20. September 2022

Das erste mal war ich ergriffen, als der Sarg von Königin Elisabeth von den jungen Kadetten aus der Westminster Hall getragen wurde. Nachdem sie mehrere Tage mit weißem Blumenschmuck und der Krone auf ihrer persönlichen Königinnen-Flagge aufgebahrt war, wurde der Sarg für den letzten Weg neu geschmückt. Mit einem wunderbaren bunten Blumenbouquet aus den Gärten des Buckingham Palasts, Clarence House und Highrove. Dazu die königlichen Insignien, das Zepter, der Reichsapfel und die großen Krone. Eine wahre Pracht. Derart beeindruckendes historisches Zubehör gibt es nur bei königlichen Beisetzungen. Der Palast erklärt den sehr spirituellen Hintergrund des mit viel Bedacht gewählten Bouquets: „At His Majesty The King’s request, the wreath contains flowers and foliage cut from the gardens of Buckingham Palace, Clarence House and Highgrove House. This includes foliage chosen for its symbolism. Rosemary for remembrance; Myrtle, the ancient symbol of a happy marriage, and cut from a plant that was grown from a sprig of myrtle in Her Late Majesty’s wedding bouquet in 1947. And English oak, which symbolizes the strength of love. The remaining flowers are scented pelargoniums; garden roses; autumnal hydrangea; sedum; dahlias; and scabious, all in shades of gold, pink and deep burgundy, with touches of white, to reflect the Royal Standard, on which it sits.“

18. September 2022

Dann habe ich auch Blumen niedergelegt. Drei selbstgepflückte Schneeballhortensien-Blüten und lavendelblauen Hibiskus von unserem kleinen Hinterhofgarten. Ich habe sie unter ein Bild von Königin Elisabeth II. gelegt, das schon zwischen den Blumen lag.

18. September 2022

Am Eingang der British Embassy in Berlin Mitte, unweit vom Brandenburger Tor, in der Wilhelmstraße Ecke Unter den Linden, links vom Adlon, stehen zwei Holz-Staffeleien mit Hinweisen zum Eintrag in das Kondolenzbuch und zum Niederlegen von Blumen. Es wird gebeten, bitte nur Blumen für die Königin niederzulegen, keine anderen Sachen. Daran haben sich aber einige nicht gehalten, es gibt Teddybären, einen Regenschirm, Fotos und ganz, ganz viele Kerzen, Grablichter. Das darf großzügig alles trotzdem bleiben. Auf der Schwarzweißfotografie ist Königin Elisabeth II. bei ihrem Staatsbesuch in Deutschland 1978 mit dem damaligen Kanzler Helmut Schmidt auf dem Ku’damm in Westberlin zu sehen.

18. September 2022

Das war meine heutige Bekleidung, um Queen Elizabeth an der Britischen Botschaft mit Blumen zu ehren. Gut, dass Schwarz die allermeiste Farbe in meinem Kleiderschrank ist. Auf einem Foto habe ich wen von hinten vor den Blumen geknipst. Das einzige Schwarze war die Umhängetasche. Sonst Hellgrün. Fand ich blöd.

18. September 2022

Ein weiteres Lieblingslied von Königin Elisabeth II., „The White Cliffs of Dover“, gesungen von Vera Lynn. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1942, komponiert von Nat Burton und Walter Kent. Als es erschien, wütete der zweite Weltkrieg, Elizabeth war sechzehn Jahre alt. Vera Lynn wurde im zweiten Weltkrieg mit „We’ll meet again“ und ihren regelmäßigen BBC-Radio-Sendungen zur Ikone und wichtigsten Verbindung in die Heimat für die britischen Soldaten. Sie wurde 1975 von der Queen in den Adelsstand zur Dame erhoben. Als die Queen anlässlich des Corona-Lockdowns eine Fernsehansprache hielt, schloss sie feierlich mit den Worten „We“ll meet again“ und zitierte damit ganz sicher jene historisch bedeutsame Hymne von 1939. Aber ihr Lieblingslied von Dame Vera Lynn war „The White Cliffs of Dover“. Ich mag es auch sehr.

There′ll be bluebirds over
The white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see

I’ll never forget the people I met
Braving those angry skies
I remember well as the shadows fell
The light of hope in their eyes
And though I′m far away
I still can hear them say
„Thumbs up!“
For when the dawn comes up

There’ll be bluebirds over
The white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see
There’ll be love and laughter
And peace ever after
Tomorrow, when the world is free

The shepherd will tend his sheep
The valley will bloom again
And Jimmy will go to sleep
In his own little room again

There′ll be bluebirds over
The white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see

There′ll be bluebirds over
The white cliffs of Dover
Tomorrow, just you wait and see

17. September 2022

Zum Gedenken an Elena, Elle, Journelle. 18.11.1976 – 10.09.2022. Ich möchte für ihre Lieben und Freunde nur ein paar Bilder als Erinnerung teilen, die ich in den Jahren 2005, 2006 und 2014 von ihr gemacht habe und von denen ich weiß, dass sie sie selbst gerne mochte. Wer sie kannte, weiß ja wie sie war, ich mochte vor allem ihren hintersinnigen Humor. Farewell, liebe Elle-Journelle.

16. September 2022

Meine royale Trauerarbeit hat zutage gefördert, welche zehn Musikstücke Königin Elizabeth II. besonders gerne mochte. Ich werde nun bis zum Begräbnis am Montag die Stücke darunter posten, die ich auch sehr schön finde. Die Reihenfolge entspricht nicht der Top Ten-Reihenfolge, sondern meiner Lust und Laune. Es beginnt sehr romantisch und nostalgisch mit Fred Astaire, der die Irving Berlin-Komposition „Cheek to Cheek“ aus dem Filmmusical „Top Hat/Ich tanz mich in Dein Herz hinein“ singt, eine Aufnahme aus dem Jahr 1935. Als der Film herauskam, war Lilibet neun Jahre alt. Womöglich konnte sie ihn sogar im Heimkino im Palast gucken. Wir werden es nie erfahren! Sie war überhaupt ein großer Fred Astaire-Fan und mochte Musicals aus der Ära besonders.

Heaven… I’m in heaven, And my heart beats so that I can hardly speak. And I seem to find the happiness I seek, When we’re out together dancing cheek to cheek. Heaven… I’m in heaven, And the cares that hung around me through the week, Seem to vanish like a gambler’s lucky streak, When we’re out together dancing cheek to cheek. Oh, I love to climb a mountain, And to reach the highest peak. But it doesn’t thrill me half as much As dancing cheek to cheek. Oh, I love to go out fishing In a river or a creek. But I don’t enjoy it half as much As dancing cheek to cheek. Dance with me! I want my arms about you. The charms about you Will carry me through to… Heaven… I’m in heaven, And my heart beats so that I can hardly speak. And I seem to find the happiness I seek, When we’re out together dancing cheek to cheek.

15. September 2022

Meine Woche: viel Arbeit, danach royale Neuigkeiten zur Trauer um die Queen gucken. Ich habe tatsächlich auch jeden Tag das Bedürfnis mich angemessen anzuziehen. Schwarz, manchmal ein bißchen Weiß dabei. Heute: schwarze (fake) Lederhose, schwarzer Pullover mit großen weißen Blüten. Fotos mach ich keine davon. Geht ja nicht um mich. Erst nach der Beisetzung werde ich das ändern. Liegt vielleicht daran, dass ich ein emotional sehr hingebungsvoller, gründlicher Typ bin. Habe auch neulich, also vorgestern weinen müssen, als der Flieger mit dem Sarg der Queen vom Flughafen in Edinburgh abgehoben ist. Weil ihr Schottland so viel bedeutet hat. Dieser allerallerletzte Abschied von diesem Flecken der Erde. Und immer wenn diese ganzen uniformierten Schotten oder auch andere Gardisten die Hacken zusammenknallen und so zackige Gesten des Respekts machen, wie die Hand an der Mütze, genau auf den Punkt gleichzeitig, denke ich immer: Ja. Angemessen. So muss das sein. Dabei habe ich früher Militäruniformen u.s.w. gehasst. Jetzt sehe ich dieses stark Rituelle als tiefe, besinnliche, angemessene Würdigung. Wie sich manches so ändert… Ich wünschte, uniformierte Gardisten würden nur bei solchen friedlichen Abschieds- und Würdigungsritualen zum Einsatz kommen. Die polierten Waffen nur als historische Accessoires wie ein schicker Gürtel und tolle Stiefel.

13. September 2022

Elizabeth II. öffnete zum Thronjubiläum in diesem Jahr ihr privates Archiv mit Familienaufnahmen, Fotografien und Filmschnipseln, teilweise von ihr selbst aufgenommen und kommentiert. Mit der BBC zu einem schönen Film zusammengeschnitten, in der Arte-Mediathek und auf Youtube zu sehen: „Elizabeth II., ganz privat“. Ihren Vater, King George finde ich in den privaten Filmen besonders sympathisch. Gelassen und humorvoll und attraktiv!

11. September 2022

Foto vom Buckingham Palace. Heute Nachmittag wollte ich zur Britischen Botschaft, die niedergelegten Blumen ansehen, aber fühlte mich dann nicht danach. Es war auch überwiegend bedeckt. Stattdessen schaute ich im livestream die Überführung von Königin Elizabeths Sarg von Balmoral nach Edinburgh. Drohnen und Kameras am Straßenrand filmten den Konvoi, die ganze fünfstündige Autofahrt von Norden nach Süden durch ganz Schottland. Besonders beeindruckend war die Fahrt über die große weiße Brücke „Queensferry Crossing„. Da gab es Applaus und auch als das Auto mit dem gläsernen Heck in Edinburgh eintraf.

Jetzt ist sie gerade in das Schloss Holyroodhouse in Edingburgh, nach oben in den Thronsaal gebracht worden, wo sie über Nacht bleibt. Princess Anne ist den ganzen Weg in einem Bentley hinter ihr gefahren, mit ihrem Mann bei sich. Am Schloss waren schon Edward und Sophie und Andrew. King Charles ist im Buckingham Palast und kommt morgen früh mit Camilla dazu.

Dann gibt es eine Prozession, da werden ihre Kinder und Camilla hinter dem Sarg laufen, vom Schloss zur St. Giles Cathedral, wo Elizabeth einen Tag aufgebahrt wird. „To Lie in State“ heißt das auf Englisch. Der Sarg steht erhöht auf einem Katafalk und auf einem Podest, ist aber geschlossen, ein prächtiges Tuch liegt darüber, „The Royal Standard“ und darauf die Krone. An allen vier Ecken stehen Wächter, die dem königlichen Haushalt dienen. Dann geht ihre letzte Reise weiter, mit dem Flieger heim nach London. Dann zum Buckingham Palace und von da gibt es wieder eine Prozession mit dem Sarg zum Westminster Palace, da wird sie wieder aufgebahrt, vier Tage lang, damit das Volk sich verabschieden kann. Und am 19. September um 11 Uhr ist die letzte Prozession vom Westminster Palace zur Westminster Abbey, wo die Staatsbegräbnisfeier stattfindet. Und ganz zuletzt gibt es einen Konvoi nach Windsor zur St. Georges Chapel, zur Familienfeier und der Beisetzung in der Gruft neben ihrem Philip.

10. September 2022

„Royal beekeeper has informed the Queen’s bees that the Queen has died and King Charles is their new boss.

The royal beekeeper – in an arcane tradition thought to date back centuries – has informed the hives kept in the grounds of Buckingham Palace and Clarence House of the Queen’s death.

And the bees have also been told, in hushed tones, that their new master is now King Charles III.

The official Palace beekeeper, John Chapple, 79, told MailOnline how he travelled to Buckingham Palace and Clarence House on Friday following news of The Queen’s death to carry out the superstitious ritual.

He placed black ribbons tied into bows on the hives, home to tens of thousands of bees, before informing them that their mistress had died and that a new master would be in charge from now on.

He then urged the bees to be good to their new master – himself once famed for talking to plants.

The strange ritual is underpinned by an old superstition that not to tell them of a change of owner would lead to the bees not producing honey, leaving the hive or even dying.“

Daily Mail, 10. September 2022

09. September 2022

„Marilyn ist tot.“

„Kannst du dich an den Tag erinnern, als die Nachricht kam, dass John F. Kennedy erschossen wurde?“

„Wo warst du, als Elvis starb?“

„Weißt du noch…., als John Lennon erschossen wurde?“

„?!??? ROMY ist tot????

„Die Mauer ist auf…?????!!!!!??????????????“

„RIO…..????????!!!???“

„Frank Sinatra….“

„Marlene…“

„Greta Garbo?!?! – – – oh…“

„Hilde….“

„Omg… Diana…“

„Michael Jackson….wtf…“

„PRINCE…. <3 !!!!!!“

„Whitney….“

„David…. David….“

„Queen Elizabeth…<3 …Lilibet…“

Ja. Ich kann mich erinnern. Ich war am 8. September 2022 in einer Galerie in Charlottenburg, Schlüterstraße 70, als Lydia mir sagte, dass die Queen, Königin Elisabeth, gestorben ist. Jede und jeder machte ein ehrlich betroffenes Gesicht, DIE Queen. Es gab nie eine andere. Alle anderen Königinnen der Erde zu unseren Lebzeiten waren niemals die Queen. Es gab nur eine. Ich war in ihren letzten Lebensjahren sehr angerührt davon, dass sie immer weicher wurde, ihre Zärtlichkeit kam richtig über die Rampe, das freute mich, weil sie mir früher etwas unnötig streng erschien. Sie war nämlich in Wahrheit lustig und großzügig, aber auch sehr diszipliniert. Und sehr diszipliniert müssen ja nur Leute sein, die so eine lockere Persönlichkeit haben. Ich mochte sie zuletzt sehr.

