24. Dezember 2017


Abgehärtet. Dieses Jahr hat mir Herausforderungen beschert, die ich angenommen habe. Ich hätte sie auch ablehnen können. Aber ich wollte die Grenzen erfahren, wie weit die Leistungs- und Leidensfähigkeit geht. Wo das eine aufhört und das andere anfängt. Die Komfortzone ein bißchen verlassen. Teilweise hat es mich sehr strapaziert, aber ich kenne die Grenze jetzt weitaus besser und kann künftig besser, schonender agieren. Es hat mit allen Lebensbereichen zu tun. Die Pflanzen auf meinem Nordbalkon sind widerstandsfähriger, als diejenigen auf der gegenüberliegenden Seite, die Sonnenverwöhnten. Ich hatte vor vielen Jahren zwei Oleander, einen im Norden, einen im Süden. Als der erste Frost kam, überlebte der im Norden, der gepamperte auf der Südseite überstand die eine Frostnacht nicht. Ich bin ganz sicher der Oleander im Norden. Ich spüre ein dickes, dichtes inneres Fell, das mich auch in der nächsten eisigen Sturmnacht wärmen wird. Wenn es dann milder wird, und die ersten Sonnenstrahlen zu mir durchdringen, fährt das ganze System mit Riesenkräften hoch. Wenn die Blüte kommt, wird sie besonders schön. Und langlebig. Man kann die Blüten dann ins Poesiealbum legen und sanft trocknen. In schönem Gedenken für die Ewigkeit.

19. Dezember 2017

SZ: Wie finden Sie den Vergleich, der immer wieder kommt: die deutsche Doris Day?
Pulver: Ein Kompliment. Eine hervorragende Schauspielerin, die ja auch hinreißend singt. Und sie sieht gut aus.
SZ: Doris Day war sicherlich die amerikanische Schauspielerin, die am meisten für Züchtigkeit stand.
Pulver: Kann sein, aber sie war auch an erster Stelle, was die Beliebtheit angeht. Daran sieht man doch, dass das ganze Sextheater überhaupt keine Rolle spielt!
SZ: Sie meinen in den prüden Fünfzigern?
Pulver: Immer. Auch heute. Die Leute wollen das in Wirklichkeit nicht. Sie wollen sich amüsieren, sie wollen sich schon angezogen fühlen von einem Mann, sie wollen sich auch was dabei denken…
SZ: Aber?
Pulver: Aber sie wollen nicht unbedingt nackte Frauen und nackte Männer sehen, sie wollen eben: interessiert sein. Mein Lehrer Paul Kalbeck hat mal gesagt: Ein Schauspieler muss weder gut noch schlecht sein. Er muss interessieren!

Liselotte Pulver, SZ-Interview 2010

18. Dezember 2017

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Gaga Nielsen liest ein pikantes Kapitel aus dem Roman „Senatsreserve“ von Thilo Bock, nämlich Seite 89 bis Seite 97, in dem sich die heimliche erotische Hingezogenheit des zwanzigjährigen Protagonisten zu Christel, der Mutter seiner Freundin Simone offenbart. Christel arbeitet in einem Frisörsalon, wo sich der erste Körperkontakt mit ihrem jungen Verehrer ergibt.

15. Dezember 2017

17-12-07 Verbrecherversammlung (23)
Ich muss es leider sagen, die Ästhetik und Farbwelt von Weihnachtsdekoration ist halt auch nicht meins. Grüner Baum, rote Kugel, goldenes Lametta. Alleine dieses Trio: Grün, Rot und Gold. Das spricht mich einfach nicht an. Ich bin da sensibel. Gut dagegen gefallen mir Mistelzweige. Einige Jahre gab es die Tradition, dass in einem der Durchgänge der Hackeschen Höfe ein Mistelzweig hing. So ein schöner großer, kugeliger. Von mir aus könnte man die Deko darauf und auf ein paar dicke weiße Kerzen beschränken. Meine Playlist ändert sich im Dezember auch nicht thematisch. Vielleicht fehlt mir da irgendein Gen. Geschenke gibt es von mir zum Geburtstag, sofern ich eingeladen bin und ansonsten auch ohne besonderen Anlass. Man kann die Erwartungstradition seiner Umgebung, das ganze Feiertags-Ritual mitzuspielen, auch erzieherisch beeinflussen, indem man mal auf den Tisch haut und sich sperrt. Das muss ja nicht in einen Streit ausarten. Ich habe tatsächtlich seit ich im Jahre 1985 aus dem Elternhaus ausgezogen bin, in meinen Wohnungen weder Adventskränze, noch Nussknacker, noch Weihnachtsbäume noch Weihnachtsbescherung noch Gänsebraten gehabt und auch nicht vermisst. Allerdings gehe ich mit dieser Verweigerungs-Anmutung auch nicht hausieren. Ich gestehe allen, in allem Respekt zu, das schön und heimelig zu finden, ich muss da ja nicht mitspielen. Kerzen gibt es bei mir immer, das ist nicht an den Kalender gebunden. Sentimental bin ich auch, aber leider gibt es da bei mir keine Verbindung zu diesen Feiertagen, das spielt sich ausschließlich im Bereich von sehr privaten und persönlichen Ge- und Berührtheitserinnerungen ab. Was ich durchaus auch gerne mal mache, wenn irgendwo ein Tannenzweig herumfliegt, damit herumkokeln, das riecht gut. Mal ausprobieren! Was mir aufgefallen ist, seit ich in dieses Blog im Internet schreibe, also seit 2004, dass sich wenige Tage vor den Weihnachtsfeiertagen und auch danach, zwischen den Jahren, die virtuelle Kommunikation, damit meine ich vor allem in Blogs und Kommentaren, reduziert, am sogenannten Heilig Abend grenzt es schon an ein Gefühl von Stromausfall. Zumindest war es vor ungefähr zehn Jahren so. Jetzt, wo alle Smartphones haben (außer mir natürlich), kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die unterm Weihnachtsbaum ohne das Ding sitzen, ich nehme an, dass zumindest bei jedem Gang aufs Klo mal eben ein Blick darauf geworfen wird, bevor es wieder ins Bescherungszimmer geht. In zwei Wochen ist alles wieder vorbei und in den Schokoladenfabriken werden die Weihnachtsmänner zu Osterhäschen eingeschmolzen. Hauptsache, es schmeckt. Ich wünsche allen, die diese Zeit als besonders besinnlich empfinden, schönes Sinnieren. Ich mache das ja das ganze Jahr, insofen wäre es Eulen nach Athen zu tragen, Gaga Nielsen besinnliche Tage zu wünschen. Ich glaube, kurz nach Weihnachten werden in den Drogeriemärkten die Preise für einige Kerzenmodelle reduziert. Da schlage ich zu. Ich mag offenes Feuer. Bis vor einigen Jahren hatte ich sogar mal eine Art Lagerfeuer-Installation auf dem Teppich im Wohnzimmer. Hölzchen und Stöckchen so drapiert, wie man das beim Feuermachen hinlegt und dazwischen versteckt, dicke Kerzen. Hat auch manchmal ein bißchen gekokelt, war aber sehr schön. Beim Renovieren vor ein paar Jahren abgebaut. Der Teppich darunter war auch ganz leicht angekokelt. Seither liegt an genau der Stelle ein Kissen auf dem Teppich. Hat bis jetzt noch keiner entdeckt.

