Es begab sich vor sechs Wochen, nämlich am 23. September 2020, dass Doro den glänzenden Einfall hatte, mich auf ein großes Konvolut Vanity Fair des letzten Vierteljahrhunderts aufmerksam zu machen, das ein mir seit langem bekannter Blogger, Volker, aka Glam weitergeben wollte.

Ich kannte ihn nur vom Lesen, erstaunlicherweise hatten wir uns trotz vielfältiger Überschneidungen im Freundeskreis seit Beginn unserer Blogger-Aktivitäten vor rund fünfzehn Jahren, nie kennengelernt. Das ist insofern bemerkenswert, als es ab 2005 viele Treffen und Lesungen gab, bei denen ich oft mit meiner Kamera anwesend war. Einmal sah ich ihn aus dem Augenwinkel an mir vorbeilaufen, es war bei einer Lesung in einem Lokal namens Offenbar, aber es war nicht der Moment um ihn anzusprechen, er war immer schon in einer Konversation und so glitten wir aneinander vorbei, was ich ein wenig schade fand.

Als ich nun über Facebook Interesse an den Jahrgängen zeigte, kamen wir schnell zu einer Verabredung. Er würde sich melden, wenn er im Oktober wieder in Berlin sei, und da machen wir die Übergabe. Anlass für die Weitergabe der Jahrgänge war sein Umzug und die Auflösung seiner Berliner Wohnung. Im Zuge dessen sichtete er, was er unbedingt mitnehmen wollte.

Am 12. Oktober fuhr ich um Halbsieben nach Kreuzberg und lief erstmalig viele, viele Treppen nach oben, in eine Dachgeschoßwohnung, in der ich mich irgendwie gleich daheim fühlte. Es waren noch alle Möbel da, viele Bilder und Fotos aus Zeitschriften hingen an den Wänden. Ein über zwanzig Jahre gewachsenes Universum mit viel Liebe zum Detail. Die Begrüßung war sehr herzlich und irgendwie vertraut, obwohl wir uns – bis auf diese Verabredung noch nie vorher ausgetauscht hatten, auch nicht kommentierernderweise in unseren Blogs.

Volker-Glam führte mich mit dem Putzlappen in der Hand durch sein Universum, entdeckte in seiner Bibliothek noch und noch einen wundervollen Bildbband, über den er sorgsam drüberwischte, bevor er ihn in einen Karton packte.

In der gemütlichen Küche mit weitem Blick über die Dächer sprachen wir in der Abenddämmerung über die selbstentworfenen Teppiche von Greta Garbo in ihrem New Yorker Apartment am Hudson River. Und über Marilyn, natürlich Marilyn, die niemand mehr liebt als Glam. Aber auch über persönliche Dinge und Beweggründe für den Umzug.

Ich hatte fast vergessen, dass ich wegen der Vanity Fair Hefte gekommen war. In diesem Zuhause gab es so viel zu sehen, angefangen mit dem beeindruckenden riesigen Foto von Liz Taylor, das etwa die Breite von zwei Metern im Flur einnahm. Oder das schwarz-weiß-Portrait von Greta Garbo an der Tür zum Schlafzimmer. Greta hatte eine echte Zigarette im Mund, die er mit viel Geschick tatsächlich so fixiert hatte, dass sie waagerecht von der Tür abstand. Ich war begeistert!

Die ganze Zeit über lief Musik im Zufallsmodus, u. a. drängelte sich Ingrid Caven immer mal in den Vordergrund, mit der er früher beruflich beim Viellieb-Plattenlabel zu tun hatte, aber auch sonst war es eine überaus angenehme Berieselung mit handverlesenen Songs, die ich zum Teil gar nicht kannte.

Am diesem ersten Abend schleppte ich zwei schwere Taschen Richtung Kottbusser Tor. So viel ich tragen konnte, sozusagen. Immer wieder musste ich eine Pause machen, bis ich endlich in die U 8 fiel und damit in meine Werkstatt fuhr. Dort setzte ich mich auf den Boden und begann nach Jahrgängen zu sortieren. Manche Hefte blätterte ich neugierig auf und blieb an Artikeln hängen. Je mehr ich blätterte, umso mehr machte sich der Wunsch bemerkbar, auch die übrigen Jahrgänge, die ich nicht tragen konnte, zu haben.

Wieder daheim teilte ich das Volker mit, der noch bis Mittwoch in Berlin sein würde. Ich kündigte mich gleich für den nächsten Abend erneut an. Mit neuem Schwung lief ich abermals die vielen Treppen nach oben in den schönen Adlerhorst. Vor der Eingangstür lagen schon fein säuberlich gestapelt die übrigen Hefte. Diesmal wollte ich mir ein Taxi leisten. Ich hatte vier große Taschen für den Transport dabei, darunter zwei große Reisetaschen. Und für den Fall der Fälle noch Packpapier und Paketschnur.

