ich denke heute wäre ein guter Tag, um endlich mal wieder vor Mitternacht in die Federn zu kommen!
26. Dezember 2020
18. Dezember 2020



Mein neues Schmuck-Kästchen ist hier zu sehen. Ich verdanke auch das meinem lieben Freund Volker-Vanity-Glam. Niemals habe ich Aquarellstifte besessen oder benutzt. Zum besseren Kennenlernen habe ich die Farben in den Deckel gemalt. Einen Block mit Aquarellpapier habe ich auch bekommen. Das war aber nicht mein erster. Ich habe Aquarellpapier schon benutzt, große Bögen, ganz anders, als dafür gedacht. Darin bin ich recht gut, mir Materialien unorthodox zu erschließen. Da mache ich vor nichts Halt! Das Kästchen hat ein Zuhause in meiner Wohnung, nicht in meiner Werkstatt, weil ich dort einen starken Drang habe, weniger filigrane, flächige und großformatigere Sachen zu machen.
Manchmal kam es schon vor, dass ich in meiner Wohnung war und keine Lust auf mein Atelier hatte und dann einen Film sah oder Musik hörte, im Internet herumflanierte und dann doch einen Impuls verspürte, irgendeine Materie zu verwandeln. Und ich musste mich bremsen oder noch mehr improvisieren, als mir lieb war. Für solche Augenblicke habe ich nun ein Schatzkästchen, das genau dann seinen Schatz zeigen wird.

Ich bin in diesen Tagen etwas hinterher mit der Würdigung meiner Post. Eine neue Postkartenchallenge gab es seit Holly Golightly nicht, aber andere schöne Sachen, die hin- und hergingen. Ist alles verewigt und wird gewürdigt. Nichts geht verloren, es bleibt. Nicht immer materiell, aber als Gedanke und Erinnerung. Irgendwo schwirrt das alles herum.



17. Dezember 2020

Aloe Vera Linné-Babies in gute Hände abzugeben. Ich kann sie auch mit der Post verschicken! Es sind die Enkelkinder von meiner Aloe, die ich vor ungefähr 25 Jahren adoptiert habe. Sie werden gerne in Ruhe gelassen, finden ein bißchen sandigen Boden schön und freuen sich über liebevolle Blicke und ein- bis zweimal im Monat gießen. Wenn sie viel Platz im Topf haben, werden sie schnell groß und kräftig, wenn kleiner Topf, passen sie sich an. Will jemand ein Baby von mir haben? Kostet nix, nur einen Kommentar!
10. Dezember 2020





GLOSSY ON THE OUTSIDE…GRITTY ON THE INSIDE. Glam Issue. Ich weiß nicht, wieviele Seiten ich in dieser einen, Volker-Glam gewidmeten Ausgabe gebunden habe. Vielleicht sechshundert. Oder auch mehr. Schöne Texte dabei, die für ein Foto nicht so viel hergeben. Man könnte sagen, ein textlastiger Bildband. Thematisch sehr exclusiv akzentuiert.
Ich hatte ja erzählt, dass ich die Vanity Fair-Jahrgänge zerlegte und dabei auftürmte, was ich behalten wollte. Dabei entstand daneben ein kleineres Häufchen für den Vorbesitzer. Spontan bestimmte ich, was in die für ihn gedachte Überraschungs-Ausgabe kommen sollte. Ich denke, es waren ein paar Treffer dabei. Ich weiß es mittlerweile. Glossy on the outside… gritty on the inside!
Als ich die Bibel dann verschickt hatte und die Rückmeldung bekam, dass da unter anderem ein sehr interessanter Artikel drin ist, den er damals glatt überlesen hatte, habe ich mich mitgefreut. Einige Seiten hätte ich auch gerne für mich behalten, da war ich hin- und hergerissen. Aber dann war der Impuls, sie Glams Marilyn-Archiv zu übereignen, doch stärker. Das war der Artikel mit dem großen Billy Wilder-Gespräch. Den habe ich mir dann nachträglich aus dem Vanity Fair-Archiv ausgedruckt und bei mir eingebunden. Aber ich bin auch sonst nicht zu kurz gekommen, ich kann mich nicht beschweren. Die Anschaffung des Eimerchens Blockleim hat sich auf jeden Fall gelohnt.












08. Dezember 2020
Sotheby’s Sotheby’s Sotheby’s Christie’s Christie’s Christie’s. Mal wieder die Algorithmen manipulieren. Soeben ein schön anzusehendes Werbebanner in der Seitenleiste von meinem Mailaccount gesehen, angeklickt, damit es sich auch gut festsetzt. Ein Banner für eine Auktion bei Sotheby’s für historische Bücher und Manuskripte, diese hier. Gefällt mir sehr gut. Wiederholt suche ich von Zeit zu Zeit nach Sachen, von denen ich weiß, dass die Werbung gut aussieht. Z. B. sauteure Dessous oder Sachen von den großen französischen Modehäusern wie Dior oder Chanel. Da ist man auf der sicheren Seite, dass die Kampagnen gut aussehen. Ich habe umfassende Adblocker, aber manche Seiten sind so gestrickt, dass auch zentrale Funktionen mit einem Adblocker unterbunden werden, da hilft nur noch den Feind mit seinen eigenen Waffen zu schlagen!
Obwohl ich einige Größen von Size Zero entfernt bin, suche ich auch gerne zwischendurch zur Auflockerung nach dieser Größe und Sachen, von denen ich glaube, dass sie jüngere Frauen als Kunden im Blick haben. Ein bißchen Irritation bringt den Algorithmus interessant durcheinander und ich werde weniger mit vermeintlich zu meiner Altersgruppe passenden Produkten behelligt. Und was suchen Sie so für hochattraktive Premiumprodukte um Ihr Internet aufzuhübschen? Bitte keine Sachen für die Ausmerzung von gesundheitlichen Einschränkungen nennen, niemals! Brandgefährlich. Das wird man so schnell nicht mehr los!
29. November 2020











Geheime Einblicke. Das Universum meines Badezimmers. Neu ist die Reihe der Bilder unter dem gestreiften Fries. Einige der schönsten Werbe-Fotografien aus Vanity Fair. Und auf der Waschmaschine das kleine ovale Döschen und darüber der Rahmen mit den langen Dior-Beinen. Und daneben Liz. Alles Sachen, die mir Glam|Volker überlassen hat. Und den Bildband „Stars“, und die Interview-Ausgabe mit Barbra Streisand. Liz hing bei ihm in der Küche, über dem Kühlschrank und hat eine wunderbare Patina. Ich liebe das vergilbte Papier der Seiten alter Zeitungen und Illustrierten. Nun habe ich keinen Platz mehr für weitere Bilder. Aber es sind ja nun auch wahrlich genug. Obwohl ich auch Ambiente mit minimalistischer Einrichtung mag, sofern es sehr schöne Stücke sind, wird bei mir jeder Raum zum eklektischen Wohnzimmer. Wenn auch der Waschraum zum Salon wird, verfügt man über ein Zimmer, also ein Boudoir mehr, quasi!







22. November 2020
22. November 2020

DIESSEITIG BIN ICH GAR NICHT FASSBAR. DENN ICH WOHNE GRAD SO GUT BEI DEN TOTEN, WIE BEI DEN UNGEBORENEN. ETWAS NÄHER DEM HERZEN DER SCHÖPFUNG ALS ÜBLICH. UND NOCH LANGE NICHT NAHE GENUG.
Paul Klee, (1879 – 1940) Grabinschrift, Zitat von 1920
20. November 2020
Gestern Abend, ja fast schon Nacht, lange mit Ina telefoniert. Viel gab es zu erzählen, auszutauschen, nach längerer Zeit. Wir sprachen aber nicht nur über den Abschied von ihrer Mutter Eva und meinen letzten Wochen mit der exzessiven Beschäftigung mit (dem „Weltkulturerbe“ möchte ich beinah sagen) Vanity Fair, sondern auch über meine kürzliche Lektüre von Françoise Gilots Erinnerungen an ihr Leben mit Picasso.

Ein Buch, das in den Sechziger Jahren erschien, das Ina schon mehrfach mit Gewinn gelesen hatte, und von dem ich auch schon lange wusste, es aber doch nie las, bis vor kurzem. Picasso hatte als es erschien, er lebte ja noch, versucht, zu erwirken, dass es zurückgezogen wird. Françoise nahm sich einen Anwalt und bekam das Recht zugestanden, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen, da keine Unwahrheiten nachzuweisen waren. Sie erinnert sich, dass Picasso ihr einige Zeit nach dem Urteil Respekt bekundete und ihr quasi – ganz ohne Ironie – gratulierte, da es ihm gefiel, wenn jemand einen Sieg errang. Er mochte Sieger.
Ich gebe das aus der Erinnerung wieder, das muss ich in einem begleitenden Artikel gelesen haben. Ich mochte das Buch, das mit dem berühmten Foto von Robert Capa geschmückt ist, wo man Picasso am Strand hinter ihr sieht, einen großen Sonnenschirm mit Fransen über sie haltend. Ein wunderbares Foto. Es hängt seit vielen Jahren in meiner Wohnung im Flur.
Wirklich intensiv und erlebbar sind in diesen Erinnerungen die Beschreibungen des Schöpfungsprozesses von Picasso, den niemand sonst über so einen langen Zeitraum aus nächster Nähe bei der Arbeit erlebt haben dürfte. Er hatte kein Problem damit zuzulassen, dass Françoise Gilot ihm über viele Stunden zusah, um zu studieren, wie er malte. Er respektierte auch sie als Malerin und schätzte es, sich darüber auszutauschen. Vermutlich gab es außer Dora Maar keine Frau, mit der so ein intensiver Austausch auf dieser Ebene stattfand. Sicher war seine letzte Frau Jacqueline auch interessiert und involviert, aber wie es scheint, mehr als ergebene Dienerin, die das Werk ihres Mannes zu ehren und zu bewahren, zur eigenen Lebensaufgabe machte.
Nachdem wesentliche Dinge nach seinem Tod 1973 geregelt waren und große Teile seines künstlerischen Nachlasses dem eigens dafür installierten Pariser Musée Picasso zugekommen waren, nahm sie sich wenige Tage nach Eröffnung des Museums, im Oktober 1985 das Leben, indem sie sich in der letzten gemeinsamen Villa in Mougins, in Südfrankreich erschoss.
Picasso hatte den Wunsch, zu Beginn der Beziehung zur vierzig Jahre jüngeren Françoise, ihr alle Lebensmittelpunkte, seine Ateliers und Wohnungen vor ihr, zugänglich zu machen, er wollte es offenbar sinnlich und plastisch nachvollziehbar machen, was vor ihr geschehen war, ein Vertrauensbeweis, aber auch ein Zeichen, dass er sich und sein Erleben und Werk als Ereignisse von Rang beurteilte. Und die Welt gab ihm recht.
Wenn ich ein Buch lese, mache ich seit einiger Zeit kleine Eselsohren. Und zwar oben und unten. Die obere umgeknickte Ecke zeigt mir, an welcher Stelle ich im Buch bin, es ist mein Lesezeichen. Für mich sind Eselsohren nur in Bildbänden und antiquarisch kostbaren Ausgaben tabu.
In Alltagslektüre für unterwegs gibt es auch Eselsohren an unteren Ecken. Die mache ich immer dann, wenn eine Erwähnung stattfindet, die mich genauer interessiert, und zu der ich später noch recherchieren möchte. Oder die ich so interessant oder amüsant finde, dass ich sie alsbald in einem Eintrag zitieren möchte.
Eines dieser Eselsohren ist auf Seite 133. Die erste Frau Picassos, die russische Tänzerin Olga, beschrieben als auf bourgoise Art kapriziös und anspruchsvoll, was Pablo auf Dauer nervte, kam über die Trennung nicht hinweg, verweigerte die Scheidung, und setzte ihrem abtrünnigen Ehemann, mit dem sie Picassos ersten Sohn hatte, mit unbeantworteten Briefen zu. Chronologisch lagen zwischen Olga und Françoise, Marie-Therese Walther, die ihm eine Tochter gebar und Dora Maar.
Françoise Gilot hatte nun das zweifelhafte Vergnügen, die von Olga verfassten Briefe am Frühstückstisch zur Kenntnis zu nehmen und zitiert in ihrem Erinnerungsbuch wiederkehrende Inhalte:
„(…) Olga schrieb ihm fast täglich lange Tiraden auf Spanisch, damit ich nichts lesen konnte, vermischt mit russischen Worten, die niemand verstand, und einem Französisch, das so schlecht war, daß es ebenfalls kaum zu verstehen war. Sie schrieb kreuz und quer in alle Richtungen und bis an die Ränder. Häufig legte sie eine Postkarte bei, die Beethoven zeigte – meistens beim Dirigieren eines Orchesters; manchmal auch ein Bild von Rembrandt mit der Aufschrift: „Wärest Du wie er, dann wärest Du ein großer Künstler.“ Pablo las diese Briefe immer bis zum Schluß und ärgerte sich schrecklich darüber. Ich schlug im vor, er solle sie doch einfach beiseite legen, aber das brachte er nicht fertig. Er wollte wissen, was Olga schrieb.“
Im Anschluss an dieses interessante Buch begann ich mit „Die Frau, die Nein sagt“, ein Buch, das sich ebenfalls um Françoise Gilot dreht, aber nicht von ihr verfasst wurde, sondern von dem mit ihr mittlerweile gut bekannten Journalisten Malte Herwig. Es enthält für meinen Geschmack zu umfangreiche Passagen, in denen fast schon kapitelweise aus Gilots Buch zitiert wird. Interessant sind jedoch die Berichte über jüngere Begegnungen mit dieser sehr faszinierenden Zeitzeugin und Protagonistin der Kunstgeschichte. Eine Künstlerin, die noch von persönlichen, privaten Begegnungen mit Matisse berichten kann, der wiederum von seinen persönlichen Begegnungen mit Renoir aus dem Nähkästchen plaudern konnte. Beinah unfassbar. Sie lebt noch und sie malt noch.
19. November 2020
Sophia 🖤
15. November 2020
Vanity Fair 1992 – 2020. Edition Gaga Nielsen. Ich mache auch noch einen vernünftigen Eintrag mit Einblick ins Innenleben!






