17. Februar 2023

Das war gestern eine Faschingsparty mit Hindernissen. Ich war nach dem Schornsteinfeger-Termin und meinem Gewerkel eigentlich etwas müde, gar nicht in Stimmung mich großartig zu verkleiden, aber wollte mich dazu zwingen, um keine Spielverderberin, sondern ein „good sport“ wie der Brite sagt, zu sein. Also nahm ichs sportlich. Klar war, dass ich mit Vorhandenem arbeiten würde, nichts dazukaufe.

Nun sollte man auch wissen, dass meine letzte Faschingsparty circa um mein zwölftes Lebensjahr herum stattgefunden haben dürfte. Danach war ich strikte Faschings-Verweigerin, ja geradezu stolz, dass ich in ein Bundesland ausgewandert war, in dem Karneval und Fasching eine Fußnote war, die Tage bekam ja auch niemand arbeitsfrei.

Auch in diesem Jahr drängte es mich nicht, nach Faschingsparty-Terminen Ausschau zu halten. Obwohl mir niemand vorwerfen kann, Verkleidungsexperimente zu scheuen, nur dass ich dafür kein Faschings-Etikett benötige. Nun begab es sich aber, dass meine Berliner Lieblings-Coverband, der Berlin Beat Club, zur Faschingsparty ins Ballhaus in der Chausseestraße einlud.

Da ich mich der Gruppe mit großer Solidarität verbunden fühle, und das gestrige Konzert der Auftakt einer Reihe an einem neuen Standort sein könnte, nachdem das Rickenbacker’s das Zeitliche segnete, wollte ich mich nicht sperren und das Spielchen mitspielen. Ich freute mich auch schon auf die Verkleidungen der Bandmitglieder, da hatte ich auf einem Foto – wie bereits erwähnt – schon ein fulminantes Beispiel mit John & Yoko-Verkleidung gesehen.

Ich kam also mit meinen Einkaufstüten kurz vor Fünf nach Hause, schaute auf die Uhr und befand, ein Schläfchen könnte meine Verfassung richten. So geschehen, ich stand um Sechs wieder auf, haute mir Nürnberger Rostbratwürstchen in die Pfanne, da ich schon wusste, dass es dort nichts zu essen gäbe. Also Stärkung von Nöten. Beim Essen ging mir durch den Kopf, dass mir definitiv nicht nach einem luftigen Fähnchen oder Flatterkleidchen war, auch nackte Arme wollte ich nicht präsentieren. Ratter ratter in meinem Kopf. Langärmlig?

Ich dachte zehn Sekunden, ich könnte mich als Existenzialistin verkleiden. Schwarze Hose, schwarzer Rollkragenpullover. Fertig. Aber wer erkennt das denn? Nicht mal eine Juliette Gréco-Perücke hätte ich, um den Wiedererkennungswert einer „Existentialistin“ im Paris der Fünfziger Jahre zu bestärken. Auch wollte ich nicht die ganze Zeit mit einem Sartre- oder Beauvoir-Schinken unter dem Arm herumlaufen. Wie anstrengend! Mir erschien bald jede Verkleidung zu anstrengend. Dann der Gedanke: „Ach was solls, ich klebe mir einfach nur ein paar meiner überdrehten Las Vegas-Glitzerwimpern an. Fertig“.

Irrtum. Ich legte mir die verschiedenen Wimpernsets zurecht und am meisten blinkten mich die mit dem Strass an. Dabei kam mir die Idee, ich könnte ja in die bling-bling-Richtung gehen. Und da war dann der Gedanke zu „russische Oligarchin“ nicht mehr weit. Der Gedanke gefiel mir immer besser, ich hatte doch auch noch diese Webpelz-Weste, kombiniert mit Zuchtperlenkette und Glitzerkram, könnte das doch recht „wohlhabend“ wirken. Und dann mein Zebra-Webpelzmantel. Und dann auch noch die passende riesige Fellmütze dazu. Wenn das nicht reich aussieht, dann weiß ich auch nicht!

Also ich fing an, mir die Wimpern ankleben zu wollen. Dabei stellte sich heraus, dass der Wimpernkleber in der kleinen Tube von Anno 2019 schon weitgehend eingetrocknet war. Nur in der unzugänglichen Tubenmitte war es noch flüssig. Ich nahm ein spitzes Messer und stocherte herum, bis was Flüssiges rauskam. Das ließ sich dann aber nicht so gezielt auftragen, wie normalerweise. Ich schmierte mir das Zeug mit Hilfe der Messerspitze auf die Augendeckel. Leider nicht so, wie es soll. Man macht da eigentlich nur einen dünnen Streifen, wie Eyeliner, direkt an der Wimpernkante, aber ich hatte das Zeug auf dem ganzen Augenlid und auch noch unten. Mit Erfolg hatte ich mir nun das linke Auge zugeklebt!

Da ich auch eine Augenklappe besitze, hätte ich nun als Piratin gehen können, aber ich zog es vor, das Auge wieder zu öffnen, indem ich den halbtrockenen, gummiartigen Klebstoff von meinen Wimpern, meinen echten, abzog. Drei weitere Anläufe brachten auch keinen Erfolg, außer dass das eine Auge nun ganz rot war. Ich hatte nun reichlich Zeit verplempert und beließ es make up-mäßig bei dem Üblichen, nur dass ich einen längeren Lidstrich zog.

Dann den schwarzen Rollkragenpullover, die Fellweste, eine schwarze partymäßige Schlaghose mit einem weißen Glitzerdrachen an den Hosenbeinen, schwarze Stiefeletten und ordentlich Schmuck. Das war auch noch ein Gesuche und Gefummel. Am Ende zwei Zuchtperlenketten, ein Strasshalsband und eine Strassbrosche an einer Kette und noch ein Glitzerarmband. Fertig! Wäre es mir früher eingefallen, hätte ich mir noch so lange Fingernägel angeklebt. Aber was der Haushalt nicht hergibt, gibt er nicht her. Für Lackieren war auch keine Zeit.

Nun noch schnell ins Internet, Messages checken. Da musste ich nun zur Kenntnis nehmen, dass Ina unpässlich war und Lydia anderweitig orientiert. Egal! Jetzt war ich schon aufgestylt, jetzt wollte ich auch hin. Das bin ich dem Berlin Beat Club schuldig! Ich fühlte mich schon etwas prunkvoller als sonst, als ich mit dem ganzen Zinnober in die U-Bahn Richtung Naturkundemuseum stieg. Meine Angeber-Versace-Sonnenbrille hatte ich noch in die Pelzmütze geschoben. Albern! Aber solche Sachen sieht man ja mitunter.

Ich habe natürlich mehrere Role Models in meinem Kopf, ohne Namen nennen zu können, wie ich mir eine „russische Oligarchin“ vorstelle. Ich muss sagen, ich sah eigentlich besser aus, als die echten Oligarchenfrauen, die ich neulich in einer Doku sah, die mir Lydia empfohlen hatte. Da saßen Frauen über vergangene Ehen mit Oligarchen klagend in nachgemachten Barockmöbeln und boten ein eher bedauernswertes Bild, als ein vor Luxus und Glamour strahlendes Erfolgsmodell. Ich konnte die Doku deswegen auch nicht zu Ende schauen, es war alles so trostlos.

Ich schaltete dann schnell zu einer mehrteiligen Doku über die High Society von Monaco. Das ging schon eher in die Richtung der bling-bling-Russin. Man weiß ja, dass der reiche Russe und auch die reiche Russin Südfrankreich liebt. Kaum eine stolze Premium-Villa, die nicht fest in Oligarchenhand ist. Zum Beispiel die legendäre Villa, in der die Stones „Exile on Mainstreet“ aufgenommen haben, Nellcôte, fest in Oligarchenhand. Wenn auch zum Kriegsbeginn letztes Jahr von der französischen Regierung beschlagnahmt.

Wie auch immer – ich kam also als „russische Oligarchin“ im Ballhaus an. Und schon am Eingang wurde mir klar, dass sich meine „Verkleidung“ nun bereits zu fünfzig Prozent in Nichts auflösen würde, da ich den Pelzmantel und die Pelzmütze abzugeben hatte. Bzw. hätte ich die Mütze aufbehalten dürfen, aber sie war mir zu warm! Nun betrat ich also nur noch in Fellweste und bling bling-Schmuck den Festsaal. Ich sah ganz adrett aus, aber mitnichten verkleidet!

Es war gut besucht, viele bekannte Gesichter der festen Fan Base vom Berlin Beat Club hatten sich nach Mitte begeben. Die Band stand schon auf der Bühne und ich war hin und weg, wie der Sänger Tom Thiede aussah. Sonst zieht er zu den Auftritten immer so Hippie-Zeugs an, Rüschenhemden, wild Gemustertes, Peacezeichen-Kette. So eine Mischung aus sehr lustig und sehr schrecklich. Ist natürlich Geschmackssache und auch wirklich eher lustig gemeint.

Aber diesmal! Ich war sofort Fan des Looks. Er hatte sich als Pharao verkleidet, ganz in Schwarz und Gold. Ein Traum! So ähnlich wie dieses Kostüm. Die Tut-Ench-Amun-Kopfbedeckung schwarz und gold gestreift, bis über die Schultern fallend, dazu ein schwarzes, Kimono-artiges Gewand mit goldener Schärpe. Ganz arg schön! Am Ende von manchen Songs machte er als Krönung so Anbetungsposen, wie man es von alten ägyptischen Wandmalereien kennt. Ich finde, das sollte er immer anziehen. Habe ich ihm auch gesagt!

Der Drummer Richard beabsichtigte wohl, sich als Frau zu verkleiden, mit roter Langhaarperücke, schwarzem Kostüm und roter Sonnenbrille, sah aber aus wie ein sehr cooler Rockstar, eine Mischung aus einem Ramone und David Bowie. Leeman ging als Cowboy mit hübschem Colt in der Tasche, Hans machte auf Raubkätzchen mit Leopardenhemd und Leopardenhose und ein paar aufgemalten Schnurrhaaren. Gabi am Bass fehlte leider, wurde aber durch einen Las Vegas-mäßig gestylten Herrn mit Schnäuzer und Rüschenhemd und Sonnenbrille vertreten.

Selbstverständlich erkannte keiner meine „Verkleidung“. Ich unternahm nur einen Versuch, sie zu erklären, Hans gegenüber. Konziliant wie er ist, versuchte er mich zu bestärken, dass es schon irgendwie erkennbar wäre, wenn ich jetzt zum Beispiel an die Bar ginge und den teuersten Rotwein, den sie haben, bestellte. Äh ja. Stattdessen gab ich dem jungen Mann bei einem der drei Biere übertrieben viel Trinkgeld. Er guckte regelrecht irritiert. Aber dass ihm dabei der Gedanke „russische Oligarchin?“ kam, wage ich zu bezweifeln.

Nach einer Weile kam wieder die gewohnte, typische BBC-Mitgroove-und Mitsing-Stimmung auf, es war doch recht schön. Unter den Verkleideten identifizierte ich unter anderem den einen weiblichen Fan, den ich immer insgeheim „Uschi Nerke“ nenne, die hatte sich eine gerüschte Schlafhaube aufgesetzt, kombiniert mit einem gestreiften Pyjama. Außerdem am Start: ein grauhaariger „Rennfahrer“ mit Overall, auf dessen Rücken in Glitzerbuchstaben „SAAB“ aufgeklebt war. War mir jetzt nicht so als DIE Rennauto-Marke geläufig, aber ich bin da auch nicht so auf dem Laufenden.

Einer mit von Natur aus wenig Haaren hatte ein Piratenkostüm an, sogar mit Plastik-Dolch, den er rhythmisch über seinem Kopf schwingen ließ. Das sah beinah ein bißchen gefährlich aus, aber ich mochte es. Dann gab es einen knallroten Offizier, zwei Cowgirls, einen Bayern, ein Dirndl, eine rote Pappnase, einen Sträfling und einen Matrosen. Ansonsten, der Rest: HIPPIES! Da wäre ich ja noch weniger als sowieso schon aufgefallen!

War aber auch so unterm Radar toll, den Zirkus zu erleben. Manchmal ging ich nach oben, hinter die Balustrade und beobachtete aus dem Hinterhalt. Aber ansonsten auch immer wieder mal getanzt. Am besten die Stimmung am nähesten an der Bühne. Nach dem dritten Veltins (eigentlich nicht so mein Geschmack, zu wenig herb), war ich dann auch bettschwer. Im dritten Set blieb ich bis zu „Marmor, Stein und Eisen bricht“, das hatte ich noch nie vom Berlin Beat Club gehört und lauthals mitgesungen, herrlich! Das war gestern mein kleiner Höhepunkt, besser konnte es nicht mehr werden. War schön!

16. Februar 2023

Oder ich gehe zur Faschingsparty als Hippie, wie auf dem Foto vom 16. Februar 2013. Das Stirnband mit den Pailletten habe ich noch, Ist türkis. Dazu könnte ich mich mit meinem Türkisschmuck und allem was die Schatulle so hergibt, behängen. Ist jetzt nicht so wahnsinnig originell, aber passt zum Berlin Beat Club. Außerdem laufe ich nie so rum, wäre demzufolge verkleidet. Dazu irgendein langes, wild gemustertes Kleid und drunter eine lange Unterhose gegen Verkühlung! Und Stiefel. Oder so. Mal sehen. Drüber könnte ich meinen Zebra-Webpelzmantel ziehen. Die Hippies haben doch auch alles drunter und drüber und durcheinander angezogen. Was zum Kiffen wäre natürlich auch ein sehr authentisches Accessoire. Krieg ich aber so schnell nicht her. Was ich in einer Dose habe, ist schon alt und vertrocknet. Ich könnte mir noch Papers holen und einen Joint mit irgendeinem Kraut bauen, das konnte ich früher sehr gut. Ich war da sehr perfektionistisch, insbesondere die Kante sauber abzukokeln. Das war vor circa vierzig Jahren, dass diese Spezialqualifikation von mir gebraucht wurde. Aber gelernt ist gelernt. Die letzten Male, wo mir jemand was zum Rauchen angeboten hat, waren es immer nur so normal aussehende Formate, Zigaretten-Optik. So große Joints sind vielleicht auch out. Keine Ahnung, blicke nicht mehr durch! Andererseits, wenn ich so ein Ding als Karnevalszubehör präsentiere, glaubt mir das doch keiner, dass das nur Quatsch ist und dann kriege ich Ärger. Kokeln darf man im Ballhaus bestimmt auch nicht, und vor die Tür stelle ich mich auch nicht, nur um so zu tun, als ob, das ist doch lächerlich! So genug Gedanken über meine Kostümierung gemacht, muss langsam in die Falle. Morgen kommt ab zehn der Schornsteinfeger in meine Werkstatt, mal wieder die Therme warten. Der junge Mann ist immer unwahrscheinlich gesprächig. Sicher wird er morgen den Tod meines Vermieters ansprechen. Danach wurstle ich weiter an meinen Bildern und dann einkaufen und zurück nach Mitte und auf den Abend einstimmen. Den Eintrag des Tages habe ich nun schon clever erledigt, ist ja schon der 16.!

15. Februar 2023

„Kann ich bitte mal Ihre Fahrzeugpapiere sehen?“ Habe gerade recherchiert, welche Faschingskostüme erlaubt sind. Es gibt da so einen Bußgeldkatalog, in dem steht, Uniformen sind erlaubt, wenn sie keine Verwechslungsgefahr mit der original Uniform bieten. Die Mütze auf den Fotos – übrigens wieder auf den Tag zehn Jahre alte Aufnahmen, vom 15. Februar 2013 – ist von irgendeinem Flohmarkt und meine Recherchen haben ergeben, dass es eine historische Offiziersmütze von einem russischen Regiment ist, leider nicht datierbar. Außerdem hätte ich noch drei aufsehenerregende Tiaras im Angebot, die ein wenig welchen aus den britischen Kronjuwelen ähneln. Sieht auch alles super aus, aber ich will mich auch wohl fühlen und beim Tanzen nicht das Gefühl haben, dass bei einer falschen Kopfbewegung das Diadem auf Halbacht hängt. Ich weiß schon, wie das professionell befestigt wird, da gibt es youtube-Videos für Braut-Diademe, die zeigen jeden Befestigungsschritt. Aber ist halt doch Gewicht auf dem Kopf. Morgen ist Faschingsparty im Ballhaus in der Chausseestraße. Nicht zu verwechseln mit Clärchens Ballhaus! Der Berlin Beat Club wird morgen dort spielen und Ina und hoffentlich auch Lydia gehen hin.

