und 1706 Johann Pachelbel, der Lehrmeister von Johann Sebastian Bach gespielt. Sie wurde vielfach restauriert und war sie bis zu ihrer Zerstörung am 2. Januar 1945 die älteste noch spielbare Orgel der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die Sebalduskirche 1947 eine ausrangierte Orgel aus dem Jahr 1904. Erst 1975 wurde das Provisorium mit dem Orgelneubau der Peter-Orgel beendet. Auf meinen Fotos ist also die vergleichsweise blutjunge Peter-Orgel von 1975 zu sehen. Tolle Begriffe in der Beschreibung des Instruments: „(…) II. Manual Schwellpositiv III. Manual Schwelloberwerk Schwiegel Nachthorn Rohrgedeckt Flaut d’amore Bärpfeife Rohrpommer Grobgedeckt Weidenpfeife Gemsterz Rohrgedeckt Bombarde (…)“ klingt für mich wie aus einem mittelalterlichen Pornoheft! Wie man sofort erkennt: ich bin überhaupt nicht fachkundig was Orgeln und Orgelmusik angeht, ich bekomme aber zuverlässig wahlweise metaphysische oder furchterregende Schauer, wenn eine Orgel ertönt, je nach Werk und Spielweise. Gehört unbedingt in jeden guten alten Horrorfilm.

12. August 2022

Musikfest ION – internationales Festival für geistliche Musik.

Wikipedia über ION: „Seit 1951 wird das auch als „Europas Fest Geistlicher Musik“ bezeichnete Festival jährlich an zehn Tagen im Mai oder Juni in Nürnberg veranstaltet. Es gehört damit zu den größten und ältesten Musikfesten dieser Art in Europa und ist bis heute ein kultureller Höhepunkt der Metropolregion Nürnberg. In den ersten Jahren stand Orgelmusik an den Orgeln der beiden großen evangelischen Altstadtkirchen St. Lorenz und St. Sebald im Mittelpunkt des Programms. Mittlerweile werden konfessionsübergreifend auch die katholische Frauenkirche und Kirchen außerhalb der Stadtmauern einbezogen.“

Missa Minitura, Elina Albach – Ensemble Continuum Berlin

Das Festival ION war auch der Grund, wieso ich zwei Tage vorher in der Lorenzkirche zusätzliche Bestuhlung, Scheinwerfer und Fernsehkameras sah, es wurde vom Kammerchor Stuttgart die Messe Es-Dur von Franz Schubert aufgeführt, die er in seinem letzten Lebensjahr komponierte und deren Uraufführung er nicht mehr erlebte, sie fand erst ein Jahr nach seinem Tod in Wien statt.

12. August 2022

Man muss sich vorstellen, dass ich durch das Portal ging und mich nach rechts wandte, mein Blick wurde vom Westchor und der Decke gefangen und in diesem Moment hörte ich das Kyrie der h-Moll-Messe von Bach. Mir lief ein Schauer durch den Körper. Ein himmlischer Gesang, den ich nicht träumte, er war wirklich da, und kam von der genau gegenüberliegenden Seite, dem großen Chor im Osten der mächtigen Sebalduskirche. Ich war ungeheuer beglückt, weil es ein Moment war, wie man ihn nur aus Filmen kennt, aber er war real und er hörte nicht auf. Ich schritt weiter, sehr bewegt, weil man dann nicht mehr geht, sondern schreitet. Die Musik wurde nicht von einem Tonträger abgespielt, sondern leibhaftig aufgeführt. Es war eine Probe für ein Konzert des Festes ION für geistliche Musik und ich war zufällig in diesem Moment eingetreten, um so einen unfassbar schönen Moment zu erleben. Es gibt eine Aufzeichnung auf BR Klassik davon, bitte wenigstens fünf oder zehn Minuten anhören und sich vorstellen, wie es ist, zu diesen Klängen eine Kathedrale zu durchschreiten.