11. Dezember 2017


Wunderschöne Joni Mitchell-Doku. Bestimmt zehn Jahre ihre Musik aus meinem Regal nicht mehr so intensiv gehört. Erwärmt kalte Wintertage und Nächte wie diese. Blue, Little Green, River und A Case of You, meine allerliebsten Songs von Joni. Beauty.
Und The Tea Leaf Prophecy und Let the Wind Carry me und Cherokee Louise und Urge For Going und Paprika Plains
I awoke today and found the frost perched on the town
It hovered in a frozen sky, then it gobbled summer down
When the sun turns traitor cold
and all trees are shivering in a naked row
I get the urge for going but I never seem to go
I get the urge for going
When the meadow grass is turning brown
Summertime is falling down and winter is closing in
I had me a man in summertime
He had summer-colored skin
And not another girl in town
My darling’s heart could win
But when the leaves fell on the ground
And bully winds came around pushed them face down in the snow
He got the urge for going and I had to let him go
He got the urge for going
When the meadow grass was turning brown
And summertime was falling down and winter was closing in
Now the warriors of winter they gave a cold triumphant shout
And all that stays is dying and all that lives is getting out
See the geese in chevron flight flapping and racing on before the snow
They’ve got the urge for going and they’ve got the wings so they can go
They get the urge for going
When the meadow grass is turning brown
Summertime is falling down and winter is closing in
I’ll ply the fire with kindling and pull the blankets to my chin
I’ll lock the vagrant winter out and I’ll bolt my wandering in
I’d like to call back summertime and have her stay for just another month or so
But she’s got the urge for going so I guess she’ll have to go
She get the urge for going when the meadow grass is turning brown
And all her empires are falling down
And winter’s closing in
And I get the urge for going when the meadow grass is turning brown
And summertime is falling down
Joni Mitchell, Urge for Going

03. Dezember 2017

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„Never do Weddings, Babies oder Bar Mitzvahs.“ Ken Regan – ALL ACCESS. The Rolling Stones, The Beatles, John Lennon, Leonard Bernstein, Mick Jagger, June Carter Cash, Johnny Cash, Iggy Pop, Stevie Nicks, Carly Simon, Bob Dylan, Keith Richards, Patti Hansen, Theodora Richards. The London Symphony Orchestra.

29. November 2017

Lese Ina Hartwigs „Wer war Ingeborg Bachmann“. Ab Seite 59 beschäftigt sie sich mit ihrer Stimme. Bachmann hatte bereits Erfahrungen durch Radiosendungen im Wiener Funkhaus, bevor sie vor Publikum las. Die Stimme war weder ausgebildet, noch entsprach ihr Duktus ihrer regionalen Herkunft. Ein eigene Schöpfung.
„(…) sie versteht, dass man das leblose Mikrophon als ein lebendiges Gegenüber betrachten muss, was eine erhebliche Abstraktionsleistung erfordert. Sie richtet sich via Mikrophon an die Hörer draußen an den Radioapparaten, die ihr lauschen, ohne sie zu sehen. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan, der ein wilder Denker war, sah in der Stimme ein Triebobjekt. Roland Barthes wiederum hat um das „Korn der Stimme“ eine Theorie gerankt, in der sich das Timbre mit dem Imaginären verbindet, dabei den Narzissmus keineswegs verachtend. Daran knüpft Meyer-Kalkus an, wenn er in der Stimme vor dem Mikrophon ein „vokales Self-Fashioning“ ausmacht, den ganz bewussten stimmlichen Selbstentwurf“.“
VOKALES SELF-FASHIONING. Hat mich beeindruckt, dieser Begriff. Wusste, was gemeint ist. Sehr oft bei vokalen, künstlerisch beabsichtigten Darbietungen zu erkennen. Eigentlich häufiger als nicht. Wem es gelingt, vokale Raffinessen dem Gefühlsausdruck unterzuordnen, ist auf einem guten Weg. Bewusst nicht zu zeigen, was man zeigen könnte, weil es sinnloses Blendwerk bedeuten würde, ist in jedem Fall das höhere Level. Das Weglassen. Eine nackte, tiefere Wahrheit nicht mit Posen oder Häkelborten zu umschleiern.

20. November 2017

Flashback – erster September 2008. Atelier. Farbe und Leinwand. Die nie gezeigten Bilder. In meinem geheimen Biotop. Bilder so zu materialisieren macht mich wehmütig. Ein sehr schöner Akt, es zu erschaffen. Und dann dieses deutliche Bewusstsein, dass diese Bilder einen überleben. Das wühlt mich auf. Sobald ich in das Atelier fahren würde, würde es wieder geschehen. Wenn alles aufgeräumt ist. Würde das Herzblut wieder in Farbe fließen. Bilder, die man gar nicht zeigen kann, ohne sich zu offenbaren. Sich nackt zu machen. Mit einigen Motiven geht das. Aber ich fürchte andere, die sich selbst malen und etwas manifestieren, das verborgen bleiben soll. Bilder, die niemanden etwas angehen. Und wahrscheinlich wären sie sehr schön. So schön, dass es weh tut.
warm up (4)
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warm up (4)
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19. November 2017

James Corden’s Carpool Karaoke. Highly recommended by Gaga Nielsen. Check it out! Best of, feat. Adele, Red Hot Chili Peppers, Foo Fighters. Madonna, Pink, Lady Gaga, Etlon John, Jennifer Lopez, Rod Stewart, George Michael, Chris Martin, Justin Bieber, Mariah Carey, Britney Spears, Michelle Obama.
Adele ♥ https://www.youtube.com/watch?v=Nck6BZga7TQ
RHCP https://www.youtube.com/watch?v=cfudXO_vzWk&t=576s
Foo Fighters ♥ https://www.youtube.com/watch?v=5Xe0Qd6bUFo
Madonna https://www.youtube.com/watch?v=Sx2PfL2ekTY
Pink ♥ https://www.youtube.com/watch?v=sottGW1p5os&
Lady Gaga https://www.youtube.com/watch?v=X5Cfi7U4eL4
J.LO ♥ https://www.youtube.com/watch?v=qQIsdod0LWo
Elton John https://www.youtube.com/watch?v=5ndj6xn2P0c
Rod Stewart https://www.youtube.com/watch?v=qQIsdod0LWo
G. Michael https://www.youtube.com/watch?v=hvuENG3O9TM
Chris Martin ♥ https://www.youtube.com/watch?v=SADub7W22Zg
Justin Bieber https://www.youtube.com/watch?v=Dx06c0ZEBMk
Mariah Carey https://www.youtube.com/watch?v=z2iwQoKD6mg
Britney Spears https://www.youtube.com/watch?v=pSd9hiBGoE0
M. Obama https://www.youtube.com/watch?v=ln3wAdRAim4