Es gibt ein ganz süßes Foto, wo die Bassistin Gabi sich als Yoko Ono verkleidet hat und der Gitarrist Hans als John Lennon. Zum Piepen! Mir würde man Yoko Ono wohl nicht abkaufen, weil ich einfach viel zu groß dafür bin. Auch habe ich keine passende Perücke und keinen schwarzen Schlapphut und keine weißen Stiefel. Also ich bin noch unentschieden. Vielleicht klebe ich mir auch nur Las Vegas-Wimpern an. Habe ja noch sechs Varianten im Sortiment von den Viewing Parties 2019 im Schmutzigen Hobby.

14. Februar 2023

Bin gerade selbst überrascht, dass ich einen Tag später vor zehn Jahren das gleiche Outfit in einer anderen Farbe präsentierte. 14. Februar 2013. Die Sachen habe ich alle noch, nichts davon ist kaputt oder zerstückelt. Dass das ein Valentinstag war, war mir sicher nicht präsent, da der Tag 2013 keinerlei romantische Bedeutung für mich hatte. Ich kann mich auch nicht entsinnen, jemals von irgendwem Blumen oder sonstige Zuwendungen am 14. Februar bekommen zu haben. Dafür fehlten mir schlichtweg die passenden Rosenkavaliere. Keine zwanzigjährige Verlobung, die ich hier unter den Teppich kehren würde. Wenn ich amouröse Begegnungen hatte oder gar Beziehungen pflegte, waren die entweder so larifiari oder kompliziert, dass es schlichtweg nicht benannt werden konnte. „Was ist das eigentlich? Junge oder Mädchen?“ Ausgefuchste können ein paar alte Fotografien unter Abertausenden finden, fotografiert habe ich immer gerne. In diesem Jahr 2013 habe ich jedenfalls hauptsächlich mich fotografiert. Sind doch ein paar schöne Aufnahmen rumgekommen.

Gerade gefrühstückt, war sehr spät gestern. Ich verpasste die letzte U-Bahn zurück nach Mitte, und musste den Nachtbus nehmen, der die U8 ersetzt, der N8. Etwas andere Klientel als in der U-Bahn, vor allem nachtaktive Clubgänger. Junges Volk. War schön, so eine Stadtrundfahrt die Oranienstraße entlang, so viele kleine Läden, bunt und wild bemalte Eingänge, nachts hübscher als tagsüber. An dieser Ankerklause denke ich jedesmal, sieht nett aus, die Kneipe, war ich noch nie. Denke ich seit zwanzig Jahren. Immer, wenn ich die letzte U-Bahn verpasst habe. Ich war gestern bis weit nach Mitternacht so im flow, dass ich nicht hätte sagen können, ob es 21 Uhr oder ein Uhr nachts ist. War dann letzteres.

13. Februar 2023

Das sind schön schnelle Einträge: zehn Jahre alte Fotos raussuchen und ab die Post. Voilà, 13. Februar 2013. Aber Schein und Sein: so bin ich nicht vor die Tür gegangen, wenn es auch ein aparter Look ist. Es war mit Sicherheit zu kalt für nackte Beine und kurzes Röckchen. Das war der Endspurt meines Jahresprojekts mit den Daily Shots, drei Tage vor Ende, und ich hatte noch ein paar Klamotten im Schrank, die noch nicht fotografiert waren. Passt in den Emily-in-Paris-Trend. Ich kenne die Serie nur aussschnittsweise und von Fotos. Scheint Insta als Film zu sein. Auf Netflix habe ich mit Zugriff auf Lydias Account mal The Crown schauen können, was durchaus eine High end-Produktion in Ausnahme-Qualität in allen Aspekten ist. Schön ruhig geschnitten, langsame Bilder, lange Einstellungen. Subtil ausgeleuchtet, exquisite Ausstattung, sehr kunstvoll, Kinofilm-Qualität. Alle Staffeln geguckt, jetzt habe ich keinen Zugriff mehr. Bin auch ansonsten kein Serien-Typ. Ich habs mehr mit Dokus. Gagily in Paris entschwindet jetzt in ihr petit Atelier à Berlin. Salut, à bientôt!

12. Februar 2023

Wem die Gründe entfallen sind, warum es erstrebenswert sein könnte, ein weltberühmter UND reicher Rockstar zu werden, kann sich ja mal im „Haus“ von Flea von den Red Hot Chili Peppers umschauen, das er aus mir nicht bekannten Gründen verkaufen möchte. Vielleicht die erhöhten Strompreise. Ist schon drei Monate her, ich nehme an, dass sich inzwischen jemand gefunden hat. Selbst wenn es bei den Chilis nicht mehr so gut läuft wie früher, wenn man als Bassist einer Rockband so eine Immobilie sein eigen nennt, ist doch alles super gelaufen.

Der youtube Channel von AD, also der amerikanische von „Architectural Digest“, ist einer der wenigen youtube Channels, die ich konsequent verfolge. Dieser Clip hier krankt lediglich daran, dass Flea nicht selbst durchs Haus führt, aber ganz wunderbar die Homestories, wo die A-Lister-Superstars von Hollywood und der Musik- und sonstigen Showbusiness-Branche die Haustür zu ihrem Heim öffnen und (zurecht!) mit Stolz zeigen, was sie sich Schönes erarbeitet haben. Zum Beispiel die Hütte von Alisha Keys und ihrem Liebsten. Ein Traum. Aber nun zur Einstimmung das Heim von Flea.

11. Februar 2023

Flashback, heute vor zehn Jahren, 11. Februar 2013, ein Montag. Das Oberteil mit dem Tribal-Muster gibt es nicht mehr, nur die gemusterten Stoffteile davon. Sie befinden sich in einer meiner Material-Schachteln in meiner kleinen Werkstatt. Ich habe so viel Material! Meistens kommt es von ausrangierten Anziehsachen oder Verpackungen oder Zeitungsschnipseln oder Fotos aus Zeitschriften, alte Eintrittskarten, Flyer und und und. Das Oberteil war nach mehrmaligem Waschen so eng geworden, dass ich es nicht mehr anziehen wollte. Außerdem war es dann auch irgendwie out und durch. Eines Tages werden sich die Reste davon auf einem Bild finden. Ich habe eine Materialschachtel in der nur schwarz-weiße Sachen sind, da ist es drin. Ich fahre alsbald zu meinen Schachteln! Noch schön aufhübschen, Müll runter und los.

10. Februar 2023

KLEINES GLÜCK. Kugelschreiber auf Brotkörbchendeckchen, 12. Oktober 2000, 29 cm x 37 cm, Staatliche Museen von Gaganien. Aus meiner Serie „Ausrangierte Tisch- und Bettwäsche“. Das war eines dieser kleinen Fransendeckchen aus Leinen, die man in Brotkörbchen legt. Wo die Schildkröte ist, waren hartnäckige Flecken von irgendeinem Salatöl. Wie die da auch immer hin gekommen sind. Mein ultimativer Haushaltstipp gegen Flecken auf Tisch- und Bettwäsche: kleine Tiere drauf malen. Hilft immer!

09. Februar 2023

Burt Bacharach – In memoriam.

*12. Mai 1928 – 8. Februar 2023

Close To You
Do You Know The Way To San Jose?
Magic Moments
Raindrops Keep Fallin‘ On My Head
I Say A Little Prayer
What’s New Pussycat?
Tower Of Strength
I Just Don’t Know What To Do With Myself
I’ll Never Fall In Love Again
Anyone Who Had A Heart
A House Is Not A Home
You’ll Never Get To Heaven If You Break My Heart
The Look Of Love
Walk On By
Don’t Go Breaking My Heart
Always Something There To Remind Me
What The World Needs Now Is Love
Reach Out For Me
Wives And Lovers
Make It Easy On Yourself
Don’t Make Me Over
Trains And Boats And Planes
Wishin‘ And Hopin‘
This Guy’s In Love With You

So viele Gefühle und Erinnerungen in dieser Musik. Eine meiner ältesten Erinnerungen in Verbindung mit Musik ist für mich, dass Raindrops Keep Fallin On My Head eines meiner Lieblingslieder aus dem Radio war. 1969, ich zwischen Drei und Vier. Ich konnte es nicht oft genug hören und noch heute liebe ich es. Und Walk On By. Und What The World Needs Now. Und The Look of Love. Und This Guy’s In Love With You. Und Say A Little Prayer. So ein bezauberndes musikalisches Lebenswerk. THANK YOU FOR THE MUSIC, Burt Bacharach.

09. Februar 2023

Führt jemand von Euch ein ganz privates Tagebuch, das niemand sonst je sieht und liest, außer Euch selbst? Handschriftlich in einem schönen oder auch profanen Notizbuch oder Taschenkalender oder als fortlaufende Datei? Einträge, in denen schmerzhafte oder erfreuliche Begebenheiten festgehalten und erörtert werden, mit Gefühlen und Daten und Namen? Besondere Begegnungen, Liebesleid und Liebesfreud, so privat, dass es niemand sonst zu Lebzeiten lesen soll, darf?

Ich habe mich vor zwanzig Jahren konsequent davon gelöst, als ich zu öffentlichen Einträgen, die auch immer persönlicher und ausführlicher wurden, überging, woraus sich mein Blog entwickelte. Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, obgleich ich bis zu diesem Wendepunkt sehr regelmäßig hochemotionale Dinge handschriftlich auf Papier festhielt, die auch heute noch für mich erkennen lassen, wer oder was gemeint war. Namen konnten im Schutz des Privaten vermerkt werden, ohne Aufruhr auszulösen.

Eher selten dachte ich später, als ich im Internet nur noch mit sehr bedachter, großer Diskretion schrieb, und eher Andeutungen machte, dass ich gerne viel deutlicher erzählen würde. Merkwürdig, diese Zäsur.

Heute, rückblickend, bin ich geradezu mitgenommen und oft auch schockiert, durch welche tiefen Abgründe ich emotional gegangen bin, und mit welcher Deutlichkeit ich Vieles von meinem elften bis zu meinem 37. Lebensjahr dokumentierte. Sehr detailliert, noch beim Lesen später bis heute schmerzhaft. Das Wiederaufleben eines abgeschlossenen Empfindens durch die schiere Lektüre. Schönes auch, aber so viel Schmerz.

Davon musste ich mich wohl auch erholen. Mir wurde klar, dass ich das Schmerzhafte durch die Niederschrift gar nicht loswerde, sondern verewige. Ja, das war der Grund.

Wenn ich – allerdings selten – davon höre, dass jemand wie ich ein persönliches Blog schreibt und zusätzlich ein privates Tagebuch, fühle ich mich als Leserin irgendwie betrogen. Als ob noch größere Schätze vorhanden sind, die mir vorenthalten bleiben. Ich weiß, das ist unsinnig, denn ich verschließe ja auch Einiges tief in mir. Manches ist engen Freunden teilweise oder auch weiter gehend bekannt, manches mache ich nur mit mir aus. Es gibt ja keine Berichterstattungspflicht zum Privatleben.

Aber es ist immer wieder auch eine Gratwanderung für mich, weil viel und leidenschaftlich und kontinuierlich schreibende Menschen auch um das Potenzial als interessante und inspirierende Lektüre für andere wissen, das eben vor allem intime Bekenntnisse haben. Wenn ich in mich hineinhöre, spüre ich, dass sich weiterhin kein Drang abzeichnet, sehr viel mehr zu offenbaren. Ich versuche die Grenze aber auch nicht zu hart zu setzen. Mitgefühl wäre immer zu erwarten, das ist nicht die Befürchtung, eher Verletzung, Preisgabe von Beteiligten durch unerwünschte Offenbarungen. Was nur meine Abgründe angeht, darf ich frei entscheiden, zu offenbaren.

08. Februar 2023

Talentierte, ambitionierte TraumdeuterInnen bitte lesen.

Mir träumte letzte Nacht, ich kaufte einen Blumentopf, eventuell auch ein Töpfchen Küchenkräuter, im Supermarkt, stellte es in meinem alten Kinderzimmer unterm Dach ans Fenster, und stellte fest, dass ein süßer kleiner Gecko rauskrabbelte. Ich war ganz aus dem Häuschen, weil das Tier so süß und liebenswert war – und gratis! Knallgrün und zum Verlieben. Es war wie ein Glücks-Omen.

Ich beobachtete das süße Tier und schwelgte. Auf einmal kamen noch andere kleine Echslein dazu, es wurden immer mehr. Faszinierend! Ich fand es immer noch toll. Ich nahm wahr, dass die kleinen Geckos wuchsen, ich konnte zusehen. Der erste, den ich entdeckt hatte, wagte nun einen Sprung vom Fensterbrett auf einen Ast von der Pflanze. So geschickt, so süß, ich war ganz stolz auf ihn. Wie hübsch er auf dem länglichen Blatt landete. Eine Wonne!

Ich drehte mich um, Richtung Bett, auf einmal sah ich, dass aus allen Ecken immer größer werdende Echsen kamen, alle quietschgrün und auch ein bißchen unheimlich. Sie konnten zubeißen, das konnte ich sehen. Sie wurden immer größer und ich hatte plötzlich Panik, wo das enden sollte und wie ich die Tiere halten könnte und durchbringen und es wurden immer mehr und mehr, oh je oh je.

Ich hatte Angst und fand das alles gar nicht mehr süß. Ich überlegte schnell, ob es in Ordnung wäre, bei einem Tierheim oder so anzurufen, ob man die Echsen da abgeben könnte. Ich dachte noch, wie erkläre ich das denn, dass ich so viele grüne Echsen habe, die ich auf einmal loswerden will. Ich war ganz durcheinander und bin dann zum Glück aufgewacht!

07. Februar 2023

Heute gratuliere ich Alban Nikolai Herbst auf das Allerherzlichste zu seinem Geburtstag. Das Foto habe ich am 14. September 2016 gemacht. Man könnte denken, es sei im Rahmen einer Verabredung entstanden, wo man dem zu Fotografierenden kleine Vorgaben macht, wie, sich auf einen Stuhl zu setzen, etwas mehr in die oder die Richtung zu drehen, ein wenig in die Ferne zu blicken. Aber ganz anders. Ich mache weder Vorgaben, noch gebe ich Anweisungen. Es gibt von mir maximal Vorschläge für einen Bereich im Raum. Dieses Bild ist bei einer Lesung entstanden, die Alban moderiert hat und dazwischen hörte er einfach zu. So sieht er aus, wenn er aufmerksam zuhört. Ich musste nur abdrücken. So habe ich es immer am liebsten gehalten: die Lage sondieren und mich in eine entsprechende Position zu bringen, die mir Fotografien ermöglicht, die ich interessant genug finde, sie zu verewigen. Bei mir bewegt sich also nicht „kamerabewusst“ das fokussierte Subjekt in meine Richtung, sondern ich bewege mich. Ohne merkliche Kommunikation, ein stillschweigender Vorgang.

06. Februar 2023

Winterliche Grüße von Gaga Karenina! Schon ist der herrliche Schnee, der in der Nacht mein kleines Städtchen weiß gemacht, geschmolzen. Aber zur Morgenstunde konnte ich guter Dinge meine modisch ambitionierte Reihe „Schick durch den Winter“ mit Mützenmodenschau weiter zelebrieren, ohne mich allzu großer Exaltiertheit verdächtig zu machen. Ein besonders warmes Modell, echt Webpelz. Da mich mein belesener junger Kollege als Anna Karenina begrüßte, greife ich es gerne auf. Gaga Schiwago wäre auch noch in petto gewesen, aber Doktor Schiwagos Lara hieß ja gar nicht Schiwago, sondern Antipowa. Das weiß doch kaum einer. Ich bin für gut verständliche Einträge. Wünsche eine gute Woche!

05. Februar 2023

Sophienkirchturm. Jetzt, im kahlen Winter, sehe ich den Turm noch besser. Er gehört zu den vertrauten Bauten, wenn ich aus dem Wohnzimmerfenster schaue. Tatsächlich ist er auf der Sichtachse, von wo ich meine Einträge tippe. „Der filigran gestaltete Westturm ist in der frühen Barockzeit hinzugebaut worden und gilt inzwischen als der einzige erhaltene barocke Kirchturm in Berlin.“ Die Grundsteinlegung für die Sophienkirche war 1712. Sie hat alle Kriege unbeschadet überstanden. Bemerkenswert. Deswegen auch der schöne satte, alte Grünspan.