Mick Jagger schreibt:

„For my whole life Her Majesty, Queen Elizabeth II has always been there. In my childhood I can recall watching her wedding highlights on TV. I remember her as a beautiful young lady, to the much beloved grandmother of the nation. My deepest sympathies are with the Royal family.“

Nach der Ausstellungseröffnung von Jan, wo wir es erfuhren, gingen wir zur Paris Bar, um draußen in dieser immer noch lauen Spätsommernacht mit Champagner auf Lizzie zu trinken. Das fühlte sich angemessen und richtig an. Wir stießen an und schauten nach oben in den Nachthimmel, die Sterne. Von Berlin. Europa. Der Welt.

Ruhe in Frieden, Elizabeth. ♕

08. September 2022

Der Herr Jesus. Gotische Schnitzfigur um 1500. St. Georgen-Kapelle zu Templin. Einerseits ist er ja sehr realistisch abgebildet, mit dem frischen Blut überall. Aber hätte er sich mit den vielen kleinen Wunden nicht lieber erst einmal hinlegen sollen, bis der Rettungswagen kommt, anstatt sich auf so einem harten Feldstein niederzulassen? Ich finde das nicht sehr plausibel! Auch verstehe ich nicht, warum er nackig da sitzen muss. Um 1500 hat es doch gewiss keine Zentralheizung in der kleinen Kirche gegeben und er musste zu allem Überdruss auch noch bitterlich frieren. Ist das die Vorstellung von christlicher Nächstenliebe? Ich prangere das an!

08. September 2022

Die Templiner Pastorin Lydia bei der feierlichen Amtseinführung am letzten Samstag in der Sankt Georgen-Kapelle zu Templin. Die Uckermark kann sich glücklich schätzen, so eine zugewandte, junge Pastorin zu bekommen. Hinter ihr in der Bank sitzt ihr Amtsvorgänger, Pfarrer Ralf-Günther Schein. Mit Wehmut denkt er an die Amtsjahre im schönen Templin zurück. Und die Aufregung, als er damals Angela Merkel in die Magdalenen-Kirche eingeladen hatte, um über ihren Glauben zu sprechen. Und sie kam und sprach. Schön war’s! Wir dürfen gespannt sein, welche prominenten Gläubigen die junge Pastorin zu sich in die Gemeinde bitten wird. Da sie sehr kulturinteressiert ist, könnte der eine oder andere Schriftsteller oder Musiker oder bildende Künstler in einem der nächsten Gottesdienste zu Gast sein. Man darf gespannt sein! Unter dem Siegel der Verschwiegenheit hat mir Pastorin Lydia gestanden, dass sie eigentlich katholisch ist, und demzufolge nicht als evangelische Pastorin eingestellt werden hätte dürfen. Das bleibt bitte unter uns. Sie ist für diese Aufgabe einfach geschaffen!

08. September 2022

Templin. Feldsteingemäuer. Haben nicht viele Städtchen so kontinuierlich, ausgiebig, umfassend. Fühlt sich auch gut an, wenn man die alten Steine berührt. Und sehr ruhig da. Und leer. SEHR.

06. September 2022

Am Markt von Templin, in der Mitte das alte rosa Rathaus, heute Tourist-Information. Sehr adrett und appetitlich. Überhaupt: alle Fassaden in Templin schauen aus, als wären sie gerade frisch gestrichen worden. Vielleicht gab es da einen besonderen Anlass? Angela Merkel wuchs in Templin auf und kam vor einer Weile in die Maria-Magdalena-Kirche um ihren persönlichen Glauben zu erhellen. Der damalige Pfarrer war auch beim Poesie- und Musikfestival in der kleinen Georgen-Kapelle. Um noch einmal auf den Kantor zurückzukommen, der mir erzählte, dass die kleine Kapelle als einziges Gebäude unbeschadet durch die Jahrhunderte kam: er erwähnte Stadtbrände. Große Brände! Und guckte ein bißchen überrascht, dass ich zum ersten Mal davon hörte. Bei großem Stadtbrand fällt mir nur Dresden ein, andere sind bislang nicht zu mir durchgedrungen. Und dieses rosa Rathaus hatte an derselben Stelle wohl auch mehrfach durch mittelalterliche Brände zerstörte Ratsstuben. Diese rosa Barockversion ist von 1751 und im 2. Weltkrieg bombardiert worden und entsprechend beschädigt. Und wiederaufgebaut, wie man sieht. Heiraten kann man da natürlich auch. Der Trausaal kostet 60 Mark Euro die Stunde = o.k.

06. September 2022

Die zauberhafte St. Georgen-Kapelle in Templin. Erbaut im 14. Jahrhundert und niemals zerstört worden. Sie ist exakt so erhalten, wie sie in vorreformatorischer Zeit erbaut wurde, heißt es auf der Seite der Kirchengemeinde. Ein Schmuckkästchen. Und der Kantor sagte sogar, das sei das einzige Gebäude in Templin, das niemals in irgendeiner Weise Schaden genommen hat, das älteste dazu. Beeindruckend. Und so heimelig und freundlich. So schöne Glasintarsien-Türen hätte bestimmt jeder gerne bei sich daheim.

05. September 2022

Bin mir nicht sicher, ob ich heute noch einen auwändigeren Eintrag mit Bildern hinbekomme. Eher nicht. Stattdessen empfehle ich ein Chanson von Salvatore Adamo – Oui la mer… a versé tant d’amour dans le creux de ses vagues le temps d’un été (1970). In meiner Kindheit war der am 1. November 1943 auf Sizilien geborene, in Belgien aufgewachsene Adamo sehr präsent im deutschen Fernsehen und im Radio. Alle nannten ihn nur Adamo und dachten, das sei sein Vorname. Dass er nicht nur ein weiterer Interpret von leichtfüßigen Liedern war, habe ich erst vor kurzem verstanden, als ich ein Portrait über ihn auf Arte sah. Ein Komponist, Musiker, Texter und Interpret seiner eigenen Chansons, dieser Salvatore Adamo. Und dieses Chanson kannte ich überhaupt nicht, habe es erst nach der Doku aufgestöbert. Was für ein langer Titel: Oui la mer… a versé tant d’amour dans le creux de ses vagues le temps d’un été. Es klingt danach, wovon der Text erzählt….“Ja, das Meer… hat einen Sommer lang so viel Liebe in die Mulde seiner Wellen gegossen“ Gar nicht so schlecht von google übersetzt. Schöner Text, schönes Chanson. Einfach hören.

04. September 2022

Gestern in Templin! Ich weiß gar nicht, was ich zuerst posten soll. Das Mittelalter hat mich voll im Griff – könnte man denken! Es war aber einfach Schicksal, dass ich schon wieder vor derart altem Gemäuer gelandet bin. War ein feiner Ausflug, aber die Autofahrt hat sich ein bißchen gezogen, weil mir wie früher als Kind bei der Fahrt ein klein bißchen schwummrig wurde. Dabei hatte ich mich total auf die Autofahrt gefreut. Ich plädiere das nächste mal für Mercedes oder BMW, der Federung wegen! Als wir da waren, und die hübschen alten Stadtmauerreste und Bögen und das ganze adrette Templin vor uns lag, war die Erholung recht schnell da. Eisbecher gabs auch: Banana Split. Und am Abend natürlich das Kultur-Poesie-Musikfestival, bei dem Lydia las und phantastische Musik auf Violine und Orgel zu Gehör kam. Das war Weltklasse, in einer zauberhaften kleinen Renaissance-Kapelle. Jetzt habe ich aber noch so viele andere Fotos von den anderen Ausflügen. Ich muss Prioritäten setzen. Am besten nach Lust und Laune. Sinwellturm oder Nizza oder Templin? Aber heute ist erst mal Sonntag und die Sonne scheint schon wieder. Erst mal Kaffee!

03. September 2022

Heute Ausflug! Wetter passt auch. Es geht nach Templin. Das ist ein Städtchen in Brandenburg, wo ich noch nie war. Angela Winkler ist in Templin geboren und es gibt auch ein paar mittelalterliche Bauwerke. Und Wasser. Lydia holt mich um 14 Uhr mit dem Auto ab. Am Abend findet eine Lesung mit Violine und Orgel in einer Kirche statt, da ist sie dabei, beim 4. Internationalen Musik-und Kulturfestival Uckermark. Ich gucke nur zu und mache bestimmt Fotos. Vielleicht können wir einen Eisbecher essen, das wäre toll. Ist ja ein besonderer Ausflug und daher angemessen. Die Fotos sind nicht von heute, sondern von vorgestern, bevor ich meinen Geburtstagsausflug gemacht habe, also auch passend. Ich setzte mich jetzt auf den sonnigen Balkon und mach mich zurecht. Dazu Ferienmusik, vielleicht B.B. oder Moustaki oder Françoise Hardy…!

02. September 2022

Nachdem ich den Eisbecher verzehrt hatte, bin ich für „Damen“ gegangen, dafür musste ich hinten durch, an der Eistheke vorbei, wo die unglaublich hübsche Eisverkäuferin die Bestellungen entgegennahm. Sie sah original aus wie Brigitte Bardot 1954 mit dunkelbraunen Haaren. Die hatte sie aber nicht zum Pferdeschwanz, sondern so einen frechen Dutt, ganz oben auf dem Kopf. Das ist eine Frisur, die nur ganz außergewöhnlich hübsche Frauen kleidet, die meisten sehen damit aus wie Liselotte Pulver in Kohlhiesels Töchter. Was nicht als Kompliment gemeint ist. Also nichts gegen Liselotte Pulver, ich hab sie gern, aber sie war keine Bardot. Aber zurück zur Eisverkäuferin, sie hatte also diesen modischen Dutt, der bei ihr wirklich schick, gepflegt appetitlich und eben nicht messy wie gerade aufgestanden und Haare irgendwie nach oben zusammengewurstelt, aussah. Dazu große silberne Creolenohrringe, eine tolle Figur, die in ihrer engen Röhrenjeans gut zur Geltung kam. Aber der Mund! Der Schmollmund! Und dazu so ein leicht trotziger Ausdruck, aber nicht dummfrech, sondern intelligent trotzig. Ich war komplett fasziniert, dass da so eine vollendete Kinoschönheit die Eiskugeln zaubert.

Die Waschräume waren über einen Gang zu erreichen, der ein senkrechtes Gitter nach draußen hat und baulich mit dem Sinwellturm verbunden ist. Meinem nächsten großen Ziel. Ich war beinah ein bißchen aufgeregt deswegen, weil ich mir schon Stunden vorher in den Kopf gesetzt hatte, raufzusteigen, und jetzt war ich kurz davor. Das Sonnenlicht blitzte unverändert durch die Streben vom Gitter, da links ums Eck war er, schon zum Greifen nah. Nur noch ein bißchen frisch machen und endlich hinauf! Wie das große Abenteuer „Als ich einmal den Sinwellturm bestieg“ ausging, erzähle ich ein andermal weiter, denn für heute habe ich wirklich genug geschrieben! Zehn Einträge! Ich hab mitgezählt…!

02. September 2022

Es ist halbvier am Nachmittag geworden. Jetzt ein Eisbecher und ein kaltes Getränk im schattigen Burgcafé, der Hochsommertag hat noch zugelegt, drinnen im Café sind nur wenige Plätze besetzt, draußen ist es voll. Später daheim in Berlin lese ich, dass das Burgcafé mit der schönen Eisauswahl erst im letzten Jahr eröffnet hat. Vorher gab es noch nie ein Lokal direkt im Burghof. Deswegen kannte ich es auch nicht. Aber ich hatte gedacht, ich habe es bestimmt früher nicht bemerkt oder vergessen. War gar nicht so…! Wenn ich mir einen Eisbecher bestelle, kommt so richtig Ferienstimmung auf, weil ich das nur zu besonderen Ausflügen mache. So will ich es weiter halten! Gestern, an meinem Geburtstag, habe ich auch einen Ausflug gemacht, auf die Kuppelterrasse vom neuen Berliner Schloss, und danach unten im Schlüterhof im Lokal Alexander, draußen neben den dicken Säulen einen gemischten Nuss-Eisbecher bestellt. Wie Urlaub und vereist!

02. September 2022

So Herrschaften, DAS WAR’S! Der Rundgang durch Palas und Kemenate der Nürnberger Kaiserburg ist beendet! Werfen Sie noch einen letzten Blick auf das Holzmodell und aus dem Fenster, und dann zum Ausgang bitte rechts. Der Hinweis sei mir gestattet, dass ich bei meiner Führung nur Exponate gezeigt habe, die mich persönlich angesprochen haben, daher habe ich die in einer Vitrine präsentierte „Goldene Bulle“ und vieles mehr geflissentlich übergangen. So bleiben auch noch ein paar Sachen für Ihren persönlichen Besuch. Dann können Sie auch den Rittersaal im Erdgeschoss begutachen, der mir zu sparsam möbliert war. Oder die Kapelle. Oder Sie heften sich noch einmal auf meine Spuren und nehmen den herrlichen Adler im Schlafgemach selbst in Augenschein. So, jetzt aber raus hier! Dort drüben im äußeren Burghof wartet die Schänke, wir wollen einkehren und rasten!

