09. Oktober 2017


Spät war ich da. Kam von Michaela Helfrich, ihrer neuen Galerie in der Bleibtreustraße, so eine schöne Ecke von Berlin. Verquatschte mich mit ihrem Assistenten, schon älter auch. Er schien sich ernsthaft dafür zu interessieren, was ich treibe und wehe, wenn sie losgelassen. Hatte zwar schon beim Kommen angekündigt, dass es nur eine kurze Zwischenstation sei, aber wenn ich schon einmal Gelegenheit habe, meine Pläne zur Erlangung der Weltherrschaft darzulegen… er auch Fotograf, hatte auch Interessantes zu meinem Monolog beizutragen – ich glaube es war, dass David Bailey sagte, dass der erste Film (analog, seinerzeit, wir erinnern uns), sowieso und grundsätzlich niemals brauchbar wäre. Er würde mit Ansage den ersten Film als das eigentliche Shooting verkaufen und dann klar machen, dass die Sache erledigt ist und dann noch – just for fun – ein bißchen weiter rumspielen. Und da würden dann die eigentlichen Bilder entstehen. Ja. Genau so. Ich verstehe das. Ob die Geschichte stimmt, weiß ich nicht, aber sie hat eine tiefe Wahrheit. Wegen dieser Konversation verließ ich Michaelas Galerie also viel später als beabsichtigt. Fußweg zum Zoo, es regnete kaum noch, der Leopardenschirm blieb in der Tasche. U 9 zum Rathaus Steglitz, Heesestraße 3, Jacks heißt der Laden. Cosmic ist mit seinem Projekt umgezogen. Livemusik zum Mitsingen in Berliner Kneipen, die eigentlich kein Livemusik-Konzept haben. Es wird nach Lust und Laune gecovert, das Kneipenpublikum ist herzlich eingeladen, nach Kräften mitzusingen. Die Texte werden jetzt sogar in Karaoke-Manier an eine Wand gebeamt. Schummrige Kneipe, Stammgäste aus der Nachbarschaft. Ich kam sehr spät, das Programm war eigentlich gelaufen, aber ich bekam noch zwei Songs mit. Cosmic sang einen Song von Nat King Cole, in tieferer Stimmlage, als ich es von ihm kannte. Ein weiblicher Gast, Alexandra, die sich nicht eintscheiden konnte, ob sie sich nun Alexa nennen sollte oder irgendwie anders, nahm mich charmant in Beschlag, weil sie meine Nase mochte und erzählte mir ganz viel von ihrem Alltag. So vertrauensvoll, dass ich mich gar nicht entziehen konnte und auch nicht wollte. Sehr familiäre Atmosphäre in dem Laden. An jeder Ecke ein warmes Lächeln. Kurz vor Mitternacht nach Hause.

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07. Oktober 2017


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Albans Lesung
im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Meere. Ich kannte die modifizierte persische Fassung. Auf dem Büchertisch gab es das nun wieder erhältliche Original, es sind die alten, eingeschweißten Erstausgaben von damals, ich habe eine davon erstanden. Elvira M. Gross, die eigens aus Wien angereist war, um den Abend zu moderieren, war die Lektorin von Albans letztem Roman „Traumschiff“. Sehr angenehm, eine Bereicherung für die Lesung. Auch für meine Kamera. Danach noch mit Alban und Elvira und Freunden unten im Café des Literaturhauses ein paar Gläser Wein getrunken. Adrian war auch da und Lydia. Er war noch ein bißchen erkältet und erholungsbedürftig, hat aber zugehört. Als ich Alban am Tisch fragte, ob er mir auch etwas in das Buch schreiben würde, mussten alle lachen. Es muss irgendwie schüchtern rübergekommen sein. Lag wohl auch an meinem adretten, weißen Kragen. Hat er natürlich gemacht, der Beste.

03. Oktober 2017

WIE GAGA NIELSEN ZUM TONFILM KAM.


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Eike Schmitz, der Regisseur, hatte mich für zehn Uhr zum Amtsgericht in der Turmstraße 91 in Moabit bestellt. Ich war sogar schon früher da und spazierte durch die ehrwürdigen Hallen. Weil das Gericht am Samstag zu ist, mussten extra Mitarbeiter des Justizgebäudes zur Bewachung abgestellt werden. In dem riesigen Palast gibt es fünfzig Verhandlungssäle, es ist das größte Gerichtsgebäude in Europa, und bestimmt eines der beeindruckendsten.
Unserer Filmcrew wurde der Verhandlungssaal Nr. 138 im Erdgeschoss zugedacht, im nebenan gelegenen kleineren Raum 137, wo sich die Geschworenen oder die Anwälte oder Richter zur Beratung zurückziehen können, und der durch eine Verbindungstür mit dem Saal verbunden ist, wurde die Garderobe mit dem Tisch für die Maske eingerichtet. Im Saal waren hinter der Richter-Theke oder Tresen oder Empore oder wie das heißt, viel zu moderne Schreibtisch-Drehstühle, die mussten wir erstmal mit schönen alten auswechseln, die im Beratungszimmer waren. Dann wurde noch der Computer-Bildschirm abgebaut und die Plastik-Akten-Eingangskörbe weggeräumt. Aus dem Babelsberger Requisitenfundus wurde eine schöne alte Justizia-Figur mit den beiden Waagschalen aus poliertem Holz auf den hohen Richtertisch befördert und ein alter Holzhammer mit einem gepolsterten, ledernen Untersatz zum Draufhauen. Kennt man ja aus Film und Fernsehen!
Nach kurzer Beratung wurde entschieden, dass ich die hellere, fliedergraue Chiffonbluse anziehen soll, weil die sich auch farbtechnisch besser machen würde, als die cognacfarbene Seidenbluse. Als es zu meiner Frisur kam, meinte Eike rigoros zur Maskenbildnerin. „mach einfach einen Dutt, fertig!“. Ich: „ach, ich habe gedacht, ich kriege so schöne Quetschwellen….?“ Eike: „Ja, das wäre schön, aber die Zeit haben wir nicht!“. Die Maskenbildnerin warf mir daraufhin einen verschwörerischen Blick zu und teilte mir mit gesenkter Stimme mit: „wir machen da was – ich denke mir da so eine schöne Welle, die so ein bißchen ins Gesicht…“ Nachdem der Anwalt des Delinquenten seinen Rauschebart angeklebt bekommten hatte, wurde ich auf den Stuhl gebeten. Es wurde gekämmt und Haare abgeteilt und Partien hochgesteckt. Während die Heißwickler aufheizten, kam wieder einer der Männer dran, der Hauptdarsteller des Franz Tausend wurde raffiniert ungeschminkt geschminkt und abgepudert und sah wirklich komplett naturbelassen aus. Unglaublich, selbst aus geringster Entfernung.
Ich angelte mir einstweilen einen der Drehpläne des Tages, in dem der Szenenablauf ersichtlich war, und auch zum Teil der Text, der in der einen oder anderen Szene vorkommt bzw. als Grundlage für improvisierte Texte dient. Zum Glück hatte ich meine Lesebrille eingesteckt, sonst hätte ich die 6- oder 7-Punkte-Schrift nie entziffern können. Ich fand ein paar leere Din A-4-Seiten in einem Eingangskorb auf dem Schreibtisch in unserer Garderobe und begann den Text, der mir als Übersetzerin der „Zeugenaussage“ zugedacht war, in großen Druckbuchstaben abzuschreiben, so dass ich den Text auch ohne Brille lesen kann. Der italienische Professor und ich setzten uns zusammen und gingen die Sätze durch. Da wir keine konkrete Regieanweisung hatten, wie wir das lösen, probierten wir die Variante, dass er immer einen Satz auf italienisch sagt und ich dann aufmerksam zuhöre und dann prompt die Übersetzung wiedergebe. Ich achtete auf mir bekannt vorkommende Wörter mit Wiedererkennungswert, da ich nicht gerade behaupten kann, italienisch zu können. Manche Wörter kann man ja ableiten, aber wenn so ein echter Italiener so echtes Italienisch mit natürlichem Sprechtempo spricht, da kann man schon mal den Faden verlieren. Es war doch eine Herausforderung, was da von mir erwartet wurde, schien mir.
Zur Ablenkung und auch um mal zu sehen, wie da überhaupt vorgegangen wird, beim Dreh, ging ich in den Saal, wo schon fleißig gedreht wurde. Ein altertümlicher Aktenwagen wurde in einem Bogen in den Saal gefahren, und der Kameramann fuhr mit, Großaufnahme der „Sonderakten“ des Falls Franz Tausend. Zerfledderte, mit Tinte in Schnörkelschrift beschriftete Aktendeckel aus dem letzten Jahrhundert. Sehr beeindruckend. Es waren aber natürlich nicht die Originale vom Prozess, sondern Akten aus dem Filmfundus, die aber Originale aus Potsdam waren. Mir kam der Gedanke, dass es ja eigentlich nicht so richtig stimmig ist, dass in einem Prozess, der 1931 spielt, und in dem Akten aus den Jahren 1927 bis 1931 eine Rolle spielen, bröselnde, wurmstichige Papierbündel auf den Tischen liegen, weil die ja maximal vier Jahre alt wären und noch ganz gut in Schuss. Das fiel auch einigen anderen aus dem Filmteam schon auf, aber den „Fehler“ nimmt man zugunsten des nostalgischen Gefühls in Kauf, das der Anblick der uralten Akten beim Zuschauer auslöst. Man schaut gerne hin und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Aura! Ich verstand das sofort. Bildschöne Akten. Wie hässlich dagegen sind Behördenakten unserer Gegenwart. Kein Vergleich. Mit welcher kalligraphischen Hingabe die schwungvollen Beschriftungen gesetzt wurden, als gelte es, ein Poesiealbum zu verschönern.
Ich spazierte wieder in den Maskenraum und mittlerweile waren die Heißwickler aufgeheizt und einsatzbereit für meinen Kopf. Aber vorher wurden noch einzelne Strähnen am Hinterkopf gekreppt, für mehr Volumen beim Hochstecken! Es wurde geflochten, gesteckt, gekämmt, gelegt, gestochert, verziert, drapiert. Dann schaute mir im Spiegel eine Hochsteckfrisur mit weichen Wellen entgegen, die im Nacken in einem Flechtwerk mündete, was ich erst später, mit der Hilfe eines zweiten Spiegels sah. Die Männer machten Komplimente für die schöne Frisur, die mir doch ein wenig bieder und brav erschien, aber eben der Zeit und Rolle angemessen, so muss es sicher sein. Besonders interessant fand ich, dass die Maskenbildnerin erklärte, dass sie die Hochsteckfrisur absichtlich unperfekt gehalten hat, weil sich eine Dolmetscherin auf dem Sprung zu einem morgendlichen Gerichtstermin ja selbst frisiert und deswegen nicht wie vom Friseur zurechtgemacht aussehen darf.
Zuletzt widmete sie sich meinem Make up. Ich hatte damit gerechnet, dass ich zuerst rigoros komplett abgeschminkt werde und dann alles von Anfang an neu gemalt wird. Nachdem mich unsere Maskenbildnerin eingehend betrachtet hatte, meinte sie, das wäre schon erstaunlich gut, das könnte man fast schon so lassen, was ich da selbst gemacht habe. Sie nahm das dann als Grundlage und begann mit feinen Pinseln hier und da einzelne Partien aufzuhellen, unter den Augen, über der Oberlippe. Dann noch eine leichte Verlängerung der Augenbrauen und mattieren. Fertig. Nun präsentierte ich mich in meiner Dreißiger-Jahre-Pracht den anwesenden Herren und der Requisiteurin. Alle waren hochzufrieden, Eike meinte gar: „Entzückend, mit dir sollte man gleich einen ganzen Film drehen!“. Ich kam ja nur in einer kleinen Szene vor. Einige der Herren wurden regelrecht nostalgisch und erinnerten sich an ihre Großmutter. Der eine erinnerte sich, dass seine Oma genauso das Haar getragen hatte, ein anderer sah meine zierliche Armbanduhr und dachte wiederum an seine Großmama. Es war direkt rührend.
Ich kam nun unerwartet schon in einer früheren Szene dran, wo Hinterköpfe für eine Einstellung mit Publikum gebraucht wurden. Der Richter und die Schöffen und der Staatsanwalt betreten durch die Hintertür den Gerichtssaal und das Publikum steht respektvoll. Dann setzen sich die hohen Herren in ihren Roben und Talaren und der Richter bittet das Publikum, sich ebenfalls zu setzen. Wir setzen uns. Die Szene wurde insgesamt fünfmal gedreht. Beim ersten mal wurde vergessen, die Hintertür zu schließen, man sah den leuchtenden dreiteiligen Maskenspiegel durch die Tür. Dann fiel auf, dass der „Staatsanwalt“ seine Plastik-Wasserflasche auf dem Tisch hatte. Dann stimmte die Reihenfolge des Hinsetzens der hohen Herren nicht. Eine sehr kurze Szene nur, aber das Wiederholen kostet Zeit, immer wieder „alles auf Anfang“. Wenn Eike, der Regisseur laut sagte: „Und bitte!“ startete der Tonmann die Aufnahme mit den Worten: „ich laufe“ und mit denselben Worten gab der Kameramann das Zeichen, dass seine Kamera läuft. So verging die Zeit mit vielen kleinen Aufnahmen, die meistens zwei, drei, viermal wiederholt wurden, auch um Auswahl zu haben, wie mir schien. Der Hauptdarsteller schwadronierte von Elementen und Schwingungen und Phantasie-Formeln, mit denen er wirklich „ganz kurz vor dem Durchbruch“ stand, was die Herstellung von Gold aus Eigenproduktion anbelangte. Die Garderobiere und ich saßen im Publikum und mussten und das Lachen verkneifen. Das war wirklich glänzend improvisierter Unsinn, den „Franz Tausend“ da von sich gab. Schon alleine wegen dieser Vorstellung hätte es sich für mich gelohnt, dabei zu sein.
Es dauerte noch. Ich trank Kaffee und aß einen Banane und Schokolade. Auf dem Schreibtisch im Garderobenraum war das Catering aufgebaut, Wraps, ein Kuchenblech, eine große Kaffeekanne, Tee, Wasserflaschen, Energieriegel, Äpfel, Bananen, mehrere Tafeln Schokolade. Aber kein Alkohol! Ich spazierte zum Zeitvertreib durch das Gerichtsgebäude und las ab und zu den Text, den ich keineswegs auswendig konnte, in der Hoffnung, dass nicht allen Ernstes erwartet wird, dass ich die zwei Seiten da ohne einen Blick auf meine Blätter herunterbeten kann. Meine Vorstellung, was den Ausdruck anging war, dass man als Übersetzerin ja nicht mit der Emphase von jemandem der emotional berührt ist, erzählt, spricht. Also nicht, wie der aufgeregte Zeuge, der den Hochstapler überführt hat, sondern eher betont sachlich und leidenschaftslos, aber genau, mit Bedacht auf die exakte Formulierung. Das ist ja die Aufgabe des Übersetzers eines kriminaltechnisch relevanten Sachverhalts. Nun ja, es würde schon irgendwie über die Bühne gehen, sicher würde man mir ja auch Anweisungen zuteil werden lassen.
Es war schon später Nachmittag, um achtzehn Uhr sollten wir wieder raus sein, aus dem Gerichtsgebäude, die Justiz-Angestellten wollten auch in ihr wohlverdientes Wochenende. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren einige von ihnen auf der hintersten Bank m Gerichtssaal, wo kein Kameraschwenk hinkam, und sie schauten zu, was die Filmleute so machen. Mir war das in der Form ja auch neu. Die Liebe zum Detail fiel mir auf, der Wechsel zwischen Totaler und starker Nahaufnahme, obwohl ich nicht auf das Display von Eikes Kästchen geschaut habe, aber so weit reichten meine kameratechnischen Kenntnisse, um das zu identifizieren. Objektive wurden immer wieder gewechselt, das Licht durch ein Tuch gefiltert. Ein eingespieltes Team, unverkennbar, alles sehr unaufgeregt und effizient, ohne große Diskussionen.
Als ich nun mit dem Italiener dran war, es war meiner Erinnerung nach schon Siebzehn Uhr, wurde zuerst geklärt, wo er als Zeuge sitzt, nämlich an einem extra Tisch vor dem Richter und den Beisitzern und ich sollte die ganze Zeit stehen, schon im Saal sein, vor der Balustrade stehen, die den Richter und die Schöffen vom Saal trennt, und ihn, den Zeugen anschauen. Er würde in den Saal gerufen werden, durchquert ihn, geht zum Tisch, sagt sowohl Guten Tag als auch Buon Giorno und setzt sich nach Aufforderung durch den Richter, und beginnt nach der Frage des Richters „Was haben Sie beobachtet? Erzählen Sie mal!“ mit seiner italienischen Zeugenaussage. Er sollte die Aussage nun am Stück machen, und ich währenddessen Notizen. Ich hatte Papier in einem zarten Elfenbeinton bei den Requisiten gefunden und darauf noch einmal die Sätze geschrieben, diese Blätter hatte ich nun auf einem alten Aktendeckel zur Stabilisierung und hielt diese „Schreibunterlage“ in der einen und einen Bleistift in der anderen Hand, zum Zwecke, Notizen der Zeugenaussage zu machen, die ich dann zu übersetzen hätte. Tatsächlich habe ich nur so getan, als ob sich der Stift notierend von links nach rechts und von oben nach unten auf dem Blatt bewegt, da standen die Notizen ja bereits. Der italienische Kollege hat das ganz hervorragend gemacht, es wirkte total natürlich. Meine Stehposition wurde immer wieder einmal leicht korrigiert, noch ein Stückchen mehr nach hinten, noch ein Stückchen mehr nach links.
Ich war dran, mit dem deutschen Text der Aussage. Das Mikrophon wurde an der langen Stange über meinem Kopf gehalten. Der Tonmann muss unheimliche Oberarmmuskeln haben, so unablässig, wie er seine Arme auf Höhe halten muss, wenn er das Ding hält. Ich durfte meine „Notizen“ also ablesen und es wurde eine Aufnahme gemacht, mit dem kompletten Text, wobei ich den Richter zu wenig anschaute, das war mir schon wieder in Vergessenheit geraten, dass ich ja dem Richter berichte, auch wenn ich vorher beim Notieren, naturgemäß, den sprechenden Zeugen anschaue. Man musste sich richtig konzentrieren. Ich dachte, ich sollte aufgrund der Situation und meiner Funktion um Deutlichkeit bemüht sprechen, weil es ja eine gewichtige und sehr belastende Aussage war, auch langsamer, als in einer Konversation. Eike fand das dann aber ein bißchen so, als ob ich zu jemandem spreche, der nicht richtig Deutsch kann. Er wollte es etwas weniger betont. Na gut. Wir beschränkten die weiteren Takes auf die zentrale Belastungs-Aussage, dass der Italiener ihm, Tausend, auf den Kopf zusagte, dass er ein Betrüger sei, ein Hochstapler! Die zweieinhalb Sätze wurden dann aus verschiedener Perspektive gedreht, wobei mir sehr deutlich wurde, wie begrenzt der darstellerische Entfaltungsspielraum meiner Rolle war, zwangsläufig. Ich musste vor allem Haltung bewahren und einer pragmatischen Funktion innerhalb des Gerichtsszenarios gerecht werden. Eine Rolle, die man sich nicht unbedingt aussuchen würde, wenn es eine andere gäbe. Nun war es dann doch im Kasten und es stand nur noch die Szene an, wo Franz Tausend abgeführt wird und das „Hohe Gericht“ den Saal verlässt. Ende des Prozesses von Franz Tausend.
Die Zeit war sehr vorangeschritten und Drehschluss achtzehn Uhr überzogen. Es wurde eine Stunde Verlängerung zugestanden und ich sah, wie der Kameramann noch einige Nahaufnahmen von aufgeblätterten Akten machte, das dauerte auch noch einige Zeit und dann ging es an den rasanten Abbau des Sets, bzw. den Rückbau des Saals, wo alle mit anpackten, die noch da waren. Ich baute den Computer-Monitor wieder auf, inclusive Verkabelung und half mit, die Stühle auszuwechseln, die modernen wieder in den Saal, die alten in den Nebenraum. Wir wurden immer schneller, alles wurde in Windeseile vor das Gerichtsgebäude gebracht. Zwischendurch hatte mir die Maskenbildnerin noch die Haarklammern gezogen und ich hatte nun eine Art Jean Harlow-Lockenfrisur, mit ein paar gekreppten Strähnen dazwischen, das sah eher kurios als glamourös aus. Ich wechselte die Schuhe und zog statt der hochhackigen Stiefeletten wieder die flacheren Schnürstiefel an, in denen ich gekommen war. Mir brummte der Kopf ein wenig, ich hätte auch Lust gehabt ein Glas Wein oder einen Schnaps zu trinken.
Die Assistentin und Requisiteurin hatte noch Zettel verteilt, wo man unterschreiben sollte, dass man die Rechte an den Bildern, die von einem gemacht wurden, dem ZDF für Terra X zur Verwertung überlässt. Habe ich natürlich unterschrieben. Ich machte mich noch schlau, wie es nun weitergeht mit dem Film, die Dreharbeiten sind wohl weitgehend fertig, nun kommt die Schnittphase und die Redaktion von Terra X sieht etwa Ende November den Rohschnitt und nach Fertigstellung ist wohl mit einem Sendetermin im Frühjahr 2018 zu rechnen. Der Arbeitstitel war überall „Der große Bluff“. Ich weiß nicht, ob das noch geändert wird. Es gibt ja einen Marlene Dietrich-Film, der so heißt. Vielleicht kommt auch noch ein Untertitel dazu, wo Franz Tausend erwähnt wird oder dergleichen. Das weiß ich alles nicht. Ich war aber auf jeden Fall froh, dass ich dabei sein konnte, es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich kann mich nur bei Eike für diese Gelegenheit bedanken.
Ich kann mir vorstellen, dass sich mancher gewundert hat, wieso ich hier auf einmal berichte, dass ich in einem Film mitspiele, der noch dazu im Fernsehen gezeigt wird. Normalerweise denkt man, dass man sich dafür casten lässt oder irgendwie bewirbt oder bei einer Agentur für den Einsatz von Statisten meldet. Ich bin dazu eher auf einem privaten Umweg gekommen. Eike und ich haben gemeinsame Freunde, und wir haben uns immer wieder bei verschiedenen Festen oder Events getroffen und ich war auch schon bei einer Vorführung seines Pückler-Filmes auf demTeufelsberg. Unsere gemeinsame Freundin Ina hat bei ihm schon in mehreren Filmen als Statistin mitgemacht und sie fanden beide, ich müsste da auch mal mitspielen, schon aus Spaß. Dann fragte mich Eike neulich, wo ich denn bei dem Dreh in der Villa Jacobs war, da hätte ich doch mitmachen sollen, in der Partyszene! Rumstehen im Zwanziger-Jahre-Abendkleid und Champagner auf der Terrasse trinken. Es war nicht bei mir angekommen. Na gut, der Termin war an einem Tag, an dem ich sowieso nicht gekonnt hätte, wie ich später sah, aber trotzdem hätte ich da Lust drauf gehabt.
Ich fragte Eike, ob er für den Film noch einen Drehtag in Berlin angedacht hat. Da fiel ihm der Gerichtsdreh ein, und dass ich die Sekretärin spielen könnte. Da hörte sich nach einer für mich einfachen Statisttenrolle an, zumal ich zehn Finger blind schreiben kann und es sogar auf einer mechanischen Schreibmaschine aus den Dreissiger Jahren gelernt hatte. Er erzählte auch, dass er dann nur noch eine Übersetzerin braucht, die müsste er noch besetzen. Kurz vor dem Dreh erfuhr ich dann, dass ich nun kurzerhand zur Übersetzerin erklärt wurde. Die Sekretärin wurde ersatzlos gestrichen. Dass eine Übersetzerin Text haben würde, hatte ich fast schon befürchtet. Ich habe mich also nicht um eine Sprechrolle beworben, sondern bin ein bißchen damit überrascht worden. Ich habe es dann einfach sportlich gesehen. Auch kein Hexenwerk! Meine Probeaufnahmen hatte ich ja quasi in Eigenregie schon selber vorgelegt. Also kein Vorsprechen, von privaten Unterhaltungen im Vorfeld abgesehen. Ich hoffe, der meisterhafte Schnitt wird es richten und von allem nur das Beste verwerten. Ich kenne die Filme ja nun zum Teil und weiß, da sind richtige, echte Profis am Werk, da in der Atlantis-Film-Crew. Deswegen hat es mich auch interessiert. Nun bin ich um einiges schlauer. Es ist wirklich Arbeit, richtige, echte Arbeit, einen Film nach fernsehtauglichen Maßstäben zu drehen.
Ich bin dann gleich nach Hause, es gab keine rauschende Party mehr danach, ich musste mich richtig erholen. Ich habe aber nicht nur etwas darüber gelernt, wie so ein Filmdreh von statten geht, sondern auch über den Umschwung in der Mode, von den Zwanzigern zu den Dreißiger Jahren. Sehr interessant. Wie die in den Zwanzigern verloren gegangene, auf die Hüfte gerutschte Taille, wieder nach oben wanderte und betonte Weiblichkeit in der Silhouette gezeigt wurde und der Rocksaum wieder nach unten, bis zur Wade ging. Und dass ich in meiner Garderobe einige Stücke habe, die zu dieser Epoche passen. In eigener Kleidung fühlt man sich immer wohler, als in geborgter. Die riecht auch nicht nach Fundus. Das ist also die Geschichte, wie Gaga Nielsen nun noch doch zum Tonfilm kam. Stummfilmstar war ich ja.







05. Oktober 2017


Mal wieder ein Lieblingslied posten. „Was ich dir sagen will“ auf Französisch. Obwohl ich den deutschen Text von Blacky Fuchsberger wunderschön finde, gefällt mir diese schlichter arrangierte, französische Aufnahme am besten von allen. Nicht wegen des französischen Textes, sondern wegen der einfacheren Instrumentierung. Die deutsche Studio-Version hat zu viele Schnörkel und Effekte, die das Lied nicht braucht. Es kam mir gerade wieder in den Sinn, als ich den Bademantel-Eintrag bei Modeste gelesen habe. Es gibt Songs, die ich mir nicht überhören kann, dieses Lied gehört dazu, es ist immer auf jeder Lieblingsplaylist, wo alles Erdenkliche versammelt ist, was mir über die Jahre und Jahrzehnte am Herzen liegt. Un air sur mon piano. Udo Jürgens. Er hat viele schöne Melodien komponiert. Aber das ist die schönste von allen.

04. Oktober 2017


Adrian, Francesco Clemente, Alban, bei der Lesung vor einem Monat in SOEHT7. Heute wird Alban aus Meere lesen, der wieder erhältlichen, unzensierten Originalversion. Ich kenne das Buch nur in der eingeschränkten Ausgabe, und mochte es sehr. Mich wunderte maßlos, dass nicht alle Kritiker erfassten, wie zartfühlend es ist. Man muss sehr fahrlässig bei der Lektüre sein, um das nicht zu begreifen. Merkwürdigerweise schließen manche Menschen aus, dass zarte Gefühle mit schrankenloser Erotik eine Verbindung eingehen. Es ist und bleibt mir ein Rätsel. Als sei Ekstase ein Kind von Grobschlächtigkeit oder Einfalt. Heute Abend im Literaturhaus in der Fasanenstraße, zwanzig Uhr, Alban Nikolai Herbst liest Meere. Ich werde da sein.

03. Oktober 2017

In der Schleife. Damit ihr seht, was da noch alles ist, neben den Bildern von euch, Doro, Maria, Alban, Adrian, Lydia…. sogar Bilder von 2015 und sogar die Bilder von meinem Geburtstagsausflug im letzten Jahr nach Valentinswerder. Und von diesem in Soeht7, mit der Ausstellung. Und dies und das. Ich bin unermüdlich, aber ich komme nicht schneller voran. 2.297 Dateien. Viele sehr schöne Aufnahmen darunter, die euch Freude machen werden, mir auch. Aber die Freude ist auch noch eine, wenn Zeit verstrichen ist. Manchmal sogar noch mehr, als wenn die Erinnerung noch ganz frisch ist. Das nur zu eurer Kenntnis. Ich liege ganz selten auf der faulen Haut. Viel zu selten eigentlich. Manchmal lese ich sogar und empfinde das als großen Luxus. Als hätte mir jemand befohlen, dass ich immer dienstbar sein muss. Nein, aber die Zeit verstreicht so schnell und ich will sie nutzen.