11. August 2022

Das Hauptportal. Ich will weiß Gott keine schulunterrichtshaften Einträge schreiben, aber was da bildhauerisch von Heinz Heiber erschaffen wurde, ist erklärungsbedürftig und für mein Empfinden zutiefst beeindruckend, zumal an einem historischen Sakralbau. Ich innerlich sofort: wow! Ich copypaste auszugsweise von der Homepage der Sebalduskirche, die vom „Heiber-Portal“ spricht:

„1988 bis 1991 gestaltete der Nürnberger Bildhauer Heinz Heiber (1928–2003) zunächst das nordwestliche, ursprünglich leere romanische Bogenfeld und dann auch die Türen selbst. Er nahm das klassische mittelalterliche Portalmotiv des Weltgerichts auf und setzte es mit zeitgenössischen Ausdrucksformen um. Im Unterschied zu klassischen Darstellungen mit dem Weltenrichter Christus bildet seine Werkgruppe ab, wie Christus bei seiner Ankunft sämtliche Grenzen überwindet. Er durchbricht den Türstock und stürzt dem Tod entgegen. Dessen Handlanger, die vier apokalyptischen Reiter, die alles unter sich begraben, verweisen einerseits auf seine Erfahrungen in Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung, andererseits auf die berühmte Darstellung Albrecht Dürers, der in St. Sebald getauft wurde, geheiratet hat und in die Kirche gegangen ist.“

Das einzige Rätsel ist für mich, wieso überhaupt die Idee aufkam, eine zeitgenössische bildhauerische Arbeit dort anzubringen. Ob das romanische Bogenfeld leer war, weil das ursprünglich dort befindliche mittelalterliche Portalmotiv wiederherzustellen zu komplex schien und nach einer inhaltlich adäquaten Alternative gesucht wurde? Das Vorgehen erscheint mir so ungewöhnlich progressiv. Aber ich finde das Ergebnis grandios. Auch die Arbeit an der Tür selbst. Ganz große Kunst. Die Kirche durch dieses Portal zu betreten, da durchzugehen war mir ein Fest, erhebend.

11. August 2022

Beiläufig erwähnte ich, dass das „Bratwursthäusle“ am Rathausplatz unterhalb der Sebalduskirche steht. Wir sind in St. Sebald, so heißt das Viertel, benannt nach der gleichnamigen gotischen, heute evangelischen Kirche. Sie ist die älteste der drei berühmten christlichen Kathedralen von Nürnberg. Erhebend schön. Ich werde gerade Fan der gotischen Bauweise stelle ich fest. Gestern Abend habe ich etwas Interessantes gelernt, als ich ein bißchen recherchierte. Ich lernte nicht nur, dass das besonders filigran gestaltete Seitenportal „Brautportal“ heißt, sondern auch, was es damit auf sich hat. In Unkenntnis dachte ich, dass es vielleicht ein besonders hübscher, festlicher Eingang bei Hochzeiten in der Kirche ist, damit sich das Brautpaar und vor allem die Braut in ihrem prächtigen Kleid noch erhabener fühlen kann und ein schönes Bild abgibt. Es verhält oder verhielt sich tatsächlich so, dass bis zur Renaissance die Eheschließungen nicht in der Kirche stattfinden durften, weil es sich dabei um kein Sakrament handelte. Bei den Katholiken wurde das dann später eingeführt. Bei den Evangelen ist es immer noch kein Sakrament, sie müssen vorher standesamtlich geheiratet haben. Es ist kompliziert. Jedenfalls wurde die Eheschließung früher vor der Kirche, unter dem Brautportal oder der Brautpforte vollzogen, und die wurden dann dafür extra hübsch gebaut. Erst danach durfte das Paar die Kirche betreten. Brautportale gibt es also an einigen Kirchen, aber das von der Sebalduskirche ist schon besonders schön. Für mich als Kind und Jugendliche hat die Sebalduskirche keine Rolle gespielt, außer vielleicht im Heimatkundeunterricht. Oder zur Orientierungshilfe, wenn man nach dem Weg gefragt hat oder selber den Weg erklärt hat. Dann hat man gesagt: „links kommt dann die Sebalduskirche, da vorbei und immer den Berg hoch“. Oder so ähnlich. Albrecht Dürer ist übrigens in der Sebalduskirche getauft und hat dort auch geheiratet und ist da immer brav in die Kirche gegangen. War ja auch sehr nah zu allen drei Häusern, in denen er in seinem Leben gewohnt hat. Mehr oder weniger immer zwischen dem Hauptmarkt und der Burg. Premium!

Ich kenne ja einen Restaurator, Sebastian, der wie schon erwähnt, in der Lorenzkirche aber auch in der Sebalduskirche als Restaurator gearbeitet hat, gerade neulich erst wieder. Mir ist aufgefallen, dass er immer von St. Sebaldus spricht, was mich irritiert. Die Einheimischen sagen nämlich entweder Sebalduskirche oder St. Sebald. Meistens Sebalduskirche. Er hat aus beidem eine neue Kombination geschaffen. Das fand ich dann wieder interessant. Bin gespannt, was er dazu sagt! Er kommt nicht aus Nürnberg und hat das dementsprechend nicht so eingetrichtert bekommen wie ich. Aber ich bin schon ewig lange weg und habe sofort eine Wahrnehmung dafür. Dabei war er unzählige Male in der Kirche und ich bin immer nur dran vorbei. Aber diesmal nicht, ich war drin und es war grandios, warum, erkläre ich gleich später.

