Was für ein Gewimmel in den Lokalen! Es ist Samstag Mittag und jeder Tourist scheint ohne Ausnahme zur Burg zu drängen, mein Kopf geht nach oben, in der Hitze nicht einmal ein Vogel am Himmel. Ich werde gleich nach dem Dürerhaus auch durch das Tor gehen, in das schöne kühle Gemäuer, sehr gute Idee bei 33 Grad.
Beim Tiergärtnertor angekommen, hier endet die Bergstraße, zu Füßen der Burg. Ich schaue mich um, war fast vierzig Jahre nicht mehr da oben. Eigentlich unverändert. Ein paar Geschäfte und Lokale sind anders oder neu, aber sonst alles wie gehabt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ heißt es in einem Kirchenlied vom bekannten Singer-Songwriter Martin Luther von ca. 1529, leicht abgewandelt möchte ich umdichten „Ein feste Burg ist unser Burg“. Hier braucht es keine Metaphern, das Ding steht da, bombenfest. Na gut, nicht durchgängig. Am 2. Januar 1945 wurde die 1050 erstmalig urkundlich erwähnte Kaiserburg sehr in Mitleidenschaft gezogen, aber bis 1954 war der gröbste Schaden behoben und 1981 war die Wiederherstellung vollendet. Da oben am Tiergärtnertor ist allerlei los, viele Lokale, von denen jedes zweite Albrecht Dürer im Namen führt. Ich hatte ja vor, das Albrecht Dürer-Haus zu besuchen, aber das musste erst einmal identifiziert werden. Auf Anhieb ist es mir nicht gelungen. Erst einmal den Wind um die Nase wehen lassen.
Auf den letzten Metern der Bergstraße, kurz vorm Tiergärtnertorplatz, wo es zur Burg geht. Vorbei am Schmelztiegel, einem weit über vierzig Jahre alten, urigen Lokal in einem Gewölbe mit Livemusik, das für mich früher keine Rolle spielte. Ich glaube das musikalische Programm war mir zu rustikal, nichts für 17 – 20-jährige. Dort gingen ältere Herrschaften hin, so richtig Erwachsene. Wer ins Komm zu Ton Steine Scherben ging, hatte kein Interesse am Schmelztiegel-Programm. Das Lokal hat völlig versäumt auf seiner aktuellen Website die Historie zu erwähnen, kein Wort davon. Ich fand nur einen Zeitungsartikel, der auf die Geschichte eingeht. Offenbar wurde umfangreich renoviert und es gibt Craft Beer und weiterhin Live Musik Richtung Folk und Americana, vielleicht auch Country und Abende mit DJ und eine Tanzfläche. Könnte mir vielleicht jetzt eher zusagen, im reiferen Alter :-) Ein anderes Traditionslokal mit Live Musik ist das seit 1954 existierende Nürnberger Jazzstudio, da war ich recht häufig. Allerdings eine andere Liga. Dort traten sowohl lokale Musiker als auch durch die Zusammenarbeit mit Lippmann & Rau ganz große international renommierte Namen wie Ella Fitzgerald, Miles Davis, Duke Ellington und John Coltrane auf. Auch ein lauschiges Gewölbe in Burgnähe, andere Ecke, am Paniersplatz.
Hallöchen! Da kommen wir der Burg jetzt aber entschieden näher. Der Sinwell-Turm guckt schon zwischen Fachwerkhäusern hervor, zum Greifen nah. Einmal habe ich ihn schon gezeigt, aus der Entfernung vom Lorenzer Platz, beim Tugendbrunnen. Hier, zur Erinnerung der Blick aus der Ferne. Dass sich das Fachwerk hier verdichtet, liegt sicher an den Wiederaufbaubemühungen nach dem zweiten Weltkrieg, wo Prioritäten gesetzt werden mussten, wo man den Aufwand betreibt. Wer die Bedeutung von Nürnberg während der Nazizeit erinnert, wird verstehen, dass Nürnberg ebenso wie Berlin und München ein vorrangiges Ziel der Angriffe sein musste. Weil das den Nürnbergern völlig klar war, haben sie viele Kunstschätze im sogenannten unterirdischen Kunstbunker geschützt. Aber die Häuser selbst konnten sie nicht schützen, wie auch. Höchstens durch freiwillige Kapitulation, aber dafür war die sture Nazi-Idiotie zu sehr in ihrem Fahrwasser, eben zu dumm und kurzsichtig. Als ich den Sinwellturm von da an immer wieder durchblitzen sah, wuchs mein Wunsch, hinaufzusteigen. Habe ich auch gemacht, aber dazu später, viel später. Wir haben noch mehr anzuschauen, es geht immer noch bergauf in der Bergstraße.
Zweiter Juli 2022, ein ganz normaler Samstag in der Bergstraße in Nürnberg, es ist Mittag, der Burgerladen „Burglette“ lüftet durch und richtet die Loungemöbel her. Die recht kurze Bergstraße fängt am Albrecht-Dürer-Platz an und endet direkt unter der Burg. Es geht immer nach oben. Wenn man sich Fotos anschaut, weiß man oft nicht, ob man sie ausrichten soll, welche schiefe Horizontale oder Vertikale evt. den Tatsachen entspricht, weil es eben kein ebener Weg nach oben ist. Das Fundament der Häuser muss die Steigung ausgleichen. Ich mag solche krummen und schiefen Wege sehr, auf und ab, sehr abwechslungsreich. Man kann in Sebald auch nie die Himmelsrichtung verwechseln. Wenn es merklich nach oben geht, bewegen wir uns Richtung Burg, nach Norden, umgekehrt immer nach Süden, Richtung Hauptmarkt und St. Lorenz. Wieder ein angenehmer lauer Wind, der durch die Gassen wehte, wie beim Fahrradfahren, obwohl über dreißig Grad. Das Burgerrestaurant Burglette ist wohl recht neu, erst 2021 eröffnet und schreibt sich slow food auf die Fahne, mit vegetarischen und veganen Burgern, ein Familienbetrieb. Zu „meiner Zeit“ gab es selbstverständlich keine Edel-Burger-Restaurants, sondern nur McDonalds und Burger King. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wo McDonalds war. Eventuell in der Breiten Gasse. Ja, stimmt – hab gerade nachgeschaut. In den Achtziger Jahren gab es nur einen McDonalds in Nürnberg, inzwischen gibt es zwölf Filialen. Ich war ewig in keiner, auch in Berlin nicht. Aber als Teenies waren wir oft dort, es war angesagt!
Selfies mit dem Pionier des Selbstportraits: Albrecht Dürer. Albrecht & Gaga – it’s a match! Ich wische ihn auf Tinder direkt nach rechts, wenn ich auch nicht mehr auf so lange Haare bei Männern stehe. Aber wie er den Pinsel führt…Wir hätten uns bestimmt viel zu erzählen gehabt. Die knapp fünfhundert Jahre Altersunterschied wollen wir nun nicht auf die Goldwaage legen.
Ich überlasse Wikipedia den einleitenden Text zu diesen Bildern: „Das Albrecht-Dürer-Denkmal in Nürnberg (Sebalder Altstadt) wurde nach einem Entwurf von Christian Daniel Rauch durch Jacob Daniel Burgschmiet gegossen. Den Auftrag gab der bayrische Kronprinz Ludwig. Anlässlich des 300. Todestag Dürers wurde am 7. April 1828 der Grundstein für das Denkmal gelegt und am 21. Mai 1840 auf dem Milchmarkt (heute Albrecht-Dürer-Platz) enthüllt. Mit dem Denkmal Albrecht Dürers wurde das erste öffentliche Künstlerdenkmal in Deutschland errichtet.“ Mir ging durch den Kopf, ob Albrecht seinen Frieden mit dieser Abbildung seiner Selbst gemacht hätte? Er wurde nur 56 Jahre alt – so alt wie ich jetzt. Vielleicht sah er dem Denkmal in seinen letzten Lebensjahren ähnlich. Albrecht Dürer ist unter anderem für seine Selbstportraits bekannt, von denen Kunsthistoriker meinen, vermuten, er hätte sie auch als Aushängeschild seines Könnens angefertigt. Ich empfinde andere Vibes vor dem Denkmal als angesichts seiner Selbstportraits. Aber bestimmt ist Albrecht einverstanden, dass in der Mitte der Nürnberger Altstadt, mit Blickrichtung auf die Sebalduskirche, ein überlebensgroßes Denkmal von ihm steht. Das hätte er mit Bestimmtheit gemocht.
Am Albrecht-Dürer-Platz. Er fängt direkt am Chörlein vom Sebalder Pfarrhof an. Direkt vor der Sebalduskirche ist der Sebalder Platz, gegenüber davon der Pfarrhof, und genau da, Richtung Norden fängt der Albrecht-Dürer-Platz an. Der Pfarrhof hat zwei Adressen, Sebalder Platz und Albrecht-Dürer-Platz, da es quasi ein Eckhaus ist. Ich habe gerade das Gefühl, ich schreibe wirres Zeug, das kein Schwein interessiert! Auf jeden Fall zu kompliziert für jemanden, der die Nürnberger Altstadt nicht kennt. Es ist im Grunde wie bei mir daheim in Berlin: ich wohne Auguststraße, Ecke Joachimstraße. Meine Eingangstür ist in der Joachimstraße, aber die meisten Fenster meiner Wohnung, einschließlich des Südbalkons, sind in der Auguststraße. Ich präsentiere bei meinen Nürnberg-Spaziergängen genau die Reihenfolge, in der ich gelaufen bin, weil ich mir denke, dass es dann mehr so ist, als ob man mit mir da entlangläuft, obwohl man es sich nur in der eigenen guten Stube in meinem Blog oder auf facebook anschaut. So kann man es besser nachempfinden, wie sich die Wege erschließen.
Und wer es langweilig findet, liest ja eh nicht bis hierher weiter! Also, ich war in der Sebalduskirche, dann beim Chörlein und bin dann nördlich weiter gelaufen, deswegen sind wir jetzt am Albrecht-Dürer-Platz und gleich kommen wir zum Denkmal, welches selbstverständlich einen eigenen Eintrag erhält. Im Antiquariat Heubeck war ich übrigens auch noch nie. Wird jetzt nicht überraschen, da ich ja lauter schöne Ecken und Orte zeige, wo ich zu fünfzig Prozent noch nie drin war, obwohl ich seinerzeit sehr wohl die Möglichkeit gehabt hätte. Gefühltes Wissen: das Antiquariat Heubeck gibt es ewig und drei Tage. Habe es nicht gegoogelt, aber mir ist so. Ich meine: was hätte ich als Kind oder Teenie in einem Antiquariat zu schaffen gehabt? Für antiquarische Ausgaben von Lyrikbänden habe ich mich erst mit ernstlicher Kaufabsicht interessiert, als es schon Internet gab. Früher fand ich alte Ausgaben auch schon schön, aber mein Taschengeld hätte dafür nicht gelangt! Und diesmal war ich auch nicht drin, OBWOHL mein Taschengeld endlich erhöht wurde! Ich hatte andere Pläne!
Ich hab mich treiben lassen, hatte nur eine Vorstellung in welche Himmelsrichtung. Das mache ich immer gerne. Weder war der Besuch in St. Sebald geplant, noch beim Chörlein. Das war gerade das Schöne, die Überraschungen des Wiedersehens von in der Vergangenheit verwurzelten Eindrücken. Das Einzige, was ich vorher auf dem Notebook gecheckt habe war, wo das Albrecht-Dürer-Haus genau steht, war mir nicht präsent. Dann war klar, dass es direkt unterhalb der Burg ist und die Richtung war mir bekannt. Wenn jemand ortsunkundig ist, wird er einen Plan dabeihaben, oder immer wieder das Smartphone checken oder sich vor dem Losgehen vorbereiten. Ich konnte schon recht gut auf meiner inneren Landkarte aufbauen. Allerdings bin ich naturgemäß nicht auf dem Laufenden, wie sich die Stadt gastronomisch entwickelt hat. Als ich vor dem Sebalder Pfarrhaus stand, sah ich am Spitzbogeneingang dieses Schild vom ION-Musikfest und dass davor Tische und Stühle waren, auch im lauschigen Hinterhof. Aber dass da ein Café ist, hat sich mir nicht erschlossen. Ich dachte, vielleicht ist das eine geschlossene Veranstaltungslocation für die Musiker und Mitarbeiter der Musikfestes, warum sollten da sonst überall so präsent Schilder davon sein? Jetzt im Nachhinein lese ich, dass im Pfarrhof ein Café ist. Bestimmt schön, da zu sitzen. Ich hatte ja gerade eine gute halbe Stunde vorher gefrühstückt und reichlich Kaffee getrunken, wollte daher nicht schon wieder irgendwo einkehren, aber gut zu wissen, dass da was wäre. Heißt Café Maulbeere, Adresse Albrecht-Dürer-Platz 1, direkt im Pfarrhof, aber wohl erst seit Oktober 2021 dort ansässig.
Das Sebalder Superstar-Chörlein hemmungslos von allen Seiten papparazzt! Der andere Superstar Albrecht Dürer hat es auch persönlich gut gekannt. Celebrity-Hot Spot St. Sebald: place to be!
Alsdann tritt man wieder durch das Portal zum Ausgang und hat einen heißen Sommertag vor sich. Es ist 11:32 Uhr, fast Mittag und der Blick fällt auf den Sebalder Platz mit dem alten Pfarrhof. Und das daran wie ein Vogelnest angeklebte, nicht übersehbare prachtvolle Erkerlein. Solche findet man immer wieder an besonders alten Häusern in Nürnberg und sicher auch in anderen mittelalterlichen Städtchen. Aber ich weiß nicht, ob die Erkerlein auch anderswo „Chörlein“ heißen. Als ich die Sebalduskirche betrat, erklärte gerade eine Ortskundige ihrer aus Hamburg angereisten Freundin oder Bekannten im künstlerisch angehauchten Kaftan mit passend aus einem bestimmt teuren Seidentuch geschlungenem, mondänen Turban dass DAS das berühmte Chörlein sei. Ich habe die Bekannte kurz antworten hören und meinte den ganz typischen Tonfall einer Hamburgerin erkannt zu haben. Ich musste innerlich lächeln, weil die Einheimische etwas wie ein kompliziertes Fremdwort erklärte, was mir sofort wieder geläufig war – „ach ja genau, das Chörlein“. Auch wenn man gar nichts darüber weiß, bleibt man stehen und staunt, weil es so besonders hübsch und filigran gestaltet ist, als wäre es mit dem Brautportal der gegenüberliegenden Sebalduskirche direkt blutsverwandt. Das Chörlein am Pfarrhof ist schon das zweite, also eine Nachbildung, aber auch schon wieder sehr alt. Das Original von 1370 ist vor Wind und Wetter geschützt im Germanischen Nationalmuseum ausgestellt und hat noch Reste einer vielfarbigen Bemalung. Das Chörlein vom Sebalder Pfarrhof ist eindeutig der Superstar unter den Nürnberger Chörlein. Wie Maria Callas oder Marilyn oder Elvis. Oder die Stones. Must See! Und der Platz ist sowieso schön. Es handelt sich beim Chörlein vom Sebalder Pfarrhaus um eine Mini-Hauskapelle, für die schnelle Andacht zwischendurch, nach dem Frühstück oder vor dem Schlafengehen. Sehr praktisch, man kann im Schlafanzug oder Morgenrock oder sogar ganz wie Gott einen schuf, im Chörlein beten und Andacht halten. Ob das der Herr Pfarrer von St. Sebald manchmal macht?
Kirchgang durch St. Sebald beendet. War doch schön, oder? Angenehm kühl auch, draußen ging es auf Mittag zu, ein heißer Tag dieser 2. Juli 2022, aber auch immer ein lauer Wind, da am Sebalder Platz und Richtung Burgberg. Für heute eine gute Nacht!
Noch ein paar hübsche Details aus St. Sebald. Was mir so auffiel.
„Madonna im Strahlenkranz von 1438. Ein namentlich nicht bekannter Nürnberger Künstler hat sie aus Birnbaumholz geschnitzt und reich mit Gold bemalt. Zwei Engel setzen Maria die Krone auf, zwei andere tragen sie auf einer Mondsichel in den Himmel. Strahlen umgeben sie, als ob sie mit der Sonne bekleidet wäre, wie es in einer Vision d. Johannes in Offenbarung 12 heißt.“
Kirchenorgeln sind auch so eine Wissenschaft für sich. In St. Sebald wird erst die dritte Orgel seit 1440 bespielt. Die erste, die „Traxdorff“-Orgel von 1440 ist 1945 verbrannt. Auf der hat in den 505 Jahren (1/2 Jahrtausend!), die sie funktioniert hat, u. a. zwischen 1695 und 1706 Johann Pachelbel, der Lehrmeister von Johann Sebastian Bach gespielt. Sie wurde vielfach restauriert und war sie bis zu ihrer Zerstörung am 2. Januar 1945 die älteste noch spielbare Orgel der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam die Sebalduskirche 1947 eine ausrangierte Orgel aus dem Jahr 1904. Erst 1975 wurde das Provisorium mit dem Orgelneubau der Peter-Orgel beendet. Auf meinen Fotos ist also die vergleichsweise blutjunge Peter-Orgel von 1975 zu sehen. Tolle Begriffe in der Beschreibung des Instruments: „(…) II. Manual Schwellpositiv III. Manual Schwelloberwerk Schwiegel Nachthorn Rohrgedeckt Flaut d’amore Bärpfeife Rohrpommer Grobgedeckt Weidenpfeife Gemsterz Rohrgedeckt Bombarde (…)“ klingt für mich wie aus einem mittelalterlichen Pornoheft! Wie man sofort erkennt: ich bin überhaupt nicht fachkundig was Orgeln und Orgelmusik angeht, ich bekomme aber zuverlässig wahlweise metaphysische oder furchterregende Schauer, wenn eine Orgel ertönt, je nach Werk und Spielweise. Gehört unbedingt in jeden guten alten Horrorfilm.