03. Oktober 2017

WIE GAGA NIELSEN ZUM TONFILM KAM.


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Eike Schmitz, der Regisseur, hatte mich für zehn Uhr zum Amtsgericht in der Turmstraße 91 in Moabit bestellt. Ich war sogar schon früher da und spazierte durch die ehrwürdigen Hallen. Weil das Gericht am Samstag zu ist, mussten extra Mitarbeiter des Justizgebäudes zur Bewachung abgestellt werden. In dem riesigen Palast gibt es fünfzig Verhandlungssäle, es ist das größte Gerichtsgebäude in Europa, und bestimmt eines der beeindruckendsten.
Unserer Filmcrew wurde der Verhandlungssaal Nr. 138 im Erdgeschoss zugedacht, im nebenan gelegenen kleineren Raum 137, wo sich die Geschworenen oder die Anwälte oder Richter zur Beratung zurückziehen können, und der durch eine Verbindungstür mit dem Saal verbunden ist, wurde die Garderobe mit dem Tisch für die Maske eingerichtet. Im Saal waren hinter der Richter-Theke oder Tresen oder Empore oder wie das heißt, viel zu moderne Schreibtisch-Drehstühle, die mussten wir erstmal mit schönen alten auswechseln, die im Beratungszimmer waren. Dann wurde noch der Computer-Bildschirm abgebaut und die Plastik-Akten-Eingangskörbe weggeräumt. Aus dem Babelsberger Requisitenfundus wurde eine schöne alte Justizia-Figur mit den beiden Waagschalen aus poliertem Holz auf den hohen Richtertisch befördert und ein alter Holzhammer mit einem gepolsterten, ledernen Untersatz zum Draufhauen. Kennt man ja aus Film und Fernsehen!
Nach kurzer Beratung wurde entschieden, dass ich die hellere, fliedergraue Chiffonbluse anziehen soll, weil die sich auch farbtechnisch besser machen würde, als die cognacfarbene Seidenbluse. Als es zu meiner Frisur kam, meinte Eike rigoros zur Maskenbildnerin. „mach einfach einen Dutt, fertig!“. Ich: „ach, ich habe gedacht, ich kriege so schöne Quetschwellen….?“ Eike: „Ja, das wäre schön, aber die Zeit haben wir nicht!“. Die Maskenbildnerin warf mir daraufhin einen verschwörerischen Blick zu und teilte mir mit gesenkter Stimme mit: „wir machen da was – ich denke mir da so eine schöne Welle, die so ein bißchen ins Gesicht…“ Nachdem der Anwalt des Delinquenten seinen Rauschebart angeklebt bekommten hatte, wurde ich auf den Stuhl gebeten. Es wurde gekämmt und Haare abgeteilt und Partien hochgesteckt. Während die Heißwickler aufheizten, kam wieder einer der Männer dran, der Hauptdarsteller des Franz Tausend wurde raffiniert ungeschminkt geschminkt und abgepudert und sah wirklich komplett naturbelassen aus. Unglaublich, selbst aus geringster Entfernung.
Ich angelte mir einstweilen einen der Drehpläne des Tages, in dem der Szenenablauf ersichtlich war, und auch zum Teil der Text, der in der einen oder anderen Szene vorkommt bzw. als Grundlage für improvisierte Texte dient. Zum Glück hatte ich meine Lesebrille eingesteckt, sonst hätte ich die 6- oder 7-Punkte-Schrift nie entziffern können. Ich fand ein paar leere Din A-4-Seiten in einem Eingangskorb auf dem Schreibtisch in unserer Garderobe und begann den Text, der mir als Übersetzerin der „Zeugenaussage“ zugedacht war, in großen Druckbuchstaben abzuschreiben, so dass ich den Text auch ohne Brille lesen kann. Der italienische Professor und ich setzten uns zusammen und gingen die Sätze durch. Da wir keine konkrete Regieanweisung hatten, wie wir das lösen, probierten wir die Variante, dass er immer einen Satz auf italienisch sagt und ich dann aufmerksam zuhöre und dann prompt die Übersetzung wiedergebe. Ich achtete auf mir bekannt vorkommende Wörter mit Wiedererkennungswert, da ich nicht gerade behaupten kann, italienisch zu können. Manche Wörter kann man ja ableiten, aber wenn so ein echter Italiener so echtes Italienisch mit natürlichem Sprechtempo spricht, da kann man schon mal den Faden verlieren. Es war doch eine Herausforderung, was da von mir erwartet wurde, schien mir.
Zur Ablenkung und auch um mal zu sehen, wie da überhaupt vorgegangen wird, beim Dreh, ging ich in den Saal, wo schon fleißig gedreht wurde. Ein altertümlicher Aktenwagen wurde in einem Bogen in den Saal gefahren, und der Kameramann fuhr mit, Großaufnahme der „Sonderakten“ des Falls Franz Tausend. Zerfledderte, mit Tinte in Schnörkelschrift beschriftete Aktendeckel aus dem letzten Jahrhundert. Sehr beeindruckend. Es waren aber natürlich nicht die Originale vom Prozess, sondern Akten aus dem Filmfundus, die aber Originale aus Potsdam waren. Mir kam der Gedanke, dass es ja eigentlich nicht so richtig stimmig ist, dass in einem Prozess, der 1931 spielt, und in dem Akten aus den Jahren 1927 bis 1931 eine Rolle spielen, bröselnde, wurmstichige Papierbündel auf den Tischen liegen, weil die ja maximal vier Jahre alt wären und noch ganz gut in Schuss. Das fiel auch einigen anderen aus dem Filmteam schon auf, aber den „Fehler“ nimmt man zugunsten des nostalgischen Gefühls in Kauf, das der Anblick der uralten Akten beim Zuschauer auslöst. Man schaut gerne hin und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Aura! Ich verstand das sofort. Bildschöne Akten. Wie hässlich dagegen sind Behördenakten unserer Gegenwart. Kein Vergleich. Mit welcher kalligraphischen Hingabe die schwungvollen Beschriftungen gesetzt wurden, als gelte es, ein Poesiealbum zu verschönern.
Ich spazierte wieder in den Maskenraum und mittlerweile waren die Heißwickler aufgeheizt und einsatzbereit für meinen Kopf. Aber vorher wurden noch einzelne Strähnen am Hinterkopf gekreppt, für mehr Volumen beim Hochstecken! Es wurde geflochten, gesteckt, gekämmt, gelegt, gestochert, verziert, drapiert. Dann schaute mir im Spiegel eine Hochsteckfrisur mit weichen Wellen entgegen, die im Nacken in einem Flechtwerk mündete, was ich erst später, mit der Hilfe eines zweiten Spiegels sah. Die Männer machten Komplimente für die schöne Frisur, die mir doch ein wenig bieder und brav erschien, aber eben der Zeit und Rolle angemessen, so muss es sicher sein. Besonders interessant fand ich, dass die Maskenbildnerin erklärte, dass sie die Hochsteckfrisur absichtlich unperfekt gehalten hat, weil sich eine Dolmetscherin auf dem Sprung zu einem morgendlichen Gerichtstermin ja selbst frisiert und deswegen nicht wie vom Friseur zurechtgemacht aussehen darf.
Zuletzt widmete sie sich meinem Make up. Ich hatte damit gerechnet, dass ich zuerst rigoros komplett abgeschminkt werde und dann alles von Anfang an neu gemalt wird. Nachdem mich unsere Maskenbildnerin eingehend betrachtet hatte, meinte sie, das wäre schon erstaunlich gut, das könnte man fast schon so lassen, was ich da selbst gemacht habe. Sie nahm das dann als Grundlage und begann mit feinen Pinseln hier und da einzelne Partien aufzuhellen, unter den Augen, über der Oberlippe. Dann noch eine leichte Verlängerung der Augenbrauen und mattieren. Fertig. Nun präsentierte ich mich in meiner Dreißiger-Jahre-Pracht den anwesenden Herren und der Requisiteurin. Alle waren hochzufrieden, Eike meinte gar: „Entzückend, mit dir sollte man gleich einen ganzen Film drehen!“. Ich kam ja nur in einer kleinen Szene vor. Einige der Herren wurden regelrecht nostalgisch und erinnerten sich an ihre Großmutter. Der eine erinnerte sich, dass seine Oma genauso das Haar getragen hatte, ein anderer sah meine zierliche Armbanduhr und dachte wiederum an seine Großmama. Es war direkt rührend.
Ich kam nun unerwartet schon in einer früheren Szene dran, wo Hinterköpfe für eine Einstellung mit Publikum gebraucht wurden. Der Richter und die Schöffen und der Staatsanwalt betreten durch die Hintertür den Gerichtssaal und das Publikum steht respektvoll. Dann setzen sich die hohen Herren in ihren Roben und Talaren und der Richter bittet das Publikum, sich ebenfalls zu setzen. Wir setzen uns. Die Szene wurde insgesamt fünfmal gedreht. Beim ersten mal wurde vergessen, die Hintertür zu schließen, man sah den leuchtenden dreiteiligen Maskenspiegel durch die Tür. Dann fiel auf, dass der „Staatsanwalt“ seine Plastik-Wasserflasche auf dem Tisch hatte. Dann stimmte die Reihenfolge des Hinsetzens der hohen Herren nicht. Eine sehr kurze Szene nur, aber das Wiederholen kostet Zeit, immer wieder „alles auf Anfang“. Wenn Eike, der Regisseur laut sagte: „Und bitte!“ startete der Tonmann die Aufnahme mit den Worten: „ich laufe“ und mit denselben Worten gab der Kameramann das Zeichen, dass seine Kamera läuft. So verging die Zeit mit vielen kleinen Aufnahmen, die meistens zwei, drei, viermal wiederholt wurden, auch um Auswahl zu haben, wie mir schien. Der Hauptdarsteller schwadronierte von Elementen und Schwingungen und Phantasie-Formeln, mit denen er wirklich „ganz kurz vor dem Durchbruch“ stand, was die Herstellung von Gold aus Eigenproduktion anbelangte. Die Garderobiere und ich saßen im Publikum und mussten und das Lachen verkneifen. Das war wirklich glänzend improvisierter Unsinn, den „Franz Tausend“ da von sich gab. Schon alleine wegen dieser Vorstellung hätte es sich für mich gelohnt, dabei zu sein.
Es dauerte noch. Ich trank Kaffee und aß einen Banane und Schokolade. Auf dem Schreibtisch im Garderobenraum war das Catering aufgebaut, Wraps, ein Kuchenblech, eine große Kaffeekanne, Tee, Wasserflaschen, Energieriegel, Äpfel, Bananen, mehrere Tafeln Schokolade. Aber kein Alkohol! Ich spazierte zum Zeitvertreib durch das Gerichtsgebäude und las ab und zu den Text, den ich keineswegs auswendig konnte, in der Hoffnung, dass nicht allen Ernstes erwartet wird, dass ich die zwei Seiten da ohne einen Blick auf meine Blätter herunterbeten kann. Meine Vorstellung, was den Ausdruck anging war, dass man als Übersetzerin ja nicht mit der Emphase von jemandem der emotional berührt ist, erzählt, spricht. Also nicht, wie der aufgeregte Zeuge, der den Hochstapler überführt hat, sondern eher betont sachlich und leidenschaftslos, aber genau, mit Bedacht auf die exakte Formulierung. Das ist ja die Aufgabe des Übersetzers eines kriminaltechnisch relevanten Sachverhalts. Nun ja, es würde schon irgendwie über die Bühne gehen, sicher würde man mir ja auch Anweisungen zuteil werden lassen.
Es war schon später Nachmittag, um achtzehn Uhr sollten wir wieder raus sein, aus dem Gerichtsgebäude, die Justiz-Angestellten wollten auch in ihr wohlverdientes Wochenende. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren einige von ihnen auf der hintersten Bank m Gerichtssaal, wo kein Kameraschwenk hinkam, und sie schauten zu, was die Filmleute so machen. Mir war das in der Form ja auch neu. Die Liebe zum Detail fiel mir auf, der Wechsel zwischen Totaler und starker Nahaufnahme, obwohl ich nicht auf das Display von Eikes Kästchen geschaut habe, aber so weit reichten meine kameratechnischen Kenntnisse, um das zu identifizieren. Objektive wurden immer wieder gewechselt, das Licht durch ein Tuch gefiltert. Ein eingespieltes Team, unverkennbar, alles sehr unaufgeregt und effizient, ohne große Diskussionen.
Als ich nun mit dem Italiener dran war, es war meiner Erinnerung nach schon Siebzehn Uhr, wurde zuerst geklärt, wo er als Zeuge sitzt, nämlich an einem extra Tisch vor dem Richter und den Beisitzern und ich sollte die ganze Zeit stehen, schon im Saal sein, vor der Balustrade stehen, die den Richter und die Schöffen vom Saal trennt, und ihn, den Zeugen anschauen. Er würde in den Saal gerufen werden, durchquert ihn, geht zum Tisch, sagt sowohl Guten Tag als auch Buon Giorno und setzt sich nach Aufforderung durch den Richter, und beginnt nach der Frage des Richters „Was haben Sie beobachtet? Erzählen Sie mal!“ mit seiner italienischen Zeugenaussage. Er sollte die Aussage nun am Stück machen, und ich währenddessen Notizen. Ich hatte Papier in einem zarten Elfenbeinton bei den Requisiten gefunden und darauf noch einmal die Sätze geschrieben, diese Blätter hatte ich nun auf einem alten Aktendeckel zur Stabilisierung und hielt diese „Schreibunterlage“ in der einen und einen Bleistift in der anderen Hand, zum Zwecke, Notizen der Zeugenaussage zu machen, die ich dann zu übersetzen hätte. Tatsächlich habe ich nur so getan, als ob sich der Stift notierend von links nach rechts und von oben nach unten auf dem Blatt bewegt, da standen die Notizen ja bereits. Der italienische Kollege hat das ganz hervorragend gemacht, es wirkte total natürlich. Meine Stehposition wurde immer wieder einmal leicht korrigiert, noch ein Stückchen mehr nach hinten, noch ein Stückchen mehr nach links.
Ich war dran, mit dem deutschen Text der Aussage. Das Mikrophon wurde an der langen Stange über meinem Kopf gehalten. Der Tonmann muss unheimliche Oberarmmuskeln haben, so unablässig, wie er seine Arme auf Höhe halten muss, wenn er das Ding hält. Ich durfte meine „Notizen“ also ablesen und es wurde eine Aufnahme gemacht, mit dem kompletten Text, wobei ich den Richter zu wenig anschaute, das war mir schon wieder in Vergessenheit geraten, dass ich ja dem Richter berichte, auch wenn ich vorher beim Notieren, naturgemäß, den sprechenden Zeugen anschaue. Man musste sich richtig konzentrieren. Ich dachte, ich sollte aufgrund der Situation und meiner Funktion um Deutlichkeit bemüht sprechen, weil es ja eine gewichtige und sehr belastende Aussage war, auch langsamer, als in einer Konversation. Eike fand das dann aber ein bißchen so, als ob ich zu jemandem spreche, der nicht richtig Deutsch kann. Er wollte es etwas weniger betont. Na gut. Wir beschränkten die weiteren Takes auf die zentrale Belastungs-Aussage, dass der Italiener ihm, Tausend, auf den Kopf zusagte, dass er ein Betrüger sei, ein Hochstapler! Die zweieinhalb Sätze wurden dann aus verschiedener Perspektive gedreht, wobei mir sehr deutlich wurde, wie begrenzt der darstellerische Entfaltungsspielraum meiner Rolle war, zwangsläufig. Ich musste vor allem Haltung bewahren und einer pragmatischen Funktion innerhalb des Gerichtsszenarios gerecht werden. Eine Rolle, die man sich nicht unbedingt aussuchen würde, wenn es eine andere gäbe. Nun war es dann doch im Kasten und es stand nur noch die Szene an, wo Franz Tausend abgeführt wird und das „Hohe Gericht“ den Saal verlässt. Ende des Prozesses von Franz Tausend.
Die Zeit war sehr vorangeschritten und Drehschluss achtzehn Uhr überzogen. Es wurde eine Stunde Verlängerung zugestanden und ich sah, wie der Kameramann noch einige Nahaufnahmen von aufgeblätterten Akten machte, das dauerte auch noch einige Zeit und dann ging es an den rasanten Abbau des Sets, bzw. den Rückbau des Saals, wo alle mit anpackten, die noch da waren. Ich baute den Computer-Monitor wieder auf, inclusive Verkabelung und half mit, die Stühle auszuwechseln, die modernen wieder in den Saal, die alten in den Nebenraum. Wir wurden immer schneller, alles wurde in Windeseile vor das Gerichtsgebäude gebracht. Zwischendurch hatte mir die Maskenbildnerin noch die Haarklammern gezogen und ich hatte nun eine Art Jean Harlow-Lockenfrisur, mit ein paar gekreppten Strähnen dazwischen, das sah eher kurios als glamourös aus. Ich wechselte die Schuhe und zog statt der hochhackigen Stiefeletten wieder die flacheren Schnürstiefel an, in denen ich gekommen war. Mir brummte der Kopf ein wenig, ich hätte auch Lust gehabt ein Glas Wein oder einen Schnaps zu trinken.
Die Assistentin und Requisiteurin hatte noch Zettel verteilt, wo man unterschreiben sollte, dass man die Rechte an den Bildern, die von einem gemacht wurden, dem ZDF für Terra X zur Verwertung überlässt. Habe ich natürlich unterschrieben. Ich machte mich noch schlau, wie es nun weitergeht mit dem Film, die Dreharbeiten sind wohl weitgehend fertig, nun kommt die Schnittphase und die Redaktion von Terra X sieht etwa Ende November den Rohschnitt und nach Fertigstellung ist wohl mit einem Sendetermin im Frühjahr 2018 zu rechnen. Der Arbeitstitel war überall „Der große Bluff“. Ich weiß nicht, ob das noch geändert wird. Es gibt ja einen Marlene Dietrich-Film, der so heißt. Vielleicht kommt auch noch ein Untertitel dazu, wo Franz Tausend erwähnt wird oder dergleichen. Das weiß ich alles nicht. Ich war aber auf jeden Fall froh, dass ich dabei sein konnte, es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich kann mich nur bei Eike für diese Gelegenheit bedanken.
Ich kann mir vorstellen, dass sich mancher gewundert hat, wieso ich hier auf einmal berichte, dass ich in einem Film mitspiele, der noch dazu im Fernsehen gezeigt wird. Normalerweise denkt man, dass man sich dafür casten lässt oder irgendwie bewirbt oder bei einer Agentur für den Einsatz von Statisten meldet. Ich bin dazu eher auf einem privaten Umweg gekommen. Eike und ich haben gemeinsame Freunde, und wir haben uns immer wieder bei verschiedenen Festen oder Events getroffen und ich war auch schon bei einer Vorführung seines Pückler-Filmes auf demTeufelsberg. Unsere gemeinsame Freundin Ina hat bei ihm schon in mehreren Filmen als Statistin mitgemacht und sie fanden beide, ich müsste da auch mal mitspielen, schon aus Spaß. Dann fragte mich Eike neulich, wo ich denn bei dem Dreh in der Villa Jacobs war, da hätte ich doch mitmachen sollen, in der Partyszene! Rumstehen im Zwanziger-Jahre-Abendkleid und Champagner auf der Terrasse trinken. Es war nicht bei mir angekommen. Na gut, der Termin war an einem Tag, an dem ich sowieso nicht gekonnt hätte, wie ich später sah, aber trotzdem hätte ich da Lust drauf gehabt.
Ich fragte Eike, ob er für den Film noch einen Drehtag in Berlin angedacht hat. Da fiel ihm der Gerichtsdreh ein, und dass ich die Sekretärin spielen könnte. Da hörte sich nach einer für mich einfachen Statisttenrolle an, zumal ich zehn Finger blind schreiben kann und es sogar auf einer mechanischen Schreibmaschine aus den Dreissiger Jahren gelernt hatte. Er erzählte auch, dass er dann nur noch eine Übersetzerin braucht, die müsste er noch besetzen. Kurz vor dem Dreh erfuhr ich dann, dass ich nun kurzerhand zur Übersetzerin erklärt wurde. Die Sekretärin wurde ersatzlos gestrichen. Dass eine Übersetzerin Text haben würde, hatte ich fast schon befürchtet. Ich habe mich also nicht um eine Sprechrolle beworben, sondern bin ein bißchen damit überrascht worden. Ich habe es dann einfach sportlich gesehen. Auch kein Hexenwerk! Meine Probeaufnahmen hatte ich ja quasi in Eigenregie schon selber vorgelegt. Also kein Vorsprechen, von privaten Unterhaltungen im Vorfeld abgesehen. Ich hoffe, der meisterhafte Schnitt wird es richten und von allem nur das Beste verwerten. Ich kenne die Filme ja nun zum Teil und weiß, da sind richtige, echte Profis am Werk, da in der Atlantis-Film-Crew. Deswegen hat es mich auch interessiert. Nun bin ich um einiges schlauer. Es ist wirklich Arbeit, richtige, echte Arbeit, einen Film nach fernsehtauglichen Maßstäben zu drehen.
Ich bin dann gleich nach Hause, es gab keine rauschende Party mehr danach, ich musste mich richtig erholen. Ich habe aber nicht nur etwas darüber gelernt, wie so ein Filmdreh von statten geht, sondern auch über den Umschwung in der Mode, von den Zwanzigern zu den Dreißiger Jahren. Sehr interessant. Wie die in den Zwanzigern verloren gegangene, auf die Hüfte gerutschte Taille, wieder nach oben wanderte und betonte Weiblichkeit in der Silhouette gezeigt wurde und der Rocksaum wieder nach unten, bis zur Wade ging. Und dass ich in meiner Garderobe einige Stücke habe, die zu dieser Epoche passen. In eigener Kleidung fühlt man sich immer wohler, als in geborgter. Die riecht auch nicht nach Fundus. Das ist also die Geschichte, wie Gaga Nielsen nun noch doch zum Tonfilm kam. Stummfilmstar war ich ja.







29. September 2017




Frau Nielsen bei der Kostümprobe für einen kleinen Auftritt im Kriminalgericht in Moabit. Morgen ist es so weit. Die Frisur ist nicht amtlich, nur provisorisch. Vielleicht kriege ich Finger- oder Wasser- oder Quetschwellen. Bin schon gespannt. Nun noch mehr Kostüme in petto, nicht fotografiert. Verhandelt wird der Fall Franz Tausend. Wir schreiben das Jahr 1930 bzw. 1931. Die Rocksäume wurden wieder wadenlang, nachdem in den Zwanzigern Knie gezeigt wurde. Viel Kragen, Volants und Schleifen, schmale Silhouette. Werde nun schlafen gehen, damit die Maskenbildnerin nicht noch mehr an mir zu tun hat, als sowieso schon. Ich spiele eine Übersetzerin, die eine aus dem Italienischen übersetzte Zeugenaussage verliest, wie mir der Regisseur Eike Schmitz mitgeteilt hat. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, will ich das gerne tun. Ich habe mich als Kind schon gerne verkleidet, wie wahrscheinlich alle Kinder. Hat sich nicht so richtig verwachsen. Hoffe, ich werde der Rolle gerecht! Zum Glück kein Text zum Lernen, mein größtes Problem. Daher auch die Liebe zum Stummfilm! Nehme an, das fertige Werk wird irgendwann in der Terra-X-Reihe oder einem ähnlichen Sendeplatz gezeigt, so wie Eikes Fürst-Pückler- und sein Casanova-Film. Im ZDF oder auf Arte oder 3Sat oder alle drei. Eigentlich hätte ich neulich schon bei der Partyszene in der Villa Jacobs dekorativ mit herumstehen sollen, aber der Termin ist leider nicht bei mir angekommen. Sehr schade! Im Zwanziger-Jahre-Partykleid mit einem Glas Champagner im Garten einer Potsdamer Villa eine gute Figur machen, hätte mir schon sehr zugesagt. Mein Kerngeschäft! Na ja, hat nicht sollen sein. Dafür waren Ina und Evelyn dabei. Bin auch sehr gespannt auf die anderen Darsteller und den Mitarbeiterstab, die Crew. Bestimmt jede Menge pfiffige Mitarbeiter darunter, auch junge Männer, nehme ich an. Ich berichte dann, bleiben Sie dran.
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27. September 2017


Zu WW. Wolf Wondratschek. Liest, las in SOEHT7. Da wo auch Alban gelesen hat, begleitet von Adrian, genau da, im Kuppelsaal. Noch überlegt, ob ich bei Daniela von Arnim ein, zwei Karten vorbestellen soll, weil man eigentlich davon ausgeht, dass er doch einiges Publikum anlockt und ein Platz schon angenehm wäre. Als ich ankam, wurde ich unten im Hof unerwartet familiär begrüßt, der Verwalter und der technische Mitarbeiter empfingen mich mit den Worten „Wir warten schon auf dich!“. Ich nehme an, das war eine spielerische Bemerkung, die jede bekommen hätte, man freute sich über jeden Besucher. Ich bekam den Hinweis auf den Weg, dass es oben im Kuppelsaal sei. Seit ich dort die beiden Zellen bespielt habe und vorher den Aufbau und nachher den Abbau gemacht habe, sind mir die Räume einigermaßen vertraut. Vorher habe ich mich verirrt, jetzt weiß ich, wo der Kuppelsaal ist. Oben angekommen, sah ich, dass sich meine Hoffnung bewahrheitet hatte, dass die Bar oben sein möge, statt unten im Zellenflur, wie sonst. In dem kleinen Nebenraum vom Kuppelsaal (den ich kurzzeitig als Projektionsraum angedacht hatte), gab es Getränke und die mir bekannte Tresenfee, Jan stand auch da und Susanne, die Frau des künstlerischen Leiters. „Ich hatte ja gehofft, dass die Bar heute hier oben ist, wie schön!“ bemerke ich beim Eintreten und nehme ein Glas Wein, kurzes Hallo von Jan und Susanne, als ich mich mit dem Glas in der Hand drehe, sehe ich Jim Rakete und lächle ihn freundlich an, er zurück. Dann steht Jurgen Ostarhild vor mir, ein bekannter Fotograf, den ich gerade nicht erkenne, obwohl ich schon bei einer Ausstellung von ihm war, er fragt mich, wer ich bin, ich stelle mich vor und finde es amüsant, dass er mit einer gewissen Hausherren-Attüde vor mir steht, einen Grund wird es haben. Später bemerkte ich, dass er in der Ausstellung mit Exponaten vertreten ist. Ah ja. Mittlerweile schickte sich auch Wolf Wondratschek an, Rotwein zu holen. Es hatte also noch nicht angefangen, sehr gut. Bestens. In den Kuppelsaal, wo die Lesung stattfinden würde. Ich registriere, dass die Anzahl der Besucher ziemlich exakt der von Albans Lesung entspricht. Ich bezahle bei Daniela den Eintrittspreis und nehme Platz. Ganz vorne. Der Kreis der Zuhörer ist auf familiäre Art überschaubar. Ich erinnere Fotos von einer Wondratschek-Lesung in einer großen Buchhandlung in Berlin im letzten Jahr. Brechend voll, jeder Stehplatz besetzt, die Stühle sowieso. Und nun in kleinem Kreis in diesem schönen Saal, unerwartet exclusiv. Exclusiver, als sich die Veranstalter gewünscht hätten. Mundpropaganda und ein facebook-event wirkt noch keine Wunder, offenbar. Wondratschek spricht es an, dass es ihm durchaus recht sei, dass wir hier im kleinen Kreis in diesem schönen Saal mit der schönen Akustik sind. Er betrachtet sein Hier-sein als Geste für seinen alten Freund Reinald Nohal, der ihn dazu eingeladen hat. In der Paris Bar haben sie sich kennengelernt, dreißig Jahre ist es her. Wondratschek hat einen Aschenbecher auf dem Lesetisch und zündet sich mit Bedacht eine Zigarette an. Er wirkt unaufgeregt, gelassen und wach. Ich erinnere mich, als ich ihn zuletzt sah, in dieser mysteriösen Wohnung in Schöneberg mit seinen Exponaten. Als er die ganze Zeit in der Küche saß, hinten am Fenster, nicht einmal den Kopf in Richtung Besucher drehte. Man fühlte sich trotz der nachweislichen Einladung wie ein Störenfried. Ich hatte ihn am selben Tag, vormittags noch gesprächswillig und eloquent im Literaturcafé am Savignyplatz erlebt, er führte ein öffentliches Gespräch mit Jim Rakete. Vera von Lehndorff war auch gekommen, er schenkte ihr ein warmes Lächeln. An diesem Abend in der Wohnung war kein Kontakt möglich, alle Signale sprachen dagegen. Am 22. September in Soeht7 war es anders, andere Gegebenheiten. Er las sehr schöne Texte, einige davon an seinen Sohn gerichtet. Und einen, in dem es um das Verschwinden des Kulturguts Rauchen ging. Und noch etwas, das ich kannte, wunderbar Erotisches. Das kann er. Der musikalische Ansatz kam zur Sprache. Wie Dylan Thomas sich den Zeilen annäherte, die er er letztlich zu Papier brachte. Der Melodie nachzusinnen, sie zu erkennen. Ich wusste, was er meint, nicht nur, weil es ohnehin verständlich für mich ist, sondern weil ich mich vor achtundzwanzig Jahren sehr intensiv auf die Spuren von Dylan Thomas begeben hatte. Ich wusste, dass er in seinem Writer’s Shed in Laugharne auf und ab tigerte und laut vor sich hinfabulierte, bis sich Magie einstellte und er die Worte materialisierte. Vielleicht wusste das sonst niemand im Kuppelsaal, als er davon sprach. Das war eine eigentümliche Verbindung, die sich da einstellte. Diesmal hatte ich dein Eindruck, dass er genau wahrnahm, wer im Raum war und auch den Kontakt nicht scheute. Das war sehr angenehm. Man hätte sich aufdrängen können, aber das ist nicht mein Stil. Ich überlegte zeitweilig, ob ich ihn darauf ansprechen soltle, ob er „Words for the Dying“ von John Cale kennt, die Vertonungen Cales von einigen wesentlichen Gedichten von Dylan Thomas. Ich ließ es. Rakete und die anderen seiner anwesenden Freunde waren auch in Konversation mit ihm und bald würden sie sicher irgendwohin etwas essen gehen. Vielleicht in die Paris Bar. Wer weiß. Ich hatte auch eine Verabredung, mit Ina. Ich holte sie von ihrer Tanzstunde am Kudamm ab. Von da fuhren wir zum Savignyplatz, aßen eine Kleinigkeit im Brel, tranken Wein und nahmen zuletzt noch ein Glas in der Paris Bar, die zu später Stunde wieder zur Raucherbar wurde. Ich ließ mir von ihr die Herkunft des einen oder anderen Exponats erhellen. Schon ein sehr bemerkenswerter Ort, die Paris Bar. Ich freue mich sehr auf das Buch von Ina. Manchmal hört sie meine Playlist beim Schreiben, hat sie mir neulich erzählt, die ich ihr auf einem USB-Stick mitgebracht habe. Das freut mich auch deshalb, weil es mehr oder weniger dieselbe Musik ist, die ich laufen lasse, wenn ich solche Einträge wie diesen schreibe. Es fließt ein. Deswegen wird etwas von meiner Musik in dem Buch sein. Ein schöner Gedanke.