02. September 2022

Hmpf… Waffen und Reitsport… Beides so gar nicht meine Welt. Jetzt dämmert mir auch, dass Polo, was in den britischen Adelskreisen so in Mode ist, eigentlich eine entschärfte Form von diesen Ritterspielen mit Fechten vom Pferd aus ist. Ich hab mir einmal ein Poloturnier inclusive Unterrichtsstunde reingezogen, weil es gratis bei einem Betriebsausflug war, Bogenschießen war auch dabei. Das mit dem Bogen fand ich noch ganz schick, hab mich aber auch erstaunlich ungeschickt angestellt, dann ist mir die Lust vergangen. Das war ganz schön anstrengend, den Bogen auf die vorgeschriebene Art zu halten, und dann mit dem Pfeil die Sehne im richtigen Winkel zu spannen. Pferde finde ich zwar bildschön und sympathisch, aber mehr als Streicheltier. Ich habe keinerlei Drang mich draufzusetzen und dem Tier zu vermitteln, dass es in eine von mir geplante Richtung traben soll. Ich saß mal auf einem großen Schimmel einer Freundin und bin dann so rumgetrabt. War mal ganz nett, hat dann auch gereicht. Vor allem wird das ja meistens in ausgezirkelten Reithöfen praktiziert, so ein wildes Entlanggaloppieren an der Küste der Camargue oder querfeldein ist ja nahezu ausgeschlossen. Also nichts für mich. Dieses Pferdemädchen-Gen was manche ereilt, ist an mir komplett vorbeigegangen. Als jüngeres Mädchen hab ich ein paar mal Freundinnen begleitet, die mit Wonne Hufe ausgekratzt haben, das war mir schon unheimlich. Auch dieses Striegeln und Stall ausmisten. Nö. Aber wie gesagt: bildschöne, vollendete Kreaturen.

02. September 2022

Ich war ja neulich in Nürnberg Mitte in dieser angesagten Boutique für avantgardistische Hutmode. Das eine Modell geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf, das groß abgebildete mit dem knochenförmigen Ausschnitt. Bald kommt der Herbst, da wäre so eine unverwüstliche Metallkappe ein hipper Hingucker. Ich muss noch mal hin und aufprobieren. Meine Prada-Sonnenbrille sollte schon durch die Öffnung passen, bin mir nicht sicher. Die feuerwehrmäßigen Regenhüte wären jetzt nicht so mein Stil. Aber manches muss man auch angezogen sehen. Preislich weiß ich noch gar nicht, wo die Sachen so liegen, aber vermutlich oberes Preissegment. Wenn kein Preisschild in der Auslage ist, ist das schon immer ein Zeichen, dass sich die exclusive Zielgruppe „Über Geld spricht man nicht, das hat man“ angesprochen fühlen darf.

02. September 2022

Ritterrüstungen finde ich schon interessant, vom modischen Aspekt her. Angenommen, ich wäre eine emporstrebende Designerin mit Einladung zur New York Fashion Week, würde ich mich für mein Debut von der einen oder anderen Rüstung inspirieren lassen. Ich habe noch keinen Harnisch ohne beeindruckende, figurbetonte Details gesehen. Bei dieser kleinen Burg-Collection ist eindeutig das schwarz-silberne Modell mein Favorit. Und kesse Handschuhe!

02. September 2022

Ohne das Mittelalter beschönigen zu wollen, muss doch festgehalten werden, dass diese ganzen Lanzen, Säbel, Dolche und Schwerter nicht ohne bildschönes Dekor geschmiedet und ziseliert wurden. Mein pazifistisches Auge bleibt da gerne hängen. Andernfalls hätten diese Ausstellungsstücke aber auch so gar keine Interessantheit für mich. Hier ist es eher der Raum an sich, eines der Obergeschosse der Kemenate. Aber ich kann diesen exorbitanten Teil der Exponate nicht völlig unter den Tisch fallen lassen. Und wo, wenn nicht auf einer mittelalterlichen Festung, gehören diese unverwüstlichen Kampf-Instrumente präsentiert. Kunsthandwerklich Eins A. Kann man vom zeitgenössischen Kriegs-Equipment nicht behaupten. Nicht einmal als Deko taugt es.

02. September 2022

„ARMILLARSPHÄRE MIT GEHÄUSE“. „ZENTRALUHR DES OBSERVATORIUMS AUF DER VESTNERTORBASTEI“. Das ist Musik in meinen Ohren! Tatsächlich war ich nach Besichtigung vieler formschöner Waffen, Säbel, Dolche, Speere, richtig erfreut, diese prachtvolle, beeindruckende ARMILLARSPHÄRE von 1680 bewundern zu dürfen. Habe das Wort nie vorher gehört. Dass auf der Bastei am Vestnertor eine mittelalterliche Sternwarte war, hatte ich aber schon mal im Vorbeigehen gelesen. Tolle Apparate, die ich zwar nicht zu benutzen wüsste, aber sei’s drum. Da ich unverändert Schulferien propagiere, folgt keine weitere Belehrung.

01. September 2022

Also gut, ich will mal nicht päpstlicher als der Papst sein. Bei einem Stein handelt es sich zwar nicht um Naturalien im Sinne von Essen oder Trinken, aber er ist natürlich natürlich und hat auch schon einen passablen Platz in einem Blumentopf gefunden. Allerdings ist Lydia vollumfänglich dadurch entschuldigt, dass sie ein Päckchen des von mir bevorzugten Kaffeepulvers sowie EDLE TROPFEN IN NUSS besorgt hat. Und zwar die richtigen, die mit den ObstBRÄNDEN. Ich habe inzwischen auch schon vier davon gefrühstückt, Qualität war auch in Ordnung. Das sprudelige Getränk hat mir Ina gestern noch zwischen Autotür und Angel vermacht, wofür ich auch zeitnah Verwendung sehe. Hier ist zu loben, dass schon an der Verpackung zu sehen war, dass es ein Getränk ist, mir wurde also die Zitterpartie erspart, ob da nicht doch ein handgedrechselter Kerzenhalter in meinem trauten Heim einzuziehen gedenkt. Geburtstagsgeschenke sind eigentlich doch okay, vorausgesetzt, die von mir erlassene Geburtstags-Verordnung wird penibel eingehalten! Darauf Edle Tropfen in Nuss!

01. September 2022

Wir haben in der Kemenate auch Fenster gen Osten. Dort kann ich meinen liebsten Turm erblicken, den Sinwellturm, den ich alsbald ersteigen werde. Mir fällt gerade auf, dass sich das Motiv etwas wiederholt, aber ich habe ihn eben zu gern, meinen Sinwellturm!

Irgendwie komisch, jetzt schon September als Datum zu schreiben, das Jahr ist doch noch nicht lange. Ich denke, ich mache jetzt erst mal Schluss mit Einträge schreiben, dafür ist noch Zeit wenn schlechtes Wetter ist. Ich gehe jetzt Geschenke auspacken. Gestern Abend habe ich doch Mitbringsel bekommen, hoffentlich nur Essen und Trinken. Beste Naturalien! Sonst muss ich schelten.

01. September 2022

Guten Morgen aus der Kemenate der Nürnberger Kaiserburg. Wünsche wohlgeruht zu haben! Der Blick schweift nach Westen, über die Bastion der Veste hinweg, zu den Häuschen der Bürger, da wo die fleißigen Handwerker und Dienstboten daheim sind. Sie haben es auch schön. Aber noch schöner ist es auf der Kaiserburg! Das sage ich als Burgfräulein! Ich bin heute schon zeitig auf, weil ich nach vier Stunden Schlaf schon wieder wach war. Dann bin ich einfach aufgestanden, es war erst kurz vor halbfünf und noch dunkel! Aber heute ist auch ein besonderer Tag. Mein Geburtstag! Da mache ich gerne mal etwas ganz anderes als sonst. So richtig ausgeschlafen bin ich aber nicht. Die Sonne lacht, mal sehen, was der Tag noch bringt. Gestern Abend war ich mit drei anderen Burgfräulein, nämlich Jenny, Lydia und Ina in einer Lokalität, wo ein Lustspiel gegeben wurde. Die Künstlerin Gérôme Castell hat einen Huldigungs-Abend zu Ehren von Hildegard Knef aufgeführt, ja genau, wie die heilige Hildegard von Bingen. Danach sind wir zeitig heimgefahren, ich fühlte mich etwas unpässlich, daher kaum Alkohol. Ich war eine Minute vor Mitternacht im Bett.

31. August 2022

Hübsche Pappkulissen im Eckraum. Und der Übergang zu einem anderen Flügel der Burg, zur Kemenate. Die Verbindung ist wohl neu, früher waren in der Kemenate die Schlafgemächer der Burgfräulein. Jetzt aber auf vielen Etagen Exponate vom Germanischen Nationalmuseum, es ist sozusagen eine Abteilung vom Museum mit Sachen, die eine besondere Beziehung zur Burg haben. Und schönen Ausblicken aus den Fenstern. Dazu morgen!

31. August 2022

Hinter dem Schlafzimmer, im Palas der Kaiserburg, also hinter der „Kammer des Kaisers“ kommt ein Raum, der schlicht als „Eckraum“ bezeichnet wird, und von dem es heißt, dass nicht bekannt ist, wofür er genutzt wurde. Jetzt wird allerlei dort gezeigt, unter anderem die Kaiserkrone aus einem 3D-Drucker! Allerhand. Aber für mich am Wichtigsten: die unerwartete Wiederbegegnung mit Albrecht. Er lässt mich nicht locker! Diesmal auf einem riesigen Wandbild von 1895 von einem Maler namens Wanderer, mit anderen berühmten Nürnberger Künstlern der „Dürerzeit“ wie es heißt. Das ist auch eine Liga von weltlicher Anerkennung, dass eine ganze Epoche, die die Lebensspanne von einem bestimmten Menschen umfasst, nach dem Menschen benannt wird. Der Direktor vom Kunsthistorischen Museum in Wien benutzt auch oft das Wort „dürerzeitlich“. Ich gestehe, schon ein bißchen starstruck von dem Rummel um ihn zu sein. Aber ganz objektiv: er sieht auch bei weitem am besten aus, von allen Männern auf dem Gemälde. Eine Erscheinung! Wie groß er war, konnte ich nicht herausfinden, aber wohl der Größte auf dem Bild. Die Schuhe finde ich auch sehr putzig, solche habe ich noch niemals gesehen. Wie Bärentatzen!

31. August 2022

Immer mittendrin, mit seinem Fahrrad, der sympathische Hans-Christian Ströbele. 7. Juni 1939 – 29. August 2022. Die Fotos habe ich am 26. März 2011 gemacht, bei der Abschalten-Demo, anlässlich der AKW-Katastrophe in Fukushima. Keinen bekannten Politiker habe ich öfter zufällig unterwegs gesehen, er hatte immer sein Fahrrad dabei. Am Spreeufer oder auf auf einem S-Bahnsteig. Einer meiner Lieblingspolitiker, besonnen und doch unbestechlich.

30. August 2022

Halleluja…! Was für eine Decke. Sofort kann ich mir vorstellen, hier zu liegen, im King Size Bett von Kaiser Karl und seinen Doppeladler zu bewundern. Hier also nächtigt der Monarch. Obwohl ich nicht der rustikale Wohntyp bin, gefällt mir sein Schlafzimmer überraschend gut. Auch der shabby Schick der einen Wand beim Durchgang, diese Patina – das ist wirklich gut gemacht.

30. August 2022

Wichtigstes Möbelstück in seinem Wohnzimmer ist für den medienaffinen Kaiser ein modernes Smartboard im quadratischen Instagramformat mit Internetzugang, das zugleich als Fernsehgerät dient. Hier bewundern die Tochter und Söhne des Herrschers (von links nach rechts: Prinzessin Margarete, Kronprinz Sigismund, Prinz Johann und Prinz Heinrich) die sehr gute Auflösung der Neuanschaffung im elterlichen Palast. Die prachtvoll bemalte Holzdecke mit den Insignien wie dem stolzen Adler des Hl. Römischen Reiches hingegen wird keines Blickes gewürdigt, da die Kaiserkinder den Anblick von klein auf gewohnt sind und schon in der handgeschnitzten Wiege hinreichend begutachten mussten.

30. August 2022

Die gute Stube des Kaisers besticht durch einen minimalistischen Einrichtungsstil. Kaiser Karl liebt es schlicht, daher sehen wir keine Raffgardinen mit üppigen Volants und Schabracken. Blickdichte Rollos aus feinstem niederländischen Leinen entsprechen dem zum Understatement neigenden Geschmack des Monarchen.

30. August 2022

Herrschaftszeiten! Es ist so weit. Meine persönliche Audienz bei Kaiser Karl IV. Die Karlsbrücke in Prag, wo er 1316 als Wenzel geboren wurde, ist nach ihm benannt und auch Karlsbad. Vor mir sitzt aber nicht „Karl der Große“, das war wieder ein anderer, offiziell „Kaiser Karl I.“, 747 geboren, also 569 Jahre vor Karl IV. Kann man alles leicht verwechseln. Die Nürnberger Kaiserburg wurde erst um das Jahr 1000 herum gebaut. Nicht weiter schlimm. Hauptsache, ich spreche ihn nicht falsch an. Aber ich glaube, dass man das Wort sowieso nicht von sich aus an den Kaiser richtet, sondern abwartet, ob er mit einem spricht, dann darf man antworten. Ich habe mich vorbereitet, ich will schließlich nicht geköpft werden! Angeblich ist er aber friedliebender und kultivierter als seine Vorgänger, von denen er vier auf Gemälden um sich hat. Der Spiegel hat geplaudert, wie er sich so benommen hat.