09. November 2020






Es begab sich vor sechs Wochen, nämlich am 23. September 2020, dass Doro den glänzenden Einfall hatte, mich auf ein großes Konvolut Vanity Fair des letzten Vierteljahrhunderts aufmerksam zu machen, das ein mir seit langem bekannter Blogger, Volker, aka Glam weitergeben wollte.
Ich kannte ihn nur vom Lesen, erstaunlicherweise hatten wir uns trotz vielfältiger Überschneidungen im Freundeskreis seit Beginn unserer Blogger-Aktivitäten vor rund fünfzehn Jahren, nie kennengelernt. Das ist insofern bemerkenswert, als es ab 2005 viele Treffen und Lesungen gab, bei denen ich oft mit meiner Kamera anwesend war. Einmal sah ich ihn aus dem Augenwinkel an mir vorbeilaufen, es war bei einer Lesung in einem Lokal namens Offenbar, aber es war nicht der Moment um ihn anzusprechen, er war immer schon in einer Konversation und so glitten wir aneinander vorbei, was ich ein wenig schade fand.
Als ich nun über Facebook Interesse an den Jahrgängen zeigte, kamen wir schnell zu einer Verabredung. Er würde sich melden, wenn er im Oktober wieder in Berlin sei, und da machen wir die Übergabe. Anlass für die Weitergabe der Jahrgänge war sein Umzug und die Auflösung seiner Berliner Wohnung. Im Zuge dessen sichtete er, was er unbedingt mitnehmen wollte.
Am 12. Oktober fuhr ich um Halbsieben nach Kreuzberg und lief erstmalig viele, viele Treppen nach oben, in eine Dachgeschoßwohnung, in der ich mich irgendwie gleich daheim fühlte. Es waren noch alle Möbel da, viele Bilder und Fotos aus Zeitschriften hingen an den Wänden. Ein über zwanzig Jahre gewachsenes Universum mit viel Liebe zum Detail. Die Begrüßung war sehr herzlich und irgendwie vertraut, obwohl wir uns – bis auf diese Verabredung noch nie vorher ausgetauscht hatten, auch nicht kommentierernderweise in unseren Blogs.
Volker-Glam führte mich mit dem Putzlappen in der Hand durch sein Universum, entdeckte in seiner Bibliothek noch und noch einen wundervollen Bildbband, über den er sorgsam drüberwischte, bevor er ihn in einen Karton packte.
In der gemütlichen Küche mit weitem Blick über die Dächer sprachen wir in der Abenddämmerung über die selbstentworfenen Teppiche von Greta Garbo in ihrem New Yorker Apartment am Hudson River. Und über Marilyn, natürlich Marilyn, die niemand mehr liebt als Glam. Aber auch über persönliche Dinge und Beweggründe für den Umzug.
Ich hatte fast vergessen, dass ich wegen der Vanity Fair Hefte gekommen war. In diesem Zuhause gab es so viel zu sehen, angefangen mit dem beeindruckenden riesigen Foto von Liz Taylor, das etwa die Breite von zwei Metern im Flur einnahm. Oder das schwarz-weiß-Portrait von Greta Garbo an der Tür zum Schlafzimmer. Greta hatte eine echte Zigarette im Mund, die er mit viel Geschick tatsächlich so fixiert hatte, dass sie waagerecht von der Tür abstand. Ich war begeistert!
Die ganze Zeit über lief Musik im Zufallsmodus, u. a. drängelte sich Ingrid Caven immer mal in den Vordergrund, mit der er früher beruflich beim Viellieb-Plattenlabel zu tun hatte, aber auch sonst war es eine überaus angenehme Berieselung mit handverlesenen Songs, die ich zum Teil gar nicht kannte.
Am diesem ersten Abend schleppte ich zwei schwere Taschen Richtung Kottbusser Tor. So viel ich tragen konnte, sozusagen. Immer wieder musste ich eine Pause machen, bis ich endlich in die U 8 fiel und damit in meine Werkstatt fuhr. Dort setzte ich mich auf den Boden und begann nach Jahrgängen zu sortieren. Manche Hefte blätterte ich neugierig auf und blieb an Artikeln hängen. Je mehr ich blätterte, umso mehr machte sich der Wunsch bemerkbar, auch die übrigen Jahrgänge, die ich nicht tragen konnte, zu haben.
Wieder daheim teilte ich das Volker mit, der noch bis Mittwoch in Berlin sein würde. Ich kündigte mich gleich für den nächsten Abend erneut an. Mit neuem Schwung lief ich abermals die vielen Treppen nach oben in den schönen Adlerhorst. Vor der Eingangstür lagen schon fein säuberlich gestapelt die übrigen Hefte. Diesmal wollte ich mir ein Taxi leisten. Ich hatte vier große Taschen für den Transport dabei, darunter zwei große Reisetaschen. Und für den Fall der Fälle noch Packpapier und Paketschnur.
Abermals landeten wir alsbald bei einem Plausch in der Küche, die mit zartgelben und rosa Markisenstreifen ausgemalt war, und wo eine kleine Stehlampe mit Plissee-Schirm heimeliges Licht spendete. Wieder erfasste mich Bedauern, dass ich hier nicht mehr oft zu Besuch kommen könnte und wir uns erst so spät kennenlernten. Volker half mir die schweren Taschen nach unten tragen und rief das Taxi. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung.
Am nächsten Tag schickte er mir ein Foto von weiteren vier Vanities, die er noch gefunden hatte. Da war natürlich klar, dass ich abermals würde kommen müssen. Der ultimative Umzug aller Sachen war für die letzte Oktoberwoche vorgesehen. Um sich noch einmal zum Abschied gemeinsam mit Doro zu treffen, die das Ganze ja angeleiert hatte, verabredeten wir uns für einen Sonntag Nachmittag, wenige Tage bevor die Möbelpacker kamen. Doro holte mich zuhause ab. Ich hatte drei Sorten Florentiner gekauft und sie hatte feinste Tortenstückchen zur Kaffeestunde eingepackt.
Es war immer noch sehr wohnlich und gemütlich, als wir eintrafen, da alle Möbel noch an ihrem Platz weilten und sämtliche Lampen wohnliche Stimmung verbreiteten, und auch alle Bilder noch hingen. Im Arbeitszimmer stapelten sich schon mehrere fertig gepackte Umzugskisten mit Büchern und Filmen, aber es gab noch Einiges zu packen. Doro machte den Auftakt und bot an, sich um die Bilder zu kümmern. Ich widmete mich den Langspielplatten, von denen bereits die Hälfte zum Verschenken oder für den Trödel aussortiert waren. Darunter drei Marilyn-Schallplatten. Da Doro drei Söhne hat, hatte ich die brilliante Idee, sie könnte ja jedem ihrer Söhne eine Marilyn-Platte zu Weihnachten schenken. Sicher wäre die Freude groß! Wir mussten lachen, als wir uns die Gesichter der bereits sehr erwachsenen Jungs vorstellten, von denen sich bislang keiner als ausgewiesener Marilyn Monroe Fan geoutet hat.
Zwischen Packen und Hin- und Hergewuchte von Sachen, untermalt von Geblödel, machten wir immer mal ein Päuschen und erzählten. Glam fand zwischendurch immer wieder interessante Fundstücke in seinem Archiv, zeigte Fotos von sich, als er als ganz junger Beau modelte und las einen grandiosen Liebesbrief von einem verflossenen Lover vor. Dabei lief wieder seine schöne Musiksammlung vom ipod rauf und runter.
Die vier Vanities, die er noch gefunden hatte, breitete ich auf dem Teppich im Schlafzimmer aus und zeigte Doro, nach welchen Kriterien ich die Hefte auseinandernehme. Ein Häufchen für besonders schöne Artikel für die Jahrgangsbände, die ich binden wollte, ein Häufchen für eine besondere Edition für Glam, da ich mittlerweile einschätzen konnte, wo seine Spezialinteressen liegen, und ein weiteres Häufchen mit visuell besonders interessanten Seiten, die ich für Collagen oder Ähnliches verwerten wollte. Ich war mit den vier Heften in einer halben Stunde durch und half dann, die großen Bilder transportfähig zu machen. Ich wickelte sie dazu in Teppichläufer und fixierte das Ganze mit Paketschnur.
Nachdem die Bilder abgehängt waren, fiel es gar nicht mehr so schwer, sich vorzustellen, dass man dieses lauschige Nest überhaupt jemals verlassen könnte. Kaum sind die persönlichen Details weg, ändert sich die Wahrnehmung beträchtlich. Ich war froh darum, da ich wusste, dass in diesen Räumen unendlich viel gelacht und geweint und geliebt wurde, immerhin zwanzig Jahre lang. Gute Jahre. Weit nach Einbruch der Dunkelheit verabschiedeten wir uns, wieder mit dem Gedanken, dass es so bald kein Wiedersehen geben würde. Doro kannte Glam und die Wohnung seit vielen Jahren von früheren Treffen und Festen, ich dagegen erst seit zwei Wochen, aber der Abschied ging mir ähnlich zu Herzen wie Doro.
Wie es der Zufall so will, fanden sich in der Wohnung im Zimmer seines vorübergehenden Mitbewohners, der nun auch langsam seine Sachen packen musste, noch drei weitere Vanity Fair Hefte. Nicht nur weil ich ein sehr beharrlicher Typ bin, und nun wirklich jede herumschwirrende Vanity Fair in meine Edition einverleiben wollte, sondern auch weil ich Lust auf noch einen weiteren unterhaltsamen Abend zwischen Umzugskisten packen hatte, erklärte ich, dass ich nun ja wohl abermals vorbeischneien müsste. Gesagt, getan.
Am 27. Oktober 2020, dem Abend bevor die Möbelpacker kamen, lief ich nun zum vierten mal die Treppe in der Lausitzer Straße hoch, nun aber wirklich zum letzten mal. Wir begrüßten uns wie vertraute Freunde und erzählten ohne Punkt und Komma, während wir die letzten Regale ausräumten und abwischten. Die Musikanlage war zum Glück noch in Betrieb und die Lampen machten immer noch ihr heimeliges Licht.
Ich widmete mich dem Küchenregal, das sein Vater gebaut hatte, und fand beim Herumrücken einen alten Einkaufzettel, womöglich noch aus den Zeiten, als er mit Georgette Dee hier wohnte. Eine kleine Schubladenkommode links von der Spüle hatte sie mit in den Haushalt gebracht. Darauf packte ich nun Putzmittel und Wischlappen. Die Spüle war schon blitzblank, alles restliche Geschirr gespült und auf den Fensterbrettern aufgereiht, noch eimal setzten wir uns in den Schein der kleinen Lampe, ruhten aus und erzählten.
Zuletzt holten wir den schweren Lüster von der Decke im Flur, ich hielt die Leiter. Wir waren ein richtig gutes Team! Bei meinem letzten Weg aus der Wohnung begleitete Volker mich nach unten, er hatte ohnehin etwas zu seinem Auto zu bringen, den Holzkoffer mit der goldenen Schachtel darin, in der besondere persönliche Erinnerungsstücke waren, die alle mit ihm im Auto mitsollten.
Es stand in der Nähe der Skalitzer Straße und wir verabschiedeten uns nun zum vierten mal, aber bestimmt nicht zum letzten mal. Das nächste mal sehen wir uns sicher an einer anderen Ecke in Berlin wieder, aber wir sehen uns wieder. Das möchte ich mir erbeten haben. Ich kann mich nicht erinnern, irgendeine Freundin oder einen Freund in so kurzer Zeit so oft besucht zu haben.
Der Kontakt zwischen uns setzt sich nun virtuell fort. Ich zeige ihm, was ich an weiteren Entdeckungen in den Vanities gemachte habe, und was aus dem Konvolut, diesem Schatz von ihm, nun wird. Das hier sind Bilder von meiner Editierphase. Zwischen die Vanity Fair-Hefte hatte sich eine italienische VOGUE L’Uomo-Ausgabe geschmuggelt, in der sich eine schöne Fotostrecke mit Rufus Wainwright befand. Die musste natürlich zu ihm zurück, ich machte davon ein kleines Sonderheft und schickte es ihm mit der Post.
Meine weiteren Verarbeitungsschritte habe ich auch dokumentiert, aber eins nach dem andern. Ich musste jetzt unbedingt einmal diese Geschichte erzählen, wieso meine letzten Wochen derart von der Beschäftigung mit Vanity Fair bestimmt sind.
Ein bißchen was vom Weltgeschehen bekomme ich dennoch mit – apropos Trump: 2016 meinte Donald Trump einen Tweet absetzen zu müssen, der sich despektierlich über Vanity Fair äußert. Ihm ging wohl gegen den Strich, dass eines seiner Restaurants als unzulänglich bewertet wurde. Daraufhin schaltete die Vanity Fair auf der Startseite ein Banner mit dem Claim: „The magazine Trump doesn’t want you to read. Subscribe now!” So viel zu meiner Beschäftigung mit „The Worlds most talked about Magazine.“
Ich fahre nun wieder in meine Buchbinderwerkstatt. Bis ganz bald.








07. November 2020
„What is your idea of perfect happiness?“
„Listening to Renata Tebaldi sing Puccini’s ‚Un bel di‘.“
Blake Edwards, Proust Questionnaire, Vanity Fair, March 2004
30. Oktober 2020

Zum einjährigen Jubiläum meiner neu erwachten Postkartenaktivitäten habe ich eine Geburtstagspostkarte verschickt, nämlich an kid37. Die Sonne steht im Skorpion und zufällig habe ich in diesem Jahr einen großen Skorpion auf die Welt gebracht. Mit ein wenig Geschick lässt sich daraus eine Postkarte basteln. Bitte sehr!
Der November steht vor der Tür und ich mag ihn sehr! Ein kuscheliger Monat, in dem man sich seinen Archiven und Erinnerungen widmet (Stichwort „Archiv“ – Vanity Fair! Bin nun beim Jahrgang 2007). Und vielleicht auch einmal wieder einen Brief oder eine Postkarte schreibt oder schöne Blogeinträge. Material hat man in unserem Alter ja genug.
Ich wünsche allen Skorpionen einen angenehmen November. Und mir natürlich auch, und allen anderen, die den November nicht leiden können. Ich bin natürlich prädestiniert den November zu mögen, weil ich zum einen eine massive Besetzung im Skorpion habe (Aszendent, Mond, Mars, Neptun) und weil ich mir da auch immer eine ganze Woche freischaufle, die nun vor mir liegt.

20. Oktober 2020

Inmitten der Schätze. Tägliche Überdosis Vanity Fair! In meiner Werkstatt ist nun das Jahr 2000 angebrochen und 2001 steht schon vor der Tür. Der Tag hat mit Januar 1999 angefangen, gegen 18 Uhr schwirrte mir der Kopf und ich konnte das erste Jahr des neuen Jahrtausends erfolgreich abschließen.
Meine wissenschaftlichen Analysen haben ergeben, dass ein Vanity Fair-Heft zwischen 140 und 170 Seiten hat, also mehr oder weniger um die 150 im Durchschnitt. Ein Jahrgang hat zwölf Ausgaben. Ich schaffe zwei Jahrgänge pro Tag. Wir rechnen also: 150 x 24 = ? (ich machs mal im Kopf…. äh… 3600 Seiten! So viele Seiten gucke ich mir nun fast jeden Tag an.
Unterbrochen nur von einem kleinen Imbiss, Tee nachschenken und aufs Klo gehen. Nach fünf bis sieben Stunden bin ich bedient und weiß nicht mehr, ob ich Junge oder Mädchen bin. Habe aber dann auch viele wahnsinnig schöne Eindrücke von Fotografien und Artikeln gehabt, die ich mir in Ruhe erst dann durchlese, wenn ich meine Gaga Nielsen-Edition gebunden habe.
Vor 2001 hab ich ein bißchen Angst, weil die letzten drei Monate bestimmt nicht nur von Party und glamourösen Hollywoodgeschichten und den Problemen und Erfreulichkeiten der Filmwelt handeln dürften. 9/11. Aber da muss ich durch.
Jetzt, wo ich diese Hefte so rasant inhaltlich scanne, fällt mir auf, dass mit großer Regelmäßigkeit Kriminalfälle von Anno Dazumal mit schönem angegilbten Bildmaterial in den Heften aufgearbeitet werden. Oft Leute aus höheren Kreisen, von denen ich noch nie gehört habe, die da abgemurkst wurden. Meistens sortier ich die aus, Gruselcontent ist nicht so meine Vorzugslektüre.
Es sei denn, es handelt sich um eine interessante Überschneidung mit Protagonisten aus dem Showbiz, da bin ich dann doch wieder interessiert. Aber ich sortiere streng! Ganz ganz oft wird auch die Kennedy-Familie präsentiert. Da gibt es aber auch zu schöne Fotos!
19. Oktober 2020

Reklame muss nicht hässlich sein! Als ehemalige VOGUE Leserin (1986 – 2000 lückenloses Archiv hier) war mir das natürlich längst bekannt, aber die Zeitreise durch fast dreißig Jahre Vanity Fair bringt es mir noch einmal in aller Deutlichkeit in Erinnerung! Niemals nicht beim Artwork knausern! Geld in die Hand nehmen!
19. Oktober 2020
„Which living person do you most admire?“ „Elvis.“
Vanity Fair 1998, David Bowie answers The Proust Questionnaire
18. Oktober 2020
18. Oktober 2020
13. Oktober 2020

13. Oktober 2020

All meine Libellenköniginnen: die I. ist die Inspirierende, die II. ist die Gebärende, die III ist die Heilende, und die IV. ist die Feiernde.

Libellenkönigin IV. „Die Feiernde“. Papiercollage auf Karton, Filzstift, 30 x 42 cm, 29./30. Juli 2020, Staatl. Museen v. Gaganien.
10. Oktober 2020





Hi from New York City! I’m Gaga Golightly. In case you got a little tiny déjà-vu, but just don’t remember why, I give you a little hint:
I’M A PARTY GIRL AND I JUST LOVE TIFFANY’S!!!




Ok. Ick sprecke Deutsch. Es ist Samstag und ich bin nun wieder in Berlin. Risikogebiet Berlin! Risiko Risiko Risiko! I love this german expression, it sounds so sexy! Riskiostadt Berlin! Die Wahrheit ist, dass viele Single Berliners like me, alleine Party machen. Aber – somehow: es geht! Just look at these pictures! Ich spiele dabei gerne „Rauchen“. Meine extra lange Zigarettenspitze ist ein Bambusstöckchen aus einem Blumentopf, vergoldet mit Geschenkband (von Jenny!). Die Zigarette ist echt, aber wenn ich an der Spitze ziehe, kommt kein Rauch durch, was sehr gesund ist.
Meine Hochfrisur habe ich mit einem alten Tafelschwamm, den keiner mehr braucht, in Form gebracht. Wir nehmen eine Haushaltsschere und schneiden uns einen Doghnut. Darüber wursteln wir die Haare. Es gibt herrliche Tutorials für die Holly Golightly-Hochfrisur. Damit hat man schon wieder eine ganze Menge Freizeit erledigt, die nicht anders genutzt werden muss.

Zum Signature Look gehört natürlich ein authentischer Ohrclip, den zu basteln mich ebenfalls zwei Stunden meines Lebens beschäftigt hat. Bei einer Vernissage im Jahr 2008 gab es eine silber glänzende Postkarte, die mir hier gute Dienste geleistet hat. Mit Nagelschere und Filzstift und Nagellack und dem Zeiger einer alten hässlichen Wanduhr (für den Clip am Ohrläppchen) konnte ich den Ohrschmuck authentisch realisieren, mein ganzer Stolz!
Das kleine Schwarze hatte ich natürlich schon im Schrank, wie es sich gehört. Die angeklebten Fingernägel habe ich aus Tesafilm gebastelt. Drei Schichten übereinander, mit der Nagelschere zurechtgeschnitten und Nagellack drüber, fertig! (ich bringe in Erinnerung, dass ich nichts kaufen darf!)
Der Halsschmuck ist aus meiner Schatulle, ich habe allerdings die schönen Zuchtperlen teilweise etwas mit Kryolan-Farbe übermalt, was eine rechte Sauerei war. Ich hatte dann lauter grauschwarze Farbflecken auf dem Hals. Aber was macht man nicht alles für eine gute Party! Die beste Party der Welt! (Ok, das ist jetzt leicht übertrieben).
Die angeklebten Wimpern hatte ich noch vom letzten Jahr, als ich immer mit Lydia zu den Queen-of-Drags-Parties ins Schmutzige Hobby gepilgert bin. Und wie es der Zufall so will, verdanke ich auch diese aparte Challenge wiederum Lydia!
Ich gebe zu, dass ich diesmal zu faul war, die Haarfarbe anzupassen, ich hätte etwas mit Mascara an den Schläfen nacharbeiten können. Daher darf ich mich auch nicht Holly nennen, sondern bin eben Gaga Golightly! Hier sind alle Bildchen von meiner tollen Party, from Risikogebiet Berlin Mitte!














03. Oktober 2020
Bonjour de Paris! Je m’appelle Regina ‚Reggie‘ Lampert et je suis très honoré de presenter mon nouveau voile* et mon vieux trench!