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27. September 2017


Zu WW. Wolf Wondratschek. Liest, las in SOEHT7. Da wo auch Alban gelesen hat, begleitet von Adrian, genau da, im Kuppelsaal. Noch überlegt, ob ich bei Daniela von Arnim ein, zwei Karten vorbestellen soll, weil man eigentlich davon ausgeht, dass er doch einiges Publikum anlockt und ein Platz schon angenehm wäre. Als ich ankam, wurde ich unten im Hof unerwartet familiär begrüßt, der Verwalter und der technische Mitarbeiter empfingen mich mit den Worten „Wir warten schon auf dich!“. Ich nehme an, das war eine spielerische Bemerkung, die jede bekommen hätte, man freute sich über jeden Besucher. Ich bekam den Hinweis auf den Weg, dass es oben im Kuppelsaal sei. Seit ich dort die beiden Zellen bespielt habe und vorher den Aufbau und nachher den Abbau gemacht habe, sind mir die Räume einigermaßen vertraut. Vorher habe ich mich verirrt, jetzt weiß ich, wo der Kuppelsaal ist. Oben angekommen, sah ich, dass sich meine Hoffnung bewahrheitet hatte, dass die Bar oben sein möge, statt unten im Zellenflur, wie sonst. In dem kleinen Nebenraum vom Kuppelsaal (den ich kurzzeitig als Projektionsraum angedacht hatte), gab es Getränke und die mir bekannte Tresenfee, Jan stand auch da und Susanne, die Frau des künstlerischen Leiters. „Ich hatte ja gehofft, dass die Bar heute hier oben ist, wie schön!“ bemerke ich beim Eintreten und nehme ein Glas Wein, kurzes Hallo von Jan und Susanne, als ich mich mit dem Glas in der Hand drehe, sehe ich Jim Rakete und lächle ihn freundlich an, er zurück. Dann steht Jurgen Ostarhild vor mir, ein bekannter Fotograf, den ich gerade nicht erkenne, obwohl ich schon bei einer Ausstellung von ihm war, er fragt mich, wer ich bin, ich stelle mich vor und finde es amüsant, dass er mit einer gewissen Hausherren-Attüde vor mir steht, einen Grund wird es haben. Später bemerkte ich, dass er in der Ausstellung mit Exponaten vertreten ist. Ah ja. Mittlerweile schickte sich auch Wolf Wondratschek an, Rotwein zu holen. Es hatte also noch nicht angefangen, sehr gut. Bestens. In den Kuppelsaal, wo die Lesung stattfinden würde. Ich registriere, dass die Anzahl der Besucher ziemlich exakt der von Albans Lesung entspricht. Ich bezahle bei Daniela den Eintrittspreis und nehme Platz. Ganz vorne. Der Kreis der Zuhörer ist auf familiäre Art überschaubar. Ich erinnere Fotos von einer Wondratschek-Lesung in einer großen Buchhandlung in Berlin im letzten Jahr. Brechend voll, jeder Stehplatz besetzt, die Stühle sowieso. Und nun in kleinem Kreis in diesem schönen Saal, unerwartet exclusiv. Exclusiver, als sich die Veranstalter gewünscht hätten. Mundpropaganda und ein facebook-event wirkt noch keine Wunder, offenbar. Wondratschek spricht es an, dass es ihm durchaus recht sei, dass wir hier im kleinen Kreis in diesem schönen Saal mit der schönen Akustik sind. Er betrachtet sein Hier-sein als Geste für seinen alten Freund Reinald Nohal, der ihn dazu eingeladen hat. In der Paris Bar haben sie sich kennengelernt, dreißig Jahre ist es her. Wondratschek hat einen Aschenbecher auf dem Lesetisch und zündet sich mit Bedacht eine Zigarette an. Er wirkt unaufgeregt, gelassen und wach. Ich erinnere mich, als ich ihn zuletzt sah, in dieser mysteriösen Wohnung in Schöneberg mit seinen Exponaten. Als er die ganze Zeit in der Küche saß, hinten am Fenster, nicht einmal den Kopf in Richtung Besucher drehte. Man fühlte sich trotz der nachweislichen Einladung wie ein Störenfried. Ich hatte ihn am selben Tag, vormittags noch gesprächswillig und eloquent im Literaturcafé am Savignyplatz erlebt, er führte ein öffentliches Gespräch mit Jim Rakete. Vera von Lehndorff war auch gekommen, er schenkte ihr ein warmes Lächeln. An diesem Abend in der Wohnung war kein Kontakt möglich, alle Signale sprachen dagegen. Am 22. September in Soeht7 war es anders, andere Gegebenheiten. Er las sehr schöne Texte, einige davon an seinen Sohn gerichtet. Und einen, in dem es um das Verschwinden des Kulturguts Rauchen ging. Und noch etwas, das ich kannte, wunderbar Erotisches. Das kann er. Der musikalische Ansatz kam zur Sprache. Wie Dylan Thomas sich den Zeilen annäherte, die er er letztlich zu Papier brachte. Der Melodie nachzusinnen, sie zu erkennen. Ich wusste, was er meint, nicht nur, weil es ohnehin verständlich für mich ist, sondern weil ich mich vor achtundzwanzig Jahren sehr intensiv auf die Spuren von Dylan Thomas begeben hatte. Ich wusste, dass er in seinem Writer’s Shed in Laugharne auf und ab tigerte und laut vor sich hinfabulierte, bis sich Magie einstellte und er die Worte materialisierte. Vielleicht wusste das sonst niemand im Kuppelsaal, als er davon sprach. Das war eine eigentümliche Verbindung, die sich da einstellte. Diesmal hatte ich dein Eindruck, dass er genau wahrnahm, wer im Raum war und auch den Kontakt nicht scheute. Das war sehr angenehm. Man hätte sich aufdrängen können, aber das ist nicht mein Stil. Ich überlegte zeitweilig, ob ich ihn darauf ansprechen soltle, ob er „Words for the Dying“ von John Cale kennt, die Vertonungen Cales von einigen wesentlichen Gedichten von Dylan Thomas. Ich ließ es. Rakete und die anderen seiner anwesenden Freunde waren auch in Konversation mit ihm und bald würden sie sicher irgendwohin etwas essen gehen. Vielleicht in die Paris Bar. Wer weiß. Ich hatte auch eine Verabredung, mit Ina. Ich holte sie von ihrer Tanzstunde am Kudamm ab. Von da fuhren wir zum Savignyplatz, aßen eine Kleinigkeit im Brel, tranken Wein und nahmen zuletzt noch ein Glas in der Paris Bar, die zu später Stunde wieder zur Raucherbar wurde. Ich ließ mir von ihr die Herkunft des einen oder anderen Exponats erhellen. Schon ein sehr bemerkenswerter Ort, die Paris Bar. Ich freue mich sehr auf das Buch von Ina. Manchmal hört sie meine Playlist beim Schreiben, hat sie mir neulich erzählt, die ich ihr auf einem USB-Stick mitgebracht habe. Das freut mich auch deshalb, weil es mehr oder weniger dieselbe Musik ist, die ich laufen lasse, wenn ich solche Einträge wie diesen schreibe. Es fließt ein. Deswegen wird etwas von meiner Musik in dem Buch sein. Ein schöner Gedanke.

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26. September 2017


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Sechzehnter September. Ich kam von Katias Atelier in Moabit, lief Richtung Süden zur Turmstraße. Eigentlich wollte ich schnurstracks zu Evelyn Sommerhoff in die Wilhelmstraße, aber nicht ohne eine Flasche. In der Turmstraße sind alle erdenklichen Läden, Supermärkte und Späties, sogar Bio. Da war ein Alnatura-Markt, aber keine Kuhlschränke mit kalten Flaschen. Bei Rewe war meine Hoffnung größer, da sind ja Kühlschränke, darin nur Wasser, Limonade und Bier und diese fürchterlichen Energy Drinks, Red Bull-Dosen und ähnlicher Quatsch. Nicht eine Flasche Wein, von Champagner oder ähnlichem nicht zu reden. Nichts, was man mitbringen möchte. Weiter. Bio Company. Eigentlich gute Getränke im Sortiment, aber nichts gekühlt, einen grünen Smoothie wollte ich auch nicht als Mitbringsel präsentieren. Schräg gegenüber noch ein Späti. Die haben doch Kühlschränke, das weiß man doch. Ich sehe nur Bier, Wasser, Limo. Die beiden Verkäufer gucken neugierig, fragen, was es denn gerne sein dürfte. Ich sage „ich sehe gar keinen Wein im Kühlschrank…?“ Verkäufer: „doch wir haben, suche einen aus, hier oben auf dem Regal, wir haben, wir haben!“. Im Regal mit Rot- und Weißwein gibt es ganz oben auch Schaumweine, Sorten, die man nicht unbedingt trinken muss. Eine ist dabei, die könnte akzeptabel sein, schöne Flasche, was Italienisches, extra brut. Nehme die Flasche, zeige sie dem Verkäufer. Er „Das ist die einzige, die wir nicht gekühlt haben, die einzige!“ Hausnummern weiter noch ein Spätkauf, mein Blick scannt die Regale, verglasten Kühlschränke. Bier, Soft-Drinks, Wasser, nichts zum mitbringen. Was trinkbar wäre, ganz oben, unter einem Strahler zuverlässig auf lauwarm temperiert. Zur U-Bahn. Es gibt keinen direkten Weg zur Wilhelmstraße, außer ich nähme ein Taxi. Der Weg mit der U-Bahn führt mehr oder weniger halbwegs an meiner Wohnung vorbei, da sind auch Sachen im Kühlschrank, ausreichend gekühlte, die ich mitnehmen könnte.

So geschehen. Komme ich eben etwas später, aber nicht mit leeren Händen. Abermals verlaufen dann, vom Anhalter Bahnhof seltsam die Richtung aus den Augen verloren. Am Halleschen Ufer gelandet, und da war sie dann doch die Wilhelmstraße. Und Evelyns Atelier, ihr Königinnenreich, das sie verlassen muss, weil Start ups hineinkommen, die mehr Miete bringen, als Künstlerateliers. Zum ersten Mal die Bilder gesehen, das ganze im Atelier vorhandene Werk, was eben nicht verkauft ist. Eine Schatzkammer. Erotik. So subtil und doch satt. Wundervolle Werke. Nun zieht sie um. Außerhalb von Berlin. Wir trinken, reden, lachen, rauchen. Und fragen uns auch, wieso es so schwer ist, innerhalb der Stadt etwas geeignetes zu finden. Wenn man etwas hat, kann man sich sehr glücklich schätzen. Die beiden Flaschen, die ich mitgebracht habe, gehen zur Neige. „Tiefgang„ steht auf dem einen Etikett. Ina ist da. Wir zeigen uns gegenseitig, welche Bilder von Evelyn wir am liebsten mögen. Ich zeige Evelyn alle, die ich kaufen würde, hätte ich Platz zum Hängen. Ich meine das Ernst. Ich neige überhaupt nicht zum Opportunismus in diesen Dingen. Dafür ist es mir zu wichtig, liegt mir zu sehr am Herzen. Ich bejuble auch keine lauen Lieder, nur die, die mich berühren. Wie so oft, brachte Ina mich nach Hause. Man kann in ihrem Auto so schön reden. Ein geschützter Raum für vertraute Gespräche. Dinge, die sich zwei Schreibende erzählen, die niemals geschrieben werden. KEEP CALM AND CARRY ON.











23. September 2017




Noch ein Atelierbesuch, bei Claudia Sawallisch. Künstlerhaus 19, Schlachtensee, Wasgenstraße 75. S-Bahn Schlachtensee. Spaziergang, bißchen verlaufen. Als ich ankam, war der Ausstellungsbereich leer und ich ging nach oben. wo die Ateliers sind, auch das von Claudia. Kleine Runde, familiär gewissermaßen, Sofa, Stühle im Kreis, Wein. Claudia raucht, einer steht vom Sofa auf und singt a capella Summertime, weil er zu Ende geht. Ein anderer steht auf, singt Fly me to the moon. Heiterkeit. Claudia zieht große Leinwände, die sich senkrecht an der einen Wand stapeln hervor. Geflügelte Wesen. Schätze. Mir tut es immer ein wenig weh, wenn kostbare Bilder einfach übereinander oder hintereinander liegen, wie langweilige Aktenordner, die ins Regal geräumt werden, damit sie nicht herumliegen. Bilder müssen atmen und gesehen und bewundert werden, sonst sind sie beleidigt. Besonders bei zwei sehr großen Werken hätte ich gerne verboten, dass sie zurück in die Lücke gesteckt werden. Natürlich braucht man Platz. Verstehe ich schon. Aber einige Bilder sollten, wenn sie außergewöhnlich gelungen sind, immer sichtbar sein. Ich hatte den Impuls, oder zu bewahrenden Hintergedanken, mir die Bilder zu merken, für eine Gelegenheit, wenn sie gezeigt werden können. Das mache ich jetzt häufiger. Später, danach, an anderen Tagen war ich in den Ateliers von Katia Kelm und Evelyn Sommerhoff, und ich habe auch da unsichtbare Merkzettel angeklebt. Ich habe Lust mit Lieblingswerken von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern eine Ausstellung zu machen. Von mir wäre auch das eine oder andere dabei. Auch ein paar Leinwände, die ich vor vielen Jahren bemalt habe. Man würde vielleicht eine innere Verwandtschaft entdecken. Ich brauche nicht lange, um zu sehen, ob ein Bild meines wäre. Dass ich bilslang nichts kaufte, ist nur dem Umstand geschuldet, dass mir der Platz zum Hängen fehlt. Vor einer Woche bei Evelyn Sommerhoff war ich besonders kauflustig. Aber nur in der Phantasie. Aus Höflichkeit würde ich niemals sagen „Ich nehme das. Und das. Und das auch!“. Das ist ein Riesen-Kompliment. Auch wenn es nicht realisiert wird. Aber ich könnte die Bilder eben ausstellen. Ich wäre bestimmt eine grandiose Galeristin. Es wären sehr atmosphärische Räume und es gäbe Musik im Hintergrund und immer etwas zu trinken. Etwas sehr Gutes. Man könnte sich hinsetzen oder auch legen. Vielleicht eine Ottomane hier, eine Chaiselongue da. Ein kleines Tischchen, ein schönes Sofa. Wie man mit Bildern lebt, sie hegt und pflegt.

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23. September 2017

Ihr Wahl-O-Mat Ergebnis:
Tierschutzpartei 77,6 %
Menschliche Welt 75 %
Tierschutzallianz 73,7 %
Die Partei 73,7 %
Die Linke 73,7 %
DU. Die Urbane 73,7 %
V-Partei³ 73,7 %
DKP 73,7 %
Bündnis Grundeinkommen 73,7 %
Demokratie in Bewegung 73,7 %
Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands 71,1 %
Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale 71,1 %
Bergpartei 71,1 %
Grüne 67,1 %
Piraten 67,1 %
Deutsche Mitte 67,1 %
Gesundheitsforschung 65,8 %
Die Humanisten 60,5 %
Die Grauen 60,5 %
Allianz Deutscher Demokraten 60,5 %
SPD 59,2 %
Ökologisch Demokratische Partei 59,2 %
Bürgerrechtsbewegung Solidarität 59,2 %
CDU/CSU 52,6 %
FDP 52,6
Volksabstimmung 52,6 %
Freie Wähler 48,7 %
Partei der Vernunft 48,7 %
Bayernpartei 47,4 %
NPD 38,2 %
AfD 38,2 %
Die Rechte 34,2 %
Aha. (kann mich gar nicht an Fragen mit Tieren erinnern). „Menschliche Welt“ und „DU.“ (und einige andere) musste ich erst googeln. „DU. Die Urbane – eine Hip Hop Partei“ (…) „Hip-Hop ist unser Alleinstellungsmerkmal, deswegen steht es bei uns im Namen. Ich kann jedem in drei Minuten erklären, was Hip-Hop bei uns bedeutet. Die CDU bräuchte da sicher länger um mir zu erklären, was an ihnen noch christlich ist. Und ich würde es trotzdem nicht verstehen.“ Raphael Hillebrand. Bundesvorsitzender. Und V-Partei war mir auch nicht geläufig. „Partei für Veränderung, Veganer und Vegetarier“. Das erste V ist ganz mein Ding, aber die anderen beiden „Veganer und Vegetarier“… hm. Die DKP konnte auch ordentlich punkten. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Tja. Nun bin ich ungefähr so schlau wie vorher, was ich morgen wählen soll. Ich wollte jetzt eigentlich einer Partei zuliebe meine Essensvorlieben nicht umstellen müssen. Dass ich derart weit weg von den Grünen bin, überrascht mich dann doch, als frühere, altgediente Grün-Wählerin. Das letze mal waren auch DIE PARTEI und die Linke on top, gefolgt von den Piraten. Letztere sind nun auch im Mittelfeld bei den Grünen. Darf man als Schnitzelesser überhaupt eine Tierschutzpartei wählen? Im Wahl-o-mat wurde gar nicht nach Essensvorlieben gefragt. Aber für nachhaltige ökologische Landwirtschaft bin ich natürlich in jedem Fall, das kommt auch der geschmacklichen Qualität beim Fleisch zugute. Und, weiß jemand von meinen Lesern schon, wo morgen das Kreuz gemacht wird? Ich habe eine engere Wahl und entscheide dann irgendwie impulsiv nach Tagesform. Oder so. Hip Hop ist leider eher im Ausnahmefall meine Musik. Gibt es eigentlich eine Musik-Partei? Nix gefunden. Eine Mode-Partei ist auch nicht dabei. Da wäre natürlich GMK Spitzenkandidat, das hat er schon mal in Aussicht gestellt. Werde mich heute nicht mehr weiter damit belasten. Morgen Wecker stellen, habe um Zwei am Nachmittag eine Verabredung zum Fotografieren, da muss ich das unbedingt vorher hinkriegen. Spätestens um 13 Uhr in die Wahlkabine in der Kastanienbaumschule, da vorne, um die Ecke in der Gipsstraße befindet sich das Lokal meiner morgigen Wahl.

18. September 2017


Die Treppe nach oben. Es sind viele Stufen. Wir hatten noch Wein, den nahmen wir mit, weil der Garten geschlossen wurde. Auf der Terrasse war eine Gesellschaft, die sich kannte und unter sich bleiben wollte, sollte. Da setzt man sich nicht dazu oder bittet aufzurücken. Outdoor-Lounge-Möbel, flackernde Kerzen in der Sommernacht. Innen ist es auch schön, die Türen zur Terrasse und den Balkonen standen weit auf. Alles in heimeliges Dunkel getaucht, Lampenschirme, rote Wände, schwere Ledersessel. Zu weich gepolstert, man versinkt mehr, als man möchte, so ein bißchen in der Falle, und rückt an die vorderste Kante von Sessel und Sofa. Daran merkt man, dass es neue Möbel sein müssen, die Traditionszitate sind nur Kulisse. Waren Sitzmöbel früherer Epochen nicht sogar immer besonders gut und kompakt gepolstert? Aber wir blieben noch, weil die Playlist so vertraut war. In welcher Bar laufen diese ganzen Stones-Songs,, die man merkwürdigerweise nicht so oft gehört hat, dass man sich nicht mehr freuen würde. Grandiose Räume und die Bilder, diese Bilder. Allen voran die Fotografie mit Keith Richards und Ronny Wood. In der Mitte Gerd Müller mit seinem Vollbart und daneben Franz Beckenbauer. Eindeutig in München. Wo sonst hätte sich so ein Foto ergeben. Schon interessant, wann eine Fotografie, die jemanden abbildet, mit dem man nicht innig verbunden ist, einen Wert jenseits der persönlichen Bindung bekommt. Als Zeitdokument eines besonderen Szenarios. Hier auf eine kuriose Art, in der Widersprüchlichkeit des Aufeinandertreffens von zwei sehr frei lebenden Rockstars und zwei eher in ihrem bayrischen Fußballclub-Korsett gefangenen Kickern. Obwohl natürlich auch Stars. Man sieht dem Bild an, dass Keith und Ronnie gebeten wurden, für das Bild zur Verfügung zu stehen. Wahrscheinlich hatten sie an dem Abend ein Konzert im Olympiastadion hinter sich und waren zur After Show Party mit Müncher Prominenz geladen. Gerd Müller war auch ein Rebell in seiner Gilde. Hat sich immer wieder politisch aus dem Fenster gelehnt. Wahrscheinlich war er gar nicht so linksradikal, nur für bayrische Verhältnisse. In Bayern galt vermutlich auch die Berliner CDU als linksliberal. Ich überspitze, aber habe die Ohren gespitzt, als ich – frisch eingetroffen – die ersten Diepgen-Interviews in der Berliner Abendschau hörte, Mitte der Achtziger. Was der für Berliner Verhältnisse konservative Ebi Diepgen von sich gab, klang in meinen Ohren in etwa so tolerant und moderat, wie ich es sonst von bayrischen SPD-Politikern kannte. Das Bild. Keith und Ronnie und Müller und Beckenbauer. Rock’n’Roll trifft Kompromiss und Opportunismus. Verewigter Widerspruch. Ina und ich waren uns eins, dass dieses Bild hervorragend ist, da an dieser schummrigen Wand in der Lebensstern-Bar. Wir verliießen das Einstein und verbrachten die weitere Nacht in der Victoria-Bar, nicht weit von da.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


16. September 2017


Ich werde dieser entzückenden Dame im Laufe des späteren Nachmittags einen Besuch abstatten. Es handelt sich um die Malerin Katia Kelm, die heute und morgen ihr Berliner Atelier für die Meute öffnet. Es soll Kaffee und Würstchen geben. Und noch andere Sachen, wie zum Beispiel selber gemalte Bilder von außergewöhnlicher Qualitat. Das Bild da oben ist bei der re:publica-Veranstaltung im Mai 2014 entstanden. Ich habe sie aber schon früher paparazzt. Zum Beispiel im Sommer 2006 in der Coca-Cola-WG in Charlottenburg. Sie hat den anderen Chicks with Balls zugehört und sich auf den Bällen geräkelt, und später selber aus ihrem Blog gelesen, was sie in ebenfalls unvergleichlicher Qualität gemacht hat. (Sehr schöne Beine auch!) Sie hat auch einen sehr tollen und berühmten Mann, den hat sie aber verdient.


Das allererstemal habe ich Katia in echt bei einer Lesung in einer Kneipe in der Choriner Str. gesehen. Das war im Januar 2006, bei einer Neujahrslesung. Lyssa hat auch gelesen, da war sie noch Bloggerin, heute Mozilla-Chefin, nicht zu glauben. Auch Modeste und die Kaltmamsell haben damals gelesen, jede auf ihre sympathische Art. Aber bei Katia dachte ich, diese Frau gehört auf die Bühne. Sehr ungewöhnlich auch, dass sie beim Lesen ihrer Texte selber lachen musste, und es wirkte nicht peinlich, sondern hat zusätzlich zur Erheiterung beigetragen. Normalerweise kommt das ja nicht so gut, wenn ein Komiker bei der geplanten Pointe schon mal als erster lacht, damit das Publikum weiß, dass das lustig war. Bei Katia war das allerdings unbeabsichtigt und das Publikum brauchte auch keinerlei Hinweis, dass es losgehen darf mit der Heiterkeit. Ich war dann ein bißchen verliebt, in unsere Schwadroneuse aus Hamburg, so hieß ihr Blog damals. Danach waren wir in einer Kneipe mit einem russischen Namen. Offenbar durfte da geraucht werden. Ah ja, Prassnik. Ordentlich getagged.