„Bei Audienzen verzichtete er auf jedweden Schmuck und aufs Schwert, meist trug er schlichte Kleidung – in einer Zeit, die von fürstlicher Prachtentfaltung glänzte. Die glatten, dunklen Haare hingen bis zur Schulter, Bart und Schnäuzer wirkten gepflegt. (…) Die Bittsteller, die vor ihm knieten, schaute Karl kaum an, er ließ den Blick umherschweifen. Dabei saß er selten. Manchmal schnitzte er, scheinbar versunken, mit einem kleinen Messer an einem weichen Stück Holz. Es sah so aus, als interessierten ihn die Petenten nicht sonderlich – das Gegenteil war richtig: Er hörte aufmerksam zu, konzentriert. Dann antwortete er kurz und knapp und auf den Punkt. (…) Er schrieb und redete deutsch, böhmisch, lateinisch, französisch, italienisch. Selbst Dialekte, wie etwa das Lombardische oder das Toskanische, beherrschte er.“

Oha. Für meine Audienz hat er nicht aufs Schwert verzichtet, aber er hält mir einen Apfel entgegen, was ich als freundliche Geste deute. Ich esse sehr gerne Äpfel! Er erinnert mich ein bißchen an den Sänger Rea Garvey. Was gesprochen wurde, ist geheim. Es ging jedenfalls nicht um die Goldene Bulle, die in meiner Schulzeit ein ewiges Thema war, und wo ich mir nie merken konnte, dass es so eine Art Gesetzbuch war. Ich habe mir immer so eine große goldene Kapsel mit geheimnisvollem Inhalt vorgestellt. Eine goldene Buddel sozusagen. Aber der Apfel hat sehr gut geschmeckt. Er hat ihn mir mit dem Schwert zerteilt, in kleine, mundgerechte Schnitze – wo er doch für sein Leben gerne schnitzt! Und dann hat er mir noch gestattet, dass ich mich weiter oben im Palas umschaue, wie der Trakt heißt, nämlich in seiner guten Stube und sogar in der Kammer, dem kaiserlichen Schlafgemach!

30. August 2022

In schicklicher Demutshaltung nähern wir uns dem Kaisersaal, wo uns der Herrscher zur Audienz erwartet. Ich bin schon recht aufgeregt und folge mit leicht geneigtem Haupt einer Hofdame.

29. August 2022

Nun wird sich mancher fragen, wieso ich so lange brauche, um zur Sache, also zur Burg selbst zu kommen. Dem weiß ich zu entgegnen: gerne begeben Sie sich selbst dereinst auf den Weg zur Nürnberger Kaiserburg und werden feststellen: man fährt nicht mit dem Taxi zur Adresse „Burg 1“, steigt aus, klingelt, die Tür geht auf und schon ist man mittendrin, in der guten Kaiser-Stube. Das wäre eine schlechte Burg! Die Bastion will erobert werden, strategische Annäherung ist vonnöten. Das Allerheyligste wird nicht holterdipolter wie zu später Stunde der Späti gestürmt, wenn der Kühlschrank leer ist. Die Annäherung folgt zurecht einer hochkomplizierten Dramaturgie. Diese möchte ich für die Daheimgebliegenen erlebbar machen! Nachdem wir also den äußeren Burghof durchschreiten duften, holen wir uns erst einmal einen Passierschein, ein Billet für den Zutritt der Burg, und dürfen sodann durch den inneren Burghof, von wo wir Einlass erbitten.

Aber erst einmal eine kleine Rast. Im Schatten, gegenüber des Lindenbaumes in der Mitte, steht eine Bank, die ist meine. Proviant habe ich auch dabei: sprudeliges Wasser, Nüsschen, Salamiwürstchen und einen Apfel. Hier lässt sichs gut seyn! Da fällt mir ein: schon lange nicht mehr Albrecht erwähnt! Der hatte von der Linde auch schon gehört, nämlich schreibt er in seiner Familienchronik, vom Vater überliefert: „(…) als man gezählt hat nach Christi Geburt 1455 Jahr, an St. Loyentag (25. Juni). Und auf denselben Tag hatte Philipp Birkamer (Pirkheimer) Hochzeit auf der Vesten, und war ein grosser Tanz unter der grossen Linden.“

Die Besucherinformation weiß zu berichten: „Im inneren Burghof stand, bis sie ersetzt werden musste, die mehrere hundert Jahre alte „Kunigundenlinde“. Sie soll von der heilig gesprochenen Kaiserin Kunigunde gepflanzt worden sein.“ Und Kunigunde hat sie wohl aus Dankbarkeit gepflanzt, weil ihr Kaiser Heinrich II. zu Pferd an einem Abhang von einem Baum gerettet wurde. Die Linde im Hof war ein Ableger, ein Zweiglein vom rettenden Lindenbaum, so geht die Sage. Eine gute halbe Stunde muss ich da gesessen sein und sinniert haben, es geht auf halbdrey zu! Nun aber frisch gestärkt hineyn in die große Veste! Ich erbitte nun etwas Geduld die Fortsetzung meiner ansonsten recht zügigen Berichterstattung betreffend, da mich bis in die Abendstunden anderweitige Tagesgeschäfte beanspruchen. Bleiben Sie dran, Fortsetzung folgt!

29. August 2022

Allerley Hexenhäuschen auf dem Burghof. Für die Wachleute und fürs Gesinde. Café und WC. Kastellanhäuschen klingt hübscher…! Bei näherer Betrachtung ähnelt der äußere Burghof etwas dem Anwesen von Volker in Liebenburg, wo ich im Juni zum Geburtstag war. Auch ein Gehöft mit mehreren Fachwerk-Knusperhäuschen, jedoch ohne Freiung. ABER: dafür Wiese und Hollywoodschaukel!

29. August 2022

Out of Africa auf der Kaiserburg. Allerlei Safari-Grüppchen auf der malerischen Aussichtsplattform. Da sich die Herren im Kolonialstil freudig präsentierten, löste ich ungebeten einfach auch aus. Alles politisch unkorrekt: hochherrschaftliche Burg, Männergruppe, Kolonialstil, aber so nostalgisch verspielt, ganz hübsch anzusehen!

29. August 2022

Der Blick von der Freiung. Über die türkisblauen Hauben vom alten Rathaus hinweg, bis zum Hauptmarkt und dahinter St. Lorenz mit den Turmspitzen der Lorenzkirche. Sind wir überall schon spaziert.

29. August 2022

Oh. Ein großer Platz! Der hoch gelegene äußere Burghof, mit Ausguck über die Mauer: die „Freiung“. Da war ich nicht zum ersten mal in meinem Leben, aber es war ein paar Jahrzehnte her.

27. August 2022

Zur Burg: da lang! Jede Etappe meines Spaziergangs wird gewürdigt. Ich bin beim Flanieren gleichermaßen gründlich wie in allen anderen Lebensbereichen. Der Mann im Schatten von hinten ist auf dem einen Bild mit der Frau missverständlich eingefangen. Es sieht auf dem Foto aus, als ob er ihr hinterherguckt und sie anstiert. Tatsächlich ist es ein Saxophonspieler, der die Besucher der Burg mit Swing Standards empfängt, daher auch die ungewöhnliche Haltung. Der Hall im Vestnertor ist beeindruckend.

27. August 2022

Man läuft kreisförmig am Burggraben entlang und dann, rechter Hand, blitzt wieder die versteckte Burg hervor und ein paar Schritte weiter der putzige runde Sinwellturm. Die untere Bastei endet am Vestnertorgraben, so heißt auch eine große Straße, nicht mehr autofrei. Linker Hand (kein Bild), schaut man durch wucherndes Grün verschwommen Richtung Plärrer, das ist eine stark befahrene Kreuzung und dahinter liegt der Stadtteil Gostenhof, in dem ich 1985 bis 1986 in meiner allerersten eigenen Wohnung (zur Miete) in der Kernstraße 37 gewohnt habe. Jetzt ist es doch schade, dass ich die Blickrichtung nicht als Bild habe. Ich hatte ein Foto gemacht, das auch ganz gut war, aber als ich dann aussortierte, dachte ich mir, dass sich in Unkenntnis nicht erschließt, wieso ich Richtung Plärrer fokussiert habe, ohne dass eine Sehenswürdigkeit erkennbar ist. Ich hätte es ja hier erklärt. Blöd. Da hinten, in Gostenhof war ich am 2. Juli aber eh nicht, also ein andermal. Ich blieb schön im Bereich der Burg, denn ich wollte ja endlich auch in die Burg hinein. Wo der Eingang ist, war mir entfallen, als Bewohner von Nürnberg spaziert man auch nicht mehrmals jährlich zur Burg – schade eigentlich. Es war klar, dass der Zugang irgendwann kommen wird, also immer weiter der Nase nach, im Uhrzeigersinn. Und nach ein paar Metern am Vestnertorgraben entlang, gibt es eine neue Holzbrücke auf hohen Stelzen, die Vestnertorbrücke, vorbei am kleinen Hexenhäuschen, einem trubeligen kleinen Gartenlokal, und danach kommt dann wieder so ein Tunnel, das Vestnertor, der Zugang zur Burg. Ich guckte wieder zum Sinwellturm, der mich abermals stark anzog und den ich besteigen wollte. Ich wollte auch einmal aus so einem Fenster gucken, ich war fest entschlossen. Aber nun endlich zum Burghof!

26. August 2022

Und immer wieder verwildertes Grün. Das verwinkelte Gemäuer der Basteien bietet Tausend Verstecke und Wohnräume für Tiere. So mancher Vogel kann von sich sagen, in der Bastei zu wohnen.

26. August 2022

Es war immer noch Mittagszeit, 13:37 Uhr sagen die Metadaten vom 2. Juli 2022 von den Tunnelbildern, über dreißig Grad, da waren nicht sehr viele Menschen unterwegs. Ich konnte schön meinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Ein starkes Déjà vu, als ich nach unten in den Burggraben blickte, da wo jetzt ein Biergarten zu sein scheint, der aber offensichtlich gerade nicht aufhatte. In diesem Burggraben war bis in die Achtziger Jahre das Bardentreffen. Und zwar nur dort, auf mehreren Open air-Bühnen.

Jetzt erstreckt es sich auf die gesamte Altstadt. Wenn man früher zum Bardentreffen ging, war klar, dass jeder nur dort sein kann, sofern er sich überhaupt dafür interessiert. Ich bin nicht jedes Jahr hin, aber schon manches, wenn mich ein Künstler besonders interessierte, oder ich ihn sogar kannte. Hier kann ich mir die weibliche Form sparen, da es ausschließlich Männer waren. Es traten sicher auch Frauen auf, aber für meinen Geschmack war da nichts dabei. Der war auch eher unkonventionell. Wegen Bettina Wegener wäre ich bestimmt nicht hingegangen, bei allem Respekt, dieses traditionelle Liedermacher-Geschrammel war mir zu altbacken. Seltener gab es auch mal etwas Gewagtes, Avantgardistisches, dazu gehörte ein Auftritt von Duke Meyer, einem damals in Nürnberg lebenden Performancekünstler, den ich nicht nur vom Hörensagen, sondern persönlich kannte. Wir sind heute noch befreundet. Er wurde in der Nürnberger Presse stets als „Enfant Terrible“ bezeichnet und machte möglicherweise den ersten Deutsch-Rap überhaupt. Ich spreche von 1983 bis 1986. Er kleidete sich wie eine wilde Mischung aus Massai und Weltraumkrieger, selbstverfertigte Kreationen. Die Frisur mal superkurz, der Schädel mit kunstvoll ausrasierten Leopardenflecken, oder Sidecut und in der Mitte hochtoupiert, dazu Kriegsbemalung in seiner Jaggerfresse. Und diese Erscheinung im mittelalterlichen, gemütlichen Burggraben, this was really something! Eine Veröffentlichung seiner Texte bezeichnete er als Betonpolemik. Das pink-weiß gestreifte Lyrikheft habe ich noch. Zudem war er der Sänger und Texter der mir auch privat verbundenen Nürnberger Rockband „Männer wie noch nie“. Der Bandname war eine kecke Anspielung auf Ina Deters Lied „Neue Männer braucht das Land“. Sozusagen die Antwort. Daran dachte ich unter anderem, aber hauptsächlich, als ich dort in der heißen Sonne entlangflanierte.

26. August 2022

Wir betreten die Burganlage durch das Tiergärtnertor, direkt gegenüber von Albrechts Haus. Was für eine Lage! Premium. Man geht durch einen Tunnel aus Sandstein, deswegen auch Lampen am hellichten Tag. Und vor einem liegt die untere Bastei im Südwesten, die Tiergärtnertorbastei. Was für eine Festung. Jeder kann selbst im Internet nachlesen, wie eine Bastei oder Bastion aufgebaut ist. Das spare ich mir, wir wollen flanieren. Nur soviel: Nürnberg hat die einzige erhaltene bzw. restaurierte Großstadt-Befestigung Deutschlands. Es gibt einige kleinere Orte mit auch gut erhaltenen Stadtmauern, aber keine dieser Größe mit mehreren Ringen und Ebenen, und über eine Länge von fünf Kilometern, dazu die Höhe von sieben bis acht Metern und einen Meter dick. Alle anderen deutschen Großstädte haben nur noch Teilstücke, wie zum Beispiel Berlin ein 57 Meter langes Stück bei der Zitadelle. Kann man hier nachlesen. Herrlich, die Nürnberger Stadtmauer mit den wild überwucherten Bastionen. Und die mächtigen Tore! 71 Mauertürme! Die schöne Stadtbefestigung aus Sandstein steht zum Glück unter Denkmalschutz, so soll es sein und bleiben. Am Ende des Tunnels läuft man über eine große Holzbrücke, die geht über den zwölf Meter tiefen Burggraben.