Wikipedia über ION: „Seit 1951 wird das auch als „Europas Fest Geistlicher Musik“ bezeichnete Festival jährlich an zehn Tagen im Mai oder Juni in Nürnberg veranstaltet. Es gehört damit zu den größten und ältesten Musikfesten dieser Art in Europa und ist bis heute ein kultureller Höhepunkt der Metropolregion Nürnberg. In den ersten Jahren stand Orgelmusik an den Orgeln der beiden großen evangelischen Altstadtkirchen St. Lorenz und St. Sebald im Mittelpunkt des Programms. Mittlerweile werden konfessionsübergreifend auch die katholische Frauenkirche und Kirchen außerhalb der Stadtmauern einbezogen.“
Das Festival ION war auch der Grund, wieso ich zwei Tage vorher in der Lorenzkirche zusätzliche Bestuhlung, Scheinwerfer und Fernsehkameras sah, es wurde vom Kammerchor Stuttgart die Messe Es-Dur von Franz Schubert aufgeführt, die er in seinem letzten Lebensjahr komponierte und deren Uraufführung er nicht mehr erlebte, sie fand erst ein Jahr nach seinem Tod in Wien statt.
Man muss sich vorstellen, dass ich durch das Portal ging und mich nach rechts wandte, mein Blick wurde vom Westchor und der Decke gefangen und in diesem Moment hörte ich das Kyrie der h-Moll-Messe von Bach. Mir lief ein Schauer durch den Körper. Ein himmlischer Gesang, den ich nicht träumte, er war wirklich da, und kam von der genau gegenüberliegenden Seite, dem großen Chor im Osten der mächtigen Sebalduskirche. Ich war ungeheuer beglückt, weil es ein Moment war, wie man ihn nur aus Filmen kennt, aber er war real und er hörte nicht auf. Ich schritt weiter, sehr bewegt, weil man dann nicht mehr geht, sondern schreitet. Die Musik wurde nicht von einem Tonträger abgespielt, sondern leibhaftig aufgeführt. Es war eine Probe für ein Konzert des Festes ION für geistliche Musik und ich war zufällig in diesem Moment eingetreten, um so einen unfassbar schönen Moment zu erleben. Es gibt eine Aufzeichnung auf BR Klassik davon, bitte wenigstens fünf oder zehn Minuten anhören und sich vorstellen, wie es ist, zu diesen Klängen eine Kathedrale zu durchschreiten.
Das Hauptportal. Ich will weiß Gott keine schulunterrichtshaften Einträge schreiben, aber was da bildhauerisch von Heinz Heiber erschaffen wurde, ist erklärungsbedürftig und für mein Empfinden zutiefst beeindruckend, zumal an einem historischen Sakralbau. Ich innerlich sofort: wow! Ich copypaste auszugsweise von der Homepage der Sebalduskirche, die vom „Heiber-Portal“ spricht:
„1988 bis 1991 gestaltete der Nürnberger Bildhauer Heinz Heiber (1928–2003) zunächst das nordwestliche, ursprünglich leere romanische Bogenfeld und dann auch die Türen selbst. Er nahm das klassische mittelalterliche Portalmotiv des Weltgerichts auf und setzte es mit zeitgenössischen Ausdrucksformen um. Im Unterschied zu klassischen Darstellungen mit dem Weltenrichter Christus bildet seine Werkgruppe ab, wie Christus bei seiner Ankunft sämtliche Grenzen überwindet. Er durchbricht den Türstock und stürzt dem Tod entgegen. Dessen Handlanger, die vier apokalyptischen Reiter, die alles unter sich begraben, verweisen einerseits auf seine Erfahrungen in Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung, andererseits auf die berühmte Darstellung Albrecht Dürers, der in St. Sebald getauft wurde, geheiratet hat und in die Kirche gegangen ist.“
Das einzige Rätsel ist für mich, wieso überhaupt die Idee aufkam, eine zeitgenössische bildhauerische Arbeit dort anzubringen. Ob das romanische Bogenfeld leer war, weil das ursprünglich dort befindliche mittelalterliche Portalmotiv wiederherzustellen zu komplex schien und nach einer inhaltlich adäquaten Alternative gesucht wurde? Das Vorgehen erscheint mir so ungewöhnlich progressiv. Aber ich finde das Ergebnis grandios. Auch die Arbeit an der Tür selbst. Ganz große Kunst. Die Kirche durch dieses Portal zu betreten, da durchzugehen war mir ein Fest, erhebend.
Beiläufig erwähnte ich, dass das „Bratwursthäusle“ am Rathausplatz unterhalb der Sebalduskirche steht. Wir sind in St. Sebald, so heißt das Viertel, benannt nach der gleichnamigen gotischen, heute evangelischen Kirche. Sie ist die älteste der drei berühmten christlichen Kathedralen von Nürnberg. Erhebend schön. Ich werde gerade Fan der gotischen Bauweise stelle ich fest. Gestern Abend habe ich etwas Interessantes gelernt, als ich ein bißchen recherchierte. Ich lernte nicht nur, dass das besonders filigran gestaltete Seitenportal „Brautportal“ heißt, sondern auch, was es damit auf sich hat. In Unkenntnis dachte ich, dass es vielleicht ein besonders hübscher, festlicher Eingang bei Hochzeiten in der Kirche ist, damit sich das Brautpaar und vor allem die Braut in ihrem prächtigen Kleid noch erhabener fühlen kann und ein schönes Bild abgibt. Es verhält oder verhielt sich tatsächlich so, dass bis zur Renaissance die Eheschließungen nicht in der Kirche stattfinden durften, weil es sich dabei um kein Sakrament handelte. Bei den Katholiken wurde das dann später eingeführt. Bei den Evangelen ist es immer noch kein Sakrament, sie müssen vorher standesamtlich geheiratet haben. Es ist kompliziert. Jedenfalls wurde die Eheschließung früher vor der Kirche, unter dem Brautportal oder der Brautpforte vollzogen, und die wurden dann dafür extra hübsch gebaut. Erst danach durfte das Paar die Kirche betreten. Brautportale gibt es also an einigen Kirchen, aber das von der Sebalduskirche ist schon besonders schön. Für mich als Kind und Jugendliche hat die Sebalduskirche keine Rolle gespielt, außer vielleicht im Heimatkundeunterricht. Oder zur Orientierungshilfe, wenn man nach dem Weg gefragt hat oder selber den Weg erklärt hat. Dann hat man gesagt: „links kommt dann die Sebalduskirche, da vorbei und immer den Berg hoch“. Oder so ähnlich. Albrecht Dürer ist übrigens in der Sebalduskirche getauft und hat dort auch geheiratet und ist da immer brav in die Kirche gegangen. War ja auch sehr nah zu allen drei Häusern, in denen er in seinem Leben gewohnt hat. Mehr oder weniger immer zwischen dem Hauptmarkt und der Burg. Premium!
Ich kenne ja einen Restaurator, Sebastian, der wie schon erwähnt, in der Lorenzkirche aber auch in der Sebalduskirche als Restaurator gearbeitet hat, gerade neulich erst wieder. Mir ist aufgefallen, dass er immer von St. Sebaldus spricht, was mich irritiert. Die Einheimischen sagen nämlich entweder Sebalduskirche oder St. Sebald. Meistens Sebalduskirche. Er hat aus beidem eine neue Kombination geschaffen. Das fand ich dann wieder interessant. Bin gespannt, was er dazu sagt! Er kommt nicht aus Nürnberg und hat das dementsprechend nicht so eingetrichtert bekommen wie ich. Aber ich bin schon ewig lange weg und habe sofort eine Wahrnehmung dafür. Dabei war er unzählige Male in der Kirche und ich bin immer nur dran vorbei. Aber diesmal nicht, ich war drin und es war grandios, warum, erkläre ich gleich später.
Doch, ja. Ich habe schon einen sehr liebenden Blick auf solche baulichen Details. Ein ganz herrlicher Adler, dieser Greif! Bildhauer aller drei Wappen der Portale war Leonhard Kern (22.11.1588 – 4.4.1662), kurbrandenburgischer Hofbildhauer. Alles über die Bedeutung dieses Adlers und der anderen Wappenfiguren kann man hier nachlesen. Das war mein Album vom Rathausplatz!
Wir sind immer noch am Rathausplatz! Das Wirtshäuschen mit Grün drumherum ist nicht etwa eine Gastwirtschaft auf dem Dorf, sondern direkt gegenüber vom palastartigen alten Rathaus, fast noch am Hauptmarkt, unterhalb von der Sebalduskirche, das Bratwursthäusle, welches seit 1960 dort bewirtschaftet wird. Ganz nah gab es seit ein paar Hundert Jahren früher das Bratwurstglöckle, nicht mehr am Originalplatz vorhanden, nur noch mit einem Ableger im Handwerkerhof. Aber der Big Player im Nürnberger Rostbratwürstchen-Geschäft ist eindeutig das Bratwurst-Röslein, mit einer enormen Gastwirtschaft, auch am Rathausplatz, nicht fotografiert. Das annähernd sechshundert Jahre (!) alte Bratwurst-Röslein hat die stattlichste Historie, nämlich:
1431 – Die Bierschenkbehausung „Waizenstüblein“ wird in alten Hausbriefen erstmals erwähnt. Sie wird später in das Bratwurst-Röslein integriert.
um 1480 – Erste Erwähnung der alten Nürnberger Rostbratküche „Zu den drei Rosen“.
bis 1600 – Bekannte Stammgäste sind Albrecht Dürer, Hans Sachs, Adam Kraft, Peter Vischer und Willibald Pirkheimer.
1815 – Erstmalige offizielle Erwähnung als Röslein.
Da ist er wieder! Albrecht Dürer hat im Bratwurst-Röslein gegessen und getrunken! Das originale Fachwerkgebäude wurde wie so viele im 2. Weltkrieg zerstört, aber das Röslein wurde am selben Platz wieder aufgebaut. Ich erinnere mich dunkel aus Besuchen in meiner Kindheit, dass die Nürnberger Bratwürstchen (ich immer „Sechs mit Kraut“) auf Zinntellern serviert wurden, das ist immer noch so. Wahrscheinlich auch im Bratwursthäusle, schätze ich mal. Da war ich als Kind auch das eine oder andere mal. Ich bin bei meinem jüngsten Spaziergang aber weder in dem einen noch in dem anderen eingekehrt, denn ich hatte ja gerade Nürnberger Bratwürstchen vom Frühstücksbuffet im Hotel verspeist. Direkt gegenüber vom Bratwursthäusle findet man im feudalen alten Rathausbau das Wirtshaus „Zum Spießgesellen“. Ob ich da mal war, kann ich nicht erinnern. Es hat vermutlich auch keine vergleichbare Historie wie das Bratwurst-Röslein, aber beeindruckende, rittersaalartige Gasträume. Sieht man das imposante Eingangsportal, vermutet man hochpreisige Gastronomie, aber das ist ein Irrtum. Die Preise liegen im Durchschnitt gleich oder sogar einen Euro niedriger als im Bratwurst-Röslein und im kleinen Bratwursthäusle. Und draußen sitzen kann man auch. Als Referenz-Speisen für meinen Preisvergleich habe ich mir jeweils sechs Nürnberger mit Kraut und das Schäufele angesehen. Hier die Speisekarten:
Das gute alte Bratwurst-Röslein wirbt zusätzlich mit dem Hinweis, dass nur Fleisch und Wurst von artgerechter Tierhaltung auf den Teller kommt. Unter dem Aspekt am günstigsten. Das Bratwursthäusle dagegen wirbt mit Würstchen aus eigener Herstellung. Aber schmecken tut es überall. Das war nun mein Beitrag zum Thema Nürnberger Rostbratwürstchen, welche ich immer noch sehr liebe und mir auch öfter mal in die Pfanne haue.
Immer mir nach! Wenn mir jemand mit einem besonderen Outfit entgegenkommt, greife ich reflexartig, aber diskret zur Kamera. Da ich nun wohl doch unübersehbar in die Richtung des bunten Grüppchens fokussierte, spielten die Beteiligten mit und stellten sich geradezu in Positur. Ich sah das erst später daheim in Berlin auf meinem Notebook. Putzig. Alle waren wohl in Ferienlaune und fotobereit. Ich habe kein Wort mit den Damen gewechselt, aber sie sehen nicht aus, als ob sie sich belästigt gefühlt hätten. Ulkig finde ich aber die langhaarige Blondine mit dem Herrn im Kaftanoberteil rechts. Ich meine ein wenig Argwohn in ihrem Blick zu erkennen. Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Damengrüppchen in der Mitte und dem Paar rechts gibt. Wenn ja, scheint in Sachen Gruppenharmonie noch Luft nach oben zu sein.
Nach einer Pause anlässlich der Hochzeit von meinem Neffen und dem Berliner Intermezzo zum Stones Sixty Jubiläum kehre ich zu meinen Nürnberg-Spaziergängen zurück. Da ist noch einiges an Sehenswertem nicht aufgearbeitet. Am Tag nach der Hochzeit, dem 2. Juli 2022, der auch in den Abendstunden mein Rückreisetag war, zelebrierte ich ein spontanes klassisches Touristenprogramm unter meiner eigenen Führung, da ich trotz meines Wegzugs aus Nürnberg vor 36 Jahren noch eine innere Landkarte der Stadt habe. Vieles vergessen, aber schnell wieder abrufbar. Und nie Angst, sich komplett zu verlaufen. Ich musste am 2. Juli mein schönes Hotelzimmer um 11 Uhr vormittags räumen, durfte aber meine schwere Reisetasche bis zum Abend in der Lobby verwahren. So ging ich recht unbeschwert von Gepäck auf gut Glück Richtung Norden, zur Kaiserburg. Auch das Albrecht Dürer Haus wollte ich erstmalig in meinem Leben anschauen, es ist direkt unterhalb der Burg. Und dazwischen sind ganz viele sehenswerte Plätze und Gebäude und pittoreske Ecken, die auch nicht unter den Tisch fallen sollen. Ausgangspunkt war der Hauptmarkt, wo mein Hotel war und das neuere Rathaus mit dem Trausaal, wo am Tag zuvor der Liebesbund geschlossen wurde. Da ging ich also los. Und direkt neben dem Hauptmarkt ist kurioserweise schon ein anderer großer Platz, der Rathausplatz. Es gibt nämlich ein historisches Rathausgebäude, viel schöner als das neuere. Darin sind aber nun das Restaurant „Zum Spießgesellen“ und Anderes. Warum auch immer. Vom Hotelzimmer konnte ich auch die von Grünspan bedeckten Kupferdächer der Türme des alten Rathauspalastes einfangen, alles andere ist von unten fotografiert. Weitere Blickwinkel folgen.
Ausgehen ist wichtig. Wir haben den Abend bis zum Schluss ausgekostet. Als wir uns spätnachts nach Ende der beiden Konzerte mit einem weiteren Bier draußen vor dem Club aufhielten, wo auch viele andere Gäste in Korbsesseln saßen, machte mich Lydia auf den Fahrer einer Limousine aufmerksam, der Gewehr bei Fuß in Schlips und Anzug wartend am Straßenrand stand. Sehr merkwürdig! Also wir haben weder Keith, noch Mick, noch Ronnie entdeckt, aber vielleicht wartete er auch, um Sasha Allen zurück ins Adlon zu kutschieren. Als sich doch Bettschwere bemerkbar machte, und Bernard Fowler aufbrach – die Limousine war inzwischen weg – winkte ich mir ein Taxi nach Mitte. Lydia radelte heim, in dieselbe Richtung, und kam am Adlon vorbei, wo sie noch ein paar Fotos machte, sehr putzig – für mich! Ich konnte da jetzt auch keine hellseherischen Schlüsse zum Verbleib der Stones daraus ziehen, obwohl man inzwischen wusste, dass die Fenster der Präsidentensuite, wo Mick schlief, direkt unterhalb des Dachs waren, wo der Balkon rundläuft. Dass Keith zwei Etagen unter ihm schlief, hatte die BZ-Reporterin ausgeplaudert, bei ihm waren die Vorhänge immer am längsten zu. Ich habe nun auch keine weiteren Erkenntnisse, wann genau die Stones zurückgeflogen sind, aber sie waren da, und das ist ja die Hauptsache. Hier ist das komplette Fotoalbum aus dem ZigZag Club. Meine Berichterstattung ist soweit beendet. Sechzig Jahre Rolling Stones angemessen zelebriert und stetiglich berichtet – à la bonne heure!
Was für ein schöner Abend. Ich war natürlich auch im Backstage, sonst hätte ich ja keine Fotos davon machen können. Nach dem ersten Konzert strömten Fans, darunter nicht wenige Frauen, in das kleine, boudoirhafte Hinterzimmer, während sich Lydia eher zurückhielt, mit ihrem für heutige Zeiten ungewöhnlichen Autogrammwunsch. Der war impulsiv geboren worden, als ihr einfiel, dass sie sich gerade ein hübsches neues Notizbuch zugelegt hatte, das man dadurch gebührend einweihen könnte. Ich unterstützte dieses Ansinnen. Wir standen beobachtend im Hintergrund, während Selfies mit den Musikern gemacht wurden.
Eine Frau hielt beharrlich umarmend die Arme von Fowler fest, was etwas hartnäckig rüberkam, er ließ es höflich zu, hielt sie aber auf mehr Abstand, als es ihr beliebte. Lydia fiel das glaube ich auch auf. Er konnte sich dann doch aus der Affäre ziehen und Lydia holte sich ganz altmodisch Autogramme von der Band. Bernard Fowler unterschrieb schwungvoll auf einer extra Seite. Lydia war unsicher, ob die Aktion nicht peinlich war, aber ich versicherte ihr mindestens fünfmal, dass ích es überhaupt nicht peinlich, sondern im Gegenteil entzückend finde, und es den Musikern bestimmt genauso ging (das Ergebnis zeige ich auch noch). Als wir den Club Richtung Ausgang verließen, strömten schon die neuen Gäste für das zweite Set hinein, darunter erkannte ich die grandiose Backing Vocals Sängerin vom Stones-Konzert in der Waldbühne, Sasha Allen, die außer mit den Stones u. a. mit Christina Aguilera, Alicia Keys und Usher arbeitet. Daryl, Mick, Keith und Ronnie waren offensichtlich nicht mitgekommen. Wir traten mit unseren noch nicht ganz ausgetrunkenen Gläsern in die immer noch sehr warme Sommernacht und bekamen Lust, etwas zu essen und später noch mal in den Club zu schauen. Schräg gegenüber war ein asiatisches Lokal, wo man angenehm draußen auf dem Gehsteig sitzen konnte, da gingen wir hin und bekamen alles sehr schnell kredenzt.