Vielleicht komme ich Ihnen ein wenig bekannt vor. Nein, nicht aus Frühstück bei Tiffany, sondern aus meinem anderen Erfolgsfilm „Charade„, in dem ich eine junge Witwe gebe, die aufgrund einer wirren Geschichte Cary Grant durch Paris verfolgt. Wenn Sie sich davon überzeugen möchten, schalten Sie ganz praktisch Ihr Empfangsgerät an und gehen mit dem Schieber zu Minute 48:02.
Da kommt zuerst Cary als Peter Joshua (alias Alexander Dyle etc.) aus dem Hotel Saint-Jacques und ich schleiche ihm in meinem schicken Outfit mit Trenchcoat und Kopfuch hinterher. Die Szene ist eigentlich recht lustig anzuschauen, weil ich diesen unattraktiven Mann, draußen im Café immer wieder behelligen muss, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der Ärmste.
Wir haben den Film von Oktober 1962 bis Januar 1963 hauptsächlich in Paris gedreht. Damals war ich Dreiunddreißig und Cary Achtundfünfzig. Frühstück bei Tiffany war zwei Jahre vorher. Ich konnte mir die Rollen aussuchen, man hat sich um mich gerissen! Man sagt ja auch mal gerne einen Film mit fragwürdigem Drehbuch zu, wenn die Partner angenehm sind und die Drehorte attraktiv, da war ich keine Ausnahme.
Zwischen Tiffany und Charade habe ich zum Beispiel „Paris when it sizzles“ mit William Holden gedreht. An den Film erinnert sich kaum wer, er war auch nicht sehr anspruchsvoll. Aber Bill (also William) und ich hatten damals eine sehr intensive Affäre, von der niemand wissen durfte, da hat man jede Gelegenheit ergriffen, um dem anderen nah zu sein. Ich hätte ihn sogar geheiratet, wenn er nicht schon verheiratet gewesen wäre, und gerne Kinder mit ihm bekommen, aber er hatte ja diese Vasektomie.
Zum Glück habe ich dann meinen ersten Ehemann getroffen, ausgerechnet auf einer Geburtstagsparty von Bill! Das war natürlich schon ein ganz schöner Brocken für ihn, denn eigentlich hat er mich doch auch sehr geliebt. Na ja, es hat nicht sollen sein.
Das sind so die Geheimnisse, die erst später ans Licht kommen. Was zum Beispiel auch viele nicht gewusst haben, außer meinen Kollegen natürlich, dass ich ganz schön groß bin. Viele dachten ja immer, die kleine, filigrane Audrey Hepburn, das zarte Ding. Dabei war ich 1,76 m groß und oft sogar größer als meine männlichen Partner. Im Internet wird oft eine falsche Größe geschrieben, nämlich 1,70. Da schreibt einer vom anderen ab, aber es ist falsch!
Weil ich so eine Bohnenstange war, konnte ich auch nicht mit dem Ballett weiter machen, also bin ich zum Schauspiel gewechselt. Die eine Szene in Sabrina, wo ich mit Humphrey Bogart Wange an Wange tanze, war eine der schwierigsten Szenen meiner Laufbahn. Ich musste immer in die Knie gehen, damit sein Kopf nicht an meinem Schlüsselbein lag. Ja, da staunen Sie!
Und diese Ballerinas, die ich populär gemacht habe, habe ich auch hauptsächlich deswegen getragen, damit ich nicht noch größer bin. Übrigens Schuhgröße 41. Das ist alles zutage getreten, als es eine Ausstellung mit meinen Kleidern und Schuhen gab, da war es dann vorbei mit dem Mythos von dem kleinen süßen Spatz Audrey Hepburn.
Das sind jetzt viele neue Informationen, die Sie sicher erst einmal verdauen müssen. Machen Sie einen schönen Spaziergang, es ist herrliches Wetter draußen. Aber vergessen Sie nicht den Übergangsmantel und das Kopftuch. Diese sehr aparte Challenge verdanke ich meiner geschätzten Freundin Lydia.











*) Kopftuch
30. September 2020


Libellenkönigin III. Die Heilende. ANH (Alban Nikolai Herbst) gewidmet.
Acryl auf Leinwand, 10. Juli bis 5. August 2020, 50 x 70











27. September 2020
Aber in Bewegung ist Angela Winkler noch schöner.
Das Lied, das sie zum Schluss gesungen hat.
27. September 2020



Die zauberhafte Angela Winkler. In Filmstills und auf der Bühne bei ihrer Lesung am 19. September. Letzter Tag Internationales Literaturfestival Berlin im Silent Green. Ein Kulturquartier auf dem Gelände und in den Gebäuden des ehemaligen Krematoriums im Wedding. Mir wäre das wieder entgangen, aber Lydia hatte das Programm verfolgt und mehrere Lesungen besucht und mich auf Angela Winklers Lesung aufmerksam gemacht. Ich hatte sie ja schon einmal vor zehn Jahren im LCB aus nächster Nähe erlebt, wo sie mit Begleitung am Flügel im Kaminzimmer gesungen hat. So hatte ich auch meine Kamera diesmal dabei, was nicht mehr selbstverständlich ist, wenn ich ausgehe. Nach dem Ende ihrer Lesung hat sie a capella ein Chanson von Barbara gesungen.



Danach schlenderten wir, also Lydia und ich, noch durch die Gegend im Wedding und entdeckten eine Nacht der offenen Ateliers in den ehemaligen Gerichtshöfen, wo wir auch ein paar Maler in ihren Werkstätten besuchten. Sie saßen meist (sicher schon seit vielen Stunden) etwas unbeteiligt in einer Ecke und tranken. Ich fand das nicht sehr gastlich, dass sie uns nichts angeboten haben. Also ich hätte da nach Strich und Faden Hof gehalten und Champagner in petto gehabt, und jedem gleich ein Glas in die Hand gedrückt, der mich da in meiner Werkstatt besucht. Aufgedonnert hätte ich mich natürlich auch, alles was geht. Man möchte doch beeindrucken, nicht nur die Werke! Na ja. Jeder soll nach seiner Façon selig werden (Friedrich der Große).

So hat sich nur eine kleine Konversation im letzten Atelier unterm Dach ergeben, weil ich neugierig war, wieviel Miete so etwas kostet. Zahlen wurden nicht genannt, aber es ist subventioniert und man hat einen günstigen Mietvertrag und selbst in den Ausbau investiert etc. pp. Also wie überall: über Geld spricht man nicht. Schön, mal zu sehen. Aber das Highlight des Abends war eindeutig Angela Winkler. In ihrem Fall möchte man immer gerne das unwahrscheinliche Alter dazuschreiben. Sie ist auf dem Papier 76. Aber im Herzen irgendwas zwischen Sechs und Sechsunddreißig.
23. September 2020
„Wer nicht zur Liebe und zur Achtung des anderen fähig ist, hat auf der Welt nichts verloren.“
„Das Geld ist leider die Sache, für die man im Leben am meisten zahlen muss.“
„Liebe ist wie ein Verkehrsunfall. Man wird angefahren und fällt um. Entweder überlebt man oder nicht.“
Juliette Gréco (07.02.1927 – 23.09.2020)

23. September 2020
oh…
22. September 2020



CERES.
Hüll‘ und Füll‘, Gedeihen immer,
Scheun‘ und Boden ledig nimmer;
Reben, hoch voll Trauben rankend;
Pflanzen, von der Bürde wankend;
Frühling werd‘ euch schon erneuert,
Wann der Herbst kaum eingescheuert!
Dürftigkeit und Mangel meid‘ euch!
Ceres‘ Segen so geleit‘ euch!
William Shakespeare, 1611, The Tempest/Der Sturm, 4. Aufzug
So wollen wir den Herbstanfang mit einem herrlichen Erntefest feiern, für das ich mein schönstes Geschmeide angelegt habe. Mein goldenes Sterndiadem aus echtem Geschenkpapier (von Lydia), meine herrlichen Flügel, die mich über Wald und Feld tragen, um nach dem Rechten zu sehen (ob das goldene Korn auch ordentlich gemäht wird), man kann sie leider nur erraten, obwohl ich mit viel Liebe zum Detail schöne große Flügel aus einem alten Amazon-Pappkarton gebastelt habe. Aber mein Täubchen mit dem Olivenzweig liegt mir treu zu Füßen. Es wurde auch aus einem Pappkarton geboren, den ich aus der Altpapiertonne vom Hof gerettet habe. Als Schutzgöttin der Ernte etc. pp. ist es ja auch meine Aufgabe, wertvolle Rohstoffe zu beschützen.
Diese gar herrliche Postkarte hat mir Doro aus dem fernen Italien geschickt, laut Poststempel am 19. April 1924, aus Milano. Sie kann viel besser italienisch als ich, und hat gesagt, dass darauf steht:
„Viele Grüße und Küsse zu Ostern sendet euch euer Onkel D. Macciughi“
Das ist doch eine sehr schöne Botschaft, auch zum Erntedank. Zu Ostern ist ja gesät worden, was wir heute ernten, also liegt der Onkel nicht so ganz falsch mit dem spätsommerlichen Bild von der Ernte. Diese Postkarten-Challenge war doch eine größere Herausforderung und ich bin nicht so ganz zufrieden, weil der Hintergrund doch so ein bißchen dahingeschludert ist. Aber wenn mein Blick dann auf meinem Täubchen ruht, gefällt es mir doch wieder ganz gut. Das muss mir erst mal einer nachmachen!
Schön ist an der Postkarte auch, dass man beim besten Willen nicht googeln kann, von wem das Postkartenbild gemalt ist. Es ist ein Geheimnis und das ist auch schön. Ich werde sie für immer in Ehren halten.










19. September 2020
Heute Abend @Silent Green, Internationales Literaturfestival Berlin, Angela Winkler, „Mein Blaues Zimmer„.
15. September 2020
Voyager I. Seit 1977 im All unterwegs. Seit 43 Jahren….! Wie kann man diese Mission nicht lieben… Das sind die schönsten Bilder die Voyager von 1977 bis 1990 geschickt hat. Seitdem gibt es keine Bilder mehr, nur noch Signale. Vor acht Jahren ist Voyager I. in den interstellaren Raum eingetreten, an Bord die Golden Record mit Bildern und Musik der Menschheit. Es tut sehr gut, sich das anzuschauen und sich ein bißchen mit Voyager und den Sachen auf der goldenen Platte zu beschäftigen. Das rückt manches zurecht.
Eine gute Nacht von der Erde, dem kleinen blauen Punkt, zu Voyager.
14. September 2020
13. September 2020
„Wenn Frauen unergründlich erscheinen, dann liegt es am fehlenden Tiefgang der Männer.“ Katharine Hepburn
12. September 2020


Eine überragende Interpretin des französischen Chanson!
(Tagesspiegel Berlin)


Glanzvoll!
(Stuttgarter Nachrichten)


Als mich dieses Angebot ereilte, mit einem großen Chansonabend in die Fußstapfen der großen Piaf zu treten, war ich mir zunächst unsicher, ob ich diese Herausforderung mit Bravour meistere, da ich mein gesangliches Können bisher noch nie auf einer Bühne präsentiert habe. Aber was soll ich sagen: die Kritken (s. o.) überschlagen sich!
Mein Dank gilt Frau IGing, der ich diese Erweiterung meines Repertoires zu verdanken habe. Es ist immer sehr förderlich, wenn jemand an einen glaubt.
Doch mein allergrößter Dank gilt meinem treuen Publikum! Besonders in Berlin war man mir wieder sehr zugeneigt. Stehende Ovationen – ich muss sagen: Balsam für die Seele!
Ich werde mich nun von den Strapazen der Tournee ausruhen, und Kräfte sammeln, da mir das nächste Projekt alles abverlangt.


09. September 2020







Hi. Ich bin Mia. Mia Wallace. Der Name sagt Ihnen nichts? Vincent Vega…? Auch nicht? Na gut, der Streifen, der mich bekannt gemacht hat, ist nun auch schon älter, genau genommen 26 Jahre, also ein Vierteljahrhundert. Vielleicht haben Sie noch diese Rockabilly-Surfer-Musik im Ohr, die den Soundtrack von PULP FICTION so über alle Maßen beliebt gemacht hat.
Wissen Sie, nach den Dreharbeiten habe ich ihn mir nur noch einmal angeschaut. Ja, er war ganz nett und auch schmissig gemacht, aber am Ende dann doch auch wieder nur ein Film von vielen, die ich gedreht habe. Der Zuschauer sieht ja immer nur das flott zusammengeschnittene Ergebnis und macht sich keinerlei Vorstellung von den ja doch überwiegend sterbenslangweiligen Dreharbeiten. Wo man sich ja gar nicht wirklich entfalten kann, sondern damit beschäftigt ist, ein Sammelsurium an Positionsvorgaben einzuhalten und dabei auch noch irgendwie den Text mit einem korrespondierenden Gesichtsausdruck abzuliefern.
Okay, die ganzen Premierenparties und auch das traditionelle Bergfest nach der Hälfte vom Dreh ist schon sehr nett und hat auch manchmal sogar echten Glamour, vor allem wenn es reichlich Champagner von meiner Lieblingsmarke gibt. Aber alles vor und nach diesen Feiern ist doch überwiegend ein elendigliches Herumsitzen in der Maske und auf Abruf in einer grell ausgeleuchteten Kulisse zu verharren.
Mag sein, dass manche Kollegen dann ab und zu zum Flachmann greifen, natürlich heimlich, auf dem Klo, wenn die Warterei mal wieder allzu lange dauert, weil irgendwas mit dem Licht oder Ton nicht stimmt. Ich will da auch gar nicht weiter darauf eingehen. Es ist ein Tabu-Thema. Am Set ist ja leider Gottes immer striktes Alkoholverbot. Auch zu später Stunde. Und da soll man dann nach hundert Bechern Kaffee aus der 10-Liter-Thermoskanne die erotisierte, zu allem bereite Mia Wallace darstellen, die sich verführerisch auf dem Teppich räkelt, obwohl man innerlich schon längst eingeschlafen ist.
Wachgerüttelt wird man dann nur noch, wenn die Tante von der Maske einen zum hundertzwanzigsten Mal nachpudert und zum fünfzigsten mal die Lippen nachzieht und mit Kleenex abtupft. Diese Rolle wurde mir von meiner geschätzten Kollegin Jenny Kittmann zugeschoben. Ich habe sie natürlich angenommen, man ist schließlich befreundet. Die bisherigen Kritiken waren nicht so schlecht, um nicht zu sagen sehr gut, aber ich habe eigentlich nur das abgeliefert, was ich immer mache.
Man kriegt eine Postkartenchallenge und fügt sich in die Rolle. Den Rest muss dann der Zuschauer beurteilen. Da überall gespart wird, musste ich auch wieder beim Bühnenbild mitarbeiten. Eigentlich war das Budget schon ausgeschöpft, aber diese Vorgabe mit dem sehr bunten Hintergrund und dem nicht weniger bunten Fußboden, war nur zu realisieren, indem ich beim Euro-Shop entsprechend farbiges Geschenkpapier von der Rolle erstanden habe, das ich aber auch noch anders verwenden kann.
Bei meinen Pinseleien wird ja auch immer mit Farbe gekleckert und da macht es sich ganz gut, wenn man den Boden etwas abdeckt. Insofern habe ich auch diese Herausforderung gemeistert und praktisch nichts dazugekauft, was ich nicht sowieso im Haushalt brauche.
Die kessen Ponyfransen konnte ich realisieren, indem ich die schwarzen Bändchen aus Satin, die ich seit Jahren aus Kleidern herausschneide, weil ich nicht weiß, wofür sie gut sein sollen, mit Gaffa-Klebeband nebeneinandergeklebt habe. Die übrige „Frisur“ ist ein schwarzer Chiffonschal, der hier hervorragende Dienste als Perücke geleistet hat.
Die Hackenschuhe (übrigens von Sergio Rossi) habe ich kurzerhand mit pinker Farbe von meinem Kryolanmalkasten angemalt, genau wie meine Fingernägel. Das lässt sich schnell wieder mit Wasser abwaschen. Die Pistole hatte ich noch von der Pistolen-Dandy-Challenge von kid37.
Der pinke Kissenbezug ist ein schon vor längerer Zeit selbst gefärbtes Oberhemd, um ein anderes Kissen gewurstelt. Die Zigarette ist echt, da ich immer noch einen kleinen Vorrat von meiner früheren etwas stärker ausgeprägten Hobby-Raucherei übrig habe.
So, nun habe ich noch zwei Challenges auf meiner Agenda, von denen die eine auch nicht ohne ist. Aber Mia Wallace hat mich schon etwas an meine Grenzen gebracht! Natürlich nicht vom Ausdruck oder so, aber das ganze Drumherum. Aber ich wollte es ja so, ich habe es mir gewünscht, und will mich nicht beschweren! Ja, ich möchte sagen: das ist mein Gesellenstück!




