18. September 2017


Kuriose Begebenheiten im alten Einstein. Verabredung mit Ina. Zeit vergessen – aber ich war zuerst da, in der alten Villa in der Kurfürstenstraße in Schöneberg. Viel zu selten ist man dort. So ein Ort, entdeckte man ihn im Urlaub, man würde ihn in der Postkarte an die Lieben erwähnen. Falls man noch Postkarten schreibt. Schreibt man noch Postkarten? Ich bekomme manchmal welche von kid37. Aus Wien. Und von Hiddensee. Und freue mich total. Und schreibe selber keine. Nur virtuelle Postkarten, wie diese hier. Also eine Postkarte an meine Leser, vom alten Cafè Einstein. „Stammhaus“ wird es untertitelt, seit es das zweite Unter den Linden gibt. Ich hörte zum ersten mal vom Einstein bei einer 3-Sat-Übertragung. Es war eine live-Sendung, die Ärzte waren zu Gast. Wann könnte das gewesen sein? Ich lebte damals noch nicht in Berlin, war aber auf jeden Fall in die Ärzte verliebt, und wenn die da auftreten, ist das bestimmt ein brauchbarer Ort. Ich muss das mal eben recherchieren – – – ok – finde nichts. Aber so war es. Vielleicht war es zur Berlinale 1984 oder 85 oder 86… egal. Als ich Sechsundachtzig nach Berlin zog, führten mich meine Erkundungen auch ins Einstein, das versteht sich von selbst. Ich hatte unheimlichen Respekt vor dem Lokal. Im Dschungel hatte ich einen Liebhaber kennengelernt, der beim Film arbeitete, mit Frau von Trotta Rosa Luxemburg drehte, und die Premierenfeier war im Einstein. Ich wäre gern dabei gewesen, aber ich war nur eine Liebschaft, jemand, den man in der Nacht trifft. Das verbinde ich auch mit dem Einstein. Die Ober waren immer ein bißchen elitär seinerzeit, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Als wir uns da neulich verabredeten, Ina und ich, war es ganz anders. An diesem Abend, Ende Juli, waren die Innenräume völlig leer, die Gäste waren draußen im lauschigen Hof, und ich wählte einen Tisch unter der Pergola. Sie erinnerte mich an eine Filmszene mit Romy Schneider und Alain Delon. Die beiden sitzen beim Heurigen, er in seiner schneidigen Offiziers-Uniform, sie als das Mädel aus der Bäckerei – oder war das Helmut Lohner und gar nicht Delon? Verwechsle ich eventuell, zu faul zum überprüfen. Dabei hab ich den Film vermutlich sogar auf einer alten VHS-Kassette. Jedenfalls war der Platz, den ich für Ina und mich gewählt hatte, ein sehr schöner und poetischer. Ich habe das gar nicht angemessen fotografiert, dabei hätte es niemanden gestört. Da wir nicht verabredet hatten, wo wir uns im Einstein treffen, teilte ich dem Ober mit, dass ich noch eine Freundin erwarte und bat ihn, sie zu dem von mir gewählten Tisch im Garten unter der Pergola zu führen, sobald sie da sei. „Eine schöne blonde Frau!“ Der Ober nickte beflissen und versprach hoch und heilig, genau dies zu tun. Ich saß derweil unter den rankenden Blättern und bestellte Wein und Wasser und studierte die Karte. Es war noch hell, ein Sommerabend, ganz lau. Am Tisch hinter mir ein englisch sprechendes Paar, er bedeutend älter, bestellte eine Flasche Champagner. Die Palmenblätter wippten, ich hatte Lust zu rauchen und stellte fest, dass meine Zigarettenschachtel so gut wie leer war. Ina brauchte offenbar noch etwas länger, ich wartete und dachte, ich könnte einstweilen Zigaretten holen, der andere Kellner hatte mir versichert, dass es einen Automaten im Keller gibt. Eine gute Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken. Also hinein in die Villa und die Stufen nach unten zu dem Automaten. Ich rauche ja sehr unregelmäßig, aber wenn, mit Hingabe. Wenn ich mich bevorrate, dann so gut wie immer im Supermarkt, beim Kauf der Lebensmittel. Oder hin und wieder beim Rosen-Kiosk in der Rosenthaler Straße. Aber an einem Automaten war ich seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr. Das erklärt meine Verwunderung, dass der Automat von mir einen Beweis meiner Volljährigkeit haben wollte. Ich dachte eigentlich, dass die Dinge des täglichen Bedarfs im Zuge des technischen und logistischen Fortschritts einfacher zu bekommen sind, aber das gilt nicht für Zigaretten. Aha. Nun bin ich im Besitz einer EC-Karte und auch Bargeld war im Portemonnaie, aber das hat leider nicht gereicht, um den Kauf am Automaten zu legitimieren. Ich hatte bereits einen Geldschein in den Automaten gesteckt und wählte die Marke, aber dann wurde der Vorgang blockiert, weil ich mich nicht parallel dazu ausgewiesen hatte, also den Personalausweis nicht in den Leseschlitz eingeführt. Und zwar deshalb, weil mein Personalausweis das gar nicht kann, meines Wissens. Ich habe seinerzeit, als ich das neue biometrische Ding bekommen hatte, quasi abgelehnt, dass er digital lesbar ist. Oder so ähnlich. Weiß nicht mehr. Wie auch immer, ich stand genervt vor dem Zigarettenautomaten im Keller vom Einstein und drückte auf die Taste für die Geldrückgabe. Und nun purzelte ein Goldregen in den Münzschacht. Was ich als Schein eingeführt hatte, wurde mir nun in fünfzig-Cent-Münzen heimgezahlt. Zehn Euro in fünfzig-Cent-Münzen. Ich danke. Ich schaufelte den Münzberg in mein nur noch schwer verschließbares Portemonnaie und ging wieder die Treppe nach oben. Da empfing mich der ältere Ober, der mich auch begrüßt hatte, mit einem breiten, warmen Lächeln und den Worten: „Sie werden schon erwartet! Ich begleite Sie zu Ihrem Tisch, Ihre Freundin wartet schon geraume Zeit!“ Einen Moment überlegte ich, ob Ina bereits gekommen sein könnte, und nun auf mich warten würde – wobei – so lange war ich ja nun auch wieder nicht unten beim Zigarettenautomaten… Der Oberkellner führte mich mit fürsorglicher Geste die Treppe nach unten in den Garten und zielsicher zu dem mir bereits bestens bekannten Tisch unter der Pergola. Der Tisch war immer noch leer. Ich schaute den Kellner irritiert an. Er schaute mich irritiert an und begann entschuldigend zu stammeln – – – „Aber – äh – da war doch Ihre Freundin….?“ Ich: „Aber das bin doch ICH!!! Ich habe keine Zwillingsschwester! Ich bin es selber!!!“ Er „Ah ja – mein Gott – ich dachte – weil Sie sagten, die Freundin ist eine schöne blonde Frau!“ Ich setzte mich abermals an den Tisch und nahm einen Schluck Wein. Der jüngere Ober, der unserem Tisch zugeteilt war, kam vorbei, ich erzählte ihm, dass ich nicht in der Lage war, mir Zigaretten an dem Automaten zu holen, weil ich nicht beweisen konnte, dass ich volljährig und daher befugt sei. Ich klagte mein ganzes Elend. Er versicherte, dass das überhaupt kein Prolbem sei, er könnte das für mich regeln. Ich nannte ihm die Marke und er servierte mir das Päckchen wenige Minuten später. Und dann kam auch endlich Ina, in einem tollen roten Armani-Kleid, sich für die Verspätung entschuldigend. Ich erzählte ihr das Drama am Zigarettenautomat, und die ja auch irgendwie interessante Verwechslung von dem schon etwas betagten Ober. Sie lachte und ich fand es dann auch nur noch ulkig. Wie in einem alten Hans Moser-Film. Ich bestellte mir ein kleines Schnitzel und revidierte die Bestellung nochmal – lieber doch das große. Das war es dann auch. Später gingen wir noch nach oben in die Lebensstern-Bar, da gibt es eine kleine extra Bildstrecke. Und beim Gehen freuten wir uns über das Bild von Romy in der Eingangshalle. Sie passt da ganz wunderbar hin. Man freut sich einfach. Das alte Einstein ist schon etwas sehr Besonderes.


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

18. September 2017


Kuriose Begebenheiten im alten Einstein. Verabredung mit Ina. Zeit vergessen – aber ich war zuerst da, in der alten Villa in der Kurfürstenstraße in Schöneberg. Viel zu selten ist man dort. So ein Ort, entdeckte man ihn im Urlaub, man würde ihn in der Postkarte an die Lieben erwähnen. Falls man noch Postkarten schreibt. Schreibt man noch Postkarten? Ich bekomme manchmal welche von kid37. Aus Wien. Und von Hiddensee. Und freue mich total. Und schreibe selber keine. Nur virtuelle Postkarten, wie diese hier. Also eine Postkarte an meine Leser, vom alten Cafè Einstein. „Stammhaus“ wird es untertitelt, seit es das zweite Unter den Linden gibt. Ich hörte zum ersten mal vom Einstein bei einer 3-Sat-Übertragung. Es war eine live-Sendung, die Ärzte waren zu Gast. Wann könnte das gewesen sein? Ich lebte damals noch nicht in Berlin, war aber auf jeden Fall in die Ärzte verliebt, und wenn die da auftreten, ist das bestimmt ein brauchbarer Ort. Ich muss das mal eben recherchieren – – – ok – finde nichts. Aber so war es. Vielleicht war es zur Berlinale 1984 oder 85 oder 86… egal. Als ich Sechsundachtzig nach Berlin zog, führten mich meine Erkundungen auch ins Einstein, das versteht sich von selbst. Ich hatte unheimlichen Respekt vor dem Lokal. Im Dschungel hatte ich einen Liebhaber kennengelernt, der beim Film arbeitete, mit Frau von Trotta Rosa Luxemburg drehte, und die Premierenfeier war im Einstein. Ich wäre gern dabei gewesen, aber ich war nur eine Liebschaft, jemand, den man in der Nacht trifft. Das verbinde ich auch mit dem Einstein. Die Ober waren immer ein bißchen elitär seinerzeit, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Als wir uns da neulich verabredeten, Ina und ich, war es ganz anders. An diesem Abend, Ende Juli, waren die Innenräume völlig leer, die Gäste waren draußen im lauschigen Hof, und ich wählte einen Tisch unter der Pergola. Sie erinnerte mich an eine Filmszene mit Romy Schneider und Alain Delon. Die beiden sitzen beim Heurigen, er in seiner schneidigen Offiziers-Uniform, sie als das Mädel aus der Bäckerei – oder war das Helmut Lohner und gar nicht Delon? Verwechsle ich eventuell, zu faul zum überprüfen. Dabei hab ich den Film vermutlich sogar auf einer alten VHS-Kassette. Jedenfalls war der Platz, den ich für Ina und mich gewählt hatte, ein sehr schöner und poetischer. Ich habe das gar nicht angemessen fotografiert, dabei hätte es niemanden gestört. Da wir nicht verabredet hatten, wo wir uns im Einstein treffen, teilte ich dem Ober mit, dass ich noch eine Freundin erwarte und bat ihn, sie zu dem von mir gewählten Tisch im Garten unter der Pergola zu führen, sobald sie da sei. „Eine schöne blonde Frau!“ Der Ober nickte beflissen und versprach hoch und heilig, genau dies zu tun. Ich saß derweil unter den rankenden Blättern und bestellte Wein und Wasser und studierte die Karte. Es war noch hell, ein Sommerabend, ganz lau. Am Tisch hinter mir ein englisch sprechendes Paar, er bedeutend älter, bestellte eine Flasche Champagner. Die Palmenblätter wippten, ich hatte Lust zu rauchen und stellte fest, dass meine Zigarettenschachtel so gut wie leer war. Ina brauchte offenbar noch etwas länger, ich wartete und dachte, ich könnte einstweilen Zigaretten holen, der andere Kellner hatte mir versichert, dass es einen Automaten im Keller gibt. Eine gute Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken. Also hinein in die Villa und die Stufen nach unten zu dem Automaten. Ich rauche ja sehr unregelmäßig, aber wenn, mit Hingabe. Wenn ich mich bevorrate, dann so gut wie immer im Supermarkt, beim Kauf der Lebensmittel. Oder hin und wieder beim Rosen-Kiosk in der Rosenthaler Straße. Aber an einem Automaten war ich seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr. Das erklärt meine Verwunderung, dass der Automat von mir einen Beweis meiner Volljährigkeit haben wollte. Ich dachte eigentlich, dass die Dinge des täglichen Bedarfs im Zuge des technischen und logistischen Fortschritts einfacher zu bekommen sind, aber das gilt nicht für Zigaretten. Aha. Nun bin ich im Besitz einer EC-Karte und auch Bargeld war im Portemonnaie, aber das hat leider nicht gereicht, um den Kauf am Automaten zu legitimieren. Ich hatte bereits einen Geldschein in den Automaten gesteckt und wählte die Marke, aber dann wurde der Vorgang blockiert, weil ich mich nicht parallel dazu ausgewiesen hatte, also den Personalausweis nicht in den Leseschlitz eingeführt. Und zwar deshalb, weil mein Personalausweis das gar nicht kann, meines Wissens. Ich habe seinerzeit, als ich das neue biometrische Ding bekommen hatte, quasi abgelehnt, dass er digital lesbar ist. Oder so ähnlich. Weiß nicht mehr. Wie auch immer, ich stand genervt vor dem Zigarettenautomaten im Keller vom Einstein und drückte auf die Taste für die Geldrückgabe. Und nun purzelte ein Goldregen in den Münzschacht. Was ich als Schein eingeführt hatte, wurde mir nun in fünfzig-Cent-Münzen heimgezahlt. Zehn Euro in fünfzig-Cent-Münzen. Ich danke. Ich schaufelte den Münzberg in mein nur noch schwer verschließbares Portemonnaie und ging wieder die Treppe nach oben. Da empfing mich der ältere Ober, der mich auch begrüßt hatte, mit einem breiten, warmen Lächeln und den Worten: „Sie werden schon erwartet! Ich begleite Sie zu Ihrem Tisch, Ihre Freundin wartet schon geraume Zeit!“ Einen Moment überlegte ich, ob Ina bereits gekommen sein könnte, und nun auf mich warten würde – wobei – so lange war ich ja nun auch wieder nicht unten beim Zigarettenautomaten… Der Oberkellner führte mich mit fürsorglicher Geste die Treppe nach unten in den Garten und zielsicher zu dem mir bereits bestens bekannten Tisch unter der Pergola. Der Tisch war immer noch leer. Ich schaute den Kellner irritiert an. Er schaute mich irritiert an und begann entschuldigend zu stammeln – – – „Aber – äh – da war doch Ihre Freundin….?“ Ich: „Aber das bin doch ICH!!! Ich habe keine Zwillingsschwester! Ich bin es selber!!!“ Er „Ah ja – mein Gott – ich dachte – weil Sie sagten, die Freundin ist eine schöne blonde Frau!“ Ich setzte mich abermals an den Tisch und nahm einen Schluck Wein. Der jüngere Ober, der unserem Tisch zugeteilt war, kam vorbei, ich erzählte ihm, dass ich nicht in der Lage war, mir Zigaretten an dem Automaten zu holen, weil ich nicht beweisen konnte, dass ich volljährig und daher befugt sei. Ich klagte mein ganzes Elend. Er versicherte, dass das überhaupt kein Prolbem sei, er könnte das für mich regeln. Ich nannte ihm die Marke und er servierte mir das Päckchen wenige Minuten später. Und dann kam auch endlich Ina, in einem tollen roten Armani-Kleid, sich für die Verspätung entschuldigend. Ich erzählte ihr das Drama am Zigarettenautomat, und die ja auch irgendwie interessante Verwechslung von dem schon etwas betagten Ober. Sie lachte und ich fand es dann auch nur noch ulkig. Wie in einem alten Hans Moser-Film. Ich bestellte mir ein kleines Schnitzel und revidierte die Bestellung nochmal – lieber doch das große. Das war es dann auch. Später gingen wir noch nach oben in die Lebensstern-Bar, da gibt es eine kleine extra Bildstrecke. Und beim Gehen freuten wir uns über das Bild von Romy in der Eingangshalle. Sie passt da ganz wunderbar hin. Man freut sich einfach. Das alte Einstein ist schon etwas sehr Besonderes.


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16. September 2017


Ich werde dieser entzückenden Dame im Laufe des späteren Nachmittags einen Besuch abstatten. Es handelt sich um die Malerin Katia Kelm, die heute und morgen ihr Berliner Atelier für die Meute öffnet. Es soll Kaffee und Würstchen geben. Und noch andere Sachen, wie zum Beispiel selber gemalte Bilder von außergewöhnlicher Qualitat. Das Bild da oben ist bei der re:publica-Veranstaltung im Mai 2014 entstanden. Ich habe sie aber schon früher paparazzt. Zum Beispiel im Sommer 2006 in der Coca-Cola-WG in Charlottenburg. Sie hat den anderen Chicks with Balls zugehört und sich auf den Bällen geräkelt, und später selber aus ihrem Blog gelesen, was sie in ebenfalls unvergleichlicher Qualität gemacht hat. (Sehr schöne Beine auch!) Sie hat auch einen sehr tollen und berühmten Mann, den hat sie aber verdient.


Das allererstemal habe ich Katia in echt bei einer Lesung in einer Kneipe in der Choriner Str. gesehen. Das war im Januar 2006, bei einer Neujahrslesung. Lyssa hat auch gelesen, da war sie noch Bloggerin, heute Mozilla-Chefin, nicht zu glauben. Auch Modeste und die Kaltmamsell haben damals gelesen, jede auf ihre sympathische Art. Aber bei Katia dachte ich, diese Frau gehört auf die Bühne. Sehr ungewöhnlich auch, dass sie beim Lesen ihrer Texte selber lachen musste, und es wirkte nicht peinlich, sondern hat zusätzlich zur Erheiterung beigetragen. Normalerweise kommt das ja nicht so gut, wenn ein Komiker bei der geplanten Pointe schon mal als erster lacht, damit das Publikum weiß, dass das lustig war. Bei Katia war das allerdings unbeabsichtigt und das Publikum brauchte auch keinerlei Hinweis, dass es losgehen darf mit der Heiterkeit. Ich war dann ein bißchen verliebt, in unsere Schwadroneuse aus Hamburg, so hieß ihr Blog damals. Danach waren wir in einer Kneipe mit einem russischen Namen. Offenbar durfte da geraucht werden. Ah ja, Prassnik. Ordentlich getagged.

15. September 2017


Beim Abbau in der Tykwerzelle. Jetzt ist jemand anders darin. Das war schon mein Ding, eigene Räume zu haben, ein Universum ohne Kompromisse – im Rahmen der Gegebenheiten. Man lernt mit jedem Schritt, mit dem man sich in die Welt bewegt. Dass ich mich wacker schlage, dachte ich schon. Aber dass ich gerade in den letzten Wochen davor so einen Energiepegel mit tausend Ideen bekomme, war eine interessante Erfahrung. Jetzt könnte ich nach einer Pause so weitermachen. Ich habe ja auch so viel, und es lässt sich immer wieder verwerten. Später, danach, fiel mir mitunter auf, was ich nicht gezeigt habe, weil keine Zeit war, oder weil ich Bilder, die auch das eine oder andere Aha ausgelöst hätten, schlichtweg selbst nicht mehr auf dem Schirm hatte. Nach dem Abbau kam wieder der Fahrer mit griechischem Hintergrund, der als Sechsjähriger nach Berlin kam und hier aufwuchs, mit seinem GO-Transporter. Er hatte einen Freund und Kollegen dabei, die beiden halfen mir tatkräftig, meine Projektionswände und die schweren Taschen mit dem Equipment in die zweite Etage von meinem Atelier in der Schierker Straße hochzutragen. Wir haben uns geduzt, es war regelrecht familiär. Dann habe ich drei Stunden alles ausgepackt und halbwegs verräumt, den Regiestuhl in den großen Raum gestellt, auf die Sitzfläche mein altes Vaio-Notebook mit dem dritten Setup, das nicht zum Einsatz kam, wäre vielleicht auch untergegangen. Oder auch nicht. Dann zuhause ein innerlicher Cut, als hätte ich alles nur geträumt. Die letzten Tage die Lücke im Blog geschlossen, vorhin. Den letzten fehlenden Eintrag hier eingefügt. Alles nachgetragen. Bei zwei besonders langen Kommentarsträngen musste ich lachen und da war klar, dass das doch nicht so idiotisch ist, wie ich selbst manchmal zu mutmaßen geneigt bin. Es ist einfach zu amüsant. Das muss dann jeder selber entscheiden, ob so etwas einen zu archivierenden Wert hat. Wenn meine treuen Blogleser sehen, was ich in gewisser Weise mehr als ein Jahr unterschlagen habe, könnten sie sich vernachlässigt fühlen, aber ich habe ja nun alles getan, um es wieder gutzumachen. Schreibt man das so? Bei der Rechtschreibung bin ich seit langem verunsichert. War ich früher nie. Aber das geht vielen so. Ich denke, man versteht es. Ich versuche immer, verständlich zu schreiben. Wenn ich kryptisch bin, ist es eine Notlage. Noch gar nicht so spät, erst ein Uhr neunzehn. Dachte, es wäre schon später. Ich mochte den Sommer übrigens, mit seinem untypischen Wetter. Da bin ich alleine auf weiter Flur. Es war nie so heiß, dass ich meinen Adlerhorst vor der Hitze dämmen und abdunkeln musste, das ist immer ein gewisser Aufwand. Bei jeder Sonnenstunde war mir wie Frühling. Auch gestern Nachmittag wieder. Gegen Mittag hatten wir Regen, am Nachmittag brach eine Sonne mit einem Licht aus, das etwas von Mai oder März hatte. Dann wieder Wolken. Da mein Leben nicht aus Freibad-Plänen besteht, ist diese wilde Mischung für mich völlig in Ordnung. Nur das eine lange Sommerkleid hätte ich gerne einmal ausgeführt. Aber manchmal gibt es ja auch drinnen Gelegenheiten, keinen Rollkragenpullover zu tragen. Ich kriege heute keinen furiosen Schluss bei diesem Eintrag hin. Manchmal habe ich da ein Händchen dafür, heute nicht. Heute trinke ich nur noch etwas. Ich mache schon genug.

08. März 2016

WICHTIG! Dresscode (vor allem für die Herren!) morgen:
Lesung: Isabel Bogdan „Der Pfau“
Wie lautet der Dresscode?
zitiere mich selbst:
„Wenn man den Leuten sagt, „jeder, wie er will“, kommen die Männer wieder in Schlumpfklamotten, als ob es sich um eine alltägliche Sache handeln würde. Frauen putzen sich natürlich von Natur aus mehr heraus, da habe ich geringere Sorge. Man lebt nur einmal und meine Fotos bleiben – mindestens für die nächsten fünf Jahrhunderte! Bitte alle sexy oder sophisticated anziehen. Am besten beides! Ich wünsche mir als Dresscode für die Herren, dunkler Anzug, Krawatte muss nicht, weißes, gebügeltes Hemd, die ersten zwei drei oberen Knöpfe geöffnet, dass man ein bißchen was erahnen kann. Sie wissen schon. Subtiler Sex Appeal. Keinesfalls ein T-Shirt oder Unterhemd unterm Oberhemd! No Go! Und keine Turnschuhe. Oxford, Chelsea Boots, Budapester, alles in Ordnung. Geputzt natürlich!“

ich fotografiere nämlich auch die Schuhe!

12. September 2017

Ich mochte Heiner Geißler, Partei hin oder her. Im Grunde wäre es ohnehin eine exzellente Strategie, Parteien, die sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, aber Verkrustung, Verhärtung und Optimierungsbedarf erkennen lassen, mit Freigeistern zu unterwandern anzureichern. Seine Einschätzungen wirkten immer unabhängig und besonnen. Ruhe in Frieden, Heiner Geißler.

12. September 2017

Ich mochte Heiner Geißler, Partei hin oder her. Im Grunde wäre es ohnehin eine exzellente Strategie, Parteien, die sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, aber Verkrustung, Verhärtung und Optimierungsbedarf erkennen lassen, mit Freigeistern zu unterwandern anzureichern. Seine Einschätzungen wirkten immer unabhängig und besonnen. Ruhe in Frieden, Heiner Geißler.

07. September 2017


Sonntags-Besuch in Zelle vier. Ina und Lee auf meiner Pritsche. Ina erzählt mir etwas und sitzt vor dem Projektorstrahl, der das Sentimentale Archiv beamt, Album „Unterwegs mit Jan“. Lee guckt sich die 127 Foto-Postkarten der „Cosmic Gaga Collection“ an.

07. September 2017

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Im Kuppelsaal, nach Albans Lesung. Ein Lieblingsmodell von Jan, Lee. Oben, in diesem Saal war auch Jans Ausstellung, sein Königreich. Meines war unten. Viele Treppen lagen dazwischen. Allerdings waren meine beiden Zellen leichter zu finden. Einige Besucher wussten gar nicht, dass oben auch etwas war, wenn sie es nicht von anderen gehört hatten. Unser Konzept war sehr unterschiedlich. Er hatte großfomatige Abzüge, schön gerahmt, großzügig gehängt, in diesem stillen, eindrucksvollen Saal. Ich zeigte Reliquien, mit Erinnerungen behaftet, in einem so privat wirkenden Szenario, dass ich die sehr respektvollen, interessiert wirkenden Besucher ausdrücklich ermuntern musste, näher zu treten, und auf dem Bett, der mit einem weißen Laken bezogenen Pritsche, gerne Platz zu nehmen. Nebenher liefen in beiden Zellen Projektionen auf einer großen und kleineren Wand, untermalt von Lieblingsmusik von mir. Wenn ich gerade in einer der beiden Zellen war, und das war ich eigentlich immer, war irgendjemand da, der mir Fragen stellte, nicht nur, ob ich da auch schon einmal geschlafen hätte. Erstaunlich viele sagten, sie hätten große Lust, in der kleinen Zelle zu übernachten. Es waren amüsante drei Tage, und das war auch mein Ziel. Ich empfing zum Teil wildfremde Besucher, als wäre ich in meinem Wohnzimmer. Allerdings bereitwilliger, als ich das privat tue. Ich glaube, mir fehlen nur die Räume, meine Wohnung ist nicht großzügig genug, um einen Salon für Gott und die Welt zu führen. Schade eigentlich.

05. September 2017


Gefällt sich in der Rolle der Rädelsführerin: Insassin Kittmann. Die ehemalige Schauspielerin lässt keine Gelegenheit aus, die Mitinsassen gegen die Gefängnis-Direktion aufzuwiegeln, indem sie den täglich angeordneten Hofgang (der ausschließlich zur stillschweigenden Körperertüchtigung gedacht ist), dazu missbraucht, die anderen Gefangenen durch lautstarkes Agitieren auf ihre Seite zu ziehen, um durch diese beständige Provokation eine vorzeitige Entlassung zu erlangen. Besonders auffällig ist, dass Kittmann auch nicht davor zurückschreckt, Bündnisse mit den Verwaltungsangestellten zu suchen, wobei ihr die genossene Schauspielausbildung zugute kommt. Wahlweise gibt sie die Dame oder das leichte Mädchen, um zum Ziel zu kommen. Die Kameraüberwachung hat diese Aufnahme zutage gefördert, die belegt, wie Kittmann vor den anderen Insassen damit prahlt, bereits ihren Koffer gepackt zu haben, und es sich nur noch um wenige Tage handeln könne, dass sie wieder auf freiem Fuß ist. Trotz ihrer beträchtlichen Intelligenz hat sie die Möglichkeiten moderner Kameraüberwachung offenkundig unterschätzt. Das Gefängnis in Lichterfelde steht zwar baulicherseits unter Denkmalschutz, ermöglicht aber durchaus das Anbringen diskreter Überwachungskameras, die sich mit doppelseitigem Klebeband und modernen Powerstrips zuverlässig befestigen lassen. Die Gefängnisdirektion ist sich noch unschlüssig, ob das unausgesetzte Fehlverhalten von Kittmann mit Haftverlängerung oder Entlassung (wegen schlechter Führung) am geeignetsten zu ahnden ist. Möglicherweise ist die vorzeitige Entlassung sogar die härtere Strafe, da sich das im Vollzug verfügbare, dankbare Publikum in der Freiheit kaum in vergleichbarer Menge und Beständigkeit einfinden wird.

05. September 2017


Versteht es, die Zeit während der Haft zu nutzen, und übt Gitarre: Hans Rohe. Der frühere Rockmusiker sitzt wegen Urheberrechtsverletzung und GEMA-Hinterziehung ein. Bei guter Führung hat er Aussicht auf offenen Vollzug. Bei den Vollzugsbeamtinnen macht er sich allerdings mitunter unbeliebt, da er hin und wieder Schmählieder verfasst, die eindeutig auf Liedgut von „The Rolling Stones“ beruhen und von ihm mit deutschen Versen versehen werden, die er keck als Übersetzung ausgibt. Die hier abgebildete Aufnahme entstand, als Rohe das Lied „Dead Flowers“ von The Rolling Stones in deutscher Sprache darbot, wobei er sich im Text namentlich auf eine Mitinsassin bezog, die ihre Haftzeit überbrückt, indem sie Fotos von den Mitinsassen anfertigt und sich diese dann mit einem Projektor an die Zellenwand geworfen, immer wieder und wieder anschaut. Möglicherweise handelt es sich hierbei um erste Anzeichen einer Zwangsstörung.

05. September 2017

Abgewrackt im Knast. Insassin Rutner vor Zelle fünf.

Sie konnte wieder einmal nicht nein sagen, als Gaga Nielsen aus Zelle vier ihr hartnäckig eingeschmuggelten Alkohol aufdrängte. Die übrigen Insassen waren auch keine Stütze bei der Rehabilitaion und forderten von ihr schlüpfrige Lieder, deren Reime sie im Delirium selbst verfasst hatte.