25. August 2022

ANKÜNDIGUNG! Von langer Hand teile ich hiermit bereits heute mit, dass ich mein kommendes Wiegenfest, welches sich am Donnerstag, dem 1. September 2022 zum 557. mal jährt, nicht mit einer abendlichen Einladung oder dergleichen begehen werde. Auch feiere ich nicht hinein, obwohl ich am Abend vorher ausgehe. Das ist schon deswegen nicht der Fall, weil es dort kein klassisches Reinfeier-Getränk nach meinem Prinzessinnen-Geschmack gibt. Ich fordere auch keine originellen Postkarten an, die ich dann nachzustellen gedenke, das war eine Lebensphase, die ich fürderhin für beendet erkläre. Außerdem hab ich es immer noch nicht geschafft, die Challenge von Doro vom letzten Jahr zu meistern. („Königin von Saba“). Obwohl, das wäre vielleicht eine Idee für mich persönlich, dass ich mich als Gaga von Saba verkleide. Ganz ehrlich: ich hab im Veranstaltungskalender gestöbert, und nix für den 1. gefunden, wo ich dringend hinwollen würde. Muss ja auch nicht sein. Vielleicht mach ich einen Spaziergang auf der Zitadelle Spandau und spiele Burgfräulein, in Anlehnung an meine Nürnberger Spaziergänge. So, nun sind alle informiert. Von postalischen Zusendungen von Sachen bitte ich abzusehen, ich hab schon zuviel Zeug! Das Einzige was ich immer brauche, ist italienisches Espressopulver, Grundierung, gute Flaschengärungen und mein Armani Code Femme. Von letzterem hab ich mir gerade wieder vier Flaschen auf einmal gekauft, bin versorgt! Glückwünsche sind aber immer willkommen. Gute Vibrations und Komplimente. Dass ich zu nichts einlade, heißt nicht, dass mir mein Geburtstag schnuppe wäre, ich will nur keinen Aufwand diesmal. Und unter der Woche ist auch nicht für alle super. Also: keinerlei Feier- oder Geschenke-Stress für alle Geneigten :-) Ich sehe gerade, ich hab mich oben vertippt: 557 stimmt nicht ganz. Bin wohl gedanklich noch etwas bei Albrecht.

25. August 2022

Albrecht Ade, scheiden tut weh. Komm, ein Selfie zum Abschied geht noch: Du machst eins von dir, ich mach eins von mir. Na bitte. Und jetzt raus in die herrliche Sonne, die Burganlage erkunden. Bis ich davon mit Bildern zurückkomme, kann es ein paar Stunden dauern. Wer mag, kann bis dahin in den anderen Nürnberger Fotoalben blättern, es sind schon zwanzig geworden, allerhand!

25. August 2022

Den handsomen jungen Mann habe ich vor vier Wochen schon einmal vorgestellt, da hatte ich die Dürer-Bilder auf den Fluren meiner Herberge präsentiert. Ich meine nicht das hagere Männlein im Harnisch – das ist der Heilige Eustachius, der rechte Flügel vom Paumgarnter-Altar; wobei der für mich jetzt nicht so richtig heilig aus der Wäsche guckt, sondern den Lockenkopf. Oswolt Krel heißt er, ein junger Kaufmann, also nicht schon wieder ein Selfie vom selbstverliebten Albrecht. Das Original hängt in der Alten Pinakothek (Paumgartner-Altar dito, die Pinakothek hat einige Dürer). Ich hatte den Namen von Oswolt schon wieder vergessen. Ich merke mir solche Sachen auch nur vorübergehend, gut dass das Wissen hier gespeichert ist. Muss ich meinen Kopf nicht damit belasten. Bei Bedarf gilt stets: gewusst wo = Transferkompetenz!

25. August 2022

Willkommen im Dürersaal vom Albrecht-Dürer-Haus! Hier hängen die weltbesten historischen Kopien von einigen von Albrechts bekanntesten Gemälden. Die Schautafel erklärt alles Übrige, was man dazu wissen will. Ich erkläre die nächsten Wochen zur unterrichtsfreien Zeit! Jetzt wird nur noch flaniert und gelustwandelt! Ich habe noch viele Bilder in petto. Hoffe, facebook sperrt mich nicht, weil ich die Paradiesvögel Adam und Eva von 1507 von Albrecht poste. Wenn ja: peinlich! Nicht für mich oder Albrecht, sondern für Facebook. Die Originalen Nackedeis Adam und Eva hängen übrigens im Museo del Prado in Madrid. Dass sich Albrechts Werk so über die Welt verteilt, ist schon ok. Wir haben hier ja auch genug Sachen aus aller Herren (und Damen) Länder.

24. August 2022

Noch ein Blick in die Vitrine mit dem Vergolderzubehör. Zwar ist Dürer nicht dafür bekannt, bei seinen Tafelbildern in größerem Umfang Blattgold eingearbeitet zu haben, aber beim Bild seines Löwen heißt es, dass es mit „Gold gehöht“ ist, also hier und da Glanzpunkte mit Pinselgold aufgesetzt wurden. Vielleicht wurden in der Werkstatt auch Vergoldungen von Rahmen vorgenommen. Außerdem hat er den großen Saal im alten Nürnberger Rathaus ausgemalt, die Wandbemalung ist leider zerstört, die Fotos davon legen aber nah, dass in all der Pracht auch Gold vorgekommen ist.

In der Vitrine ist jedenfalls ein heutzutage handelsübliches Blattgoldheft der Größe 10 x 10 Zentimeter. Das orange Heft kenne ich, und darunter ein kleineres, vermutlich 8 x 8 Zentimeter. Das letztere könnte Blattgold von den Goldschlägern aus Schwabach sein, das dünnste Blattgold, das erhältlich ist, und traditionell das Format 82 x 82 mm hatte, heute 8 x 8 Zentimeter. Der Lehrer von Albrecht Dürer, Michael Wolgemut hat es an einem Flügelaltar in einer Kirche in Schwabach nachweislich benutzt, es gilt als Bestes.

Die ersten zunftmäßigen Goldschläger sind 1373 in Nürnberg belegt. Das nah gelegene Städtchen Schwabach war die Goldschlägermetropole in ganz Europa und versorgt heute noch 40 Prozent des gesamten weltweiten Bedarfs mit dem extradünnen Blattgold. Mit Blattgold kenne ich mich einigermaßen aus, ich verwende es selbst gerne und finde den Vorgang jedes mal geradezu magisch, wenn man die Nahtstellen der Blätter wie durch Zauberhand einfach so wegpinselt, bis es eine glatte Fläche ergibt, und das Stückwerk nicht mehr zu erkennen ist. Wer einmal damit gearbeitet hat, will es in seiner Werkstatt nicht mehr missen. Man möchte es einfach zur Hand haben. Es wäre sonst wie eine fehlende Farbe in der Farbpalette. Aber die Anwendung muss geübt werden. Dass Albrecht das auch virtuos beherrscht hat und in seiner Werkstatt immer da war, steht für mich außer Frage!

Hiermit ist der Werkstattbesuch beim großen Albrecht Dürer beendet. Es gibt jetzt nur noch einen Raum, den ich noch nicht gezeigt habe, den Dürersaal (außer dem „geheimen Gemach“, wie die Toilette früher verschämt genannt wurde, den Luxus hatte Albrecht schon, das ist zugesperrt, vielleicht eine Besenkammer). Der Dürersaal zeigt eine Ausstellung mit hochkarätigen, wertvollen, historischen Kopien seiner wichtigsten Tafelbilder, er ist in einem Anbau vom Dürerhaus und sehr sehenswert. Ach ja, unterm Dach ist auch noch ein Ausstellungsbereich, da sind wechselnde Ausstellungen mit originalen Kupferstichen und Drucken, aber fotografieren verboten. Die Besuchertoiletten im Untergeschoss hab ich auch nicht abgelichtet, sind auch nicht historisch. Für heute ist der Unterricht beendet! Es gibt wie immer keine Hausaufgaben, einen schönen Nachmittag, ich bin nun in meiner kleinen Werkstatt.

24. August 2022

Allerley: Alaun, Aloe, Auripiment, Azurit, Bleiweiß, Drachenblut, Goldrutenwurzeln, Grüne Erde, Gummi Arabicum, Hämatit, Hausenblase/Fischleim, Hühnerei, Knochenleim, Kreide, Läuseblut, Lapislazuli, Leinöl, Maffitot, Malachit, Mastix, Muscheln, Nußöl, Ocker, Purpur, Safran, Saflor, Sepia, Walnußschalen etc.pp.

Es folgt Dürers Rezept für Ultramarinblau: „Und setzt obgemeldt Albrecht Dürer der Jünger in gemeldter seiner Handschrift ein Artificium, wie man das Ultermarin blau soll malen, nämlich also: Mit Nufsöl, welches ufs Reinst geleitert und durch ein hulzens Büchsen, da der Boden einer Hand dick ist, und soll es malen uf das Allerdinnste. Man Öltränke auch den Grund, daruf man malen will, und darnach untermale man es mit schlechten Ultermarin.“

23. August 2022

Bißchen Werkzeug aus der Werkstatt. Stichel und Beitel für Kupferstich und Holzschnitt und was es noch alles dazu braucht und gibt. So schönes Werkzeug. Ich vermute, dass es zwar historische Geräte sind, aber auch keine Originale, die Albrecht noch in der Hand hatte. Obwohl… vielleicht das in der Holzschatulle. Immerhin gesichert in einer Glasvitrine dargeboten. Ich habe keine Schildchen gelesen, nur die Sachen angeguckt. Als Albrecht starb, gab es ja noch keine Museen, in denen man Reliquien von Handwerkern oder Künstlern gezeigt hat, soweit ich weiß. Wenn es Werkzeug zu vererben gab, hat man es wahrscheinlich an jemanden weitergegeben, der es benutzen konnte. Ich freue mich immer über besonders schöne Werkzeuge, und mag auch am liebsten welche mit Holzgriffen. Ich hab gern schönes Werkzeug in meiner hübschen kleinen Werkstatt. Da fahr ich jetzt hin! Erst mal wieder genug Lehrstoff für meine Leserinnen und Leser! Ein bißchen wirkt mein Blog gerade wie Schulunterricht, aber ich hoffe, leicht konsumierbar dargeboten, nicht dass mir hier der Unterricht wegen Langeweile geschwänzt wird! Immerhin gebe ich keine Hausaufgaben auf, sondern hoffe, dass die Schüler einfach gut aufpassen und dadurch Beliebiges für sich mitnehmen!

23. August 2022

Aber mindestens genauso interessant wie der immense Apparat ist der Druckstock, der darinnenliegt! Es ist nämlich ein Holzschnitt von seinem Bestseller – neben dem Hasen und den betenden Händen – dem Rhinocerus! Es ist eines meiner Lieblingsbilder von Dürer, neben der jungen Venezianerin und dem Rasenstück. Ich bin ganz verliebt in das Thier! Es hat natürlich eine eigene Wikipediaseite und hunderttausend Milliarden Suchergebnisse, wo die Geschichte erzählt wird, dass Albrecht Dürer das Tier nie persönlich gesehen hat, sondern nur aufgrund von Skizzen Anderer und Beschreibungen nachempfunden hat. Dafür: erstaunlich! Angeblich gab es in der frühen Römerzeit mal ein paar Nashörner in Europa, aber dann erst wieder 1515 dieses Exemplar. Wie es nach Europa kam, steht in Wikipedia wie folgt:

„Am 20. Mai 1515 landete ein Nashorn im Hafen von Lissabon; es war der bis dahin ungewöhnlichste Import der erst seit wenigen Jahren bestehenden Seeroute nach Indien. Die Portugiesen waren erfolgreich gewesen, wo Columbus versagt hatte; auf den Spuren früherer portugiesischer Seefahrer waren sie der westafrikanischen Küste gefolgt, hatten das Kap der Guten Hoffnung umrundet und waren nach Durchquerung des Arabischen Meeres 1498 nach Indien gelangt.“

Und nun, wie die Topnews zu Albrecht nach Nürnberg gelangte:
„Der aus Mähren stammende und in Lissabon ansässige Valentim Fernandes sah das Nashorn kurz nach dessen Ankunft in der portugiesischen Hauptstadt und beschrieb es im Juni 1515 in einem Brief an einen Freund in Nürnberg. (…) Ein zweiter Brief eines unbekannten Absenders mit einer Skizze wurde etwa um die gleiche Zeit von Lissabon nach Nürnberg gesandt und diente als Information über das Aussehen des wilden Tieres, vermerkt am oberen Bildrand des Holzschnittes von Dürer.“

Albrecht sodann: „Auf der Basis dieser beiden Quellen machte Dürer zwei Zeichnungen. Nach der zweiten Zeichnung entstand der Druckstock des Holzschnitts. Dürer hat ihn wahrscheinlich nicht selbst angefertigt, sondern einen „Formschneider“ damit beauftragt, den Druckstock nach der Zeichnung zu erstellen. Verwendet wurde vermutlich Birnenholz – ausreichend weich, um die feinteilige Wiedergabe zu ermöglichen, aber hart genug, um eine für den geschäftlichen Erfolg hinreichende Anzahl von Abzügen zu gewährleisten.“

Dafür hatte er dann schon seine Gesellen. Früher hat er noch alles selber geschnitzt und geritzt, aber warum nicht das rein Handwerkliche delegieren, bleibt mehr Zeit für den creativen Act, nicht wahr. Der Druckstock in der Presse ist natürlich auch nicht der von 1515, der wurde zahllose Male erneuert, wo der alte wurmstichige verblieben ist, weiß man nicht, vielleicht im Feuer. Feuerholz! Aber die 27,4 x 42 cm große Zeichnung, die ihm zugrundelag, wird in London im British Museum verwahrt. Darunter hat Albrecht in klitzekleiner Schrift das Folgende zur Reise des Tieres vermerkt, beim Ankunftsjahr hat er sich vertan:

„Rhinoceron 1515. Nach Christus gepurt. 1513. Jar. Adi. j. May. Hat man dem großmechtigen Kunig von Portugall Emanuell gen Lysabona pracht auß India ein sollich lebendig Thier. Das nennen sie Rhinocerus. Das ist hye mit aller seiner gestalt Abcondertfet. Es hat ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot. Vnd ist von dicken Schalen vberlegt fast fest. Vnd ist in der groeß als der Helfandt Aber nydertrechtiger von paynen vnd fast werhafftig. Es hat ein scharff starck Horn vorn auff der nasen. Das begyndt es albeg zu wetzen wo es bey staynen ist. Das dosig Thier ist des Helffantz todt feyndt. Der Helffandt furcht es fast vbel dann wo es Jn ankumbt so laufft Jm das Thier mit dem kopff zwischen dye fordern payn vnd reyst den Helffandt vnden am pauch auff vnd er wuorgt Jn des mag er sich nit erwern. Dann das Thier ist also gewapent das Jm der Helffandt nichts kan thuon. Sie sagen auch das der Rhynocerus Schmell Fraydig vnd Listig sey.“

Helffandt ist Elefant, ist klar. Und so sahen dann die gedruckten Exemplare vom Holzschnitt aus, ordentlich mit Albrechts Firmenlogo, dem berühmten AD, wie es sich gehört. Hat er auf der Zeichnung glatt vergessen. Das Rhino schaut in die andere Richtung, weil der Holzschnitzer ja schlecht seitenverkehrt arbeiten konnte, wenn er die Zeichnung als Vorlage hatte, außer, er hätte einen Spiegel zur Hilfe genommen. In der Werkstatt von Albrecht stauben die Geräte und der Druckstock aber nicht vor sich hin, sie werden wie früher benutzt. Es gibt Workshops unter Anleitung einer fachkundigen Künstlerin, die zeigt, wie ein Holzstich und ein Kupferstich angefertigt wird und auch den anschließenden Druck.