19. November 2017


Treffpunkt 29.8., Dienstag nachmittag gegen 16 Uhr, stand in der Mail. Um zu entscheiden, welche Zellen bespielt werden, was an technischen Voraussetzungen vorhanden ist, angefangen bei Verlängerungskabeln und Verteilerbuchsen. Immerhin nur drei Tage, bevor es losgehen sollte. Die Tykwerzelle und eine kleine gegenüber genommen. Weil mir das Gitter vor dem Fenster gefiel und dass Pritschen darin waren. Und eine Lampe an der Wand, die warmes Licht machte. Da konnte ich mir gleich vorstellen, dass das schön wird. Das späte Tageslicht fiel noch ein und auch das war anheimelnd. Auf dem Hof fand ich einen kleinen, quadratischen Tisch mit einem schmiedeeisernen, geschwungenen Gestell und einer schweren Steinplatte. Der kam in die kleine Zelle und ein Stuhl, den ich in einer Ecke fand. Und noch einen Tisch für die Tykwerzelle und den zweiten Stuhl. Ich richtete im Kopf das Equipment mit den Notebooks und Beamern und Soundanlagen ein. Klebte Zettel an die Wand und auf den Tisch, um die Positionen zu markieren, als hätte ich die Befürchtung, im Eifer des Gefechts etwas durcheinanderzubringen. Schleppte das schwere Gestell mit der alten, gestreiften Matraze aus der kleinen in die große Zelle. Im Waschbecken der großen Zelle verkeilte ich ein Brett, das zu einem Regal gehörte, um es als Ablage für den Beamer zu benutzen. Da ich noch keine Exponate dabei hatte, musste ich aufhören, als alles in einer mir sinnvoll erscheinenden Position war. Es gefiel mir schon ganz gut. Und am übernächsten Tag würde ich mit dem Transporter und meinem Equipment und den Projektionswänden und den Reliquien anrücken. Während ich mich mit den Zellen vertraut machte, hatte Jan schon angefangen, seine Bilder in die obere Etage im Kuppelsaal zu bringen. Er hatte Unterstützung von seiner früheren Gefährtin, und die beiden guckten im Vorbeigehen, was ich treibe. Ich dachte laut nach, wie ich die kleinere Projektionswand stelle, ob an die Fensterseite oder an die freie Wand. Sie fand, es sollte an die Fensterfront, ich mochte zwar die Idee, dass man die Projektion dann noch deutlicher vom Flur her sieht, aber ich wollte die Fensterseite nicht so verstellen. Dann kam ich auf die Idee, die Projektionswand schräg zu positionieren, über Eck, das würde den räumlichen Eindruck weicher und dynamischer erscheinen lassen. So wie ich es auch in meinen privaten Räumen gerne mache. Es gibt immer eine Ecke, die nahezu aufgelöst wird und dem Raum dadurch weniger den Eindruck sturer, betonierter Rechtwinkligkeit verleiht. Hier ist der nächtliche Blogeintrag, den ich danach noch schrieb.


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12. November 2017


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War schön… Saskia in Hochform. Die anderen natürlich auch. Da waren noch zwei anderen Fotografinnen, die ebenfalls imposante Bilder gemacht haben werden. Die eine hatte so ein Kanonenrohr, wie man es benutzt, um aus großer Entfernung ganz nah an den Künstler ranzuzoomen. Bin sehr gespannt auf die Bilder, zumal sie aus etwa zwei Metern Entfernung gemacht wurden. Als ich die schwer bewaffnete Kollegin gesehen hatte und noch eine weitere, die vorwiegend vom Fußboden aus, direkt vor der Bühne fokussierte, dachte ich, ich konzentriere mich mal ein bißchen mehr auf das Publikum und das sehr aparte Tresenpersonal. Die sind ja auch wichtig, damit so ein Abend gelingt. Aber Saskia und Ilka und Melli und Heike sind mir trotzdem irgendwie vors Objetkiv gerutscht. Ließ sich nicht umgehen. Bitte um Nachsicht!

11. November 2017


Nicht dass der Eindruck entsteht, mir käme der Sinn für das Wesentliche abhanden. Heute Abend werde ich das Haus verlassen, um mich in eine Bar zu bewegen. Die Sweetwater Bar. Grund der exorbitanten Aktivität: Saskia wird dort singen. In Begleitung von drei Musikerinnen, die ich auch kenne und mag. Grund genug, den Elfenbeinturm zu verlassen. Ich habe Saskia Rutner das erste mal im Grünen Salon auf der Bühne gesehen. Das war am vierzehnten Februar 2016. Auch bekannt als Valentinstag. Der Salon nannte sich demzufolge Valentinssalon. An jenem Abend hatte ich sie nur fotografiert. Zum ersten mal miteinander gesprochen haben wir bei einer anderen Gelegenheit, im Schlot auf dem Damenklo. Durchaus kurios war, dass ich ihr am Waschbecken erzählte, dass ich bei dem zweiten Set im Valentinssalon, wo sie zur Hochform auflief, immer wieder dachte: „Tiger-Lilly!“. Und Saskia gewissermaßen zusammenzuckte, als ich ihr das mitteilte, von wegen Déjà-vu. So hatte man sie zu Schulzeiten genannt Hey! Ich habe das gechannelt! Ich kann so was. Warum, weiß ich auch nicht. Jedenfalls mag ich sie seit dieser Begegnung noch mehr. Sehr. Ich denke, das wird sich auch nicht mehr ändern. Nur so ein Gefühl. Wie eingangs erwähnt, tritt sie heute Abend auf und ich bin dabei. Denn irgendwann in dieser Nacht werde ich noch schlafen gehen – will morgen schließlich gut aussehen! Apropos: hier sind all die Bilder versteckt, die ich bislang von Saskia gemacht habe. Und hier der Link zur Veranstaltung. Und nun Schönheitsschlaf.

11. November 2017

„(…) Ihr Denkvermögen wird nun in mancher Hinsicht auf die Probe gestellt. Sie sollten versuchen, es aus dieser Perspektive zu sehen und aus Ihren Fehlern zu lernen. Versuchen Sie nicht, Ideen hochzuhalten, die sich eindeutig als überholt erwiesen haben.“
Ist ja gut, ist ja gut! Stellt sich immer noch die Frage der Eindeutigkeit. Habe vielmehr den Eindruck von Dreideutigkeit. Nicht zu verwechseln mit Dreifaltigkeit! (fuck!)
[ Merkur Quadrat Sonne ]

11. November 2017


Vielleicht bin ich auch nur eines von Gottes bevorzugten Versuchskaninchen in einer sehr, sehr langen Langzeitstudie zur Erforschung emotionaler Resilienz). Möglicherweise war der Ansatz, mich als Probandin auszuwählen, der augenscheinliche Eindruck von Widerstandsfähigkeit, Robustheit, Stärke (Mars im Skorpion), optimistischer Werkseinstellung. Was er aber vielleicht nicht bedacht hat, könnte sein, dass die unausgesetzten Tests, diese pausenlosen Laboraufenthalte selbst der stärksten Kreatur zusetzen. Ich hätte gerne eine Pause. Eine lange Pause. Noch genauer: ich möchte, dass das aufhört. Ich will keine Probandin mehr für dich sein, lieber Gott. Ich will mich endlich erholen und keinen Prüfungen mehr ausgesetzt sein. Ich will ab jetzt Spazierengehen. Meine Werkseinstellung entfalten. Nicht mehr tapfer in Indianermanier die Zähne zusammenbeißen. Genug der Initiationsrituale. Fakir wollte ich auch nie werden. Fakirin ebensowenig. Leck mich am Arsch, Gott. Mach deine Tests ohne mich. Such dir jemand anderen. Irgendsoeine Püppi, der bis jetzt Zucker in den Arsch geblasen wurde. Da wird sich doch jemand finden. Vielleicht mal das Gegenteil von mir, ist sicher forschungsmäßig auch ergiebig. Wort zum Sonntag. Amen.