04. September 2017


Vater und Sohn. Alban Nikolai Herbst und Adrian v. Ribbentrop gestern Abend bei der Lesung mit Cello im Kuppelsaal von SOEHT7. Das war die Finissage. Heute Abbau. Ein wenig blutet mir das Herz, besonders bei der kleinen Zelle, die ich ausgiebig in Bildern festgehalten habe. Von der größeren habe ich kaum Bilder, da will ich noch welche machen, wenn ich nachher hinfahre, bevore ich alles abbaue. So ein schöner Tag heute. Bin ein bißchen wehmütig. Nun über die letzten Tage so viel Energie hochgefahren und immer etwas vorbereitet, immer auch unterwegs von da nach da. Die vielen netten Besuche und Gespräche in meinen Zellen. Da macht man jahrelang Bilder und Filme, die ja auch im Internet verfügbar sind, und zeigt sie dann plötzlich überdimensional groß und ist selber gefangen. Eigentlich kein Wunder, dass auch andere davor stehen und sitzen und sich das anschauen. Alleine schon die Technologie macht es interessant, dazu ein halbdunkler Raum mit persönlichen Details, in dem bewegte Bilder zu sehen sind. Das hat die Menschen schon immer gebannt. Dass man länger stehen bleibt, wird aber dann doch nach einer Weile vom Inhalt bestimmt. Ich habe sehr fasziniert zur Kenntnis genommen, dass selten jemand nur eine Minute zugeschaut hat. Zumeist blieben die Gäste mindestens fünfzehn Minuten und in der Zeit haben sie dann mindestens zweihundert Bilder gesehen. Manche blieben sogar, unglaublich aber wahr, ein, zwei Stunden. Wie mich das gefreut hat. Manchmal saß ich daneben, hinter meinem Tisch mit dem Notebook und habe die nicht vorhandenen Untertitel souffliert, wenn jemand sagte: „Ach, das ist doch der – na – der Dings…- – – “ Ich wusste natürlich, wer der Dings ist, und habe da gerne weitergeholfen. Jedenfalls eine interessante Erfahrung, und wie ich gehört habe, fanden auch viele den Ort an sich spannend und besonders, und daher sehenswert. Eine große Ehre war, dass Maria und Sibylle am Samstag aufgetreten sind und ebenso der gestrige Auftritt von Alban und Adrian. Das waren große Geschenke. Und all eure Besuche sowieso. Danke dafür. Bilder kommen auch noch. Aber nicht heute. Sehr viel fotografiert am zweiten und dritten Tag. Ihr werdet es dann sehen. Nun Kaffee.

03. September 2017


Gestern zu Gast im Kuschelknast: Maria und Sibylle. Aber nicht nur. Nach dem wunderschönen Konzert der beiden, hatten wir Spontan-Einlagen von Maxime, Jenny, Saskia und Hans. Klein aber fein, mit Champagner und Pizza von der Tresenfee. Ihr habt etwas verpasst. Heute letzte Gelegenheit, mich in meinen kuscheligen Zellen zu besuchen und zu staunen. Man darf alles anfassen und fotografieren, und sich sogar auf die Pritsche legen. Hat Maxime nach dem Konzert ausgiebig gemacht. Wir haben weitergetrunken und auch geraucht. Das gehört quasi zur Installation. Es handelt sich hierbei um ein naturalistisches Element. Der gute Maxime hat sich ausgiebig auf dem schmalen Bett geräkelt und ich habe ihn dabei fotografiert. Das war einer der Momente, wo man schon beim Auslösen weiß, dass es besondere Bilder werden. Vorerst aber noch in meinem Giftschrank. Wer das auch mal ausprobieren möchte, hat heute zum letzten mal Gelegenheit dazu, ich bin spätestens ab 17 Uhr wieder in meinen Zellen und zu allen Schandtaten bereit. Getränke sind auch wieder kaltgestellt. Und sogar die Sonne scheint! Also los, Besuch im Gefängnis, Söhtstr. 7, Berlin Lichterfelde. Zum Abschluss heute Abend liest ab 20 Uhr Alban Nikolai Herbst und Adrian v. Ribbentrop spielt dazu Cello. Vorher gibt es auch schon Programm, aber ich persönlich werde erst zu Alban nach oben in den Kuppelsaal mit dem schönen Flügel kommen, vorher bin ich im Erdgeschoss bei meinen Filmen und Fotografien und Lieblingsmusik, unten in Zelle acht und vier. Eintritt frei! Die Künstlerin ist anwesend!

02. September 2017

2. Sept. 2017
K̶l̶̶e̶̶i̶̶n̶e Große Danksagung, bevor ich wieder losdüse. Es war herzerwärmend gestern Abend, es war mir ein Fest. Obwohl ich zu Beginn nicht ganz im Plan war, aber das wussten die Gäste ja gar nicht, wie mein Plan war. Ich kam später an, als beabsichtigt, um den letzten, vor allem technischen Aufbau zu vollenden, das ging nicht früher, weil ich das technische Equipment nicht zu früh dort aufstellen wollte. Jedenfalls fühlte ich mich auf den letzten Metern wie die Gastgeberin einer Party, die noch die Lockenwickler im Haar hat und denkt, sie hätte noch eine halbe Stunde, und dann klingeln schon die ersten Partygäste. Meine Zellentüren wurden munter aufgerissen und herumspaziert, während ich noch an der Kabellage frickelte, dazu noch ein Wackelkontakt bei einer Lampe und ein Erkennungskonflikt zwischen Bose und Acer. Umziehen wollte ich mich auch noch, nicht mehr geschafft. Und es liegt in der Natur der Sache, dass man eine Zelle nicht VON INNEN verschließen kann, denn wir haben hier ja denkmalgeschützte Schließanlagen. Als dann die erste Zelle einigermaßen stand und ich die Tür offiziell aufmachte, ging es Schlag auf Schlag und von der ersten Minute an, waren alle Plätze in meinem kleineren Kinosaal besetzt. Es wurde tatsächlich interessiert auf die Bilder geschaut und hingebungsvoll der Musik gelauscht. Die Leute wollten gar nicht mehr gehen. So schön hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Und dann kam ich nicht mehr dazu, die immerhin schon aufgebaute Technik in meiner kleinen anderen Zelle anzuwerfen, aber alle guckten und bestaunten die Einrichtung und immer wieder die Frage, ob ich da schlafe? Ich habe dann immer viel- und nichtssagend geschmunzelt. Weiß man es? Interessant auch, dass jemand sagte – war das Steffi? – man würde genau sehen, was ich für einen Männertyp habe. Dabei habe ich gar nicht kommentiert oder untertitelt, mit wem ich mal was hatte oder nicht! Wir haben bis spät in die Nacht getrunken und gefeiert. Es war einfach schön. Und dass ich nicht dazu gekommen bin, den Beamer in der kleinen Zelle vier zu starten, war eure Schuld! So liebe Besucher, die mir am Herzen liegen. Ina, Miriam, Stefanie, Alban, Jenny, Fabian, Anne, Lydia, Markus, Bernward, Imke, Klaus und last but never least: Cosmic. Ihr habt mir diesen besonderen Abend verzaubert, ich danke euch, auch für eure schönen Mitbringsel und die Blumen und die CD von Marc Bolan und den goldenen Umschlag von Jenny und Fabian, und die selbstgepflückten Gartenblumen, und den Champagner von Anne und die wundervollen Rosen von Lydia und Miriam und das seltene Buch von Alban. Der übrigens seinen wertvollen, ihm am Herzen liegenden Hut gestern nicht wiederbekommen hat, nachdem er ihn auf dem roten Samtsofa abgelegt hatte, da im Flur. Wenn ihn jemand geklaut haben sollte, wird der von mir gelyncht, wenn ich ihn zwischen die Finger kriege, schäm dich, du Unhold und bringe ihn sofort zurück! Das war der einzige Wermutstropfen gestern. Das Feedback von Menschen, die noch nie von mir gehört hatten, war sehr interessant. Und jetzt muss ich wieder los, schon wieder spät dran! Maria spielt heute und bringt Sibylle mit, und es wird ganz bestimmt wieder zauberhaft. Und es gibt noch Champagner! Und der hauseigene Wein ist auch super, besonders der Rotwein, ich muss es wissen! Und nun los! Ich bin so keck zu behaupten, unser Event ist attraktiver als alles, was bei der Bread & Butter an diesem Wochenende geboten wird. Also: seid dabei!
P.S. habe gestern kein einziges Foto gemacht, nicht dazu gekommen – wer welche hat, ich würde mich sehr darüber freuen!

01. September 2017

Gerade im Geiste durchgegangen, wer heute und morgen und übermorgen sowohl mit Fotografien als auch Musik in meinen Setlists für SOEHT7 vertreten ist. Da wäre Blixa Bargeld mit einem Portrait und dem Song „Nur zur Erinnerung“, Cosmic mit unzähligen Bildern und „Dschellaladin“, „Schwesterbraut“ und „Widerspruch“, „Duke Meyer mit vier Fotos und „Wo find ich dich heut Nacht?“ und „Ich fühl mich gut“ und „Es kann auch Liebe sein“, Gudrun Gut mit einem gemeinsamen Portrait mit Blixa und dem gemeinsamen Song „Die Sonne“, Jenny Kittmann mit einer Aufnahme und „Sag es leise“, Karl Neukauf mit sieben Fotografien und „Einzig und allein“, „Hoftheater“, „Milder Mittwochmorgen“ und „Paternoster“, Maria Schuster mit fünf Fotografien und „Alles“, Rachel Maio mit einem Bild und „Sea Shanty“, Tom Adams mit einem Portrait und „Live in Istanbul“ und „Nothing has Changed“. Von den übrigen Fotografierten habe ich keine Musik in der Playlist bzw. Songs in der Liste, aber kein Foto. Häufig ist der Grund für den fehlenden Song, dass die Leute einfach nicht singen wollen und auch kein Instrument spielen – ärgerlich! Daher mussten besser qualifizierte Künstler für die musikalische Playslist herhalten. Ich bitte um Verständnis. In Einzelfällen wurde mein Lieblingslied noch nicht geschrieben, obwohl musiziert wird, auch hier bitte ich um Nachsicht. Ich glaube, das wird schön. Und die Gema kann mich mal. Wer damit ein Problem hat, soll mich in Zelle vier oder acht besuchen, dann rede ich mit den problematischen Fällen. Bei einem guten Gläschen lässt sich manches klären. Ich freue mich auf Euch. ALLE.

31. August 2017

Ihr werdet leider nicht die ersten sein, die sehen, was ich in den beiden Zellen gemacht habe. Schönstes Kompliment heute von einer Frau aus der Theatertruppe, heute wurde wieder geprobt. Nach der letzten Probenpause ging es wieder zu einer Szene in den Flur, wo meine Zellen sind. Ich weiß nicht, ob es der Regisseur war, jedenfalls jemand mit viel Neugier und Forscherdrang. Meine Zellentüren stehen auf (auch während unseres Events), wenn nicht gerade geprobt wird. Da konnte der Mann einen Blick in Zelle 4 erhaschen und das hat ihn angelockt. Fragt mich, die ich davor herumwurstle: „Was ist DAS DENN???!?“ Das zog die ganze Truppe an, ungefähr fünfzehn Schauspieler, die die Hälse reckten. Eine Dame, sehr attraktiv nebenbei, wollte sich ausgiebig umschauen und gar nicht wieder gehen. Ich erklärte ihr, dass ich so tue, als ob ich da wohne. Deswegen eben… (aber was genau wird nicht verraten!). Sie war jedenfalls – und das ist das schöne Kompliment für mich – unangenehm berührt von der Vorstellung, dass das nur drei Tage bestehen soll. Eventuell initiiert sie eine Petition und sammelt Unterschriften, damit das bleibt. Als Mahnmal und Gedenkzelle. Oder so ähnlich. Okay, ich spinne jetzt rum. Aber ich bin auch ein bißchen verliebt in das Szenario. Ich hätte mich noch ewig da aufhalten können und herumwursteln. Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr euch morgen oder übermorgen oder überübermorgen in die Söhtstr. 7 bewegt. Ich bin noch nicht fertig, muss noch in der Tykwerzelle ein paar Sachen anbringen und die große Projektionswand aufstellen. Aber immerhin ist sie da. Ich hatte einen sehr charmanten Fahrer mit griechischem Hintergrund, als Kleinkind nach Berlin gekommen. Sechsundreissig. Ganz attraktiv, und geflirtet hat er auch ein bißchen, der Gute (mit seinem Ehering). Ist mir auch noch nicht passiert, dass während einer schlichten Transportfahrt nach drei Minuten angehalten wird und gefragt wird, was ich gerne zum trinken hätte. Cola? Kaffee? Bier? Ich habe ein Wasser mit Sprudel genommen, Cola hatte ich vorher schon zuhause getrunken, Kaffee sowieso. Dann nach launiger Unterhaltung über meine verflossenen Griechenlandurlaube wollte er mir einen griechischen Kaffee spendieren. Ich habe dann doch darauf beharrt, dass ich gerne einfach jetzt dann doch mal in die Söhtstr. fahren möchte, Also ohne weitere Unterbrechungen. Hat er mir nicht übel genommen. Wir haben dann verabredet, dass er mein Equipment auch wieder zurückfährt, Sonntag spätabends oder Montag dann. Mal sehen. Ich tendiere zu Montag, muss ja wieder abgebaut werden, der Zauber. Macht mich selbst ein bißchen wehmütig… Ihr werdet es ja sehen. Das ist alles, aber ganz sicher nicht emotionslos. Und eine GEMA-Liste mach ich nicht, ist ja nix Kommerzielles, nur so eine private – – – äh Geburtstagsveranstaltung. Ich spiele auch Songs von Euch. Der Gema-Ertrag wird morgen in Naturalien von mir bezahlt. Schampus oder bester Rotwein. (und Bier gibt’s auch, an der Bar!) Bin gespannt, wie sich das Wetterchen entwickelt. Manchmal ist es besser als angedroht. Kann mich eigentlich an keinen verregneten ersten September erinnern. Und ich erinnere mich an alle, meiner Kamera sein Dank. Und wenn doch, machen wir es uns in den Zellen kuschelig.

31. August 2017

Ihr werdet leider nicht die ersten sein, die sehen, was ich in den beiden Zellen gemacht habe. Schönstes Kompliment heute von einer Frau aus der Theatertruppe, heute wurde wieder geprobt. Nach der letzten Probenpause ging es wieder zu einer Szene in den Flur, wo meine Zellen sind. Ich weiß nicht, ob es der Regisseur war, jedenfalls jemand mit viel Neugier und Forscherdrang. Meine Zellentüren stehen auf (auch während unseres Events), wenn nicht gerade geprobt wird. Da konnte der Mann einen Blick in Zelle 4 erhaschen und das hat ihn angelockt. Fragt mich, die ich davor herumwurstle: „Was ist DAS DENN???!?“ Das zog die ganze Truppe an, ungefähr fünfzehn Schauspieler, die die Hälse reckten. Eine Dame, sehr attraktiv nebenbei, wollte sich ausgiebig umschauen und gar nicht wieder gehen. Ich erklärte ihr, dass ich so tue, als ob ich da wohne. Deswegen eben… (aber was genau wird nicht verraten!). Sie war jedenfalls – und das ist das schöne Kompliment für mich – unangenehm berührt von der Vorstellung, dass das nur drei Tage bestehen soll. Eventuell initiiert sie eine Petition und sammelt Unterschriften, damit das bleibt. Als Mahnmal und Gedenkzelle. Oder so ähnlich. Okay, ich spinne jetzt rum. Aber ich bin auch ein bißchen verliebt in das Szenario. Ich hätte mich noch ewig da aufhalten können und herumwursteln. Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr euch morgen oder übermorgen oder überübermorgen in die Söhtstr. 7 bewegt. Ich bin noch nicht fertig, muss noch in der Tykwerzelle ein paar Sachen anbringen und die große Projektionswand aufstellen. Aber immerhin ist sie da. Ich hatte einen sehr charmanten Fahrer mit griechischem Hintergrund, als Kleinkind nach Berlin gekommen. Sechsundreissig. Ganz attraktiv, und geflirtet hat er auch ein bißchen, der Gute (mit seinem Ehering). Ist mir auch noch nicht passiert, dass während einer schlichten Transportfahrt nach drei Minuten angehalten wird und gefragt wird, was ich gerne zum trinken hätte. Cola? Kaffee? Bier? Ich habe ein Wasser mit Sprudel genommen, Cola hatte ich vorher schon zuhause getrunken, Kaffee sowieso. Dann nach launiger Unterhaltung über meine verflossenen Griechenlandurlaube wollte er mir einen griechischen Kaffee spendieren. Ich habe dann doch darauf beharrt, dass ich gerne einfach jetzt dann doch mal in die Söhtstr. fahren möchte, Also ohne weitere Unterbrechungen. Hat er mir nicht übel genommen. Wir haben dann verabredet, dass er mein Equipment auch wieder zurückfährt, Sonntag spätabends oder Montag dann. Mal sehen. Ich tendiere zu Montag, muss ja wieder abgebaut werden, der Zauber. Macht mich selbst ein bißchen wehmütig… Ihr werdet es ja sehen. Das ist alles, aber ganz sicher nicht emotionslos. Und eine GEMA-Liste mach ich nicht, ist ja nix Kommerzielles, nur so eine private – – – äh Geburtstagsveranstaltung. Ich spiele auch Songs von Euch. Der Gema-Ertrag wird morgen in Naturalien von mir bezahlt. Schampus oder bester Rotwein. (und Bier gibt’s auch, an der Bar!) Bin gespannt, wie sich das Wetterchen entwickelt. Manchmal ist es besser als angedroht. Kann mich eigentlich an keinen verregneten ersten September erinnern. Und ich erinnere mich an alle, meiner Kamera sein Dank. Und wenn doch, machen wir es uns in den Zellen kuschelig.

31. August 2017

Bin noch zehn Minuten online und dann weg, dann kommt der Fahrer für den ersten Transport nach SOEHT7, heute Aufbau der Zellen. Putzen, rücken, schieben, auspacken, hängen, kleben, Kabel legen. Projektionswände aufbauen etc. pp. Erst heute Abend wieder online und dann die nächsten Tage mal zwischendurch über das SOEHT7-WLAN, heute kein Rechner mit Internet dabei. Wenn was Dringendes ist, lese ich es erst heute spätabends. Oder wenn es um was Organisatorisches geht, am besten Jan kontaktieren, wer involviert ist, hat ja seine Mail-Adresse und Tel.-Nr. Ansonsten turne ich zwischen den Zellen 4 und 9 herum oder auch mal im Kuppelsaal! Ich mache das alles für euch! <3 (und mich natürlich!)

30. August 2017

Countdown… Auszüge aus einer abendlichen und einer nächtlichen Message an eine Freundin und einen Freund:
„(…) An drei Tagen kann man viel zeigen. Und dann noch die Filme… so viel vorzubereiten. Habe nun 3 setups mit drei Notebooks, drei Soundanlagen und zwei Beamern. Setup 1 in der größten Zelle, wo auch Tykwer gedreht hat, schräg gegenüber eine kleinere Einzelzelle. Nah am Ausgang in den wildromantischen blühenden Hof mit dem verschnörkleten Teepavillon. Komme gerade zurück und habe Markierungen in Zelle 4 und 9 gemacht, wo welches Equipment positioniert wird. Aufregend. (…) ich hoffe, dass recht viele kommen, ein riesiger Komplex mit der Aura eines Rapunzelschlösschens. Und die alten Schließanlagen. Wahnsinnig, wie riesig die Schlüssel für die Zellen sind, wie aus einem Märchenfilm. Und wir haben Narrenfreiheit, können machen, was wir wollen!“
„(…) Ich war heute da und bekomme zwei sehr attraktive Zellen, und in einer werde ich die Cosmic-Gaga-Collection an die Wand kleben. Das wird alles sehr schön und romantisch. (…) Ich werde einige Filme mit dir auf großer Wand laufen lassen und viele Fotos beamen. Ich habe den Plan, die beiden Zellen so zu gestalten, als ob ich sie bewohne. Nicht spartanisch! Das würde jeder Insasse machen! Also ganz naturalistisch!“
Stand der Dinge. Ich brauche einen Transporter, der die auf 2,80 Breite zusammengerollte große Projektionswand und die kleinere hintransportiert und mich gleich mit. Das sind zwei sperrige Objekte, die man nicht mal eben im Vorbeigehen mitnimmt, die können schon früher hin. Und Zubehör. Die heiligen Geräte dann mit mir, Freitag Mittag. Derzeit probt eine Theatergruppe in allen Bereichen von SOEHT7 ein Stück, das dann auch dort an verschiedenen Standorten gespielt wird. Während ich in der kleineren Zelle hinter verschlossener Tür die Markierungen für das Equipment machte, hörte ich in endloser Wiederholung eine Szene, direkt vor der Tür auf dem Knast-Flur, wo eine Frau immer „KARL! KARL! KARL!“ schreit. Irgendeine Auseinandersetzung in dem Stück. Der Regisseur fand ihre Betonung nicht radikal genug und sie steigerte sich immer mehr hinein. Die Szene wurde endlos wiederholt. Na ja, Proben halt. Zelle 4 ist auch sehr charmant, das Gitter hat keine Stäbe, sondern arabeskenhafte Schnörkel. Habe ich auch fotografiert, bin aber nun doch zu rechtschaffen müde, um das jetzt auch noch hier zu verarbeiten und zu posten. Es geht voran, ich glaube, das wird sehr ungewöhnlich. Da ich so viele Galerienbesuche in der letzten Dekade gemacht habe, steht mir deutlich vor Augen, was mich in Galerien gelangweilt hat. Bei mir gibt es keine grelle Beleuchtung. Laufende, sehr persönliche Bilder und wenn keine Tonfilme laufen, läuft Lieblingsmusik zu den slideshows. Allerdings mache ich mir selbst Konkurrenz. Meine beiden Zellen liegen schräg gegenüber und wenn in beiden Tonspuren laufen, ob vom Film oder Musik, muss bei einer die Tür zu sein, sonst wird es ein bißchen viel. Und mein künstlerischer Zellennachbar wird auch den einen oder anderen Film zeigen, bei einem Tanzfilm ist auch Musik dabei. Da müssen wir uns abstimmen, damit wir uns nicht gegenseitig torpedieren, aber das wird ganz relaxed, ein netter Mensch, dieser Thomas Schliesser, den ich heute auch zum ersten mal traf. Nur Jan ist ein bißchen abseits, da oben im Kuppelsaal. Ich habe ihm angeboten, dort an einer Stelle, wo keine Hängung sein kann, mein drittes Setup, nur mit einem Notebook und einem Lautsprecher zu positionieren, wo ausschließlich die Filme mit ihm laufen und eine slideshow mit vierhundert Bildern von unseren Streifzügen. Noch hat er nicht gehängt und in der Mitte des Saals ist noch Bestuhlung. Werden wir morgen oder übermorgen sehen. Ergibt sich alles irgendwie. Genug aus dem Backstage für heute. Habe schon wieder neue Ideen, was ich noch anschleppen kann, damit die Überraschung noch größer ist. Ihr müsst alle kommen!

30. August 2017

Countdown… Auszüge aus einer abendlichen und einer nächtlichen Message an eine Freundin und einen Freund:
„(…) An drei Tagen kann man viel zeigen. Und dann noch die Filme… so viel vorzubereiten. Habe nun 3 setups mit drei Notebooks, drei Soundanlagen und zwei Beamern. Setup 1 in der größten Zelle, wo auch Tykwer gedreht hat, schräg gegenüber eine kleinere Einzelzelle. Nah am Ausgang in den wildromantischen blühenden Hof mit dem verschnörkleten Teepavillon. Komme gerade zurück und habe Markierungen in Zelle 4 und 9 gemacht, wo welches Equipment positioniert wird. Aufregend. (…) ich hoffe, dass recht viele kommen, ein riesiger Komplex mit der Aura eines Rapunzelschlösschens. Und die alten Schließanlagen. Wahnsinnig, wie riesig die Schlüssel für die Zellen sind, wie aus einem Märchenfilm. Und wir haben Narrenfreiheit, können machen, was wir wollen!“
„(…) Ich war heute da und bekomme zwei sehr attraktive Zellen, und in einer werde ich die Cosmic-Gaga-Collection an die Wand kleben. Das wird alles sehr schön und romantisch. (…) Ich werde einige Filme mit dir auf großer Wand laufen lassen und viele Fotos beamen. Ich habe den Plan, die beiden Zellen so zu gestalten, als ob ich sie bewohne. Nicht spartanisch! Das würde jeder Insasse machen! Also ganz naturalistisch!“
Stand der Dinge. Ich brauche einen Transporter, der die auf 2,80 Breite zusammengerollte große Projektionswand und die kleinere hintransportiert und mich gleich mit. Das sind zwei sperrige Objekte, die man nicht mal eben im Vorbeigehen mitnimmt, die können schon früher hin. Und Zubehör. Die heiligen Geräte dann mit mir, Freitag Mittag. Derzeit probt eine Theatergruppe in allen Bereichen von SOEHT7 ein Stück, das dann auch dort an verschiedenen Standorten gespielt wird. Während ich in der kleineren Zelle hinter verschlossener Tür die Markierungen für das Equipment machte, hörte ich in endloser Wiederholung eine Szene, direkt vor der Tür auf dem Knast-Flur, wo eine Frau immer „KARL! KARL! KARL!“ schreit. Irgendeine Auseinandersetzung in dem Stück. Der Regisseur fand ihre Betonung nicht radikal genug und sie steigerte sich immer mehr hinein. Die Szene wurde endlos wiederholt. Na ja, Proben halt. Zelle 4 ist auch sehr charmant, das Gitter hat keine Stäbe, sondern arabeskenhafte Schnörkel. Habe ich auch fotografiert, bin aber nun doch zu rechtschaffen müde, um das jetzt auch noch hier zu verarbeiten und zu posten. Es geht voran, ich glaube, das wird sehr ungewöhnlich. Da ich so viele Galerienbesuche in der letzten Dekade gemacht habe, steht mir deutlich vor Augen, was mich in Galerien gelangweilt hat. Bei mir gibt es keine grelle Beleuchtung. Laufende, sehr persönliche Bilder und wenn keine Tonfilme laufen, läuft Lieblingsmusik zu den slideshows. Allerdings mache ich mir selbst Konkurrenz. Meine beiden Zellen liegen schräg gegenüber und wenn in beiden Tonspuren laufen, ob vom Film oder Musik, muss bei einer die Tür zu sein, sonst wird es ein bißchen viel. Und mein künstlerischer Zellennachbar wird auch den einen oder anderen Film zeigen, bei einem Tanzfilm ist auch Musik dabei. Da müssen wir uns abstimmen, damit wir uns nicht gegenseitig torpedieren, aber das wird ganz relaxed, ein netter Mensch, dieser Thomas Schliesser, den ich heute auch zum ersten mal traf. Nur Jan ist ein bißchen abseits, da oben im Kuppelsaal. Ich habe ihm angeboten, dort an einer Stelle, wo keine Hängung sein kann, mein drittes Setup, nur mit einem Notebook und einem Lautsprecher zu positionieren, wo ausschließlich die Filme mit ihm laufen und eine slideshow mit vierhundert Bildern von unseren Streifzügen. Noch hat er nicht gehängt und in der Mitte des Saals ist noch Bestuhlung. Werden wir morgen oder übermorgen sehen. Ergibt sich alles irgendwie. Genug aus dem Backstage für heute. Habe schon wieder neue Ideen, was ich noch anschleppen kann, damit die Überraschung noch größer ist. Ihr müsst alle kommen!

29. August 2017


Mag ich auch. Juni 2012 im Tacheles. Mein mildes Lächeln und Jans strenger Blick. Dabei waren wir in ähnlicher Stimmung, zogen durch die Straßen, zum nach der Renovierung neu eröffneten Al Contadino, gegenüber von meinem Adlerhorst, und in die Johannes-Evangelist-Kirche in der Auguststraße, und zur Mädchenschule, zum Pauly-Saal, und ins KW und am Ende ein letztes mal ins Tacheles, das nur wenige Wochen später, Anfang September 2012 für immer die Türen schließen musste. Im Al Contadino filmte ich das Opus, in dem Jan von seinen Begegnungen mit Bruno Ganz in den Achtziger Jahren in Mailand und später bei der Berlinale erzählte.

29. August 2017

Anatomie Titus (7)
Auch schön, Jan und FM. Einheit in der Akademie der Künste am Pariser Platz, April 2009, Premiere von Brigitte Maria Mayers Multimedia-Inszenierung „Anatomie Titus“. FM Einheit hatte die Musik dafür geschrieben. Jan hatte einige Bilder von ihm gemacht und sie gucken beide auf das Display seiner Kamera. Vergleichbare Situationen habe ich oft genutzt, um Bilder zu machen, nachdem für den Fotografierten das Fotografiertwerden eigentlich abgehakt war. Dann stellte sich wieder Leben ein und ich schlug zu. Auf dem Bild hat F. M. Einheit viel Ähnlichkeit mit seinem Bruder, dem Schauspieler Ralf Richter, gerade erst gelesen, dass die beiden Brüder sind. Steht im Wikipedia. Wusste nicht mehr, wann er bei den Neubauten aufgehört hat. Tatsächlich schon Mitte der Neunziger. Wie die Zeit vergeht. An dem Abend lernten wir auch die Tochter von Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller kennen, die zauberhafte Anna Müller, die neben Legende Jeanne Moreau eine tragende Rolle in der Inszenierung hatte.