23. August 2022

Albrecht hatte eine stattliches Gerät! Riesengroß! Sein Erfolgsgeheimnis. Ich spreche von seiner Hochdruckpresse. Als Technik-Geek und Early Adopter musste so ein Ding her, jetzt hatte er ja Platz. Der alte Gutenberg, drüben in Mainz, hatte diese Sache mit dem Bücher drucken, anstatt umständlich abzuschreiben und abzumalen, gerade erst 1450 ausgedacht, und der pfiffige, gut zwanzig Jahre später geborene Albrecht, hat sofort Möglichkeiten gesehen, das nicht nur für seine Schriften, sondern auch für seine Bilder anzuwenden. Und anstatt nur fromme Heilige damit zu drucken, seine auch mal nicht so frommen, modernen Motive zu vervielfältigen und unters Volk zu bringen. Den heimischen High End-Apparat konnte er sich leisten, weil er schon vorher Sachen auf kleineren Pressen druckte und von Agnes auf dem Hauptmarkt verkaufen ließ und gut im Geschäft war. Nun hatte er auch Gehilfen und Gesellen, die er ausgiebig damit beschäftigen konnte.

Dafür braucht man nämlich auch die Lederballen mit dem Griff, die ich vorher auf einem Foto gezeigt habe. Der Druckstock, ein Holzschnitt, wurde mittels des Druckerballens, einem Ledersäckchen aus Hundeleder, das mit Roßhaar gefüllt war, mit Druckfarbe bestrichen und in die Presse eingelegt. Da drauf wurde dann das Pergament oder Bütten gelegt und kräftig zugedrückt. Wie stempeln, nur umgekehrt – vereinfacht ausgedrückt. Ursprung des Wortes Presse! Gutenbergs erste Druckerpresse war eine umfunktionierte Traubenpresse. In dem Video hier sieht man den ganzen Druckvorgang mit einer nachgebauten Gutenbergpresse. Wie auf der Erklärtafel im Dürerhaus schon erwähnt wird, ist das natürlich nicht die originale Presse von AD, sondern ein penibler Nachbau aus dem Jahr 1971 seiner Presse, die er einmal gezeichnet hat. Leider halten Holzapparate keine 500 Jahre durch.

22. August 2022

Und nun hereinspaziert ins Allerheiligste des Meisters! Die Werkstatt von innen. Wir gewahren Werkzeug. Was das Leder-bespannte Dings ist, erklärt der nächste Beitrag. Allerley Zauberey!

22. August 2022

Blick aus Albrechts Dürers Werkstatt durch die teilweise offenen Butzenscheibenfenster. Abgesehen von den königsblauen Augustinerbräu-Sonnenschirmen und dem „Café am Dürerhaus“ an der Neutormauer, hat er ziemlich dasselbe gesehen, wenn er aus dem Fenster geschaut hat. Der runde Sinwellturm aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts war kürzer und hat ein anderes Dach mit vier Erkern gehabt, 1560 wurde um eine Etage aufgestockt, und das jetzige „Renaissancehelmdach“ gemacht.

22. August 2022

Ein paar Eindrücke von gestern vom RIO-REISER-PLATZ. Ich konnte nur vier Fotos machen, dann war der Akku alle, hatte ich nicht darauf geachtet, als ich losging. Hier ist ein kleiner Filmbericht. Es war richtig voll und schon ab der Mariannenstraße weiträumig abgesperrt. Gar nicht so klein der Rio-Reiser-Platz, aber doch heimelig, mit den individuellen Läden und Lokalen rundherum.

Ich war ewig nicht in der Ecke. Als ich noch nicht in Berlin lebte, wusste ich, dass Ton Steine Scherben da sind, und dass Rio – damals – in der Adalbertstraße wohnte. Das hat mich auch nach Berlin gezogen. Die Stadt von Ton Steine Scherben und der Einstürzenden Neubauten. Cool! Es hieß dann zwar bald, dass sich Rio nun auf den Hof nach Fresenhagen verzogen hätte, aber sein Bruder hat in einem jüngsten Interview etwas Interessantes ausgeplaudert, das mir neu war, nämlich:

„(…) Da gibt’s jetzt Feinschmeckerlokale und Galerien – da war früher gar nicht dran zu denken. Wenn das damals schon so gewesen wäre, wäre ich gar nicht weggezogen. Aber dass eine Gegend sich so sehr ändern kann, finde ich bemerkenswert. Die Atmosphäre ist so anders da inzwischen. Auch Rio hatte ja bis zu seinem Tod eine Wohnung dort, in der er einen Großteil seiner Zeit verbracht hat. Das, was da heute zu erleben ist, ging ja damals schon langsam los. Das hat Rio nicht gestört. Da war er nicht so empfindlich. Er hat es eben auch in Nordfriesland, wo er ja in Fresenhagen auf einem Bauernhof lebte, auch nicht mehr wirklich ausgehalten. Das war ihm zu weit weg von allem. Die Kreuzberger Atmosphäre war ihm näher als das von Bauern geprägte Nordfriesland.“

Also neu war mir, dass Rio sich bis zu seinem Tod nicht hauptsächlich in Fresenhagen, sondern in Kreuzberg aufgehalten hat. Als ich das gestern gelesen habe, hat es mich irgendwie beruhigt und eine Irritation beseitigt, die ich zeitlebens im Zusammenhang mit diesem Landleben in Fresenhagen in Verbindung mit Rio hatte. Er war also doch meistens in Berlin! Dass er in Fresenhagen gestorben ist, war dann vielleicht nur, weil er mal ein bißchen Lust auf Sommer auf dem Land hatte, zwischendurch.

Ich war damals auch betrübt, dass er nicht in Berlin sein Grab hatte, sondern dort. Aber das hat sich ja am 11. Februar 2011 durch die Umbettung nach Schöneberg zurechtgeruckelt. Da war ich auch schon so erleichtert. Rio hat mich immer beschäftigt, ich habe ihn sehr geliebt, wie einen Bruder.

Gestern hat Gloria Viagra die Bühne mit einer Moderation eröffnet und sie hat mich richtig beeindruckt. Eine Urberliner Pflanze mit Herz und Verstand und unheimlich kämpferisch. Sie hat gleich klargemacht, dass wir als nächstes noch einen Ton-Steine-Scherben-Platz in Kreuzberg brauchen, ja fordern! Entzückend.

Dann haben die übrigen Scherben mit Unterstützung von verschiedenen Gastmusikern und Sängern ein paar bekannte Songs gespielt, da war großes Hallo, als sie die Bühne betraten. Allerdings habe ich Lanrue an der Gitarre vermisst, obwohl er laut Wikipedia immer noch in der aktuellen Besetzung aufgeführt wird. Und Rio fehlt so. Ton Steine Scherben ohne Rio und Lanrue ist wie die Stones ohne Mick und Keith.

Im Publikum waren alle Generationen, wobei ich vermute, dass die Jüngeren doch hauptsächlich die Kids der alten Scherben- und Rio-Fans waren. Wenn nicht, sollte es mich freuen. Auf jeden Fall eine total schöne Sache, dass wir jetzt in Berlin einen Rio-Platz haben. Bin mir auch sicher, dass er ihn an genau der Ecke gut gefunden hätte. Eindeutig schöner als die Kraut- und Rüben-Ecke am Kottbusser Tor, zum Beispiel.

Der Kotti treibt mich schon immer in den Wahnsinn, weil ich nie weiß, in welche Richtung ich mich orientieren muss. 1986 habe ich unter anderem ein paar Monate in Kreuzberg gewohnt, in der Prinzessinnenstraße, da war er meine nächste U-Bahnhaltestelle, neben dem Moritzplatz. Selbst damals hatte ich Orientierungsschwierigkeiten, obwohl ich kein orientierungsloser Typ bin. Als ich zurück zur U-Bahn bin, fielen mir erst die vielen Plakate für den Festakt auf, die ich nirgendwo sonst in Berlin gesehen habe. Hätte ich gerne fotografiert, ging aber nicht mehr.

21. August 2022

Darf ich vorstellen: das sind unsere quasi musikalischen Lebensabschnittspartner, also von Ina, Lydia und mir: in der oberen Reihe abwechselnd Leeman (Gitarre und Gesang) und Gabi (Bass und Gesang) und in der Mitte immer Tom (Gesang und Percussion). Der gemeinsame Lebensabschnitt ist immer der Zeitraum, in dem der Berlin Beat Club auftritt. Dann sind wir der Gruppe ganz treu und ergeben. Am allermeisten Spaß auf der ganzen Welt macht es zum Berlin Beat Club zu tanzen. Zu Jimi Hendrix, The Rolling Stones, The Kinks, The Who, The Doors! Sie haben alles drauf. Hans ist wieder sonstwo rumgeschwirrt. Das war gestern nach dem Konzert, Bilder aus Inas Mobiltelefon. Nächster Gig in Berlin: Jubiläum 101 Jahre open air-Bühne Zitadelle, heute in einer Woche, am 28. August um 19 Uhr. Wird voll und wird toll!

21. August 2022

Gestern unternehmungslustig. Zum Berlin Beat Club ins Rickie. Nix reserviert, Platz gekriegt, den man immer haben wollen würde, und was beim Reservieren nie klappt. Ina war schon da, Lydia kam nach. Ich mit U-Bahn, Ina mit Auto, Lydia mit Fahrrad. Schön viel getanzt und mitgesungen, im zweiten Set gabs ein Rolling Stones-Special. In der Pause im Biergarten hab ich Hans von unseren beiden sehr guten Stones-Coverbands erzählt, Get Stoned und Brown Sugar, die er beide noch nie gehört und gesehen hat, obwohl sie auch immer wieder im Rickie spielen. Wir müssen ihn mal mitnehmen, damit er sieht, dass die Kollegen was Ordentliches abliefern, nicht nur showmäßig, auch handwerklich.

An dem guten Tisch, das ist der direkt gegenüber von der Bühne, wo unter einem Spiegel eine Sitzbank ist, saß eine Gruppe Gäste, die etwas älter als wir waren. Der Mann mit den langen grauen Haaren direkt neben mir, fragte in einer Musikpause, wie denn „so junge Leute wie wir auf die Idee kämen, sich so eine Musik anzuhören?“ Ich fühlte mich in dem Moment wie ungefähr 21. Als ich sagte, das sei die Musik, die ich als Kind und Jugendliche gehört habe und deswegen bei mir im Blut ist, ich kenne alles, was gespielt wird, schon immer, guckte er mich an, als ob ich schwindle. Er meinte, ich könnte doch seine Enkelin sein, das könnte nicht stimmen. Ich meinte daraufhin, dass er dann MINDESTENS Achtzig sein müsste. Wenn man so rechnet: er 83, mit 13 Vater geworden, seine Tochter jetzt 70, mit 13 Mutter geworden, ich die Tochter, jetzt 57. Dann kommts hin. Jedenfalls wollte er mir auf Nachfrage keinesfalls beantworten wie alt er sei, nur dass er NOCH NICHT ACHTZIG! wäre, hat er betont. Ich erklärte, ich werde Anfang September 57, also in drei Jahren Sechzig. Als er ungläublig guckte, fühle ich mich maximal wie Sechzehn! Die Band hat wieder toll gespielt, es war eine super Stimmung, als gäbe es kein Morgen. Sehr zufrieden heimgefahren, Lydia mit dem Fahrrad, Ina mit dem Auto, ich mit der U-Bahn. Wo ich die Ankündigung für die heutige festliche Umbenennung vom Heinrichplatz zum Rio-Reiser-Platz angekündigt sah. Es gibt ein paar Handy-Fotos, die Ina noch hat, mit der Band, also mit Tom und Gabi und Leeman und Ina und Lydia und mir. Bin gespannt.