10. November 2017




Lüül und Bock und H. P. Daniels im ersten Stock. Ich war auch da. Und Ina. Ist so ein schöner Ort, da über dem Brel. Auf dem roten Samt-Kanapee. Sehr über die Senats-Reserven-Geschichte von Herrn Bock gelacht. „Ich bevorrate meine Stadt mit… Ölsardinen und Filzpantoffeln“. Versteht man jetzt nicht, wenn man die Geschichte nicht kennt. Ina und ich kannten sie auch nicht, hat sich aber gleich erschlossen, man musste nicht um die Ecke denken. Lustig ist aber auch die Widmung von Herrn Bock zu unserer „anregenden Foto-Session“. Das zu erklären, würde jetzt entschieden zu weit führen, ich kann das gerne bei näherem Interesse einmal unter vier Augen erhellen. Ich durfte die Widmung erst zuhause lesen. Das hatte mir Peter Lindbergh seinerzeit auch aufgetragen und ich habe mich daran gehalten. Musste sehr lachen, in beiden Fällen. Thilo Bock hat mehr Bilder abgekriegt, weil er als einziger direkt unter der Lampe saß. Die anderen beiden mehr so im Schatten. Schöner neuer kleiner Salon mit Lüül und Bock. Und ein Gast soll immer dabei sein. Lüül hat neue Songs ausprobiert und H. P. Daniels Geschichten von hinter dem Deich zum Besten gegeben. Mit Ina schon um Mitternacht nach Hause, dann aber noch eine Stunde im Auto gequatscht. Nein, geredet. Quatschen würde den Vorgang unzutreffend banalisieren. Über Eingemachtes quatscht man nicht. Schon kurz nach Eins ins Bett. Ich hatte wieder einen frühen Klempnertermin in Aussicht und der Wecker klingelte um Sechs. Daher. Sonst schaue ich nicht auf die Uhr. Absperrhahn gewechselt. Das soll es dann nun auch für eine Weile gewesen sein. Seltsame Serie von Klempner-Terminen in den letzten Wochen. Waren aber alle sehr nett, wenn auch nicht immer alles auf Anhieb geklappt hat. Nun ist Ruhe eingekehrt, nichts mehr tropft, nichts mehr verstopft.
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01. November 2017