09. August 2022

Wir sind immer noch am Rathausplatz! Das Wirtshäuschen mit Grün drumherum ist nicht etwa eine Gastwirtschaft auf dem Dorf, sondern direkt gegenüber vom palastartigen alten Rathaus, fast noch am Hauptmarkt, unterhalb von der Sebalduskirche, das Bratwursthäusle, welches seit 1960 dort bewirtschaftet wird. Ganz nah gab es seit ein paar Hundert Jahren früher das Bratwurstglöckle, nicht mehr am Originalplatz vorhanden, nur noch mit einem Ableger im Handwerkerhof. Aber der Big Player im Nürnberger Rostbratwürstchen-Geschäft ist eindeutig das Bratwurst-Röslein, mit einer enormen Gastwirtschaft, auch am Rathausplatz, nicht fotografiert. Das annähernd sechshundert Jahre (!) alte Bratwurst-Röslein hat die stattlichste Historie, nämlich:

1431 – Die Bierschenkbehausung „Waizenstüblein“ wird in alten Hausbriefen erstmals erwähnt. Sie wird später in das Bratwurst-Röslein integriert.

um 1480 – Erste Erwähnung der alten Nürnberger Rostbratküche „Zu den drei Rosen“.

bis 1600 – Bekannte Stammgäste sind Albrecht Dürer, Hans Sachs, Adam Kraft, Peter Vischer und Willibald Pirkheimer.

1815 – Erstmalige offizielle Erwähnung als Röslein.

Da ist er wieder! Albrecht Dürer hat im Bratwurst-Röslein gegessen und getrunken! Das originale Fachwerkgebäude wurde wie so viele im 2. Weltkrieg zerstört, aber das Röslein wurde am selben Platz wieder aufgebaut. Ich erinnere mich dunkel aus Besuchen in meiner Kindheit, dass die Nürnberger Bratwürstchen (ich immer „Sechs mit Kraut“) auf Zinntellern serviert wurden, das ist immer noch so. Wahrscheinlich auch im Bratwursthäusle, schätze ich mal. Da war ich als Kind auch das eine oder andere mal. Ich bin bei meinem jüngsten Spaziergang aber weder in dem einen noch in dem anderen eingekehrt, denn ich hatte ja gerade Nürnberger Bratwürstchen vom Frühstücksbuffet im Hotel verspeist. Direkt gegenüber vom Bratwursthäusle findet man im feudalen alten Rathausbau das Wirtshaus „Zum Spießgesellen“. Ob ich da mal war, kann ich nicht erinnern. Es hat vermutlich auch keine vergleichbare Historie wie das Bratwurst-Röslein, aber beeindruckende, rittersaalartige Gasträume. Sieht man das imposante Eingangsportal, vermutet man hochpreisige Gastronomie, aber das ist ein Irrtum. Die Preise liegen im Durchschnitt gleich oder sogar einen Euro niedriger als im Bratwurst-Röslein und im kleinen Bratwursthäusle. Und draußen sitzen kann man auch. Als Referenz-Speisen für meinen Preisvergleich habe ich mir jeweils sechs Nürnberger mit Kraut und das Schäufele angesehen. Hier die Speisekarten:

Speisekarte Bratwursthäusle
Speisekarte Bratwurst-Röslein
Speisekarte Zum Spießgesellen

Das gute alte Bratwurst-Röslein wirbt zusätzlich mit dem Hinweis, dass nur Fleisch und Wurst von artgerechter Tierhaltung auf den Teller kommt. Unter dem Aspekt am günstigsten. Das Bratwursthäusle dagegen wirbt mit Würstchen aus eigener Herstellung. Aber schmecken tut es überall. Das war nun mein Beitrag zum Thema Nürnberger Rostbratwürstchen, welche ich immer noch sehr liebe und mir auch öfter mal in die Pfanne haue.