04. Februar 2023

Bevor ich in meine Werkstatt entschwinde, zeige ich Euch mein ultimatives Ernst-Fuchs-Käppi. Wenn ich später mal Malerfürstin bin, habe ich schon verschiedene Outfits in petto und bin für den großen Auftritt vorbereitet! Das Modell habe ich bei Amazon geschossen und nennt sich Kufi und wird gerne von Herren der islamischen Welt getragen, gerade auch zum Gebet – und von mir! Da ich mein ganzes Leben als Gebet betrachte, ist sie auf meinem Kopf gut aufgehoben. Es gab noch andere herrliche Modelle, die ich schon im Einkaufskörbchen hatte, dann hab ich aber ausnahmsweise mal das Kleingedruckte gelesen und gesehen, dass die aus Ländern geliefert werden würden, wo wieder jede Menge Zoll anfällt, und dann kostet das Häubchen auf einmal siebzig statt zwanzig Euro unterm Strich, wenn dann die Rechnung vom Zoll dazukommt. Und nun werde ich mich aufmachen. Ich bearbeite gerade acht Bilder gleichzeitig, liegen alle auf dem Boden. Hab ich noch nie gemacht, so viele parallel zu behandeln. Macht auch Spaß, wenn ich bei einem gerade nicht weiter weiß, schau ich auf eines der anderen, und mir geht ein Licht auf, was der nächste Schritt ist. Sehr überraschend. Ich weiß ja nie, was am Ende dabei rauskommt. Die Untergründe sind diesmal bis auf eine kleine, gefundene Leinwand durchweg selbst gemacht, also mit Resteverwertung. Ich hatte ein paar Stoffreste und abgeschrabbelte Frotteetücher, auch große Badetücher, die eine schöne Textur als Bilduntergrund haben, zum Abtrocknen sind sie nicht mehr flauschig genug, ich bin da empfindlich. Ich habe die aussortierten Frotteetücher und Stoffreste ausgemessen und dann auf der kurzen und langen Seite je 10 Zentimeter abgezogen und mir dann aus großen Versandkartons passende Teile zurechtgeschnitten, und die Stoffteile draufgeklebt, an den Seiten nach hinten umgeklappt. Das sind interessante Maluntergründe, funktioniert! Und fast gratis, vom Klebstoff abgesehen. Ich habe die gemessenen Endformate immer auf gängige Maße reduziert, falls ich Rahmen dafür besorge, kann ich Standardmaße nehmen, ist günstiger. Z. B. 40 cm x 80 cm für gängige kleinere Handtücher.

03. Februar 2023

EUKALYPTUSASTGABELTERMITE. Kugelschreiber auf Bettlaken 28 x 36 cm, 11. Oktober 2000. Das Bild korrespondiert zeitlich mit dem Foto, das ich im vorigen Eintrag von mir gepostet habe. Ich habe das Tierchen fünf Wochen davor, daheim auf ein Stück Bettlaken gemalt.

Zur Jahrhundertwende, also im Jahr Zweitausend, hatte ich eine vorübergehende Phase, in der ich Musik der Ureinwohner von Australien hörte, ganz Archaisches, aber auch Crossover, fast immer mit Didgeridoo, der Klang beruhigte mich. Das Instrument wird aus Eukalyptusstämmen- und Ästen gebaut, die von Termiten ausgehöhlt wurden. Meine musikalisch gebildeten Leser wissen das bestimmt, aber ich erwähne es noch einmal extra, um den Zusammenhang mit dem abgebildeten Tier herauszustreichen!

Ich hatte ein zerschlissenes Bettlaken und kam auf die Idee, es zu bemalen. Vielleicht habe ich dabei auch Didgeridoo-Musik gehört. Das Tier hat sich von selbst gemalt, mir war sofort klar, dass es sich eindeutig um eine Eukalyptusastgabeltermite handeln muss!

Auf die anderen Reste vom Bettlaken habe ich andere Sachen gemalt, z. B. eine große Wasserschildkröte. Ich merkte dann, dass es mir sehr gut gefällt, auf Stoff zu malen, was ich lange vorher, 1982, nur zweimal gemacht hatte, auch auf Bettlaken. Einmal ein Portrait von Romy Schneider, nachdem sie gestorben war, und ein weiteres Portrait, das die junge Patti Smith zeigt.

Als ich dann vor rund zwanzig Jahren alle Laken- und Stoffreste bemalt hatte (z. B. eine fleckige Leinenserviette und einen zerschnittenen Baumwolleinkaufsbeutel, eine fleckige gelbe Leinentischdecke und ein großes Stück Jute, in das mal ein Geburtstagsgeschenk eingewickelt war), holte ich mir ein paar kleinere Leinwände und bemalte sie mit den wenigen Farben, die ich daheim für den Hausgebrauch hatte. Ein Rest Wandfarbe war auch dabei.

Da hatte ich meine Werkstatt noch nicht. Als ich Lust bekam, immer größere Leinwände zu bemalen, habe ich mir die kleine Werkstatt gesucht, um nicht den Teppichboden in meiner Wohnung zu versauen, und auch um Platz für große Leinwände zu haben. So kam das alles. Aber wieder angefangen hat der Drang mit dem Bildermalen mit der niedlichen kleinen Eukalyptusastgabeltermite!

02. Februar 2023

VAMP | 24. Mai 1975 | Wasserfarbe auf Papier gespiegelt 15 x 20. Ein weiteres Frühwerk von klein Gaga, mit neuneinhalb gemalt. Eine sehr zeitsparende Maltechnik: ich habe mit viel nasser Wasserfarbe ein halbes Gesicht auf die eine Papierhälfte gemalt, dann gefaltet und die leere Papierhälfte auf das nasse halbe Gesicht gedrückt. Ergebnis gefällt mir gut, prima Drucktechnik! Tolle Vamp-Wimpern, verschleierter Blick, schöner großer Mund.

01. Februar 2023

Früher, also ganz früher, als ich klein war, gab es im Radio eine Sendung, die meine Mama gerne beim Bügeln hörte. Sie kam am Nachmittag zur Kaffeestunde. Die Radiosendung hieß „Glückwunschkonzert“ Ein älterer Onkel mit gemütlichem Tonfall las Geburtstagsglückwünsche vor, die Hörerinnen und Hörer an den Bayerischen Rundfunk geschickt hatten, verbunden mit einem Musikwunsch. Es wurde Oma zum achtzigsten Geburtstag gratuliert oder den Großeltern zur Silberhochzeit. Korrespondierend zum Alter der Jubilare wurde altmodische Musik gespielt, Evergreens und Operettenlieder oder auch mal ein schöner Wiener Walzer. Richard Tauber wurde auch sehr gerne gewünscht. Ich saß dabei auf der Kücheneckbank und durfte die frisch gebügelten Taschentücher übereinander legen oder auch was malen. Vielleicht habe ich auch schon Hausaufgaben gemacht, aber das weiß ich nicht mehr, ich war doch noch klein!

Das ist mir alles gerade wieder eingefallen und ich habe herausgekriegt, wie die Erkennungsmelodie war, nämlich der Walzer „Gold und Silber“ von Franz Lehár. Hier von den Wiener Philharmonikern unter John Eliot Gardiner gespielt. Nach dem Vorspiel kommt ab Minute 1:20 die Hook, die kennt jeder! Mit diesem festlich eleganten Lehár-Walzer möchte ich heute Ina zu Ihrem Wiegenfest gratulieren! Harry Styles feiert heute ebenfalls Geburtstag, auch ihm ist dieses kleine Glückwunschkonzert zugedacht, er liest ja sicher mit. Und ein paar Walzertöne kommen bestimmt auch im Himmel an, bei Glark Gable und Lisa Marie Presley, die heute ebenfalls Geburtstag gehabt hätten. Mit den erdenklich besten Glück- und Segenswünschen für ein goldenes neues Lebensjahr, droben im Himmel und hienieden auf Erden!

31. Januar 2023

Atmosphärisch ungeheuer dichter Song von David Crosby, veröffentlicht vor drei Jahren, „Rusty and Blue„. Ich erwischte davon einen Fetzen in einer Doku über ihn, die sehr sehenswert ist, „Remember my Name, in der arte-Mediathek. Ich bin schlicht nicht in der Lage zu beurteilen, ob die Doku auch für jemanden interessant ist, den die Musik von Crosby, Stills & Nash & Young nicht durch Jugendjahre begleitet hat. Es ist ein sehr ungewöhnliches, charaktervolles Portrait einer störrischen Persönlichkeit. Gerade das gefiel mir darin an ihm. Und wie er gegen Ende klein bei gibt, demütig und doch aufrecht zugibt, wie oft er sich menschlich daneben verhalten hat und es ihm leid tut. Ein starker, ungewöhnlicher Film. Der Song „Rusty and Blue“ auch, stark und ungewöhnlich. Ich wusste gar nicht, dass er so eine intensive Beziehung mit Joni Mitchell hatte. Also nicht ZU, sondern MIT. Wie gesagt: ich vermag nicht einzuschätzen, für wen, der das liest, dieser Film von Interesse ist. Bei „Rusty and Blue ist außerdem bemerkenswert, dass sich David Crosby einen relativ jugendlichen Ton seiner Stimme bewahrt hat, er klang 2020 nicht wie kurz vor Achtzig. Im selben Alter hatte Udo Jürgens wesentlich stärkere, altersbedingte stimmliche Einbußen, und er wollte es nicht wahrhaben, äußerte allen Ernstes, er würde im hohen Alter besser singen als je zuvor. Da hat wohl auch das Gehör nachgelassen. Eine häufige, tragische Beobachtung bei Berufs-Sängern. Aber zum Glück sind ihre besten Zeiten und Aufnahmen für immer und ewig konserviert. Mögen beide in Frieden ruhen.

31. Januar 2023

Es gibt existenzielle Momente im Leben, die einem auch in genau dem Moment bewusst sind. Begleitet von innerem Zittern, großer Aufregung. Wenn man den Ausgang einer Entwicklung nicht kennt, aber weiß, das könnte jetzt ein Wendepunkt werden. Ich hatte das schon einige Male im Leben, zuletzt vorgestern, am Sonntag Abend. Ich hatte in den letzten drei Monaten, seit Oktober 2022 erfolgreich verdrängt, dass es eine Veränderung bei der Konstellation mit meiner kleinen Werkstatt geben könnte. Wenn es zu meinem Nachteil wäre, würde ich mich in einer mir wichtigen Hinsicht neu orientieren müssen. Ich habe ein Liebesverhältnis mit meiner kleinen Werkstatt. Sie empfängt mich immer mit offenen Armen, bereichert mich seelisch, wärmt mich, lässt mich Raum und Zeit und alle Schwierigkeiten irdischer Existenz vergessen. Der Flow und die damit verbundene Erholung stellt sich immer ein. Was mache ich, wenn ich das verliere? Kann ich mir je wieder etwas Vergleichbares leisten? Wohin mit all den Bildern….? Meinem Herzblut? Gestern teilte ich Lydia mit:

„(…) hab gerade der neuen Vermieterin meines Ateliers geschrieben, es ist die Witwe meines Vermieters, hab ihr mein Beileid ausgedrückt und dass ich froh bin, dass sie es übernimmt…. (…) bin so erleichtert deswegen… hab ihren Brief gestern spätabends in der U-Bahn aufgemacht und gelesen, total aufgeregt, was da jetzt drinsteht, war eine liebe Karte drin mit Foto von ihrem verstorbenen Mann und Danksagung für die Beileidsbekundungen und dass sie das Haus selbst weiterverwalten möchte. Uff.

Liebe Frau (…).,

als langjährige Mieterin in der (…) Straße (…)7, möchte ich mich hiermit gerne bei Ihnen melden und Ihnen mein Mitgefühl aussprechen. Ich habe erst am Wochenende die Karte und Ihr Schreiben aus dem Briefkasten geholt, nachdem ich mehrere Wochen mit einer Lungenentzündung krank war. Jetzt bin ich erholt und wieder regelmäßig dort.

Es ist mir auch ein Anliegen, Ihnen zu sagen, dass Herr (…). für uns Mieterinnen und Mieter ein Glücksfall war. Nie davor und danach habe ich in einem Mietverhältnis so ein Verantwortungsgefühl und so eine Fairness erlebt. Menschlich ein ganz großer Verlust, auch wenn man als Mieterin nur gelegentlich Kontakt hatte. Als ich den Aushang im Oktober sah, war ich regelrecht geschockt. Sie können sich denken, dass einem vieles durch den Kopf geht, wenn eine Änderung des Mietverhältnisses ansteht. Umso froher bin ich, von Ihnen zu hören, dass Sie die Verwaltung in Nachfolge Ihres Mannes übernehmen werden.

Sie wissen ja, dass ich die kleine Wohnung als Atelier zum Malen nutze (…) es ist für mich der dritte Raum, der mir in meiner eigentlichen Wohnung fehlt. Ich bin bis heute unendlich dankbar, dass ich diese kleine Einzimmerwohnung in der zweiten Etage vor zwanzig Jahren gefunden habe und Herr (…). hatte auch keine Einwände. Er meinte nur: „Hauptsache, die anderen Mieter werden nicht belästigt. Wenn es nicht im Treppenhaus nach Farbe riecht, dann ist es völlig in Ordnung.“ Da konnte ich ihn beruhigen, da ich lösungsmittelfreie Farben benutze, ich male mit Acryl, das riecht gar nicht.

Es ist eine sehr stabile und nette Mietergemeinschaft mit einem freundlichen Umgangston in dem Haus, man fühlt sich wohl und sicher. Ich bin mir sicher, dass das unter Ihrer sorgsamen Verwaltung auch so bleiben wird, dafür und auch sonst wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute.

Mit freundlichen Grüßen

Gaga Nielsen
vom gaga-atelier

30. Januar 2023

Heute: Gaga Rebroff. Jüngere Leser fühlen sich vielleicht eher an Jay Kay von Jamiroquai erinnert, aber ich möchte heute Ivan Rebroff ehren. Als ich klein war, trat er in mindestens jeder zweiten Fernsehshow auf. Später kam raus, dass er gar kein Russe, sondern Berliner war! Ein schlimmer Fall von kultureller Aneignung, der aber inzwischen verbüßt sein dürfte, da Herr Rebroff Zweitausendacht das Zeitliche gesegnet hat, und wenn er dafür in die Hölle gekommen ist, fünfzehn Jahre Fegefeuer hinter sich hat. Das sollte langen, nach meinem Dafürhalten. Ich persönlich trage solcherlei Mützen aus medizinischen Gründen, sie wurden mir von meinem Leibarzt verschrieben. Ich fühle mich seither schon viel besser! Als nächstes probiere ich eine blauschwarze Waschbärmütze aus echt Webpelz aus, von der ich mir ebenfalls sehr gute medizinische Erfolge verspreche. Ich berichte zeitnah!

30. Januar 2023

Also die Versace-Brille lässt mich doch sehr autoritär aussehen. Sie erfüllt ihren Zweck als Windschutzbrille, aber sonst ist sie mir ein bißchen zur klobig. Mein Gott ja, ich habe online bestellt, ohne aufzuprobieren, weil mir die Greca-Intarsien im Bügel so gefallen haben, und das Damen-Modell war mir zu schmetterlingshaft verspielt, aber dieses Modell für den Herrn lässt mich doch sehr hart und unerbittlich aussehen, so bin ich doch gar nicht! Zwar hilfreich, wenn man nachts in dubiosen Ecken unterwegs ist, was auch regelmäßig der Fall ist (ich fahre U8), aber da habe ich wieder das Bedürfnis, die Brille abzusetzen, wenn es endlich mal keinen kalten Wind gibt. Ich muss doch immer weinen, wenn mich kalte Luft umweht. Habe ich neulich auch in einem Ärzteblatt gelesen, dass gegen tränende Augen draußen eine Sonnenbrille hilft. Das weiß ich schon lange. Aber die hier würde ich ganz gerne an jemanden weitergeben, der sie besser tragen kann. Ein Mann!