Das ist die Playlist, die in Soeht7 auf den Notebooks in den Zellen lief, und auch sonst, privat in meiner Wohnung. Nicht alphabetisch wie hier aufgeführt, immer im Zufallsmodus. Sie ist dynamisch, manchmal wird nach einer Weile ein Titel rausgeworfen oder es kommen neue dazu, aber im Großen und Ganzen haben die meisten Titel einen festen Platz – dort und im Herzen. Der Soundtrack zu den Bildern des sentimentalen Archivs. Es liegt eine Weile zurück, zwei Monate genau. Je länger ich darüber nachdenke, umso unverständlicher ist mir, wieso bei Ausstellungen kein Lebensraum installiert wird. Ich kapiere das nicht. Wenn eine Ausstellung eine Einladung zu einer persönlichen Annäherung ist, wieso werden so viele Aspekte ausgespart. Vielleicht ist der Gedanke einfach noch nicht genug verbreitet und kultiviert. Kein Werk entsteht im luftleeren Raum, ein Geflecht aus Atmosphäre und Erlebnissen und Erinnerungen gebiert die neue Materie, ein Surrogat aus Gefühlen und Gedanken, Tagen und Nächten. Und immer gibt es eine Tonspur. Manchmal nur Wind. Regen. Und ganz oft Musik.
Adele – Lovesong
Al Green – How can you mend a broken heart
Amy Winehouse – Some holy war
André Heller – Lied an eine Schauspielerin
André Heller – Maria Magdalena
Angela Gheorghiu – Ständchen (Schubert)
Aretha Franklin – I say a little prayer
Astor Piazzolla – Libertango
Astor Piazzolla (Kurt Weill) – Youkali Tango
Astrud Gilberto & Stan Getz – Girl from Ipanema
Barbra Streisand – Between yesterday and tomorrow
Barbra Streisand – Lover Man, where can you be
Barbra Streisand – What are you doin the rest of your life
Barry White – I’m gonna love you just a little bit more baby
Benjamin Biolay – Dernier souper au château
Benjamin Biolay – Aime mon amour
Benjamin Biolay – Cactus Concerto
Benjamin Biolay – Dans ta bouche
Benjamin Biolay – Des lendemains qui chantent
Benjamin Biolay – Folle de toi
Benjamin Biolay – Holland Spring
Benjamin Biolay – La Garçonnière
Benjamin Biolay – tete à claques
Benjamin Biolay – Tu es mon amour
Bernd Begemann – Ich bin der Typ, der immer zurückkehrt
Bill Withers – Ain’t no sunshine when she’s gone
Billie Holiday – How deep is the Ocean
Bing Crosby – I surrender Dear
Birgit Denk & Hannes Ringlstetter – heit nocht
Birgit Minichmayer & Campino – Auflösen (live 2009)
Birgit Minichmayr & Campino – Auflösen (live bei Bio)
Blixa Bargeld & Teho Teardo – Nur zur Erinnerung
Bosse & Anna Loos – Frankfurt Oder
Brigitte Bardot & Sacha Distel – Soleil de ma vie
Bruce Springsteen – I’m on Fire
Bryan Ferry – in the Mood for Love
Burt Bacharach/B.J. Thomas – Raindrops keep fallin‘ on my head
Burt Bacharach & Jackie DeShannon – What the world needs now
Burt Bacharach & Dusty Springfield – The Look of Love
Burt Bacharach & Herb Alpert – This Guy‘s in Love with you
Burt Bacharach & The Carpenters – Close to you
Cassandra Wilson – Harvest Moon
Cassandra Wilson – Until
Caterina Valente – Les moulins de mon coeur
Chaka Khan – Ain’t nobody
Charles Aznavour – La Mamma
Charles Trenet – La mer
Chet Baker – I’ve never been in love before
Chet Baker – My funny Valentine
Chet Baker – The Touch of your lips
Chet Baker – You don’t know what Love is
Chet Baker & Ruth Young – Autumn Leaves
Club der toten Dichter – Lass es regnen (sagenhaft)
Clueso – Achterbahn
Coldplay – Adventure of a life
Cousteau – The Last Good Day of The Year
David Bowie – Lazarus
David Bowie – Sound & Vision
David Silvian – When the Poets dreamed of Angels
Diana Krall – Fly me to the moon
Diana Krall – I*ve grown accustomed to his face
Diana Krall – The look of love
Die Strottern – Wia tanzn is
Dionne Warwick – Theme from Valley of the Dolls
Diva – Promenade Sentimentale
Dominic Miller – Do you want me
Duke Meyer – Wo
Duke Meyer & MWNN – Es kann auch Liebe sein
Duke Meyer & MWNN – Ich fühl mich gut
Ed Harcourt – The Way that I Live
Eddie Vedder – Girl from the North Country
Edwyn Collings – A Girl like you
Ella Fitzgerald – I love Paris
Ella Fitzgerald – These Foolish Things
Ella Fitzgerald & Joe Pass – A foggy day
Elton John – Love Song
Elvis Presley – I can’t help falling in love with you
Emmylou Harris – The Magdalene Laundries
Eric Clapton – Layla
Erik Satie – Gymnopedie No. 1 (Gitarre)
Esther & Abi Ofarim – Hush-a-bye
Esther & Abi Ofarim – Morning of my Life
Eszter Balint – Un poison violent c’est l‘amour
Eva Cassidy – Autumn Leaves
Fink – Perfect Darkness
Fleetwood Mac – Butter Cookie (Demo)
Fleetwood Mac – Dreams
Fleetwood Mac – Planets of the Universe (Demo)
Françoise Hardy – Tous les garcons et les filles de mon age
Frank Sinatra – I’ve got you under my skin
Frank Sinatra – It was a very good year
Frank Sinatra – Moon River
Frank Sinatra – Summer Wind
Franz Schubert – Opus 100 Klaviertrio No. 2 in Es-Dur
Franz Schubert – Opus 103 Fantasie in F (H. Sermet)
Georg Danzer – Weisse Pferde
George Benson – Ode to A. Kudu
Ghinzu – High Voltage Queen
Glen Campbell – By the time I get to Phoenix
Glen Campbell – Gentle on my mind
Glen Campbell – If you go away
Glen Campbell – Rhinestone Cowboy
Glen Campbell – Witchita Lineman
Glen Campbell – Yesterday when I was young
Gordon Lightfood – If you could read my mind
Grace Jones – Breakdown
Grace Jones – Love is the Drug
Gregor Meyle – Sunday Lover
Gudrun Gut & Blixa Bargeld – Die Sonne
Gustavo Santolalla – Amelia Desert Morning
Gustavo Santolalla – Breathing Soul
Gustavo Santolalla – Morning pray
Harry Belafonte – Remember (live)
Herbert Grönemeyer – Fang mich an
Herbert Grönemeyer – Mensch
Hildegard Knef – Für mich soll’s rote Rosen regnen
Hildegard Knef – Ich hab noch einen Koffer in Berlin
Hildegard Knef – In der Stille der Nacht
Hildegard Knef – Nichts haut mich um aber Du
Hildegard Knef – This Girl’s in Love with You
Hindi Zahra – Waitin in vain
Iggy Pop – Passenger
Iggy Pop & David Bowie – Everything will be alright tonight
James Blake – Limit to Your Love
Jenny Kittmann & Karl Neukauf – Sag es leise
Joanne Shenandoah & Lawrence Laughing – Prophecy Song
John Cale – Amsterdam
John Denver – Annie’s Song
Julie London – Fly me to the moon
K. D. Lang – haint it funny
K. D. Lang – Help me I think I’m fallin
Karl Neukauf – Bevor die letzten Züge gehen
Karl Neukauf – Die Leber deiner Laus
Karl Neukauf – Einzig und allein
Karl Neukauf – Hoftheater (live)
Karl Neukauf – Milder Mittwochmorgen
Karl Neukauf – Paternoster
Katey Brooks – Fought Lovers
Keira Knightley – Coming up Roses
Keith Richards – Make no mistake
Laith Al Deen – Steine (live acoustic)
Laurie Anderson – Bodies in motion
Laurie Anderson – Free fall
Lee Clayton – 10.000 Years Sexual Moon
Lee Clayton – I Ride Alone
Leonard Cohen – A thousand kisses deep
Leonard Cohen – Everybody knows
Leonard Cohen – Famous Blue Raincoat
Leonard Cohen – Here it is
Los Lobos – Sabor a mi
Lou Doillon – ICU
Lou Reed – Berlin
Lou Reed – Coney Island Baby
Lou Reed – Love makes you feel
Lou Reed – Modern Dance
Lou Reed – N. Y. City Man
Lou Reed – Perfect Day
Lou Reed – Ride into the Sun
Luiz Bonfa – Manha de Carnaval (Orfeu Negro)
Luther Vandross – The Night I fell in Love
Madrugada – Quite emotional
Madrugada – Vocal
Mahalia Jackson – Summertime
Manfred Krug – Danke für den Abend
Manfred Krug – Morgen
Marcus Wiebusch – Nur einmal rächen
Maria Schuster (Schön Blond) – Alles
Marvin Gaye – Inner City Blues
Massive Attack – Live with me
Matt Monro – The music played
Max Giesinger – Sex on Fire (live acoustic)
Maxwell – Ascencion
Michael Patrick Kelly – Memories
Nancy Sinatra & Lee Hazlewood – Summerwine
Nat King Cole – I love you for sentimental reasons
Nat King Cole – Love is a many splendored thing
Nat King Cole – No me platiques
Nat King Cole – Perfidia
Nat King Cole – Quizas quizas quizas
Nat King Cole – suas maos
Nat King Cole – te quiero dijiste
Neil Young – Are you passionate
Neil Young – Coup de Ville
Neil Young – Cowgirl in the sand
Neil Young – Hey Babe
Neil Young – Tell me why
Nick Cave – Jesus of The Moon
Nick Cave – Let the Bells Ring
Nick Cave – Spell
Nick Cave – We know, who U R
Patti Smith – Dream of Life
Patti Smith – Free Money
Patti Smith – Maria
Paul Anka – Put your head on my shoulder
Pink Floyd – Wish you were here
Poetryclub – Dschellaladin II
Poetryclub – Schwesterbraut III
Poetryclub – Widerspruch (live)
Quicksilver Messenger Service – Gone again
Rachel Maio – Say it right
Rammstein – Frühling in Paris
Red Hot Chili Peppers – Californication
Red Hot Chili Peppers – Hey
Rio Reiser – Frühlingssturm
Rod Stewart – Sailing
Rod Stewart – Windy Town
Roman Rappak (Breton) – Fifteen Minutes
Roman Rappak (Breton) – Governing correctly
Romy Schneider & Michel Piccoli – Chanson d‘Hélène
Roseanne Cash – Girl from the North Country (live Band)
Roseanne Cash – Girl from the North Country (live Solo)
Roxy Music – Don’t Stop the Dance
Roxy Music – Love is the Drug
Rudy Bennett – How can we hang on to a dream
Sade – Sweetest Taboo
Sarah Vaughan – The Time for Love is Anytime
Silly – Erinnert
Simply Red – Holding Back the Years
Sting feat. Cheb Mami – Desert Rose (live 1)
Sting feat. Cheb Mami – Desert Rose (live 2 introducing Cheb)
Suzie Quatro & Chris Norman – Stumblin‘ in
The Beatles – And I love her
The Beatles – In my Life
The Bee Gees – How deep is your love
The Church – Under the Milky Way
The Civil Wars – My Father
The Common Linnets – Calm after the The Storm
The Derek Trucks Band – This Sky
The Doors – Riders On The Storm
The Everly Brothers – All I have to do is dream
The Magnetic Fields – No one will ever love you
The Pointer Sisters – Fire
The Pointer Sisters – Slow hand
The Rolling Stones – Anybody Seen my Baby
The Rolling Stones – Can’t be seen
The Rolling Stones – Continental Drift
The Rolling Stones – Gimme Shelter
The Rolling Stones – Love is strong
The Rolling Stones – Miss You
The Rolling Stones – Paint it Black
The Rolling Stones – Play with Fire
The Rolling Stones – Terrifying
The Rolling Stones – Wild Horses (1971)
The Rolling Stones – Wild Horses (2009)
The Stranglers – Golden Brown
The Stranglers – Walk on by
Them – It’s all over now
Thin Lizzy – Whiskey in the jar
Tom Adams – Nothing has changed
Tom Waits – Blue Valentines
Tom Waits – Kentucky Avenue
Udo Jürgens – Un air sur mon piano
Ulla Meinecke & Danny Dziuk – Wenn zwei zueinander passen
Velvet Underground & Nico – Femme Fatale
Vivi Bach – The Boy from Ipanema
Vonda Shepard – Vincent (starry starry night)
Willy de Ville – I call your name
Wolfgang Müller – Stück von dir
Wolfgang Müller – Unterschiedlich schwer
Xavier Naidoo – Dieser Weg
Yusuf (Cat Stevens) – Heaven