21. August 2022

Am Sonntag, 21. August 2022, also heute, ist ein besonderer Tag für alle Rio-Freunde. Der Kreuzberger Heinrichplatz, unterhalb vom Mariannenplatz, wird umbenannt in Rio-Reiser-Platz. Der Festakt beginnt um 17 Uhr und geht bis 22 Uhr. Kulturstaatsministerin Claudia Roth, die eine besondere Vergangenheit mit Ton Steine Scherben verbindet, wird da sein, Gloria Viagra moderiert, und die übrigen Ton Steine Scherben werden spielen. Ich habe davon erst heute Abend in der U-Bahn erfahren, da wurde es im „Berliner Fenster“ angekündigt. Ich gehe auf jeden Fall hin und würde mich freuen, Euch auch da zu treffen, am RIO-REISER-PLATZ in Berlin!



20. August 2022

Das bedauerlicherweise leergeräumte Schlafzimmer von Albrecht Dürer und seiner Agnes. Ich habe versucht herauszufinden, in was für einem Bett er geschlafen haben könnte. Meine Forschungen haben ergeben, dass im Spätmittelalter und der Renaissance nur die besseren Stände, wie gut verdienende Handwerker, eine Bettstatt hatten. Als Albrecht 1509, da war er 38, in das Haus einzog, war er schon recht erfolgreich und auch wohlhabend. Die Welt hat in einem Artikel vor zwölf Jahren geschrieben:

„(…) Als Albrecht Dürer 1528 starb, war er ein reicher Mann – auch nach heutigen Maßstäben. Bis zu seinem Lebensende hatte der 1471 in Nürnberg geborene Künstler ein Vermögen von rund 6.000 Gulden angespart. Das wären heute etwa sechs Millionen Euro. (…) Dürer hat stolze Preise gehabt (…) Er war wirklich teuer. Für normal große Werke verlangte er umgerechnet einen fünfstelligen Eurobetrag, für ganz große Gemälde kam noch eine Null dazu. Doch Dürer konnte sich das offensichtlich erlauben.“

Das lässt vermuten, dass er sich nicht nur eine archaisch grob gezimmerte, karge Bettstatt leisten konnte, sondern durchaus einen fürstlichen Wohnstandard. Ein Jahr nach seinem Einzug, 1510, hat er an einem Holzschnittzyklus zum Leben Marias gearbeitet, in dem er auf dem Blatt „der Tod Mariens“, der guten Maria ein sehr schön ausgearbeitetes Bett zuphantasiert, das wohl eher dem Möbelstil seiner Zeit entspricht. Auf jeden Fall hatten die besseren Stände am Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ein Himmelbett, auch um sich vor Ungeziefer zu schützen. Vielleicht hat er ja sogar sein eigenes Bett als Vorlage genommen. Eine andere Seite, die sich mit mittelalterlichen Betten befasst, beschreibt das Bett Marias in Dürers Holzschnitt so (woher die Farbzuweisungen rühren, ist mir allerdings ein Rätsel):

„(…) Maria liegt hier in einem Bett unter grünem Baldachin, der mit goldgelben Fransen und Borten verziert ist, mit verschiedenen, ebenfalls teils golden anmutenden Decken, feinen Leintüchern und gestreiftem Kissen. Andere Werke aus dem Umfeld Albrecht Dürers zeigen ähnliche Dispositionen.“

Meine Vermutung möchte ich noch zusätzlich damit untermauern, dass Dürer sich zwischen 1505 und 1507, also zwei Jahre vor Bezug des Hauses auf einer Venedigreise aufhielt. Ein Zeitgenosse Albrecht Dürers war der venezianische Maler Vittore Carpaccio, von dem das Bild „Der Traum der Heiligen Ursula“ stammt, in dem ebenfalls ein Baldachinbett im Mittelpunkt steht. Das Bild ist von 1495 und Albrecht Dürer könnte das Bild oder ähnliche Betten vor Ort gesehen haben. Da er einen Hang zu extravaganter und eleganter Kleidung hatte und er von Venedig sehr angetan war, nehme ich an, dass der Gestaltungswille beim Schlafzimmer nicht Halt machte, und er bei der Einrichtung seines Heimes auch vom verfeinerten, luxuriöseren, venezianischen Lifestyle inspiriert war.

Da der Schlafraum auf der oberen Etage ein Durchgangszimmer ist, hat er bestimmt ein Himmelbett gehabt, das wie ein abgeteilter Raum im Raum ist. Daneben war der Flur zu seiner Werkstatt. Er konnte ungestört arbeiten, weil die Wirtschaftsräume und die Wohnstube, wo sich Agnes aufhielt, unten waren. Soweit meine aktuellsten Forschungsergebnisse zu Albrecht D.s Schlafzimmer!

19. August 2022

Es ist vollbracht. Eva-Maria Hagen. 19. Oktober 1934 – 16. August 2022. So ein reiches Leben, so eine inspirierende, anziehende Persönlichkeit. Die verträumten, sinnenfrohen Bilder, die sie malte, fand ich besonders schön. Wie eine virtuose Form dessen, was Chagall wollte, aber niemals so hinbekam. Spät erst erlebte ich sie auf der Bühne, da war sie knapp sechsundsiebzig und mächtig aufgeregt und auch gerade von irgendeiner Malässe nur so halb gesund geworden, ein bißchen zittrig. Ihr Buch, Eva und der Wolf hatte ich auch gelesen. Zuerst kannte ich Nina, die ich 1979 auf ihrer ersten Tournee im Westen gesehen hatte. Wo Nina war, war es zu Eva-Maria nicht weit, und wenn man Wolf Biermann kannte, schloss sich der Familienkreis. Mein Onkel war auch mal mit Nina auf irgendeiner Tournee, als sie noch im Osten war. Eva-Maria war für mich anziehender als Nina, ich mochte sie beide, fühlte mich Eva-Maria aber näher, so als Gesamtpaket. Sie hatte noch ewig Sex Appeal und war nicht so ein Kasperle wie Nina, mehr so hintersinnig augenzwinkernd, ihr beträchtlicher Humor. Ganz bestimmt hat hier kein Leben voller Verzicht und Bedauern geendet, sondern ein ganz wunderbares, in Fülle und Dankbarkeit.

(fotografiert am 10. Oktober 2010 im Schlossparktheater Berlin)

18. August 2022

In Farbe auch schön – gerade! Das Pippi-Langstrumpf-bunte Haus auf dem Hof vom Studio. Mit diesen Bildern schließe ich meine topaktuelle Berichterstattung von meinem allerersten Besuch bei Jenny im Popschutz-Studio und widme mich nun wieder Albrecht Dürer, der bestimmt schon eifersüchtig geworden ist. Er möchte nämlich auch von mir in seinem Studio besucht werden! Seins ist in dem puppigen Haus unter der Nürnberger Kaiserburg, über der guten Stube, das zeige ich dann als nächstes. Bleiben Sie dran!

18. August 2022

Apropos Hingabe. Das stelle ich mir mit am Herausfordernsten für eine Sängerin oder einen Sänger vor, dem Gefühlsausdruck Vorrang vor einem aparten Effekt zu geben. Wenn jemand an sich eine wohlklingende Stimme hat und weiß, welches Timbre rein von der Tonlage her wie wirkt, könnte versucht sein, das beim Singen gezielt anzuwenden. Ich bilde mir ein, das zu hören und bin verstimmt. Menschlicher Gesang ist für mich nur schön, wenn ich die Hingabe spüre, bei Effekthascherei bekomme ich schlechte Laune. Das fängt schon da an, wenn ein Sänger oder eine Sängerin die Gesangsstimme auffallend tiefer oder höher oder nasaler oder gutturaler anlegt, als die natürliche Tonlage beim Sprechen ist. Opern- und Sakralgesang ist da jetzt raus, weil das dort ein immanentes Prinzip ist. Aber wenn ich z. B. an Voice of Germany denke und ein Kandidat oder ein Kandidatin trägt mit betont kernig tiefer, oder hauchig gurrender bitchy Stimme vor, und dann hört man im Anschluss die normale höhere oder eben sonstwie andere eher durchschnittliche Tonlage „ja, hallo, ich bin der Bernd aus Gütersloh und seit meinem elften Lebensjahr Fan von Johnny Cash“ oder „hi, mein Name ist Cindy aus (nein, nicht Marzahn) Treptow und meine beste Freundin – wir kennen uns schon aus der Kita – findet ich singe genau wie Billie Eilish“ da bin ich etwas verstimmt. Kann man entgegnen: „na dann schalte doch ab, musst du dir ja nicht anhören“. Mache ich dann auch, aber ich gebe erst mal eine Chance. Ich glaube, ein Teil künstlerischer Relevanz und Reife ist, das eigene Potenzial realistisch einzuschätzen und innerhalb der eigenen „Range“ virtuos zu werden. Und ganz viel Gefühl zuzulassen, sich hin und wieder auch ein bißchen nackt zu machen. Da kann man dran arbeiten. Muss man aber für sich erkannt haben. Alles andere ist aufgesetzt, affektiert und keine Bereicherung für die Menschheit. Meine gestrenge Anmaßung rührt von meiner tiefen Liebe zu Musik. Ich verschwende ungern Lebenszeit mit Trallala und Hopsassa.

18. August 2022

She’s The Boss. Also eigentlich. Arne Bergner vom Studio meinte grinsend, wer nach der Chef-Frage befragt, „eigentlich ich“ sagt, hat das Zepter nicht mehr in der Hand. Als Boss delegiert man aber auch, vertrauensvolle, kenntnisreiche Zuarbeit ist notwendig. Ich halte es für einen qualifizierten Führungsstil, in bestimmten Bereichen auf Fachkompetenz zu vertrauen, sich alles anzuhören, dann aber trotzdem das letzte Wort zu haben. Der musikalische Mitarbeiter, der in dem Metier zwangsläufig selbst ein Künstler ist, muss in seinem Bereich schon das Gefühl haben, dass er ein kleiner Chef in seinem Gewerk ist. Wenn ich also nicht Gitarre spielen kann, aber sehr gut Gitarre hören kann, bitte ich den Gitarristen, etwas anzubieten und wähle dann die Trüffel aus dem Sortiment. So stelle ich mir das wenigstens vor. Jenny ist als Boss vielleicht ähnlich. Wichtig ist, dass jeder Musiker und der Produzent des Vertrauens spürt, dass man ihn grundsätzlich super findet und alles, was er vorbringt, willkommen ist und ernst genommen wird – als Verhandlungsbasis. Bevor man jemanden engagiert, hat man sich ein Bild gemacht, in welche Richtungen die Ergebnisse tendieren können. Es ist wie überall in der Arbeitswelt: der Respekt und die Achtung vor dem Können des anderen muss echt sein, keine gespielte Attitüde, um Demokratie zu heucheln. Der oder Die Boss wäre ja blöd, sich den Rat von einem Profi nicht zu Herzen zu nehmen. Sich damit auseinanderzusetzen, bedeutet in dem Moment auch, sich über die eigenen Prioritäten und Vorlieben noch klarer zu werden, ist insofern auch eine super Orientierungshilfe.

18. August 2022

„Und: wie war’s…..???!!!?????“ Hans: „Ganz, ganz großes Kino! Phantastisch, mir fehlen die Worte! Ella und Aretha können einpacken! Nie Besseres gehört, Chapeau! À la bonheur! „ (Was mir am Bloggen auch sehr gefällt ist, dass man schreiben kann, was einem einfällt, je nachdem wonach einem so der Sinn steht! :-)

18. August 2022

Mir hat es gestern im Popschutzstudio sehr gut gefallen. Richtig gemütlich. Auch war die Getränkeauswahl vorbildlich. Daran hat natürlich Jenny mitgewirkt, die weiß, was ich gerne mag. Popschutz ist übrigens keine umgangssprachliche Bezeichnung für ein ganz bestimmtes Verhütungsmittel, obwohl auch was verhütet werden soll. Nämlich die kleinen Wind- und Ploppgeräusche bei der Aufnahme von bestimmten Konsonanten wie „P“. Zusätzlich will das Studio vermutlich auch mithelfen, die Popkultur unter Artenschutz zu stellen. Es werden dort aber auch Hörspiele produziert. Jenny nimmt dort in diesen Wochen ihre zweite Platte auf, geht in Richtung deutsches Chanson – vermute ich zumindest! Also ich schätze, es wird kein Psychedelic Punk oder Dark Metal. Kann mich natürlich täuschen! Vielleicht macht sie auch eine Reggae-Platte oder eine Tribute-Compilation mit deutschen Versionen der größten Hits der Rolling Stones? Denkbar, da Hans Rohe mit daran werkelt, und der ist ja Stones-Fan wie ich. Aber Jenny ist überhaupt kein Stones-Fan und findet Mick Jagger sogar doof (glaub ich – also jedenfalls wie er singt)! Ob Hans sie nun doch bekehrt hat? Es ist ja alles geheim. Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts! Das Popschutz-Studio ist jedenfalls für alles gewappnet: ausreichend Popschütze an den Mikros. Vor denen waren auch schon ein paar Musikkünstler, von denen man zuweilen gehört hat, wie Max Herre, Jennifer Rostock und Yvonne Catterfeld. Ich denke, ich werde meine erste große Schallplatte auch dort aufnehmen. Vielleicht eine Single. Der Hausherr vom Studio hat mich gestern schon interessiert gefragt, ob ich auch singen kann. Ich habe mich mit der Antwort etwas bedeckt gehalten, da ich diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht eindeutig mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Auch fehlt mir noch der Schallplattenvertrag bei einem Major. Ich möchte gleich ganz groß durchstarten! Die Richtung weiß ich auch noch nicht, da die Frage etwas sehr plötzlich kam. Etwas wird sich finden! Schätzungsweise irgendwas zwischen Sex Pistols und Schubert.