09. September 2020
„ICH HAB KEINEN HANG ZUM ALPHATIER. ICH BIN EIN ALPHATIER.“
„Iron Gym“-Studio-Inhaber u. „Goodbye Deutschland“-Protagonist Andreas Robens
Da steckt Weltgeheimnis drin. (mal wirken lassen)
08. September 2020

Es begab sich am 3. September 2020, dass Lydia und ich uns in einer Galerie in der Niebuhrstraße in Charlottenburg trafen. Sehenswerte Werke einer Berliner Malerin. Maria Wirth ist ihr Name und sie ist seit einiger Zeit mit Jan verbunden, was mich neben ihren Bildern zusätzlich neugierig machte. Sehr elegante Räume, schönstes Charlottenburg. Jan war schon Stunden dort, als wir jeweils zwischen Sieben und Acht dort eintrafen.
Unverändert flaniert er durch Galerien und verewigt die anderen Kunstflaneure. Für mich war es erst der zweite Ausstellungsbesuch in diesem in einiger Hinsicht anderen Jahr. Wir würdigten eine gute Stunde den Zoo der Malerin (sie malt tatsächlich auffallend oft virtuos und sinnlich eingefangene Vierbeiner, die auf menschliche Körper treffen, Titel der Ausstellung: Welcome to my Zoo), und dann schlug Lydia vor, ein Lokal, ihrem Eindruck nach eine Bar, aufzusuchen, die ihr beim Vorbeifahren aufgefallen war.
In der Kantstraße gelegen, hat es äußerlich in etwa den Charme eines Etablissements am Kottbusser Tor. Eine ehemalige Schlecker-Filiale, Baujahr irgendwann in den Siebziger oder Achtziger Jahren, schmucklose, leicht verwahrloste Fassade, mit großen Schaufenstern, bis zur Undurchschaubarkeit mit Graffitis besprüht.
Ein kleines, weiß und rot leuchtendes Schild mit der Zahl 893 und einem asiatischen Schriftzeichen lässt ein möglicherweise irgendwie dubioses Lokal unterstellen. Zwei jüngere männliche Raucher vor der Tür ließen nichts Anspruchsvolles vermuten. Lydia fand es gerade interessant, dass in dieser Ecke, wo sich vor allem in den Seitenstraßen heimelig gepflegt wirkende Restaurants aneinanderreihen, so ein abgeranzt erscheinendes Gebäude ein möglicherweise anarchisches Lokal beherbergt.
Vielleicht eine etwas schräge Bar oder Kneipe, wo die Fahne irgendeiner der Rebellion hochgehalten wird, ohne überkandideltes Publikum, wo man noch vorzugsweise Bier konsumiert und sich die Weinauswahl auf zwei „Sorten“, nämlich Rotwein oder Weißwein nicht benannter Provenienz beschränkt, also ingesamt unprätentiös. Vielleicht sogar ein bißchen punkig, gammelig.
Da ich schon aus reiner Neugier bereit bin, mich in dubiose Lokale schleppen zu lassen, und Lydias Interesse so vehement geweckt war, zeigte ich mich offen, dieses unwägbare Lokal zu betreten. Plötzlich spürte ich einen drängenden Anflug von Hunger und fragte die jungen Männer vor der Tür, ob es da drinnen auch was zu essen gäbe. Sie nickten eifrig und erklärten in tadellosem Deutsch: „Auf jeden Fall! Sehr gutes Essen! Japanisch-peruanisch!“
Nun war meine Neugier ernsthaft erwacht, und so trat ich dicht an die bekrakelte Fensterfront, um einen Eindruck des Inneren zu gewinnen. Durch eine fetten Farbspray-Kringel konnte ich einen Blick erhaschen. Der unförmige Ausschnitt gab den Blick auf einen nackten, gebräunten, elegant schlanken Frauenarm mit blinkenden Armreifen und Ringen frei, der im Begriff war, einen Kelch aus feinem Kristall zu Munde zu führen.
Die Besitzerin des Arms saß an einem eingedeckten Tisch, auf dem sich Teller, Serviette und Besteck fanden, wie man sie eher in der Edelgastronomie verwendet. Das Ganze gehüllt in intime Beleuchtung. Die in Schwarz und Anthrazit-Tönen gehaltene Möblierung war mehr zu erahnen, als zu erfassen, aber schien nach dem Kriterium von Eleganz gewählt.
Meine Neugier war geweckt, das wollte ich mir aus allernächster Nähe ansehen. Hinter der unspektakulären Tür fand man sich in einem schwarz-grau durchgestylten Entrée und wurde von mehreren gutaussehenden Empfangshostessen begrüßt und freundlich informiert, dass alle Tische für den gesamten Abend ausgebucht sind, aber bei Interesse etwas an der Bar frei gemacht werden könnte, so wir das gerne wollten. Ich wollte! Lydia musste sich erst an den unerwarteten Eindruck gewöhnen und signalisierte mir, dass wir auch gerne wieder gehen könnten, aber dafür war ich schon viel zu neugierig zu sehen, welche Gesellschaft sich in dem Lokal eingefunden hat.
Wir bekamen zwei Plätze am Anfang der endlosen Bar mit dem schwarzen Marmortresen, direkt gegenüber der Kochtruppe hinter Glas, mit Blick auf ein großformatiges Werk von Herrn Araki. Eine kunstfertig gefesselte, nackte Schöne, die durch die Luft schwebt. Lydia fiel das Bild gleich auf und ich hatte keine Sekunde Zweifel, dass das nur ein Araki sein kann, dessen Werke ich vor zwölf Jahren bei einer Ausstellungseröffnung von ihm ausgiebig studierte, und auch fotografierte.
Araki war damals selbst anwesend und Jan hat ein Foto gemacht, auf dem Araki und ich im Mittelpunkt des Bildes stehen. Ich hielt meine Kamera auf Bauchnabelhöhe und Jan hat sich den Spaß gemacht, daraus eine Peitsche zu fotoshoppen, was aussieht, als sei ich die geheime Zuchtmeisterin von Araki. Moment, ich verlinke das Bild, hier ist es.

Da hungrig, bestellte ich mir von der riesigen, ausschließlich englischsprachig gehaltenen Karte ein Gericht namens HAWAII POKE beschrieben als „(cold)14mixed fish filet, salad, avocado, nuts, sesame, poke sauce“. Eine gut gefüllte Schüssel kam alsbald, dazu begleitend zwei (oder waren es drei?) Gläschen eines durchaus hervorragenden Schaumweins. Lydia bestellte etwas kompliziert zu Verzehrendes, nämlich EDAMAME, („young soy beans, sea salt“), die erst aus der Schale befreit werden mussten, und dazu ein Bier.
Interessant auch die Getränkekarte. Zwei Sorten Bier, ein japanisches und Krombacher, 21 Sorten Sake, 10 Sorten Champagner (Ruinart, Dom Perignon, Krug, div Jahrgänge), zahllose Positionen Weiß- und Rotweine, Spitzengewächse aus besten Regionen. Wenn man mal Langeweile hat, kann man die Karte lesen und bringt so mindestens eine Viertelstunde Lebenszeit rum.
Das Publikum war vom Eindruck her „irgendwas mit Medien“, eher ohne Zahlungsschwierigkeiten. Die Promi-Sichtung in unserem Radius war auch vorhanden, aber es war nicht Madonna; dafür aber auch noch von näher gut aussehend (mein Alter).
Ich muss sagen, die Tische mit durchschnittlich sechs Plätzen, da entlang der beschmierten Fensterfront, sind schon heimelig. Ich würde mich nicht sperren, es mir dort noch einmal bequem zu machen und das eine oder andere Schmankerl zu probieren.
Während Lydia ihre Edamame knabberte, machte sie zwischendurch ein paar smarte Fotos, hier zu sehen. Eines davon postete sie auf ihrem Insta, wo sie aber gar nicht so sehr aktiv zu sein scheint. Als sie den Apparat auf uns hielt, vergegenwärtigte ich mir, in welchen Posen sich andere dort beim Ausgehen präsentieren.
Meiner Erinnerung nach wird gerne ein volles Glas ins Bild gehalten, um zu zeigen, dass man es sich gut gehen lässt. Das habe ich mir abgeguckt und beiläufig mit „voll die affektierte Scheiße“ kommentiert, was Lydia, gelehrig wie sie ist, gleich in eine schmissige Bildunterschrift mit korrespondierenden hashtags umgemünzt hat.
Was am Folgetag via facebook zu einer berauschten Konversation mit weiteren sinnstiftenden hashtag-ideen meinerseits führte (#Dom Perignon, #champagne, #woke up like this“, #no make up, #lovemyjob, #äctorslife usw. usf.), eben das Übliche (siehe unten).
Wegen Umtriebigkeit gingen wir dann gleich noch in ein anderes Lokal um die Ecke, wo man draußen unter leichtem Regen unterm Sonnenschirm sitzen konnte, und noch ein weiteres Gläschen trinken, und eine Gutenacht-Zigarette rauchen. War sehr schön.

[Lydia G, ist mit Gaga Nielsen unterwegs.]
Königlich dinierend mit Gaga Nielsen
Geiler Affektierter Scheiß! #893 #Champagne #DomPerignon #jeunessedorée #893Charlottenburg #GagaNielsen #firstthingsfirst #actorslife #showbiz! #hotshit #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup #theplacetobe #party #life #game #cabaret #richkids #instagood #dog #cat #creatorshala #blablabla #893 #pushthebarriersaway
Gaga Nielsen
wir haben die Barriers gestern Abend doch sehr erfolgreich weggepusht, möchte ich sagen! (…) 893 Ryōtei Restaurant (!)
(toll auch, dass du weitere qualifizierte hashtags eingefügt hast („rich kids“)!
Lydia G.
Oh ja, und ich muss mir wohl mal ein schönes Bündel von Hashtags in mein mobiles Noitzbuch kopieren, damit es beim nächsten Mal schneller geht mit dem Eintrag im sozialen Netzwerk. Habe oben nun noch ein paar Hashtags von einem prominenten Menschen (Harald Glöckler) kopiert und eingefügt!
Gaga Nielsen
supie! Ich hätte noch drei: #Champagne, #DomPerignon, #jeunessedorée – obwohl letzteren vielleicht lieber ohne den französischen Accent, sonst ist Insta und die Community überfordert.
Lydia G.
Kommen noch rein und beim nächsten Mal ist das gleich im Zwischenspeicher!! 😎
Gaga Nielsen
Top! Bevorrate dich bitte auch noch u. ergänze den Post mit diesen hashtags: #influencer #lifestyle #blogger #jetset #lovemyjob #wokeuplikethis #nomakeup
Lydia G.
aber klar doch … 🙄
Gaga Nielsen
…und nicht zu vergessen: #actorslife sowie #showbiz!
06. September 2020



Mein Name ist Helene Sedlmayr, ich bin ein Münchner Kindl, siebzehn(+) Jahre alt, und wir schreiben das Jahr 1830. Ich wohne in der Schönheitengalerie von unserem König Ludwig in Nymphenburg, wo mich Fräulein Ina ungefähr 1970 entdeckt hat und mein Bildnis auf Pappkarton erstanden hat. Genau wie auch das Bildnis von Lola Montez. Ich selber bin nur eine Dienstbotin und bringe den Königskindern immer die Spielsachen von unserem Geschäft in der Brienner Straße.
Unserem König ist es nicht so wichtig, von welchem Stand ich bin, deswegen darf ich auch in der Schönheitengalerie hängen, obwohl ich nicht hochwohlgeboren oder berühmte Tänzerin bin. Das hat mich arg gefreut. Deswegen bin ich heute selber berühmt, manchmal langt ein einziges Bildnis, dass man der Welt unvergessen bleibt. Mich freut es! Das schöne Bild von mir hat der Stieler Joseph Karl gemalt, er ist Hofmaler! Ich dank recht schön.
Wenn Du einmal traurig bist,
und das Lachen ganz vergisst,
schau in dieses Album rein:
Bald wirst Du wieder fröhlich sein!














05. September 2020



Auch diese aparte Postkarte wurde mir an meinem Geburtstag überreicht, und zwar von meiner lieben jungen Freundin Lydia. Ich fühlte mich recht geschmeichelt, da sie ja wusste, was ich mit Ihrer Postkarte zu veranstalten gedenke. Dies bedeutete nämlich, dass sie es für menschenmöglich hält, dass ich mich als Lolita (12) präsentiere. Die Ansichtspostkarte zeigt das alte Filmplakat von Kubricks Verfilmung, Anno 1962. Ein Glück, dass Lolita frühreif war und damit auch für älter durchgehen könnte. Nun gut, vielleicht nicht gerade Fünfzig+, aber schon etwas reifer, möchte ich sagen.
In dem Film gibt es ja auch noch eine ältere Frau, die Witwe Charlotte Haze, die ein Auge auf den Literaturwissenschaftler Humbert Humbert geworfen hat, der sich aber mehr für die frische Lolita begeistert. Ich hoffe, dass Lydia nicht um die Ecke gedacht hat und sich ausgemalt hat, ich gebe die Witwe. Nein, so um die Ecke denkt Lydia nicht, auch wenn sie könnte. Sie ist ganz schön raffiniert, wenn sie will. Aber ich auch! Urteilen Sie selbst. Für diesen Beitrag habe ich nur eine kleine geschmackvolle Auswahl getroffen, weiterführendes Bildmaterial steht hier zur Verfügung.







05. September 2020
Als nächstes präsentiere ich mich als Lolita!
03. September 2020




Dank Fortuna und kid37 darf ich mich zum Ende des Sommers unerwartet als Badenixe präsentieren. Ob so ein großgemusterter Einteiler vorteilhaft ist, darüber lässt sich streiten. Ich wäre ja die Erste, die davon abgeraten hätte, aber leider habe ich kein Mitspracherecht beim Kostüm.
Auch steht es mir aufgrund der beinharten Vorschriften bei der Ausführung der Postkarten-Challenges nicht frei, mein Make up oder den Gesichtsausdruck leicht zu meinem Vorteil zu verändern. Ich bin im Grunde ausgeliefert und habe mich zu fügen. Wenn nicht ab und zu doch das eine oder andere aparte Motiv dabei wäre, hätte ich die Sache längst hingeschmissen!
Einerseits bin ich natürlich dankbar, dass mich die stetigen Zusendungen, gerade jetzt um mein Jubiläum, von meinem eintönigen Privatleben ablenken, andererseits kostet es mich schon auch immer wieder Überwindung, mich in immer andersartig unattraktiven Verkleidungen der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Es bleibt dann nur noch die Hoffnung, dass man mir Charakterfestigkeit zugute hält, da letzten Endes nur Ausnahmepersönlichkeiten die entsprechende Widerstandskraft aufbringen, um unbeschadet aus einer dergestaltigen Herausforderung hervorzugehen. Ich jedenfalls habe für dieses mal meine Pflicht und Schuldigkeit getan und hoffe, Sie schalten wieder zu, wenn ich mich der nächsten Herausforderung stelle!











02. September 2020
LIBELLENKÖNIGIN II. [Die Gebärende], 10. Juli – 4. August 2020,
Leinen, Blattgold, Acryl, Papier, Staatliche Museen von Gaganien

In den letzten Wochen, beginnend am 10. Juli, begab es sich, dass meine Libellenkönigin sich mir in weiteren Aspekten zeigte. Was für ein eigenwilliges Wesen. Sie wandelte ihr Kleid und hob die Flügel und ich sah ihre Fruchtbarkeit. Zu ahnen war sie ja bereits. Doch nun zum Greifen manifestiert und ich wurde Zeugin einer Geburt. Eine Libellenkönigin hat kein gewöhnliches Gelege, das dachte ich mir schon. Ich war nicht verwundert, dass ihrem Leib in mehreren Intervallen eine in Gold gehüllte Larve entschlüpfte. Die königliche Frucht, auf die ich schon sehr gespannt war. Sie zeigte sich mir in den folgenden Wochen und bald auch hier. Ein SCHÖNES Getier!



02. September 2020
Der gestrige Abend verlief ganz anders, als von mir beabsichtigt, aber er war sehr bereichernd. Mit vier Freundinnen, die zugesagt hatten, nämlich Doro, Ina, Jenny und Lydia wollte ich die Dokumentation über Helmut Newton von Gero v. Boehm ansehen und danach in eine Bar um die Ecke gehen.
Das Kantkino, wo er läuft, hat fünf Säle, ich ging einfach davon aus, dass ein so attraktiver Film über einen so großen Fotografen im großen Kinosaal gezeigt wird, der über dreihundert Plätze hat. So habe ich mich vorher nicht um Kinokarten gekümmert, da ich mir nicht vorstellen konnte, dass an einem Dienstag Abend so viele Menschen in eine 21-Uhr-Vorstellung drängen.
Ich lief Viertel von Neun beschwingt auf das Kantkino zu, wo ich von weitem schon Jenny warten sah, die mich anlachte. Nach herzlicher Begrüßung trat ich ins Kino und fragte, ob es denn feste Platzzuordnungen gibt, was bestätigt wurde, und ich erwähnte, dass wir insgesamt zu fünft wären. Für den Helmut Newton Film.
Da wurde uns beschieden, dass es nur noch zwei Karten gäbe und alle anderen auch schon lange reserviert und abgeholt wurden. Es handelte sich aber nicht um den großen Kinosaal, sondern um einen der kleinsten, der mit Corona-Abstand nur zwölf Plätze bietet. Die Kinobetreiber wären selbst erstaunt, meinten sie, denn am Abend davor, war nur ein einziger Besucher in dem Film gewesen, man hatte sogar überlegt, die Vorstellung abzusagen.
Nun war eines klar, dass ich nicht eine Freundin auswürfle, mit der ich dann die beiden verfügbaren Plätze einnehme und die anderen drei heimschicke. Ich wollte noch ein bißchen handeln und brachte meinen Geburtstag an, aber das führte nur zum Angebot einer Gratistüte Popcorn als Trostpflaster. Ich lehnte ab und schlug alternativ ein Glas Champagner vor, aber da war man leider nicht flexibel.
So wurde kurzerhand der schöne Kinoplan umgeworfen und der Umtrunk vorgezogen. Wir fanden uns dann alle fünf im Jules Verne in der Schlüterstraße ein, wo ich in aller Ruhe die von mir gewünschten Postkarten-Challenges auspacken konnte, die durchweg sehr amüsant und herausfordernd sind. Lydia hatte als besonderes Präsent sogar eine Schachtel Edle Tropfen in Nuss in petto, die mit den Obstbränden, schön in Geschenkpapier eingewickelt und mit einer echten roten Rose von ihrem Balkon verziert. Da war meine Freude groß!
Es war dann direkt familiär, wie wir da so zu fünft um die Pralinenschachtel saßen, mit prickelnden Getränken als Begleitung. Nach viel Erheiterung über die Postkarten, die ich demnächst alle nachstellen darf und werde, wurden die Gespräche eher ernst, es ging um familiäre und existentielle und auch letzte Dinge. Das wäre für einen Außenstehenden vielleicht eine merkwürdige Themenlage für eine Geburtstagsrunde, aber für mich war das durchweg sehr bereichernd. Ich hoffe und glaube, für meine Freundinnen auch.
Besonders fand ich gestern, dass es ein gemeinsames Gespräch war. Oft erlebt man in größerer Runde, dass sich Gesprächsinseln bilden und mehrere Einzelgespräche stattfinden. mit fünf am Tisch kann man noch sehr gut ein gemeinsames Gespräch führen. Da es auch nicht sehr voll war, am späteren Abend, gab es auch nicht zu viel Grundrauschen von Nebentischen. Für mich war das ein schöner Abend. Den Film kann ich ja immer noch ansehen.
Kurzzeitig hatten wir die lustige Vorstellung, dass die zwölf Kinoplätze vielleicht mit Gästen belegt waren, die auf facebook oder im Blog gelesen hatten, dass ich dazu auffordere, gerne auch ins Kino zu kommen. Und da vielleicht nun ein Grüppchen sitzt, das sich wundert, wo ich denn nun bleibe. Sollte es so gewesen sein, das hier ist die Erklärung!
01. September 2020
55!