29. Oktober 2017

Als Maria und ich gestern gegen halbneun die Veteranenstraße herunterliefen, war ein leichter Nieselregen, undramatisch. Und als wir uns drei Stunden später am Rosenthaler Platz herzend verabschiedeten, nachdem wir dort in einem thailändischen Lokal gut gegessen hatten, war auch noch kein Sturm. Daheim merkte ich auch nichts davon, ich warf keinen Blick aus dem Fenster, hatte Musik an, und auch Schallschutzfenster. Ich verließ meinen Adlerhorst seither nicht mehr. Völlig an mir vorbeigerauscht, der Sturm. In einem nächtlichen Gespräch erinnerte ich mich an die Begegnung mit der Hamburger Fotografin Kerstin Schlitter, wir besuchten gemeinsam CAMERA WORK in der Kantstraße, genau zehn Jahre liegt es zurück. Peter Lindbergh hatte dort eine Ausstellung, und großformatige Abzüge von Portraits von Keith Richards und Mick Jagger dominierten den oberen Raum der sehr schönen Galerie in Charlottenburg. Kerstin war sehr musikliebend, sie lebt nicht mehr. Im Jahr nach unserer Begegnung starb sie viel zu früh, im Dezember 2008 in Hamburg. Dass sie noch erlebte, dass eine Fotostrecke von ihr im Rolling Stone erschienen war, war uns allen noch rückblickend ein Trost. Das war und ist der Olymp für eine Rock-Fotografin. Kerstin bat mich, zwischen zwei Portraits von Keith zu posen, was ich gerne tat, obgleich ich anfänglich immer verunsichert bin, wenn mich jemand mit Anleitung fotografieren möchte. Ich mag die Bilder. An demselben Tag, an dem sie mich besuchte, damit wir uns endlich mal kennenlernten – wir kannten uns virtuell von der gegenseitigen Lektüre unserer Blogeinträge und respektierten die Fotografie der jeweils Anderen, machten wir auch noch einen Ausflug nach Schöneberg, zu dem stillgelegten Rangierbahnhof, wo seither ein ausgewiesenes Landschaftsschutzgebiet die alten Gleise überwuchert. Wir saßen auf einem Aussichtspunkt und ich erzählte Kerstin etwas sehr Privates. Ich musste weinen und sie hatte die Kamera in der Hand und fotografierte dennoch. Ich war nicht in der Verfassung, das ausdrücklich abzuwehren. Später, als ich die Bilder davon sah, verstand ich nicht, warum sie währenddessen fotografiert hatte. Gestern Nacht erzählte ich davon, dass ich genau so etwas nicht machen möchte. Jemanden in einem Moment der Niedergeschlagenheit dokumentieren. Ich möchte vielmehr einfangen, wenn jemand sehr nah bei sich ist, sich entfaltet. Die guten Momente. Da zwischen Keith, das war so ein guter Moment. Aus irgendeinem Grund kommt mir Keith Richards wie ein Familienmitglied vor. Vielleicht auch weil mein Bruder Keith so mochte und ein Schwarzweiß-Foto einen Ehrenplatz in seinem Zimmer hatte. Keith war einfach immer da und ich fand ihn zutiefst sympathisch. Nicht zum Verlieben, so wie ein vertrautes Familienmitglied. Ich erzählte noch viel mehr gestern Nacht. Als es schon hell wurde, konnte ich vom Bett durch das gekippte Fenster den Wind und später leichten Regen hören. So gesehen war ich von keinem meteorologischen Sturm betroffen. Heute Nachmittag hörte ich einen Song, den Kavi auf facebook verlinkt hatte, sie schrieb, ihr Sohn habe sie darauf gebracht. Ich nehme an, sie meint Adrian. Das ist das Lied. Ich finde es nicht durchgängig umwerfend, aber es gibt ein paar schöne Stellen, besonders im Text, die mich amüsierten, weil sie gerade so zu passen schienen.

Baby, gib mir mehr von dem, was du Liebe nennst
Auch wenn es keine Liebe ist, ich liebe es
Hilf mir zu vergessen, was war
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht, yeah
Also gib mir mehr von dem, was du Liebe nennst
Auch wenn es keine Liebe ist, ich liebe es
Hilf mir zu vergessen, was war
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht, heute Nacht, Baby
Deine Liebe ist nicht echt, aber dafür ist sie gut
Park‘ den Benz vor der Tür, park‘ mein Herz in deinem Bett
Mach so weiter und ich geh‘ hier nicht mehr weg
Oh Baby, gib mir mehr von dem, was du Liebe nennst
Auch wenn es keine Liebe ist, ich liebe es
Hilf mir zu vergessen, was war
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht, yeah
Also gib mir mehr von dem, was du Liebe nennst
Auch wenn es keine Liebe ist, ich liebe es
Hilf mir zu vergessen, was war
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht, heute Nacht, Baby
Yeah, ey, ey, Baby, wie lang bleibst du mit mir wach?
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht, yeah
Wie lang bleibst du mit mir wach?
Ich park‘ mein Herz bei dir heute Nacht.


28. Oktober 2017



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Ich war dann auch im Wahn. Nicht abgebildet: Regiestuhl, Feuerzeuge, Zigarettenschachteln, T-Shirts (langärmlig, kurzärmlig, muscle shirt), Sporttasche, Messengertasche, Einkaufsbeutel, Turnbeutel… Alles Dunkelgrau auf Schwarz natürlich. Man muss da auch konsequent bleiben. Die Welt drumherum ist schon bunt genug. Hier erholt sich das müde Auge, wird endlich nicht mehr strapaziert und kann Kraft schöpfen. Alles natürlich in hochexclusiver, limitierter Auflage. Die Feuerzeuge wurden zum Beispiel handverlesen vor Ort in Soeht7 an hochstehende Persönlichkeiten vergeben. Ich kann da jetzt keine Namen nennen, das wird man verstehen. Ich habe noch vier davon übrig. Das sollte gut überlegt sein, wem man solch ein Juwel zuteil werden lässt.


25. Oktober 2017

Fats Domino ist gestern gestorben. Ein household name, wie der Amerikaner so sagt. Jemand, von dem man keine Platten hat. Offen gestanden hätte ich nicht einmal sicher sagen können, ob er noch lebt. In den letzten Jahren sind auch so viele gestorben. Ich erinnere mich noch an den aufgebahrten James Brown. Ein goldener, offener Sarg, wenn ich mich recht entsinne. Und Michael Jackson hatte später das gleiche Modell. Wenn der Blick so die Titel streift, die Fats Domino der Welt geschenkt hat, kennt man doch eine Menge und hat gleich den Refrain im Ohr. Wie bei diesem hier zum Beispiel. Ain’t that a shame? Der Text ist in seiner direkten Schlichtheit schon irgendwie auch besonders. Wer würde sich heutzutage trauen, solche Verse zu schreiben. Das kann man noch nicht einmal als Satire wagen. Viel zu platt. Farin Urlaub brächte das vielleicht zustande. Der macht ja auch Lieder wie OK („Ich hasse dich„). Und ich vermute, Farins Song hat einen sehr ehrlichen Ursprung. Und dieser hier von Fats Domino auch. Darauf kann man unbesorgt wetten. Antoine Domino hieß er also. Und der Co-Autor ist Dave Bartholomew. Hat man den Namen auch mal gehört. Hier ein schönes Video mit Texteinblendung, zum Mitsingen. Ein kleines Farewell für den großen Fats Domino.