Wir sprachen beim Essen über eine Psychotherapeutin, die Audioaufzeichnungen von (wie Lydia meint teilweise gescripteten) Therapiegesprächen auf youtube postet (nach Absprache mit den Klienten), und das jüngste Comeback von Marianne Rosenberg.
Bernard Fowler. Ein ganz großartiger Sänger. Subtil, kraftvoll, konzentriert, im passendsten Moment völlig ekstatisch. Als das erste Set zu Ende war, und ich im Durchgang zum Backstage stand, sie von der Bühne runter an mir vorbeimussten, konnte ich nicht anders, als Bernard Fowler reflexartig zu drücken und als Ausdruck meiner musikalischen Verehrung zu küssen. Ich wollte ihn wieder loslassen, aber er strahlte mich an und umarmte und küsste mich herzhaft und zupackend zurück. Das hätte Lydia eigentlich mal fotografieren sollen! Aber sie stand nur da und guckte wie angewurzelt tatenlos zu! Hinter ihm kam Tim Ries und da ich schon im Flow war, bekam er auch eine Umarmung und umarmte genauso zurück. Es gab Standing Ovations. So verdient. Der magischste Moment war „Wild Horses“, das hat eine Besucherin des zweiten Sets mitgeschnitten und auf youtube hochgeladen. Bitte unbedingt anhören. Sie bezeichnet es als „mindblowing“. Nicht übertrieben. Im ersten Set wurden Honky Tonk Woman, Lady Jane, Wild Horses, Gimme Shelter, Satisfaction und außerhalb der Stones-Songs-Reihe A Change Is Gonna Come gespielt. Viele sangen mit, ich auch. Zugabe war Ruby Tuesday. Dann verschwanden sie für eine Pause vor dem zweiten Konzert in das lauschige Hinterzimmer, das ich mir auch angesehen habe.
Während wir weiter in der Schlange warteten, eingelassen zu werden, belauschte ich drei Damen links von uns, von denen die eine das Wort führte. Sie erklärte, beide Sets gebucht zu haben, es sollte zwei Auftritte geben, einen um 19:30 und einen um 21:00 Uhr. Eintrittspreis übrigens 35 Euro. Ich hatte für das erste Set reserviert. Sie ließ uns gut hörbar daran teilhaben, dass ihr zur Kenntnis gekommen sei, dass „die drei Stones“, sie meinte damit Mick, Keith und Ronnie, am Vormittag ein vegetarisches Essen gehabt hätten. „Auf Auberginen-Basis“. Sie da also auf jeden Fall noch in Berlin gewesen seien. Zumindest bis Mittag. Ich fand das toll detailverliebt, dass sie „auf Auberginen-Basis“ betonte. Ich konnte das zwar bislang nicht verifizieren, aber vielleicht arbeitet sie ja in dem Lokal als Küchenkraft und hat die Auberginen schälen müssen. Ich meine: dürfen! Auch ich wäre bereit, für Mick und Keith Auberginen zu schälen, für Ronnie natürlich auch. Auch wenn Auberginen für meinen Geschmack ein bemerkenswert langweiliges Gemüse sind. Aber was tut man nicht alles als Fan!
Endlich durften wir in den Club, bekamen allerdings nur zwei Stehplätze. Zuerst standen wir ungünstig links vom Tresen, was nur praktisch war, um zwei große Carlsberg vom Fass zu bestellen. Dann wählten wir die Nische rechts von der Bühne, wo zudem zwei Barhocker rumstanden. Von der Sichtachse aus sah man erstmal hauptsächlich den handsomen jungen Gitarristen aus Israel, in Berlin lebend: Tal Arditi. Es war einfach traumhaft, was er seiner Gitarre entlockte, besonders bei Wild Horses. Lydia fand ihn im Profil speziell interessant, weil er sie an jemanden erinnerte. Ich versuchte hauptsächlich Bernard Fowler zu erhaschen. Noch weiter weg saß Tim Ries am Flügel, ich wusste gar nicht, dass er Klavier spielt. Das ganze Programm hatte die Überschrift „The Rolling Stones Project“, davon gibt es auch zwei Platten. Sehr bekannte Stones Songs wurden virtuos angejazzt umarrangiert. Auf der 2005 erschienen ersten Platte des Projekts haben neben Tim Ries und Bernard Fowler Charlie Watts, Keith Richards, Ron Wood, Norah Jones, Sheryl Crow, Bill Frisell, John Scofield, Darryl Jones und andere bekannte Größen mitgewirkt. Fortsetzung folgt!
Der mir bis Donnerstag völlig unbekannte ZigZag Club präsentiert sich kuschelig. Schwierig zum Fotografieren aber gut für die Atmosphäre und den Teint. Obwohl ich sieben Jahre in Schöneberg gewohnt habe – oder gerade weil – habe ich mich verlaufen. Ich lief von der S-Bahn Innsbrucker Platz in die falsche Richtung, hatte mir aus unerfindlichen Gründen zurechtgelegt, die Hausnummer Hauptstraße 89 müsste Laufrichtung Kleistpark sein. Wahrscheinlich hat es meine Phantasie überstiegen, dass unterhalb vom Innsbrucker Platz irgendein nennenswertes Lokal sein könnte. Das war ja früher schließlich auch nicht der Fall! Alles war im Dreh zwischen Kleistpark und Eisenacher Straße, weiter unterhalb war tote Hose. Ich rede allerdings von den Achtziger Jahren, wo ich eben in Schöneberg gewohnt habe und mich sehr gut auskannte. Long speech, no sense: ich drehte dann doch nach zehn Minuten misstrauisch um, da selbst die kuriosesten Berliner Hausnummerierungen (man ist ja einiges gewohnt) bestimmt nicht in der Hälfte der Straße mit 50 aufhören und mit 100 weitergehen. Es war wieder tropisch warm, als ich am 4. August gegen 19 Uhr da entlangtapste. Kurz vor dem Innsbrucker Platz kam mir Lydia in einem eleganten langen schwarzen Kleid mit Goldlamée-eingefassten Spaghettiträgern auf dem Fahrrad entgegen. Wir liefen gemeinsam zum ZigZag Club, wo schon eine lange Schlange wartete. Oben im ersten Stock des weißgetünchten Hauses war ein Fenster auf, aus dem tatsächlich Bernard Fowler amüsiert auf die Schlange guckte. Ich schien die einzige zu sein, die ihn dort bemerkte und winkte ihm enthusiastisch zu, er winkte fröhlich zurück. Später kamen wir uns noch etwas näher. Fortsetzung folgt!
Am Tag nach dem Stoneskonzert hatte ich schon wieder was im privaten Terminkalender. Nämlich einen Besuch im ZigZag Jazzclub in Schöneberg. Der ist in der Hauptstraße ganz südlich, unterhalb vom Innsbrucker Platz. War ich noch nie zuvor. Es war ein ganz besonderer Anlass. Da ich immer fleißig das Stones-Forum mit den Beiträgen zum Konzert in der Waldbühne etc. verfolgt hatte, las ich dort einen Hinweis auf ein Konzert in dem winzigen Club, wo das Rolling Stones-Backing-Vocals-Urgestein Bernard Fowler mit dem ebenfalls langjährigen Stones-Saxophonisten Tim Ries und weiteren Musikern auf die Bühne gehen würde. Bernard Fowler hat erstmalig 1985 bei Micks Soloplatte „She’s the Boss“ mit ihm gesungen, so hat sich dann die nun mittlerweile 37-jährige kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelt. Er ist auf jeder Platte zu hören und war auf jeder Tour dabei. In der Waldbühne war er der erste Musiker, den Mick vorgestellt hat. Ich konnte gerade noch zwei Plätze im ZigZag Club reservieren, Lydia ging mit. Ich zog dieses lange sommerliche Kleid an und war supergespannt. Wie den meisten anderen Gästen, kam mir in den Sinn, dass vielleicht noch jemand, den man kennt, vorbeischaut, gelegenheitshalber, nicht wahr. Fortsetzung folgt :-)
Und nun zu den Stones. Was hier nach einem Waldspaziergang aussieht, ist der Insider-Block M wie „Murellenschlucht“, direkt links von den Blöcken H und E. Eintritt: 0,00 €. Vgl.: Block H und E: 296,15 € (sofern man diese günstigeren Preise bei Eventim bekam). Wie bereits angedeutet, waren Ina und ich durchaus bereit vor Ort Tickets zu kaufen, aber das einzige Angebot waren zwei Karten im hintersten Rang zu je 460 €.
Auf dem Weg zum Haupteingang der Waldbühne kommt man an diversen Catering-Trucks, Toiletten und auch Merchandise vorbei und natürlich langen Warteschlangen am Einlass. Im Unterschied zum Konzert im Olympiastadion vor vier Jahren, gab es hauptsächlich Leute, die Schilder hochhielten mit „Suche Ticket“, damals bekam man alle zehn Meter welche angeboten. Es war tatsächlich ausverkauft, sogar die Wuchertickets auf Viagogo wurden noch weitgehend genommen.
Wieder nach Hause zu gehen war keine Option, da es ja auf der Hand lag, dass die Schallwellen auch über den Zaun gehen. Also begaben wir uns zur Murellenschlucht, was außer uns auch viele andere Fans taten, die sich die Tickets nicht leisten konnten oder nicht leisten wollten. Unsere Schmerzobergrenze war bei 300 pro Nase, hatte sich aber nun erübrigt!
Im Prinzip umrundet man links vom Eingang die Waldbühne, immer an der Absperrung entlang. Wie unterschiedlich gut bzw. schlecht der Sound ist, hängt von der Stelle ab, die man sich in der Schlucht sucht. Am besten war er weiter oben, auf Höhe der mittleren Ränge, geradezu exzellent. Man konnte jeden Song sofort deutlich erkennen, nur die Ansagen hab ich nicht so genau verstanden. Ziemlich gut hat sich auch Miss you angehört.
Und gesehen hat man ein bißchen buntes Gelichter, aber nichts Genaues. Stellenweise war es wie eine Mischung aus Woodstock und Familienpicknick. Ich konnte aber ganz weit hinten, beim Entdeckungsspaziergang, noch etwas Exclusives beobachten. Dort traf mein Pfadfinderblick auf das 2018 neu gebaute Backstagegebäude und ich setzte mein neues kleines Tierbeobachtungsfernglas an, das ich für alle Fälle dabeihatte.
Zuerst konnte ich ein weißes Beduinengartenzelt neben dem Gebäude sehen, in dem Gartenmöbel standen und Leute rumsaßen, da war immer Bewegung. Erkennen konnte ich niemanden, dafür war es zu unruhig, aber dann, Schwenk nach links, wo zusätzliche weiße WC-Container für die Security etc. zu stehen schienen, hatte ich plötzlich ein bekanntes Gesicht vorm Objektiv.
Nämlich eine brünette, langhaarige junge Dame, die exakt wie Mick Jaggers Freundin Melanie Hamrick aussah. Sie trug ein dunkelblaues Shirt und eine dunkelblaue Hose und scherzte mit zwei Wachleuten, die gerade vom Klo kamen. Alle anderen, die ich sehen konnte, hatten Backstagepässe um den Hals, sie nicht. Ich könnte es jetzt natürlich nicht beschwören, aber ich bin mir zu 97 Prozent sicher, dass sie es war. Sie ist jetzt ja immer überall dabei gewesen.
Dort an an der ungefähr 70 Meter vom Backstage entfernten Absperrung versuchte eine Truppe von ungefähr vier jungen Männern und zwei Frauen, das Gitter aufzubiegen, um hindurchzuschlüpfen, was ihnen auch gelang. Man musste die defekte, mit Gewalt aufgerissene Stelle des Gitters mit viel Kraft auseinanderdrücken. Sie waren dann zwar drin und konnten sich durchs Gebüsch schlagen, aber wie weit sie dann innerhalb der Waldbühne gekommen sind, ist mir unbekannt. Wenn die Situation einschätzbarer gewesen wäre, hätten wir es vielleicht auch gewagt. Allerdings habe ich Zweifel, dass es einer allein geschafft hätte, das Gitter so weit aufzudrücken, dass man ohne Kratzer und Hängenbleiben durchgekommen wäre.
Fotos habe ich keine gemacht und auch nicht machen können, da ich meine Kamera vorschriftsmäßig daheimgelassen hatte. Alle Bilder hier sind von Ina, ihrem Smartphone. Das Konzert fing Punkt 19:45 mit Street Fightin Man an und endete um 22:00 Uhr mit Sympathy for The Devil und Satisfaction als Zugaben. Die Setlist kann man hier nachlesen.
Im letzten Drittel schwankte ein vermutlich alkoholisierter Stonesfan zu Ina und mir und fragte uns „Wo werden denn hier die Kinder gezeugt?“. Ina deutete auf den Waldboden und meinte „Da unten“. Ich zeigte nach rechts und erklärte ihm: „Siebeneinhalb Meter da lang und dann links.“ Die widersprüchlichen Angaben schienen ihn zu verwirren, er wankte unentschlossen weiter.
Nach Ende des Konzerts reihten wir uns wieder in den Besucherstrom Richtung S-Bahn Pichelsberg ein, wie schon beim Herkommen. Ich war bettschwer nach über fünf Stunden ununterbrochenem unterwegs sein bei weit über dreißig Grad.
Gegen 23 Uhr daheim fand ich schon die ersten Berichte und youtube-Uploads vom Konzert, tolle Aufnahmen von ganz vorne aus dem Diamond Pit. Aber auch Fotos der Waldbühne in der Totalen, der gesamte Innenraum. Sehr schön. Wir waren rein entfernungsmäßig eindeutig näher an der Bühne als jemand ganz rechts im äußersten Ring.
In der Erinnerung verbanden sich sofort die eigenen Eindrücke und das Gehörte mit den youtube- und Fotobildern, und so war man doch eigentlich richtig dabeigewesen. Erkenntnis: wenn schon Wucherpreis, dann direkt ganz vorne im Diamond Pit, ansonsten ist man ja auch auf Video-Nachlese angewiesen. Für ein ausverkauftes oder sehr teures Klassikkonzert, wo man nicht so versessen darauf ist, auch die Klamotten und die Mimik zu sehen, eine schöne Idee, gut ausgestattet mit Decke und Kühlbox direkt die Murellenschlucht anzupeilen. Unser Resümee: unter den gegebenen Bedingungen war das die beste Idee von allen.
Es geht gleich weiter. Ich musste mich heute regenerieren. Vorgestern bei den Stones und gestern im winzigen, sehr kuscheligen Schöneberger Zig Zag Club, wo die Urgesteine Bernard Fowler und Tim Ries von der Stones-Tourband mit subtil verjazzten Stones Songs auftraten. Hier erst einmal Fotos vom 3., als ich zur Waldbühne aufbrach, was dann da geschah, und ob ich mit Ina drin war, in der nächsten Folge meiner Berichterstattung.
Toll! Ich hab ein Ticket für die Stones…!!! Ja… ok – von 1990, aber auch August. Damals hat man bestimmt auch kurz überlegt, ob man 39 Mark ausgibt – und dann entschieden: Scheiß drauf! Vielleicht spielen sie nie mehr, und dann ist die Reue groß. Das war vor 32 Jahren. Zuzüglich stattliche 4 Mark Vorverkaufsgebühr. Ich überlege gerade, ob sich die Löhne und Gehälter seit 1990 verzehnfacht haben, dann würde die Relation zu den heutigen Ticketpreisen wieder stimmen. Ich habe da so ganz kleine Zweifel. Wie bereits erwähnt, ist heute der große Tag, an dem die Stones ihre SIXTY-Tour mit einem Konzert in der schönen Waldbühne beschließen, und ich habe kein Ticket. Auch sonst niemand, den ich kenne. Ina hat auch kein Ticket. Aber wir sind fest verabredet und werden aufrecht dahin gehen. Und dann werden wir mal sehen! Wir haben auch Bargeld im Portemonnaie, aber es gibt ein Limit. Behaupte ich mal. Arschlochmäßige Wucherpreise à la Viagogo-Abzocke wollen wir nicht hinlegen. Das fühlt sich einfach nicht gut und irgendwie uncool an! Wir sind schließlich super-cool!
Und nun: Gaga Nielsen proudly presents Fotos aus den Achtziger Jahren. Wir sehen meinen guten alten Freund Richard, den ich in meiner Hochzeitsberichterstattung mehrfach erwähnte, mit dem neugeborenen Valerian, ein Bild von schätzungsweise Anfang 1988, ich denke, da war Valerian schon ein paar Wochen alt, er ist am 17. Dezember 1987 auf die Welt gekommen, und Patenonkel Richard hält ihn schon ganz selbstverständlich, man könnte denken, er ist der Vater. Und dann sehen wir noch zwei Abschiedsfotos die ich im März 1986 von Richard gemacht habe, kurz bevor ich Anfang April nach Berlin zog. Und zuguterletzt aus der gleichen Serie vom März 1986 ein Foto von mir. Ich war in Aufbruchstimmung! Abschiedsfotos habe ich von ganz vielen Freunden gemacht. Als es klar war, dass ich wegziehe, habe ich meinen kleinen Fotoapparat zu Events, also meistens Konzerten mitgenommen, zu denen ich auf den letzen Metern ging. Manche Freunde habe ich auch zuhause fotografiert, in ihren WG-Zimmern. Wie es sich eben ergeben hat. Sind schöne Bilder dabei, trotz Amateurkamera. Eben der liebende Blick. Richard und ich waren nie ein Pärchen, aber gute Freunde, wir haben viel gelacht. Er zog dann auf dem Papier bei mir in Berlin ein, ich kaufte im Schreibwarenladen einen blanco Untermietvertrag, den haben wir ausgefüllt und dann konnte er sich beim Bezirksamt Schöneberg als Schöneberger anmelden und musste nicht zur Bundeswehr. Da war er nicht der einzige, der den Trick kannte, ich hatte noch mehr männliche Untermieter, zum Glück nur auf dem Papier, meine kleine Schöneberger Einzimmerwohnng in der Leberstraße 54 wäre ein bißchen eng geworden. Aber zu Besuch hatte ich schon immer wieder alte Freunde aus Nürnberg. Richard auch. Und einmal, im August 1990 war er da, um mich zum Stones-Konzert in Weißensee zu begleiten. Das war toll. Mein erstes Stones-Konzert. Und nun schließt sich auch schon der Kreis. Morgen, am 3. August 2022 spielen die Stones wieder in Berlin, in der Waldbühne diesmal, zum dritten oder vierten mal, wenn ich richtig mitgezählt habe. Und ich gehe wieder hin, mein viertes Stoneskonzert. Ina kommt mit, wir haben keine Tickets, aber sehen es sportlich und gucken mal, was da kommt und sich so ergibt. Und morgen zeig ich mal das alte Original-Ticket von 1990 zum Preis von 39 Mark (!) Und da waren die Stones auch schon berühmt. Also echt jetzt mal.