29. August 2017


Martin Meyer von der Agentur Angeldust, Berlin Fashion Week Jan. 2009. Ausstellungseröffnung von Vera v. Lehndorff und Holger Trülzsch bei Lumas. Echte Federn im Haar. Grandioser Style.

27. August 2017

Die Kategorien für die thematische Verschubladung der vorzeigbaren Bilder mal holzschnittartig dahingeworfen:
„beloved Berlin“
„Berliner Bühnenkünstlerinnen“
„berühmt und zurecht“
„Berliner Befindlichkeitsblogger“
„Die goldene Zeit – Cosmic“
„Unterwegs mit Jan Sobottka“
„me – myself – I“
„Adlerhorst in der Auguststr.“
„zurück zur Natur“
„Sentimental Journey“
„Vienna Calling“
Das bedeutet, ich muss mir Gedanken machen. Und das Material* sichten. Bleibt wohl nicht aus. Karl Valentin hat recht.
*53.109 Bilddateien

29. August 2017


Auch ein ganz besonderes Bild für mich. Am 27. Januar 2009 aufgenommen, vorm Einstein Unter den Linden. Gerald Uhlig las „Darwins Dame“ und meine damaligen beiden Vertrauten Cosmic und Jan begleiteten mich. Wir verstanden uns immer sehr gut, alle drei. Schönes Gefühl. Ich spürte immer den gegenseitigen Respekt zwischen Jan und Cosmic. Ich habe nie von dem einen oder anderen eine despektierliche Anmerkung über den anderen vernommen. Manchmal machten wir uns unter vier Augen Gedanken, wohin es mit dem jeweils anderen gehen würde. Aber darüber dachte man ja auch bei sich selbst nach. Aus einer gewissen Distanz hat man immer Ideen, was der eine oder andere noch verbessern könnte, oder anders angehen, um alles zu optimieren. Die Karriere, whatever. Für den Weltruhm. Den hätten wir uns immer gegönnt. Damals arbeitete Cosmic noch für den Kunstmarkt und es waren da so ein paar Ideen im Raum, auch was mich anging. Er zog sich dann aus diesem Bereich zurück und damit waren dann auch die Ideen ad acta gelegt, mich auf einer der Kunstmessen ins Spiel zu bringen. Ich fühlte mich wahnsinnig geschmeichelt, dass die Idee überhaupt aufkam, das bestärkte mich sehr, auch wenn nicht mehr daraus wurde. Ich habe einfach immer weiter gemacht, getan, was ich nicht lassen konnte. Wo mich meine Leidenschaften hintrieben. Vielleicht sollte ich irgendwann einen Abend veranstalten, wo ich die Hintergründe offenbare, warum ich wen abgelichtet habe. Da gibt es sehr interessante Geschichten. Zum Teil habe ich sie in meinem Blog erzählt, hier und da. Andere nie. Oder nur andeutungsweise. Gestern, als Jan und ich telefonierten, meinte er, dass wir am kommenden Wochenende einen Einblick in ein sehr persönliches Universum gewähren. Ja, das ist wahr. Es hat nicht viel mit Modeströmungen im Kunstmarkt zu tun. Nichts mit Konzeptkunst. Aber ganz viel mit persönlichen Leidenschaften. Und vielen privaten Momenten.

29. August 2017

im Westen (44)
gerade entdeckt, beim Auswählen der Bilder für Soeht7, für die Slideshow „Unterwegs mit Jan“. Schönes Bild von uns beiden, vom 27. August 2008, nach einer Eröffnung in der Galerie Schubert, irgendwo in der Nähe noch was trinken. Vielleicht in der Dicken Wirtin. Weiß ich nicht mehr, nicht getagged.

27. August 2017

Die Kategorien für die thematische Verschubladung der vorzeigbaren Bilder mal holzschnittartig dahingeworfen:
„beloved Berlin“
„Berliner Bühnenkünstlerinnen“
„berühmt und zurecht“
„Berliner Befindlichkeitsblogger“
„Die goldene Zeit – Cosmic“
„Unterwegs mit Jan Sobottka“
„me – myself – I“
„Adlerhorst in der Auguststr.“
„zurück zur Natur“
„Sentimental Journey“
„Vienna Calling“
Das bedeutet, ich muss mir Gedanken machen. Und das Material* sichten. Bleibt wohl nicht aus. Karl Valentin hat recht.
*53.109 Bilddateien

27. August 2017

Es wird ernst.

Kleiner Appetizer zum Warmwerden. Einer der Zwischentitel. Wer wissen möchte, ob er dabei ist, muss halt kommen! Die Bilder werden nicht mit Namen untertitelt, wer aber trotzdem nicht geoutet werden möchte, muss persönlich zum Frauenknast kommen und vor Ort bei mir einen schriftlichen Antrag auf Unterlassung stellen. In doppelter Ausführung. Für’s sentimentale Archiv! :-) Es gibt auch noch andere aparte Reihen, keiner wird verschont! Ich denke noch über Titel nach, zum Beispiel „Berliner Bühnenkünstler“. Oder „Berliner Busenfreundinnen“. Oder „Berliner Bett-Bekanntschaften“. Für Vorschläge zeige ich mich offen.

26. August 2017

Ihr Lieben,
Gaga Nielsen - SOETH7
Das ganze Programm am kommenden Wochenende in SOEHT7. Unter anderem erwartet Euch:
…ein hoffentlich launiger Eröffnungsabend am Freitag, dem 1. September 2017, ab 19 Uhr, Einlass 18 Uhr.
…ein Konzert der zauberhaften Maria Schuster am Samstag Abend, dem 2. September 2017 um 20:00 Uhr.
…eine Lesung vom sehr geschätzten Alban Nikolai Herbst, am Sonntag Abend, dem 3. September 2017 um 20:00 Uhr. Und wie ich sehr hoffe, mit Cello-Einlagen von Adrian v. Ribbentrop.
An allen drei Tagen zeige ich in SOEHT7, wie das ehemalige Frauengefängnis in Berlin Lichterfelde heißt, Visuals, d. h. Fotografien und Filme, parallel an drei verschiedenen, zum Teil noch geheimen Orten im ehemaligen Frauengefängnis. So der Plan. Ich bin an allen Tagen mehr oder weniger rund um die Uhr da, geöffnet ist das Ganze am Samstag und Sonntag ab 17 Uhr, Eintritt frei, bis auf Marias Performance. Es gibt noch andere Programmpunkte, ich habe hier nur meine persönlichen Highlights erwähnt, die mir besonders am Herzen liegen, weil sie auf meinem Mist gewachsen sind. Dieses Event wurde von Jan Sobottka, meinem guten alten Freund initiiert, er hat mich ins Boot geholt und er wird selbst auch ausstellen, im schönen Kuppelsaal. Gehen wird es täglich bis 22:00 Uhr (also offiziell..).
Ich bestärke hiermit meine sehr herzliche Einladung, an alle, die das lesen, unserem Event beizuwohnen. Begleitung willkommen! Es gibt selbstverständlich auch eine Bar mit alkoholischen Getränken und auch wohl welche ohne Alkohol. Ich persönlich werde am 1. September aus gutem Grund dafür sorgen, dass alle, die mir herzlich zugetan sind, ein Gläschen Champagner abkriegen, nach der beschwerlichen Anreise! Der Hof ist sehr lauschig, ja romantisch, und wenn wir ein Spätsommerwochenende kriegen, kann man sich auch schön draußen aufhalten. Ich habe auch eine feine Playlist vorbereitet. Und wenn es dunkel ist, werden die Feuerschalen entzündet. Wer sich das entgehen lässt, kann mit keinem Verständnis meinerseits rechnen. Also: kommet, Ihr Kinderlein! (Und macht euch fein…!)

Euch herzend
Gaga Nielsen
Adresse und Anfahrt:
SOEHT 7 (ehemaliges Frauengefängnis Lichterfelde) Söhtstraße 7, 12203 Berlin Lichterfelde S Bhf. Lichterfelde -West, M11, Haltestelle Holbeinstr. , M85 Haltestelle Bäkestr.

26. August 2017

Thomann ist leider weit weg, sonst hätte ich mir auf die Schnelle noch ein vernünftiges Flightcase mit Rollen und dies und das geholt. Lieferzeiten zwei bis drei Wochen, das ist zu lang. Wobei ich sehe, wir haben da ja einen sehr schönen Laden für custom made Flightcases in Berlin. „Pack“.. Kann ich ja mal hindüsen und was mit Logo in Auftrag geben. Showtreppen haben die auch, nur für den Fall der Fälle. Noch ein drittes Set up gebastelt, mit meinem alten Sony Vaio, der kann zwar nichts mehr in zumutbarem Tempo an meine Beamer schicken, aber auf dem Monitor slideshows und Filme nach Uralt-Technologie abspielen. Mehr ist mehr. Sauschwer das alte Ding, aber immerhin sechzehn-Zoll-Monitor, für irgendeine unbespielte Ecke ist das völlig okay.

26. August 2017

Jenny, gestern open air. [ von Hölzchen auf Stöckchen.]


Auf der grünen Wiese in der Walter-Felsenstein-Straße, am nördlichen Rand von Berlin, wo man auf dem Rückweg geneigt ist zu sagen, man fährt jetzt wieder heim, nach Berlin. Neben Jenny, die ihre eigenen Songs sang, unterstützt von Hans Rohe, Tom Baumgarte und Jens Friedrich, gab es noch zwei andere acts, die ich nicht eingefangen habe. Muss ja auch nicht. Versuche es im Moment sowieso reduziert zu halten, mit neuem Material, weil ich eigentlich so schon keine Zeit habe, noch mehr Halde brauch ich nicht. Das war gestern ein vergleichsweise kurzer Ausgeh-Abend für einen Freitag, lag an der sehr jugendlichen Begleitung von Jenny und Fabian. Der Nachwuchs. Das ist so ein Punkt, da möchte man dann doch nicht tauschen, ich meine nicht den Nachwuchs an sich, sondern diese unablässige Beaufsichtigungspflicht. Die ja letzten Endes den Kids wahrscheinlich auch zum Teil auf die Nerven geht. Ich komme mit Kindern gut zurecht, bin aber nicht böse, wenn man mir keine Aufsichtspflicht überträgt. Wahrscheinlich ist der Umgang deshalb so harmonisch, weil ich mich jederzeit umdrehen kann und gehen. Wahrscheinlich fehlt mir einfach das ausgeprägte Mutter-Gen. Ich sehe Menschen jeglichen Alters auf Augenhöhe, auch wenn ich die Unselbständigkeit und Hilfsbedürftigkeit eines jungen Wesens erkennen kann und respektiere und auch gerne Hilfestellung gebe. Aber es sind für mich fertige Persönlichkeiten, mehr oder weniger. Da etwas formen zu wollen oder belehrend aufzutreten, ist mir befremdlich. Ich denke schon, dass die kleinen Wesen den Respekt spüren, den ich für sie habe, so wie es auch Tiere spüren, das empfinde ich sehr ähnlich. Ich mag nicht alle Tiere und ich mag nicht alle Kinder und ich mag nicht alle Erwachsenen. Nur ganz bestimmte, die auf meiner Wellenlänge sind. Wie kriege ich jetzt die Kurve zum Anfang von dem Eintrag. Genau, Wellenlänge. Jenny und ich sind auf einer Wellenlänge. Stellt man einfach fest, geht auch ziemlich schnell. Sie ist ja auch Jungfrau, wie ich. Wir haben beide im September Geburtstag. Ein Zeichen, über das ein Reigen von eher unsexy Eigenschaften kolportiert wird. Kann ich gar nicht verstehen. Wobei das mit der Ordnungsliebe und Strukturiertheit und Akkuratesse schon stimmt. Bei mir auf jeden Fall. Das kommt – bei mir zumindest – von so einer permanenten komplexen Wahrnehmung, was alles zu beachten ist, weil es schieflaufen könnte, das führt vielleicht mitunter zu einem geradezu grenzüberschreitenden Perfektionismus, alles kontrollieren wollen, aber letzten Endes geht es darum, ein Maximum kreieren zu wollen, etwas wahnsinnig Schönes oder wahnsinnig Gutes oer wahnsinnig Aufregendes. Das Ziel ist eigentlich immer etwas besonders Wunderbares, um die Welt zu einer lebenswerteren zu machen. Insofern mag es auch eine kontrollierte Form von Sex Appeal sein, die zu Tage tritt. Aber die wahrnehmbare Kontrolliertheit hat auch etwas sehr reizvolles, insofern dass die Phantasie stärker provoziert wird, was geschehen mag, wenn die hart erkämpfte Kontrolle einmal wegfällt. Ich wüsste nicht, was daran unerotisch ist. Das war mal wieder ein klassischer Konzertbericht von Gaga Nielsen. Von Hölzchen auf Stöckchen. Aber letzten Endes macht dieser Precht auch nichts anderes. Vielleicht gäbe ich ein gutes weibliches Pendant zu ihm ab. Also nicht erotisch, sondern professionell. Ich könnte durchaus auch vor laufender Fernsehkamera so vor mich hinschwadronieren. Oder eleganter ausgedrückt, philosophieren.

24. August 2017

Ich starre gerade leicht benommen auf meinen Regiestuhl. Wie einfach es ist, auf alles Mögliche sein Logo drucken zu lassen. Den Stuhl hat dieselbe Firma gemacht, die die Regiestühle für die Jury von Germany’s Next Topmodel herstellt. Erstklassig gearbeitet. Der hält ein Leben lang und darüber hinaus. Seltsamer Gedanke, dass ein Stuhl mit dem eigenen Namen darauf, länger existieren wird, als man selbst. Aber das ist ja mit jeglicher Materie, die man berührt und bearbeitet hat, der Fall. Ich habe das Bedürfnis mit dem Stuhl anzustoßen, mein neuer Lebensgefährte. Ich überlege, ob mir jemand einfällt, der so drauf ist wie ich, so verliebt in die Vorstellung, jedem Ding einen Stempel aufzudrücken. Customizen nennt man das ja heutzutage. Es muss unbedingt gut aussehen, jedes Detail, jedes Werkzeug, das kleinste Equipment. und die Cases und Transporttaschen. Ich glaube, Prince hätte das verstanden. Oder Harald Glööckler. Gestern 14 Kabel beschriftet und zwei Verteilerbuchsen, damit ich nicht jedesmal überlegen muss, welches der beiden Setups wie verkabelt wird. Setup I ist Toshiba – Acer – Bose, Setup II ist Samsung – Epson – Marshall. Ich bin gewappnet. Getestet, mit welcher Länge AUX-Kabel in Verbindung mit welcher Länge HDMI-Kabel die Tonübertragung am synchronsten ist, da gibt es erstaunliche Unterschiede. Solche Sachen muss man ausprobieren, vorher versteht sich, nicht erst vor Ort, wenn der Projektor angeworfen wird. Muss noch verschiedene Setlists für die Bilderloops und die Filme machen, bißchen thematisch bündeln, damit es dann im Automodus abläuft, ohne dass ich dauernd daneben siitze. Und dann noch die Bilder für Modeste fertigstellen, wir hatten ein schönes Shooting letzten Sonntag bei ihr zuhause. Durfte ich endlich ihren kleinen Racker kennenlernen. Schon ganz groß, der Kleine. Und so heiter. Und in meinem Atelier muss ich die Kammer weißen, der Maler hat die Fenster gemalert und repariert, alles rausgeräumt aus dem Kämmerchen und bei der Gelegenheit muss da mal endlich wieder gestrichen werden, nach vierzehn Jahren. Und ein paar Reliquiien von dort holen. Aus dem materialisierten sentimentalen Archiv. Die Serie von 2010, die Cosmic-Gaga Collection. Die Karten werde ich einfach rituell anordnen, wo es sich ergibt. Noch einiges in der Schwebe, was die konkrete Raumsituation in SOEHT7 angeht, die Dramaturgie. Ich bin da ja entscheidungsfreudig und experimentierbereit, brauche aber angemessene Gegebenheiten für den Projektionsbereich, meine beiden schönen Setups. Und natürllich meinen schönen Regiestuhl. Der ist ja schon alleine sehenswert, sollte die Technik zusammenbrechen. Aber an mir soll nichts scheitern. Ich gebe alles.

14. August 2017


Kleines Plakat zur Orientierung, hundertachtundzwanzig mal zweiundsiebzig. In der Mitte ist das ganze Opus Magnum aufgeführt. Links und rechts die Hauptdarsteller meiner filmischen Werke, illustriert mit Filmstills. Mein 4K-Projektor macht mich ganz kirre. Gestern fast die ganze Nacht durch (meine) Filme geschaut, bis halbsieben in der Früh. Weil ich mich sowieso nicht festlegen will, habe ich einfach alle Filme auf die Liste gepackt. Dann kann ich machen was ich will. Schön flexibel. Sogar die alten Streifen sehen präsentabel aus, obwohl kein HD, von UHD gar nicht zu reden. Wird sowieso überbewertet. Was nützt die porentiefe Auflösung, wenn die Kamera nur Unsinn einfängt. Oder den üblichen gekünstelten Mainstreamquatsch.

14. August 2017


Kleines Plakat zur Orientierung, hundertachtundzwanzig mal zweiundsiebzig. In der Mitte ist das ganze Opus Magnum aufgeführt. Links und rechts die Hauptdarsteller meiner filmischen Werke, illustriert mit Filmstills. Mein 4K-Projektor macht mich ganz kirre. Gestern fast die ganze Nacht durch (meine) Filme geschaut, bis halbsieben in der Früh. Weil ich mich sowieso nicht festlegen will, habe ich einfach alle Filme auf die Liste gepackt. Dann kann ich machen was ich will. Schön flexibel. Sogar die alten Streifen sehen präsentabel aus, obwohl kein HD, von UHD gar nicht zu reden. Wird sowieso überbewertet. Was nützt die porentiefe Auflösung, wenn die Kamera nur Unsinn einfängt. Oder den üblichen gekünstelten Mainstreamquatsch.

02. Juli 2017


Bloggen ist durchaus Arbeit. Auch ohne Markenbotschafter-Auftrag. Wir alten Recken frickeln an der Reihenfolge von Bildern und Absätzen und feilen und setzen elegante Links. Veröffentlichen und lesen mit den Augen des anderen und ein Kommafehler springt einem ins Auge. Eine Doppelung einer Formulierung, beim rasanten Tippen übersehen. Selbst Einträge, die völlig ohne Text dastehen, werden nochmal angefasst, die minimale Bildunterschrift geändert, man will keinen Umbruch, oder die kleinere Typo ist doch schöner. Überlegungen und Aktivitäten, die Facebook-Postern für immer ein Rätsel bleiben werden. Die Prägung hat bei mir Einzug bei fb gehalten. Nicht einmal da ist es mir schnurz, mit welchem Teaser-Bild die Verlinkung erscheint. Oder wie der Rhythmus der Reihenfolge getaggter Personen ist. Detailverliebt wird editiert. Das Bescheuerte bei facebook ist, dass der Bearbeitungsverlauf gezeigt wird. Ich empfinde das als indiskret. Die Begründung ist in gewisser Weise nachvollziehbar, wenn jemand z. B. ein politisch korrektes Bikini-Mädchen gepostet hätte, das dreitausend Likes bekommt und der Eintrag dergestalt editiert würde, dass das Bikini-Mädchen-Foto durch ein Foto von Adolf Hitler in der Badehose ersetzt wird, würde rückwirkend die Absicht der Likenden torpediert. Man kann in dem Fall das Posting löschen und ein Neues fabrizieren. Wenn dann schon Kommentare oder Likes darunter gewesen wären, die einem lieb sind, sind die dann natürlich weg. Luxusprobleme am Sonntagabend. In Wahrheit treiben mich natürlich ganz andere Dinge um, aber die sind zu sensibel, um hier breitgetreten zu werden. Wenn ich beschreiben sollte, wie es in mir aussieht, wünsche ich mir als erstes Hilfsmittel eine Zeitmaschine. Ich würde fünf bis zehn Jahre vorspulen. Oder noch mehr. Allerdings hat die Zeit auch immer wieder gebracht, dass der Zeitpunkt, an dem etwas sagbar geworden ist, ein Punkt in der Entwicklung war, an dem das was einen umtrieb, derart an Gewicht eingebüßt hat, dass man dann aus Gründen der Irrelevanz keine Energie darauf verwendet, einen Text darüber zu schreiben. Vielleicht sehr, sehr viel später, wenn sich die Dinge über Jahrzehnte relativiert haben und ihren Platz finden im großen Archiv. Dann zieht man vielleicht irgendwann eine knarzende Schublade auf und hält ein Fundstück aus der Vergangenheit gegen das Licht und ertappt sich dabei, wie ein zärtliches Gefühl in einem aufsteigt. Ganz friedlich. Und erinnert sich vielleicht doch. An all die Bilder. Und das Herzblut.

09. August 2017


Wie oft müssen diese Glen Campbell-Songs in meiner Kindheit im Radio gespielt worden sein, dass ich sie nach fünfundvierzig oder mehr Jahren zum erstem mal wieder höre und mich kein Ton überrascht. So vertraut. „Gentle on my Mind„, 1967. Da war ich zwei. „Witchita Lineman„, 1968. Ich war drei. „Rhinestone Cowboy„, 1975, gerade zehn. Ich kann nicht einmal sagen, ob mich die Songs so rühren, weil sie eine versunkene Ära wachrufen, oder ob sie wirklich richtig gut sind. Doch, ich kann es erkennen. Da stimmt ganz viel, bei den durchaus gefälligen Arrangements und bei seinem Gesang. Das ist Geschichten erzählen, Story Telling, ganz unaufgesetzt. Und ohne Ironie, der großen Mode unserer Zeit, der ich überdrüssig bin, die mich nicht bereichert, nicht weiter bringt. Nicht wärmt. Nicht reifer macht. Nicht weiter macht. Nichts heilt. Nur für ein kurzes Grinsen reicht, kein zartes Gefühl. Ironie hatte Ende der Sechziger keinen Platz in persönlichem Liedgut. Hingabe und Sentimentalität waren selbstverständlich. Gefühlsduselei. Und nicht kitschig, nicht in seinem Fall. Glen Campbell war ein guter Musiker und Sänger, glaubwürdig im Ausdruck Ich höre das. Ich höre Versteckspiel und Maskeraden und Absicht … und bin verstimmt. Aber nicht bei Campbell. Ich hatte auch völlig vergessen, wie er aussieht, und dass er selbst Gitarre spielt. Gute Figur auch, ganz nebenbei. Und ein freundliches, sanftes Wesen, das sich im Gesicht spiegelte. Gestern, am 8. August 2017 starb er. Ich kriege ganz viele Nachrichten nur mit, wenn ich auf gmx gehe, um Mails abzurufen. Auch das manchmal nur alle zwei Tage… Schönes Lebenswerk, Mr. Campbell. Adios. Rest in Peace.

09. August 2017


Wie oft müssen diese Glen Campbell-Songs in meiner Kindheit im Radio gespielt worden sein, dass ich sie nach fünfundvierzig oder mehr Jahren zum erstem mal wieder höre und mich kein Ton überrascht. So vertraut. „Gentle on my Mind„, 1967. Da war ich zwei. „Witchita Lineman„, 1968. Ich war drei. „Rhinestone Cowboy„, 1975, gerade zehn. Ich kann nicht einmal sagen, ob mich die Songs so rühren, weil sie eine versunkene Ära wachrufen, oder ob sie wirklich richtig gut sind. Doch, ich kann es erkennen. Da stimmt ganz viel, bei den durchaus gefälligen Arrangements und bei seinem Gesang. Das ist Geschichten erzählen, Story Telling, ganz unaufgesetzt. Und ohne Ironie, der großen Mode unserer Zeit, der ich überdrüssig bin, die mich nicht bereichert, nicht weiter bringt. Nicht wärmt. Nicht reifer macht. Nicht weiter macht. Nichts heilt. Nur für ein kurzes Grinsen reicht, kein zartes Gefühl. Ironie hatte Ende der Sechziger keinen Platz in persönlichem Liedgut. Hingabe und Sentimentalität waren selbstverständlich. Gefühlsduselei. Und nicht kitschig, nicht in seinem Fall. Glen Campbell war ein guter Musiker und Sänger, glaubwürdig im Ausdruck Ich höre das. Ich höre Versteckspiel und Maskeraden und Absicht … und bin verstimmt. Aber nicht bei Campbell. Ich hatte auch völlig vergessen, wie er aussieht, und dass er selbst Gitarre spielt. Gute Figur auch, ganz nebenbei. Und ein freundliches, sanftes Wesen, das sich im Gesicht spiegelte. Gestern, am 8. August 2017 starb er. Ich kriege ganz viele Nachrichten nur mit, wenn ich auf gmx gehe, um Mails abzurufen. Auch das manchmal nur alle zwei Tage… Schönes Lebenswerk, Mr. Campbell. Adios. Rest in Peace.

08. August 2017

– Pressemitteilung –

„Die Berliner Bloggerin und Fotografin Gaga Nielsen öffnet ihr sentimentales Archiv mit Filmen und Fotografien der letzten Dekade. In rund zehn Jahren sind bei Streifzügen durch die Berliner Kunst-, Musik- und Bloggerszene zahlreiche Aufnahmen entstanden, die neben Jan Sobottka, befreundete und bekannte Künstler bei der Arbeit und privat zeigen. Aus einem sehr persönlichen Blickwinkel werden Momente bei Begegnungen zuhause und unterwegs, auf und hinter Berliner Bühnen verewigt. Einzelne Filmdokumente fördern amüsantes Geplauder aus dem Nähkästchen zutage, andere vermitteln die freundschaftliche Vertrautheit . Die visuellen Dokumentationen der seit dreizehn Jahren unter http://gaga.twoday.net schreibenden Bloggerin haben gemeinsam, dass sie in privater Nähe zu den eingefangenen Künstlern und Musikern entstehen. Häufig bemerkt der Fotografierte oder Gefilmte nicht einmal, dass er gerade verewigt wird. Die emotionale Qualität eines Augenblicks entscheidet, ob er einen Platz für die Ewigkeit in Gaga Nielsens sentimentalem Archiv erhält. Im September ist in Soeht7 eine Auswahl von cirka vierhundert Aufnahmen und einem Dutzend Filmen aus dem mittlerweile 53.000 Fotografien und hundertzwanzig Filme umfassenden Werk von Gaga Nielsen zu sehen.“

1. – 3. September 2017, SOEHT 7

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265
[ mehr: Brennpunkt – Magazin für Fotografie, Juli/Aug., S. 16 – 17 http://edition-dibue.de/…/07/brennpunkt-fu%CC%88r-internet.pdf ]

24. Juli 2017


Frühsonne geht im Blauen, wie eine goldne Fee,
Will über die Schultern der Bäume schauen.
Die Schmetterlinge jagen sich über Baum und Klee,
Und Wolken lassen sich tragen
Hin über die blauen Gassen,
Wie Damen in seidenen Wagen.
Du und ich auf grünem Rasen,
Wie am Grund von einem See,
Sitzen verwunschen und weltverlassen,
Und wenn wir uns einsam umfassen,
Wissen wir Aller Freude und Weh.


Max Dauthendey
(1867 – 1918)

03. August 2017

in LOVE
Drei Tage umkreist, erste Berührungen, Mitbewerber geprüft, einige für nett befunden, aber einfach kein Feuer gefangen. Heute beim dritten Date endlich mit nach Hause genommen. Sehr verliebt. <3

03. August 2017

in LOVE
Drei Tage umkreist, erste Berührungen, Mitbewerber geprüft, einige für nett befunden, aber einfach kein Feuer gefangen. Heute beim dritten Date endlich mit nach Hause genommen. Sehr verliebt. <3

11. Juli 2016

Man kann ja gegen Fußball sagen, was man will, aber in Sachen Trendfrisuren und durchtrainierte Körper sind die jungen Männer ganz vorne mit dabei. Ja, man könnte sagen allererste Liga!

25. Juli 2017



Ich möcht’ wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen
Mit jedem Blatt in der Liebeslust tanzen.
Ich möchte mir Flügel schaffen wie Finken
Und in der Liedluft hinfliegend versinken.
Ein Lied verschiebt Berge und Dächer und Wände;
Ich möchte im Mai jetzt ein Nachtsänger sein
Und säng’ mich im Schlaf zu der Liebsten hinein.
Ich möchte, ich möchte, ich möchte ohn’ Ende –
Und hab’ zum Umfangen nicht mehr als zwei Hände.