09. August 2022

Immer mir nach! Wenn mir jemand mit einem besonderen Outfit entgegenkommt, greife ich reflexartig, aber diskret zur Kamera. Da ich nun wohl doch unübersehbar in die Richtung des bunten Grüppchens fokussierte, spielten die Beteiligten mit und stellten sich geradezu in Positur. Ich sah das erst später daheim in Berlin auf meinem Notebook. Putzig. Alle waren wohl in Ferienlaune und fotobereit. Ich habe kein Wort mit den Damen gewechselt, aber sie sehen nicht aus, als ob sie sich belästigt gefühlt hätten. Ulkig finde ich aber die langhaarige Blondine mit dem Herrn im Kaftanoberteil rechts. Ich meine ein wenig Argwohn in ihrem Blick zu erkennen. Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Damengrüppchen in der Mitte und dem Paar rechts gibt. Wenn ja, scheint in Sachen Gruppenharmonie noch Luft nach oben zu sein.

09. August 2022

Nach einer Pause anlässlich der Hochzeit von meinem Neffen und dem Berliner Intermezzo zum Stones Sixty Jubiläum kehre ich zu meinen Nürnberg-Spaziergängen zurück. Da ist noch einiges an Sehenswertem nicht aufgearbeitet. Am Tag nach der Hochzeit, dem 2. Juli 2022, der auch in den Abendstunden mein Rückreisetag war, zelebrierte ich ein spontanes klassisches Touristenprogramm unter meiner eigenen Führung, da ich trotz meines Wegzugs aus Nürnberg vor 36 Jahren noch eine innere Landkarte der Stadt habe. Vieles vergessen, aber schnell wieder abrufbar. Und nie Angst, sich komplett zu verlaufen. Ich musste am 2. Juli mein schönes Hotelzimmer um 11 Uhr vormittags räumen, durfte aber meine schwere Reisetasche bis zum Abend in der Lobby verwahren. So ging ich recht unbeschwert von Gepäck auf gut Glück Richtung Norden, zur Kaiserburg. Auch das Albrecht Dürer Haus wollte ich erstmalig in meinem Leben anschauen, es ist direkt unterhalb der Burg. Und dazwischen sind ganz viele sehenswerte Plätze und Gebäude und pittoreske Ecken, die auch nicht unter den Tisch fallen sollen. Ausgangspunkt war der Hauptmarkt, wo mein Hotel war und das neuere Rathaus mit dem Trausaal, wo am Tag zuvor der Liebesbund geschlossen wurde. Da ging ich also los. Und direkt neben dem Hauptmarkt ist kurioserweise schon ein anderer großer Platz, der Rathausplatz. Es gibt nämlich ein historisches Rathausgebäude, viel schöner als das neuere. Darin sind aber nun das Restaurant „Zum Spießgesellen“ und Anderes. Warum auch immer. Vom Hotelzimmer konnte ich auch die von Grünspan bedeckten Kupferdächer der Türme des alten Rathauspalastes einfangen, alles andere ist von unten fotografiert. Weitere Blickwinkel folgen.

08. August 2022

Ausgehen ist wichtig. Wir haben den Abend bis zum Schluss ausgekostet. Als wir uns spätnachts nach Ende der beiden Konzerte mit einem weiteren Bier draußen vor dem Club aufhielten, wo auch viele andere Gäste in Korbsesseln saßen, machte mich Lydia auf den Fahrer einer Limousine aufmerksam, der Gewehr bei Fuß in Schlips und Anzug wartend am Straßenrand stand. Sehr merkwürdig! Also wir haben weder Keith, noch Mick, noch Ronnie entdeckt, aber vielleicht wartete er auch, um Sasha Allen zurück ins Adlon zu kutschieren. Als sich doch Bettschwere bemerkbar machte, und Bernard Fowler aufbrach – die Limousine war inzwischen weg – winkte ich mir ein Taxi nach Mitte. Lydia radelte heim, in dieselbe Richtung, und kam am Adlon vorbei, wo sie noch ein paar Fotos machte, sehr putzig – für mich! Ich konnte da jetzt auch keine hellseherischen Schlüsse zum Verbleib der Stones daraus ziehen, obwohl man inzwischen wusste, dass die Fenster der Präsidentensuite, wo Mick schlief, direkt unterhalb des Dachs waren, wo der Balkon rundläuft. Dass Keith zwei Etagen unter ihm schlief, hatte die BZ-Reporterin ausgeplaudert, bei ihm waren die Vorhänge immer am längsten zu. Ich habe nun auch keine weiteren Erkenntnisse, wann genau die Stones zurückgeflogen sind, aber sie waren da, und das ist ja die Hauptsache. Hier ist das komplette Fotoalbum aus dem ZigZag Club. Meine Berichterstattung ist soweit beendet. Sechzig Jahre Rolling Stones angemessen zelebriert und stetiglich berichtet – à la bonne heure!