LIEBESBUND. Fotofragmente, Acryl, Blattgold, zwei Leinwände 20 x 20 und 30 x 30 cm, Foamboard, Leim, 28. Juni 2022, gewidmet Sabrina und Valerian zur Hochzeit am 1. Juli 2022 von Tante Gaga
Zuguterletzt hier noch die Antwort auf Inas Frage, was denn eigentlich in dem schwarzen Päckchen sei, meinem Mitbringsel. Mit diesem Beitrag schließe ich nun feierlich meine ausgiebige Hochzeitsberichterstattung und zeige mich offen für kommende Hochzeitseinladungen. Ich akzeptiere und respektiere auch Feiern und Verbindungen ohne standesamtlichen Vollzug. Wobei das schon eine andere Ernsthaftigkeit hat, da muss ich Richard doch recht geben. Er erzählte mir von einer Bekannten, die mit großer Ernsthaftigkeit und Überzeugung von ihrer „indianischen“ Do it yourself-Hochzeit auf einem Hügel schwärmte, dass sie nun mit XY verheiratet sei. Richard, der zweimal standesamtlich die Ehe schloss (die zweite hält an), konnte das so gar nicht für voll nehmen und regte sich mit einer erstaunlichen Autorität darüber auf, dass sich die Bekannte einbildete, verheiratet zu sein. Mich amüsierte seine Empörung, weil er sonst so großzügig und besonnen und tolerant wirkt und eigentlich kein spießiger Paragraphenreiter ist und wilde, alternative Patchwork-Familien und experimentelle Lebensformen kennt. Aber da ist er streng. Entzückend. Ich weiß selbst nicht genau, warum ich seine Aufregung so putzig und auch sympathisch finde. Ich habe ja nun überhaupt keine Ahnung vom Heiraten. Auch verlobt war ich nie.
Ich bedanke mich von ganzem Herzen, dass ich an dieser schönen Hochzeit von Sabrina und Valerian teilnehmen durfte. Ganz viel Mühe hat sich auch Nik, sein ältester Bruder gemacht, der Trauzeuge war und mit Unterstützung seiner Frau Claudia eigentlich die Riesenaufgabe eines Wedding Planners gemeistert hat. Ich dachte bisher, dass man als Trauzeuge nur adrett bei der Trauzeremonie danebensitzt und am Ende was unterschreibt. Weit gefehlt! Ich hatte es da doch sehr bequem als Gast. Wobei schon auch Vorleistungen erbracht werden mussten: Nik hat alle Gäste gebeten, ein Foto von sich mitzubringen, das dann in ein Album eingeklebt wurde und während der Feier mit Widmungen versehen wurde. Manche haben dann flott an der Fotobox eins gemacht und eingeklebt. Der Saal der Feier war so liebevoll mit Wiesenblumen dekoriert, auf jedem Platz war eine Serviette mit unterschiedlichen gepressten Blumen, ich hab mich anschließend geärgert, dass ich völlig vergessen habe, meine Blumenserviette einzustecken. Der Aufbruch war etwas hopplahopp, da mir ein Taxi gerufen wurde, und plötzlich war es so schnell da, es wäre fast schon wieder ohne mich abgedüst, dass ich mit fliegenden Fahnen weit nach Mitternacht die schöne Party verließ. Ich war auf einmal richtig bettschwer, es war aber auch ein aufregender und intensiver Tag.
Das war erst die vierte Hochzeit, auf der ich war, und die erste überhaupt in der engsten Familie. Auf meiner allerersten Hochzeit, Mitte der Neunziger, wo ich auch beim Standesamt mit dabei war, war ich schon im reifen Alter von ungefähr dreißig Jahren, eine damals enge Freundin hatte geheiratet, ich machte ihr die Haare, half ihr beim Styling und Make up, wir haben sie als Holy Golightly gestylt, sie trug ein langes, enges weißes Kleid und weiße Zuchtperlen und lange schwarze Handschuhe und die typische Hochfrisur. Außerdem filmte ich die ganz Zeit mit einer Handycam, auch im Standesamt. Am Ende war mir, als wäre ich gar nicht richtig dabeigewesen, weil ich dauernd durch die Kamera guckte. Die zweite Hochzeit war mehr von so einem lockeren Bekannten, den ich jobmäßig kannte, da war ich nur bei der anschließenden Feier, wofür die St. Elisabeth Kirche in der Invalidenstraße in Mitte zur Feierlocation erwählt wurde. Die dritte Hochzeitsfeier war die von Sebastian, meinem lieben Bloggerfreund, der auch bildender Künstler und dieser tolle Restaurator von St. Lorenz und St. Sebald ist, wovon ich kürzlich schrieb. Und das war nun meine vierte Hochzeit. Mir haben alle gut gefallen, aber naheliegenderweise ging mir diese am meisten zu Herzen. Es war einfach nur schön.
Auch ein Ritual, das ich noch nie mitgemacht hatte: einen Ballon mit einem Wunsch steigen lassen. Alle Hochzeitsgäste bekamen einen in die Hand und es ging auf die inzwischen sonnige Terrasse. Richard stand mit seiner Frau neben mir, er hatte plötzlich drei Ballons in der Hand, obwohl die Zuteilung auf einen für Paare limitiert war. Einer Auflage gemäß dürfen nicht mehr als 90 Ballons in den Himmel steigen. Er guckte irritiert und musste kichern. Wir haben ein bißchen was geraucht, ich glaube aber nicht, dass das ausschlaggebend dafür war, dass es allen so wunderbar metaphysisch vorkam, wie die Ballons in die Unendlichkeit flogen. Mein Wunsch war ein dicker Kuss auf die Karte, die dranhing, keine großen Worte. Ich rauche so selten was, ich hatte richtig Lust drauf und fand es auch nostalgisch schön, dass es im vertrauten Kreis immer noch so selbstverständlich kultiviert wurde. Früher hätte man wahrscheinlich überlegt, ob man das überhaupt schreiben kann, wegen diffuser Befürchtungen, dass demnächst die Polizei bei einem klingelt. Die Zeiten sind zum Glück vorbei.
Die von mir insgeheim so genannten „Gelben Grazien“ singen dem Brautpaar ein beeindruckend langes Ständchen, indem die Kennenlerngeschichte von Sabrina und Valerian besungen wurde. Es muss ein bekanntes Lied gewesen sein, das lustig umgetextet wurde. An den Reaktionen der jüngeren Zuhörer konnte ich sehen, dass sie es kannten. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, welches, aber die sieben jungen Damen waren eine Augenweide und haben hingebungsvoll vorgetragen. Dieser Anblick verlangt Farbfotos.
Bildunterschrift: „Born in the Sixties“. Quasi die Elterngeneration vom Brautpaar, ohne dass leibliche Eltern von ihnen auf den Fotos wären, wir können das aber absolut würdig vertreten. Richard, der Drummer und Valerians Patenkonkel, links, ist meiner dunklen Erinnerung nach Jahrgang 1960, seine Frau Manu im Queen Elizabeth-Styling etwas jünger als er, Kasperle Dorit mit Brille, und ich mit Girlande auf dem Kopf Jahrgang 1965, Anjas Gefährte mit den langen Haaren auch um den Dreh. Mein erstes mal mit einer Fotobox. Ich mache zuehmend mehr Quatsch mit, sobald ich erst in Gesellschaft bin. Liegt meinem Gefühl nach am Alter. Die zeitlichen Möglichkeiten werden kürzer, man will alles mehr auskosten und wieder Sachen ausprobieren. Früher hätte man sich auch nicht vorstellen können, dass jemand auf die Idee kommt, Mick Jagger zum Geburtstag eine schuhplattelnde Lederhosentruppe zu präsentieren. Aber es hat ihn amüsiert, da neulich im Hotel in Düsseldorf. War vielleicht die Idee seiner Kinder, die das möglicherweise schon wieder hip finden. Wenn man die entsprechende Lockerheit hat, kann man sich auf noch viel mehr als früher einlassen und Spaß haben. Ganz anarchisch.
Vor zwei Stunden, um 17:49 Uhr heil in Berlin gelandet: der Vogel mit den Stones, die „Rolling Stones B767“, ab Minute 41:52 livestream von vorhin vom BER. Yay! Welcome back in Berlin, Mick & Keef & Ronnie ❤
Wir schreiten nun zur beliebten Fotobox. Hierbei handelt es sich um einen Apparat, der in einer Ecke steht und Fotos von allem, was vor ihm ist, machen kann und auch gleich ausdruckt. Wer die Sendung „First Dates – ein Tisch für zwei“ auf Vox kennt, oder in den letzten zehn Jahren auf einer größeren Party eingeladen war, benötigt keine weiteren Erklärungen. Für die Anderen: zur Fotobox gibt es ein Potpourri von Verkleidungszubehör, also Faschingsartikel. Schnurrbärte und Herzchenbrillen, die man sich vors Gesicht halten kann, sowie verschiedene Kopfbedeckungen und Girlanden. Ich habe auch mit meinen alten Kumpels von früher mitgemacht und zeige auch noch die Ergebnisse, aber lasse erst einmal der gutaussehenden Jugend den Vortritt. Das sind natürlich keine Fotos aus der Fotobox, sondern aus meiner Kamera, die zeigen, wie man zur Fotobox schreitet und sich darauf vorbereitet. Interessant fand ich, dass man damit auch Leute, die man nicht selber auffällig fotografieren möchte, paparazzen kann, indem man die Fotobox – wie bei der Party der Fall – auf die Tanzfläche richtet, sich zur Seite stellt und auslöst, so kann man heimliche Gruppenfotos machen, von denen keiner weiß! Man muss natürlich darauf achten, dass man nicht selbst davorsteht, sonst hat man ein Foto von sich selbst. Die Damen neben der Braut sind die „Gelben Grazien“, wie ich sie für mich insgeheim nenne. Es handelt sich um die engsten Freundinnen von Sabrina, die gebeten wurden Gelb anzuziehen, was sie artig befolgt haben und ganz liebreizend aussah. Daher werde ich später noch ganz indiskret FARBFOTOS von den „Gelben Grazien“ posten. Aber eins nach dem anderen!
Den letzten Eintrag für heute widme ich meiner alten Freundin Dorit. Was für eine Freude, sie wiederzusehen. Wir sind ein bißchen schicksalshaft verbunden, weil es ihr Auto war, in dem mein Bruder gegen einen Baum fuhr. Das Auto war kaputt und mein geliebter Bruder auch. Eine Ente war das und später meinten einige: „Scheiße, wenn es keine Ente gewesen wäre, könnte er noch leben“. Das ist alles lange her, 1987, am vierten Juli. Dorit kannte ich aber nicht erst dadurch, sondern lange vorher, als ich noch in Nürnberg lebte. Sie gehörte zum Freundeskreis, der hauptsächlich aus Musikern bestand. Und sie spielte auch in verschiedenen Bands und wurde ein Paar mit Richard, den ich schon erwähnte, Valerians Patenonkel. Sie heirateten sogar und bekamen zwei bildschöne Söhne. Dorit und Richard spielten Schlagzeug in verschiedenen Bands, ob es bei den beiden öfter mal gekracht hat, weiß ich nicht. Kann auch sein, dass Schlagzeuger/innen privat eher besonnen sind, weil sie sich ja schon an der Schießbude abreagieren. Jedenfalls haben beide einen goldenen schwarzen Humor und sind nun schon lange wieder getrennt, aber das Verhältnis ist so gut und freundschaftlich, dass sie beide zusammen auf die Bühne in der Hochzeitslocation sind. Richard hat diesmal Gitarre gespielt und gesungen, Dorit die Percussion gemacht. Eine der bekannteren Bands, in der sie bis 2019 Drums gespielt hat, waren die Shiny Gnomes, die ab Mitte der Achtziger für ihren Garagen-Punk von Spex und dem Rolling Stone gefeiert wurden. Wir beide sind derselbe Jahrgang und ich würde behaupten, unser Humor liegt auf derselben Wellenlänge. Außerdem ist sie eine der herzlichsten, warmherzigsten Persönlichkeiten die ich kenne. Einen der schönen Söhne hab ich auch fotografiert. Ein Töchterchen kam noch hinterher, aber nicht von Richard. Die Elfe war auch da und hat am Coolsten von allen getanzt, sie hat den Rhythmus ihrer Mutter im Blut und vor lauter Bewunderung habe ich ganz vergessen, ein Foto von ihr zu machen. Tolle Kinder, tolle Mutter, tolle Dorit. Nur eben leider Scheißauto. Alle Fotos, auf denen ich zu sehen bin, hat Dorit gemacht. Neben mir ist eine andere coole Socke von früher zu sehen, die DJane Mrs Flow, Anja. Sie spielte mit Dorit bei „DIE SHIVAS“ und hat gesungen und Gitarre gespielt; auch supernett <3
Ich habe mir zwischendurch mal die Hochzeitsfotos von Christian Lindner und seiner Braut angeschaut, die haben eine Woche später geheiratet. Was da so veröffentlicht wurde, wirkt etwas showmäßig. Das Brautkleid mit dem komplett nackten Rücken fände ich als Partykleid akzeptabel, aber nicht für eine Trauung. Die Braut, die auch was mit Medien zu tun hat, präsentiert ein kameragerecht geübtes, extrabreites Lachen mit viel extraweißen Zähnen, der Bräutigam hält aber nicht mit und wirkt etwas verknautscht und verknittert. Mir fehlt die Innigkeit. Vielleicht war er aber auch schwer verkatert, es wurde ja wohl drei Tage lang gefeiert, daher auch die unterschiedlichen rückenfreien weißen Outfits der Braut.
Außerdem habe ich mir gerade Fotostrecken von kommerziellen Hochzeitsfotografen angeschaut. Überwiegend gekünstelt, ausgezirkelt und hindrapiert. Aber neuerdings (nehme ich an) auch Posen, die an den Kopulationsakt erinnern. Da fehlen mir die Worte. Auf einem Foto sieht man eine felsige Naturlandschaft, der Bräutigam hat die Beine ausgestreckt, sitzt direkt auf dem Gestein, sie ihm gegenüber, auf ihm drauf, schlingt die nackten Schenkel mit Strapstätowierung um seine Körpermitte. Hilfe…! Bin ich prüde?
Getanzt wurde auch…! Nach der Trauung ging es nach Erlenstegen, das ist ein etwas entlegener Nürnberger Stadtteil, der von Wikipedia als Villenvorort bezeichnet wird. Ich war in meinem ganzen Leben vermutlich insgesamt dreimal in Erlenstegen, die Hochzeit eingerechnet. Dort wohnten betuchtere Nürnberger, aber es gab auch ein besetztes Haus, in dem eine anarchistische Kleinkunstszene ihr Unwesen trieb, da war ich zweimal. Aber zurück zur Hochzeit. Es gab zuerst Mittagessen in einer vormals gutbürgerlichen Traditionsgaststätte, die nun neu als veganes Restaurant bewirtschaftet wird. Zur Vorspeise gab es große Sushiplatten und danach individuell gewählte Gerichte, ich hatte ein veganes Schnitzel mit Pommes Frites, schaffte es aber nicht alleine. Valerian hielt die kürzeste Ansprache der Welt, war aber lustig. Die Fahrt von der Nürnberger Innenstadt dorthin wurde mit verschiedenen Fahrgemeinschaften im Auto absolviert. Ich hatte einen besonders netten Freund von Valerian, mit dem er auch studiert und zusammengewohnt hatte als Fahrer, seine Freundin war auch dabei. Während der Fahrt erzählte ich ihnen, dass ich die Tante von Valerian bin und wie überhaupt alles kam, also wie sich Valerians Eltern kennengelernt hatten. Da spielte ich nämlich eine tragende Rolle. Genau genommen, meine Schwärmerei für den Sänger einer Band. Ich war lange vor Beginn eines Konzertes vor Ort und machte im Lokal Französischhausaufgaben, die Nürnberger Location hieß „Desi“ in St. Johannes und gibt es immer noch. Es hätte sich nicht gelohnt, nach der Schule erst heimzufahren, in den Vorort von Nürnberg, wo ich bei meinen Eltern wohnte, und dann wieder zurück, so überbrückte ich die Zeit bis Konzertbeginn in der Desi-Kneipe, vor dem Konzertsaal. Eine allein dort ebenfalls sitzende Frau, 1983 war sie 27, stand auf und sprach mich an, was ich denn da mache. So kamen wir ins Gespräch und wurden bald danach Freundinnen. So lernte sie meinen Bruder kennen, der mit ihr zwei Söhne bekam, zuerst Richard Keita 1985, der leider nicht mehr lebt und Valerian, der 1987 im Dezember geboren wurde, drei Monate nach dem Unfall meines Bruders. Ich denke manchmal darüber nach, ob sich mein Bruder und Valerians Mama auch anders kennengelernt hätten, ohne das Bekanntmachen durch mich. Also ob das Schicksal so clever seinen Weg findet, so oder so. Aber das sind müßige Überlegungen. Doris, Valerians Mama, hatte damals schon einen kleinen, ihren ersten Sohn, Nik. Der ging dann später oft mit uns zu Konzerten der Band, wo wir uns kennengelernt hatten. Die ganze Band gehörte dann zu unserem Freundeskreis, ich kannte sie ja schon vorher. Der Drummer der Band, Richard, wurde Valerians Patenonkel und der war natürlich auch da, was sehr schön war.