29. Januar 2023

Gestern und auch heute ist das mein vor-die-Tür-zur-U-Bahn-geh-Outfit. Ich nenne es „Gaga Fuchs“, wegen der Form der Mütze. Maler-Meister Ernst Fuchs hat immer ähnlich geformte Mützen und Kappen getragen, dafür war er bekannt. Ich gedenke seiner gerne, umso mehr, als ich vor neun Jahren durch seine herrliche Otto-Wagner-Villa im Wiener Bezirk Hütteldorf spazierte. Da lebte er noch, hatte sich aber in die privatesten Räume zurückgezogen. Von allen begehbaren Räumen und Salons habe ich unendlich viele Fotos gemacht, auf einigen bin ich auch zu sehen, die hat Duke geschossen, den ich nach vielen Jahren in Wien wiedertraf. Hier ist die ganze Sammlung mit den Bildern der Fuchs-Villa und auch des Gartens mit herrlichen Skulpturen. Muss man gewesen sein, muss man gesehen haben. Ich empfehle mich, Gaga Fuchs

28. Januar 2023

Vor dem Zubettgehen (Eurem, nicht meinem) noch ein schneller Eintrag mit Lokalkolorit. Ich komme gerade von der U-Bahnfahrt von meiner Werkstatt heimwärts. Was in keinem Reiseführer steht: seit mindestens einem Jahr hat das Ansageband „Zurückbleiben bitte“ manchmal einen Hänger. Lustige Hänger! Es gibt einen Hänger, der macht, dass die Ansage ganz schnell rappt: „ZurückbleibenZurückbleibenZurückbleiben!!!“ Sehr schmissig und irgendwie Berlin-gemäß. Dann gibt es aber auch noch die Variante, die meine allerliebste ist, dass das „Zurückbleiben“ verschluckt wird und der Mann nur noch „Bitte….!!!“ sagt. Immer wieder, mit so einer kleinen Pause dazwischen, fast flehentlich: „BITTE….!!!“. Ich stelle mir dann vor, dass er seine Freundin oder Frau anfleht, ihn nicht zu verlassen. Er hat nämlich eine sehr gefühlvolle Stimme und er tut mir dann immer so wahnsinnig leid. Ich mag ihn einfach. Ich stelle ihn mir So Ende Dreißig, Anfang Vierzig vor, mit braunen Haaren, schlank und glatt rasiert. Ein athletischer, aber romantischer Typ mit dunkel blickenden, gefühlvollen Augen. Wie Bambi oder ein treuer Hund. Mich hat noch nie ein Mann angefleht: „Bitte, verlass mich nicht…!“ Ich hab auch noch keinen verlassen, also nicht so richtig, das ist nicht mein Stil. Das wollte ich mal erzählen. Bißchen Berliner Lokalkolorit und was mir beim Ansage-Hänger in der U8 so durch den Kopf geht. Und nun gute Nacht!

26. Januar 2023

Am Sonntag wurde nicht nur Abschied von Lisa Marie Presley in Memphis genommen, sondern auch vom Rickenbacker’s Music Inn in Berlin. Ich war bei diesem Abschied leider nicht dabei. Der Berlin Beat Club hatte noch ein letztes mal dort gespielt, wo ich ihn oft erlebte, meistens war Ina mitgekommen. Ich habe in meinem Archiv gestöbert, welche Fotos ich dort gemacht habe, sind doch einige. Und die ich besonders mag, habe ich in ein Album gepackt, hier. Viele Erinnerungen an schöne Abende mit Musik mit Herzblut. Von Musikern mit Herz und Musik im Blut. Immer ganz nah dran. Und das war ich auch mit der Kamera: immer ganz nah dran. Mit dem Herzen dabei. Im Album: Maria, Jovica Hendrix, Hans Rohe und Hans Werner Olm, Ilka, Simone Reifegerste, Melanie, Karl, Martin Goldenbaum, Gabi, Tom vom Berlin Beat Club und viele andere. Eine Ära ist zu Ende. Man wird sentimental. Hier sind alle Alben zu sehen. Es gibt schon Pläne und einen Ort für neue regelmäßige open stage Sessions, im Loci Loft, das werde ich mir bald einmal anschauen. Live Musik ist einfach das Schönste. Wir sehen uns.

24. Januar 2023

Vor elf Jahren, im Januar 2012, veröffentlichte Lisa Marie Presley dieses Lied „Storm & Grace“, das sie gemeinsam mit dem britischen Songwriter Richard Hawley komponiert hatte und ihrem damals zwanzigjährigen Sohn Benjamin widmete. Acht Jahre später nahm er sich sein Leben, das brach ihr das Herz. Ich habe mich nie großartig mit Lisa Marie Presley als Songwriterin und Sängerin befasst. Man kriegte das mit, dass sie musikalische Ambitionen hatte, schon als sie noch sehr jung war, aber da sie nie in irgendwelchen Charts auftauchte, vergaß man es auch wieder. Ich finde Storm & Grace sehr hörenswert. Geht ins Blut, ins Herz.

23. Januar 2023

Sind eigentlich Vornamen wie Ralph und Holger schon wieder in Mode? Fällt mir gerade ein, weil ich soeben eine Mail erhielt, wo der Doppel-Vorname des schon etwas älteren Kuriers (schätzungsweise Anfang Sechzig), der mir gerade etwas gebracht hat, vermerkt war.

Als ich zur Schule ging, gab es jede Menge Ralph und Holger, aber auch Thomas und Jürgen und Michael waren immer mehrfach in der Klasse vorhanden. Und Klaus! Kläuse gab es am laufenden Meter! Und Stefan. Und Norbert. Den Namen fand ich immer besonders unattraktiv.

Des weiteren Peter und Alexander. Aber nicht Peter Alexander! So alt bin ich noch nicht. Das Elternhaus von den Alexandern war meistens etwas gehobener, besser situiert, gerne mal mit akademischem Hintergrund, sie sahen meistens auch ganz gut aus. Ebenso die Michaels, und Christian war auch fast schon ein Garant für eine gewisse Hübschheit.

Thomas und Jürgen waren eher solider Durschnitt. Unkomplizierte Typen. Christian, Michael und Stefan waren romantischer. Manche hießen auch Hartmut, damit konnte ich gar nichts anfangen. Einfach spröde!

Nicht zu vergessen: Harald, Sebastian, Martin, Jochen und Bernd! Und Uwe, manchmal auch Kai-Uwe. Nur Kai war dann schon sehr hip und geradezu extravagant modern. Kai-Eltern wohnten in Bungalows. Jörg, Dietmar und Thorsten fand ich jetzt nicht so prickelnd vom Namen her. Süß dagegen waren die Bernhards.

Ein bißchen Mitleid hatte man mit Herbert, Günter, Helmut, Horst und Dieter. Die hatten meistens ganz altmodische oder auch ältliche Eltern und dann hat man sich ein bißchen für die Eltern mitgeschämt, die man gar nicht gekannt hat, weil sie ihr Kind mit so einem uncoolen Namen beleidigt haben. So hat man das eben früher empfunden.

Kristof oder Christoph und Matthias gab es auch in jeder Klasse, das waren ganz coole, schmerzfreie Vornamen. Irgendwie okay! Christoph mit C war etwas romantischer veranlagt als Kristof mit K und kam auch meist aus gutem Hause!

P.S. Ganz vergessen: die ganzen Rainers und Reiners und Reinholde und Reinhards. Auf die Udos und Thilos kann ich jetzt nicht auch noch eingehen, das waren aber auch nicht ganz so viele.

23. Januar 2023

Ich war gerade in der Zahnarztpraxis meines Vertrauens. Es gibt ein neues Ärzte-Team, sieht ansonsten alles aus wie früher, auch die Behandlungsräume. Auf dem Stuhl saß ich in den letzten zwanzig Jahren schon oft. Dann drehte ich in einer kleinen Pause, in der die junge Zahnärztin irgendetwas zahntechnisches im Nebenraum werkelte, den Kopf nach links. An der Wand hing ein neues, gerahmtes Farbfoto. Darauf zu sehen: die Auslage einer Bäckervitrine, herzförmige Muffins mit Zuckerguss in Schmetterlingsform, appetitlich auf Tortenspitze arrangiert. Das ist doch eine sehr ansprechende Wandgestaltung für einen Behandlungsraum beim Zahnarzt. Der Patient wird nicht mit medizinischen Schautafeln geschulmeistert, sondern genau da abgeholt, wo er sich wohlfühlt. Hardenbergstr. 20, Charlottenburg. Rechts von C/O, am Bahnhof Zoo. Angela Winkler geht da auch seit Jahren hin, habe sie mehrfach im Wartezimmer angetroffen!

21. Januar 2023

Ich bilde mich fort: zufällig DSDS erwischt, wusste nicht, dass das wieder kommt, Bohlen ist auch wieder dabei und zwei junge Damen, von denen ich noch nie etwas gehört oder gesehen habe. Die eine sieht aus wie die Zwillingsschwester von Gisele Bündchen, die andere, wohl eine Rapperin, hat viel machen lassen. Aber beide scheinen das Herz am rechten Fleck zu haben. Mal gucken, was noch so kommt.

P.S. der Zwilling von Gisele ist eine englisch singende Popsängerin namens Leony, bürgerlich Leonie Burger aus einem Ort im Bayrischen Wald, die manchmal in der Jury mitsingt, was sich ziemlich gut anhört, für meinen Geschmack besser, als der etwas affektierte Gesang in ihren sehr mainstreamigen Popliedern. Die kunterbunt aufgestylte Rapperin heißt Katja Krasavic und kommt aus Leipzig und liebt etwas altbacken aufreizende, preisgünstig wirkende Posen und Themen in ihrem musikalischen Oeuvre. Hat Peep Show-Qualität. Wer es mag. Jeder, wie er kann und will. Ich gebe da nicht die Gouvernante oder Oberstudienrätin. Für mich persönlich langweilig, aber ich respektiere das individuelle Geschäftsmodell.

P.P.S. oh je… musikalisch NICHTS verpasst, in dieser dritten Folge der neuen Staffel. Bohlen wirkt auch ungeduldig bis genervt. Dass die Rapperin aus der Jury stark lispelt, ist auch keine Musik in meine Ohren. Nun schalte ich ab, da im Werbeblock gerade angedroht wurde, dass die Folgesendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ heißt. Mir zu unappetitlich. Tratsch und intime Bekenntisse immer gerne, aber nicht in Verbindung mit langweilig-sportiven und ekligen Prüfungen in unglamourösem Ambiente mit XYZ-Promis mit strähnigen Haaren in ewig gleichen Outdoor-Klamotten.

20. Januar 2023

Heute schaue ich mal wieder Nachtcafé im SWR mit Michael Steinbrecher. Ich muss ihn loben. Er macht das so gut und es werden echte Gespräche mit Tiefgang geführt, keine dieser Talkrunden, wo nur das neue Produkt des Gastes promotet wird. Obwohl das sicher auch alles seine Existenzberechtigung hat. Ich mag das Konzept, Gäste einzuladen die ein ähnliches Thema in ihrer Biographie haben und das zu vertiefen. Sehr bereichernd. Oft erlebte ich schon, dass ich auf einen prominenteren Gast gespannter war, als auf einen weniger bis gar nicht bekannten Menschen, aber die vermeintlichen Mauerblümchen-Gäste noch fesselnder erzählten. Wenn das routinierte Kamera-Bewußtsein wegfällt, bin ich oft angerührter. Gerade die Mischung ist gut. Ein feines Format. Heute mal wieder ein Thema zur Liebe. Immer um 22 Uhr am Freitag im SWR. Tatsächlich die einzige Talk-Sendung, die ich überhaupt noch verfolge.

19. Januar 2023

Wenn ich morgens aufstehe, gehe ich zuerst ins Wohnzimmer, zur Musikanlage, schalte sie an, es dauert ein paar Sekunden bis sie hochfährt, dabei ziehe ich die doppelten Fensterrollos zur Auguststraße hoch, vom Fenster, und vom verglasten Balkon, fünf Stück, dann gehe ich wieder zur Musikanlage und drücke auf play. Sonst gehe ich dann in die Küche und setze Kaffeewasser auf, danach ins Bad, Zähneputzen und unter die Dusche. Heute aber habe ich den Mond gesehen, diese märchenhafte Sichel über dem Park Inn am Alexanderplatz und bin nicht in die Küche, sondern habe die Kamera geholt und zuerst Fotos gemacht. Heute morgen um 7:36 Uhr. Dann erst bin ich in die Küche, hab das Kaffeewasser aufgesetzt, das Kaffeepulver in die French Press eingefüllt, meine Lieblingstasse aus dem Schrank geholt, und dann ins Bad. Duschen, Zähneputzen und so weiter. Wenn ich geduscht bin, kocht das Wasser und ich gieße den Kaffee auf. Als ich nach dem Fotos machen ins Bad ging, kam Yello, von der Platte „You gotta say yes to another excess“ von 1983, ewig nicht gehört.„I love you“ und Lost again …I wish the wind was cold, I wanna hold you, Baby hold, hold me in your arms… und so weiter und so fort. Beides vollkommen unerwartet, der Mond und Yello. Vollkommener Moment, ich tanzte zur Dusche. Der Mond stand heute früh im Zeichen Schütze. So eine schöne Sichel. Wo ich das Park Inn Hotel so hässlich finde, aber der Mond hat es heute verzaubert.

18. Januar 2023

Heute zu faul und uninspiriert zum Bloggen. Lege noch fünf Minuten getrocknete Wäsche zusammen, um mir etwas Tatkraft zu beweisen. Ich habe es auch gerne schön aufgeräumt. Vermittelt rein optisch das Gefühl, nichts tun zu müssen, sehr erholsam für mein Wohlbefinden. Durcheinander in der Wohnung fühlt sich für mich weder kreativ noch künstlerisch an. Das sind billige Klischees, die schlecht organisierten Zeitgenossen, die auch sonst nicht sehr schöpferisch auffallen, wohlfeil als Entschuldigung herhalten! Da ich ja sonst sehr fleißig und tatkräftig bin, darf ich es heute auch mal beim Wäsche Zusammenlegen belassen!

15. Januar 2023

Wie vor ein paar Tagen in einem Eintrag angekündigt, gibt es nun exclusives Bildmaterial von meiner Konfirmation im März 1978 mit dem Hosenanzug-Outfit und dem Glitzerschal. Überrascht nahm ich vorhin zur Kenntnis, dass noch eine andere Konfirmandin einen Hosenanzug anhatte. Aber ohne Glitzerschal! Den sieht man nur auf dem Gruppenfoto, auf den Einzelfotos habe ich ihn nicht an, vielleicht war er mir zu warm. Scheint ein sonniger Märztag gewesen zu sein. Mein Bruder ist nicht auf dem Gruppenfoto, ich kann mich dunkel erinnern, dass es noch ein anderes gab, das ich aber nicht hier habe, da hat er sich an den äußersten Rand links gedrückt, er hasste es, fotografiert zu werden, zumal in einem spießigen Anzug. Ich glaube, seiner war ein brauner Cordanzug. Außerdem hatte er gerade eine Brille bekommen, die er ebenfalls hasste. Zum Friseur musste er auch, was er genauso hasste! Es war nicht sein schönster Tag. Meiner auch nicht, aber ich habe versucht, was draus zu machen. Ich wirke auf dem Gruppenfoto ganz gut gelaunt. Ich fühlte mich in meinen Klamotten wohl. Nicht unwichtig! Der Hosenanzug war schwarz, nicht dunkelbraun, das wirkt nur auf den vergilbten Fotos so. Ich glaube, das waren sogar mal Farbfotos, die ihre Farbe in den Jahrzehnten verloren haben.

Atmosphärisches P.S. zum Eintrag: am 12. März 1978 auf Platz Eins der deutschen Charts: „Mull of Kintyre“ von Paul McCartney und seinen Wings, das ich liebte, auf Platz drei Bonnie Tyler mit „Its a heartache“, auch ganz ok. Hingegen absolut indiskutabel fand ich Platz zwei, „Das Lied der Schlümpfe“ von Vadder Abrahahm. Selbst als Kind hätte mir das nicht gefallen, obwohl wir natürlich Schlümpfe hatten und sammelten. Albern und kindisch und witzlos und musikalisch unter aller Kanone fand ich das Schlümpfe-Lied. Sehe ich heute nichts anders. Klamauk hat in den Musik-Charts nichts verloren!

14. Januar 2023

Noch ein Werk von Bram van Velde. Etwas lebhafter, so wie ich gerne wieder wäre. Leider immer noch nicht komplett wiederhergestellt, Kräftepegel ist so mittelmäßig, ich fühle mich normalerweise sehr kräftig, also so kräftig, dass ich meine, ich könnte Bud Spencer umhauen. Ich war schon wieder fast vier Wochen brav arbeiten, aber mehr ist nicht drin, reicht ja auch. Und nun Wochenende mit nirgends hingehen, trotz Einladungen. Das ganze Herumgesterbe muntert mich auch nicht auf. Aber ich bin schon grundsätzlich auf dem aufsteigenden Ast. Der kräftemäßige Übermut fehlt halt noch. Dass ich mal mit der S-Bahn Wohinfahren nicht schon als anstrengende Action empfinde. Und das viele An- und Ausziehen. Mehrere Schichten, Schal, Mütze, Handschuhe… dass es über Null Grad hat, führt bei mir komischerweise nicht zu dem Empfinden, dass ich davon was weglassen könnte. Für mich ist der Wind im Gesicht immer kalt. Kalt genug für die ganze Verpackung. Bin da gar nicht hart im Nehmen. Das viele Daheimsein hat aber dazu geführt, dass ich viele Nähsachen erledigt habe, wo was zu reparieren war. Auch nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber danach ist es toll. Also den Saturday-Night-Fever-Glitzer-Konfirmationsschal hab ich auch fertig auf den flauschigen Schal aufgenäht. Ich bitte um Geduld, was meine Ausgeh-Verfassung angeht. Arbeite am Reset zur Werkseinstellung. Tatsächlich hab ich sogar an Silvester nach Mitternacht im Wohnzimmer getanzt, ein plötzlicher Schub, als von meiner Festplatte ein mir völlig unbekannter japanischer Discosong kam, keine Erinnerung warum, wann, wieso abgespeichert, aber sehr gut zum Tanzen und danach kam von den B52s „Song for a Future Generation„, den lieb ich ja so, mit den ganzen Sternzeichen, so ein süßer Text. Nach dem Getanze war ich sofort reif fürs Bett. Uff. Zwei Tänze und schon erledigt, das ist nicht normal! Sonst konnte ich zwanzig Tänze! Aber das wird wieder.