You made me cry when you said goodbye
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
You broke my heart when you said we’ll part
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
Oh well, goodbye
Although I’ll cry
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
You made me cry when you said goodbye
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame
Oh well goodbye
Although I’ll cry
Ain’t that a shame?
My tears fell like rain
Ain’t that a shame?
You’re the one to blame

ANTOINE DOMINO, DAVE BARTHOLOMEW 1955

21. Oktober 2017

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Ina wartete bereits im Kaminsaal vom Literarischen Colloquium am Wannsee in den Stuhlreihen, und hielt mir einen Platz frei. „Wer war Ingeborg Bachmann?“ hieß die Veranstaltung, die uns beide sehr interessierte. Benannt nach dem Buch, das erst im November erscheinen wird. Wieder hat sich jemand eindringlich mit ihr beschäftigt, diesmal Ina Hartwig. Sie hat viele Zeitzeugen befragt und die neueren Erkenntnisse, aufgrund der vor kurzem erschienen Briefe Ingeborg Bachmanns an ihre Ärzte miteinbezogen. Ich hatte nur einen Blick auf Fragmente der Autorin und ihrer Gesprächspartnerin auf der Bühne, aber wenn ich es darauf angelegt hätte, wäre es möglich gewesen, diskret Bilder zu machen. Um ehrlich zu sein, hat mir das Herzblut gefehlt. Mich verbindet nichts mit der Autorin des Buches, außer dem Interesse an Ingeborg Bachmann. Und die war ja leider aus bekannten Gründen nicht anwesend. Würde sie leben, wäre sie einundneunzig. So bewahren wir für immer das Bild einer jugendlichen Frau, weil uns ein anderes nicht zugänglich oder vorstellbar ist. Sie legte immer Wert auf ihre Erscheinung, zum Glück wurde man nicht mit Bildern überfordert, die sie auf der Intensivstation in der Klinik in Rom mit den Brandwunden zeigen, da, wo sie am 17. Oktober 1973 starb. Es wird seither gemutmaßt, ob ihr Leben zu retten gewesen wäre, hätten die behandelnden Ärzte gewusst, von welchem Psychopharmaka ihre schweren Entzugserscheinungen rührten. Aber was wäre das für eine Ingeborg Bachmann gewesen, die innerlich ohnehin gebrochen war. Mehrfach. Verstümmelt und vernarbt wie ihr vielffach zerrissenes Herz. Das wäre noch tragischer gewesen, als das furchtbare Ende. Wir saßen nach der Lesung und den Gesprächen noch eine Weile in dem Raum mit der Bar, es gab Gulasch- und Kartoffelsuppe, ich hatte Gulasch, Ina die mit den Kartoffeln, sehr gut und heiß. Es war schon herbstlich. Dazu Wein. Das Buch ist noch nicht erschienen, weil die Autorin noch nicht die erforderlichen Freigaben aller Zeitzeugen für die Texte hatte. Bei der Gelegenheit erzählte sie auch, dass sich die Gesetze international sehr unterscheiden, was die Veröffentlichung von Interviews in gedruckter Form angeht. Sie sagte, in den USA gelte das gesprochene Wort, ein Interviewpartner könne keine Abnahme mit eigenmächtigen Änderungen, in Form von gestrichenen Passagen des Gesprächs verlangen. Ina hatte einen sehr speziellen Blickwinkel auf die Passagen, die zu Gehör gebracht wurden, da sie selbst an einem biographischen Buch mit einer mehr oder weniger öffentlichen Person arbeitet und im Zuge dessen auch viele Interviews führt. Wir sprachen darüber, ob es nicht eher eine Verlegenheitsgeste mangels inhaltlicher Substanz darstellt, wenn der Autor, die Autorin, seine persönliche Herangehensweise im Buch mit verarbeitet, beispielsweise, was ihr durch den Kopf ging, während des Flugs nach New York, um einen bestimmten Zeitzeugen zu treffen. Dieses Drumherum. Ich kann damit viel anfangen, weil es eine Verwandtschaft zur Herangehensweise beim Schreiben eines Blogeintrages hat, der in meinem Fall zumindest auf gar keinen Fall den Anspruch hat, sich mit maximaler Distanz oder gar Sachlichkeit einem Subjekt zu nähern. Ich empfinde dann viel mehr, dass ein Text atmet, mir erschließt sich dann das Gesamte organischer, ich mag das. Aber dazu muss man sich selbst wahrscheinlich auch ein bißchen wichtig nehmen. Als Blogger darf man das nicht nur, man muss es sogar, sonst entsteht kein Profil oder Wiedererkennungswert. Es gibt ja genug sachbezogene Seiten im Internet, das hat alles seine Berechtigung. Inas Perspektive ist eine andere, professionellere. Ich mache das ja ohne die geringste Rücksprache mit irgendwem.

21. Oktober 2017


Maria heute als Adela, „Ein starkes Team“. 20:15, ZDF, auch in der Mediathek. Adela findet beim Saubermachen die Leiche der Hausfrau. Das Rumänisch ist echt, nicht übergeholfen. Allerdings der Akzent, wenn sie Deutsch spricht. Maria spricht bildschönes Hochdeutsch, auch ganz privat. Ich habe schon mal heimlich vorab heute Nachmittag geguckt. Sehr spannend. Bis kurz vor Ende habe ich nicht durchschaut, wer die Leiche auf dem Kerbholz hat, aber ich verrate nichts. Jedenfalls treten Zustände zutage, die man nicht haben möchte. Lug und Trug und Affären unter vorgeblichen Freunden. Normalerweise gucke ich die Sendung nicht, wegen Maria mache ich da mal eine Ausnahme. Hat sich gelohnt. Wobei die Darsteller nicht durchgängig oscarverdächtig sind. Aber Maria natürlich schon, das schreibe ich ganz unvoreingenommen. Mit einer Schmierenkomödiantin könnte ich niemals befreundet sein. Aber es sind auch richtig gute dabei. Der Assistent, der jüngere, der gefällt mir ausnehmend gut, wirkt ganz unaufgesetzt. Wie heißt er noch – Matthi Faust als Sebastian Klöckner. Florian Martens ist natürlich auch immer Spitze. Die neue Ermittlerin gibt auch ihr Bestes, sie ist nicht schlecht, aber ich war schon ein bißchen verliebt in Maja Maranow, mit ihr hatte ich mal ein paar wenige Episoden geschaut. Eigentlich finde ich, dass Maria auch eine gute Besetzung für die Kommissarin wäre. Dann würde ich natürlich immer gucken!