08. August 2022

Was für ein schöner Abend. Ich war natürlich auch im Backstage, sonst hätte ich ja keine Fotos davon machen können. Nach dem ersten Konzert strömten Fans, darunter nicht wenige Frauen, in das kleine, boudoirhafte Hinterzimmer, während sich Lydia eher zurückhielt, mit ihrem für heutige Zeiten ungewöhnlichen Autogrammwunsch. Der war impulsiv geboren worden, als ihr einfiel, dass sie sich gerade ein hübsches neues Notizbuch zugelegt hatte, das man dadurch gebührend einweihen könnte. Ich unterstützte dieses Ansinnen. Wir standen beobachtend im Hintergrund, während Selfies mit den Musikern gemacht wurden.

Eine Frau hielt beharrlich umarmend die Arme von Fowler fest, was etwas hartnäckig rüberkam, er ließ es höflich zu, hielt sie aber auf mehr Abstand, als es ihr beliebte. Lydia fiel das glaube ich auch auf. Er konnte sich dann doch aus der Affäre ziehen und Lydia holte sich ganz altmodisch Autogramme von der Band. Bernard Fowler unterschrieb schwungvoll auf einer extra Seite. Lydia war unsicher, ob die Aktion nicht peinlich war, aber ich versicherte ihr mindestens fünfmal, dass ích es überhaupt nicht peinlich, sondern im Gegenteil entzückend finde, und es den Musikern bestimmt genauso ging (das Ergebnis zeige ich auch noch). Als wir den Club Richtung Ausgang verließen, strömten schon die neuen Gäste für das zweite Set hinein, darunter erkannte ich die grandiose Backing Vocals Sängerin vom Stones-Konzert in der Waldbühne, Sasha Allen, die außer mit den Stones u. a. mit Christina Aguilera, Alicia Keys und Usher arbeitet. Daryl, Mick, Keith und Ronnie waren offensichtlich nicht mitgekommen. Wir traten mit unseren noch nicht ganz ausgetrunkenen Gläsern in die immer noch sehr warme Sommernacht und bekamen Lust, etwas zu essen und später noch mal in den Club zu schauen. Schräg gegenüber war ein asiatisches Lokal, wo man angenehm draußen auf dem Gehsteig sitzen konnte, da gingen wir hin und bekamen alles sehr schnell kredenzt.

Wir sprachen beim Essen über eine Psychotherapeutin, die Audioaufzeichnungen von (wie Lydia meint teilweise gescripteten) Therapiegesprächen auf youtube postet (nach Absprache mit den Klienten), und das jüngste Comeback von Marianne Rosenberg.

07. August 2022

Bernard Fowler. Ein ganz großartiger Sänger. Subtil, kraftvoll, konzentriert, im passendsten Moment völlig ekstatisch. Als das erste Set zu Ende war, und ich im Durchgang zum Backstage stand, sie von der Bühne runter an mir vorbeimussten, konnte ich nicht anders, als Bernard Fowler reflexartig zu drücken und als Ausdruck meiner musikalischen Verehrung zu küssen. Ich wollte ihn wieder loslassen, aber er strahlte mich an und umarmte und küsste mich herzhaft und zupackend zurück. Das hätte Lydia eigentlich mal fotografieren sollen! Aber sie stand nur da und guckte wie angewurzelt tatenlos zu! Hinter ihm kam Tim Ries und da ich schon im Flow war, bekam er auch eine Umarmung und umarmte genauso zurück. Es gab Standing Ovations. So verdient. Der magischste Moment war „Wild Horses“, das hat eine Besucherin des zweiten Sets mitgeschnitten und auf youtube hochgeladen. Bitte unbedingt anhören. Sie bezeichnet es als „mindblowing“. Nicht übertrieben. Im ersten Set wurden Honky Tonk Woman, Lady Jane, Wild Horses, Gimme Shelter, Satisfaction und außerhalb der Stones-Songs-Reihe A Change Is Gonna Come gespielt. Viele sangen mit, ich auch. Zugabe war Ruby Tuesday. Dann verschwanden sie für eine Pause vor dem zweiten Konzert in das lauschige Hinterzimmer, das ich mir auch angesehen habe.