Abermals landeten wir alsbald bei einem Plausch in der Küche, die mit zartgelben und rosa Markisenstreifen ausgemalt war, und wo eine kleine Stehlampe mit Plissee-Schirm heimeliges Licht spendete. Wieder erfasste mich Bedauern, dass ich hier nicht mehr oft zu Besuch kommen könnte und wir uns erst so spät kennenlernten. Volker half mir die schweren Taschen nach unten tragen und rief das Taxi. Wir verabschiedeten uns mit einer warmen Umarmung.

Am nächsten Tag schickte er mir ein Foto von weiteren vier Vanities, die er noch gefunden hatte. Da war natürlich klar, dass ich abermals würde kommen müssen. Der ultimative Umzug aller Sachen war für die letzte Oktoberwoche vorgesehen. Um sich noch einmal zum Abschied gemeinsam mit Doro zu treffen, die das Ganze ja angeleiert hatte, verabredeten wir uns für einen Sonntag Nachmittag, wenige Tage bevor die Möbelpacker kamen. Doro holte mich zuhause ab. Ich hatte drei Sorten Florentiner gekauft und sie hatte feinste Tortenstückchen zur Kaffeestunde eingepackt.

Es war immer noch sehr wohnlich und gemütlich, als wir eintrafen, da alle Möbel noch an ihrem Platz weilten und sämtliche Lampen wohnliche Stimmung verbreiteten, und auch alle Bilder noch hingen. Im Arbeitszimmer stapelten sich schon mehrere fertig gepackte Umzugskisten mit Büchern und Filmen, aber es gab noch Einiges zu packen. Doro machte den Auftakt und bot an, sich um die Bilder zu kümmern. Ich widmete mich den Langspielplatten, von denen bereits die Hälfte zum Verschenken oder für den Trödel aussortiert waren. Darunter drei Marilyn-Schallplatten. Da Doro drei Söhne hat, hatte ich die brilliante Idee, sie könnte ja jedem ihrer Söhne eine Marilyn-Platte zu Weihnachten schenken. Sicher wäre die Freude groß! Wir mussten lachen, als wir uns die Gesichter der bereits sehr erwachsenen Jungs vorstellten, von denen sich bislang keiner als ausgewiesener Marilyn Monroe Fan geoutet hat.

Zwischen Packen und Hin- und Hergewuchte von Sachen, untermalt von Geblödel, machten wir immer mal ein Päuschen und erzählten. Glam fand zwischendurch immer wieder interessante Fundstücke in seinem Archiv, zeigte Fotos von sich, als er als ganz junger Beau modelte und las einen grandiosen Liebesbrief von einem verflossenen Lover vor. Dabei lief wieder seine schöne Musiksammlung vom ipod rauf und runter.

Die vier Vanities, die er noch gefunden hatte, breitete ich auf dem Teppich im Schlafzimmer aus und zeigte Doro, nach welchen Kriterien ich die Hefte auseinandernehme. Ein Häufchen für besonders schöne Artikel für die Jahrgangsbände, die ich binden wollte, ein Häufchen für eine besondere Edition für Glam, da ich mittlerweile einschätzen konnte, wo seine Spezialinteressen liegen, und ein weiteres Häufchen mit visuell besonders interessanten Seiten, die ich für Collagen oder Ähnliches verwerten wollte. Ich war mit den vier Heften in einer halben Stunde durch und half dann, die großen Bilder transportfähig zu machen. Ich wickelte sie dazu in Teppichläufer und fixierte das Ganze mit Paketschnur.

Nachdem die Bilder abgehängt waren, fiel es gar nicht mehr so schwer, sich vorzustellen, dass man dieses lauschige Nest überhaupt jemals verlassen könnte. Kaum sind die persönlichen Details weg, ändert sich die Wahrnehmung beträchtlich. Ich war froh darum, da ich wusste, dass in diesen Räumen unendlich viel gelacht und geweint und geliebt wurde, immerhin zwanzig Jahre lang. Gute Jahre. Weit nach Einbruch der Dunkelheit verabschiedeten wir uns, wieder mit dem Gedanken, dass es so bald kein Wiedersehen geben würde. Doro kannte Glam und die Wohnung seit vielen Jahren von früheren Treffen und Festen, ich dagegen erst seit zwei Wochen, aber der Abschied ging mir ähnlich zu Herzen wie Doro.

Wie es der Zufall so will, fanden sich in der Wohnung im Zimmer seines vorübergehenden Mitbewohners, der nun auch langsam seine Sachen packen musste, noch drei weitere Vanity Fair Hefte. Nicht nur weil ich ein sehr beharrlicher Typ bin, und nun wirklich jede herumschwirrende Vanity Fair in meine Edition einverleiben wollte, sondern auch weil ich Lust auf noch einen weiteren unterhaltsamen Abend zwischen Umzugskisten packen hatte, erklärte ich, dass ich nun ja wohl abermals vorbeischneien müsste. Gesagt, getan.