Wanna be the ruler of the galaxy?
Wanna be the king of the universe?
Let’s meet and have a baby now!


Wanna be the empress of fashion?
Wanna be the president of Moscow?
Let’s meet and have a baby now!

La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!

Hey, I’m Fred the Cancerian from New Jersey
I like collecting records and exploring the cave of the unknown!

Hello, I’m Cindy, I’m a Pisces and I like Chihuahuas and Chinese noodles!

Wanna be first lady of infinity?
Wanna be the nicest guy on earth?
Let’s meet and have a baby now!

La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!
La! La! La! La! La!


Now! Now!
Now! Now!
Now! Now!
Now! La! La! La! La! La!

Hi, my name is Ricky and I’m a Pisces
I love computers and hot tamales

Hey, I’m Kate and I am a Taurus
I love tomatoes and black-capped chickadees

Hey, my name is Keith and I’m a Scorpio from Athens,
GA and I like to find the essence from within

Wanna be the captain of the Enterprise?
Wanna be the king of the Zulus?
Let’s meet and have a baby now!


Wanna be the daughter of Dracula?
Wanna be the son of Frankenstein?
Let’s meet and have a baby now!

Wanna be mother-father? (ooh, ooh, ooh)
Daughter-son, captain? (ooh, ooh, ooh)
Wanna be ruler-king and empress? (ooh, ooh, ooh)

13. Januar 2023

Entdeckung für meine Sammlung: „50/100, XXème Siècle“ von Bram van Velde, 61 x 84 cm. Datierung unklar. Der Niederländer Bram van Velde, geboren 1895, lebte zwei Jahre in Worpswede, lange in Paris, zeitweilig auf Mallorca, wieder in Paris, arbeitete in Genf, nahm 1964 an der documenta in Kassel teil und siedelte sich am Ende seines Lebens, seinem letzten Lebensjahr, an der Côte d’Azur an, in Grimaud, wo er auch starb. Ein wunderbares Bild.

12. Januar 2023

Endlich geschaut: Rosa von Praunheims Doku-Spielfilm „Rex Gildo – Der letzte Tanz„, in der ARD-Mediathek, sehr sehenswert. Ich war als Kind vor dem Fernseher nie ein erotisierter Fan von Rex Gildo, wenn er in der Hitparade seinen Partyschlager „Fiesta Mexicana“ sang, aber jeder kannte ihn, er gehörte zur großen Schlagerfamilie im Fernseher, wie auch Jürgen Marcus, den ich aber cooler fand. Das Lächeln von Jürgen Marcus wirkte nicht so aufgesetzt. Rex Gildo war immer etwas zu stark gebräunt und hatte schon unnatürlich weiße Zähne. Dass von ihm keine Hetero-Vibes ausgingen, spürte ich wohl auch schon als Kind. In der „Neuen Post“, einer Boulevard-Illustrierten, die bei meinen Großeltern im Wohnzimmer lag, gab es auch hin und wieder Homestories über Rex Gildo daheim mit seiner Frau, die seine Cousine war, und mit ihm aus Publicity-Gründen für Fotostrecken Ehe spielte. Was man damals natürlich nur wusste, wenn man ihn persönlich kannte. Aber selbst seine jahrelange Haushälterin glaubte, dass sein Lebensgefährte, der mit seiner Ehefrau auf dem Papier auch im Landhaus lebte, ein Onkel war und eben sein Manager. Rosa von Praunheim hat sich nun seiner Lebensgeschichte gewidmet, mit dem traurigen Ende, das ihn aus dem Fenster springen ließ. Der Film weckt große Sympathien für Rex, er geht zu Herzen. Auch wenn so vieles schwierig war, ist es doch schön, dass er über viele Jahrzehnte so eine tiefe, innige Liebesbeziehung mit seinem Manager hatte, der ihm viel Halt zu geben schien. Das erleben auch nicht viele, so eine stabile und lange Liebe. Und auch nicht so eine späte Ehre, einen hingebungsvollen Dokumentarfilm mit grandioser Besetzung in den Spielszenen, wie zum Beispiel Ben Becker, der seinen Lebensgefährten spielt. Nicht als Schlagerfan, der ich nicht bin, obgleich mich rückblickend einige Schlager sehr amüsieren, sondern als mitfühlender Mensch empfehle ich den Film. Und als Fan von Rosas Filmkunst. Wirklich herzerwärmend.

11. Januar 2023

Tatjana Patitz ist heute in Kalifornien gestorben. Das trifft mich in gewisser Weise, weil sie meine Generation war, sechs Monate jünger als ich. Sie war sehr krank. Die ganzen legendären Supermodels der Neunziger waren mir früh präsent, weil ich ab Mitte der Achtziger Jahre sehr regelmäßig Vogue und Harper’s Bazaar las, ich besitze die alten Jahrgänge immer noch, und ich horchte immer auf, wenn man in diesen Tagen wieder von ihnen hörte. Wie zum Beispiel von Linda Evangelista, genauso alt wie ich. Was wurde aus ihnen, wie waren die privaten Entwicklungen, und wie hatten sie sich gehalten… Es ist okay, wenn ein jüngerer Mensch, oder jemand mit weniger Interesse an High Fashion und Fotografie keine Ahnung hat, wer Tatjana Patitz war. Ist mehr eine persönliche Notiz für mich selbst. Am Schönsten hat sie wahrscheinlich Peter Lindbergh eingefangen, dem ich zum Glück einmal persönlich begegnete, ein sehr amüsantes Aufeinandertreffen, zuerst mit seinem launigen Verleger Herrn Schirmer und dann mit ihm. Wir hatten einen Draht, was ich gehofft hatte. Er ist auch auf der anderen Seite, wie ich es immer so denke. Die andere Seite unserer Welt, die unbekannte. Rest in Peace, liebe Tatjana Patitz.

Naomi, Linda, Tatjana, Christy, Cindy, Foto: Peter Lindbergh

10. Januar 2023

Heute: Handarbeiten. NEIN! Nicht gähnen, bitte weiterlesen! Ich nähe von Hand einen langen, netzartigen, eisgrauen Schal mit Lurexfäden auf einen flauschigen hellgrauen Fransenschal. Dann habe ich einen passenden Schal zu meinem Silberoutfit, der was hermacht und nicht kratzt. Der glitzernde Schal war das erste etwas extravagantere Kleidungsstück, das ich je besaß.

Es muss 1978 gewesen sein. Die Konfirmationsfeier stand an. Mein Bruder, der nur anderthalb Jahre älter war, war vierzehn, dem damals üblichen Alter für die Konfirmation. Ich war zwischen zwölf und dreizehn und unsere Eltern hielten es für eine gute Idee, uns gemeinsam zum Konfirmanden-Unterricht zum Pfarrer zu schicken.

Der Unterricht wurde in einer Nachmittagsgruppe mit den anderen Konfirmanden im Alter meines Bruders abgehalten. Für die Feier war es üblich, ein festliches schwarz-weißes Ensemble anzuziehen, die Mädchen üblicherweise ein schwarzes Kostüm mit weißer Bluse oder ein schwarzes Kleid, gerne aus Samt, mit einem weißen Kragen. Von den pubertierenden Jungs wurde erwartet, zu diesem Anlass einen Anzug tragen. Nicht sehr beliebt bei vierzehnjährigen Jeans-Trägern in den Siebziger Jahren.

Ich sträubte mich vehement, eines der zur Auswahl stehenden artigen Kostüme oder Kleider zu tragen, ich fand das nicht schick und modern. Ich wollte einen Hosenanzug! Ich war absolut stur und kämpferisch und Hosenanzüge für Mädchen und Frauen waren sowieso gerade in Mode, so dass es in der Abteilung mit Konfirmanden-Kleidung tatsächlich einen einzigen schwarzen Hosenanzug aus Samt gab. Die Hose natürlich mit Schlag. Dazu eine rüschenfreie weiße Hemdbluse und als Krönung diesen silbern glitzernden langen Schal, einmal um den Hals geschlungen, die Enden hingen lässig bis zur Hüfte, über das Samtrevers des taillierten Blazers.

Den Samtblazer zog ich später fast täglich zur Schule an, das war cool und angesagt. Den Schal auch. Mit dem konnte man zur Plattenparty gehen, der Wochenend-Disco für Jugendliche im evangelischen Jugendheim! Dazu Kajal, Wimperntusche und Lipgloss mit Mandarinengeschmack! Es gab die Hits von Saturday Night Fever, die wir liebten: Stayin Alive und Night Fever, yeah! Und die Moves des unfassbar gutaussehenden John Travolta, uhh…! Die anderen Mädels aus der Konfirmandengruppe hatten von ihrer Konfirmation leider keine Teile, die sie zur Plattenparty hätten anziehen können.

Aber noch eine Extravaganz wurde mir zur Konfirmation gestattet: schwarze, hochhackige Nappaleder-Stiefeletten. Spitz zulaufend, zehn Zentimeter Absatz. Todschick! Die teuersten Schuhe, die ich bis dahin hatte. Ich fühlte mich richtig erwachsen damit. Ich war bereit für John Travolta! Auch die trug ich gerne und oft danach.

Ich war mit diesem Ausgeh-Outfit wohl die coolste Konfirmandin im ganzen Land, zumindest 1978, und fühlte mich sehr rebellisch und wegweisend! Es gibt kein anderes Kleidungsstück, das ich von den Siebziger Jahren in mein Erwachsenenleben rübergerettet habe, außer diesen Glitzerschal mit der aufregenden Disco-Aura von Saturday Night Fever. Wenn ich das gute Stück auf den weichen Fransenschal aufgenäht habe, mache ich ein Foto davon und schaue, ob ich auch eins von der Konfirmation finde.

09. Januar 2023

Ich habe da mal was vorbereitet. Heute früh kam von meiner nach Alphabet durchgehörten Festplatte, Udo Lindenberg mit einem Herzschmerz-Lied, bei dem mir durch den Kopf ging, dass man keine Liebesballaden mehr komponiert, wenn eine Sache durch ist. Das ist natürlich auch das Entlarvende an dem Lied, welches da heißt „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“. Ein thematisch ähnlich gestrickes Werk gibt es von den Ärzten, Text vermutlich von Farin Urlaub, es heißt: „Nie gesagt“. Um den Widerspruch noch auf die Spitze zu treiben, habe ich mir erlaubt, gewissermaßen kuratierend, aus beiden Texten einen zu machen. Ganz erstaunlicherweise reimen sich die Zeilen mitunter sogar. Müsste nur noch vertont werden. Hier wäre schon mal der fertige Text:

„Ich wache auf und das Bett ist leer
Es tut nicht mehr weh
Das stört mich eigentlich gar nicht mehr
Endlich nicht mehr weh
Auch sonst ist alles in Ordnung soweit
Wenn ich dich zufällig mal wiederseh′.

Da wär‘ nur noch eine Kleinigkeit
Es ist mir egal
Du hast gesagt, ich schaff‘ es nie ohne Dich
Sowas von egal
Ich hab‘ gehört, daß Du das allen erzählst
Und mein Puls geht ganz normal.

Das finde ich absolut lächerlich
Mußt nicht glauben
Ich hab‘ doch nie gesagt, daß Du mir fehlst
Daß ich ohne dich nicht klarkomm‘
Du fehlst mir
Ich komm′ sehr gut zurecht.

Ich hab‘ gesagt, Du interessierst mich nicht mehr
Kannst ruhig glauben:
Jetzt merke ich, es ist ziemlich schwer
All die ander’n Frauen
Ich hab‘ gesagt, Du bist mir egal
Die sind auch nicht schlecht.

Jetzt sehe ich Dein Gesicht überall
Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr
Ich hab gesagt,
Das ist aus
wie sehr ich mich freue
Vorbei und lange her.

Daß Du Dich sicherlich heimlich quälst
Endlich geht′s mir wieder gut
Ich hab‘ soviel gesagt, was ich jetzt bereue
Und ich hab′ jede Menge Mut
Aber: Ich hab‘ doch nie gesagt, daß Du mir fehlst
Und ich steh‘ da richtig drüber.

Ich wache auf und Du bist nicht hier
Den Fernseher, den ich eingetreten hab′
Doch in Gedanken bin ich immer bei Dir
Den hat die Versicherung voll bezahlt.
Ich war zu stolz um zuzugeben
Die Wohnung sieht jetzt anders aus

Ohne Dich kann ich nicht leben
Nichts erinnert mehr an dich
Das geht nur uns beide was an
Ich hab‘ alles knallbunt angemalt.
Ich möchte, daß Du es für dich behältst
Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen kann

Damit ich weiterhin behaupten kann:
Geh′ ich in die Kneipe und sauf‘ mir einen an.
Ich hab‘ doch nie gesagt, daß Du mir fehlst
Du sagst, Da wär′ ’ne Trauer in meinem Gesicht
Du fehlst mir
Was für’n Quatsch! Das ist doch nur das Kneipenlicht.

Ich hab‘ gesagt, Du interessierst mich nicht mehr
Ich lieb′ dich überhaupt nicht mehr
Jetzt merke ich, es ist ziemlich schwer
Das ist aus, Vorbei und lange her.
Ich hab‘ gesagt, Du bist mir egal
Guck mich bitte nicht mehr so an

Jetzt sehe ich Dein Gesicht überall
Faß mich bitte nicht mehr so an
Ich hab gesagt,
Das zieht bei mir nicht mehr
wie sehr ich mich freue
Geh doch einfach weiter

Daß Du Dich sicherlich heimlich quälst
Es hat keinen Zweck.
Ich hab‘ soviel gesagt,
Ey du weißt doch
was ich jetzt bereue
Sonst komm′ ich da niemals drüber weg

Aber: Ich hab‘ doch nie gesagt,
Ich komm‘ da niemals drüber weg
daß Du mir fehlst
Geh doch einfach weiter.
Du fehlst mir.“

Bitte die Urheberrechte beachten und immer alle drei Textautoren erwähnen: Udo Urlaub, Farin Nielsen, Gaga Lindenberg.

08. Januar 2023

Die Mützenparade geht weiter! Heute: Silber-Schlumpf. Dieses vergleichsweise konventionelle Modell habe ich bereits in Gold präsentiert. Korrespondierend trage ich einen silbernen Daunen-Anorak mit Kapuze, den ich vor drei oder vier Jahren für 19,90 bei kik erstanden habe. Vorher war ich bei Karstadt Sport und habe einen ziemlich genauso aussehenden goldenen Daunen-Anorak von Bogner besichtigt. Der hätte 749,00 Euro gekostet. Gold ist eben etwas teurer, schon klar! In Silber hat er mir noch besser gefallen, ich hab es mir nicht nur eingeredet, um zu sparen! Heute war der Himmel – sagen wir: silbergrau. Also: passende Garderobe. Schick durch den Winter, nach dem Motto: „You Got the Silver, You Got the Gold.“ Das hat Keith Richards 1969 in einem Anita Pallenberg gewidmeten Song geschrieben, der auch zu mir passt!

08. Januar 2023

FEELS LIKE HOME. Alten, brüchigen, bleigrauen Rahmen am 6. November 2022 am Straßenrand in der Gipsstraße aufgegabelt, repariert, mit Klebstoff-Wellenrelief und Blattgold und Lapislazuli-blauen Mosaiksteinen gepimpt, Patchworkstoff auf Papprückwand, Farben mit Acryl überarbeitet, 7., 8., 9., 10., 29. November und 16. Dezember 2022, 71,5 x 80 cm, Staatliche Museen von Gaganien.

07. Januar 2023

Diaoqi-Schnitzlackdeckeldose, vormals schwarz und zinnoberrot, innen blau emailliert, China, circa Mitte 20. Jahrhundert. Am 26. Dezember 2022 mit Blattgold verzaubert. Mir war danach. Die Dose kannte ich schon in meiner Kindheit, seit gut sieben Jahren steht sie bei mir, sie fiel mir um Weihnachten beim Aufräumen wieder in die Hände, es war gar nichts drin. Jetzt bewahre ich viele bunte Sicherheitsnadeln darin auf und habe sie schon mehrmals seither in der Hand gehabt. Das Blattgold hat gerade noch gereicht, mein allerletztes Vergoldungswerk im vergangenen Jahr. Ich bewahre meine Schätze gerne in schönen Schatzkästchen auf.