Nach dem Essen ging es weiter in Erlenstegen, zum Ort der Hochzeitsparty, dem Arche Noah Saal. Es gab Sektempfang und Hochzeitstorte und Luftballons steigen lassen und eine Diaschau von seinen Brüdern und Speis und Trank und eine Leinwand, wo von allen ein Bild gemalt werden konnte, und kleine Auftritte von Freunden mit live Musik, eine Photobox und ein Gruppenfoto in der Sonne und eine DJane aus dem Freundeskreis und natürlich einen Hochzeitstanz. Bei solchen Hochzeitstänzen fiebere ich immer innerlich mit, weil man ja oft ein Paar vor sich hat, das normalerweise nicht auf diese Art zu tanzen gewohnt ist. Schritte müssen bedacht werden, die Drehrichtung, alle gucken zu. Puh! Also: gut gemacht. Der Rest war dann Freestyle tanzen, da hab ich auch mitgemacht. Die Fotos hier von mir sind so nebenher entstanden, ich war nicht als Hochzeitsfotografin engagiert, dafür gab es drei andere Fotografinnen und Fotografen und gefilmt wurde auch. Und jeder zweite Gast (von Neunzig) hat auch noch mit dem Smartphone geknipst und gefilmt. Da Valerian professionell mit Film und Fotografie zu tun hat, gab es keinerlei Mangel an visueller Dokumentationsbereitschaft. Aber ich hatte verständlicherweise eine speziell emotionale Herangehensweise.
Oben im Foyer vom Nürnberger Rathaus steht eine große venezianische Gondel. Warum die da steht, ist mir nicht bekannt, aber durch die Nähe zum Trausaal werden wahrscheinlich alle Paare von ihren fotografierenden Angehörigen genötigt, sich hineinzusetzen. Und es macht ja auch Spaß. Die Blumenkinder sind auch gleich hineingekrabbelt. Was auch sehr praktisch ist: wenn man aus dem Rathaus kommt, hat man als Kulisse die Frauenkirche und kann Fotos machen, die aussehen, als hätte man in der Kirche geheiratet. Was vielleicht sogar möglich ist, aber setzt wohl voraus, dass man katholisch ist. Meines Wissens ist das bei Sabrina und Valerian nicht der Fall. Eigentlich hofft man ja inständig, dass es am Tag der Hochzeit nicht regnet, zumal Anfang Juli. Der Tag war eingebettet in zwei Hochsommertage mit über dreißig Grad, aber der erste Juli zeigte sich anfänglich bedeckt und mit Nieselregen. So haben wir Fotos mit Regenschirm machen können, der Brautvater hat ihn gehalten. Es war also keine theatralische Foto-Requisite, wie es gerne mal mit weißen Spitzenschirmchen gemacht wird. Auf dem einen Foto kann man den Regen richtig sehen, aber alle hatten genug Sonne im Herzen. Am Nachmittag kam der blaue Himmel wieder zum Vorschein.
P.S. Nun habe ich erfahren, dass die Gondel auch ein möglicher Ort für die Eheschließung ist. Es gibt einen großen und einen kleinen Trausaal und die Gondel. Wir waren im großen Trausaal. Man kann aber auch auf der Kaiserburg heiraten. Ich nehme an, da war kein Termin mehr frei, da gibt es nur handverlesene. Da Valerian ein Kind der Kaiserburg ist, er wuchs in einer Straße direkt unterhalb der Burg auf, wäre das auch eine schöne Wahl gewesen.
Achtung, es wird romantisch. Das waren meine bisherigen Einträge über meinen Besuch in Nürnberg zwar auch schon, weil ich einen romantischen Blick auf alles habe, aber endlich kommen wir zum Hauptanlass meiner kleinen Reise. Es wurde geheiratet. Und nicht irgendwer, sondern mein Neffe Valerian, der Sohn meines Bruders, der seinen Vater nie gekannt hat, heiratete seine Sabrina. Und nicht mal so hopplahopp, gerade bei Tinder nach rechts gewischt und gleich das Aufgebot bestellt. Sie kennen sich schon ein paar Jahre und haben die halbe Welt gemeinsam bereist. Aber tatsächlich war es ein Match bei Tinder. Gibt es also auch. Und wenn ich mich recht erinnere, hat mir Valerian einmal erzählt, dass er sehr schnell so ein Gefühl hatte, dass er sie heiraten möchte und es ihr auch gesagt. Große Freude, der ganze Tag, diese zauberhafte Verbindung, die meinen ganzen Segen hat. Natürlich gibt es mehr Bilder von der Zeremonie im Rathaus am Nürnberger Hauptmarkt, aber das sind doch recht private und auch familiäre Fotos, die vor allem für die Beteiligten bestimmt sind. Ich versuche aber trotzdem ein bißchen Teilhaben zu ermöglichen. Wie man sieht, können auch Bilder in der Rückenansicht sehr viele Gefühle zeigen. Das Brautkleid von Sabrina fand ich ganz wunderschön, auch die Frisur mit den eingeflochtenen Wiesenblümchen. Alles so ungekünstelt, obwohl natürlich mit viel Bedacht zurechtgemacht.
Ich war etwas überrascht, dass es doch sehr klassisch ablief und sich beide auch klassisch wie ein Brautpaar kleideten. War für mich nicht so gesetzt, weil beide sehr freigeistig und locker sind. Aber an so einem besonderen Tag hat man dann vielleicht doch mal Lust auf althergebrachte Traditionen. Die Trauzeugen waren Valerians ältester Bruder Nik (der einen anderen Vater hat) und Trauzeugin eine der besten Freundinnen von Sabrina. Musik gab es auch, vor der eigentlichen Trauung wurde ein Lied gespielt, das beiden viel bedeutet, ich weiß den Titel leider nicht, aber es ging zu Herzen, ich musste auch ein bißchen weinen. Auf dem Tisch brannte eine Kerze, die auch mit Wiesenblumen geschmückt war, und nach der Trauung sang eine Freundin von Sabrina ein Lied zur Gitarre. Ich war bei dieser Trauungszeremonie im Standesamt die einzige direkte „Blutsverwandte“ väterlicherseits von Valerian, seine Tante.
Ein letzter, möglicherweise langweiliger Heimatkunde-Eintrag inclusive Fotos vom Nürnberger Hauptmarkt OHNE Brautkleid (kommt noch!). Die Kathedrale, die ich auch aus dem Hotelzimmer sehen konnte, heißt im Volksmund Frauenkirche, aber wohl offiziell „Unserer Lieben Frau“. Ich war nicht drin, weil sie für eine kostenpflichtige Veranstaltung geschlossen war, und ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob ich sie jemals in meinem Leben betreten habe. Aber beim Vorbeilaufen konnte ich mich ganz kurz am Anblick der märchenhaften Decke der Eingangshalle erfreuen, weil die Tür immer wieder mal kurz für die Gäste aufging.
Märchenhaft ist auch die große Spieluhr mit der türkisblau-goldenen Mondkugel. In der Mitte sitzt Kaiser Karl IV. und Punkt Zwölf Uhr Mittags fangen die Fanfarenbläser links und rechts von ihm an, ihre Fanfaren zu heben. Dann gehen Türchen auf und ein Zug von sieben holzgeschnitzten Figuren umkreist den Kaiser dreimal, das sind die sieben Kurfürsten. Was für ein größenwahnsinniges Spektakel sich dieser Karl zugedacht hat. Die stolze Kirche ist 1352 bis 1362 – wieder einmal – auf seine Veranlassung gebaut worden. Da soll es auch schon Spielfiguren gegeben haben, aber dieses bis heute zu bewundernde, sogenannte „Männleinlaufen“ ist von 1509 und tatsächlich noch in Betrieb. Im zweiten Weltkrieg wurde es im legendären Kunstbunker versteckt. Schon grandios, diese Mechanik. Als ich die Fotos gemacht habe, war die Mondkugel noch ganz Türkisblau, kein bißchen Gold, es war nämlich Neumond. Es gibt ein Video vom Männleinlaufen, da zeigt die Mondkugel eine goldene Sichel. Schon bemerkenswert, in welchen Ausmaß der Landesherrscher und die Kirche miteinander verstrickt waren. Obwohl man sich bei Putin auch vorstellen könnte, dass er sich so ein Denkmal setzt. Bei Königin Elisabeth oder Kanzler Olaf Scholz wohl eher nicht.
Über dem Hauptportal, direkt unter dem Männleinlaufen, vor dem Fenster, ist übrigens auch der Balkon auf dem das Christkind bei der Eröffnung vom Christkindlesmarkt steht und die Ansprache hält. Ich habe gelesen, dass das Christkind schwindelfrei sein muss, weil die Balkonbrüstung nicht sehr hoch ist. Das könnte für meinen Auftritt ein Hindernis sein. Außerdem gibt es bei den Bewerbungsmodalitäten eine Altersvorschrift, Bewerberinnen müssen im Alter zwischen 16 bis 19 sein. Da müsste ich etwas schummeln. Im Grunde trage ich ja immer noch eine Sechzehn-, Siebzehn-, Achtzehn- und auch Neunzehnjährige in mir. Es sind dann eben noch ein paar Alterssorten dazugekommen, seitdem. Man hat einfach mehr zu bieten! Außerdem muss die Bewerberin über 160 cm groß sein, das überbiete ich locker. Steht alles hier.
Da capo: Schöner Brunnen. Ja, ja – auch davon habe ich schon einige Bilder gezeigt – aber ausschließlich aus meinem Hotelzimmerfenster. Mir ist, als wäre einem der Brunnen schon als Kind nahgebracht worden, auch weil viel Gerede und Gewese um den goldenen Ring war und ist, der in einem Gitter hängt und sich drehen lässt. Dann kann man sich etwas wünschen und darf nicht darüber sprechen und es wird wahr. Es gibt aber noch einen zweiten drehbaren Ring, einen Eisenring, Insider meinen, der wäre noch wirksamer. Darüber wurden auch schon Aufsätze verfasst, hier ist einer. Alles Wichtige zur übrigen Geschichte des 1385 auf Wunsch von Kaiser Karl IV. erstmalig gebauten Schmuckstückes vom Nürnberger Hauptmarkt kann in diesem Flyer nachgelesen werden. Er wurde zig mal restauriert, eine der ersten Bemalungen stammte von Albrecht Dürers Lehrer. Der gesamte Brunnen musste wegen Baufälligkeit schon einmal komplett erneuert werden und auch der drehbare Messingring wurde vielfach ersetzt, da anfällig für Diebstahl. Die Nazis fanden den Brunnen im Gegensatz zum Neptunbrunnen so bedeutsam und kostbar, dass sie ihn während des zweiten Weltkriegs zum Schutz in einen Betonmantel gossen. Was in den wirren Naziköpfen da im einzelnen vorging, dass der Schöne Brunnen ein Guter war und der Neptunbrunnen ein Böser – ich will es gar nicht so genau wissen. Anyway: ein hübsches, schmuckes Türmchen, gerade wenn man auf seinem Hotelbett liegt und die Spitze sehen kann. Ist wohl rund siebzehn Meter hoch, das gute Stück. Ich vermute, dass ich den Ring als Kind einmal gedreht habe, man wurde ja fast schon dazu verpflichtet, wenn man da war, aber man wollte es sicher auch. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was ich mir da gewünscht haben könnte und daher auch nicht, ob es in Erfüllung ging. Diesmal hab ich gar nicht daran gedacht – aber nicht dass ich gar keine Wünsche mehr hätte.
In den Abendstunden traf ich am 30. Juni wieder am Hauptmarkt bei meinem Hotel ein. Den Blick aus dem Hotelzimmer habe ich ja schon ausgiebig gezeigt. Wenn man auf dem Platz steht, gibt es noch ein paar andere Ecken und Perspektiven. Versäumt habe ich, die eine Seite des Platzes zu fotografieren, wo fast über die ganze Länge einer der vier Seiten des Platzes ungefähr zwanzig bis dreißig relativ große Olivenbäume vor einem Restaurant stehen, das ist sehr schön und mediterran; gab es „zu meiner Zeit“ nicht.
Der Hauptmarkt war eigentlich selten ein Ziel bei meinen jugendlichen Aufenthalten in Nürnberg. Man ging daran vorbei, überquerte ihn auf dem Weg von da nach dort. Da ich schon als Jugendliche kein Fan vom Weihnachtskult war, zog mich der berühmte Christkindlesmarkt auch nicht an, ich machte vielmehr extra einen Bogen darum. Das wäre auch heute für mich nicht die attraktivste Jahreszeit für einen Besuch. Allerdings hätte ich doch Lust, die Eröffnungsansprache vom „Christkind“ hoch oben auf der Empore der Frauenkirche einmal zu erleben, denn das hat schon etwas Märchenhaftes, dass da so ein lebendiger Rauschgoldengel mit einer hohen goldenen Krone und einem prächtigen Gewand mit Trompetenärmeln steht und feierliche Worte an die Sterblichen da unten richtet. Es gibt einige youtube Videos davon, schon sehr putzig. Man hat sich als Kind auch immer gefragt, wie man wohl Christkind werden kann, ob man dafür von Natur aus lange hellblonde Haare haben muss. Es war ein großes Geheimnis und Mysterium. Ich könnte mir eigentlich heute vorstellen, dass ich dort einmal als Christkind stehe, die Haarfarbe täte nun auch passen.
Ich erinnere mich allerdings, dass ich mit einer Freundin einmal ganz gezielt zum Hauptmarkt gegangen bin, weil dort eine Kundgebung stattfand. Anlässlich eines Wahlkampfes war Franz Josef Strauß als Redner auf dem Hauptmarkt angekündigt, und wo Strauß war, gab es auch jede Menge Gegner von ihm und ich gehörte dazu. Es ging uns um eine Gegenkundgebung, zu demonstrieren, dass Nürnberg nicht nur aus CSU-Anhängern besteht und dass sich der behäbige, erzkonservative Strauß nicht zu sicher fühlen sollte. Ich erinnere mich an das Riesenaufgebot von Polizei, eventuell hatten wir auch noch alte „Stoppt Strauß“-Sticker von der Gegenkampagne zu seiner Kanzlerkandidatur 1980, das weiß ich nicht mehr genau. Ein Banner oder Plakat hatte ich nicht zum Hochhalten und war auch sonst eher vorsichtig, wir demonstrierten mehr so am Rand mit, von wo man gut vor der Polizei flüchten konnte. Ich warf auch nicht mit faulen Eiern oder Tomaten oder Farbbeuteln, weil ich das schon damals unwürdig und primitiv fand, aber Farbe durch meine Präsenz wollte ich schon bekennen. Es war aufregend, natürlich war es für uns auch ein Event, wo man Gleichgesinnte in großer Zahl traf. Sehen und gesehen werden! Es kann gut und gerne sein, dass auf dem Hauptmarkt 25.000 Menschen waren, Anhänger von Strauß und wir, seine Gegnerinnen. Der große Platz kann offenbar so eine riesige Menge aufnehmen. Ich vermute, das muss die Kundgebung Anfang 1983 gewesen sein, die in einem Buch über Markus Söderals sein Erweckungserlebnis geschildert wird. Der Straußfan Söder trat anschließend entflammt in die Partei ein, der im Januar 1967 geborene Markus war gerade 16 geworden. Ich war da ja schon um einiges reifer als er, nämlich genau Siebzehneinviertel.
1809 bis 1895 rahmten alle vier Seiten des Platzes feste Marktstände, gemauerte Kolonnaden, in denen Waren feilgeboten wurden. Außer dem Schönen Brunnen gab es noch den Neptunbrunnen auf dem Platz, den die Nazis aus ideologischen Befindlichkeiten abbauen ließen, er steht im Nürnberger Stadtpark.
Kleiner Ausflug nach Stein bei Nürnberg, wo seit 1761Bleistifte von Faber-Castell fabriziert werden. Inzwischen auch noch in acht anderen Ländern der Erde. Faber-Castell ist weltweit der größte Hersteller von Blei- und Buntstiften und macht übrigens auch Kajalstifte und Lipliner und so weiter für große Kosmetikfirmen. Die alten Werkstätten begegneten mir auf meinem Weg, als ich einen Umweg machte, um meine Mama zu ihrem Geburtstag zu besuchen. Mir war an diesem heißen Junitag in der Mittagshitze, als hätte ich eine Bilderbuchseite aus einem anderen Jahrhundert vor mir. Wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit. Fast wie Spielzeug in groß, oder eine Illustration. Auch der zum Teil kursive Schriftzug ist so ungewöhnlich, so gar nicht industriell. Es ist auch ein Museum drin, habe ich gelesen. Karl Lagerfeld hat nur mit Stiften von Faber-Castell gezeichnet und der hat bestimmt gewusst, was das Beste ist. Wenn wir als Kinder zu Weihnachten Buntstifte bekommen haben, waren die auch von Faber-Castell und man hat schon als Kind gewusst, das sind besonders gute, ja die besten. Und dann hat man anerkennend genickt und feierlich gesagt: „von Faber-Castell!“. Stabilo-Stifte kommen auch aus Nürnberg, die sind auch gut, aber eben nicht von Faber-Castell.
