In den Abendstunden traf ich am 30. Juni wieder am Hauptmarkt bei meinem Hotel ein. Den Blick aus dem Hotelzimmer habe ich ja schon ausgiebig gezeigt. Wenn man auf dem Platz steht, gibt es noch ein paar andere Ecken und Perspektiven. Versäumt habe ich, die eine Seite des Platzes zu fotografieren, wo fast über die ganze Länge einer der vier Seiten des Platzes ungefähr zwanzig bis dreißig relativ große Olivenbäume vor einem Restaurant stehen, das ist sehr schön und mediterran; gab es „zu meiner Zeit“ nicht.

Der Hauptmarkt war eigentlich selten ein Ziel bei meinen jugendlichen Aufenthalten in Nürnberg. Man ging daran vorbei, überquerte ihn auf dem Weg von da nach dort. Da ich schon als Jugendliche kein Fan vom Weihnachtskult war, zog mich der berühmte Christkindlesmarkt auch nicht an, ich machte vielmehr extra einen Bogen darum. Das wäre auch heute für mich nicht die attraktivste Jahreszeit für einen Besuch. Allerdings hätte ich doch Lust, die Eröffnungsansprache vom „Christkind“ hoch oben auf der Empore der Frauenkirche einmal zu erleben, denn das hat schon etwas Märchenhaftes, dass da so ein lebendiger Rauschgoldengel mit einer hohen goldenen Krone und einem prächtigen Gewand mit Trompetenärmeln steht und feierliche Worte an die Sterblichen da unten richtet. Es gibt einige youtube Videos davon, schon sehr putzig. Man hat sich als Kind auch immer gefragt, wie man wohl Christkind werden kann, ob man dafür von Natur aus lange hellblonde Haare haben muss. Es war ein großes Geheimnis und Mysterium. Ich könnte mir eigentlich heute vorstellen, dass ich dort einmal als Christkind stehe, die Haarfarbe täte nun auch passen.

Ich erinnere mich allerdings, dass ich mit einer Freundin einmal ganz gezielt zum Hauptmarkt gegangen bin, weil dort eine Kundgebung stattfand. Anlässlich eines Wahlkampfes war Franz Josef Strauß als Redner auf dem Hauptmarkt angekündigt, und wo Strauß war, gab es auch jede Menge Gegner von ihm und ich gehörte dazu. Es ging uns um eine Gegenkundgebung, zu demonstrieren, dass Nürnberg nicht nur aus CSU-Anhängern besteht und dass sich der behäbige, erzkonservative Strauß nicht zu sicher fühlen sollte. Ich erinnere mich an das Riesenaufgebot von Polizei, eventuell hatten wir auch noch alte „Stoppt Strauß“-Sticker von der Gegenkampagne zu seiner Kanzlerkandidatur 1980, das weiß ich nicht mehr genau. Ein Banner oder Plakat hatte ich nicht zum Hochhalten und war auch sonst eher vorsichtig, wir demonstrierten mehr so am Rand mit, von wo man gut vor der Polizei flüchten konnte. Ich warf auch nicht mit faulen Eiern oder Tomaten oder Farbbeuteln, weil ich das schon damals unwürdig und primitiv fand, aber Farbe durch meine Präsenz wollte ich schon bekennen. Es war aufregend, natürlich war es für uns auch ein Event, wo man Gleichgesinnte in großer Zahl traf. Sehen und gesehen werden! Es kann gut und gerne sein, dass auf dem Hauptmarkt 25.000 Menschen waren, Anhänger von Strauß und wir, seine Gegnerinnen. Der große Platz kann offenbar so eine riesige Menge aufnehmen. Ich vermute, das muss die Kundgebung Anfang 1983 gewesen sein, die in einem Buch über Markus Söder als sein Erweckungserlebnis geschildert wird. Der Straußfan Söder trat anschließend entflammt in die Partei ein, der im Januar 1967 geborene Markus war gerade 16 geworden. Ich war da ja schon um einiges reifer als er, nämlich genau Siebzehneinviertel.

1809 bis 1895 rahmten alle vier Seiten des Platzes feste Marktstände, gemauerte Kolonnaden, in denen Waren feilgeboten wurden. Außer dem Schönen Brunnen gab es noch den Neptunbrunnen auf dem Platz, den die Nazis aus ideologischen Befindlichkeiten abbauen ließen, er steht im Nürnberger Stadtpark.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s