Da capo. Der zauberhafte Max Dauthendey. Heute, am 25. Juli 2017, vor hundertfünfzig Jahren, wurde der mir zu Herzen gehende Max geboren. Er hat viel geschrieben, in den einundfünfzig Jahren, die er auf der Erde weilte. Es gibt keine Feier heute in Berlin für ihn, keine, von der ich wüsste, außer meiner eigenen. Ich werde ihn ehren und er wird es vielleicht spüren. So eine große Seele verpufft nicht einfach im Nirgendwo. Wenn ich die Gedichte von Max Dautheney lese, bin ich daheim. Diese Heimat kann mir keiner nehmen. Kein Kummer und kein weltlicher Schmerz.

02. September 2016

Ich verrate ein Geheimnis. Die analoge Qualität digitaler Bilder entsteht nicht bei der Nachbearbeitung, sondern bei der Aufnahme. Das gilt sowohl für Fotografien als auch für Filmaufnahmen. Wer bei der Aufnahme mit der falschen Einstellung arbeitet, kann es kaum mehr mit Filtern und so weiter herbeizaubern. ‚Einstellung‘ technisch gemeint, aber auch mental. Den Human Touch fängt man beim Auslösen ein. Die meisten digitalen Aufnahmen kranken an zu ausgezirkelten porentiefen Details. Messerschärfe ist bei Portraits nur in seltenen Fällen eine atmosphärische Aufwertung. Das gilt auch für den inflationären Gebrauch von Weichzeichnereffekten im Kontrast mit punktueller Tiefenschärfe. Das Ergebnis ist fast immer steriler Kitsch. Tausendmal gesehen, tausendmal nix gespürt. Bis auf die Absicht. Ein gutes Bild braucht eine kleine Schaufel Dreck.

25. Juli 2017



Ich möcht’ wie ein Baum mich am Weg aufpflanzen
Mit jedem Blatt in der Liebeslust tanzen.
Ich möchte mir Flügel schaffen wie Finken
Und in der Liedluft hinfliegend versinken.
Ein Lied verschiebt Berge und Dächer und Wände;
Ich möchte im Mai jetzt ein Nachtsänger sein
Und säng’ mich im Schlaf zu der Liebsten hinein.
Ich möchte, ich möchte, ich möchte ohn’ Ende –
Und hab’ zum Umfangen nicht mehr als zwei Hände.


Da capo. Der zauberhafte Max Dauthendey. Heute, am 25. Juli 2017, vor hundertfünfzig Jahren, wurde der mir zu Herzen gehende Max geboren. Er hat viel geschrieben, in den einundfünfzig Jahren, die er auf der Erde weilte. Es gibt keine Feier heute in Berlin für ihn, keine, von der ich wüsste, außer meiner eigenen. Ich werde ihn ehren und er wird es vielleicht spüren. So eine große Seele verpufft nicht einfach im Nirgendwo. Wenn ich die Gedichte von Max Dautheney lese, bin ich daheim. Diese Heimat kann mir keiner nehmen. Kein Kummer und kein weltlicher Schmerz.

24. Juli 2017


Frühsonne geht im Blauen, wie eine goldne Fee,
Will über die Schultern der Bäume schauen.
Die Schmetterlinge jagen sich über Baum und Klee,
Und Wolken lassen sich tragen
Hin über die blauen Gassen,
Wie Damen in seidenen Wagen.
Du und ich auf grünem Rasen,
Wie am Grund von einem See,
Sitzen verwunschen und weltverlassen,
Und wenn wir uns einsam umfassen,
Wissen wir Aller Freude und Weh.


Max Dauthendey
(1867 – 1918)

22. Juli 2017

Nicos neunundzwanzigster Todestag. Ihr treuer Freund Lutz Graf-Ulbrich aka Lüül gedenkt ihr in der wunderbaren Galerie 1er étage über dem Brel am Savignyplatz 1. Lutz hatte ein paar seltene Filmaufnahmen im Gepäck, die nicht auf youtube zu finden sind. Er erzählte Anekdoten und las aus seinem Buch „Nico – im Schatten der Mondgöttin“. Ich kannte schon so manches, das ist auch angemessen für die „inoffizielle Nico-Botschafterin“, wie mir Lutz in seiner Widmung im Buch schrieb. Was mich mit Nico verbindet, habe ich in den letzten dreizehn Jahren, die es dieses Blog gibt, schon das eine oder andere mal erzählt. Als ich vor zehn Jahren diesen kleinen Film auf youtube veröffentlichte, der den Weg zu ihrem Grab zeigt, schrieb mir Lutz und bedankte sich, weil er ihn rührte. Und mich rührte am vergangenen Dienstag, wie er das Lied vom einsamen Mädchen interpretierte. Die gebeamte Nico schaute zu. Es hatte etwas von Minne, eine ganz reduzierte Gitarre, so mittelalterlich schlicht, das hätte sie geliebt, unsere Göttin aus dem Nibelungenland. War ein ganz zauberhafter Abend, mit einer langen Nacht auf dem Balkon mit Blick auf den Savignyplatz. Eine Sommernacht, in der wir tranken und erzählten und rauchten und uns beschenkt fühlten, dass wir so wunderbare Orte hier haben. Ich war mit Jenny verarbredet und es wurde sehr voll. Einige im Publikum hatten Nico noch live erlebt. So wie ich. Aber auch eine sehr junge Frau war da und konnte den Magnetismus nachempfinden. Und meine Freundin Lydia, die auch zu jung ist, um Nico erlebt zu haben, war gekommen. Aber das ist gar nicht wichtig. Am Ende zählt nur das Gefühl und Empfinden für einen Menschen und dessen Persönlichkeit. Lydia machte ein paar Bilder von Jenny und mir, die ich sehr mag. Jenny meinte vorhin, als sie die Bilder sah, man könnte meinen, wir kennen uns ewig. Wer weiß. Vielleicht ist es so, schrieb ich ihr zurück. Wir wissen so Vieles nicht. Und dieses große Geheimnis zaubert Wesen wie Nico in diese Welt. Und mich. Und Jenny. Und Lydia. Und dich.

11. Januar 2016



Liebe. Eckzähne. Stimme. Gestik. Scharfsinn, Vision. Wille. Blick. Freigeist. Schöngeist. Wärme. Witz. Bei Georg schrieb ich vorhin: „Als ich das Video am Samstag sah, wurde ich sehr traurig. Denn es war mir klar, dass das ernst ist. Schon bei „Where are we now“ nahm ich Abschied, das war der Bruch, er sah da schon so geschwächt aus, dass ich nicht mehr glauben konnte, dass er noch viele Jahre hat. Aber er hat so viel gegeben. Mehr ging nicht.“ […]


This way or no way
You know, I’ll be free
Just like that bluebird
Now ain’t that just like me
Oh I’ll be free

13. Juli 2017


Eines Tages. One fine day. (Werde ich…) Werde ich. Vielleicht. (…) Einen Eintrag schreiben, der etwas verständlich macht. Oder auch nicht. Ich weiß es selber nicht. Nichts ist einfach. Alles komplex. Wie wäre das deutsche Wort? Gibt es eines? Ein einziges dafür? Ich schreibe gerne verständlich, auf direktestem Weg. „Vielschichtig“? Was sagt der Duden oder Wikipedia… „Das Adjektiv komplex bezeichnet die Eigenschaft einer vielschichtigen Struktur, siehe Komplexität„ (gut geraten…) (…) „Bei dem Begriff handelt es sich um ein Kompositum aus der Präposition lateinisch cum ‚mit‘, oder ‚zusammen mit‘ und plectere ‚flechten‘ oder ‚ineinander fügen, im Sinne von ‚verflochten‘, ‚verwoben‘. (…) Kann man das Gesamtverhalten eines Systems, trotz vollständiger Informationen über seine Einzelkomponenten und deren Wechselwirkungen, nicht eindeutig beschreiben, so handelt es sich um Emergenz.“ Wow. Emergenz. Gestern, vorgestern Nacht – ja, vorgestern war es. Beim morgendlichen Aufwachen, im Alphazustand, einen letzten Traumfetzen erinnernd, ein Bild, ganz deutlich. Im Halbschlaf stand mir ein Blatt Papier vor Augen. Es lag vor mir, wie auf einem Tisch, mit gedruckten Zeilen, ein Brief, ganz offensichtlich. Es gab eine Anrede, die ich nicht erkannte, aber da war Text, und er hörte auf, ohne eine Schlussformel. Obgleich noch Platz gewesen wäre, auf dem Papier. Ich erwachte in diesem Moment und dachte: „Die Schlussformel fehlt“. Und es war wie ein Gleichnis. Die Schlussformel fehlt. [ To whom it may concern. ]

09. Juli 2017


Bonsoir. Ich habe keine Lust, angemessen Bericht zu erstatten. Nebenher läuft die 3-sat Mediathek, die schöne Serie „Der Meisterfälscher“. Wolfgang Beltracchi portraitiert Marie Bäumer. Lange nicht mehr gesehen, gibt ganz viele neue Folgen in der Mediathek. Bäumer trinkt gerne Champagner. (Ich auch.) Ah, zu Ende. Nächste Folge… Beltracchi portraitiert Reinhold Messner. Ich sehe mir das jetzt alles an. Ich brauche Ablenkung. Viel. Sehr viel. Ich finde diesen Fälscher unendlich sympathisch. Die Bilder hier, die verlinkten und eingefügten, die sind von gestern. Ich muss gestehen, dass wir, Lydia und ich, zwar auch Lesungen hörten, sie mehr als ich – aber das Wesentliche, Bedeutendere, war unwiderlegbar, was wir uns erzählten. Und wiir erzählen gut. Lydia schreibt. Nichts weniger als grandios. Ich schreibe. Die Bewertung überlasse ich anderen, ich weiß nur, dass mein Maßstab ist, es selbst gerne wiederzulesen. Was für ein Wetter gestern. April ist ein Witz dagegen. Ich hatte diesen Hosenanzug gewählt, elfenbeinfarben, mit den nachtblauen Blüten. Ich liebe diesen Anzug, und hatte ihn erst einmal an. Und weil iihn mein schwuler Vorgesetzter „sehr apart“ fand, war ich mir sicher, dass er wirklich zu mir passt. Man täuscht sich ja auch mitunter, was die Wirkung der gewählten Kleidung angeht. Da fällt mir eine jüngste Situation ein – nein. Nicht möglich, das hier näher zu beschreiben. Aber Lydia erzählte ich davon, gestern.. Wobei… so ganz hatte ich mich nicht getäuscht. Ich glaube, die Folge mit Messner ist nicht so spannend. Ich kenne schon zuviel von Messners Erkenntnissen. Und immer noch diese nicht sehr attraktive nepalesische Halskette. Damit wird er sich wahrscheinlich begraben lassen. Endeutig sind die Gesprächsbeiträge von Beltracchi inspirierender, obgleich ich gar nichts gegen den Bergsteiger habe. Ich las sogar manche seiner Buchveröffentlichungen. Sehr gebildeter Mann, durchaus. Egal. Jetzt über Wiedergeburt. Halleluja. „Wiedergeburt ist eine Belastung“. Tut mir leid, das ist mir zu abgedroschen und zu kurz gedacht. Bitte jetzt keine Belehrungen über Buddhismus. Doch. Aua. Schnitt. Danke. Schieber nach vorne. Ich will das fertige Bild sehen. Um auf gestern zurückzukommen, wir, Lydia und ich, saßen uns vor allem gegenüber und tranken und redeten und rauchten und schauten auf den Wannsee. Uns trennen auf dem Papier zwanzig Jahre Altersunterschied. Ich empfinde das nicht. Viel stärker ist die Wahrnehmung von angemessener Verständigung. Nicht das Empfinden von Zugeständnis, Zurücknahme in Sachen Komplexität und Tiefgang von Gedanken. Ich mag tabulose Kommunikation, gerne über Eingemachtes. Das bedeutet nicht, „too much information“ zu verheizen, viel mehr die Widersprüche und gefühlten Peinlichkeiten, die einen umtreiben, nicht zu verschweigen. Später spielte eine Band aus Tschechien. „Kafka“. Ich fand es beeindruckender, als die Videos auf facebook vermuten ließen. Der Sänger Jaroslav Rudiš hat eine gewisse innere Verwandtschaft mit Blixa Bargeld, in der Art, wie er hochkonzentriert den Text – auf deutsch und tschechisch – mit einer sehr charismatischen Stimme verbindet. Die Band war exzellent. Großartige Arrangements. Auf eine mich berührende Art ernsthaft. Der Sänger ist auch Schriftsteller, kein Wort banal, egal. Ich mag diesen sehr ernsten Ansatz. Wir verbrachten viele Stunden dort, es gab heisse Sonne und wilden Sturm am See, dann Regen, durchnässt, mit triefenden Haaren in die Villa, den Berg hinan. Später dann, ein rosé-violetter Sonnenuntergang. So ein Sommer.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

09. Juli 2017


Bonsoir. Ich habe keine Lust, angemessen Bericht zu erstatten. Nebenher läuft die 3-sat Mediathek, die schöne Serie „Der Meisterfälscher“. Wolfgang Beltracchi portraitiert Marie Bäumer. Lange nicht mehr gesehen, gibt ganz viele neue Folgen in der Mediathek. Bäumer trinkt gerne Champagner. (Ich auch.) Ah, zu Ende. Nächste Folge… Beltracchi portraitiert Reinhold Messner. Ich sehe mir das jetzt alles an. Ich brauche Ablenkung. Viel. Sehr viel. Ich finde diesen Fälscher unendlich sympathisch. Die Bilder hier, die verlinkten und eingefügten, die sind von gestern. Ich muss gestehen, dass wir, Lydia und ich, zwar auch Lesungen hörten, sie mehr als ich – aber das Wesentliche, Bedeutendere, war unwiderlegbar, was wir uns erzählten. Und wiir erzählen gut. Lydia schreibt. Nichts weniger als grandios. Ich schreibe. Die Bewertung überlasse ich anderen, ich weiß nur, dass mein Maßstab ist, es selbst gerne wiederzulesen. Was für ein Wetter gestern. April ist ein Witz dagegen. Ich hatte diesen Hosenanzug gewählt, elfenbeinfarben, mit den nachtblauen Blüten. Ich liebe diesen Anzug, und hatte ihn erst einmal an. Und weil iihn mein schwuler Vorgesetzter „sehr apart“ fand, war ich mir sicher, dass er wirklich zu mir passt. Man täuscht sich ja auch mitunter, was die Wirkung der gewählten Kleidung angeht. Da fällt mir eine jüngste Situation ein – nein. Nicht möglich, das hier näher zu beschreiben. Aber Lydia erzählte ich davon, gestern.. Wobei… so ganz hatte ich mich nicht getäuscht. Ich glaube, die Folge mit Messner ist nicht so spannend. Ich kenne schon zuviel von Messners Erkenntnissen. Und immer noch diese nicht sehr attraktive nepalesische Halskette. Damit wird er sich wahrscheinlich begraben lassen. Endeutig sind die Gesprächsbeiträge von Beltracchi inspirierender, obgleich ich gar nichts gegen den Bergsteiger habe. Ich las sogar manche seiner Buchveröffentlichungen. Sehr gebildeter Mann, durchaus. Egal. Jetzt über Wiedergeburt. Halleluja. „Wiedergeburt ist eine Belastung“. Tut mir leid, das ist mir zu abgedroschen und zu kurz gedacht. Bitte jetzt keine Belehrungen über Buddhismus. Doch. Aua. Schnitt. Danke. Schieber nach vorne. Ich will das fertige Bild sehen. Um auf gestern zurückzukommen, wir, Lydia und ich, saßen uns vor allem gegenüber und tranken und redeten und rauchten und schauten auf den Wannsee. Uns trennen auf dem Papier zwanzig Jahre Altersunterschied. Ich empfinde das nicht. Viel stärker ist die Wahrnehmung von angemessener Verständigung. Nicht das Empfinden von Zugeständnis, Zurücknahme in Sachen Komplexität und Tiefgang von Gedanken. Ich mag tabulose Kommunikation, gerne über Eingemachtes. Das bedeutet nicht, „too much information“ zu verheizen, viel mehr die Widersprüche und gefühlten Peinlichkeiten, die einen umtreiben, nicht zu verschweigen. Später spielte eine Band aus Tschechien. „Kafka“. Ich fand es beeindruckender, als die Videos auf facebook vermuten ließen. Der Sänger Jaroslav Rudiš hat eine gewisse innere Verwandtschaft mit Blixa Bargeld, in der Art, wie er hochkonzentriert den Text – auf deutsch und tschechisch – mit einer sehr charismatischen Stimme verbindet. Die Band war exzellent. Großartige Arrangements. Auf eine mich berührende Art ernsthaft. Der Sänger ist auch Schriftsteller, kein Wort banal, egal. Ich mag diesen sehr ernsten Ansatz. Wir verbrachten viele Stunden dort, es gab heisse Sonne und wilden Sturm am See, dann Regen, durchnässt, mit triefenden Haaren in die Villa, den Berg hinan. Später dann, ein rosé-violetter Sonnenuntergang. So ein Sommer.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

08. Juli 2017


Alle Einträge von jetzt bis 24. Januar 2017 vollständig hier. Wieviel schöner alles aussieht. Jetzt fertig machen, mich. Zum Literarischen Collloquium am Wannsee. Anousch wird um halbvier lesen. Was für erstaunliche Entwicklungen manche der alten Bloggerfreunde genommen haben. Erstaunlich ist vielleicht gar nicht immer zutreffend, aber bemerkenswert. Mit Lydia gerade noch hier im privaten Backstage darüber ausgetauscht, ob man was zum Trinken einschmuggelt. Sieht im Moment noch eher nach Wetter für heißen Kaffee aus, kann sich aber ändern. Kleine Verlage treffen sich in der Villa und im Garten und es wird gelesen, später spielt eine Band namens Kafka. Bestimmt ein interessantes Publikum da. Und die Antwort auf die Kleiderfrage sieht mehr nach Anzug und Stiefeln aus, als nach flatterndem Partykleid und Sandaletten. Schade, ich hätte da was im Schrank, Man überhäufe mich mit Einladungen zu sommerlichen Gartenfesten mit Temperaturen über zwanzig Grad. Einmal möchte ich das schon anziehen. Außerdem käme dann wieder einmal der spektakuläre Dolce & Gabbana-Gürtel zu Ehren, wegen dem mich Gürtel-Fetischisten in aller Welt auf Flickr verfolgen. Das geht schon so weit, dass ich vorgestern allen Ernstes einen Bittbrief (also per flickr-Mail) in meinem Eingang hatte, in dem ich nach nettem Lobgehudel angefragt wurde, ob ich nicht endlich einmal wieder ein Bild mit dem Gürtel posten könnte. Das ist dieselbe Frau, die mir das Objekt der Begierde schon für vierhundert Euro abkaufen wollte. Also schon deswegen muss ich dieses Kleid mit dem Gürtel wenigstens noch einmal in diesem Sommer anziehen. Das wird sicher jeder nachvollziehen können. Sonst keine größeren Probleme hier, den wir sind ja in Berlin und nicht in Hamburg. Gesund und munter, über subtilere Herzenregungen wird nicht gesprochen. Und wenn, nur unter vier Augen.

08. Juli 2017


Alle Einträge von jetzt bis 24. Januar 2017 vollständig hier. Wieviel schöner alles aussieht. Jetzt fertig machen, mich. Zum Literarischen Collloquium am Wannsee. Anousch wird um halbvier lesen. Was für erstaunliche Entwicklungen manche der alten Bloggerfreunde genommen haben. Erstaunlich ist vielleicht gar nicht immer zutreffend, aber bemerkenswert. Mit Lydia gerade noch hier im privaten Backstage darüber ausgetauscht, ob man was zum Trinken einschmuggelt. Sieht im Moment noch eher nach Wetter für heißen Kaffee aus, kann sich aber ändern. Kleine Verlage treffen sich in der Villa und im Garten und es wird gelesen, später spielt eine Band namens Kafka. Bestimmt ein interessantes Publikum da. Und die Antwort auf die Kleiderfrage sieht mehr nach Anzug und Stiefeln aus, als nach flatterndem Partykleid und Sandaletten. Schade, ich hätte da was im Schrank, Man überhäufe mich mit Einladungen zu sommerlichen Gartenfesten mit Temperaturen über zwanzig Grad. Einmal möchte ich das schon anziehen. Außerdem käme dann wieder einmal der spektakuläre Dolce & Gabbana-Gürtel zu Ehren, wegen dem mich Gürtel-Fetischisten in aller Welt auf Flickr verfolgen. Das geht schon so weit, dass ich vorgestern allen Ernstes einen Bittbrief (also per flickr-Mail) in meinem Eingang hatte, in dem ich nach nettem Lobgehudel angefragt wurde, ob ich nicht endlich einmal wieder ein Bild mit dem Gürtel posten könnte. Das ist dieselbe Frau, die mir das Objekt der Begierde schon für vierhundert Euro abkaufen wollte. Also schon deswegen muss ich dieses Kleid mit dem Gürtel wenigstens noch einmal in diesem Sommer anziehen. Das wird sicher jeder nachvollziehen können. Sonst keine größeren Probleme hier, den wir sind ja in Berlin und nicht in Hamburg. Gesund und munter, über subtilere Herzenregungen wird nicht gesprochen. Und wenn, nur unter vier Augen.

04. Juli 2017

[ mit: Lackstiefeln, Galerie Schmalfuss, Irrungen, Wirrungen, Gefühlslandschaften, Kinder-Lieben Chris Roberts, Roy Black, Jürgen Drews, Und es war Sommer, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, Gaga Nielsen wird Spitzen-Musikproduzentin ]
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

„Tag der Irrtümer“ wollte ich den Eintrag überschreiben. In verschiedener Hinsicht zutreffend. Der Weg zur Galerie Schmalfuss schien so simpel auf dem Plan. Bis Savignyplatz mit der S-Bahn, dann Richtung Kantstraße, drüber, in die Knesebeck, kein Hexenwerk. Und doch ist es mir gelungen, mich zu verlaufen, zu verfransen, zu weit links… ich habe ja kein Smartphone. Eigentlich sollte ich die Ecke besser kennen. Ich nahm den bizarren Spaziergang als eine Art work out. Was wollte ich da überhaupt, in der Galerie Schmalfuss? Jan hatte mir eine Einladung zukommen lassen, es sollte mit einer Tango-Tanz-Performance eröffnet werden. ich leide in Galerien und bei Eröffnungen oft unter der Abwesenheit von Musik, das ist mir zu steril, ich begreife das Konzept nicht. Irgendwann kam ich dann doch an, bei Schmalfuss in der dritten Etage eines schönen alten Jugendstilhauses. Die Performance war vorüber, Jan nicht mehr da – bzw. wusste ich gar nicht, ob er überhaupt da gewesen war. Ich konnte ihn auch nicht kontaktieren, denn ich habe nicht nur kein Smartphone, sondern auch kein schlichtes Mobiltelephon. Da lief ich nun durch die edlen Räume mit den Gemälden von tanzenden Tangopaaren. Mit meinen schönen Lackstiefeln, passend zum Namen der Galerie, machen einen schlanken Fuß. Hat nicht sollen sein. Man scannt dann – oder ich scanne – wer da so rumsteht und plaudert, und guckt quer drüber, ob irgendein Gesicht dabei ist, das einen interessieren könnte. War nicht. Es war mir alles zu überpflegt bürgerlich. Da fehlte die Schaufel Dreck. Ich glaube, ich war die Schaufel Dreck, die die Gäste vielleicht nicht uninteressant fanden, aber ich will ja auch inspiriert werden. Für andere Inspiration zu sein, ist mir zu wenig. Ich will auch irritiert werden.


Die alllzu berechenbaren Verhältnisse ließen mich sehr bald wieder gehen. Ich nahm mir nicht einmal ein Glas Wein. Den Weg zurück zur S-Bahn, diesmal Zoo, fand ich schlafwandlerisch. Wie gesagt, ich kenne die Ecke ja eigentlich. Da um den Steinplatz herum. Fand es dann auch angenehm, so früh wieder zuhause zu sein. Schade war nur, dass ich mich so herausgeputzt hatte, für – – ? Ja, wofür. Einen Spaziergang. Zurück daheim, fuhr ich den Rechner hoch und nahm mir ein Glas Wein, und las überrascht eine message, aus der sich eine kleine Konversation entspann, die mir gefiel. Und dann abbrach. Was mir nicht gefiel. Aber es war nicht das erste mal. Das hat mir schon viel Kopfzerbrechen bereitet, aber ich wollte mir diesmal nicht wieder den Kopf zerbrechen. Seltsamer Tag, seltsamer Abend. Tag der Irrtümer. Nichts erwarten, alles für möglich halten. „Nichts“ inbegriffen. Aber ich habe mir eine innere Karte von der Ecke erlaufen, da zwischen Knesebeckstraße und Steinplatz und so weiter. Wie man sich souverän eine innere Karte von Gefühlslandschaften erläuft, weiß ich nicht. Da dilettiere ich, verirre mich, komme irgendwo heraus, wo ich niemals hinwollte.

Vorhin, als ich dachte, ich poste jetzt etwas zu den Schmalfuss-Bildern, stolperte ich über die Meldung, dass Chris Roberts tot ist. Als ich ungefähr fünf war, habe ich für ihn geschwärmt. Bestimmt auch noch mit sechs oder sieben. Er war Dauergast in der Hitparade von Dieter Thomas Heck. Jeden Samstag nach dem Baden geschaut, so lange durften wir als Kiinder aufbleiben. Und danach auch noch zur Samstag Abend Show. Am Laufenden Band oder Musik ist Trumpf. Die Maschen der Mädchen und Du kannst nicht immer Siebzehn sein, lief rauf und runter im Radio. Ich mochte die längere Haarfrisur und sein sehr verbindlliches Lächeln. Habe mir vorhin ein paar Videos angeschaut. Er hatte eigentlich auch eine ziemlich gute Figur. Ich wurde dann älter und fand ihn nicht mehr so toll, das Lächeln war mir auf einmal zu glatt und kalkuliert. Zu gefällig, opportunistisch. Solche Wörter kannte ich damals natürlich noch nicht. Ich war in einige Schlagersänger als Kind verliebt. Roy Black gefiel mir auch sehr. Weniger die Lieder, als sein Mund und seine Grübchen. ich würde schon sagen, dass man bereits als Kind eine Verliebtheit empfinden kann, die durchaus erotische Züge hat. Jürgen Marcus fand ich auch gut, er war mir sympathisch, ich war aber meiner Erinnerung nach nicht so richtig verliebt. Wer allerdings auch mein Herz im Sturm erobert hat, war der Bastian. Da war ich dann aber schon älter. Bestimmt schon sieben oder acht. O.k., kein Sänger, hätte aber einer sein können. Er sah eigentlich aus, also ob er Gitarre spielen könnte. Wer mir zum Beispiel gar nicht gefallen hat, war Bernd Clüver. Oder Christian Anders. Da ging gar nichts. Jürgen Drews dagegen war ganz vorne mit dabei.. Er war eigentlich der Hübscheste und Lässigste von allen. Absolut sexy, sein Grinsen. Genau mein Fall. Und sein Bett im Kornfeld war auch musikalisch klasse. Ich finde es heute noch gut. Aus der Ära ist mir auch noch „Und es war Sommer“ in Erinnerung, das liebte ich auch sehr. Ganz besonders. Ich habe den Text abgeschrieben und in meiner Schultasche herumgetragen, da sind Bilder entstanden, von denen ich gar nicht genug kriegen konnte. Dieses Sonnenuntergang am Strand-Ding und Haut und überhaupt.. Peter Maffay war aber auch nicht jemand, in den ich heimlich verliebt gewesen wäre, der guckte immer so besorgt und das Muttermal gefiel mir auch nicht, aber der Song hat restlos überzeugt. Als ich vorhin auf youtube die Chris Roberts-Hits durchgehört habe, dachte ich mir bei so manchem Text, dass es sehr apart sein könnte, wenn man das elegant covert, mit einem subtilen Arrangement, befreit von dem ganzen Gute-Laune-Schlager-Gedöns. Da könnten interessante Sachen dabei rauskommen. Auch lustige natürlich. In Schlagertexten sind oft erschreckend wahre Gefühle verarbeitet, die man gerne runterspielt, für banal erklärt und souverän belächelt. Wenn man nur auf den Text hört, kann man oft feststellen, dass man nackte persönliche Empfindungen und Sehnsüchte darin entdeckt. Deswegen funktioniert das Ganze auch dermaßen breitenwirksam. (Big News.) Wenn man keine musikalische Schmerzgrenze hat, kann einem das sicher sehr viel geben. Insofern ein hochattraktiver Gedanke, diese oft vermeintlich platten Texte mit einem weniger mainstreamartigen Arrangement zu versehen. Da könnten zauberhafte Sachen entstehen. Okay, das ist jetzt nicht so ganz leicht bei diesen Chris Roberts-Mitklatsch-Nummern vorstellbar, ich gebe es zu. Und dennoch hat der Text von „Du kannst nicht immer Siebzehn sein“ schöne Momente, denen man mit der richtigen Interpretation Tiefgang verleihen könnte. Oder zum Beispiel „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ von Jürgen Marcus. Ich würde das ganz reduziert bringen, mit so einer melancholischen Bossa Nova-Gitarre, so Richtung „Girl from Ipanema“. Caterina Valente könnte das wunderbar singen. Das alberne „nananananana“ müsste man natürlich ersatzlos streichen. Nur so eine launige Idee. An mir ist wahrlich eine Musikproduzentin verloren gegangen.