Unrepräsentativer, polizeiprotokollartiger Tagebucheintrag vom 23. Mai 1981 in gekünstelt ordentlich leserlicher Schulkind-Handschrift, könnte auch die Beschreibung eines Tathergangs aus der damals beliebten ZDF-Kriminalsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ sein:
„23.05.’81
Am Freitag, dem 22. Mai Neunzehnhunderteinundachtzig, einem regnerischen Frühlingsabend entschloß sich Gabriele Anna-Johanna* mit oder ohne Antje-Kirsten B.** wegzugehen. Nürnberg sollte ihr Ziel sein. Sie ging allein. Das städtische Kommunikationszentrum war die erste Stätte, in die es die Fünfzehnjährige zog. In jenem bevorzugte sie das Teehaus mit dem exotisch klingenden Namen „Chaihaus e. V.“
Zur selben Zeit hatten sich ca. 300 Jugendliche im Festsaal eingefunden, um am dort stattfindenden 2(?)-tägigen Kabarettfest teilzunehmen. Ihr war der Preis von sieben Mark zu teuer und das Angebot zu wenig reizvoll. So rauchte sie zwei Zigaretten (Godewind/Old Holborne), wurde von Peter (Fotograf, 25, Schönling, xxx (unleserlich)) im Haar gekrault, gegrüßt. Fand sich schleimig berührt. Strich den ausgeschriebenen Marshall-Amp aus* (U. Neumann), was Verwunderung erregte – ständig auf der Suche nach ihrem Trugbild** – entschloß sie sich in die Kneipe Misthaufen zu fahren, nicht ohne in dem im Bahnhof eingerichteten Michel-Tabakwaren-Laden ein Päckchen der irischen Zigarettenmarke „Sweet Afton“ zu vier Mark erstanden zu haben. Sie schritt zu U-Bahn, Richtung Bärenschanze, stieg ein, ohne die gültige Fahrkarte gestempelt zu haben, sie fuhr, wie es im Volksmund genannt wird, schwarz. Als ihr langsam bewußt wurde, was sie soeben tat, beschlich sie ein leises Gefühl von Selbstzufriedenheit und Vorfreude. Angekommen Endstation Bärenschanze, es regnete noch
[ hier Seitenumbruch, am oberen Seitenrand in großformatigen Druckbuchstaben in Klammern: (oh nein, ich übertreibe nie!) ]
immer, steckte sie sich eine Zigarette an und schlang sich ein indisches, schwarz-weinrot-beige gemustertes Baumwolltuch von Jordan* um das schulterlange dunkelblond-kupferfarbene Haar, und ging die Fürther Straße, wo sie einige Passanten nach dem Weg zur Seeleinsbühlstraße fragte, entlang. Sie wußte jetzt, wo sie hinmußte und rauchte unterwegs noch bis zu vier Zigaretten. Manchmal, wenn sie sich mit der fast zu Ende gerauchten eine nächste anzündete, fiel etwas Asche auf den dunkelblauen großen Baumwollpullover (Fruit oft he Loom), die man auch „Sweat-Shirts“ nannte, aber auch die in derselben Farbe gehaltene Feincordhose (Texwood) in Röhrenform blieb nicht verschont. Darunter trug sie eine weite, an Rücken und Schulterpartie geraffte Bluse (Orsay), die in einem warmen Kupferton gehalten war. Obwohl das Wasser in ihre weiß-roten Leder-Turnschuhe (Puma) einzutreten drohte, war sie zufrieden. Sie fühlte sich so, wie die Bezeichnung ihrer Schuhe war: „Winner“.“
Fußnoten:
*amtliche Vornamen **meine damalige beste Freundin ***vermutliches Verkaufsangebot an einem schwarzen Brett ****“Trugbild“: ein in unserer Freundinnenclique verklausulierter Begriff für einen Angeschmachteten, wobei man davon ausging, dass man in seiner Erotisierung superlative Eigenschaften dazuphantasierte, die höchstwahrscheinlich nicht vorhanden waren. *****“Jordan“: Name der seit den Siebzigern angesagtesten Nürnberger Hippie-Boutique mit indischen Kleidern, Tüchern und Accessoires
Abgetippter Eintrag mit Bleistiftzeichnung aus meinem Tagebuch vom 23. Mai 1981. Bin überrascht, wieviel Aufmerksamkeit ich Zigaretten gewidmet habe. Damals scheine ich ernsthafte Ambitionen gehabt zu haben, Raucherin zu werden, und muss es offenbar auch täglich intensiv praktiziert haben. Die Zeichnung zeigt den Haupteingang vom KOMM in der Königstraße 93, gegenüber vom großen runden Turm zwischen Frauentor und vom Königstor, wo auch der Handwerkerhof ist. Ich habe ein paar historische Fotos des damaligen Eingangs zusammenrecherchiert, die meiner Zeichnung entsprechen.
Diesen merkwürdigen Eintrag mit Zeitkolorit verdanken wir meiner Erinnerung, dass ich die Front, die Kopfseite mit dem Eingang des in Nürnberg damals legendären KOMMs gezeichnet habe. Es spielte schon eine große Rolle in meiner Jugend. Dort traf man sich im erwähnten Chai-Haus, der Teestube unterm Dach, wo Räucherstäbchen abgefackelt wurden und gekifft wurde. Ein schummriges Ambiente mit indischen Tüchern an den Wänden und Matratzen auf dem Boden. Dann war der Kommfestsaal noch wichtig, wo größere Konzerte stattfanden. Dort habe ich zum Beispiel Ton Steine Scherben in den Achtzigern erlebt, Rio trug nur einen beigen Trenchcoat auf dem nackten Oberkörper. Wahrscheinlich hatte er eine Jeans oder eine Lederhose an.
Auch eine Kneipe und eine Disco gab es, Filmvorführungen, Zusammenkünfte, Ausstellungen, Diskussionen. Das KOMM war unersetzlich, The Place to Be für alle, die cool und links und alternativ und rebellisch und widerspenstig waren. Da wollte ich dazu gehören.
Der Eintrag vom Mai 1981 entstand gut zwei Monate nach den Massenverhaftungen, ein Ereignis, das es bis in die Tagesschau schaffte. Hausbesetzer-Sympathisanten, die einen Hausbesetzer-Doku im Komm schauten, wurden massenhaft verhaftet. Einfach so. Gibt einen extra Wikipedia-Eintrag dazu:
„Als Massenverhaftung von Nürnberg wird die Verhaftung von 141 Personen am 5. März 1981 im Nürnberger Kulturzentrum KOMM durch die Bayerische Polizei bezeichnet.“
Danach war man noch solidarischer mit dem KOMM als sowieso schon. Und was wurde daraus, aus dem KOMM? Später hieß es K4, jetzt heißt es Künstlerhaus, es gibt immer noch viele alternative künstlerische Initiativen, auch Gastronomie. Ist ja alles prima. Die Stadt nimmt seit 20 Jahren Geld in die Hand, um das im Krieg teilweise stark beschädigte, riesige Künstlerhaus von 1910 zu renovieren und instandzusetzen und ist nun beim dritten Bauabschnitt, dem hinteren Teil. In diesem Artikel wird die Geschichte des Hauses erzählt. Bei meiner Recherche habe ich auch eine Postkarte mit der ganz ursprünglichen, intakten Fassade entdeckt. Wo diese runden Schwingen übriggeblieben waren und eine Litfaßsäule stand, waren früher zwei runde Türmchen.
Leider gibt es bei diesen Bemühungen einen visuellen Wermutstropfen. Die ursprüngliche historische Fassade an der Kopfseite wurde nicht wiederhergestellt, sondern in brachialster Weise eine Stahl-und Glaskonstruktion, ein phantasieloser, kalter Würfel davor geklatscht, der in keinem einzigen Aspekt mit der ursprünglichen Fassade korrespondiert. Als ich das am 30. Juni zum erstem mal sah, sank mir das Herz. Das war ein trauriger Moment. Ich stand fassungslos davor. Ich konnte mich nicht überwinden, den gesamten Stahl- und Glasklotz, der mir wie eine seelenlose Ohrfeige vorkommt, zu fotografieren. Ich fokussierte links daran vorbei, wo mich die Erinnerung nostalgisch einzuholen vermochte, da wo Filmhaus dransteht. Diesen Seiten-Eingang haben wir damals auch oft benutzt. Wir kannten jeden Winkel und jedes Schlupfloch.
Ich fragte eine Gruppe jüngerer Männer, die in der Nähe stand, seit wann das dort stünde. Sie antworteten: „schon ewig, wir kennen es gar nicht anders.“ Tja. Ich war eben sehr lange nicht da. Meine Recherchen haben ergeben, dass die Bauzeit von 2000 – 2002 gewesen sein muss. Also schon zwanzig Jahre her. Da waren die Jungs noch kleine Kinder. Ich war einfach perplex. Da es nun schon eine längere Weile dasteht, gibt es vielleicht irgendwann eine neue Ära, wo man einen Abriss und Rückbau andenken kann.
„Königstraße 93, 1998-2001, Architekturbüro Grabow + Hofmann, Nürnberg. Der Neubau eines Eingangstrakts am Künstlerhaus von 1911 hat die Gemüter der Bevölkerung erregt. Vor das historistische Gebäude wurde ein Beton-Glaskubus gesetzt. Die Sensibilität des Vorhabens ergibt sich aus seiner prominenten Lage am Eingang der Altstadt gegenüber dem Hauptbahnhof und der unmittelbaren Nähe zu Baudenkmälern wie dem Königstorturm. Die Anforderung, daß ein Bauwerk in seine Umgebung passen muss, versuchte man hier durch das kompromisslose Konfrontieren von Gegensätzen zu erfüllen.“
Kompromissloses Konfrontieren von Gegensätzen ist eine geradezu obszöne Beschönigung. Hier wurde die ursprüngliche ach so „gegensätzliche“ historische Fassade erstickt und ausradiert. Der Glas- und Stahlklotz ist nicht einmal innovativ oder extravagant, ich erkenne keinerlei künstlerische Qualität. X-beliebig, vor jede historische Fassade zu stellen und immer wäre man bestürzt. Auch ein Glaskubus kann grandios sein, für sich, frei positioniert, im Austausch mit dem Licht der Umgebung. Aber das.
Damals saßen immer mehrere Jugendliche auf den Eingangsstufen oder im Schneidersitz davor, auch die ersten Punks. Es hatte etwas Vereinnahmendes. Ein eigener Palast für die wilde, unangepasste Jugend. Wir waren stolz darauf, dass wir das selbstverwaltete KOMM hatten. Wer mitarbeitete, hatte Lust. Dort gab es niemanden, der sich wie ein Aufpasser oder Erziehungsberechtigter verhielt, ein wahrer Traum von Freiheit.
Als ich mich wehmütig umdrehte, sah ich diese beiden Gesellen zu Füßen des Turms sitzen, sie erinnerten mich an damals, weil sie genau der Klientel entsprachen, die damals vor dem Eingang saß. Und nun wählten sie den Fuß des großen dicken Turmes, um den Tag dort gut gelaunt zu vergammeln. Der Eine war zu jung, um das Komm noch zu kennen, der andere erinnerte sich vielleicht. Ich fragte nicht nach, sondern nur, ob ich sie fotografieren dürfte – und wie man sieht, sie waren nicht verlegen zu posieren. Ganz früher hätte man von Tagedieben gesprochen, in den Sechzigern und Siebzigern und auch noch in den Achtzigern von Gammlern. Wie man das heute nennt oder schimpft, weiß ich gar nicht. Ist mir eigentlich auch egal. Ich wollte sie nicht näher kennenlernen, sondern das Echo meiner Jugenderinnerung einfangen. Schöner Moment, dieser letzte meines Streifzugs durch die Königstraße.
Ganz nah am Königstor, auf den letzten Metern der Königstraße. Zuerst kommt der Gasthof Bocksbeutelstube, in dem man auch übernachten kann und direkt daneben das Hotel Victoria und da ist auch gleich das Königstor mit dem Eingang zum Handwerkerhof, dem ich mich schon gewidmet habe. Erst heute Vormittag habe ich begriffen, wieso mir die Königstraße so heimelig erschien, anders als früher. Ich spreche von vor ca. 36 Jahren, als ich aus Nürnberg wegzog. Neben meiner rosa Touristenperspektive und dem strahlenden blauen Himmel lag es sicher auch an dem nicht mehr vorhandenen Autoverkehr. Ab dem Königstor wurde die Königstraße ab Ende Mai 2022 zur Fußgängerzone erklärt. Ebenso die Theatergasse und noch eine andere. Aber weitere Straßen in der St. Lorenzer Altstadt sind seit längerem Fußgängerzonen, auch die waren mir als solche nicht vertraut. Und noch mehr, vor allem in St. Sebald, sollen dazu kommen. Früher gab es „DIE“ Fußgängerzone, die Breite Gasse. Das ist nun eine von vielen, das ist eine Politik, die mir als leidenschaftlicher Flaneurin überaus zusagt. Man hat erkannt, dass sich der Charme der Altstadt noch besser entfalten kann und infolgedessen auch der dort ansässige Handel profitiert, weil ein Einkaufsbummel einen neuen Reiz bekommt, da nun noch ausgiebiger gebummelt werden kann. Die dreidimensionale Welt sinnlich zu erfahren, kann eben nicht durch Streetview und Amazon (die ich auch oft benutze) ersetzt werden.
Und weiter Richtung Königstor. Vorbei am schmalen Durchgang zum Klarissenplatz, wo jetzt das Neue Museum steht, man sieht die Stahl- und Glaskonstruktion am Ende des Gässchens. Den Besuch habe ich mir für ein andermal aufgehoben. Wir sind auf der Höhe Königstr. 76, dreht man sich um, hat man über den Sonnenschirmen die spitzen Türmchen von St. Lorenz im Blick.
Der Eindruck hat sich nun verfestigt, dass Sandstein der bevorzugte Baustoff in Nürnberg war, und in den Altstadtvierteln wie St. Lorenz und St. Sebald besonders dicht erhalten oder wiederhergestellt. Das schmale Haus vom Hotel Drei Raben ist nicht denkmalgeschützt, das gilt wohl als Durchschnittsware. Schön, dass die Beschriftung so sorgsam ausgeführt ist. Wieviel die Typographie doch ausmacht. Das Hotel ist von innen nicht so mein Geschmack, die Zimmer sind mir zu seltsam dekoriert, auch die Themen zu aufdringlich, mit den überdimensionalen Spielzeugfiguren. Aber die Lage ist toll, auch mitten in der Königstraße, mehr oder weniger schräg gegenüber der Mauthalle. Man könnte denken, dass das mit dem Sandstein jemandem, der diese Wege Hunderte, wenn nicht Tausende Male ging, schon früher hätte auffallen können. Aber woran denkt man, wenn man von A nach B geht, im Alltag? An das Ziel, was man als Nächstes vorhat. Aber bestimmt nicht an Baustoffe. Flanierenderweise interessiert es einen. Das Schöne an Sandsteinfassaden ist, wenn sie nicht getüncht oder sonstwie versiegelt sind, dass sie zu atmen scheinen, lebendige, gewachsene Strukturen zeigen. Man legt gerne die Hand auf einen warmen Stein. Erdend und beruhigend.
Es folgt eine exzessive Fotostrecke der Markisen der Mauthalle. In der Mitte der Königstraße ist ein Platz, der Hallplatz, da steht die Mauthalle, ein Schild mit Hinweis auf den „Mautkeller“. Mein privater, persönlicher Bezug: mein Vater ist in den Siebziger Jahren dort häufiger aufgetreten, entweder mit seiner Band oder einer Kapelle. Er spielte in mehreren Formationen, heute würde man Coverbands sagen, in Swingorchestern, aber auch Blaskapellen und aushilfsweise bei den Nürnberger Symphonikern. Weil ich den wiederkehrenden Satz „Heute Abend spielen wir im Mautkeller/in der Mauthalle“ im Ohr habe. Meines Wissens war ich nie drin, auch nicht im Kellerlokal. Das denkmalgeschützte Riesengebäude war im Mittelalter der größte Nürnberger Kornspeicher. Mir gefallen die gestreiften Markisen, ich finde, es sollte an allen Häusern Markisen an den Fenstern geben, das gibt so ein leichtes, luftiges, mediterranes Flair. Da ich mich nicht entscheiden konnte, welche Fotos ich davon weglasse, sind es nun so viele geworden. Seltsam, dass ich beim Recherchieren überhaupt keine Hinweise finde, dass es im Mautkeller mal eine kleine Bühne gab. Vieles geht doch trotz Internet verlorden, es gibt keine Spuren. Vielleicht war früher eine im Kellerlokal. Mein Vater ist da aufgetreten, das weiß ich ganz bestimmt. 1498 bis 1502 erbaut, also hat der Maler Albrecht Dürer mit eigenen Augen gesehen, wie sie gebaut wurde.
Mein Schulweg, die Königstraße entlang, über den Hallplatz, vorbei an Obstständen beim Hotel „Deutscher Kaiser“, Richtung Bahnhof, auch mein Weg am 30. Juni, ein Donnerstag, gegen Mittag, kurz vor 13 Uhr. Vielleicht war die junge Frau mit dem Pferdeschwanz auch auf dem Weg nach Hause… oder machte eine Mittagspause.
Richtung Museumsbrücke, Hausnummer Königstraße 1, die Königspassage. Nürnberg hat nicht nur Mittelalterflair, sondern ausgiebige Einkaufsmöglichkeiten, Kaufhäuser, Boutiquen, Cafés, eine Fußgängerzone, die Breite Gasse, alle bekannten Markengeschäfte. Es ist keine Kleinstadt, hat aber eine romantisch-gemütliche Patina. Die Königstraße hat noch eine zweite Passage mit Fünfziger Jahre-Charme, die Ostermayr-Passage in der Königstr. 33 – 37. Dort besuchte ich zwei Jahre von 1982 bis 1984 eine Sprachenschule. Sie war in den oberen Etagen, darunter gab es ein zweigeschossiges, elegantes Café, das umgebaut und neu eröffnet wurde, das Café Opera. Ich war nicht da, hatte aber ein Wiederkennen, als ich die Fotos sah. Dort gab es die butterigsten Croissants, wir holten sie in der Pause oder gingen nach Schulschluss hin. In meiner Klasse war die damalige Miss Franken, eine kurvige Blondine mit Solarium-Teint und extrem weißen Zähnen, die sich mehr durch Markenkleidung als durch Sprachtalent hervortat. Wir anderen trugen eher Understatement, gerne Schwarz. Sie ist mir ausschließlich in Pastell in Erinnerung, puderrosa Poloshirts von Lacoste und hellblaue, knallenge Jeans von Fiorucci. Sie war „Popper“. Sie hatte mehr Taschengeld als wir, da sie auch modelte und weilte daher täglich im nicht ganz billigen Kaffeehaus mit der runden Balustrade, die beide Etagen verband.