05. Januar 2023

Heute fällt mir nicht viel ein. Bin etwas trunken von einem Umtrunk. Daheim trinke ich keine verschiedenen Getränke. Woanders kann es schon mal passieren. Gute Nacht.

03. Januar 2023

„Vor dem Krieg empfing Madeleine Lemaire dienstags. Von April bis Juni war das IHR Tag. Ihre Gäste überraschten sie beim Malen. Im Allgemeinen Rosen. Madeleine Lemaire war mehr Künstlerin als Lydie Aubernon, für die das Geistige wichtiger war. Wenn Madame Aubernon ein Diner gab, entschied sie im voraus über die Themen, über die gesprochen werden sollte. Nahm das Gespräch eine andere Richtung, läutete sie ein Glöckchen.“

Das mit dem Glöckchen gefällt mir sehr! Autoritäres Unterbinden von Verzetteln in den Konversationsthemen. Was hat man schon unter Smalltalk und ständigem Themenwechsel in größerer Gesellschaft gelitten! Also ich. Lauer Palaver ohne Ecken und Kanten, leider oft auch ohne Frivolität oder Pikanterie. Die könnte mich noch interessieren. Nun gut. Ich persönlich ziehe tiefere Erörterungen unter vier bis sechs Augen einem gefällig mäandernden Gruppenpalaver vor.

Die erwähnten Damen, Madame Lemaire und Madame Aubernon, führten zu Lebzeiten Marcel Prousts jeweils einen eigenen gehobenen Salon in Paris, Treffpunkt der kultivierten Gesellschaft. Beide inspirierten ihn zur Figur einer Salonnière in seinem Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (welches mich beim enthusiastischen Leseversuch vor vielen Jahren nicht zu fesseln vermochte). Das eingangs Zitierte mit dem Glöckchen habe ich soeben aus der arte-Doku „Die Welt des Marcel Proust“ mitgeschrieben, die mich ansonsten, Gott sei’s geklagt, etwas langweilte. Ich fürchte, nun habe ich bald alle Kultur- und Geschichts- und Portraitdokus auf arte durch. Bitte die Mediathek neu befüllen! Dokumentationen sind mein erklärtes Lieblingsformat.

02. Januar 2023

In meiner ganz, ganz privaten (Wunschtraum-)Sammlung gibt es ein drittes Bild von František Kupka. Es ist 110 Jahre alt und heißt „Ordonnance sur verticales en jaune„, im Eigentum des Centre Pompidou in Paris. 70 x 70 cm. 1913 war das ein sehr unüblicher Stil der Malerei. Es gibt viel Palaver in der Kunstwelt darum, wer und wann in der abendländischen Kunst erstmals abstrakt malte. Nachdem nun unlängst auch noch Hilma af Klints Werk von der vorletzten Jahrhundertwende das Licht der Öffentlichkeit fand, wurden die Karten des Pionieranspruchs wieder neu gemischt. Jedenfalls liebe ich dieses Bild der gelben Vertikalen, eines der ersten abstrakten Gemälde Kupkas – und wohl überhaupt – sehr.

01. Januar 2023

Mützenmodenschau! Aus dramaturgischen Gründen mache ich nun mit einer der beiden schlichten Mützen weiter, welche ich jüngst erworben habe. Dieses Modell erfordert keinen besonderen Mut, um sich damit in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es ist eine dieser Kopfsocken, über die ich gerne auch schon einmal gelästert habe. Die aparten Goldakzente dieses Modells ließen mich mein Vorurteil überdenken. Gold-Gaga wünscht ein goldiges neues Jahr!

31. Dezember 2022

Ich wünsche allen Erdlingen und der Erde ein friedliches neues Jahr. Alderaan wurde zerstört, aber ihr seid nicht so dumm und passt auf Eure Erde schön auf, ja? Es grüßt Eure Prinzessin Leia.

P.S.: ich habe doch gesagt: extravagante Mützen! Diese hier ist ein Einzelstück für die Zielgruppe Cosplayer, mit der ich eigentlich nichts am Hut habe, aber offenbar an der Mütze! Happy New Year!

31. Dezember 2022

  1. Dezember 2012. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich vor zehn Jahren zu keiner Silvesterparty gegangen bin. Es hat mich keiner eingeladen! Das muss man sich mal vorstellen. Überhaupt habe ich mehr Silvester alleine, als in einer Partygesellschaft verbracht, aber auch oftmals ganz freiwillig. In den letzten Jahren war ich öfter mal auf Parties, gerne auch in der Paris Bar, wo der „Alte Westen“ mit Fliege und Smoking zugange war. Je oller, de doller! Heute bleibe ich auch fein daheim, aber nicht beleidigt, weil ohne Einladung, sondern wegen noch ein bißchen Ruhebedürfnis. Dass ich kräftemäßig zwar schon wieder relativ gut beieinander bin, auch nicht mehr husten muss, heißt aber noch nicht, dass es mich in Gesellschaft und zum Tanzen drängt. Das merke ich daran, dass ich in der S-Bahn mein Buch nicht aus der Tasche nehme, weil es mir zu anstrengend und umständlich ist. Mit Mütze auf dem Kopf, Maske vor dem Gesicht, dann Brille rausholen, der ganz Zirkus. Ich habe das Bedürfnis, die Augen zu schließen, bis ich am Ziel bin. So ein Schutz-Reflex. Mal sehen, ob ich es heute noch hinkriege, wenigstens ein einziges Foto zum Jahresabschluss zu machen. Ich war ja den ganzen Dezember mehr oder weniger außer Gefecht, keine Lust, meinen Zustand zu verewigen. Ich wünsche schon mal ein gutes Rüberkommen und wurstle hier gemütlich daheim herum. Auf jeden Fall werde ich später mit mir selber und Euch in Gedanken anstoßen, das gehört sich so. Und das schöne Feuerwerk werde ich auch nicht verschlafen, so müde bin ich nicht! Den erforderlichen Überblick habe ich hier oben in alle Richtungen!

30. Dezember 2022

STONES SIXTY II., 60 x 60 cm, 21., 25., 26. Juni 2022, 15., 16., 17., 18. Dezember 2022, Druckfragmente, Rosenblätter, Spiegel, Puderdose, Schokoladenverpackung, Weinetikett, Acryl, Kleber, Ausstellungskatalog, 3D-Leinwand, Staatl. Museen von Gaganien.

Zwei mich persönlich sehr berührende Weltereignisse im Jahr 2022 waren das sechzigjährige Bestehen der Rolling Stones und der Abschied von der Queen. Den Stones habe ich zwei Werke gewidmet. Das erste war dieses blaue Bild, das zweite ist das hier. Erst zufällig, aber dann doch gewahr, habe ich es am Geburtstag von Keith vollendet, am 18. Dezember. Der Queen habe ich vier Bilder gewidmet. Verarbeitet, jenen Abschied. Zeige ich Euch bald.

29. Dezember 2022

Heute war der Tag, an dem ich meinen neuen Personalausweis erhalten habe. Der letzte Akt der Wiederbeschaffungsarie persönlicher Ausweisdokumente. Hat 46 Euro gekostet, das Foto mitgerechnet. Ich lobe das Bürgeramt in der Klosterstraße über den grünen Klee. Ich war zweimal da und der Termin wurde jeweils nur um fünf Minuten überzogen, länger habe ich nicht gewartet. Waren beide Male jüngere Männer, die mich verarztet haben, die auch gerne geplaudert haben und gut gelaunt waren.

Danach bin ich wieder Richtung U-Bahn zurückgelaufen, also zum Alex. Als ich bei C&A vorbeigekommen bin, hat mich ein phantastisches Pink aus dem Schaufenster angesprungen. So ein blaues, nicht grelles, aber intensives Pink. Es war an einem Teddy-Wintermantel mit großem Revers. Ich habe eigentlich keinen Platz mehr im Schrank, aber die Farbe war wie Medizin! Ich musste ihn anprobieren. Es gab noch zwei Größen: S und L.

Ich habe beide mit in die Kabine genommen. Beide waren viel zu groß! Normalerweise bin ich mit Sachen in L ganz gut bedient. Der Mantel war runtergesetzt, ich hätte ihn mir leisten können. Aber ich habe auch in dem S-Mantel ausgesehen wie ein pinker Elefant! Wie eine Tonne. Noch nie habe ich ein Kleidungsstück angehabt, das so aufgetragen hat.

Ich hab mich ein bißchen gefreut, dass er überhaupt nicht vorteilhaft aussieht, so hatte ich kein Kleiderschrankplatzproblem vor mir. Habe beide sehr zufrieden zurückgehängt und bin heimgefahren.

28. Dezember 2022

Heute Mittag neues Buch einer mir unbekannten Autorin angefangen. Deutsche Übersetzung aus dem Englischen. Schon beim ersten Satz stilistische Desillusionierung. Es wird ein Vergleich bemüht. „An dem Nachmittag, an dem (…), war der Himmel blau wie ein Drosselei.“ W.t.f.? Der Himmel blau wie ein Drosselei? Zählt das Aussehen von Drosseleiern zur Allgemeinbildung? Soll das originell sein? Muss ich die Google-Bildersuche bemühen, um mir eine Himmelsfärbung vorzustellen? Da bin ich raus. Natürlich noch gegoogelt, wie das Gelege von Drosseln aussieht. Es gibt verschiedene Drosseleier. Zwei in Blautönen, variierend zwischen hellem Türkis und Hellblau, beide mit hellbraunen Einsprengseln. Ich nehme an, die Autorin hat sich zu dem Vergleich selbst beglückwünscht. Bei prätentiösen Formulierungen, die noch nicht einmal rhythmisch oder melodisch interessant sind, bekomme ich schnell schlechte Leselaune.

27. Dezember 2022

AESKULAP | Dom Perignon. Acryl, Spachtel, Spiralstempel, Inlay-Fragmente von fünfzackiger Sternschachtel Reber Mozartkugeln, Palettenholzlatte Prinzessinnengärten, Klebstoff, kleine Leinwand auf großer 3D-Leinwand, 50 cm x 100 cm x 4 cm, 19., 20., 22., 26., 27. und 29. November 2022, Staatliche Museen von Gaganien.

»Äskulap: griech: Asklepios, Gott der Heilkunst, Sohn des Apollo. Äskulap beherrschte die Medizin, Chirurgie und Kräuterkunde, sogar Tote vermochte er zu erwecken. Die Heilung im Äskulap-Kult bestand oft darin, dass der Kranke im meist außerhalb der Stadt gelegenen Tempel des Äskulap schlief. Im Traum erschien ihm dann der Arzt und gab dem Patienten Diäten oder andere Behandlungsmethoden auf. Dargestellt wird Äskulap meist als ein bärtiger, ernster Mann, sich auf einen Stab stützend, der von einer Schlange (Natter) umschlungen wird. Dieser Äskulapstab wurde zum Symbol der Heilkunde. In Rom gab es ein berühmtes Äskulapheiligtum auf der Tiberinsel.« Quellenverweis: fsg Marbach

25. Dezember 2022

Service-Information: heute Sissi! 15:45 „Sissi“, 17:30 „Sissi, die junge Kaiserin“, morgen 17:30 „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ (im Ersten). Natürlich mit Romy, nicht der neue Quatsch.

25. Dezember 2022

Ich kann auch wahrsagen! Mein Rabe flüstert mir alles ein! Was wollt Ihr wissen? Ich antworte dann in den Kommentaren! Gratis! Am 13. Juli 2020 hat mich Jan Sobottka in meiner kleinen Werkstatt besucht, dafür hatte ich mich künstlerisch wertvoll zurecht gemacht. Da saßen wir auf meinem kleinen Balkon und er kalauerte „Du siehst aus wie eine Wahrsagerin, die Wahrsagerin von Neukölln! Hihihi“ Ein bißchen hatte er schon Recht. Aber vielleicht kann ich ja wirklich wahrsagen! Ich hab ihm dann meinen Raben zum Abschied geschenkt. Weiß gar nicht, ob er den schon mal für ein Shooting eingesetzt hat. Er hat ja gerne Spielsachen. Dachte, der Rabe ist bei ihm in guten Händen. Hoffe ich doch sehr!

24. Dezember 2022

Heute vor zehn Jahren, vierundzwanzigster Dezember 2012. Festliche Modenschau vor dem Kleiderschrank in meinem kleinen Ankleidezimmer. Mein langes, schwarzes Samtkleid mit Trägern aus schwarzer Spitze. Sogar die Zuchtperlen sind echt! Heute habe ich bestimmt kein Trägerkleidchen an, vielmehr viele warme Sachen und darüber noch einen flauschigen Poncho. Aber auch vor zehn Jahren war das festliche Samtkleid nicht mein Tagesoutfit. Ich habe nur alle Kleider durchprobiert, die ich im Schrank habe, und mich jeden Tag mit einem anderen fotografiert. Manchmal neige ich zum Zwanghaften. Ich hatte im Februar 2012 plötzlich die Idee, ein Jahr lang täglich ein Foto von mir zu machen. Das habe ich dann durchgezogen, und meist wurde es mehr als ein Foto.

Manchmal hatte ich keine Lust und musste mich dazu zwingen, aber ich habe es gemacht. Das hat dann dazu geführt, dass ich während des Fotografierens den Ehrgeiz entwickelte, gut drauf zu kommen, also richtig echt und authentisch, ohne falsches Lächeln für die Kamera. Weil ich das meist am Tagesanfang gemacht habe, fing der Tag dann eigentlich schon mit einem kleinen Erfolgserlebnis an. Ich hatte es geschafft, mich selber zum Lächeln und in gute Verfassung zu bringen. Das war eine interessante Erfahrung. Ich wollte mir glaube ich beweisen, dass ich es schaffe, jeden Tag eines Lebensjahres wenigstens einen guten Moment zu haben, so dass sich der Tag nicht umsonst gelebt anfühlt. Nach einem Jahr hing es mir dann aber dann auch zum Halse heraus! Die Fotos mussten ja immer noch heruntergeladen werden, gesichtet, ein bißchen optimiert, wieder hochgeladen. Das Übliche. Das war ein bißchen stressig. Danach hatte ich das Bedürfnis, eine Weile keine Fotos machen zu müssen. War dann sehr erholsam. Ich wusste dann ja, dass ich es schaffe, mich selber gut drauf zu bringen, auch wenn blöde Sachen passiert sind. Und die waren gerade zwischen 2010 und 2012 reichlich geschehen. Ich zweifelte tiefgreifend an meinem Wert und vermisste eine gewisse Wertschätzung, die ich mir dadurch selber geben wollte. Obwohl das nicht ganz stimmt, dass ich an meinem Wert zweifelte, für mich war der schon da. Ich zweifelte vielmehr am Verstand meiner Umgebung bzw. an dem eines ganz bestimmten Menschen, an dem mir lag. Aber das ist lange her. Also das steckte dahinter, dass ich vom Februar 2012 bis Februar 2013 ein Jahr lang jeden Tag Fotos von mir machte. In den letzten Monaten dieses Fotoprojekts fing ich dann an, konsequent Kleider dafür herauszuholen, die ich normalerweise nicht angezogen hätte und die selten ans Licht kamen. So wurde es dann auch ein bißchen wie eine Modenschau.

Vorhin habe ich mir gerade die diesjährige Ansprache vom Nürnberger Christkind angeschaut, den Eröffnungsprolog. Immer wieder rührend. Es ist jedes Jahr derselbe Text. Am besten gefällt mir immer die Stelle am Ende, wo das Christkind sagt: „Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, seid es heut’ wieder, freut Euch in ihrer Art. Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.“ und dann die Arme hebt und sich die goldenen Trompetenärmel wie Flügel auffächern. Das ist so schön! Musste daran denken, dass das Christkind genau gegenüber von meinem Hotelzimmer, das ich im Juli in Nürnberg hatte, auf der Empore der Frauenkirche steht. Ich habe ja noch ganz viele Nürnberg-Fotos von meinen Ausflügen rund um die Burg, die ich noch nicht gepostet habe. Das will ich nun bald nachholen. Denn wer war denn schon einmal auf dem Sinwellturm? Na ich! Ich wünsche allen erholsame und gesunde Feiertage und mehr als alles andere: inneren Frieden und Frieden auf Erden.

23. Dezember 2022

Hab mir kesse Sachen bestellt! Eine Mongolen-Teddy-Waschbär-Mütze in schwarzblau und dazu passende Pulswärmer, die auch noch in beige und noch eine schicke Schirmmütze und einen Pullover. Am meisten gespannt bin ich auf die Mongolenmütze. Kommt vielleicht schon am Dienstag! Dann kann ich mal wieder Erwachsenenfotos von mir posten, nicht nur immer Kinderbilder!