Am 27. Oktober 2020, dem Abend bevor die Möbelpacker kamen, lief ich nun zum vierten mal die Treppe in der Lausitzer Straße hoch, nun aber wirklich zum letzten mal. Wir begrüßten uns wie vertraute Freunde und erzählten ohne Punkt und Komma, während wir die letzten Regale ausräumten und abwischten. Die Musikanlage war zum Glück noch in Betrieb und die Lampen machten immer noch ihr heimeliges Licht.

Ich widmete mich dem Küchenregal, das sein Vater gebaut hatte, und fand beim Herumrücken einen alten Einkaufzettel, womöglich noch aus den Zeiten, als er mit Georgette Dee hier wohnte. Eine kleine Schubladenkommode links von der Spüle hatte sie mit in den Haushalt gebracht. Darauf packte ich nun Putzmittel und Wischlappen. Die Spüle war schon blitzblank, alles restliche Geschirr gespült und auf den Fensterbrettern aufgereiht, noch eimal setzten wir uns in den Schein der kleinen Lampe, ruhten aus und erzählten.

Zuletzt holten wir den schweren Lüster von der Decke im Flur, ich hielt die Leiter. Wir waren ein richtig gutes Team! Bei meinem letzten Weg aus der Wohnung begleitete Volker mich nach unten, er hatte ohnehin etwas zu seinem Auto zu bringen, den Holzkoffer mit der goldenen Schachtel darin, in der besondere persönliche Erinnerungsstücke waren, die alle mit ihm im Auto mitsollten.

Es stand in der Nähe der Skalitzer Straße und wir verabschiedeten uns nun zum vierten mal, aber bestimmt nicht zum letzten mal. Das nächste mal sehen wir uns sicher an einer anderen Ecke in Berlin wieder, aber wir sehen uns wieder. Das möchte ich mir erbeten haben. Ich kann mich nicht erinnern, irgendeine Freundin oder einen Freund in so kurzer Zeit so oft besucht zu haben.

Der Kontakt zwischen uns setzt sich nun virtuell fort. Ich zeige ihm, was ich an weiteren Entdeckungen in den Vanities gemachte habe, und was aus dem Konvolut, diesem Schatz von ihm, nun wird. Das hier sind Bilder von meiner Editierphase. Zwischen die Vanity Fair-Hefte hatte sich eine italienische VOGUE L’Uomo-Ausgabe geschmuggelt, in der sich eine schöne Fotostrecke mit Rufus Wainwright befand. Die musste natürlich zu ihm zurück, ich machte davon ein kleines Sonderheft und schickte es ihm mit der Post.

Meine weiteren Verarbeitungsschritte habe ich auch dokumentiert, aber eins nach dem andern. Ich musste jetzt unbedingt einmal diese Geschichte erzählen, wieso meine letzten Wochen derart von der Beschäftigung mit Vanity Fair bestimmt sind.

Ein bißchen was vom Weltgeschehen bekomme ich dennoch mit – apropos Trump: 2016 meinte Donald Trump einen Tweet absetzen zu müssen, der sich despektierlich über Vanity Fair äußert. Ihm ging wohl gegen den Strich, dass eines seiner Restaurants als unzulänglich bewertet wurde. Daraufhin schaltete die Vanity Fair auf der Startseite ein Banner mit dem Claim: „The magazine Trump doesn’t want you to read. Subscribe now!” So viel zu meiner Beschäftigung mit „The Worlds most talked about Magazine.“

Ich fahre nun wieder in meine Buchbinderwerkstatt. Bis ganz bald.

6 Antworten auf „09. November 2020

  1. Wow, also ich werde schon ganz zappelig, wenn ich nur eine einzige Zeitschrift lesen soll. Die Texte in Zeitschriften langweilen mich meist eher. Aber in der Vanity Fair sind ja zum Glück viele schöne, ästhetisch ansprechende Fotos drin. Früher war ich nach gut fotografierter Zeitschriftenwerbung und Modefotos ganz verrückt, da habe ich auch noch eine kleine Sammlung. Viel Spaß weiterhin!

  2. Das ist eine sehr sehr, sehr sehr sehr sehr schöne Erzählung! Sie hat es sogar vermocht, mir die Wartezeit auf dem Bürgeramt geradezu zu zuckern. Danke dafür.

  3. Cosima W.
    Eine sehr spannende Geschichte – wunderbar geschrieben! 👍

    Gaga Nielsen
    Ich danke dir. Für so aufmerksame Leserinnen wie Dich schreibe ich besonders gerne.

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