Mitten in der Königstraße, gegenüber der Lorenzkirche, da wo die Karolinenstraße anfängt, steht das Nassauer Haus, ein mittelalterlicher Wohnturm, unten ist eine rustikale Gastwirtschaft. Dieser Turm hat mich noch nie beschäftigt, auch habe ich ihn nie betreten, er ist einfach immer dagewesen. Das Besondere am Blick auf eine Stadt, die man seit seiner Kindheit kannte ist, dass die wichtigsten Erinnerungen ganz wenig mit Sehenswürdigkeiten zu tun haben und sich deshalb auch nur Erinnerungen vordrängen, die einen ganz privaten persönlichen Bezug haben. Das ging mir mit dem Platz vor der Lorenzkirche so, und als ich in Richtung Karolinenstraße blickte, fiel mir sofort und ausschließlich eine mich elektrisierende, aufregende Begegnung ein, die links von diesem Nassauer Haus passierte. Ich schrieb sie auch in mein Tagebuch.
Wenn ich jetzt nicht zu bequem wäre, die Stelle zu suchen, bzw. erstmal das Datum zu verifizieren und dann das entsprechende Tagebuch überhaupt zu finden, würde ich daraus zitieren. So schreibe ich hier jetzt nur, dass ich zwischen 1983 und 1985 im Vorbeigehen einen jungen Mann sah, damals Mitte Zwanzig, der mich stark beschäftigte. Er war nicht allein, seine wesentlich ältere Freundin lief neben ihm. Er stolzierte geradezu über diesen Platz und fiel auch auf, da er sich immer extravagant kleidete. Bis dahin war ich ihm immer im näheren Freundes- und Bekanntenkreis begegnet, in einer Gruppensituation. Von der Freundin wusste ich, da sie immer und überall dabei war, auch als seine Chauffeurin. Ich war völlig aufgewühlt, weil ich mich auf diese zufällige Begegnung (die noch nicht einmal gegenseitig war, die liefen einfach nur vorbei und ich sah sie, sie mich aber vermutlich nicht) innerlich nicht vorbereiten konnte, so wie sonst. Ich spürte überdeutlich, wie stark meine erotisierten Gefühle waren. Obwohl sie mich auch kannten, aber wohl nicht wahrnahmen, hatte ich keinen Impuls sie anzusprechen. Ich war nur an einer Begegnung mit ihm alleine interessiert und hatte keine Lust auf höflichen, zu nichts führenden Small Talk mit seiner mutterhaft agierenden Freundin. Das ist natürlich keine adäquate Geschichte für einen Reiseführer durch Nürnberg für Gott und die Welt, den ich aber auch gar nicht zu verfassen beabsichtige. Für mich einfach reflexartig mit dieser Stelle in der Königstraße, Ecke Karolinenstraße verbunden. Beim Durchsehen der Fotos fällt mir jetzt erst auf, wieviele aufgemalte Sonnenuhren es in Nürnberg an mittelalterlichen Bauwerken gibt.
Letztes Kapitel Hotelflurbilder. Noch einmal gegenübergestellt Jakob Fugger seitenverkehrt in der Hotelbar und Jakob Fugger im Original, auch wieder im Besitz der Alten Pinakothek, aber in Augsburg hängend, und noch einmal ich vor Kaiser Maximilian I., den Albrecht Dürer kurz nach seinem Tod malte, wohl im Auftrag von Jakob Fugger. Das Maximilian I. Bild hängt wieder in Wien im KHM. Albrecht hat erreicht, was er wollte: sehr bekannt werden. Seit über einem halben Jahrtausend beschäftigen sich die Menschen mit ihm und seinem Werk. Auch bei meinen kommenden Fotoalben spielt er immer wieder mal eine Rolle, am Ende werden alle denken, sie waren in Nürnberg und sind mit Albrecht auf Du und Du. Mir kommt er auch schon vor wie ein alter Freund von früher. Komisch, dass er nicht bei der Hochzeit von meinem Neffen war. Vielleicht war er gerade wieder in Venedig und konnte deshalb nicht dabei sein, Albrecht Dürer wurde übrigens nur knapp 57 Jahre alt, er starb sechs Wochen vor seinem 57. Geburtstag. Und ich werde in knapp sechs Wochen exakt genauso alt! Da ich noch Hunderte Fotos aus Nürnberg zu verarbeiten habe, werde ich mir ganz gewiss keinen unzeitigen Abgang gestatten!
Die Sonne tritt soeben in das Zeichen Löwe! Auch im Flur des Hotel Saxx gibt es einen Löwen, natürlich von Albrecht Dürer. Wer hätte es gedacht: das große Tier ist im Original eine sehr kleine Zeichnung, von der vermutet wird, dass sie von Dürer unterwegs bei seiner ersten Venedigreise 1494 mit Aquarell und Deckweiß angefertigt wurde, möglicherweise erst später mit Gold erhöht. Das Pergamentblatt ist nur 12,6 x 17,2 Zentimeter groß. Einen leibhaftigen Löwen hat Albrecht Dürer – soweit bekannt – zu dem Zeitpunkt noch nicht lebendig vor sich gehabt, ebensowenig wie sein berühmtes Rhinocerus auf einer persönlichen Naturstudie beruht. Da es in Venedig aber schon damals an allen Ecken Löwen gab, wird davon ausgegangen, dass ein Markuslöwe seine Vorlage war. Auf der Seite der Hamburger Kunsthalle, die dieses kostbare Pergament seit 1863 im Kupferstichkabinett bei „Zeichnungen, Deutschland, 15. – 18. Jh.“ verwahrt, finden sich ausführliche kunsthistorische Mutmaßungen und Untersuchungsergebnisse.
Klein im Original und groß im Hotelflur. „OSWOLT KREL 1499“ hat Albrecht mit feinem Pinsel in Gold über das Portrait geschrieben. Der junge Mann war der Rechnungsführer der „Großen Ravensburger Handelsgesellschaft“ und weilte nur vorübergehend in Nürnberg. Ich gehe davon aus, dass das auch ein Auftragsportrait war. Es ist auf ein Stück Lindenholz im Format 49,7 x 38,9 cm gemalt und der Mittelteil eines Triptychons. Das gute Stück ist seit 1828 im Besitz der Alten Pinakothek in München. Im Dürersaal des Albrecht Dürer-Hauses befindet sich eine hochkarätige Kopie des Triptychons, von 1961 von Andreas Bach.
Ich komme noch einmal auf meine Schlafzimmergenossin, die junge Venezianerin von Dürer zurück. Ich hatte gleich so ein vertrautes Gefühl, aber mir war doch tatsächlich völlig entfallen, dass sie auf dem alten 5-Mark-Schein war. Die viel kleineren grünen 5-Mark-Scheine waren für uns als Kinder etwas ganz Besonderes. Sie waren so selten. Oder es kam uns nur so vor. Man freute sich über jeden, den man im Portemonnaie oder im Sparschwein hatte, viel mehr als über ein 5-Mark-Stück. Sie waren so hübsch und kleinformatig wie Spielgeld und das Mädchen guckte auch nicht so streng und schulmeisternd, man hätte sie gerne als Freundin gehabt. Das fiel mir gestern alles erst wieder ein, als ich mir den Elsbeth-Tucher-Zwanzigmarkschein anschaute, daneben waren auch die anderen Geldscheine abgebildet. Das schöne Portrait der namenlosen Venezianerin ist aus dem Jahr 1505. Das nur 24,2 x 32,5 cm kleine Original hängt seit 1923 im Kunsthistorischen Museum in Wien. Auf dem blaugrauen Zehnmarkschein war ein Mann mit langen lockigen Haaren und ich glaube, wir dachten, das sei Albrecht Dürer, weil es im Zusammenhang mit den Geldscheinen immer hieß, die sind alle irgendwie von Dürer. Hat aber gar nicht bei allen gestimmt. Zum abgebildeten langhaarigen Herrn heißt es: „Bartloser junger Mann“ (nach älterer Ansicht nach einem Gemälde von Albrecht Dürer oder Anton Neupauer, nach neuerer Forschung nach einem frühen Bildnis von Lucas Cranach dem Älteren, welches sich in landgräflich-hessischem Privatbesitz befindet und nicht öffentlich zugänglich ist)“. Wie auch immer – Albrecht Dürer war schon in meiner Kindheit sehr präsent. Ein „household name“ sozusagen.
Im Hotelflur vor Elsbeth Tucher. Das Original „Bildnis der Elsbeth Tucher“ aus dem Jahr 1499 von Albrecht Dürer hängt in der Gemäldegalerie „Alte Meister“ in Kassel. 1961 bis 1992 zierte Elsbeth Tucher den bundesrepublikanischen Zwanzigmarkschein. Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich mich als Kind gefragt habe, womit es die gestreng dreinblickende, humorlos wirkende Frau mit der seltsamen Haube geschafft hat, auf einem Geldschein zu landen, den Millionen Menschen im Portemonnaie haben. Dass es ausschließlich dem ruhmreichen Maler des Auftragsportraits zu verdanken ist, hat mir keiner erklärt. Oder ich habe es vergessen.
Im Frühstückrestaurant vom Hotel Saxx. Auch da habe ich mir ein schönes Plätzchen mit Blick auf den Schönen Brunnen gewählt. Links und rechts von mir saßen Hotelgäste. Es gibt ein großes Buffet und tollen Kaffee, kann man auch nach oben aufs Zimmer nehmen. Hier mein erster Gang mit Obstsalat und Joghurt, danach holte ich mir noch Rührei und Nürnberger Rostbratwürstchen. Ich geniere mich grundsätzlich etwas, in einem Restaurant mit der Kamera zu hantieren. Das war am 1. Juli 2022, danach lief ich rüber zum Rathaus, zum Trausaal, wo geheiratet wurde. Auch weil das Paar vegan lebt, hatte ich keinen starken Impuls, meine Würstchen zu fotografieren. Am nächsten Tag nahm ich mir einen Frühstücksteller und Kaffee nach oben aufs Zimmer, dafür gibt es extra Kaffeebecher zum Mitnehmen. Frühstück gibt es ab ziemlich früh bis elf Uhr. Am Nachmittag wird es zum Nachmittagscafé erklärt, ich vermute dann auch für Laufkundschaft, also Passanten.
Wir kommen nun in die Badestube mit stattlicher Badewanne, die durch einen kessen, hinter einer Holzschiebetür versteckten, gläsernen Durchblick eingesehen werden kann. Man muss sich vorstellen, dass links von der Schiebetür die venezianische Dürerschönheit vom Schlafzimmer ist. Ich hatte kein direktes Bedürfnis ins Bad zu schauen, während ich auf dem herrlichen King Size Bett lag, aber anderen mag es da anders gehen, z. B. Paaren. Eine Badewanne hätte ich jetzt auch nicht dringend gebraucht, weil ich vor allem duschen möchte, aber die Großzügigkeit dieses Badezimmers würde manchen vielleicht animieren, von einem Wellnessbereich zu sprechen. Gestört hat mich allerdings, dass der Föhn so seltsam konstruiert ist, dass man zum Föhnen dauernd auf einen Knopf drücken muss, sonst tut sich nichts. Was sich der Föhndesigner dabei gedacht haben könnte, erschließt sich mir nicht. Der Druck vom Duschstrahl hätte ein bißchen stärker sein können, das hab ich aber bei meiner Abreise hinterlassen, und es wurde eifrig notiert. Auch angenehm: die unkomplizierte rundum-Gepäckaufbewahrung vor dem Ein- und nach dem Ausschecken, wenn man noch unbelastet flanieren will, bis die eigentliche Abreise ist. Gefallen hat mir auch beim Abschied, nachdem ich erwähnte, dass ich dort jederzeit wieder übernachten würde, mir der Herr vom Empfang (mit dem Eiskübel) einen tiefen, ernsten Blick zukommen ließ und sehr bestimmt sagte: Wir WARTEN auf Sie! Und dann noch so ein subtiles Schmunzeln hinterher. Hier logiert man gerne! Das Hotel gibt es seit März 2014 in dieser Ausstattung, ich hätte gedacht, es ist noch neuer, wirkt alles sehr einladend und frisch. Einfach picobello.
Man sieht mir an der Nasenspitze an: ich war angetan. Eben noch einmal geschaut, wann der Schöne Brunnen im Auftrag von Kaiser Karl IV. erbaut wurde: 1385 bis 1396. Also hat ihn der kleine, 1471 geborene Albrecht Dürer auch schon vor der Nase gehabt, wenn er aus seinem Geburtshaus gelugt hat. Sein Vater war ein sehr erfolgreicher Goldschmied und hatte ab 1468 ein Ladenlokal am Hauptmarkt, ich vermute, da hat die Familie auch gewohnt, und da ist der kleine Albrecht auf die Welt gekommen, da wo ich geschlafen habe! Vielleicht nicht genau unterm Dach, aber wer weiß. Toll. 1475, als Albrecht vier war, hat der Vater ein Haus „in bester Lage“ erwerben können, das war vermutlich das Haus in der Bergstraße, zwischen Hauptmarkt und Burg. Also ist der Mini-Albrecht seine ersten vier Lebensjahre hier herumscharwenzelt. Die 1361 eröffnete Frauenkirche gegenüber prägte damals auch schon lange das Bild des Hauptmarkts, also bot sich dem kleinen Albrecht Dürer mehr oder weniger das gleiche Bild wie mir im Jahre 2022. Wie aufregend! Noch toller wäre, wenn die Zimmer einen Minikühlschrank hätten, also eine Minibar, aber der sehr zuvorkommende Herr vom Empfang hat Abhilfe geschaffen, indem er mir für meine Flasche einen großen Kühler mit Eis serviert hat, damit ich meinen Schlaftrunk perfekt gekühlt einnehmen konnte.
Ich begebe mich zurück nach Nürnberg – erinnernderweise. Und zwar zum Hotel, in dem ich die drei Tage logierte. Ich finde logieren klingt etwas gehobener, das wird dem Haus gerecht. Von außen ist es eher eines der unspektakuläreren Bauwerke am Hauptmarkt. Es hat die Adresse Hauptmarkt 17, der Eingang ist um die Ecke, Waaggasse 7. Dieses Sorat-Hotel heißt Saxx und ich nehme an, das ist eine Anspielung auf Hans Sachs, den Meistersinger – aber ich kann mich irren. Der Mann im Entrée, der Richtung Bar schaut, ist aber nicht Hans Sachs, sondern der von Albrecht Dürer um 1518 gemalte „Jakob Fugger, der Reiche“. Im Original schaut Jakob Fugger in die andere Richtung, ich vermute, der Interior Designer fand es aparter, wenn er zur Bar schaut, dann kann er auch besser nachbestellen, wenn das Glas leer ist. Jakob Fugger war superreich aber auch supersozial und hat die erste Sozialsiedlung der Erdgeschichte einrichten lassen, wo Arme fast nichts für das Wohnen bezahlen müssen. Die Miete beträgt drei Gebete pro Tag und stattliche 88 Cent Jahresmiete, die Fuggerei in Augsburg. Aber ich schweife ab. Jedenfalls ist das eines der vielen großen Albrecht Dürer-Portraits im Hotel, die sich durch alle Etagen und Flure und Zimmer ziehen. Ich war sehr davon angetan.
Als nächstes bitte ich um Beachtung des Fotos vom Dach, insbesondere der Fenster ganz oben. Rechts sind zwei mit halb heruntergelassenen Jalousien, das waren meine Fenster. Auf einem weiteren Bild präsentiere ich, was es unterhalb der Jalousie durch das Fenster zu sehen gab. Für Menschen, die noch nie einen touristischen Trip nach Nürnberg gemacht haben: ich habe direkt auf den Hauptmarkt und den Schönen Brunnen geschaut. Ganz wundervoller Ausblick. Tatsächlich habe ich genau das Zimmer bekommen, das mir auf den Fotos am besten gefallen hat, im Dachgeschoss in der fünften Etage mit der Zimmernummer 503.
Diese ungeplante Langzeitbelichtung von meinem südlichen Wohnzimmerbalkonausblick in der Nacht vom 15. Juli hat etwas Wesentliches erfasst, das mich vor dreiundzwanzig Jahren bewog, genau an diese Ecke zu ziehen: es war die hohe Energie, die hier in der Luft liegt. Wer weiß, was vom Fernsehturm für Vibrations ausgehen, und noch dazu der Vollmond daneben. Ich wohnte vorher im schläfrigen südlichen Wilmersdorf, Nähe Friedenau, da beim Rüdesheimer Platz. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Schon das Tempo, in dem sich die Menschen hier fortbewegen ist anders. Und doch ist es hier oben still und erholsam. Ich höre zwar das Feiern vom Park am Gipsdreieck und das Kindergequake vom Spielplatz und so ein Grundrauschen von den Lokalen unten, aber alles sehr friedlich, ganz unaggressiv. Immer noch ein Gefühl wie in einer Ferienwohnung irgendwo am Mittelmeer. Bin dankbar. Bei der Hochzeit neulich fragte mich ein alter Freund, den ich seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen hatte, der mich früher ab und zu in Schöneberg besuchte (und auch bei mir gemeldet war, um nicht zur Bundeswehr zu müssen), wo ich inzwischen wohne. Er kennt Berlin ganz gut, hatte auch mal eine Fernbeziehung hier. Ich antwortete „in Mitte, schon über zwanzig Jahre jetzt…“ Er darauf: „Hat wahrscheinlich Vor- und Nachteile, oder?“ Ich: „Nö. Nur Vorteile :-)“ Also ernsthaft, das war eine ironiefreie Antwort.
Wie kapriziös müsste ich sein, um hier nach Defiziten Ausschau zu halten. So lange ich es bezahlen kann, ist es mein Paradies, mein Adlerhorst. Wer mich jemals besucht hat, versteht das aber auch. Als Luxusproblem könnte man natürlich anführen, dass ich die türkise Kuppel vom Berliner Dom sehen muss, was mir ein christlichen Glaubensbekenntnissen abholder Freund einmal als für ihn hochproblematisch anführte. Ich war etwas sprachlos. Der Blick auf die Domkuppel war unter anderem ein absoluter Teaser für mich, als ich die Wohnung besichtigte, und da war ich schon fünf Jahre aus der Kirche ausgetreten. Ich liebe runde Kuppeln, was sich darunter rituell religionsmäßig abspielt, ist mir wumpe.