22. Dezember 2022

Heute früh zu Bett. Schlafen kann ich meistens gut. Husten ist weg, nur die Tatkraft ist noch nicht ganz wiederhergestellt. Der Übermut fehlt mir noch. Viel Bedürfnis draußen Maske aufzuziehen, auch weil es warm hält. War die ganze Woche immer wieder draußen und unterwegs, aber dann will ich wieder heim. Dick eingepackt mit flauschigem Schal, dickem Mantel und der Teddyfell-Tschapka. Lange Unterwäsche unter den anderen Sachen. Tasche nach vorne umgehängt, Handschuhe. Da stapfe ich dann (auch ohne Schnee) so schlenkernd herum, wie ein Schulkind, das keine Lust hat, heimzugehen, obwohl ich auf dem Heimweg bin. Aber ich trödele herum, wie eine zehnjährige Schulschwänzerin. Vielleicht hab ich mir in letzter Zeit zu viele Kinderfotos von mir angeschaut, dass das irgendwas angeschubst hat und wieder erweckt.

Und dann keinen Alkohol getrunken seit 27. November. Das ist auch so schulkinderhaft. Aber vorhin hatte ich immerhin Lust auf ein kleines Jever zum Essen. Ein kleiner Fortschritt.

Vorhin habe ich Perfektes Dinner geguckt, aber nicht richtig zugehört, weil beschäftigt. Da ging das Gespräch am Tisch auf einmal um Trinkgewohnheiten der Franzosen. Der eine Mann sagte, dass die Franzosen Wein nur, und wirklich nur, nur, nur als Begleitung zum Essen trinken. Einen Wein einfach so, ohne Essen aufzumachen, wäre unüblich. Das weiß ich gar nicht. Ob das stimmt? Oder vielleicht hat es auch eine Frau erzählt. Jedenfalls meinte jemand am Tisch, wenn man also in Frankreich nachdem das Essen beendet ist, noch nach einem weiteren Glas Wein fragt, würde man schon komisch angeguckt. Also ich habe wirklich gestaunt. Und wenn es stimmt, finde ich es gut und sehr interessant, dass ich etwas mir richtig Neues aus dem Fernsehen gelernt habe.

21. Dezember 2022

Zweimal ich als Baby. Im Taufkleidchen mit Rosenknospen aus dem Garten und davor neugeboren in der Wiege. Die Taufe war am Samstag, dem 11. September 1965, zehn Tage nach meiner Geburt. Leider wurde ich gehindert, zum ersten Stones-Konzert in Deutschland zu gehen, das in Münster gegeben wurde. Die Taufe ging vor, ich durfte nicht hin. Weltweit auf den ersten Plätzen der Charts im September 1965: „Satisfaction“ von The Rolling Stones, „I Got You Babe“ von Sonny & Cher und „Help!“ von The Beatles. In Deutschland außerdem ganz vorne mit dabei: „Mit Siebzehn hat man noch Träume“ von Peggy March. Und die karierte Baby-Decke war rosa und hellgelb. Weiß ich noch genau.

19. Dezember 2022

Noch zweimal Venedig vor siebenundzwanzig Jahren. Das Bild von Valy auf der Treppe habe ich gemacht. Es war bestimmt am Tag unserer Abreise, weil er seinen Rucksack dabei hat. Die Treppe sind wir ganz oft gelaufen, links um die Ecke war unser Hotel. Das Bild von der Piazza San Marco hat wieder seine Mama gemacht, ich bin nämlich drauf, hinten links, mit Blick zum Palazzo Ducale.

18. Dezember 2022

Mit Valerian in Venedig. 8. bis 10. Juni 1995. Die Fotos hat seine Mama gemacht. Valerian siebeneinhalb, ich 29dreiviertel. Wir waren zu dritt unterwegs, seine Mama liebte Venedig und war sehr ortskundig und hat uns ganz viel gezeigt. Unser Hotel war direkt an der Seufzerbrücke, auch nicht weit vom Marcusplatz. Man konnte die Seufzerbrücke aus dem Schlafzimmer sehen, wenn man nach links geschaut hat. Unter uns war ein Kanal. Nachts hallten die Schritte und der Gesang der Gondoliere nach oben zu unserem Fenster. Venedig hat für mich überhaupt nicht komisch gerochen, wie manche behaupten. Ich bin sehr geruchsempfindlich! Am Abend wurde Venedig ganz leer, wenn die Tagestouristen weg waren. Ich habe wenig dort fotografiert, weil ich wie erschlagen von all der Schönheit war. Aber habe ganz viele Postkarten gekauft.

17. Dezember 2022

Heute ist ein besonderer Tag. Nämlich der Geburtstag von meinem Neffen Valerian. Er wird schon fünfunddreißig. Seine Geburt am 17. Dezember 1987 hat sein Vater, mein Bruder, leider nicht mehr erlebt. Er war als Baby im Bauch seiner Mutter, und auch im Auto, mit dem der Unfall passierte, am 4. Juli 1987. Das Foto hat seine Mama am 29. September 1992 gemacht, also vor über dreißig Jahren. Es ist in einem Erinnerungsalbum eingeklebt. Ich war zum sechzigsten Geburtstag meines Vaters zu Besuch gekommen und einen Tag später war meine Rückreise nach Berlin. Vorher besuchte ich Valerian und seine Brüder und ihre Mama in Nürnberg, in der Tetzelgasse, in der Nähe der Burg. Sie begleiteten mich dann zum Bahnhof und es war noch ein bißchen Zeit, bis der Zug nach Berlin losfuhr, so krabbelte der kleine Valerian zu mir ins Zugabteil und seine Mama machte dieses Foto von uns beiden. Ich mag es sehr gerne. Das kleinere Foto von Valerian hab ich gemacht, als er bei mir im Zugabteil war, da sehe ich, dass er ein T-Shirt aus Santorini anhat. Ich war Anfang der Neunziger Jahre sehr oft in Griechenland und hatte T-Shirts für die Kids mitgebracht. Ich wünsche Dir alles Glück dieser Erde, mein liebster Valerian. <3

P.S. auf dem Foto ist Valerian viereinhalb, ich siebenundzwanzig

16. Dezember 2022

Ein Frühwerk. Diese farbenfrohe Klebearbeit habe ich im Februar 1972 erschaffen. Das Bild heißt „Blöde Streberin“ und ist aus Luftschlangenschnipseln auf DIN A3 Papier. Da war ich sechseinhalb und in der ersten Klasse und hatte wohl schon eine konkrete Vorstellung, wie eine Streberin ausschaut. Ob ich das Bild zum Zeitvertreib oder in der Schule gemacht habe, kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Ich finde das Bild ein bißchen gemein, aber eigentlich auch sehr gelungen. Ich gebe Mini-Gaga eine Eins!

14. Dezember 2022

Juli 1974. Achtdreiviertel. Fotos von meinem Bruder. Nein, das ist nicht mein Bruder, das sind Fotos, die er von mir gemacht hat. Das Cordjackett war von ihm, die Krawatte und der Hut waren vom Fasching. Die himbeerrosa Baumwollhose mit Schlag war meine Lieblingshose. Da habe ich mich langsam durchgesetzt und Hosen anziehen dürfen, die viel bequemer waren als die Kleidchen mit kratziger Strumpfhose darunter. Ich wollte kein Junge sein, hatte nur Lust mich zu verkleiden. Wenn mein Bruder, der schon zehn war, Fotos von mir gemacht hat, durfte ich alles machen, wozu ich Lust hatte. Aufs Mäuerchen steigen und eine Schnute ziehen. Böse gucken und andere Mätzchen. Eben einfach alles. Für Juli sieht es ein bißchen unsommerlich aus. Ich vermute, das war ein bedeckter Nachmittag nach der Schule oder am Wochenende, und wir wollten uns die Zeit vertreiben. Verkleiden war immer eine feine Sache. Es gibt eine Internetseite, wo man schauen kann, wie das Wetter früher war. Da heißt es: „Kalt ist der Juli des Jahres 1974. 134 Sonnenstunden sorgen für eine Durchschnittstemperatur von nur 15,8° C.“ Das erklärt das herbstliche Verkleidungsoutfit. Sommerkleider habe ich nämlich gerne angezogen, wenn es schön warm war, da musste man ja keine Strumpfhose dazu anziehen. Mein Lieblingshit vom Juli 1974 war Rock Your Baby von George McCrae, mehrere Wochen auf Platz Eins in Deutschland, der Schweiz, Österreich, England und Amerika. Ich denke, da hatte ich schon meinen Radiorekorder und habe meine Lieblingslieder auf Kassette aufgenommen. Mein Bruder auch, nämlich von der Sendung „Die Schlager der Woche“ vom Rias Berlin. Das war keine Spartensendung für „Deutsche Schlager“, sondern für angesagte Hits, quer durch den Gemüsegarten, also auch Disco-, Soul-, Country-, Pop- und Rockmusik. Da war man nicht kleinlich.

14. Dezember 2022

Juli 1973, Siebendreiviertel. Vom Klassenfoto abfotografiert. Die Klassenfotos wurden immer am Ende vom Schuljahr vom Schulfotografen gemacht. Meine ersten beiden sind schwarzweiß, später dann in Farbe. Meine Klassenkameraden wollte ich jetzt nicht herzeigen. Die waren auch nicht alle süß. Ich hatte schon Freundinnen in der Klasse, aber wurde auch von manchen aufgezogen. Wegen meiner Zahnlücke. Ich habe mich deswegen eingeschüchtert, auch oft nicht getraut, bei Fotos richtig zu lachen. Aber lustig war ich schon gerne. Streiche habe ich nicht so mitgemacht, weil ich gewusst habe, wie blöd es sich anfühlt, wenn die anderen über einen lachen. Mir war auch so peinlich, dass ich immer so schnell rot geworden bin, wenn mich einer anspricht. Ehrlich gesagt, sehen meine Mitschüler insgesamt etwas dickfelliger aus als ich. Wir waren am Anfang in der Grundschule immer gemischte Klassen, Mädchen und Jungs zusammen. Am liebsten hab ich aus dem Fenster geguckt und geträumt. Beim Aufsätze schreiben und Malen war ich immer die Klassenbeste, sonst aber gar nicht. Auswendiglernen hat mir überhaupt nicht gefallen und Mathematik (außer Einmaleins und Geometrie) war mir ein Rätsel. In Religion hatte ich auch immer eine Eins. Ich glaube, der Religionslehrer mochte mich auch gerne. Herr Fauser! Der war schon mal in Papua Neuguinea und war immer sehr angetan von meinen phantasievollen Jesus-Bildern. Er hat uns zum Beispiel als Hausaufgabe gegeben, wie Jesus über das Wasser geht zu malen. Dann wurde in der Klasse mit Hand hoch abgestimmt, wer das schönste Jesusbild gemalt hat und ich habe gewonnen und eine Kaurischnecken-Muschel aus Papua Neuguinea von Herrn Fauser geschenkt bekommen. Die habe ich heute noch.

13. Dezember 2022

Noch ein Foto, vom September 1972. Vielleicht an meinem siebten Geburtstag gemacht. Früher hat man ja nur an besonderen Tagen fotografiert. Ich stehe auf einem kleinen Mäuerchen, das den Vorgarten von der Auffahrt trennt. Ich kann mich noch an das Kleid erinnern, es war ein Lieblingskleid von mir. Die Ärmel waren mit buntem Zickzackmuster, wie Missoni. Mode 1972! Der einfache Schnitt ohne blöde Knöpfe und Borten und Rüschen hat mir gefallen. Ein bißchen wie die coolen Enterprise-Anziehsachen, obwohl die ja aus den Sixties waren, aber eben der Zeit voraus. Ich habe mich nicht gerne fotografieren lassen, weil ich mich immer brav hinstellen sollte. Schüchtern war ich auch, aber das war nicht der Hauptgrund. Es ist mir unnatürlich vorgekommen. Was es ja auch war. Aber trotzdem sieht man Jahrzehnte später, dass doch etwas Wesentliches der Persönlichkeit eingefangen wurde. Es dringt einfach durch, wenn man innerlich widerspenstig artig spielt.

In jenen Tagen, im September 1972, wurde „CHILDREN OF THE REVOLUTION“ von T. Rex veröffentlicht. Ich fand Marc Bolan und das Lied super. „Well, you can bump and grind, it is good for your mind. Well, you can twist and shout, let it all hang out. But you won’t fool the children of the revolution. No, you won’t fool the children of the revolution, no no no. Well, you can tear a plane in the falling rain. I drive a Rolls Royce ‚cause it’s good for my voice. But you won’t fool the children of the revolution. No, you won’t fool the children of the revolution, no no no, yeah.no way, yeah, wow.“

12. Dezember 2022

Dezember 1972. Ein halbes Jahrhundert ist das her. Nachdem ich meine Currywurst-Geschichte erzählt hatte, war ich neugierig, ob ich Fotos aus den Jahren finde, vom Anfang der Siebziger Jahre. Das sind drei Fotos, auf die meine Mama hinten drauf geschrieben hat „Weihnachten 1972„. Ich denke, während der Feiertage entstanden, von meinem Vater fotografiert. Am Küchentisch bei einem kleinen Imbiss und im Wohnzimmer. Mein größtes Hobby war Lesen. Im Dezember 1972 war ich Sieben und konnte schon sehr gut lesen. Ich sammelte Schneider-Bücher. Dazu gehörte auch „Hanni und Nanni“, weswegen ich unermüdlich von einem Leben im Internat träumte. Aber ich las auch alle möglichen Erwachsenen-Schmöker aus dem Eltern-Regal. Nicht nur die zwanzig dicken grünen Bände Brockhaus, aber auch! Darin gab es nämlich Faksimiles der Unterschriften berühmter Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Napoleon Bonaparte, welche ich bis zur Perfektion imitieren konnte. Unterschriften nachmachen war eines meiner Hobbies. Die von meiner Mutter konnte ich auch sehr gut, die war recht einfach, speziell im Vergleich zu der von Napoleon, was mir später in schulischer Hinsicht sehr gute Dienste leistete.

Vorhin habe ich nachgeschaut, welche Lieder 1972 im Radio gelaufen sind. Die deutschen, britischen und amerikanischen Charts waren sehr unterschiedlich, aber es gab so eine Handvoll Lieder, die überall gerne gespielt wurden und es in die Top Ten oder Top Twenty schafften. Die furchtbaren Jammer-Tiraden „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Christian Anders und „Am Tag, als Conny Kramer starb“ von Juliane Werding haben es nur in den deutschen Charts weit gebracht. Aber überall, also international waren 1972 die Knaller-Hits „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum, „Clair“ von Gilbert O’Sullivan, „Let’s Stay Together“ von Al Green, „Heart of Gold“ von Neil Young, „American Pie“ von Don McLean, „A Horse With No Name“ von America (von dem heute noch einige denken, es wäre ein Lied von Neil Young). „Song sung blue“ von Neil Diamond dudelte rauf und runter, „Is this the way to Amarillo?“ wurde Toni Christie nicht müde zu fragen, usw. usf. Und die Stones veröffentlichten „Exile on Main Street“! Hildegard Knef sang „Schmelzen Butterblumen?“ und Barbra Streisand schäkerte im Kinofilm „Is was, Doc?“ mit ihrem tatsächlichen Lover Ryan O’Neal herum. Und ich war gerade mal Sieben, aber dafür ziemlich groß und las tapfer meine Schneiderbücher und guckte Partridge Family und schwärmte für Captain Kirk und David Cassidy.

11. Dezember 2022

WIE ICH EINMAL DIE CURRYWURST ERFAND. Gestern, am Samstagabend fiel mir wieder etwas ein: wie ich wegen Raumschiff Enterprise 1972 oder 1973 oder 1974 die Currywurst erfand. Das war so: als Kind war mein Lieblingstag in der Woche Samstag. Keine Schule und am Abend Raumschiff Enterprise im zweiten Programm gucken. Das kam ungefähr um 18:30 Uhr.

Samstag war auch Badetag. Der hohe, runde, weiß emaillierte Vaillant-Ofen wurde mit Holz und Briketts angeschürt, damit es warmes Badewasser gab. Ich schätze mal, dass mein Bruder zuerst baden durfte, weil er der Ältere war. Es war sehr wichtig, dass die Baderei spätestens fertig war, wenn Raumschiff Enterprise anfing. Das gab es nämlich nur einmal in der Woche.

Um die Gemütlichkeit noch zu erhöhen und das besondere Ereignis angemessen zu begehen, durften wir beim Gucken im Wohnzimmer auch unser Abendessen einnehmen, es war fast wie eine kleine Party, die uns Mama erlaubte. Normalerweise wurde in der Küche am Tisch zu Abend gegessen, solche Sperenzien, wie mit dem Tellerchen auf dem Teppich vor dem Fernsehapparat sitzen, hätte mein Vater nicht erlaubt. Aber weil Samstag war, hatte er immer Auftritte mit seiner Combo und die Luft war rein. Mama war da lockerer.