Ach du Schreck, jetzt hätte ich fast vergessen, schnell noch vor Sonnenuntergang das obligatorische Foto zu machen. Nun sinds sogar zwei, von 18:45 Uhr. Wer sich von meinem Zustand überzeugen möchte, kommt um 21 Uhr ins Kantkino und guckt mit mir den Film über Helmut Newton. Aber bitte nur Leute, die nicht der Meinung sind, die Fotos von Helmut wären poltisch nicht korrekt (oder ähnlichen Betschwesternkram). Helmut und ich sind SO…! Und später natürlich ein Gläschen (ALKOHOL!)

01. September 2020
Und nicht vergessen, heute ist:
TAG DES ZEBRASTREIFENS!
31. August 2020

Franz Ludwig Catel, Schinkel in Neapel, 1824, Öl auf Leinwand, 62 x 49 cm, Sammlung Alte Nationalgalerie Berlin
Ich schließe den Reigen meiner Sammlung mit einem Gemälde, das Karl Friedrich Schinkel in Neapel zeigt, gemalt von Franz Ludwig Catel im Jahr 1824. Ich entdeckte es bei einem Besuch in der Alten Nationalgalerie in Berlin, wo es zum festen Bestand gehört. Damit ist es ja ohnehin immer in meiner Nähe und wenn ich es in groß sehen will, spaziere ich hinüber.
In der Beschreibung der Staatlichen Museen Berlin heißt es:
„1803 brach der 22jährige Karl Friedrich Schinkel zum ersten Mal nach Italien auf. Zwanzig Jahre später betrat er im Süden Italiens erneut ›klassischen Boden‹: »Die Gegend Neapels hat immer etwas Unglaubliches, und so sehr man sie kennen mag und sich ihr Bild in der Phantasie zurückrufen konnte, sie erscheint immer wie ein überirdischer Traum«.
Auf der Rückreise bestellte Schinkel in Rom bei Franz Ludwig Catel, mit dem er seit zwei Jahrzehnten bekannt und auch in Italien unterwegs war, als Weihnachtsgeschenk für seine Frau ein Porträt von sich.
»Ganz früh, vor 7 Uhr, ging ich zu Catel, der mich in ein Bildchen hineinmalen wollte, welches ein Zimmer in Neapel vorstellt, aus dessen offenem Fenster man das Meer mit der Insel Capri und die Bäume unter dem Fenster aus Villa Reale sieht, gerade so, wie ich dort gewohnt hatte« (…)
Vornehm gekleidet sitzt Schinkel in entspannter Haltung und mit aufmerksamem Blick, ein Schriftstück in den Händen haltend, am weitgeöffneten Fenster des Casino Reale in der Via Chiatamone. Über die silbrig-grünen Baumkronen und das Blau des Meeres hinweg schweift das Auge zur violett schimmernden Insel Capri.
Das attraktive, bei vielen Italienreisenden beliebte, heute jedoch zerstörte Quartier wurde Schinkel zum Vorbild für seinen im Auftrag von König Friedrich Wilhelm III. errichteten Pavillon im Schloßpark Charlottenburg.“
Birgit Verwiebe
31. August 2020

Henri Matisse, Les roses Safrano, Nature morte devant la fenêtre ouverte, Nice, place Charles-Félix, 1925, Öl auf Leinwand, 81,3 x 64,7 cm.
Ich bleibe noch ein bißchen in Südfrankreich, mit diesem Bild von Matisse. Ein Druck davon, genau genommen eine Seite aus einem Bildband, nur mit Passepartout versehen, hängt in meinem Atelier zwischen Eingangstür und dem kleinen Badezimmer. Ich sehe es wie ein kleines Fenster, das mich mit einem Blinzeln in dieses Zimmer in Nizza reisen lässt. Ich empfinde es als weitaus subtiler als die meisten Bilder von Matisse, feiner, viel mehr wie Cezanne.
Ich hätte es schon auch gerne als Original um mich, aber auch so erfreut es mich immer wieder, seit über fünfundzwanzig Jahren. Das echte Bild wurde am 13. Mai 1999 von Christie’s in New York für fünfeinhalb Millionen US Dollar verkauft, ganz offenkundig an einen privaten Sammler, sonst könnte man so ein hochrangiges Bild ja sehr leicht als festen Bestand einer öffentlichen Sammlung oder eines Museums recherchieren. Ich hoffe, die Umgebung in der es hängt, ist so charmant wie meine oder das Zimmer in Nizza, wo es entstand.
31. August 2020
Das hier sind auch sehr schöne Aufnahmen. Brigitte Bardot besuchte Pablo Picasso 1956 in seinem Atelier in seiner Villa La Californie in Cannes, als sie dort während der Filmfestspiele weilte. Es stimmt wohl, dass B.B. vom Look von Sylvette sehr inspiriert war und auch gerne diesen hohen Pferdeschwanz trug.
31. August 2020

Pablo Picasso, „Sylvette au fauteuil vert“, 18. Mai 1954, Öl auf Leinwand, 81 x 65 cm
Im Frühjahr habe ich einige zum Teil weltberühmte Gemälde gezeigt, die ich gerne auch privat um mich hätte, als Originale, wohlgemerkt. Es gibt noch drei Bilder in meiner hochkarätigen Phantasiewunschtraumsammlung, die ich nicht gezeigt habe. Dazu gehört dieses sehr, sehr bekannte Bild von Pablo Picasso, das Sylvette David zeigt. Es ist mir jetzt näher als früher, weil mir die echte Lydia-Sylvette Corbett ans Herz gewachsen ist, nachdem ich sie in dieser wunderbaren Dokumentation gesehen habe.
Heute ist die am 14. November 1934 geborene Sylvette David 85, und immer noch ein Blickfang. Sie trägt den Künstlernamen Lydia Corbett, und malt seit vielen Jahren selbst. Offenkundig ist ihr eigenes Werk bis heute von der Begegnung mit Picasso durchdrungen, bis zur Überidentifikation mit seiner Malweise, aber das sehe ich ihr nach. Sie ist mir einfach zutiefst sympathisch.
Das Bild befindet sich in einer Privatsammlung in Frankreich, seit es am 1. Nov. 2005 für 8,080,000 US Dollar von Christies versteigert wurde. Es war daher auch nicht in der Ausstellung über Picassos Sylvette-Portraits in der Kunsthalle in Bremen 2014, die mir leider entgangen ist. Für mich ist das nicht etwa eines der beeindruckendsten Bilder von Picasso, sondern eines der atmosphärischsten, das ich gerne in meiner Nähe hätte. Aber unbedingt und nur als Original, um die Textur zu sehen und den Atem zu spüren und diese Aura von Vallauris 1954. Dieses Bild hat so ein starkes Flair der Fünfziger Jahre, es zeigt den Teil, den ich an der Ästhetitk der Fünfziger mag. Es wäre für mich wie ein hochatmosphärisches Möbelstück. Und nachdem ich nun weiß, wie faszinierend die Frau ist, die Modell stand, noch viel mehr.
30. August 2020

Auch 1982, 17. November. Ich muss an dem Tag das tschechische Filmdrama „Ein Tag für meine Liebe“ gesehen haben, und währenddessen ist diese düstere Zeichnung entstanden. Ich hatte in meinem Zimmer unterm Dach einen großen alten Schwarzweißfernseher in einem Holzgehäuse, daran hing eine große Antenne, die ich so ausrichtete, dass ich DDR-Fernsehen sehen konnte. Ich erinnere mich nur ganz dunkel an den Film, der 1976 gedreht wurde. Was Trauriges.
In der Beschreibung steht, dass die vierjährige Tochter eines jungen Ehepaars, das recht glücklich ist, beim Kirschenessen erstickt. Nach dem Tod versuchen sie wieder ein Kind zu bekommen, aber die Beziehung hat sich völlig verändert. Tragische Filme mit Tiefgang waren schon immer eher auf meiner Wellenlänge als Klamauk und Action. Obwohl ich als Kind natürlich auch Quatschfilme geguckt habe, keine Frage.
Ich mochte diese gewisse Bildästhetik von einigen tschechischen Filmen aus den Siebzigern, die manchen DDR-Filmen ähnelte. Aber sie wirkten heller, weniger grau und trostlos, hatten keinen Mief. Lag vielleicht auch daran, dass sie synchronisiert waren, was ihnen durch die bekannten Sprecherstimmen einen internationalen Anstrich gab. Warum eine Pistole auf meiner Zeichnung ist, weiß ich nicht, ich kann mich nicht erinnern, ob es gewalttätige Szenen im Film gibt.
30. August 2020
30. August 2020

Selbstportrait, So, 7. Juni 1981, Kugelschreiber auf A 4-Papier
Da war ich Fünfzehndreiviertel. Ein Sonntagnachmittag, an dem ich nichts anderes zu tun hatte. Ich hörte wahrscheinlich Neil Youngs Platte Rust Never Sleeps oder eine andere von ihm und hatte mein kariertes Lieblingsflanellhemd an und setzte mich vor den Spiegel und schaute mich ernst an.
Das Bild ist mit Kugelschreiber auf einem einfachen weißen Blatt Papier in DIN A 4, wahrscheinlich von einem Schreibblock, gemalt. Ich habe es noch nie jemandem gezeigt. Im Grunde ein gemaltes Selfie. Das wäre mir früher peinlich gewesen, ich hätte das Gefühl gehabt, mich für eine solch unstatthaft eitle Betätigung entschuldigen zu müssen.
Aber ich wollte sehen, ob ich etwas entdecken könnte an mir, das ich bei einem Blick in den Spiegel nicht sehe. Wenn ich etwas zeichne, betrachte ich es grafisch, präge mir die Silhouette der einzelnen Teile ein und kopiere sie dann aus dem Gedächtnis auf das Papier vor mir. Es ist also ein recht pragmatischer, handwerklicher Vorgang, zunächst jedenfalls.
Ich glaube, ich war dann überrascht, dass ich so eine Melancholie ausstrahle, und das war auch wirklich so. Wenn ich nicht gerade gelacht oder gelächelt habe, wurde ich oft gefragt, ob ich traurig bin. Ich fand mich selbst von der Veranlagung her optimistisch, aber hatte tatsächlich oft Liebeskummer. Unglücklich oder ergebnislos verlaufende Verliebtheiten. Auch schon mit Fünfzehn.
Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auch wieder ein, um wen es da ging. Es war der beste Freund meines älteren Bruders, der uns oft besuchte, so lernte ich ihn kennen. Er war im Zimmer meines Bruders und sie spielten zusammen Gitarre. Er hatte eine Band, mein Bruder später auch, aber damals noch nicht. Dank Internet kann man ja herausfinden, was aus einem alten Schwarm geworden ist. Heute hat er ein Tonstudio und produziert vor allem andere.
Er hat damals ganz schön mit mir geflirtet, so ganz grundlos war meine Verliebtheit also nicht. Aber er hatte schon eine Freundin. Was ihn aber nicht abgehalten hat, sich mir gegenüber zu verhalten, als ob es sie nicht gäbe. Ich hab sie dann auch kennengelernt, weil es doch ein gemeinsamer Freundeskreis war, und habe nicht durchblicken lassen, dass mir ihr Liebster Avancen machte und sogar ein romantisches Lied zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich fand sie ganz okay. Sie hat das nie erfahren.
Mehr als im Auto mit heruntergekurbelten Scheiben durch den Sommer fahren und dabei laut Musik hören (vor allem die erste Platte von Lou Reed, mit Berlin und Wild Child) und durch den Wald Spazieren und ein bißchen Schmusen ist nicht passiert. Aber für mich war es viel. Eine Riesensache, gewaltig. Das war vor allem im Jahr vor diesem Bild, 1980. Ich war total verknallt. Und nicht zum letzten mal. An jenem Sonntagnachmittag im Juni 1981 war ich vermutlich schon etwas ernüchtert. Das sagt mein Blick.
30. August 2020

Athena hatte auch eine sehr melancholische Seite, die eher in ihrer Ausstrahlung, als ihrem Verhalten zu bemerken war. Große, tiefblickende Augen. Wenn mich ihr Blick traf, ging er ganz tief. Das Bild vom November 1982 habe ich auch während des Unterrichts gemalt, obwohl sie neben mir saß, da kannte ich sie schon eine Weile und hatte ihr Aussehen verinnerlicht. Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein, dass sie das kleine Tier selbst auf ihre Schulter gemalt hat, einfach so, zum Spaß. Sie war auch verspielt, jedenfalls bei mir. Unsere Wege haben sich nach Ende der Schulzeit getrennt, ohne Streit, wie man sich eben so auseinander entwickelt, wenn ein gemeinsamer Teil des Alltags wegfällt. Ich habe aber immer gern an sie zurückgedacht.
30. August 2020

Das war Athena, meine Schulfreundin. Sie hatte griechische Eltern und war in Deutschland aufgewachsen. Wir saßen 1982 nebeneinander in der Klasse und befreundeten uns recht schnell. Wir haben auch nach der Schule viel Zeit zusammen verbracht, sie war ein oder zwei Jahre älter als ich. Ich habe sie gerne angeschaut. Das war mein Blickwinkel von der Seite, wenn wir im Unterricht saßen. Sie hat immer gut aufgepasst und war eine der Besten, hatte aber trotzdem immer Spaß an lustigen Seitenbemerkungen in meine Richtung und auch immer Liebesgeschichten, über die wir uns ausführlich austauschten.
30. August 2020

Das war eine blöde Trulla. Nicht wie man denken könnte, eine gouvernantenhaft gestrenge Studienrätin, sondern eine Mitschülerin. Ich kann mich beim besten Willen nicht an den Namen erinnern. 1982 war ich zwischen 16 und 17 und die meisten in dieser Klasse waren so alt wie ich. Man hätte denken können, sie hätte schon das Klimakterium hinter sich, tantiges, besserwisserisches Getue und biedere Klamotten wie eine Sekretärin aus den Fünfzigern. Seltsame Frisur mit Außenwelle und Perlenohrclips. Darf man sich jetzt aber nicht stylish retromäßig vorstellen, sondern wie stehengeblieben.
Ich weiß, das klingt geradezu extravagant aus heutiger Sicht, aber das war sie nicht. Wenn ein Lehrer etwas gerügt hat, oder um Ruhe bat, hat sie eifrig genickt und tadelnde Blicke in die Runde geworfen. Die Unruhe enstand auch schon mal, weil sich meine Mitschüler über meine Kritzeleien amüsierten. Dieses Portrait hat das Opfer selbstverständlich nie gesehen. Ich habe den Abgebildeten nur schmeichelhafte Sachen gezeigt. Ja, ich gebe es zu, die Zeichnungen waren manchmal auch ein bißchen gemein, aber so ging die Zeit ganz gut rum.
30. August 2020

Hier ist ein Teil des Lehrkörpers zu sehen, mein Englischlehrer von 1982, Dave Soundso. Bleistift in Schulheft. Er war ein recht großer, kräftiger Engländer, ca. Anfang Dreißig, mit dunklen Haaren und so einem Beatles-artigen Haarschnitt mit kurzen Pony. Des weiteren trug er eine Brille mit einem silbernen Metallgestell. Er war etwas schüchtern und konnte auch rot werden.
Die Schüchternheit war auch deutlich an der Körpersprache abzulesen. Offensichtlich hatte er eine behaarte Brust, da oben am Hemdausschnitt Härchen rausgucken. Mein Typ war er nicht, aber ich hatte ihn gerne. Er war vom Gesicht her nicht so mein Fall, etwas Schüchternheit ist mir immer angenehm, zumindest so lange sie nicht zu nach innen eingedrehten Fußspitzen führt.
30. August 2020

DER BADEMEISTER, Kugelschreiber in Notizbuch, 1982, DIN A 5
Wenn mir langweilig war im Unterricht, und das war öfter der Fall, habe ich gerne mal etwas gezeichnet. Die Lehrkräfte oder meine Banknachbarin. Manchmal aber auch so ganz frei phantasierte Gestalten. Zum Beispiel den Bademeister hier. Er sitzt auf einem Hochsitz am Strand, und kontrolliert das Geschehen. Sagen wir wie es ist: es ist ein alter Sack, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben will. Aber die Welt ist rund und bunt, und solche Leute gibt es eben auch. Alte, weiße Männer, die sich für wichtig halten und gerne Kontrollblicke werfen.
Was ich bei der Zeichnung wohl nicht bedacht hatte war, dass so ein Bademeister eigentlich etwas sportlich sein muss, weil er ja nicht nur mit dem Megaphon die Leute aus dem Wasser ruft, sondern im Notfall auch rausschwimmen muss und retten. Ich bin mir nicht so sicher, ob der alte Bademeister das hinkriegt. Aber vielleicht sind das auch unangebrachte Vorurteile, dass jemand, der so bucklig dasitzt, keine Sprungkraft mehr hat. Also falls ich da etwas Falsches unterstelle, entschuldige ich mich beim Bademeister.
29. August 2020

MENSCHEN, SCHAUT AUF DIESE LITFAßSÄULE! Seit vier Wochen laufe ich jeden Tag daran vorbei. Sie steht am Hackeschen Markt und trägt das schönste Kleid, das ich je an ihr gesehen habe. Erschaffen hat es der aus Rumänien stammende Künstler KITRA. Ich liebe es total! Es ist im Rahmen der Aktionsreihe „LITFASS GOES URBAN ART“ entstanden und leider Gottes nur noch bis Montag zu sehen, deshalb war ich heute Morgen extra mit meiner Kamera da, um sie zu verewigen.

