29. September 2017




Frau Nielsen bei der Kostümprobe für einen kleinen Auftritt im Kriminalgericht in Moabit. Morgen ist es so weit. Die Frisur ist nicht amtlich, nur provisorisch. Vielleicht kriege ich Finger- oder Wasser- oder Quetschwellen. Bin schon gespannt. Nun noch mehr Kostüme in petto, nicht fotografiert. Verhandelt wird der Fall Franz Tausend. Wir schreiben das Jahr 1930 bzw. 1931. Die Rocksäume wurden wieder wadenlang, nachdem in den Zwanzigern Knie gezeigt wurde. Viel Kragen, Volants und Schleifen, schmale Silhouette. Werde nun schlafen gehen, damit die Maskenbildnerin nicht noch mehr an mir zu tun hat, als sowieso schon. Ich spiele eine Übersetzerin, die eine aus dem Italienischen übersetzte Zeugenaussage verliest, wie mir der Regisseur Eike Schmitz mitgeteilt hat. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, will ich das gerne tun. Ich habe mich als Kind schon gerne verkleidet, wie wahrscheinlich alle Kinder. Hat sich nicht so richtig verwachsen. Hoffe, ich werde der Rolle gerecht! Zum Glück kein Text zum Lernen, mein größtes Problem. Daher auch die Liebe zum Stummfilm! Nehme an, das fertige Werk wird irgendwann in der Terra-X-Reihe oder einem ähnlichen Sendeplatz gezeigt, so wie Eikes Fürst-Pückler- und sein Casanova-Film. Im ZDF oder auf Arte oder 3Sat oder alle drei. Eigentlich hätte ich neulich schon bei der Partyszene in der Villa Jacobs dekorativ mit herumstehen sollen, aber der Termin ist leider nicht bei mir angekommen. Sehr schade! Im Zwanziger-Jahre-Partykleid mit einem Glas Champagner im Garten einer Potsdamer Villa eine gute Figur machen, hätte mir schon sehr zugesagt. Mein Kerngeschäft! Na ja, hat nicht sollen sein. Dafür waren Ina und Evelyn dabei. Bin auch sehr gespannt auf die anderen Darsteller und den Mitarbeiterstab, die Crew. Bestimmt jede Menge pfiffige Mitarbeiter darunter, auch junge Männer, nehme ich an. Ich berichte dann, bleiben Sie dran.
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27. September 2017