07. August 2022

Während wir weiter in der Schlange warteten, eingelassen zu werden, belauschte ich drei Damen links von uns, von denen die eine das Wort führte. Sie erklärte, beide Sets gebucht zu haben, es sollte zwei Auftritte geben, einen um 19:30 und einen um 21:00 Uhr. Eintrittspreis übrigens 35 Euro. Ich hatte für das erste Set reserviert. Sie ließ uns gut hörbar daran teilhaben, dass ihr zur Kenntnis gekommen sei, dass „die drei Stones“, sie meinte damit Mick, Keith und Ronnie, am Vormittag ein vegetarisches Essen gehabt hätten. „Auf Auberginen-Basis“. Sie da also auf jeden Fall noch in Berlin gewesen seien. Zumindest bis Mittag. Ich fand das toll detailverliebt, dass sie „auf Auberginen-Basis“ betonte. Ich konnte das zwar bislang nicht verifizieren, aber vielleicht arbeitet sie ja in dem Lokal als Küchenkraft und hat die Auberginen schälen müssen. Ich meine: dürfen! Auch ich wäre bereit, für Mick und Keith Auberginen zu schälen, für Ronnie natürlich auch. Auch wenn Auberginen für meinen Geschmack ein bemerkenswert langweiliges Gemüse sind. Aber was tut man nicht alles als Fan!

Endlich durften wir in den Club, bekamen allerdings nur zwei Stehplätze. Zuerst standen wir ungünstig links vom Tresen, was nur praktisch war, um zwei große Carlsberg vom Fass zu bestellen. Dann wählten wir die Nische rechts von der Bühne, wo zudem zwei Barhocker rumstanden. Von der Sichtachse aus sah man erstmal hauptsächlich den handsomen jungen Gitarristen aus Israel, in Berlin lebend: Tal Arditi. Es war einfach traumhaft, was er seiner Gitarre entlockte, besonders bei Wild Horses. Lydia fand ihn im Profil speziell interessant, weil er sie an jemanden erinnerte. Ich versuchte hauptsächlich Bernard Fowler zu erhaschen. Noch weiter weg saß Tim Ries am Flügel, ich wusste gar nicht, dass er Klavier spielt. Das ganze Programm hatte die Überschrift „The Rolling Stones Project“, davon gibt es auch zwei Platten. Sehr bekannte Stones Songs wurden virtuos angejazzt umarrangiert. Auf der 2005 erschienen ersten Platte des Projekts haben neben Tim Ries und Bernard Fowler Charlie Watts, Keith Richards, Ron Wood, Norah Jones, Sheryl Crow, Bill Frisell, John Scofield, Darryl Jones und andere bekannte Größen mitgewirkt. Fortsetzung folgt!

07. August 2022

Der mir bis Donnerstag völlig unbekannte ZigZag Club präsentiert sich kuschelig. Schwierig zum Fotografieren aber gut für die Atmosphäre und den Teint. Obwohl ich sieben Jahre in Schöneberg gewohnt habe – oder gerade weil – habe ich mich verlaufen. Ich lief von der S-Bahn Innsbrucker Platz in die falsche Richtung, hatte mir aus unerfindlichen Gründen zurechtgelegt, die Hausnummer Hauptstraße 89 müsste Laufrichtung Kleistpark sein. Wahrscheinlich hat es meine Phantasie überstiegen, dass unterhalb vom Innsbrucker Platz irgendein nennenswertes Lokal sein könnte. Das war ja früher schließlich auch nicht der Fall! Alles war im Dreh zwischen Kleistpark und Eisenacher Straße, weiter unterhalb war tote Hose. Ich rede allerdings von den Achtziger Jahren, wo ich eben in Schöneberg gewohnt habe und mich sehr gut auskannte. Long speech, no sense: ich drehte dann doch nach zehn Minuten misstrauisch um, da selbst die kuriosesten Berliner Hausnummerierungen (man ist ja einiges gewohnt) bestimmt nicht in der Hälfte der Straße mit 50 aufhören und mit 100 weitergehen. Es war wieder tropisch warm, als ich am 4. August gegen 19 Uhr da entlangtapste. Kurz vor dem Innsbrucker Platz kam mir Lydia in einem eleganten langen schwarzen Kleid mit Goldlamée-eingefassten Spaghettiträgern auf dem Fahrrad entgegen. Wir liefen gemeinsam zum ZigZag Club, wo schon eine lange Schlange wartete. Oben im ersten Stock des weißgetünchten Hauses war ein Fenster auf, aus dem tatsächlich Bernard Fowler amüsiert auf die Schlange guckte. Ich schien die einzige zu sein, die ihn dort bemerkte und winkte ihm enthusiastisch zu, er winkte fröhlich zurück. Später kamen wir uns noch etwas näher. Fortsetzung folgt!