Übrigens ist diese 166 Jahre alte Litfaßsäule am Hackeschen Markt die allererste Litfaßsäule in Berlin gewesen, und damit auf der ganzen Welt, denn erfunden hat sie ja 1854 der Berliner Drucker Ernst Litfaß. Wer also die Säule in diesem aparten Sommerkleid bestaunen will, muss heute oder morgen oder am Montag über den Hackeschen Markt spazieren. Kitra macht auch andere schöne Sachen, immer sehr bunt und grafisch. Virtuos.







27. August 2020
Topaktuelle Konversation von heute Abend im fb-messenger mit Ina –
TO WHOM IT MAY CONCERN:
19:25 Uhr
Gaga
hab heute Abend eine Idee entwickelt, was ich am 1. September anstellen könnte, und zwar erst am Abend. Ich will mir den Helmut Newton Film von Gero von Boehm anschauen, er läuft um 21 Uhr im Kantkino. Ca. 2 Std., und danach auf ein Gläschen in eine Bar um die Ecke, wo ich noch nicht war, die Galander Bar am Stuttgarter Platz, hat bis 2 Uhr auf. Essen würde ich zuhause was, vor dem Kino. Wenn du Lust hättest, könntest du mir Gesellschaft leisten, ich gehe aber auch allein ins Kino. Vielleicht frag ich auch noch Lydia oder Jenny, ob sie es interessiert. Maria ist im Urlaub, verreist.
Ina
Gaga großartig , ich will mit dir zusammen sein
Gaga
oh wie schön, ich glaube der Film ist auch klasse, weil Gero von Boehm keinen Scheiß macht! 🙂 wenn dein Liebster auch Lust drauf hat, ist ja in Charlottenburg, kann er ja auch mitkommen! Mich täte Gerwin nicht stören, er weiß sich ja zu benehmen!
Ina
Ich frage ihn, aber bin lieber solo und oder mit deinen Freundinnen mit dir
Gaga
vielleicht schreib ichs einfach auch auf meiner fb-Seite und im Blog, dann kann jeder selber entscheiden, ob er auch ins Kino will. Ich hab jetzt nicht den Plan, eine intime Veranstaltung zu machen. Eigentlich gar keinen Plan, außer dass ich den Film sehen will und was trinken! ich zahle auch nicht die Kinokarte für die anderen 🙂 also ein undramatischer Kinobesuch ohne pathetische Ansprachen! wenn „nur“ du kommst, bin ich auch sehr happy! Ganz nach Lust und Laune.
Ina
Fein, ich freue mich schon.
Gaga
Als Geschenk wünsche ich mir: 1 attraktive Postkarten-Challenge….!!! (Kein Männerbild, wenns geht) 👄 ich habe gerade die kecke Idee, ich könnte diesen kleinen Konversationsstrang als öffentlichen Blogeintrag posten, bin gerade etwas uninspiriert in puncto Bloggen, das könnte mir neuen Schwung geben! Die Leute spielen ja auch gerne Voyeur.
Ina
Aber ja, obwohl meine Beiträge extrem uninspiriert sind. Willst du die Challenge überreicht oder geschickt bekommen. Und dürfen es auch zwei schon lange gehegte Ideen sein???
Gaga
an diesem hohen kirchlichen Feiertag des Jahreskreises hätte ich die Postkartenchallenge-Postkarte bitte gerne persönlich überreicht bekommen. Du könntest zur Verzierung eine abgestempelte Briefmarke draufkleben, aber eine schöne! ich möchte nicht schon wieder einen alten oder nicht so schönen Mann geben, sonst gibt es keine Wünsche meinerseits. Tiere oder Architektur wäre auch okay. Also Hitler oder Goebbels fände ich jetzt nicht so super.
Ina
Ich werde deine Wünsche beherzigen
Gaga
🖤 🖤 🖤
Also ich blogge das jetzt, ohne Rücksicht auf Verluste! Letzten Endes spricht das ja sowieso nur Premium-Leser/innen an! (Und nur solche habe ich!)
26. August 2020
23. August 2020

WARM UP | 2008 | Acryl auf Leinwand | 70 x 100 cm […]
23. August 2020

Heute hundertfünfter Geburtstag. Meine Oma Alma (1915 – 1981). Sie wurde nur rund 65, das war eindeutig zu kurz. Ich habe sie sehr geliebt und schon ganz oft erzählt, dass sie mir am liebsten Lieder von Zarah Leander vorgesungen hat, mit großen, theatralischen Gesten. Sie hat gerne geschneidert und andere zum Lachen gebracht. Am liebsten habe ich bei ihr knuspriges Hähnchen und Schwarzwälder Kirschtorte gegessen. Früher hat man dumme Behandlungsexperimente gemacht, weil man es nicht besser wusste, das war ihr Verhängnis. Man hat ihr Quecksilber gespritzt, ich weiß nicht mehr, gegen welches Leiden, aber darunter hat sie ihr Leben lang gelitten. Trotzdem war sie keine Jammerliese, ich habe sie wenigstens nie so erlebt. Mich hat sie immer nur angelacht. Ich sah aber auch lustig aus, mit meiner Zahnlücke. Ich winke nach oben und trage Dich immer im Herzen.


22. August 2020
Oho.
»(…) Jetzt fand er endlich Zeit, Sonja ausführlich zu betrachten, und er sah, dass ihr Körper beinahe jeden Kompromiss wert war und dass er ihn, wenn sie es wünschte, schlagen würde. Und er war sicher, dass sie es wünschen würde.
„Erzähl deinem Mann, dass du Migräne hast oder finde eine andere Ausrede und lass uns in ein Hotel gehen“, sagte er so schroff, dass er selbst erschrak.
„Ich bin nicht mit meinem Mann hier, sondern mit einem Geliebten — und den habe ich gerade aus meinem Leben geworfen.“
Jetzt war Julian doch ziemlich erstaunt. An ein Luder war er also geraten. Das enttäuschte ihn keineswegs, sondern bedurfte nur schärferer Spielregeln. Ein Luder und ein fleißiger Taugenichts waren ja unter Umständen natürliche Partner und konnten einander ganz ohne Vorspiegelung falscher Tatsachen begegnen. Julian musste lachen bei dem Gedanken an eine Beziehung, in der die rücksichtsloseste Offenheit regierte.«
André Heller 2018, Das Buch vom Süden, S. 250
Nicht schlecht, vor allem der letzte Satz (aber leider, leider nicht repräsentativ).
21. August 2020
»(…) Dieser Mann hatte Julian nächtelang von der „Geographie der Frauen“ erzählt und ihm viele schöne Körperlandschaften beschrieben. „Alle sind schön“, war seine Hauptthese. „Die Männer sind sind nur für gewöhnlich zu primitiv, um das Sanfte im Wilden, das Schwarz im Weiß, das Dünne im Dicken, das Große im Kleinen zu bemerken. Jede ist vollkommen, auf ihre ganz persönliche Weise. Mein einziges Ideal ist die Abwechslung.
Es gibt Fräuleins, die haben Zehennägel oder Achselhöhlen, vor denen man niederknien möchte, und solche, für deren Rückenlinie es zu sterben lohnt. Andere sprechen das Wort Suppe mit einer Grazie aus, die einen bannt, und selbst an die Schatten von Damen habe ich schon mein Herz verloren. Enttäuschungen entstehen nur dort, wo wir uns durch feste Erwartungen dem Überraschenden verschließen. Gott schütze alle Weibspersonen.“«André Heller 2018, Das Buch vom Süden, S. 216
Ja, nett. Nun könnte man meinen, ich hätte 216 Seiten des Buches gelesen. Dies ist nicht der Fall. Ich mag Heller grundsätzlich, aber in diesem Buch sind mir zu viele Adjektive, zu viele kleinteilige, verschachtelte Beschreibungen. Ich stelle fest: mich stören sowohl zu wenig Adjektive, als auch zu viele. Gerne mache ich mir ein plastisches Bild der Orte, Gegenstände und Personen, möchte aber keine inflationären und varianten-überbordenden Details, das hemmt meinen Lesefluss.
Wird zu wenig oder zu vage beschrieben, fehlt meiner Phantasie die Richtungsvorgabe, es wird beliebig, dann habe ich das Gefühl, ich hätte das Buch gleich selber schreiben können. Wird es zu viel, erscheint es mir wie ein abzuarbeitendes Wirrwarr, das mich nicht vorankommen lässt.
Ich habe im Buch die ersten ca. vier Seiten gelesen und dann gemerkt, dass mich dieses ewig lange Herumdümpeln in der Kindheitsphase der Hauptfigur Julian langweilt. Die Spielsachen, die Spiele, die Phantasien. Kind war ich selber und möchte es nicht wieder sein müssen. Ich blätterte also gnadenlos scannend weiter, ob der gute Julian endlich bald mal geschlechtsreif ist und sich für Erotik interessiert und seine Erfahrungen erzählt.
Erst bei Seite 216 hatte ich den Eindruck, hier könnte ich einen erneuten Einstieg wagen und auch lesen, nicht nur scannen. Also dieser oben zitierte Absatz gefiel mir ganz gut, obwohl mir der Stil weiterhin nicht zusagt. Ich blättere voraussichtlich schwungvoll mit scannendem Auge weiter, auf die Gefahr hin, dass ich Perlen überblättere.
Noch eine pikante Sache zu dem Buch: ich habe es gebraucht bei Amazon bestellt, über den Anbieter medimops. Es wurde als in „sehr gutem Zustand“ avisiert, was ich nur bestätigen kann. Ein offensichtlich komplett ungelesenes Taschenbuch, nicht eine Seite hatte die geringste Biegung. Ich kaufe gebraucht nur mit Zustand „sehr gut“, vorzugsweise sogenannte „Mängelexemplare“, die zumeist keinen Vorbesitzer hatten.
Gestern Abend nahm ich das Buch aus meiner Tasche, die ich unterwegs dabei habe. Plötzlich fiel ein Kärtchen heraus. Vermutlich steckte es irgendwo in der Mitte des nagelneuen Buchs. So ein Miniklappkärtchen, wie man es an Geschenke macht. Es hatte das bekannte Seerosenmotiv von Monet und die mit Füllfederhalter handgeschriebene Widmung darin lautete in etwa:
„16.12.2019
Liebe Meike,ja! DER André Heller! Eines meiner Lieblingsbücher, so toll, so positiv wie Du! Alles Gute zum Geburtstag!
Deine Kathrin“
Ich habe mich ein bißchen für Meike geschämt. Wenigstens hätte sie das Buch doch einmal kurz durchblättern können, so dass die kleine Geburtstagskarte herausgefallen wäre und dann hätte sie anstandshalber nur das Buch an medimops geschickt. Es könnte aber auch sein, dass Meike eine André-Heller-Sperre hatte, was man ja haben darf, und die Lektüre daher von vorneherein indiskutabel war.
Auch kann es sein, dass Kathrin zur Geburtstagsfeier von Meike eingeladen war, sie aber gar nicht so eng befreundet sind, sondern eher nur gute Bekannte, und Meike auch nicht zu befürchten hatte, dass Kathrin sie demnächst befragt, wie ihr denn das Buch nun gefallen hätte, das ja ihr LIEBLINGSBUCH ist.
Ich hatte dann kurz die lustige Phantasie, wie Kathrin wohl geguckt hätte, wenn sie ihr Lieblingsbuch – da ja LIEBLINGSBUCH – abermals und abermals bei Amazon bestellt hätte, um es einer weiteren Freundin oder Bekannten zukommen zu lassen, und um Geld zu sparen, ein „sehr gutes“ Exemplar bei medimops geordert hätte.
Dieses wäre nun bei ihr eingetroffen und zum Zwecke, es in Geschenkpapier zu wickeln, hätte sie es gedreht und gewendet, und ihr eigenes Kärtchen vom Dezember 2019 wäre herausgefallen. Oh oh oh… Meike, Meike, Meike.
18. August 2020
»Worte sind wie Stein und Blut, Kiesel und Gerinnsel, die uns über die Lippen treten und mit denen wir das festhalten wollen, was uns am Herzen liegt. Ein Mann beschreibt sein Haus, und dieses Haus ragt künftig im Gedächtnis von anderen auf, und Tausende von Herzen schlagen jahrhundertelang einer Liebe wegen, die er so anschaulich zu schildern wusste. Man muss über alles sprechen, was man liebt, denn Schweigen nährt das Vergessen.«
Louise de Vilmorin 1955, Histoire d’Aimer | Liebesgeschichte, S. 44
17. August 2020

Zur Abendstunde präsentiere ich mich diesmal nicht in einer mir aufgenötigten Postkartenperformanceverkleidung, sondern in meiner Berufskleidung als Wahrsagerin. Gerne stellen Sie mir Ihre Fragen, die Sie schon lange beschäftigen, insbesondere Ihre persönliche Zukunft, Ihr intimes Liebesleben und Ihre Karriere betreffend und ich gebe Ihnen zeitnah direkt hier eine passende Prognose. Bis zum 31. August 2020 gratis!
Danach wird eine Aufwandsentschädigung i. H. von einer Flasche Dom Pérignon pro Fragestellung erhoben! Haben Sie keine Hemmungen, sich mir anzuvertrauen, ich bin absolut diskret und verspreche, dass Ihre Fragen und meine Antworten nur auf Facebook und in meinen hochexclusiven Blogs zu lesen sind. Also: nur Mut!
16. August 2020
Aus meinem goldenen Notizbuch XXXIX. 13. August 2020
„S-Bahn Richtung Zoo, Mann mit Armprothese. Gute Körperspannung. Attraktiv.“
Ich saß in einer Entfernung von ca. fünf Metern, schräg gegenüber eines Fahrgastes, der am Hauptbahnhof zugestiegen war und sich schwungvoll hingesetzt hatte. Alter etwa zwischen Anfang und Mitte Vierzig. Kurzhaarschnitt, dunkelhaarig, ganz leicht ergraut, schwarzer Mund-Nasen-Schutz. Athletisch, sportlich durchtrainiert wirkender Körper. Elegant knappe, gezielte Bewegungsabläufe. Er trug eine blauschwarze Baumwollhose, gut geschnitten, keine Jeans, ein hellblaues, unfassbar perfekt sitzendes Hemd, das die durchtrainierten Schultern und die Brustmuskulatur zur Geltung brachte, die Ärmel vollendet hochgekrempelt. Gute Halbschuhe aus feinem Leder.
Auf den Knien hielt er einen hochwertig wirkenden, ledernen Aktenkoffer, cognacbraun. Er stellte den Koffer senkrecht, um ihn zu öffnen. Er hielt ihn mit der linken Hand und öffnete ihn mit der rechten. Ganz flüssige, geschmeidige Bewegungsabläufe.
Dann erst fiel mir auf, dass die linke Hand, die den Koffer hielt, aus einem hellen, weißgrauen Kunststoff war, leicht transparent, wie Milchglas, schlanke Finger, wie an der rechten Hand. Der Unterarm hatte eine andere Farbe, er war aus schwarzem Kunststoff. Ich konnte nicht sehen, ob der Kunststoffarm in den Oberarm überging, vielleicht war er an der Stelle vom Ellbogengelenk angebracht, wo der hochgeschlagene Hemdsärmel aufhörte.
Ich war sehr fasziniert von der Erkenntnis, dass an dem Anblick nichts unangenehm war. Die Armprothese, die auch noch farblich wie abgestimmt auf seine Kleidung erschien (oder die Kleidung auf die Prothese), nahm ihm nichts von seiner Attraktivität. An der rechten Hand, die seine eigene war, steckte ein Ehering. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, aber der Schwung der Augenbrauen und der konzentrierte Blick ließ Attraktivität und Intelligenz vermuten.
Mir wurde klar, dass nicht die perfekte Vollständigkeit von Gliedmaßen einen Körper anziehend macht, sondern die Dynamik des Bewegungsablaufes, die Körperspannung. Vielleicht hat er den Arm bei einem Sportunfall verloren. Er wirkte eher wie ein geistiger Arbeiter, der gerne Sport treibt, nicht wie ein Handwerker. Ich glaube, das Wort Invalide ist in unserer Zeit – zum Glück – nicht mehr gebräuchlich. Als „ungültig“ bewertet zu werden, weil einzelne Körperteile nicht vorhanden sind, ist unangemessen. Dieser Mann war nicht nur eine gültige, sondern eine mustergültige Erscheinung und eine bemerkenswert attraktive dazu.
14. August 2020
Gestern Vormittag vorgehabt, eine interessante Wahrnehmung in der S-Bahn hier festzuhalten, dann verlief der Tag etwas anders als erwartet. Ich bekam einen Anruf vom Eigentümer meines Ateliers, dass am Tag davor eine Notöffnung durch die Polizei und Feuerwehr veranlasst wurde, weil die Nachbarin unter mir einen Wasserschaden von oben bemerkte. Ich war zwei Tage nicht dort und für die Nachbarin nicht kontaktierbar. Hätte ja auch sein können, dass ich tot hinter der Tür liege.
Der Eigentümer erklärte, dass das Wasser abgedreht und ein neues Schloss eingebaut wurde, und ich nun zur Polizeiwache müsste, um die Schlüssel zu bekommen, mit Mietvertrag und Personalausweis. Alsdann sollte ich Kontakt zum Installateur aufnehmen, der den „geplatzten Panzerschlauch“ austauschen soll und auch die sonstige Installation prüfen. Puh. Mit viel Beharrungsvermögen habe ich den Klempner telefonisch dazu gebracht, sich mit mir um 17 Uhr beim Objekt zu treffen, da hätte er gerne schon Feierabend gemacht.
So war ich nun gestern Nachmittag auf der Polizeiwache Abschnitt 55 in der Rollbergstr., ging alles reibungslos über die Bühne. Der Polizist begutachtete den Mietvertrag mit der sehr akzentuierten (schwer leserlichen) Handschrift meines Vermieters und hatte dann sichtbar keine Lust, die Eintragungen wissenschaftlich zu analysieren und gab mir die Schlüssel. Ganz altmodische Polizeiwache, dass keine mechanischen Schreibmaschinen auf den Siebziger Jahre-Schreibtischen standen, war fast ein wenig schade. Es gab schon Computer, sogar Flachbildschirme. War ich da also auch einmal.
Dann etwas bang vor der Tür meiner Werkstatt, was würde mich erwarten? Ein Durcheinander wie nach einem Einbruch, umgeworfene Bilder, eine Pfütze auf dem Boden? Nichts da. Sie waren sehr umsichtig, die Feuerwehrleute und hatten zwei Zettel hinterlassen. Dann kam der Klempner und hat den Schlauch gewechselt und alles war wieder ok. Also Glück im Unglück. Bei dem Wort „Notöffnung“ zuckt man schon zusammen.
Die interessante S-Bahn-Beobachtung erzähle ich später noch.
12. August 2020

