Es war immer noch Mittagszeit, 13:37 Uhr sagen die Metadaten vom 2. Juli 2022 von den Tunnelbildern, über dreißig Grad, da waren nicht sehr viele Menschen unterwegs. Ich konnte schön meinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Ein starkes Déjà vu, als ich nach unten in den Burggraben blickte, da wo jetzt ein Biergarten zu sein scheint, der aber offensichtlich gerade nicht aufhatte. In diesem Burggraben war bis in die Achtziger Jahre das Bardentreffen. Und zwar nur dort, auf mehreren Open air-Bühnen.

Jetzt erstreckt es sich auf die gesamte Altstadt. Wenn man früher zum Bardentreffen ging, war klar, dass jeder nur dort sein kann, sofern er sich überhaupt dafür interessiert. Ich bin nicht jedes Jahr hin, aber schon manches, wenn mich ein Künstler besonders interessierte, oder ich ihn sogar kannte. Hier kann ich mir die weibliche Form sparen, da es ausschließlich Männer waren. Es traten sicher auch Frauen auf, aber für meinen Geschmack war da nichts dabei. Der war auch eher unkonventionell. Wegen Bettina Wegener wäre ich bestimmt nicht hingegangen, bei allem Respekt, dieses traditionelle Liedermacher-Geschrammel war mir zu altbacken. Seltener gab es auch mal etwas Gewagtes, Avantgardistisches, dazu gehörte ein Auftritt von Duke Meyer, einem damals in Nürnberg lebenden Performancekünstler, den ich nicht nur vom Hörensagen, sondern persönlich kannte. Wir sind heute noch befreundet. Er wurde in der Nürnberger Presse stets als „Enfant Terrible“ bezeichnet und machte möglicherweise den ersten Deutsch-Rap überhaupt. Ich spreche von 1983 bis 1986. Er kleidete sich wie eine wilde Mischung aus Massai und Weltraumkrieger, selbstverfertigte Kreationen. Die Frisur mal superkurz, der Schädel mit kunstvoll ausrasierten Leopardenflecken, oder Sidecut und in der Mitte hochtoupiert, dazu Kriegsbemalung in seiner Jaggerfresse. Und diese Erscheinung im mittelalterlichen, gemütlichen Burggraben, this was really something! Eine Veröffentlichung seiner Texte bezeichnete er als Betonpolemik. Das pink-weiß gestreifte Lyrikheft habe ich noch. Zudem war er der Sänger und Texter der mir auch privat verbundenen Nürnberger Rockband „Männer wie noch nie“. Der Bandname war eine kecke Anspielung auf Ina Deters Lied „Neue Männer braucht das Land“. Sozusagen die Antwort. Daran dachte ich unter anderem, aber hauptsächlich, als ich dort in der heißen Sonne entlangflanierte.

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