Zu WW. Wolf Wondratschek. Liest, las in SOEHT7. Da wo auch Alban gelesen hat, begleitet von Adrian, genau da, im Kuppelsaal. Noch überlegt, ob ich bei Daniela von Arnim ein, zwei Karten vorbestellen soll, weil man eigentlich davon ausgeht, dass er doch einiges Publikum anlockt und ein Platz schon angenehm wäre. Als ich ankam, wurde ich unten im Hof unerwartet familiär begrüßt, der Verwalter und der technische Mitarbeiter empfingen mich mit den Worten „Wir warten schon auf dich!“. Ich nehme an, das war eine spielerische Bemerkung, die jede bekommen hätte, man freute sich über jeden Besucher. Ich bekam den Hinweis auf den Weg, dass es oben im Kuppelsaal sei. Seit ich dort die beiden Zellen bespielt habe und vorher den Aufbau und nachher den Abbau gemacht habe, sind mir die Räume einigermaßen vertraut. Vorher habe ich mich verirrt, jetzt weiß ich, wo der Kuppelsaal ist. Oben angekommen, sah ich, dass sich meine Hoffnung bewahrheitet hatte, dass die Bar oben sein möge, statt unten im Zellenflur, wie sonst. In dem kleinen Nebenraum vom Kuppelsaal (den ich kurzzeitig als Projektionsraum angedacht hatte), gab es Getränke und die mir bekannte Tresenfee, Jan stand auch da und Susanne, die Frau des künstlerischen Leiters. „Ich hatte ja gehofft, dass die Bar heute hier oben ist, wie schön!“ bemerke ich beim Eintreten und nehme ein Glas Wein, kurzes Hallo von Jan und Susanne, als ich mich mit dem Glas in der Hand drehe, sehe ich Jim Rakete und lächle ihn freundlich an, er zurück. Dann steht Jurgen Ostarhild vor mir, ein bekannter Fotograf, den ich gerade nicht erkenne, obwohl ich schon bei einer Ausstellung von ihm war, er fragt mich, wer ich bin, ich stelle mich vor und finde es amüsant, dass er mit einer gewissen Hausherren-Attüde vor mir steht, einen Grund wird es haben. Später bemerkte ich, dass er in der Ausstellung mit Exponaten vertreten ist. Ah ja. Mittlerweile schickte sich auch Wolf Wondratschek an, Rotwein zu holen. Es hatte also noch nicht angefangen, sehr gut. Bestens. In den Kuppelsaal, wo die Lesung stattfinden würde. Ich registriere, dass die Anzahl der Besucher ziemlich exakt der von Albans Lesung entspricht. Ich bezahle bei Daniela den Eintrittspreis und nehme Platz. Ganz vorne. Der Kreis der Zuhörer ist auf familiäre Art überschaubar. Ich erinnere Fotos von einer Wondratschek-Lesung in einer großen Buchhandlung in Berlin im letzten Jahr. Brechend voll, jeder Stehplatz besetzt, die Stühle sowieso. Und nun in kleinem Kreis in diesem schönen Saal, unerwartet exclusiv. Exclusiver, als sich die Veranstalter gewünscht hätten. Mundpropaganda und ein facebook-event wirkt noch keine Wunder, offenbar. Wondratschek spricht es an, dass es ihm durchaus recht sei, dass wir hier im kleinen Kreis in diesem schönen Saal mit der schönen Akustik sind. Er betrachtet sein Hier-sein als Geste für seinen alten Freund Reinald Nohal, der ihn dazu eingeladen hat. In der Paris Bar haben sie sich kennengelernt, dreißig Jahre ist es her. Wondratschek hat einen Aschenbecher auf dem Lesetisch und zündet sich mit Bedacht eine Zigarette an. Er wirkt unaufgeregt, gelassen und wach. Ich erinnere mich, als ich ihn zuletzt sah, in dieser mysteriösen Wohnung in Schöneberg mit seinen Exponaten. Als er die ganze Zeit in der Küche saß, hinten am Fenster, nicht einmal den Kopf in Richtung Besucher drehte. Man fühlte sich trotz der nachweislichen Einladung wie ein Störenfried. Ich hatte ihn am selben Tag, vormittags noch gesprächswillig und eloquent im Literaturcafé am Savignyplatz erlebt, er führte ein öffentliches Gespräch mit Jim Rakete. Vera von Lehndorff war auch gekommen, er schenkte ihr ein warmes Lächeln. An diesem Abend in der Wohnung war kein Kontakt möglich, alle Signale sprachen dagegen. Am 22. September in Soeht7 war es anders, andere Gegebenheiten. Er las sehr schöne Texte, einige davon an seinen Sohn gerichtet. Und einen, in dem es um das Verschwinden des Kulturguts Rauchen ging. Und noch etwas, das ich kannte, wunderbar Erotisches. Das kann er. Der musikalische Ansatz kam zur Sprache. Wie Dylan Thomas sich den Zeilen annäherte, die er er letztlich zu Papier brachte. Der Melodie nachzusinnen, sie zu erkennen. Ich wusste, was er meint, nicht nur, weil es ohnehin verständlich für mich ist, sondern weil ich mich vor achtundzwanzig Jahren sehr intensiv auf die Spuren von Dylan Thomas begeben hatte. Ich wusste, dass er in seinem Writer’s Shed in Laugharne auf und ab tigerte und laut vor sich hinfabulierte, bis sich Magie einstellte und er die Worte materialisierte. Vielleicht wusste das sonst niemand im Kuppelsaal, als er davon sprach. Das war eine eigentümliche Verbindung, die sich da einstellte. Diesmal hatte ich dein Eindruck, dass er genau wahrnahm, wer im Raum war und auch den Kontakt nicht scheute. Das war sehr angenehm. Man hätte sich aufdrängen können, aber das ist nicht mein Stil. Ich überlegte zeitweilig, ob ich ihn darauf ansprechen soltle, ob er „Words for the Dying“ von John Cale kennt, die Vertonungen Cales von einigen wesentlichen Gedichten von Dylan Thomas. Ich ließ es. Rakete und die anderen seiner anwesenden Freunde waren auch in Konversation mit ihm und bald würden sie sicher irgendwohin etwas essen gehen. Vielleicht in die Paris Bar. Wer weiß. Ich hatte auch eine Verabredung, mit Ina. Ich holte sie von ihrer Tanzstunde am Kudamm ab. Von da fuhren wir zum Savignyplatz, aßen eine Kleinigkeit im Brel, tranken Wein und nahmen zuletzt noch ein Glas in der Paris Bar, die zu später Stunde wieder zur Raucherbar wurde. Ich ließ mir von ihr die Herkunft des einen oder anderen Exponats erhellen. Schon ein sehr bemerkenswerter Ort, die Paris Bar. Ich freue mich sehr auf das Buch von Ina. Manchmal hört sie meine Playlist beim Schreiben, hat sie mir neulich erzählt, die ich ihr auf einem USB-Stick mitgebracht habe. Das freut mich auch deshalb, weil es mehr oder weniger dieselbe Musik ist, die ich laufen lasse, wenn ich solche Einträge wie diesen schreibe. Es fließt ein. Deswegen wird etwas von meiner Musik in dem Buch sein. Ein schöner Gedanke.

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