Guten Abend.
Mein Name ist Kafka. Franz Kafka. Und ich möchte hier etwas richtig stellen. Ich bin ja nun schon eine Weile tot, aber von hier oben sieht man eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass Postkarten im Umlauf sind, auf denen ein mir zugeschriebenes Zitat gedruckt ist. Dieses durchaus interessante Zitat, das da heißt „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ ist nicht von mir. Sie haben ja alle Internet (auch das kann ich von hier oben genau sehen) und somit können Sie gerne hier und dort nachlesen, was es mit diesem Zitat auf sich hat.
Belegt ist, dass mein Kollege Antonio Machado auf Spanisch sinngemäß so etwas geschrieben hat, was aber nicht bedeutet, dass ihm die Autorenschaft gebührt, da gut informierte Kreise berichten, dass es sich um ein geflügeltes Wort handelt, dessen Erfinder keiner mehr finden wird. Das ist genauso aussichtslos wie eruieren zu wollen, in welchem Schusterhandwerksbetrieb zum ersten mal „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“ verlangt wurde. Wissen Sie, wenn man tot ist, so wie ich, hat man über solche Dinge einen besseren Überblick. Nicht dass mir das Zitat unangenehm wäre, es geht mir nur um die Ordnung. Lassen Sie sich gerne davon inspirieren, man kann es ja als Aufforderung verstehen, auch einfach mal was anzupacken und nicht immer nur darauf zu warten, dass es andere schon in die Wege leiten werden. Vielen Dank für die Zusendung der Postkarte, leider ist nicht erkennbar, wer hier so schwungvoll seine Grüße entbietet, aber ich soll von Frau Nielsen bestellen, dass sie sich darüber gefreut hat.
Einen angenehmen Abend wünscht
Franz Kafka











11. August 2020
Wo ich jetzt schon ins Plaudern komme, kann ich auch noch erzählen, wie ich neulich den Postkasten aufgemacht habe und darin eine Postkarte finde, also klassisches Postkartenformat, mit blauem Hintergrund und in der Mitte so eine Art Wappen mit goldenen Ähren links und rechts. Auf dem Wappen stand „Hofpfisterei“. Es war schon einer der wärmeren Tage und ich kann ohne Lesebrille auch nicht alles erkennen, aber denke noch: ach! Die Hofpfisterei hat mir eine Postkarte geschrieben! Sofort habe ich angefangen zu überlegen, wie ich das Motiv umsetze, dass ich z. B. die Ähren als blonde Zöpfe darstellen könnte, eine Frisur, die ich länger nicht mehr hatte. Ich nahm also die Hofpfisterei-Postkarte mit nach oben und setzte am Küchentisch die Brille auf.
Das war gar keine Postkarte, sondern ein Gutschein für ein Viertel Bauernbrot. Obwohl ja doch eine handgeschriebene Mitteilung vermerkt war: „Oranienburger Str.“, was mich vermuten lässt, dass es sich um Reklame für eine neue Filiale handelt. Ist das schon eine Zwangsstörung, wenn man aufgrund des Postkartenformats von einem Gutschein von der Hofpfisterei anfängt zu überlegen, wie man ein Geschäftslogo als Haarfrisur umsetzt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hab ich noch eine Weile überlegt, ob ich diese Grenze überschreiten soll, und meine Reihe mit Handzetteln aus dem Briefkasten erweitere. Mein Resümée war dann aber, dass ich hier eine Grenze ziehen sollte und um der Versuchung zu widerstehen, den Gutschein am besten weiterverschenke. So geschehen. Der Empfänger ist ein Feinschmecker und hat sich sehr gefreut. Ein Glück, dass die wenigsten Reklamezettel Postkartenformat haben. So bin ich nicht zu oft diesem Dilemma ausgesetzt. Nun habe ich es offen ausgesprochen und das ist bestimmt schon ein Schritt zur Bewältung meiner Zwangsstörung.
11. August 2020
ich hab mich gerade bei einem blöden Zwangs-Werbespot (Mediathek) verhört, weil der Mann (ein bekannterer Nachrichtenmoderator von einem Privatsender) so genäselt hat: „Dachbarschaft“. Beim Googeln, ob es das Wort schon gibt, ist mir als Suchergebnis „Digitale Nachbarschaft“ präsentiert worden. Daher schlage ich Dachbarschaft als neuen Begriff für den engeren Internet-Bekanntenkreis vor.
Obwohl, richtig gut finde ich das Wort auch nicht. Kein schöner Klang. Also Schwamm drüber! War eine blöde Idee!
Ich sollte mich lieber der Vorbereitung meiner neuen Postkartenperformance zuwenden. Ich habe heute schon an den Requisiten gearbeitet, für die Fotos war ich vorhin zu schläfrig, jetzt ist es zu dunkel. Läuft ja nicht davon. Unangenehm ist auch, dass ich gezwungen bin, wärmere Kleidung zu tragen. Es wäre schön, wenn bei den künftigen Zusendungen die aktuelle Wetterlage berücksichtigt würde. Man kann doch das Postkartenmotiv jahreszeitlich abstimmen. Es sollten jetzt nicht unbedingt Nacktfotos sein, aber Rollkragen und Mütze muss auch nicht sein!
11. August 2020
2009
10. August 2020
09. August 2020
Françoise Sagan, Mein Blick zurück, S. 12 – 13 (ca. 1953):
„Im zweiten Anlauf schaffte ich mein Abitur mit Leichtigkeit, wenn auch erst im Oktober, und begann zu allerlei Spontanparties zu gehen, die meine Eltern mir ohne jedes erkennbare Kriterium gestatteten oder verboten. (Ich erinnere mich noch, wie ein junger Mann — ein ziemlich langweiliger Kerl, übrigens – von meinem Vater, der sich plötzlich aufführte wie ein Haremswächter oder eine Figur von Feydeau, barsch an der Wohnungstür abgewiesen wurde, wohingegen meine Mutter mich fröhlich zu einem Abend bei einer Schulfreundin gehen ließ, den wir dann damit zubrachten, uns der Hände ihres Vaters und seiner Freunde zu erwehren.) Tagsüber zog ich, wie sechshundert weitere Studenten gewissenhaft in die Hörsäle der Sorbonne, die bei manchen Professoren überfüllt, bei anderen gähnend leer waren. Die übrige Zeit lauschte ich im Vieux-Colombier den Klarinettenklängen von Sidney Bechet und Réwéliotty, die uns an den Nachmittagen sanft wiegten oder zum Zappeln brachten. Mal spielte ich nur Mauerblümchen, mal hatte ich Glück und tanzte, bis ich schließlich – zu Fuß – nach Hause gehen mußte, weil mein Taschengeld aufgebraucht war. Um pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, mußte ich den ganzen Weg vom Boulevard Saint-Germain zur Place Wagram im Galopp laufen, so daß ich jedesmal völlig erschöpft ankam. Und all das, um einen ‚Bottich Trauben zu zertreten‘, wie mein Vater den Jitterbug umschrieb. Bei diesem abendlichen Rennen schlug ich bestimmt so manchen Rekord.“
08. August 2020


Heute präsentiere ich ein leichtes Tages-Make up, das meine Leserinnen leicht nachmachen können, wenn es morgens mal schnell gehen muss! Wir sind schließlich alle berufstätig und müssen nebenher auch noch den Haushalt wuppen, da ist man für jeden Tipp zur Zeitersparnis dankbar! Für dieses sommerliche Make up benötigt man maximal drei Stunden, keinesfalls mehr, das verspreche ich. Man braucht auch gar nicht viel, der große Malkasten von Kryolan reicht völlig aus, und eins, zwei, drei – schon ist man fertig fürs Büro! Man kann sich natürlich auch fürs Home Office so zurechtmachen, da spricht nichts dagegen. Im Zeitalter der TelKos (Telephonkonferenzen) mit zugeschaltetem Bild freut sich auch der (oder die) Vorgesetzte über so einen attraktiven und gepflegten Anblick und eine fröhliche Mitarbeiterin! Und damit sind wir doch auf einem guten Weg, ja ich möchte sagen: auf dem Highway to Health! Ich danke Kavi inniglich für die inspirierende Postkarte und trage die Botschaft in die Welt.









06. August 2020

UGA. Dezember 2006, Maus & Pixel, 4032 × 3141 px, Staatl. Museen v. Gaganien
Da ist es auch zu sehen, in einem Musikvideo von Zweitausendneun, das ich damals für poetrYclub produziert hatte, für eine Vertonung des Rückert-Gedichtes „Zauberkreis“. Ein unfassbar schöner Text, einer meiner liebsten von Rückert.
Was steht denn auf den hundert Blättern der Rose all?
Was sagt denn tausendfaches Schmettern der Nachtigall?
Auf allen Blättern steht, was stehet auf einem Blatt;
Aus jedem Lied weht, was gewehet im ersten hat:
Dass Schönheit in sich selbst beschrieben hat einen Kreis,
Und keinen andern auch das Lieben zu finden weiß.
Drum kreist um sich mit hundert Blättern die Rose all,
Und um sie tausendfaches Schmettern der Nachtigall
Obgleich ich bis heute weitere Verse entdecke, die mir Rückerts virtuose Musikalität aufs Neue zeigen (Friedrich Rückert verfasste mehrere Tausend Gedichte).
Ich erinnere mich, dass ich bei live Performances das Bild groß an die Bühnenrückwand gebeamt habe, neben anderen Bildern und Filmsequenzen. Ah ja, hier sieht man es, das war im Café Karvana in Friedrichshain, am Boxhagener Platz, im Juni 2009.

Es ist faszinierend, wenn man ein kleines Bild mit der Maus gekritzelt hat und es plötzlich drei Meter hoch vor einem steht.

Künstlerische Kooperationen waren und sind für mich immer dann interessant, wenn mir jemand in meinem Bereich freie Hand gibt, mich gewähren lässt, blind darauf vertraut, dass mein Beitrag ohne inhaltliche Abstimmungsverhandlungen gut wird. Das funktioniert, wenn man großen Respekt voreinander hat, vor dem was die anderen Beteiligten machen, es richtig gerne mag, und deshalb auch vertrauen kann. Planen lässt sich so etwas nicht, es fügt sich.
04. August 2020
Heute bitte alle an Alban denken.

04. August 2020
Laß einen Heilversuch dir meines Auges sagen,
Des äußern, den du magst aufs Inn’re übertragen.
Mein Auge sah sich selbst von einem Flor umhangen,
Von einem Wirrgeweb aus Punkten, Flecken, Schlangen.
Ein Netz der Täuschung, das die Sehkraft selbst sich wob,
Das mit dem Blick sich senkt und mit dem Blick sich hob.
Ein Schatten, welcher nie vom Lichte sich verlor,
Der, aus dem Aug‘ erzeugt, schwebt‘ überall ihm vor;
Nur um so nächtlicher, als heller war der Tag,
Wie vor der Unschuld wohl die Schuld sich fühlen mag.
Mir war davon die Lust an Gottes Welt benommen,
Daß rein ihr Schönes nicht mir sollt‘ ins Auge kommen;
Getrübt der Glanz der Flur, des Menschen Angesicht
Und jede Schrift, durch die der Geist zum Auge spricht.
Den himmlischen Genuß des Lichtes wollt‘ ich missen
Eh’r, als ihn haben so versetzt mit Finsternissen.
Heilwasser heilen nicht, einfache noch zusammen-
Gesetzte, weil sie rein dem Lichte nicht entstammen.
Sollt‘ ich die ird’sche Kunst des Augenarztes brauchen?
Ich will mich in den Quell des Lichtes selber tauchen.
Die Lüfte waren blau, die Fluren waren grün,
Und meinen Blick erhob zur Sonn‘ ich adlerkühn.
Entweder soll die Welt in dir mir untergehn
Auf immer, oder ich will rein wie du sie sehn.
Die Feuerwirbel ließ ich mir im Auge wallen,
Wie sie mich blendeten fühlt‘ ich mit Wohlgefallen.
So lange duldet‘ ich den Einstrom, bis zusammen
Die krausen Schlanggewind‘ in eine Masse schwammen.
Vom Himmel blickt‘ ich dann zurück zur Erdenflur,
Und statt der Schlangen sah ich Sonnenblendung nur.
Die lichte Finsternis zerfloß dann, und o Glück,
Die Schlangen kehrten nicht, die sie verschlang, zurück.
Und sollten doch einmal sie mir im Auge kehren,
So soll ein neuer Strahl der Sonne sie verzehren.
Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen,
Neunte Stufe. Dämmerklarheit (1836 – 1839)
03. August 2020
03. August 2020
Dich trägt Erinnerung zu deiner Kindheit Schwelle,
Den vollen lauten Strom zurück zur stillen Quelle.
Dort aber angelangt, begehrst du weiter nur
Zu dringen und verlierst im Dunkel bald die Spur.
Und nur die Sternenschrift im Dunkeln kannst du lesen:
Du warest, eh‘ du warst, und bleibst, wann du gewesen.
Als wie aus einem Traum erwachtest du, geboren,
Und fandest eine Welt, wie eine du verloren.
Du sahest sie vor dir sich wechselnd umgestalten
Und lerntest deine Kraft im Kampf mit ihr entfalten.
So vieles kam und ging; laß alles gehn und schwinden!
Du wirst dich anders stets und stets denselben finden.
Friedrich Rückert (1788 – 1866)
Die Weisheit des Brahmanen, Neunte Stufe. Dämmerklarheit
(1836 – 1839)
02. August 2020





Sicher haben Sie sich des öfteren schon einmal die Frage gestellt, ob ich überhaupt kochen kann. Freilich habe ich viele bekannte Talente, die mir keiner absprechen wird, als da wären die Photographie, eine grandiose Karriere im Bereich des Stummfilms, sowie ein stattliches Lebenswerk im Bereich der abstrakten Malerei von Weltrang – um nur die auffälligsten meiner Talente zu nennen. Dass ich seit unzähligen Jahren phantastische Blogeinträge verfasse, die ihresgleichen suchen (aber nicht finden!), sei nur ganz am Rande erwähnt. Zu all dem bin ich auch noch bescheiden und prahle nicht mit meinem überragenden Ausnahmekönnen.
Sicherlich, im Bereich der Liebesbeziehungen konnte ich meine Talente auch schon ausprobieren, aber noch nicht so recht zur Blüte entfalten. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Und hier stellt sich dann sicher für den einen oder anderen auch die Frage nach meinen hausfraulichen Qualitäten.
Folgendes möchte ich dazu festhalten: ich besitze seit 1999 einen Vollwaschautomaten, den ich selbst befülle und anschalte und auch wieder ausräume. Des weiteren bringe ich regelmäßig selbst den Müll herunter. Einkaufen gehört zu meinen ersten Pflichten. Ich lüfte regelmäßig und räume auf, wenn sich Besuch ankündigt und sauge auch schon mal durch. Fenster putze ich bestimmt einmal im Jahr. Blumen werden regelmäßig gegossen, mein Heim ist immer hübsch aufgeräumt. Bügeln ist nicht mein hervorragendstes Talent, doch bin ich im Notfall dazu in der Lage. Ich bin recht geschickt darin, Wäsche so aufzuhängen, dass sie ohne unnötige Knicke und Falten trocknet.
Und nun kommen wir zum Wesentlichen: wie ist es um meine Kochkünste bestellt? Bitte sehen Sie sich einfach die Bilder an, die keinen Zweifel mehr offen lassen dürften, dass ich eine virtuose Köchin bin, die ein vorzügliches, warmes sowie schmackhaftes Gericht aus dem Ärmel zu zaubern weiß. Dass ich bei der Küchenarbeit eine schicke und praktische Schürze trage (die mit meinem Lippenstift korrespondiert), versteht sich von selbst. Beim Servieren nehme ich die Schürze natürlich wieder ab und präsentiere mich in tadelloser, sauberer Kleidung am Esstisch. Da darf es gerne auch mal etwas Schickeres sein!