Frau Nielsen am 12. Juli 2022, vor und nach dem Konzert. Ich saß anschließend noch mit Lydia bis halbzwei draußen in der warmen Sommernacht in einer Kneipe in der Kastanienallee. Erstaunlich voll für Dienstag weit nach Mitternacht. Ich saß zwar auch da, aber wusste, dass ich am nächsten Tag erst mittags anfange zu arbeiten, was nicht so üblicherweise der Fall ist. Heute habe ich wirklich viele Einträge gemacht, das ist nun der elfte. Jetzt ist erst mal Schluss mit Berichten und Gedankengängen über dieses Stones-Jubiläumskonzert. Ich verfolge nun still weiter, wie die SIXTY-Tour der echten Stones verläuft. Gerade haben sie in Wien gespielt. Am Abend vor dem Konzerttag hat sich Mick an einer Würstelbude mit einer Bierdose knipsen lassen, den Tag nach dem Konzert ging sein Sightseeing mit seiner Freundin weiter, und er hat im Hofburggarten eine Truppe von jungen Wienerinnen in Aufregung versetzt, die dort einen Junggesellinnenabschied begingen und ihn erkannten, Gab schöne Fotos, er ganz Hahn im Korb. Ganz der Alte. Weiter so! I like…! Für unser Berliner Stones Konzert am 3. August in der Waldbühne hab ich immer noch kein bezahlbares Ticket. Ich verfolge täglich den Fansale von Eventim. Einmal gabs schon eins der unteren Kategorie, da aber nun Ina auch mitkommen will, schau ich nach zwei. Unser Plan ist aktuell, wir fahren mit einer gut gekühlten Flasche einfach zur Waldbühne und gucken, was da so angeboten wird. A bisserl was geht immer!
Last but not least: Danke an die Band und an den Frannz Club, der Get Stoned anlässlich des 60. Stones-Geburtstags eine Marquee-Club-mäßige Bühne bot. Schwer vorzustellen, dass die echten Stones in zehn Jahren noch auf Tour gehen, aber Cover- und Tributebands wie Get Stoned und Brown Sugar werden in Berlin die Stonesfahne weiter hochhalten und uns grandiose Konzerte mit den besten Stones-Nummern spielen. Because IORR – but I like it.
Um nochmal auf Get Stoned zurückzukommen. Die Jagger-Signature Moves sind schon ziemlich gut. Mick macht viele Armbewegungen nach vorne und wedelt gerne rum. Immer mal die Hand in die Hüfte. Die Bewegungen müssen zackig gespreizt und ein bißchen kasperlemäßig sein. Ich wünsche mir weniger Schnute, weil ausreichend Schnute hat Mick-Martin von Natur aus.
Gaga und Ina üben Selfie. Beide haben noch nicht verstanden, wo man hinschauen muss, damit es aussieht, als ob man in die Kamera schaut. Ina sollte es eigentlich wissen, ihr gehört das Smartphone nämlich, und es ist nicht ihr erstes Foto. Gaga hat immerhin begriffen, dass Begeisterung und absolute Hingabe gefragt ist, und lächelt fein, das ist sogar echt, weil sie sich gefreut hat. Ina wird beim Selfiemachen immer ganz ernst, sie ist unsicher, wie sie gucken soll. Danach hat sie wieder gelacht, aber beim Knipsen hat sie’s nicht geschafft. Sie müssen noch sehr viel üben!
Ich vermute ja, dass der Mick-Sänger Martin Glaß der große Bruder vom Keith-Gitarristen Florian Glaß ist. Der Bassist sieht ein bißchen wie Bruce Willis aus. Die Get Stoned-Stones spielen in der klassischen Stones-Besetzung mit Schlagzeug, Bass, zwei Gitarristen, Sänger und einer Sängerin für Backing Vocals. Die Bläser-Section Sticky Stones ist nur manchmal dabei. Allerdings trauert die Band um ihren Keyboarder, der wohl festes Bandmitglied war und vor ca. zwei Jahren gestorben ist. Es gab eine Gedenkminute mit einem extra Song für ihn. Jetzt spielen sie vermutlich einige Songs nicht mehr, für die man traditionell einen Pianisten in der Band braucht. Der Ronnie Wood-Gitarrist ist schon etwas älter, der Schlagzeuger auch. Sie sehen aus wie aus einer Folge Beat Club aus den Siebzigern, richtige Urgesteine. Man merkt, dass es eine gewachsene Band ist. Sie treten seit 2006 auf.
War, Children – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – It’s just a shot away – Love, Sister – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – It’s just a kiss away – Kiss away, kiss away. Gimme Shelter. GET STONED, 12. Juli 2022. Backing Vocal-Sängerin Kristin Panzlaff und Front-Mick Jagger Martin Glaß.
Mit so einem Mantel kann man auch bei mir punkten. Ich liebe es über alle Maßen, wenn einer dergestalt den Mick gibt. Das ist doch neben der Musik mit der Hauptspaß beim Stones-Covern. Wer das nicht versteht, hat den Stones Spirit nicht verstanden! Es gab mal ein Cover von Paint it Black vom London Symphony Orchestra, sehr beeindruckend, da wäre ich jetzt nicht so streng, und erwarte auch nicht, dass der Soloviolinist über die Bühne springt und mit dem Hintern wackelt, aber wenn die Original Arrangements mehr oder weniger das Vorbild sind, muss es einen Mick und einen Keith geben, alles andere kann mich nicht überzeugen!
Danke an meine zuckersüßen Begleiterinnen Ina und Lydia, ohne die der Stones-Sixty-Abend mit Get Stoned im Frannz Club nur halb so schön gewesen wäre. Ich habe ja noch andere, genauso zuckersüße Freundinnen, die sind aber nicht alle so durch die Bank für Herumgetanze zu Stones-Hits zu begeistern.
Ich kann mir ja immer gar nicht vorstellen, dass jemand die Moves von Jagger und den ganzen Stones-Spirit, der ja schon eine Form der Religion ist, nicht Weltklasse findet.
Ich war schon als Kind Stones-Fan, es wurde dann eigentlich immer schlimmer. Bis auf einen kleinen Einbruch in meinem Fantum Mitte der Neunziger, weil mir ein Stoneskonzert im Olympiastadion nicht so super gefiel. Die Beziehungskrise ist aber längst überwunden. Ich bin einfach nur froh, dass es sie noch gibt.
Ich copypaste eine kleine Facebook-Konversation zwischen dem Fotografen Jan Sobottka und mir, bevor ich hinging:
Jan Sobottka (…) Kommst du?
Gaga Nielsen Nein, leider nicht, eben erst entdeckt, ich gehe gleich zum Bücherbogen am Savignyplatz, wo eine Buchvorstellung (über schwule Architekten) von Wasmuth und Zohlen stattfindet, um 19:30 Uhr. Ina ist natürlich da.
Jan Sobottka wie blöd… schade … schwuler Minimalismus …vorstellbar?
Gaga Nielsen es geht nicht um „schwulenspezifische“ Architektur (falls es so was überhaupt gibt), sondern um die Geschichte von Architekten, die diesen Aspekt ihres Lebens im letzten Jahrhundert akribisch vertuschen mussten, um arbeiten zu dürfen und an relevante Aufträge zu kommen (wenn ich es richtig verstanden habe…) Natürlich ist schwuler Minimalismus nicht nur vorstellbar, sondern vorhanden, da ästhetische Neigungen nicht von sexueller Präferenz gesteuert sind, soweit ich weiß. Es ist sicher kein Zufall, dass es unter heterosexuellen Menschen sowohl zu Opulenz neigende, als auch Minimalismus liebende gibt. Was dich sicher nicht überrascht 🙂
Die schönsten Performances von Mick sind die vom Rock’n’Roll Circus 1968. Nie hat er schöner und lässiger mit der Kamera geflirtet. Eine Augenweide. Bei Sympathy For The Devil zieht er gegen Ende sein Shirt aus und lässt aufgemalte Tattoos an seinem sehnigen Körper sehen. Er singt und kreischt und robbt über den Boden, ganz das schöne Tier. Er sieht leicht bekifft aus, aber sogar das steht ihm, dieser leicht verschleierte, entrückte Blick. Brian Jones dagegen… na ja. Er fügt sich in die Rolle der Nebenfigur, arbeitet das Erforderliche so ab, aber er hat mich nie angezogen.
The Berlin Rockchicks Gaga, Lydia & Ina yesterday celebrating the 60th anniversary of The Rolling Stones @Frannz Club in Berlin. On stage the fabulous Get Stoned feat. The Sticky Stones! What a Night. Cheers to the Glimmer Twins and Many Happy Returns <3
Ohrwurm seit gestern Abend. „Let’s drink to the hard workin‘ people, let’s think of the lowly of birth, spare a thought for the rag-tagged people, let’s drink to the salt of the earth….“ Salt of the Earth vom Beggars Banquet Album von 1968 ist so ein toller Song. Kenne ich seit einem halben Jahrhundert, klar! Aber bis gestern noch nie so gänsehautmäßig live erleben dürfen…
Es war ganz wundervoll, das Stones Sixty-Jubiläumskonzert von GET STONED. Der ganze Frannz Club hat Salt of the Earth gesungen… und alle anderen Songs auch. Und Miss You war schon wieder super! Der Sänger hatte einen ganz tollen langen, champagnerfarbenen Satinmantel an, später tolle Glitzerhemdchen und natürlich bei Sympathy for the Devil wieder seinen Zylinder und den Zauberstab. Auch immer sehr apart, wenn das Mikro mal zwischendurch in die Hose gesteckt wird, so schräg in den Hosenbund. Muss natürlich zur Figur passen. Sehr kess, gefällt mir. Die Bläser waren auch sehr attraktiv. Der allgemeine Liebling (bei einer repräsentativen Umfrage) von Ina, Lydia und mir ist der junge Keith-Gitarrist der Gruppe, Flori. Er ist so sehr in der Musik, es fließt entspannt aber doch hochkonzentriert aus ihm heraus. Dabei hat er immer so ein leichtes Schmunzeln um die Lippen. Ganz arg begabt. Also: es war toll. Schön ist auch, dass man für frische Luft in den Biergarten vom Frannz Club kann. Musste mir vorstellen, dass da neulich im Mai tatsächlich die Ärzte auf der relativ kleinen Bühne gespielt haben. Sie hatten eine Clubtour in Berlin und die war natürlich innerhalb von Sekunden komplett ausverkauft. Ist klar. Gestern war aber auch schön voll. Ein sing- und tanzfreudiges Publikum – wie wir! Fotos werden nachgereicht.
St. Klara. Oder vielmehr der moderne Eingangsbereich, eine Vorkapelle mit dem Namen Pirckheimerkapelle. Wir sind nur wenige Meter vom Königstor entfernt, dem Eingang zum Handwerkerhof in der Königstraße. St. Klara ist etwas nach hinten versetzt in der Königstraße Ecke Klaragasse. Alles fotografiert auf meinem Weg zwischen meinem Hotel, dem Sorat Saxx am Hauptmarkt und dem Hauptbahnhof.
Ich habe keinerlei Erinnerung an St. Klara und diese ganz spezielle Ecke, wie ausradiert. Mich zog der 2006 bis 2007 umgebaute, nun moderne Spitzbogen-Eingang von weitem magnetisch an. Da der Tag heiß war, um die 32 Grad oder mehr, lockte der kühle, schattige Eindruck. Die eigentliche alte, konservierte Kapelle ist darüber indirekt zugänglich, ich warf einen Blick durch ein Innenfenster auf den mittelalterlichen Gottesraum. Grandioser Vorraum, klasse zeitgenössische Innenarchitektur. Wie ich immer sage: wenn der Entwurf, die Qualität hochkarätig ist, verträgt sich Neues sehr gut mit Altem, das ebenfalls eine hohe Qualität hat. Nie bei Architektur und Formgebung sparen, niemals! Wie wir sehen, sind Bauwerke mit das Nachhaltigste, was unsere Zivilisation hervorgebracht hat und leider Gottes sind darum eben auch die missratensten Bauwerke überaus nachhaltig, um diesen mittlerweile ausgeleierten Modebegriff zu benutzen. „Nachhaltigkeit“ ist nicht per se „gut“, sondern lediglich eine zeitbezogene Eigenschaft. Mein Interesse an der Nachhaltigkeit von Billig-Architektur ist gleich Null. Bausünden einstampfen und zwar nachhaltig! Kurzum: was da in der Vorkapelle der St. Klara-Kirche gemacht wurde, ist einfach schön. Magisches Licht. Erhebend.
Seit wann die schmerzensreiche Hiob-Skulptur aus den Fünfziger Jahren von Gerhard Marcks dort steht, vermag ich nicht zu verifizieren. Ich finde es dokumentationswürdig, dass vor einer mittelalterlichen Kapelle eine Figur eines Künstlers steht, der aus der Berliner Secession stammt und dem Bauhaus verbunden war, dessen Werke von den Nazis als entartet eingestuft wurden, außerdem ein Autodidakt, der größtes künstlerisches Renommée erlangte (eigenes Museum) und vieles noch selbst erlebte. Will sagen: in dieser Stadt ist nicht nur Platz für Mittelalter-Folklore, was man zunächst meinen könnte, wenn man meine bisherigen Fotografien sieht. Ich habe mich explizit und mit Wonne den historischen Ecke gewidmet, die ich als Jugendliche als Alltagskulisse selbstverständlich nahm, aber nicht relevant, mich damit näher zu beschäftigen.
Die biblische Geschichte des gramgebeugten Hiob, der nach Ruhm und Erfolg alles verlor, hat in der Bibel übrigens ein Happy End, damit vom lieben Gott begründet, dass er trotz der Plagen an seinem Glauben festhielt. Was für jeden schön ist, der harte Prüfungen durchstehen muss, ob seelisch oder körperlich. Wenn das der Deal sein sollte, glaube ich gerne! Wenn ich auch 1994 bei vollem Bewusstsein aus der evangelischen Kirche ausgetreten bin.
Morgen, 12. Juli 2022, das große GET STONED feat. The Sticky Tones | 60 Jahre Rolling Stones @ frannz Club Berlin, gibt noch Tickets, rund 23 €. Die sehr gute Band spielt diesmal mit dem ganz großem Besteck, die Brass Section „The Sticky Stones“ ist dabei. Das wird ein Fest! Ina, Lydia und ich gehen hin, wir haben schon unsere Tickets. Ich habe vor, um 19 Uhr vor Ort zu sein, Showtime ist 20 Uhr.
Der Handwerkerhof. Ich hatte schon erwähnt, dass der Handwerkerhof für mich, vom Hauptbahnhof kommend, eine ideale Durchgangspassage zur Königsstraße darstellte. Nicht mehr und nicht weniger. Nie wäre man auf die Idee gekommen, sich dort niederzulassen und etwas zu essen oder trinken oder sich gar dort mit jemandem zu verabreden – völlig indiskutabel. Der Handwerkerhof galt als disneyhafte Touristenfalle. Die mangelnde Authentizität ließ sich schon an der lebkuchenhäuschenartigen Kulissenarchitektur erkennen, dazu Abtrennungen mit Jägerzaun, alles eng und puppenstübchenhaft vollgestopft, eine Kirmesbude neben der anderen, so das harte Urteil. Der Handwerkerhof konnte einfach nicht überzeugen. Man war sich einig, das ist ausschließlich für die touristische Zielgruppe „Christkindlesmarkt“ erschaffen worden, die ganzjährig einen kleinen Weihnachtsmarkt benötigt. Als aufgeklärter junger Mensch eilte man schnell durch, um zum place to be zu kommen, nämlich dem exakt gegenüberliegenden KOMM. (Ich komme noch ausführlich dazu)
Ich muss allerdings sagen, als ich nun vor einer guten Woche vom Bahnhof kommend, etwas müde mit meiner schweren Reisetasche durch das Frauentor trat, empfand ich so etwas wie eine kleine Idylle. Fast hätte ich mich in eines der puppigen Lokale in den Halbschatten gesetzt. Ich hatte die rosa Touristenbrille auf. Mein Zeitplan gab das aber nicht so recht her, ich wollte auch erst mal zum Hotel und mein Gepäck loswerden. Es ergab sich dann auch zu einem anderen Zeitpunkt nicht mehr, sich dort niederzulassen, wäre jetzt auch nicht meine allererste Wahl für ein Treffen, aber ich sehe das Ensemble nun mit einer gewissen Altersmilde. Der Handwerkerhof wurde 1971, im „Dürerjahr“, seinem 500. Geburtstag, aus der Taufe gehoben und sollte 1972 wieder abgebaut werden. Das Handwerkerdörflein kam so gut an, dass man es im ehemaligen Waffenhof am Frauentorturm ließ. So gibt es bis heute den Handwerkerhof. Was mir jedoch ausnehmend gut gefällt, sind die gestreiften Holztore der beiden Eingänge Königstor und Frauentor. Hier gehe ich aber von der traditionellen Altstadtmöblierung aus. Wirkt auf mich doch recht überzeugend.
Lorenzkirche. Der U-Bahnhof. Das erwähnte Zitat der Rosette über dem Hauptportal der Westfassade – sehr gelungen. Ich betrachte den U-Bahnhof nun mit dem Wissen um viele andere U-Bahnhöfe, vor allem in Berlin natürlich, aber auch in Paris oder London. Ende der Siebziger Jahre gebaut. Mir dämmert, dass die Fahrt mit der U-Bahn vom Nürnberger Hauptbahnhof die eine Station zur Lorenzkirche in meinen Träumen noch heute eine Rolle spielt. Es gibt wiederholte Sequenzen, vor allem die lange Rolltreppe am Hauptbahnhof hinunter in den U-Bahn-Bauch. So lange Rolltreppen kenne ich nur aus Paris. In meinen Träumen bin ich in Eile, um einen Zug zu erwischen, der Zug fährt immer Richtung Prag, es ist viel Umsteigen, Hektik um verlorenes Gepäck, vergessene Fahrkarten, die, warum auch immer, nicht rechtzeitig gekauft wurden. Als ich nach langer langer Zeit wieder diese Rolltreppe nach unten fuhr, erkannte ich diese Szenen, was für ein Déjà vu. Zumal mich diese Bahnhöfe bald vier Jahrzehnte nicht tangieren. Das verrückte, geheimnisvolle Unterbewusstsein.