07. August 2022

Am Tag nach dem Stoneskonzert hatte ich schon wieder was im privaten Terminkalender. Nämlich einen Besuch im ZigZag Jazzclub in Schöneberg. Der ist in der Hauptstraße ganz südlich, unterhalb vom Innsbrucker Platz. War ich noch nie zuvor. Es war ein ganz besonderer Anlass. Da ich immer fleißig das Stones-Forum mit den Beiträgen zum Konzert in der Waldbühne etc. verfolgt hatte, las ich dort einen Hinweis auf ein Konzert in dem winzigen Club, wo das Rolling Stones-Backing-Vocals-Urgestein Bernard Fowler mit dem ebenfalls langjährigen Stones-Saxophonisten Tim Ries und weiteren Musikern auf die Bühne gehen würde. Bernard Fowler hat erstmalig 1985 bei Micks Soloplatte „She’s the Boss“ mit ihm gesungen, so hat sich dann die nun mittlerweile 37-jährige kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt. Er ist auf jeder Platte zu hören und war auf jeder Tour dabei. In der Waldbühne war er der erste Musiker, den Mick vorgestellt hat. Ich konnte gerade noch zwei Plätze im ZigZag Club reservieren, Lydia ging mit. Ich zog dieses lange sommerliche Kleid an und war supergespannt. Wie den meisten anderen Gästen, kam mir in den Sinn, dass vielleicht noch jemand, den man kennt, vorbeischaut, gelegenheitshalber, nicht wahr. Fortsetzung folgt :-)

05. August 2022

Und nun zu den Stones. Was hier nach einem Waldspaziergang aussieht, ist der Insider-Block M wie „Murellenschlucht“, direkt links von den Blöcken H und E. Eintritt: 0,00 €. Vgl.: Block H und E: 296,15 € (sofern man diese günstigeren Preise bei Eventim bekam). Wie bereits angedeutet, waren Ina und ich durchaus bereit vor Ort Tickets zu kaufen, aber das einzige Angebot waren zwei Karten im hintersten Rang zu je 460 €.

Auf dem Weg zum Haupteingang der Waldbühne kommt man an diversen Catering-Trucks, Toiletten und auch Merchandise vorbei und natürlich langen Warteschlangen am Einlass. Im Unterschied zum Konzert im Olympiastadion vor vier Jahren, gab es hauptsächlich Leute, die Schilder hochhielten mit „Suche Ticket“, damals bekam man alle zehn Meter welche angeboten. Es war tatsächlich ausverkauft, sogar die Wuchertickets auf Viagogo wurden noch weitgehend genommen.

Wieder nach Hause zu gehen war keine Option, da es ja auf der Hand lag, dass die Schallwellen auch über den Zaun gehen. Also begaben wir uns zur Murellenschlucht, was außer uns auch viele andere Fans taten, die sich die Tickets nicht leisten konnten oder nicht leisten wollten. Unsere Schmerzobergrenze war bei 300 pro Nase, hatte sich aber nun erübrigt!

Im Prinzip umrundet man links vom Eingang die Waldbühne, immer an der Absperrung entlang. Wie unterschiedlich gut bzw. schlecht der Sound ist, hängt von der Stelle ab, die man sich in der Schlucht sucht. Am besten war er weiter oben, auf Höhe der mittleren Ränge, geradezu exzellent. Man konnte jeden Song sofort deutlich erkennen, nur die Ansagen hab ich nicht so genau verstanden. Ziemlich gut hat sich auch Miss you angehört.

Und gesehen hat man ein bißchen buntes Gelichter, aber nichts Genaues. Stellenweise war es wie eine Mischung aus Woodstock und Familienpicknick. Ich konnte aber ganz weit hinten, beim Entdeckungsspaziergang, noch etwas Exclusives beobachten. Dort traf mein Pfadfinderblick auf das 2018 neu gebaute Backstagegebäude und ich setzte mein neues kleines Tierbeobachtungsfernglas an, das ich für alle Fälle dabeihatte.