Ich bedanke mich bei Frau Lydia für die Anregung in Form dieser schönen Postkarte, auch einmal eine ganz andere Seite von mir zu präsentieren. Ich hoffe, es kommt recht gut an! (Gerne würde ich mich hiermit für den Grimme-Preis vorschlagen – hat da irgendwer Kontakte?)
02. August 2020




Neue Post! Gleich zwei Karten von Lydia im Postkasten. Ich beginne mit der ersten, welche einen U-Bahn-Aufgang am Alexanderplatz zeigt, auch um etwas Sonnenschein an diesem eher wolkigen Sonntag zu präsentieren. Erstmalig habe ich gestern die Herausforderung angenommen, eine Postkartenperformance außerhalb meiner Wohnung zu machen. Was aber zugegeben nicht weiter schwierig war, da ich mich ja nicht auffällig zurechtmachen musste. Man hätte mich also für eine an Treppenaufgängen und Licht- und Schattenspielereien interessierte Fotografin oder Touristin halten können. Ich fabriziere die Bilder unverändert mit einer richtigen Kamera, die ich auch nicht immer mit mir herumtrage. Also es war schon etwas Besonderes! Zuerst war ich am falschen U-Bahn-Aufgang, ich dachte es wäre ein anderer auf dem Alex, aber da war das PARK INN auf der falschen Seite zu sehen und dann fand ich den richtigen. Also ich meine die Bilder können sich sehen lassen, ich habe nichts zu beanstanden!

Gestern war es ja recht heiß, das langärmlige Shirt war doch ein kleines Opfer. Eigentlich wollte ich sogar meinen knallroten kurzen Trenchcoat anziehen, aber der ist in den Tiefen einer Truhe versunken, die ich zu faul war auszuräumen. Und letzten Endes krieg ich ja eh kein Bild hin, wo ich komplett zu sehen bin. Also ich finde, ich habe die Challenge im Rahmen der Möglichkeiten sehr gut gemeistert. Die zweite Challenge ist schon ein anderes Kaliber und war mit viel größeren Vorbereitungen verbunden, und fand auch außerhalb meiner Wohnung, in meinem Atelier statt, da ich dort ein bestimmtes Bildelement vorfand, das unerlässlich war.

Ich muss ja offen sagen, dass ich etwas von meinen Lesern, also nicht allen, aber doch einigen enttäuscht bin, dass sie mir nicht mehr in dieser Postkartensache zuarbeiten und offenbar das Potenzial verkennen. Ich präsentiere mich ja quasi als willige Anziehpuppe, mit der man alles machen kann, das scheint aber nicht jeden zu inspirieren. Wenn es so weiter geht, schicke ich mir demnächst selber Überraschungspostkarten. Ich könnte mich mit geschlossenen Augen an so einen Postkartenaufsteller im Schreibwarenladen stellen und blind eine Karte ziehen. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Mir fällt ja immer etwas ein, es wird nicht langweilig, das kann ich versprechen!
01. August 2020


Am 21. Juli war Jenny bei mir, aber nicht im Atelier, sondern in der Auguststraße. Ich wollte, dass sie auch ihren Namen auf die Rückseite von unserem Bild schreibt. Das hat sie wohl noch nie gemacht, sie hat eine Weile überlegt und ich sagte, dass sie komplett machen kann, was sie will und wo sie will, nur ihren Namen schreiben oder auch mehr, oder auch nur ihren Fingerabdruck daraufsetzen, wie sie mag. Und dann hat sie den Umriss von ihrer Hand auf die Rückseite gemalt und ihren Namen hineingeschrieben. Ich bin das ja schon gewohnt, es ist aber wirklich immer ein besonderer Moment, wenn man ein Bild signiert, ihm einen Namen gibt und das Datum schreibt. Wie eine Taufe. Man erklärt das Bild in dem Moment als würdig, einen Namen und eine Signatur zu tragen, man adelt das Werk damit, gibt ihm einen kleinen Ritterschlag, so wie die Queen jemanden für besondere Verdienste in den Ritterstand erhebt. So ein Vorgang ist das. Weil wir nach dem Ritterschlag in Clärchens Ballhaus wollten, war es bequemer, das Bild bei mir zu signieren, so hab ich es mitgenommen. Im Clärchen war es sehr schön. Die neue Bewirtschaftung ist auch ein Ritterschlag für Clärchens Ballhaus. Ich habe Schnitzel und Berliner Luft gegessen, der Service war sehr zuvorkommend. Danach landeten wir noch im Hackbarths. Eigentlich wollten wir in die Bar vom Amano Hotel, Ecke Rosi, aber die war schon zu. Das ist also die Geschichte zu den Fotos hier.


31. Juli 2020
30. Juli 2020

ORAKEL. Telefonkritzelei, Kugelschreiber auf Post-it-Haftnotiz, 10. Januar 2008, 7,5 x 7,5 cm, Staatl. Museen von Gaganien
Schade, dass ich nicht notiert habe, mit wem ich telefoniert habe und worum es ging. Das Kritzeln ergab sich immer bei längeren Telefonaten. Ich habe seit Jahren keine Telefonkritzelei mehr gemacht. Wenn ich privat telefoniere, dann fast nur mit meinen Eltern. Meine Freizeitkonversation hat sich nahezu vollständig auf Tippen im Chat und persönliche Begegnung verlagert. Den Zettel zu betiteln und hochtrabend zu signieren, erscheint mir aber schon angemessen. Das sieht doch ein bißchen wie das Ergebnis einer Sitzung mit Totem und Hühnerbein beim Voodoopriester aus. Lesen konnte ich es damals wie heute nicht. Falls da jemand mehr erkennt, gerne als Kommentar.
29. Juli 2020
29. Juli 2020
Vor fünfzehn Jahren brauchte ich keine Postkartenvorlage als Anlass, um mich wild zu bemalen…
27. Juli 2020
„Ich weiß noch bis in die kleinsten Einzelheiten, was Serge und ich zusammen gemacht haben. Die erste Nacht im Hilton, Venedig, Le Touquet, Deauville, Das Hôtel des Beaux Arts*, wo wir einen Monat geblieben sind, Saint-Tropez, wo wir für Swimminpool waren. Indien und Katmandu für Les Chemins de Katmandou, Cannes, Oxford im Bear Hotel, wo Serge seine Zeit damit verbrachte zuzuschauen, wie »Je t’aime« die englischen Charts hochkletterte. (…) Melody Nelson gilt als großartigste Platte von Serge. (…) Die Orchestrierungen von Vannier, orientalisch und sublim, und die Poesie von Serge waren für mich das Schönste, was er geschrieben hat (…) »L’hôtel particulier« war ein bißchen das Hôtel des Beaux Arts, die Neger und ihre Fackeln erinnern an eines der Zimmer. Erst 1983 erhielt Melody Nelson eine Goldene Schallplatte. Wir waren schon getrennt, aber Serge schenkte sie mir mit den Worten »Endlich, wir haben sie!«“
Jane Birkin, Munkey Diaries /Die privaten Tagebücher, 1970/1971
*) gemeint ist L’Hôtel, das Hotel in der Rue des Beaux Arts 13 in Paris, wo Oscar Wilde am 30. November 1900 starb. Damals hieß es „Hotel d’Alsace“. Das Hotel zählt(e) seit Jahrzehnten auch zu den Pariser Lieblingsherbergen von Mick Jagger, Keith Richards und David Bowie (Gott hab ihn selig).
Auch hörenswert, Michael Stipes Version von L’hôtel particulier:
26. Juli 2020


Nach der Pistolen-Dandy-Maskerade. Muss an Leni Riefenstahls Bilder der Nuba von Kau denken, die sich allerdings viel virtuoser bemalen. Ich konnte mich ja nicht frei ausleben, da strikte Postkartenvorgabe. Früher, also vor zwanzig Jahren, habe ich ab und zu in der Richtung experimentiert, auch andere Gesichter bemalt. Das Ergebnis war immer recht archaisch. Vielleicht zeige ich davon später einmal Bilder. Es waren immer schöne Erlebnisse, was aber auch daran lag, dass ich ich eine besondere Beziehung zu dem Menschen hatte, den ich hauptsächlich bemalte. Man veränderte währenddessen die Alltagspersönlichkeit, ganz ohne Substanzen. Das wilde Aussehen führte auch zu einem wilderen Verhalten. Sehr interessant. Diese Bilder vom letzten Sonntag hingegen sind ohne wilde Ambitionen innerhalb einer Minute entstanden, kurz bevor und während ich mir die weiße und schwarze Postkarten-Schminke vom Gesicht gewischt habe.





25. Juli 2020


Mit der „Asta kommt an“-Karte erreichte mich letzte Woche noch eine zweite Postkarte von kid37, im selben Päckchen. Die Aufnahmen entstanden am letzten Sonntag, also einen Tag nach den Asta-Bildern. Als begnadete Stummfilmkönigin habe ich auch diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Zum Glück gab es keinen Text zu lernen! Ich spreche ja privat durchaus gerne und mit dem passenden Gegenüber auch nicht zu wenig, aber das sind ja meine eigenen Texte, die ich wie aus der Pistole geschossen abrufen kann. Wenn da nicht immer diese dummen fremden Sätze wären, die sich andere ausdenken, hätte ich auch beim Tonfilm reüssieren können, das steht ja ganz außer Frage. Aber es hat halt nicht sollen sein.








20. Juli 2020






JULIMOND. April/Mai u. Juli 2020, Stoffreste, Papier, Gesso, Acryl auf Baustellenkarton, 60 x 80 cm, Jenny Kittmann & Gaga Nielsen
Es ist mir eine Freude, ein Bild zu zeigen, das Jenny und ich gemeinsam erschaffen haben. Sie hat im Frühjahr begonnen, die Stoff-Fragmente mit ihrer Nähmaschine zu verbinden und am 15. Juli hat sie ihr Werk an mich weitergegeben, ursprünglich als Verpackung einer Leinwand mit Potenzial als Lappen zum Pinsel-Auswaschen von ihr avisiert. Aber so wie man manchen Musikern das absolute Gehör attestiert, bescheinige ich mir den absoluten Blick, und der hat sofort das Potenzial für etwas Erhabeneres erkannt. Ich fragte Jenny, ob ich damit machen darf, was ich will. Sie hat mir freie Verfügung erteilt. Da ich gerade ein Bild beendet hatte und kein neues begonnen, schritt ich am Freitag zur Tat und habe bis Sonntagabend daran gearbeitet. Alle Stoffteile und Nähte sind von Jenny, der Untergrund, die Gesamtsilhouette und die ausgeschnittenen und übermalten Bereiche sind von mir.
Während ich daran zugange war, habe ich immer wieder dem Lied von der Erde von Mahler mit dem Gesang von Fischer-Dieskau gelauscht, eine Einspielung, auf die mich Alban Nikolai Herbst vor einigen Wochen aufmerksam gemacht hat. Ich kannte diverse andere, aber keine so fein, so subtil gesungen und instrumentierte. So ging mir der Julimond auf, der über dem nachtblauen Fluß einer Sommernacht schwebt. Das ist keine Anspielung auf Rio Reisers Junimond, sondern ein Wort, um den Vollmond in einer Nacht im tiefen Spätsommer zu beschreiben (obwohl ich Rio und sein Junilied immer geliebt habe.) Jenny muss auch noch signieren, verso. Sie kommt am Dienstag zu mir ins Atelier, sie kennt bis jetzt nur die Fotos von dem Bild. Es ist ja auch ganz frisch geschlüpft.



19. Juli 2020



Postkarten-Challenge I. von kid37: „Asta kommt an.“ Pah! – das ist doch meine leichteste Übung, Großtante Asta bei der Ankunft in Hiddensee nachzustellen – Blut ist dicker als Wasser! Leider hat sie mir weder eine Perücke noch das aparte Abendkleid vererbt, also musste ich abermals improvisieren. Mittlerweile hatte ich mich ja mit mir darauf geeinigt, dass es ausreichen sollte, wenn ich die Kartenmotive ausschnittsweise nachstelle. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass ich so tun kann, als hätte ich ein schulterfreies pinkes Abendkleid an, obwohl es in Wahrheit nur ein zwanzig Zentimeter breiter Seidenschal ist. Den Rest muss man sich eben vorstellen, ich baue da voll auf die Phantasie-Begabung meiner Leser.
Zufällig hängt an meiner Wohnungstür ein taubenblauer Hochzeits-Sari, damit ist das Hintergrund-Problem gelöst. Die Haarfrisur durch einen Frisörbesuch zu erlangen, überschreitet eindeutig meine Bereitschaft. Nicht aus Sparsamkeit, sondern weil mir alle Sorten von kürzeren Haarfrisuren immer ein bißchen altmodisch vorkommen, wenn es nicht gerade der Haarschnitt von Pink ist (die ich sehr verehre). Also muss ein Fifi her.
Lydia hat mir unlängst, als wir diese Phase im „Schmutzigen Hobby“ hatten, mal eine blonde Pagenkopfperücke aus der Karnevalsabteilung mitgebracht, die bislang noch keine Verwendung gefunden hat. Da ich nun wirklich keine Mühen scheue, um Ähnlichkeit mit der Postkarte herzustellen, habe ich die blonde Perücke vorgestern mit in meine Werkstatt genommen und schwarze Acrylfarbe drübergekippt. Also im ersten Arbeitsgang. Lange hat der Trockenvorgang gebraucht, danach waren die Strähnen zwar nicht richtig schwarz, aber dafür schön steif. Als nächstes malte ich auf der einen Seite ein paar pinke Strähnen in die verklebten Kunsthaarsträhnen. Das Finish fand dann am nächsten Tag statt, als ich bereit für die großen Aufnahmen war. Der Pony musste noch nachgeschnitten werden. Nun war es also soweit! Ich stellte mich vor die Wohnungstür (innen!) und dachte ganz fest an Tante Asta. Also Großtante Asta, meine ich natürlich. Und das ist nun das Ergebnis. Ich fühlte mich ihr in dem Moment unwahrscheinlich nah und ich denke, das sieht man auch. Blut ist eben dicker als Wasser!









17. Juli 2020
Interessante Fragen und noch interessantere Antworten, der Altersforscher Prof. Sven Voelpel im Gespräch. Kostprobe: „Es ist gut, wenn wir die Bewegung über den Tag verteilen, es hilft jetzt nichts, da irgendwie 16 Stunden zu sitzen, nichts zu tun und dann plötzlich eine Stunde Vollgas zu geben.“ oder: „Zuerst sterben die Alkoholiker, dann die Abstinenten und dann die „Normalen“.“
16. Juli 2020
Kann mir wer eine Pistole leihen?
16. Juli 2020

Mit Jenny im Kino gewesen. War sehr schön, gelacht und geweint. Der Kino-Einweiser hat uns in den falschen Kinosaal geschickt, wir haben uns nach einer halben Stunde dann doch gewundert, dass noch nicht mal Reklame kommt. Irgendwann ist dann doch aufgefallen, dass da was nicht stimmt und man hat uns in den anderen Kinosaal geschickt, wo der Film schon fünf Minuten gelaufen ist. Aber wir haben nichts Wesentliches verpasst, weil er eigentlich erst anfängt, wenn sich Anouk Aimée und Trintignant im Garten treffen. Diesen Film muss man sehen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Am Ende vom Film hat uns ein Mitarbeiter als Wiedergutmachung für die Kinosaalverwechslung Sekt-Gutscheine gegeben. Danach waren wir im italienischen Restaurant „Il Pane e le Rose“, wo große Schwarz-Weiß-Fotos von alten italienischen Filmen an der Wand hängen. Ich habe mit Frischkäse und Sardellen gefüllte frittierte Zucchiniblüte gegessen. War gut. Ganz viel erzählt. Jenny hatte mir beim Abholen zwei Leinwände mitgebracht und von ihr sehr interessant zusammengenähte Stoffreste, die werde ich weiterverarbeiten. Ein gemeinschaftliches Werk. Sie meinte, ich könnte es als Lappen zum Pinsel-Auswaschen nehmen, aber dafür ist es viel zu schade!
P.S. Mini-Album
15. Juli 2020
Am 12. Februar 2020 war ich zuletzt im Kino, mit Jenny. Wir sahen den Film Judy, mit Renée Dingsbums, die ich nicht leiden kann, weil sie mir zu affektiert ist, mit ihrer Schnute. Demzufolge war ich auch nicht von ihr in der Rolle zu begeistern, aber tolle Nebenrollen und großartige Ausstattung.
Heute gehe ich auch mit Jenny ins Kino. Seither haben wir uns nicht gesehen. Wir schauen uns die zweite Fortsetzung des französischen Films „Ein Mann und eine Frau“ von Claude Lelouch aus den Sechziger Jahren an. Er heißt „Die schönsten Jahre eines Lebens„, wieder mit Anouk Aimée und Trintignant in den Hauptrollen. Die beiden sind nun entsprechend älter. Anouk Aimée hätte ich sofort wieder erkannt, Trintignant eher nicht. Er hat früher nicht so einen weichen Blick gehabt und die Zähne sind etwas anders. Ich freue mich. Wir gehen ins Filmtheater am Friedrichshain. Es ist regnerisch in Berlin, also perfektes Kino-Wetter, wie bestellt. Danach eventuell zum Heurigen ins Schönbrunn.
15. Juli 2020
14. Juli 2020

Was aus der Hellebarde wurde, gestern Nachmittag in meinem Atelier verewigt. Blattgold, dc-fix, Gesso, Spachtel, Spiegelmosaik.
