Damals war mir der Ausdruck „TV Dinner“ natürlich noch nicht bekannt. Auch kannte ich keine Currywurst. Ich war ja noch nicht in Berlin. Aber ich mochte schon immer gerne Wiener Würstchen und Ketchup und auch gerne ein bißchen scharf. Weil wir in der Küche einen Toaster hatten, kam ich auf die Idee, da wo das Brot reinkommt, einfach mal Wiener Würstchen reinzustecken. Das schmeckte toll, sie platzen dann auch ein bißchen und hatten Super-Röstaromen, wie der Gourmet sagt.

Der Würstchen-Toast-Vorgang wurde von meiner Mutter sicher überwacht, ich war schließlich erst sieben oder acht oder neun Jahre alt. Zu den getoasteten Würstchen mochte ich gerne Toastbrot, schön goldgelb getoastet, leicht angekokelt. Um beim Gucken bequemer essen zu können, habe ich die Würstchen auf dem Teller in Scheibchen geschnitten und mir schön viel Ketchup mit Curry und Chilipulver drübergemacht. Ein Genuss!

So konnte ich auf dem Teppich sitzen, meine selbst erfundene Currywurst essen und die neuen Weltraumabenteuer von Mr. Spock und Captain Kirk verfolgen, in welchen ich auch ein bißchen verliebt war. Mein Bruder fand natürlich Mr. Spock am Wichtigsten, weil er so intelligent war. Mir gefiel am besten die Musik, die Einrichtung vom Raumschiff, die Stiefel von Uhura und die tollen außerirdischen Landschaften von fremden Planeten. Und das Beamen. Und wenn Captain Kirk romantische Gefühle hatte.

Manchmal toastete ich mir noch eine zweite und dritte Portion Gaga-Currywurst. Dazu Spezi. Das war ein feiner Samstagabend! Gestern hatte ich auf einmal Riesen-Appetit auf so eine Wiener Würstchen-Currywurst, aber leider keine daheim. Aber ich schaute ein bißchen Raumschiff Enterprise. Und fand auf youtube einen Clip mit allen Küssen von Captain Kirk. Toll!

Für mich gab es nur ein Raumschiff Enterprise, das mit der alten Crew. Eben dem einzigen wahren Raumschiff Enterprise. Die Erstausstrahlung im Deutschen Fernsehen war vom 27. Mai 1972 bis 29. Oktober 1974. Daher kann ich meine Erfindung sehr gut zeitlich einordnen!

Das orange Bild ist von der Currywurst-am-Samstagabend inspiriert, ich habe es gestern am Computer kreiert. Samstag ist für mich orange und schwarz. Vielleicht auch, weil wir über die ganze Fensterseite bis zur Terrassentür, lange orange Vorhänge im Wohnzimmer hatten. Und die Currywurst auch schön orange war. Im kuschelig dunklen Wohnzimmer geheimnisvoll erleuchtet von den Beamerstrahlen der Enterprise aus dem Fernsehapparat.

10. Dezember 2022

Was ich vorhin meinem Neffen Valerian geantwortet habe, auf die Frage, wie es mir geht.

„Bin gerade „aufgestanden“…14 Stunden tief geschlafen…wird besser, Mo zum Doc. Der schlimme Husten ist viel besser geworden…ich bleib nur in der warmen Wohnung, nicht viel denken, nur ausruhen…muss auch mal sein…ich war seit bestimmt zehn Jahren nicht mal erkältet, nie beim Doc, hab gar nicht gewusst, dass meine Hausärztin nicht mehr bei mir um die Ecke ist… ich lass innerlich einfach alle Termine los…einfach mal nix denken müssen, nix machen. Gesund bin ich wieder, wenn ich Kraft hab, die Bettwäsche abzuziehen und zu waschen… dann bin ich neugeboren (das mag ich schon gesund nicht gerne machen..:-))

So viele machen den Fehler, sich nicht auszukurieren, aber ich will den nicht machen. Wo auch die Büros so schwach geheizt sind, da wird man gleich wieder krank (…) ich fühl mich ein bißchen wie so ein Brotteig, so ein Hefeteig in einer Schüssel, der vor sich hinatmet… so ist es auch mal vielleicht, wenn man dann älter ist und nicht mehr so kann… es ist einem Vieles einfach schnuppe, ganz friedlich… (…) Ich poste jetzt immer nur schöne alte Fotos vom Blick aus meinem Wohnzimmer, Fenster und Balkon zur Auguststraße, mit den Kuppeln vom Dom, der Synagoge… jetzt hab ich aber viel getippt…uff…“

(„aufgestanden“ in Gänsefüßchen, weil „Aufstehen“ eigentlich nur aus dem Bett aufstehen, duschen, kuschelige Sachen anziehen, Kaffee, Tee kochen, und gleich wieder hinsetzen, halb liegen, aber an meinem Lieblingsplatz im Wohnzimmer ist, wo ich auch tippe.)

07. Dezember 2022

Tippen noch anstrengend. Foto von 2015, aus meinem Fenster. Wird langsam besser, aber kann noch nicht rausgehen. Wenn ich die Balkontür zum Durchlüften aufmache, ist nur die kalte Luft zu atmen so kräftezehrend wie Klimmzüge. Die Hälfte der Antibiotika genommen, jetzt die zweite Palette (oder wie das heißt). Viel Schlaf. Bin im Reparaturmodus. Wach gucke ich halb liegend Sachen aus Mediatheken, lasse leise Musik laufen. Dusche mich jeden Tag, weil das warme Wasser so gut tut und ich mich dann nicht so gammelig fühle. Föhne die nassen Haare ganz schnell, heute ein bißchen Wimpern getuscht, um nicht aus der Übung zu kommen, für mich selbst, sieht ja sonst keiner. Ist immer erhebend, sich ein bißchen hübsch zu machen. Wenn die Haare trocken sind, gebe ich mir auch ein paar Sprühstöße von meinem Armani-Parfum. Danach riecht es bei mir, nicht nach Medikamenten oder Hustentee. Ich trinke Darjeeling, nix aus dem Gesundheitsregal. Die Dallmanns in der blau-gelben Schachtel mag ich ganz gerne. So lange ohne Alkohol trinken ist auch besonders für mich. Ohne mich dazu zu zwingen, einfach keine Lust, und soll man ja auch nicht mit Antibiotika kombinieren. Ich ruhe mich mal weiter aus.

05. Dezember 2022

Sophienkirchentürmchen im Nebel. Davor Baumkronenspitzen Gipsdreieck mit Nebelkrähen drauf. Blick aus meinem Wohnzimmer. Links davon, nicht im Bild, sind die Kuppeln vom Berliner Dom und vom Schloss, auch alle im Nebel versunken. Vorhin eine große Krähenversammlung am Himmel. Wie eine große Besprechung. Vor kurzem habe ich erst gelernt, dass Krähen in Schlafbäumen schlafen. Sie sitzen dicht an dicht auf den Ästen, mit gesenktem Köpfchen und Augen zu und schlafen so. Sie haben feste Treffpunkte für die Nachtruhe, auch wenn sie tagsüber anderswo in der Stadt ihren festen Lebensmittelpunkt haben. Zum Beispiel kann es sein, dass meine Balkonbesucherinnen, die Krähen, die gerne auf meiner Balustrade sitzen, und auch sonst im Gipsdreieck herumhüpfen, zur Schlafenszeit rüber zu ihrer festen Schlafgruppe im Lustgarten fliegen. Sie kuscheln zu Hunderten in den Schlafbäumen. Vielleicht gehen sie im Dezember schon früher schlafen, wenn es so früh dunkel wird wie jetzt.

04. Dezember 2022

Ich mache mir jetzt wieder Instant-Hühnerbrühe mit Ingwerschnipseln. Bin doch froh, dass ich nicht ins Krankenhaus eingewiesen wurde. Nur bei zwei schlimmen Hustenanfällen, wo mir ein bißchen Angst wurde, hatte ich die Notrufnummern rekapituliert. Es gibt ganz verschiedene Arten von Lungenentzündung, bakterielle und virale. Und wichtige Unterscheidung: ob man sich im privaten Alltag oder im Krankenhaus angesteckt hat. Die Krankenhaus-Infektionen sind die Schlimmsten, ein Grund mehr, nur im Notfall dort zu weilen. Ich bin sehr ruhebedürftig, da wären dann dauernd andere Leute im Zimmer, man wird geweckt, um seine Antibiotika zu nehmen, soll zu bestimmten Uhrzeiten essen, noch dazu Sachen, die ich mir wohl nicht selber zubereiten würde. Die Hustenkrämpfe sind nicht mehr so angsteinflößend, bin aber sehr schnell angestrengt. Aber es gibt ja Hoffnung, es wird im Schildkrötentempo besser. Essen hab ich auch noch, war am Donnerstag mit letzter Kraft einkaufen. Ich könnte mir auch mit meinem Rewe Account Lebensmittel bestellen, erst einmal gemacht, funktioniert sehr gut. Nach Gesellschaft ist mir gar nicht, das ist aber so eine Typsache, denke ich. Die Vorstellung, dass alle zwei Stunden jemand an mein Lager tritt und mir prüfend und mitfühlend die Hand auf die Stirn legt, ob ich erhöhte Temperatur habe, ist mir ein Graus. Das müsste man dann ja antworten… ich bin der Krankentyp Autistin. Aber manchmal hier hineinschreiben, ohne zu sprechen, ist mir angenehm.

03. Dezember 2022

Friedrich Schiller arbeitete in den Tagen vor seinem Dahinscheiden (am 9. Mai 1805), die Lungenentzündung hatte sich bereits voll entwickelt, mit letzten Kräften an dem unvollendeten „Demetrius“. In diesem gibt es einen Monolog von Marfa, der Frau Mama von Demetrius. Das müssen die letzten Zeilen gewesen sein, die er je schrieb, da das Manuskript mit dem nunmehr vollendeten Monolog auf seinem Schreibtisch lag.

Dies sind die allerletzten Zeilen des Monologs:

Du ewge Sonne, die den Erdenball umkreist,
Sei du die Botin meiner Wünsche!

Du allverbreitet ungehemmte Luft,
Die schnell die weitste Wanderung vollendet,

O trag ihm meine glühnde Sehnsucht zu!
Ich habe nichts als mein Gebet und Flehn,

Das schöpf ich flammend aus der tiefsten Seele,
Beflügelt send ichs in des Himmels Höhn,

Wie eine Heerschar send ich dirs entgegen!

Schillers Leibarzt drängte ihn, bevor er das Bewusstsein verlor, zur Belebung seiner Kräfte zu einem Bad, was er ablehnte, sowie zu einem Glas Champagner, welches er zu sich nahm und sein letztes war.

03. Dezember 2022

Friedrich Schiller war promovierter Mediziner und verstarb im Alter von fünfundvierzig Jahren an einer akuten Lungenentzündung. In lichteren Momenten ist es mir möglich, das Schmerzenslager ins Wohnzimmer zu verlegen und dort in Liegeposition am Computergerät zu verweilen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das Aspirin (2 Stück) hat den Schädeldeckenkopfschmerz gemildert. Etwas geschlafen und später lange sehr warm geduscht, den Strahl immer auf die Lungenflügel, hinten am Rücken und auf die Schädeldecke. Angenehm auch ist, wenn ich Kaffeewasser gekocht habe, die Ceranfeldplatte weiter glühen zu lassen und das Gesicht drüber zu halten. Wie früher die Rotlichtlampe von meinem Opa. Wärme ist so wohltuend. Jetzt im Wohnzimmer lasse ich als leichte Krankenkost einen Hörbiger-Film, wo auch Heidelinde Weis mitspielt, aus der ARD-Mediathek laufen, spielt hauptsächlich auf Mallorca, kam noch in der Nacht nach ihrem Tod. In dem Film gibt sich Frau Hörbiger wieder etwas ruppig, was mir besonders an ihr gefällt und entgegnet ihrer von Heidelinde Weis gespielten Freundin: „Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. Außer in der Mitte!“

02. Dezember 2022

Am 2. Dezember 2012 im Kleidchen durch die Wohnung hüpfen und sich wundern, wenn der Arzt zehn Jahre später eine Lungenentzündung feststellt. Außerdem hat er mir Küssen verboten. Ich nehms als Kompliment, dass er da grundsätzlich noch Potenzial sieht. Als ich die Bilder gerade entdeckte, habe ich sofort gegoogelt, ob der 2. Dezember vor zehn Jahren aufs Wochenende fiel. Ja. War ein Sonntag. Daher wohl Modenschau zum Zeitvertreib. Habe immer noch keine Lust zu enthüllen, warum ich das gemacht habe. Aber das kommt alles noch, versprochen!

02. Dezember 2022

Genug vom Thema Krankheiten und Medikamente. Wenden wir uns anderen Themen zu: Christiane Hörbiger und Christine McVie sind vorgestern gestorben. Sie haben die Erde verlassen, aber ihr Geist und Talent bleibt schön hier unten bei uns gesichert. Die Hörbiger! Vor den Guldenburgs habe ich sie niemals wahrgenommen, ihre Filmerei war ja auch aus einer anderen Generation. Aus deutschsprachigen Fünfziger Jahre-Produktionen sind mir nur weibliche Hauptrollenstars wie Lilo Pulver und Ruth Leuwerik hängengeblieben. Wobei die Hörbiger ja die Romy-Generation war, sogar derselbe Jahrgang. Und wie ich gerade sehe, gar nur mit zwanzig Tagen Abstand im Herbst 1938 geboren. Einen angekündigten TV-Film mit Frau Hörbiger habe ich mir immer gerne vorgemerkt, da ein Christiane Hörbiger-Film für Qualität bürgte. Hier würde keine mittelmäßige Besetzung zu ertragen sein, subtiles Spiel mit Hintersinn erwartete einen. Elegant dazu. Ich sehe gerne elegante Menschen. Dass ein solches Gesamtpaket an Darstellungskunst eine hohe Intelligenz voraussetzt, versteht sich von selbst. Schlimm finde ich, dass sie mit ihrer letzten Liebe so ein Unglück ertragen musste, der „Tötschinger“ (so hat sie ihn selbst in Interviews genannt) ist sechs Tage vor der geplanten Hochzeit (nach dreißig Jahren Liebesbeziehung ohne Trauschein) plötzlich an einer Lungenembolie verstorben. Und sie soll auch ein Lungenleiden gehabt haben. Aber das hab ich nur beim österreichischen Kurier aufgeschnappt. Und ich wollte ja das Thema Krankheiten umschiffen. Jedenfalls: schade um die Hörbiger, danke für die schönen Fernsehstunden!

Und Christine McVie hat auch ihre Verdienste als Songschreiberin und Pianistin und Sängerin von Fleetwood Mac. Einmal sah ich sie in echt, in der Waldbühne bei Regen. Lauter aufgespannte Schirme im Publikum, aber ich ganz vorne, das war damals ja so leicht, keine Einteilung in Ränge, jedes Ticket hatte denselben Preis, wer zuerst kam, hatte den besten Platz. Den beiden zu Ehren habe ich ein zartes Lied ausgesucht, das der Hörbiger bestimmt auch gefallen hat, Songbird. Christine McVie hat es für das legendäre Rumours-Album geschrieben, gesungen und gespielt. Auch einige Zeilen daraus passen für die beiden sehr schön. Ein letzter Gruß.

For you, there’ll be no more crying
For you, the sun will be shining
And the songbirds are singing,
Like they know the score

02. Dezember 2022

Als der Doc meinte, ich MÜSSE NUN UNBEDINGT starke Antibiotika nehmen, war ich einfach nur froh, dass er meine instinktive Selbstverordnung bestätigt hat. Unbedingt wollte ich Antibiotika, hier würde nichts anderes mehr helfen, so mein siebter Sinn. Wir waren uns so einig. Dass meine irrtümlich als „Reizhusten“ verschubladete krampfige Husterei aus seiner Sicht nichts Geringeres als eine Lungenentzündung im Anfangsstadium ist, war dann doch auf eine Art überraschend und interessant. Später las ich, dass es bei Lungenentzündung in den Lungenbläschen zu Flüssigkeitsansammlungen kommt und dadurch entstehenden eindeutigen, obskuren Geräuschen aus dem Brustkorb. Ich hatte mich die letzten zwei Tage gewundert, wieso ich immer mal wieder so eine Wahrnehmung eines ganz leisen inneren Blubberns aus meinem Oberkörper hatte. Als ob etwas Flüssiges arbeitet. Vielleicht ist das die Erklärung.