Zuerst konnte ich ein weißes Beduinengartenzelt neben dem Gebäude sehen, in dem Gartenmöbel standen und Leute rumsaßen, da war immer Bewegung. Erkennen konnte ich niemanden, dafür war es zu unruhig, aber dann, Schwenk nach links, wo zusätzliche weiße WC-Container für die Security etc. zu stehen schienen, hatte ich plötzlich ein bekanntes Gesicht vorm Objektiv.

Nämlich eine brünette, langhaarige junge Dame, die exakt wie Mick Jaggers Freundin Melanie Hamrick aussah. Sie trug ein dunkelblaues Shirt und eine dunkelblaue Hose und scherzte mit zwei Wachleuten, die gerade vom Klo kamen. Alle anderen, die ich sehen konnte, hatten Backstagepässe um den Hals, sie nicht. Ich könnte es jetzt natürlich nicht beschwören, aber ich bin mir zu 97 Prozent sicher, dass sie es war. Sie ist jetzt ja immer überall dabei gewesen.

Dort an an der ungefähr 70 Meter vom Backstage entfernten Absperrung versuchte eine Truppe von ungefähr vier jungen Männern und zwei Frauen, das Gitter aufzubiegen, um hindurchzuschlüpfen, was ihnen auch gelang. Man musste die defekte, mit Gewalt aufgerissene Stelle des Gitters mit viel Kraft auseinanderdrücken. Sie waren dann zwar drin und konnten sich durchs Gebüsch schlagen, aber wie weit sie dann innerhalb der Waldbühne gekommen sind, ist mir unbekannt. Wenn die Situation einschätzbarer gewesen wäre, hätten wir es vielleicht auch gewagt. Allerdings habe ich Zweifel, dass es einer allein geschafft hätte, das Gitter so weit aufzudrücken, dass man ohne Kratzer und Hängenbleiben durchgekommen wäre.

Fotos habe ich keine gemacht und auch nicht machen können, da ich meine Kamera vorschriftsmäßig daheimgelassen hatte. Alle Bilder hier sind von Ina, ihrem Smartphone. Das Konzert fing Punkt 19:45 mit Street Fightin Man an und endete um 22:00 Uhr mit Sympathy for The Devil und Satisfaction als Zugaben. Die Setlist kann man hier nachlesen.

Im letzten Drittel schwankte ein vermutlich alkoholisierter Stonesfan zu Ina und mir und fragte uns „Wo werden denn hier die Kinder gezeugt?“. Ina deutete auf den Waldboden und meinte „Da unten“. Ich zeigte nach rechts und erklärte ihm: „Siebeneinhalb Meter da lang und dann links.“ Die widersprüchlichen Angaben schienen ihn zu verwirren, er wankte unentschlossen weiter.

Nach Ende des Konzerts reihten wir uns wieder in den Besucherstrom Richtung S-Bahn Pichelsberg ein, wie schon beim Herkommen. Ich war bettschwer nach über fünf Stunden ununterbrochenem unterwegs sein bei weit über dreißig Grad.

Gegen 23 Uhr daheim fand ich schon die ersten Berichte und youtube-Uploads vom Konzert, tolle Aufnahmen von ganz vorne aus dem Diamond Pit. Aber auch Fotos der Waldbühne in der Totalen, der gesamte Innenraum. Sehr schön. Wir waren rein entfernungsmäßig eindeutig näher an der Bühne als jemand ganz rechts im äußersten Ring.

In der Erinnerung verbanden sich sofort die eigenen Eindrücke und das Gehörte mit den youtube- und Fotobildern, und so war man doch eigentlich richtig dabeigewesen. Erkenntnis: wenn schon Wucherpreis, dann direkt ganz vorne im Diamond Pit, ansonsten ist man ja auch auf Video-Nachlese angewiesen. Für ein ausverkauftes oder sehr teures Klassikkonzert, wo man nicht so versessen darauf ist, auch die Klamotten und die Mimik zu sehen, eine schöne Idee, gut ausgestattet mit Decke und Kühlbox direkt die Murellenschlucht anzupeilen. Unser Resümee: unter den gegebenen Bedingungen war das die beste Idee von allen.

05. August 2022

Es geht gleich weiter. Ich musste mich heute regenerieren. Vorgestern bei den Stones und gestern im winzigen, sehr kuscheligen Schöneberger Zig Zag Club, wo die Urgesteine Bernard Fowler und Tim Ries von der Stones-Tourband mit subtil verjazzten Stones Songs auftraten. Hier erst einmal Fotos vom 3., als ich zur Waldbühne aufbrach, was dann da geschah, und ob ich mit Ina drin war, in der nächsten Folge meiner Berichterstattung.