17. August 2022

Komisch. Jetzt sitz ich da, alles ist gerichtet und keiner kommt. Wo doch sonst immer so viele Leut da unten stehen, richtig lange Schlangen bis zum Tiergärtnertor kann ich manchmal sehen. Die Fenster mit den Butzenscheiben lasse ich immer ein bißchen auf, wegen Durchlüften, aber auch um zu schauen, wer so kommt. Das Buch ist auch an der richtigen Stelle aufgeschlagen, da wo steht, dass Hitler nie im Dürerhaus war, weil es das Dürerhaus noch attraktiver macht, was jeder verstehen wird, der einigermaßen bei Verstand ist. Es ist nicht verunreinigt! Ich habe jetzt nichts mehr weiter zu tun. Da sitze ich auf der Eckbank. Wenn nun doch einer kommt, denken die, ich bin faules Gesindel! Der Eintrittspreis ist bestimmt nicht zu hoch. Sechs Gulden, für Schulkinder sogar nur 1,50 Gulden, wenn sie mit der Klasse kommen. Es ist aber auch Mittagszeit, Schlag Halbeins. Da wollen die Reisenden vom Burgspaziergang ausruhen und ihr Schäufele essen. Na ja. Ich kanns auch verstehen. Einer wird schon noch kommen. Ich weiß mir die Zeit zu vertreiben! Ich hab ja Internet und blogge was!

17. August 2022

Willkommen! Hereinspaziert bei mir daheim, in meiner gute Stube zu Füßen der Nürnberger Kaiserburg. Mein Name ist Gaga Dürer, ich bin die uneheliche Urururururururururururururur-Enkelin von Albrecht Dürer und sehe hier ein wenig nach dem Rechten, seit mein Opa Albrecht, Gott hab ihn selig, nicht mehr ist, darf ich mich hier aufhalten und finde Inspiration und Seelenfrieden. Wenn Wände sprechen könnten! Hier saß mein Opa Dürer immer mit seinem Freund, dem Pirckheimer Willi. Sie haben dann ordentlich gebechert, Bier und Rostbratwürstchen waren auch immer auf dem Tisch. An Lebkuchen hat es auch nicht gefehlt, aber nur die guten, die Elisen-Lebkuchen! Dazu ein schöner Honigwein, aber nicht zu süß. Albrecht war den weltlichen Genüssen immer sehr zugetan. Das hab ich von ihm geerbt! Ich male sogar auch, aber natürlich nicht so gut, weil so gut malt ja eigentlich kaum einer sonst. Ich will mich aber verbessern und übe weiter, um meinem Opa Dürer keine Schande zu machen! So, nun habe ich alles fein gerichtet und geräumt, und die Besucher dürfen wieder herein in die gute Stube!

16. August 2022

Hoch die Treppe, vor der Wohnstube die Küche mit schickem zentralen Kochblock. Leider etwas verschwommen das Foto. Die Apparate waren 1509 noch nicht so gut entwickelt. Gerne hat man seine Nürnberger Rostbratwürstchen von Zinntellern gegessen, so auch Albrecht. Ob er die Würstchen selbst zubereitet hat, ist mir nicht bekannt. Er war ja verheiratet, seine Frau Agnes hat sich jeden Tag (außer dem heiligen Sonntag nehme ich an) auf den Hauptmarkt gestellt und seine Drucke verkauft. Und die Bücher geführt. Und möglicherweise auch den Haushalt. Er hatte schon einiges damit zu tun, die Kupferstiche und Drucke anzufertigen, denn fleißig war er, der Albrecht. Kinder hat er keine bekommen, aber seine Bilder sind ja auch irgendwie Kinder. Angenommen, er hätte in den 43 Schaffensjahren kein einziges Bild gemalt, aber 43 Kinder gezeugt, wäre er möglicherweise völlig unbekannt geblieben. Es hat schon alles seinen Sinn. Aber bemerkenswert, dass ein Mann aus einer so kinderreichen Familie – er hatte siebzehn Geschwister, von denen die wenigsten das Erwachsenenalter erreichten – so gar keinen direkten Nachfahren hat. An wem es lag, ist nicht bekannt. Ich vermute aber doch eher an ihm, weil er seiner Agnes bestimmt nicht immer körperlich treu war. Dafür ist zuviel Umtriebigkeit überliefert. Begriffe wie „Lieblingshuren“ fallen aus dem Munde von Kunsthistorikern. Auch wird ihm das Zitat „Ich mag nicht in den Himmel, wenn es dort keine Weiber gibt. – Was soll ich mit bloßen Flügelköpfchen?“ zugeschrieben. Vielleicht läuft doch irgendwo ein Bankert in soundsovielter Generation herum. Möglicherweise enden da auch die Forschungskompetenzen der Kunsthistoriker. Ich war jedenfalls auch nicht dabei und kann hier nichts außer Mutmaßungen beitragen. Das Schlafzimmer ist übrigens nicht rekonstruiert, es gibt nur einen leeren Vorraum, quadratisch. Göße King Size-Bett.

16. August 2022

DAS nenne ich Ruhm, wenn 492 Jahre nach Versterben einer Persönlichkeit berichtet wird, dass jüngst (in dem Fall 2020) Neues zur Todesursache erforscht wurde. Die Rede ist von Albrecht Dürer. Möglicherweise wird man sich auch noch in 430 Jahren mit den Todesumständen von Marilyn oder Elvis oder Lady Diana befassen. Aber so ganz sicher bin ich mir nicht. Hier nachzulesen, worüber ich gestern stolperte, ich zitiere: „Im Wikipedia-Eintrag zu Albrecht Dürer (1471-1528) steht noch, dass der große Künstler am 6. April 1528 an Malaria starb. Aber die Notizen eines Nachbarn des Nürnberger Malers berichten nun von einer anderen Todesursache. Eine neu vorgestellte wissenschaftliche Arbeit besagt, der Künstler sei wohl einer Lungenentzündung oder einer Rippenfellentzündung erlegen. Das hat der emeritierte Würzburger Geschichtsprofessor Franz Fuchs in seinem Aufsatz für den jüngsten Band des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg dargelegt.“ Für mein Empfinden geht das dezent in Richtung Promi-Klatsch, welchen ich auch oft sehr interessant und pikant finde. Sobald das Herumgebohre bei einer bildungsbürgerlich und historisch anerkannten Persönlichkeit stattfindet, bekommt das Geschnüffel das Prädikat „wissenschaftliche Arbeit“. Schon lustig. Ich wüsste nicht, welchen kunsthistorischen Unterschied es machen sollte, ob er an Malaria oder Lungenentzündung gestorben ist. Aber gut: hat man’s mal gehört. Das ist ja überhaupt so ein Phänomen, je mehr Zeit nach dem Tod eines Menschen vergangen ist, umso selbstverständlicher wird offengelegt, was der- oder diejenige unter Verschluss gehalten hat. Manche Menschen, die öffentlich publizieren, verfügen, dass bestimmte Schriften erst nach einem bestimmten nennenswerten Zeitraum veröffentlicht werden dürfen. Da spielt wohl zu Lebzeiten der Gedanke eine Rolle, dass Überlebende komische Befindlichkeiten angesichts des Inhalts von Tagebüchern oder Briefen haben könnten. Eine Schutzvorkehrung für die verstorbene Seele eventuell. Ist mir auch nicht völlig fremd. Ich lasse bewusst einige Aspekte meines Lebens beim öffentlich zugänglichen Bloggen unthematisiert. Ich stelle Dinge nicht anders dar, als sie sind, aber erwähne Verschiedenes als Schutzvorkehrung gar nicht. Um Betreffende zu schützen, aber auch mich selbst. Das ist der Fall bei Familiärem, das nicht unter leichte Kost fällt, oder Intimitäten. Das ist behutsam zu handhaben. Angenommen, ich würde heiraten, wäre das schon durch den mehr oder weniger öffentlichen Akt sicher etwas, was ich in irgendeiner Form erwähnen würde. Oder wenn ich in einer Partnerschaft mit gemeinsamer Wohnung leben würde, würde ich es auch nicht verschleiern. Oder gar, wenn ich Nachwuchs in die Welt gesetzt hätte. Ist alles nicht der Fall. Im Grunde betrifft es Themen, die in irgendeinem wesentlichen Aspekt ungeklärt oder heikel oder schmerzhaft sind. Die Krankheiten von Dürer waren zwar bestimmt schmerzhaft, aber nicht in peinlicher Weise heikel. Sein Bild für die Nachwelt wurde dadurch nicht eingetrübt, es hat nicht gelitten. Wenn jemand so sehr öffentlichen Ruhm anstrebt, wie Albrecht Dürer es tat, muss er auch damit rechnen, dass sich noch Hunderte Jahre später jemand mit seinen persönlichen Angelegenheiten befasst. Sein Ruhm ist unauslöschlich für alle Ewigkeit gesetzt. Wenn man z. B. versuchen würde herauszufinden, wieviele „Albrecht-Dürer-Straßen“ es alleine in Deutschland gibt, hätte man richtig viel zu tun. Natürlich fängt am Haus von Albrecht Dürer in Nürnberg auch eine Albrecht-Dürer-Straße an, Parallelstraße zum Albrecht-Dürer-Platz. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine größere Stadt eine Albrecht-Dürer-Straße hat ist größer, als keine zu haben. Allerdings leistet sich Hamburg die Extravaganz, eine „Dürerstraße“ zu verzeichnen. Im Grunde NOCH ruhmreicher für Albrecht, da klar ist, es gab nur EINEN Dürer, nach dem Straßen in der Welt benannt wurden und werden. Vorname geschenkt. Sein Vater, ein recht erfolgreicher Goldschmied in Nürnberg hieß genauso, Zusatz „der Ältere“, aber der hat es nur zu einer Gedenktafel an einer Hauswand in der Burgstraße in Nürnberg gebracht. Die habe ich auch abgelichtet. Ehrlich gesagt auch wegen Albrecht, dem Jüngeren. Wenn eine grundlegende starke Faszination da ist, die auch noch dermaßen durch jahrhundertelangen Hype wie bei Jesus befeuert wird, macht es Spaß, sich dem hinzugeben. Man berauscht sich am eigenen Berauschtsein. Das ist, wie es der Schlager schon sagt: „ich bin verliebt in die Liebe, sie ist okay-hay für mich.“ Gesteigerte Lebens- und Wahrnehmungs- und Empfindungs-Intensität. Amen.

16. August 2022

So geradlinig und zeitgenössisch sieht es nur unten im Eingangsbereich aus, wo die Besucher empfangen werden. Es gibt Schließfächer, wo man seine Sachen loswerden kann und eine digitale Säule, die dreiundvierzig Werke aus Albrecht Dürers dreiundvierzig Schaffensjahren zeigt und kunsthistorisch erklärt.

15. August 2022

Angekommen. Ganz ehrlich: ich bin auch bei Albrecht Dürers Haus davon ausgegangen, dass sein Fachwerkhaus Baujahr 1420, in dem er von 1509 bis zu seinem Tod 1528 lebte, im Krieg massiv zerstört wurde und man einen Wiederaufbau vor sich hat. Aber so ist es nicht. So stand das Haus vor Albrecht Dürer, Stein auf Stein, und es entging dem Bombenhagel. Die archaische Küche mit dem gemauerten Herdfeuer ist seine Küche. Das Wohnzimmer wurde rekonstruiert, auch das Zubehör in der Werkstatt. Aber alleine die Holzvertäfelungen an den Türstöcken sind kostbar. Sicher wurde der eine oder andere Balken ausgewechselt, aber das passiert ja auch schon bei viel jüngeren Häusern, zum Beispiel demnächst bei meinem Südbalkon in der Gaube, und das Haus ist Baujahr 1997. Das ist schlichte Instandsetzung und Erhaltung und Reparatur, aber keine disneylandhafte Kopie. Also betreten wir über das Stiegenhaus Räume, die bis auf den Zentimeter dem Zuschnitt von 1509 entsprechen. Wir sehen durch die Fenster zum Platz vor dem Tiergärtnertor auf denselben Sichtachsen, die er sah, so hat Albrecht Dürer die Burg und den Sinwellturm erblickt, wenn er am Fenster stand. Der untere Eingangsbereich ist der einzige, der mehr oder weniger modern gestaltet ist, schlichte, zeitgemäße Ausstellungsarchitektur. Den zeige ich zuerst, dann gehts treppauf.

15. August 2022

Nur gut, dass Gott Sonnenschirme erschaffen hat. Bei praller Mittagshitze setzt sich die Touristenmeute auf die heißen Stühle, vielleicht ein erlernter Reflex: Mittag = Mittagessen, Sitzgarnitur im Sommer draußen = dort hinsetzen. Ein Lokal „Zum Albrecht Dürer-Haus“ zu nennen, finde ich ein bißchen keck, in Anbetracht dessen, dass der unkundige Tourist das Albrecht Dürer-Haus sucht. Es ist ja auch auf dem Platz, aber gegenüber. Dann doch schon besser: „Café am Dürerhaus“. Wenn Engel reisen: hatte ich soeben noch ein glückliches Händchen beim spontanen Besuch in der Sebalduskirche mit gratis-Live-Konzert der h-Moll-Messe, so konnte ich mir wahrlich keinen besseren Zeitpunkt erwählen, um das Albrecht Dürer-Haus zu besuchen. Gegenüber vom Café am Dürerhaus steht es an der Ecke und bekommt nicht nur einen extra Eintrag, sondern voraussichtlich eine ganze Serie, so viele Zimmer und Räume der Meister eben bewohnt hat. Seine Werkstatt, also sein Atelier ist auch darin. Und eine tolle Küche. An der Kasse stand kein Besucher an, ich kam sofort dran. Albrecht, ich komme!