03. Juli 2017

[ nächtlicher Schreibanfall. In diesem Text: Hans R. und sein Berlin Beat Club, Christoph M. und sein Smartphone, Ina W. und ihr (geparktes) Auto… ]



Wieder. Egozentrisches Bildmaterial. Warum nur. Was ist hier nun wieder schief gelaufen. Schreibt man das eigentlich auseinander? Oder doch zusammen? Nun wieder Rechtschreibreformen. Die unselige Majonäse wird abgeschafft. Gut so. Und andere ästhetische Unfälle. Apropos „ästhetische Unfälle“…. auch so ein Grund, die Kamera sinken zu lassen. Bei mir kann ich ja einiges steuern, aber die anderen. Styling matters. Size matters. Alles mögliche matters, auch wenn wir es aus demokratischer Sehnsucht oft schön fänden, wenn auch das Mittelmaß irgendwie geehrt würde, nicht nur respektiert. In was für einen Text schraube ich mich da wieder hinein. Schnitt. Cut. Ich komme zur Betitelung dieser Strecke, in der leider Gottes wieder nur ich zu sehen bin. Wissen Sie, wenn ich mich ablichte, mahnt mich niemand ab, erhalte ich keine Bitten, dieses oder jenes Bild bitte offline zu nehmen. Obgleich mir das extrem selten passiert, in Relation zum Volumen meiner Uploads. Aber wenn, bin ich doch ein bißchen angepisst, denn dann handelt es sich in aller Regel um Aufnahmen, die auch mit einem liebenden Auge betrachtet werden, nicht nur meinem allein. Befindlichkeiten von potenziellen Diven. Diva ist an sich ja keine Beleidigung sondern ein Status. Ein göttlicher Funken steckt in einer Diva. die potenziellen hätten gerne diesen Adel und eiern herum, meinen durch das Offline-Setzen einer Aufnahme, die keinem Puppen-Klischee entspricht, ihrem Weltrang zuzuarbeiten. Oh oh, ich verzettle mich schon wieder. So schön es ist, so schnell tippen zu können, wie die Gedanken einströmen, so fatal ist es für den Text. Aber ich liebe das ja. Das macht meine Texte für mich selbst sehr interessant und lesenswert. Nächster Anlauf. Da steht was von fête de la… nach den Pünktchen muss de la musique kommen. Wer mich kennt, weiß, dass mir Musik durchaus am Herzen liegt. Zutiefst. Zu allertiefst. Mehr geht nicht. Das ist dieser schöne Feiertag, an dem überall in der Stadt live gespielt wird, umsonst und draußen. Und drinnen. Aber ich war draußen verabredet. Am Tag vorher waren wir noch bei Ratzkes Show-Aufzeichnung, am 21. Juni, dem Tag der Fête galt es, sich zu entscheiden, was man sich anhört. Hans Rohe hatte mir eine Einladung zukommen lassen, der zu entnehmen war, dass er mit seiner Beat-Coverband „Berlin Beat Club“ am Marheinekeplatz auftreten würde. Ich hatte die Truppe noch nicht live erlebt, nur Videos gesehen. Ich fand es durchaus lustig und launig, dass die Musiker die Mode der Sechziger und Siebziger bei ihrem Bühnenoutfit ganz stark zitieren. Und zwar ohne Rücksicht auf Grenzen des sogenannten guten Geschmacks. Man konnte sich ja durchaus auch in den Sixties und Seventies modisch, trendbewusst aber doch elegant kleiden. Nicht so das Credo des Berlin Beat Clubs. Schlaghosen sind Pflicht, Geblümtes, Getupftes, psychedelisch Gebatiktes. Ja, schlimm. Aber eben gute Musiker. Das Programm sind die absolut größten Kracherhits aus den beiden genannten Jahrzehnten. Alles, was man kennt, eine Nummer Eins nach der anderen. Finde ich persönlich jetzt nicht den verkehrtesten Ansatz. Ich war mit Ina am Marheinekeplatz verabredet, wir hatten Sommerwetter, damals wars. Passend zum Programm wählte ich ein leicht hippieskes Outfit, das man sich durchaus auch an Anita Pallenberg hätte vorstellen können. Ein bodenlanges, rückenfreies Kleid in Siebziger Jahre-Brauntönen, exotischen Schmuck, sogar am Oberarm, Zehensandalen. Wobei ich das schon noch im Rahmen einer gewissen Eleganz betrieben habe, nach Karneval sollte es nicht aussehen. Unsere Verabredung, also die von Ina und mir ist ein bißchen zeitlich und örtlich verrutscht. Wir haben uns am Brunnen irgendwie verpasst und die eine dachte von der anderen, sie sei nicht da, dabei standen wir eine gute Dreiviertelstunde nur ein paar Meter voneinander entfernt. Die eine links vom Brunnen, die andere rechts davon. Es war voll, richtig voll. Und doch traf ich zufällig auf Christoph, der launig mitwippte. Bevor ich ihn traf, war ich ein bißchen in wieder-gehen-Stimmung, weil ich nicht weit genug vorne an der Bühne war und deshalb der Funke nicht sofort übersprang. Dazu kam das ältere Publikum, also meine Generation. Ähm. Den Satz sollte ich viellelicht lieber wieder löschen. Scheiß drauf! Ich haderte also eine Weile, hatte keine Lust Fotos zu machen und dachte daran, dass Maria mich eigentlich beschworen hatte, zum Café Butter im Prenzlauer Berg zu kommen, wo die Bolschewistische Kurkapelle mit Romy aufspielen würde. Die haben jetzt doch die Noten von meinem Vater! Vielleicht hätten sie schon „Es wird Nacht, Se­ño­ri­ta“ eingeübt und würden es spielen. Und ich bin nicht dabei. Ein Jammer! Das wäre bestimmt viel cooler, als hier am Marheinekeplatz, dachte ich. Schaute nach Ina, fand sie nicht, ärgerte mich ein bißchen. Christoph war so nett, Ina mit seinem Smartphone eine message zu schicken „bin am Brunnen, wo bist du???!!?“ Er hatte aber nicht richtig Netz, es dauerte ewig, das zu posten. Antwort kam keine. Dann holte ich mir endlich was zu trinken. Auf dem Rückweg von dem Getränkestand entdeckte ich plötzlich Ina, erhöht auf einem Stein am Brunnen stehen. Sie war später als ich gekommen und dachte, von da oben hätte sie den perfekten Überblick und würde mich entdecken. War nun nicht. Egal, wir hatten uns ja doch noch gefunden. Wir gingen zusammen zu Christoph, die beiden machten sich bekannt und quatschten, als ob sie sich schon seit zehn Jahren kennen. Sind ja beide sehr kommunikativ. Christoph war ein bißchen erkältet, also in den letzten Zügen der Rekonvaleszenz, und wollte sich schonen. Und ging tatsächlich als es noch hell war. Unglaublich. Ina und ich holten Getränkenachschub, mittlerweile war es so spät, dass wir die Kurkapelle sowieso verpasst hatten, die haben ja früher angefangen, als der Beat Club. Also hierbleiben und gucken, was abgeht. Die Meute wurde tanzwütiger und wir gingen ganz nach vorne zur Bühne. Entweder war es der Alkohol oder die einbrechende Dunkelheit oder die spürbaren Bässe vorne an der Bühne. Wir fingen an zu tanzen, als wären wir ein Teil der Bühnenshow. Das Lustige ist, dass man das merkt, wenn man beim Tanzen vom übrigen Publikum angeschaut wird. Ich muss irgendwas anderes als die anderen machen. Wenn ich tanze, kommt plötzlich so eine Rampensau in mir raus, die ich sonst unter Verschluss halte. Ina ist auch lustig, wenn sie in Stimmung ist, sie tanzt auch wie eine Wilde und hat dann noch so Anflüge von Groupie-Klischee-Verhalten. Also jetzt nicht die billige Sorte, sondern die Variante mit den Hüften zu wackeln und breit zu grinsen und Namen zu rufen. Ich kann es gar nicht recht beschreiben. Sie selber lacht darüber am meisten. Es war ein Fest. Plötzlich habe ich keine Sekunde mehr bereut, dass wir hier und nirgendwo sonst waren. Halb Kreuzberg hatte sich auf dem Marheinkeplatz versammelt und rockte zu sämtlichen Stones- und Doors- und Kinks- und weiß der Geier-Hits aus den guten alten Zeiten ab. Die Story, wie wir dann Inas Auto bis zum geht-nicht-mehr gesucht haben, breite ich jetzt aber nicht im Detail aus. Es hat gedauert. Irgendwann haben wir es gefunden und sind zur Wabe, wo auch was stattfinden sollte, fand ich aber nicht so aufregend, was da auf der Bühne von einem jungen Mann und einer jungen Frau geboten wurde. Beide sehr hip und sehr unkommunikativ. Das Gegenteil von dem, was der Berlin Beat Club kultiviert. Unvergessen sind mir auch die roten Lackschuhe vom Sänger und dem zweiten Gitarristen. Auch nicht fotografiert. Das sehe ich schon als Verlust, ich gestehe es ein. Da hätte ich wirklich mal die Kamera rausholen können. Nach dem kurzen Ausflug zur Wabe hatten wir Hunger und alle Küchen hatten zu, deswegen sind wir noch bei mir gelandet, wo ich immerhin was zu trinken und ein paar Nüsse anbieten konnte. Kochen wollte ich nun auch nicht mehr, zu später Stunde. Am nächsten Tag habe ich Ina einen Link mit einer Auswahl von Apps geschickt, wie man sein geparktes Auto wiederfindet. Als wir den Platz zig mal umrundeten, um
Inas Auto zu finden, wunderte sie sich, dass ich so ruhig blieb. Ich spürte, dass sie von der Situation total genervt war und sie tat mir leid. So ein irgendwo geparktes Auto findet sich doch irgenwann einmal wieder. Das ist doch kein Beinbruch. Hauptsache gesund…!

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

04. Juli 2017

[ mit: Lackstiefeln, Galerie Schmalfuss, Irrungen, Wirrungen, Gefühlslandschaften, Kinder-Lieben Chris Roberts, Roy Black, Jürgen Drews, Und es war Sommer, Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, Gaga Nielsen wird Spitzen-Musikproduzentin ]
https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

„Tag der Irrtümer“ wollte ich den Eintrag überschreiben. In verschiedener Hinsicht zutreffend. Der Weg zur Galerie Schmalfuss schien so simpel auf dem Plan. Bis Savignyplatz mit der S-Bahn, dann Richtung Kantstraße, drüber, in die Knesebeck, kein Hexenwerk. Und doch ist es mir gelungen, mich zu verlaufen, zu verfransen, zu weit links… ich habe ja kein Smartphone. Eigentlich sollte ich die Ecke besser kennen. Ich nahm den bizarren Spaziergang als eine Art work out. Was wollte ich da überhaupt, in der Galerie Schmalfuss? Jan hatte mir eine Einladung zukommen lassen, es sollte mit einer Tango-Tanz-Performance eröffnet werden. ich leide in Galerien und bei Eröffnungen oft unter der Abwesenheit von Musik, das ist mir zu steril, ich begreife das Konzept nicht. Irgendwann kam ich dann doch an, bei Schmalfuss in der dritten Etage eines schönen alten Jugendstilhauses. Die Performance war vorüber, Jan nicht mehr da – bzw. wusste ich gar nicht, ob er überhaupt da gewesen war. Ich konnte ihn auch nicht kontaktieren, denn ich habe nicht nur kein Smartphone, sondern auch kein schlichtes Mobiltelephon. Da lief ich nun durch die edlen Räume mit den Gemälden von tanzenden Tangopaaren. Mit meinen schönen Lackstiefeln, passend zum Namen der Galerie, machen einen schlanken Fuß. Hat nicht sollen sein. Man scannt dann – oder ich scanne – wer da so rumsteht und plaudert, und guckt quer drüber, ob irgendein Gesicht dabei ist, das einen interessieren könnte. War nicht. Es war mir alles zu überpflegt bürgerlich. Da fehlte die Schaufel Dreck. Ich glaube, ich war die Schaufel Dreck, die die Gäste vielleicht nicht uninteressant fanden, aber ich will ja auch inspiriert werden. Für andere Inspiration zu sein, ist mir zu wenig. Ich will auch irritiert werden.


Die alllzu berechenbaren Verhältnisse ließen mich sehr bald wieder gehen. Ich nahm mir nicht einmal ein Glas Wein. Den Weg zurück zur S-Bahn, diesmal Zoo, fand ich schlafwandlerisch. Wie gesagt, ich kenne die Ecke ja eigentlich. Da um den Steinplatz herum. Fand es dann auch angenehm, so früh wieder zuhause zu sein. Schade war nur, dass ich mich so herausgeputzt hatte, für – – ? Ja, wofür. Einen Spaziergang. Zurück daheim, fuhr ich den Rechner hoch und nahm mir ein Glas Wein, und las überrascht eine message, aus der sich eine kleine Konversation entspann, die mir gefiel. Und dann abbrach. Was mir nicht gefiel. Aber es war nicht das erste mal. Das hat mir schon viel Kopfzerbrechen bereitet, aber ich wollte mir diesmal nicht wieder den Kopf zerbrechen. Seltsamer Tag, seltsamer Abend. Tag der Irrtümer. Nichts erwarten, alles für möglich halten. „Nichts“ inbegriffen. Aber ich habe mir eine innere Karte von der Ecke erlaufen, da zwischen Knesebeckstraße und Steinplatz und so weiter. Wie man sich souverän eine innere Karte von Gefühlslandschaften erläuft, weiß ich nicht. Da dilettiere ich, verirre mich, komme irgendwo heraus, wo ich niemals hinwollte.

Vorhin, als ich dachte, ich poste jetzt etwas zu den Schmalfuss-Bildern, stolperte ich über die Meldung, dass Chris Roberts tot ist. Als ich ungefähr fünf war, habe ich für ihn geschwärmt. Bestimmt auch noch mit sechs oder sieben. Er war Dauergast in der Hitparade von Dieter Thomas Heck. Jeden Samstag nach dem Baden geschaut, so lange durften wir als Kiinder aufbleiben. Und danach auch noch zur Samstag Abend Show. Am Laufenden Band oder Musik ist Trumpf. Die Maschen der Mädchen und Du kannst nicht immer Siebzehn sein, lief rauf und runter im Radio. Ich mochte die längere Haarfrisur und sein sehr verbindlliches Lächeln. Habe mir vorhin ein paar Videos angeschaut. Er hatte eigentlich auch eine ziemlich gute Figur. Ich wurde dann älter und fand ihn nicht mehr so toll, das Lächeln war mir auf einmal zu glatt und kalkuliert. Zu gefällig, opportunistisch. Solche Wörter kannte ich damals natürlich noch nicht. Ich war in einige Schlagersänger als Kind verliebt. Roy Black gefiel mir auch sehr. Weniger die Lieder, als sein Mund und seine Grübchen. ich würde schon sagen, dass man bereits als Kind eine Verliebtheit empfinden kann, die durchaus erotische Züge hat. Jürgen Marcus fand ich auch gut, er war mir sympathisch, ich war aber meiner Erinnerung nach nicht so richtig verliebt. Wer allerdings auch mein Herz im Sturm erobert hat, war der Bastian. Da war ich dann aber schon älter. Bestimmt schon sieben oder acht. O.k., kein Sänger, hätte aber einer sein können. Er sah eigentlich aus, also ob er Gitarre spielen könnte. Wer mir zum Beispiel gar nicht gefallen hat, war Bernd Clüver. Oder Christian Anders. Da ging gar nichts. Jürgen Drews dagegen war ganz vorne mit dabei.. Er war eigentlich der Hübscheste und Lässigste von allen. Absolut sexy, sein Grinsen. Genau mein Fall. Und sein Bett im Kornfeld war auch musikalisch klasse. Ich finde es heute noch gut. Aus der Ära ist mir auch noch „Und es war Sommer“ in Erinnerung, das liebte ich auch sehr. Ganz besonders. Ich habe den Text abgeschrieben und in meiner Schultasche herumgetragen, da sind Bilder entstanden, von denen ich gar nicht genug kriegen konnte. Dieses Sonnenuntergang am Strand-Ding und Haut und überhaupt.. Peter Maffay war aber auch nicht jemand, in den ich heimlich verliebt gewesen wäre, der guckte immer so besorgt und das Muttermal gefiel mir auch nicht, aber der Song hat restlos überzeugt. Als ich vorhin auf youtube die Chris Roberts-Hits durchgehört habe, dachte ich mir bei so manchem Text, dass es sehr apart sein könnte, wenn man das elegant covert, mit einem subtilen Arrangement, befreit von dem ganzen Gute-Laune-Schlager-Gedöns. Da könnten interessante Sachen dabei rauskommen. Auch lustige natürlich. In Schlagertexten sind oft erschreckend wahre Gefühle verarbeitet, die man gerne runterspielt, für banal erklärt und souverän belächelt. Wenn man nur auf den Text hört, kann man oft feststellen, dass man nackte persönliche Empfindungen und Sehnsüchte darin entdeckt. Deswegen funktioniert das Ganze auch dermaßen breitenwirksam. (Big News.) Wenn man keine musikalische Schmerzgrenze hat, kann einem das sicher sehr viel geben. Insofern ein hochattraktiver Gedanke, diese oft vermeintlich platten Texte mit einem weniger mainstreamartigen Arrangement zu versehen. Da könnten zauberhafte Sachen entstehen. Okay, das ist jetzt nicht so ganz leicht bei diesen Chris Roberts-Mitklatsch-Nummern vorstellbar, ich gebe es zu. Und dennoch hat der Text von „Du kannst nicht immer Siebzehn sein“ schöne Momente, denen man mit der richtigen Interpretation Tiefgang verleihen könnte. Oder zum Beispiel „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ von Jürgen Marcus. Ich würde das ganz reduziert bringen, mit so einer melancholischen Bossa Nova-Gitarre, so Richtung „Girl from Ipanema“. Caterina Valente könnte das wunderbar singen. Das alberne „nananananana“ müsste man natürlich ersatzlos streichen. Nur so eine launige Idee. An mir ist wahrlich eine Musikproduzentin verloren gegangen.

03. Juli 2017

[ nächtlicher Schreibanfall. In diesem Text: Hans R. und sein Berlin Beat Club, Christoph M. und sein Smartphone, Ina W. und ihr (geparktes) Auto… ]



Wieder. Egozentrisches Bildmaterial. Warum nur. Was ist hier nun wieder schief gelaufen. Schreibt man das eigentlich auseinander? Oder doch zusammen? Nun wieder Rechtschreibreformen. Die unselige Majonäse wird abgeschafft. Gut so. Und andere ästhetische Unfälle. Apropos „ästhetische Unfälle“…. auch so ein Grund, die Kamera sinken zu lassen. Bei mir kann ich ja einiges steuern, aber die anderen. Styling matters. Size matters. Alles mögliche matters, auch wenn wir es aus demokratischer Sehnsucht oft schön fänden, wenn auch das Mittelmaß irgendwie geehrt würde, nicht nur respektiert. In was für einen Text schraube ich mich da wieder hinein. Schnitt. Cut. Ich komme zur Betitelung dieser Strecke, in der leider Gottes wieder nur ich zu sehen bin. Wissen Sie, wenn ich mich ablichte, mahnt mich niemand ab, erhalte ich keine Bitten, dieses oder jenes Bild bitte offline zu nehmen. Obgleich mir das extrem selten passiert, in Relation zum Volumen meiner Uploads. Aber wenn, bin ich doch ein bißchen angepisst, denn dann handelt es sich in aller Regel um Aufnahmen, die auch mit einem liebenden Auge betrachtet werden, nicht nur meinem allein. Befindlichkeiten von potenziellen Diven. Diva ist an sich ja keine Beleidigung sondern ein Status. Ein göttlicher Funken steckt in einer Diva. die potenziellen hätten gerne diesen Adel und eiern herum, meinen durch das Offline-Setzen einer Aufnahme, die keinem Puppen-Klischee entspricht, ihrem Weltrang zuzuarbeiten. Oh oh, ich verzettle mich schon wieder. So schön es ist, so schnell tippen zu können, wie die Gedanken einströmen, so fatal ist es für den Text. Aber ich liebe das ja. Das macht meine Texte für mich selbst sehr interessant und lesenswert. Nächster Anlauf. Da steht was von fête de la… nach den Pünktchen muss de la musique kommen. Wer mich kennt, weiß, dass mir Musik durchaus am Herzen liegt. Zutiefst. Zu allertiefst. Mehr geht nicht. Das ist dieser schöne Feiertag, an dem überall in der Stadt live gespielt wird, umsonst und draußen. Und drinnen. Aber ich war draußen verabredet. Am Tag vorher waren wir noch bei Ratzkes Show-Aufzeichnung, am 21. Juni, dem Tag der Fête galt es, sich zu entscheiden, was man sich anhört. Hans Rohe hatte mir eine Einladung zukommen lassen, der zu entnehmen war, dass er mit seiner Beat-Coverband „Berlin Beat Club“ am Marheinekeplatz auftreten würde. Ich hatte die Truppe noch nicht live erlebt, nur Videos gesehen. Ich fand es durchaus lustig und launig, dass die Musiker die Mode der Sechziger und Siebziger bei ihrem Bühnenoutfit ganz stark zitieren. Und zwar ohne Rücksicht auf Grenzen des sogenannten guten Geschmacks. Man konnte sich ja durchaus auch in den Sixties und Seventies modisch, trendbewusst aber doch elegant kleiden. Nicht so das Credo des Berlin Beat Clubs. Schlaghosen sind Pflicht, Geblümtes, Getupftes, psychedelisch Gebatiktes. Ja, schlimm. Aber eben gute Musiker. Das Programm sind die absolut größten Kracherhits aus den beiden genannten Jahrzehnten. Alles, was man kennt, eine Nummer Eins nach der anderen. Finde ich persönlich jetzt nicht den verkehrtesten Ansatz. Ich war mit Ina am Marheinekeplatz verabredet, wir hatten Sommerwetter, damals wars. Passend zum Programm wählte ich ein leicht hippieskes Outfit, das man sich durchaus auch an Anita Pallenberg hätte vorstellen können. Ein bodenlanges, rückenfreies Kleid in Siebziger Jahre-Brauntönen, exotischen Schmuck, sogar am Oberarm, Zehensandalen. Wobei ich das schon noch im Rahmen einer gewissen Eleganz betrieben habe, nach Karneval sollte es nicht aussehen. Unsere Verabredung, also die von Ina und mir ist ein bißchen zeitlich und örtlich verrutscht. Wir haben uns am Brunnen irgendwie verpasst und die eine dachte von der anderen, sie sei nicht da, dabei standen wir eine gute Dreiviertelstunde nur ein paar Meter voneinander entfernt. Die eine links vom Brunnen, die andere rechts davon. Es war voll, richtig voll. Und doch traf ich zufällig auf Christoph, der launig mitwippte. Bevor ich ihn traf, war ich ein bißchen in wieder-gehen-Stimmung, weil ich nicht weit genug vorne an der Bühne war und deshalb der Funke nicht sofort übersprang. Dazu kam das ältere Publikum, also meine Generation. Ähm. Den Satz sollte ich viellelicht lieber wieder löschen. Scheiß drauf! Ich haderte also eine Weile, hatte keine Lust Fotos zu machen und dachte daran, dass Maria mich eigentlich beschworen hatte, zum Café Butter im Prenzlauer Berg zu kommen, wo die Bolschewistische Kurkapelle mit Romy aufspielen würde. Die haben jetzt doch die Noten von meinem Vater! Vielleicht hätten sie schon „Es wird Nacht, Se­ño­ri­ta“ eingeübt und würden es spielen. Und ich bin nicht dabei. Ein Jammer! Das wäre bestimmt viel cooler, als hier am Marheinekeplatz, dachte ich. Schaute nach Ina, fand sie nicht, ärgerte mich ein bißchen. Christoph war so nett, Ina mit seinem Smartphone eine message zu schicken „bin am Brunnen, wo bist du???!!?“ Er hatte aber nicht richtig Netz, es dauerte ewig, das zu posten. Antwort kam keine. Dann holte ich mir endlich was zu trinken. Auf dem Rückweg von dem Getränkestand entdeckte ich plötzlich Ina, erhöht auf einem Stein am Brunnen stehen. Sie war später als ich gekommen und dachte, von da oben hätte sie den perfekten Überblick und würde mich entdecken. War nun nicht. Egal, wir hatten uns ja doch noch gefunden. Wir gingen zusammen zu Christoph, die beiden machten sich bekannt und quatschten, als ob sie sich schon seit zehn Jahren kennen. Sind ja beide sehr kommunikativ. Christoph war ein bißchen erkältet, also in den letzten Zügen der Rekonvaleszenz, und wollte sich schonen. Und ging tatsächlich als es noch hell war. Unglaublich. Ina und ich holten Getränkenachschub, mittlerweile war es so spät, dass wir die Kurkapelle sowieso verpasst hatten, die haben ja früher angefangen, als der Beat Club. Also hierbleiben und gucken, was abgeht. Die Meute wurde tanzwütiger und wir gingen ganz nach vorne zur Bühne. Entweder war es der Alkohol oder die einbrechende Dunkelheit oder die spürbaren Bässe vorne an der Bühne. Wir fingen an zu tanzen, als wären wir ein Teil der Bühnenshow. Das Lustige ist, dass man das merkt, wenn man beim Tanzen vom übrigen Publikum angeschaut wird. Ich muss irgendwas anderes als die anderen machen. Wenn ich tanze, kommt plötzlich so eine Rampensau in mir raus, die ich sonst unter Verschluss halte. Ina ist auch lustig, wenn sie in Stimmung ist, sie tanzt auch wie eine Wilde und hat dann noch so Anflüge von Groupie-Klischee-Verhalten. Also jetzt nicht die billige Sorte, sondern die Variante mit den Hüften zu wackeln und breit zu grinsen und Namen zu rufen. Ich kann es gar nicht recht beschreiben. Sie selber lacht darüber am meisten. Es war ein Fest. Plötzlich habe ich keine Sekunde mehr bereut, dass wir hier und nirgendwo sonst waren. Halb Kreuzberg hatte sich auf dem Marheinkeplatz versammelt und rockte zu sämtlichen Stones- und Doors- und Kinks- und weiß der Geier-Hits aus den guten alten Zeiten ab. Die Story, wie wir dann Inas Auto bis zum geht-nicht-mehr gesucht haben, breite ich jetzt aber nicht im Detail aus. Es hat gedauert. Irgendwann haben wir es gefunden und sind zur Wabe, wo auch was stattfinden sollte, fand ich aber nicht so aufregend, was da auf der Bühne von einem jungen Mann und einer jungen Frau geboten wurde. Beide sehr hip und sehr unkommunikativ. Das Gegenteil von dem, was der Berlin Beat Club kultiviert. Unvergessen sind mir auch die roten Lackschuhe vom Sänger und dem zweiten Gitarristen. Auch nicht fotografiert. Das sehe ich schon als Verlust, ich gestehe es ein. Da hätte ich wirklich mal die Kamera rausholen können. Nach dem kurzen Ausflug zur Wabe hatten wir Hunger und alle Küchen hatten zu, deswegen sind wir noch bei mir gelandet, wo ich immerhin was zu trinken und ein paar Nüsse anbieten konnte. Kochen wollte ich nun auch nicht mehr, zu später Stunde. Am nächsten Tag habe ich Ina einen Link mit einer Auswahl von Apps geschickt, wie man sein geparktes Auto wiederfindet. Als wir den Platz zig mal umrundeten, um
Inas Auto zu finden, wunderte sie sich, dass ich so ruhig blieb. Ich spürte, dass sie von der Situation total genervt war und sie tat mir leid. So ein irgendwo geparktes Auto findet sich doch irgenwann einmal wieder. Das ist doch kein Beinbruch. Hauptsache gesund…!

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