01. Juli 2017

Mein Rendezvous mit Herrn Ratzke. Oder sein Rendezvous mit mir. Unser Rendezvous! Man könnte hier sonstwas schreiben und behaupten, wer wollte es anzweifeln. In Wahrheit hatte er nur indirekt ein Rendezvous mit mir. Und ich mit ihm. Rendezvous tippt sich nicht gut. Ich komme beim v immer auf die b-Taste. Also gut, ich hatte kein Rendezvous mit ihm. Denn er zog es ja vor, sich mit Meret Becker und Katharina Thalbach zu vergnügen. Von den Männern rede ich gar nicht, nicht der Rede wert. Aber Meret war gut in Form. Wir alle, wirklich alle, also wir vier erwachsenen Frauen in der Blüte unseres Lebens, waren scharf auf Merets Jeans-Einteiler mit Halterneck, rückenfrei, hauteng. Und dazu eine kesse rote Fliege auf nackter Haut. Was für ein Hingucker. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so gut ausgesehen hätte. Man plauderte so halb privat angeschickert, es gab Champagner, sie erzählte dauernd davon, dass sie seit drei Tagen nicht mehr trinkt. Wurde dann aber doch schwach. Zwei Sendungen wurden aufgezeichnet. Schon lustig irgendwie, wenn die ganze Show-Dramaturgie mit frenetischer Begrüßung und furiosem Schlussapplaus zweimal hintereinander zelebriert wird. Man denkt beim ersten Ende der Show, wenn man als Publikum in die Nacht verabschiedet wird („kommen Sie gut nach Hause!“), einen Moment, dass jetzt wirklich Schluss ist, da stimmt einfach alles in dem Moment, auch die Kameras lenken nicht ausreichend ab oder die wichtig mit Walkie Talkie (heißt das überhaupt noch so? Also es war kein Smartphone sondern sah aus wie die Funksprechgeräte mit Antenne aus meiner Kindheit oder die ersten Mobiltelefone) und Klemmbrett herumscharwenzelnde Aufnahmeleiterin. Le Ratzke verabschiedete uns nach Aufnahmeschluss in die längere Pause, da er sich ja nun umziehen müsse für die zweite Show und wir müssten uns ja nun bitte schließlich auch etwas anderes anziehen. Äh ja. Die Musiker, die zauberhafte Band rechts von der Bühne in der Ecke, die ich ja Dank Maria, die auch dabei war, sogar schon persönlich kennenlernen durfte, hat sich auch ein bißchen „umgezogen“. Also in der ersten Show weißes Hemd, schwarzes Sakko und dunkler Binder. In der zweiten Show Sakko aus, Schlips weg, Hemd leicht geöffnet. Also es war launig und gab auch ein paar schöne Songs. Kathi Thalbach hat selbstgebackene Kekse mitgebracht. Für’s Publikum. Und strahlte Ratzke wie frisch verliebt an. Er ist aber auch wirklich eine sehr nette Mischung aus impulsiv und intelligent. Mit den Plätzen in der ersten Reihe hat es leider nicht geklappt, umsonst aufgestylt. Wir hätten schlicht und ergreifend einen Tisch für sechs Personen von langer Hand reservieren müssen, woran keine von uns gedacht hat. So verteilten wir uns hinter der Hauptkamera 1 auf Stühlen und Barhockern. Man konnte sich nicht so gut als Truppe verständigen, ich bin immer hin und hergependelt, mal stehend neben dem Hocker von Ina, dann wieder hinter Maria und neben Romy sitzend. Wir haben uns aber dennoch gut amüsiert. Ich empfehle die Sendung, von der ich noch gar nicht weiß, wann sie zum ersten mal ausgestrahlt wird. Das nächste mal reservieren wir aber einen Tisch. Ich habe nicht ein einziges Foto von der Show mit nach Hause gebracht, weil ich schlicht und ergreifend keines gemacht habe. Ich war zum einen unsicher, ob es nun wieder untersagt ist und wollte keine Diskussionen provozieren, die den Sendeablauf torpediert hätten, und zum anderen war da mindestens ein Fotograf mit Riesen-Equipment, der hat seine Kanonenrohre ohne Unterlass aus allen Winkeln draufgehalten. Wo diese Bilder landen, wissen die Götter. Vielleicht in Fernsehzeitschriften oder auf der Seite vom SWR, wenn es dann einmal so weit sein wird und das Ereignis angekündigt werden wird. Weil Maria ja nun Herrn Ratzke sehr gut kennt (wir erinnern uns, sie war sein Sidekick in HEDWIG) wollte sie es sich nicht nehmen lassen, sich nach der Show wenigstens zu verabschieden. Wir sind dann also nach hinten, an den Zirkuswägen vorbei, so eine Art Hinterhofcharme, das open air backstage von der Bar jeder Vernunft. Eine Hollywoodschaukel dazwischen. Ein bißchen Bronx-artig. Brennende Öltonnen hätten noch gut hingepasst. Auf der Hollywoodschaukel saß Meret und rauchte etwas nervös inhalierend. Und Kathi Thalbach stand auch da herum. Die freute sich unwahrscheinlich über das Wiedersehen mit Maria und ließ sich auf den neuesten Stand bringen, was sie so treibt. Auch da hat sie die ganze Zeit sehr breit gelächelt, sie war gut drauf. Aber vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass man in einem gewissen Alter einfach viel attraktiver aussieht, wenn man ein Lächeln im Gesicht hat. Das hat sie auch auf der Bühne erzählt. Oder war es Zazie de Paris, stimmt, die war ja auch da – fast vergessen. Nein, ich glaube es war Katharina Thalbach. Ratzke hielt ein Foto von ihr aus ihren Zwanziger Jahren in die Kamera, sie guckt darauf ernst und ein bißchen trotzig. Da fiel ihr auf, wie ausgesprochen attraktiv so ein bockiger Gesichtsausdruck in einem jungen Gesicht wirken kann. Aber derselbe übellaunige Ausdruck in einem älteren Gesicht… nicht sehr anziehend. So ein Lächleln hebt die Gesichtzüge. Ich weß genau, was sie meint. Wenn man im Schlepptau von Maria im backstage auftaucht, kriegt man dann auch noch eine Umarmung von Le Ratzke ab, das war auch nicht unangenehm. Man verzeihe mir das einseitige Bildmaterial des Abends. Ich kann versichern, dass meine Begleiterinnen Ina, Maria und Romy und auch der Nachwuchs, der mit uns war, fotogen gewesen wären. Aber wie bereits erwähnt, ich wollte unbedingt den reibungslosen Sendeablauf sicherstellen.

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Wer da war, wundert sich vielleicht, warum ich so gar kein Wort über die ebenfalls prominenten männlichen Gäste verliere. Der Eine war von Hause aus nicht so spannend für mich, und von dem Anderen bin ich kein Fan. Letzterer (ein durchaus berühmter deutscher Popsänger älteren Semesters) wurde erst mit Riesenbeifall begrüßt, als er dann anfing zu erzählen, wie es ihn nach Hamburg verschlagen hat und er dann später Berlin entdeckt hat, konnte man zusehen, wie die Dichte von Smartphones sekündlich anstieg, Nicht, um ihn damit zu fotografieren, sondern um messages zu checken. Wir nutzen diesen Showteil dann auch, um aufs Klo zu gehen und draußen eine zu rauchen. Wer wissen will, von wem ich rede, muss halt googlen. Interessanterweise gibt es in dem Hörfunkbericht hier auch keine Erwähnung der männlichen Gäste. Dank an Saskia für den supercleveren Tipp, vor Aufzeichnungsbeginn Getränkevorräte zu bestellen. Wir hatten neben den von der Außenbar mitgebrachten Getränken in der ersten Sendung eine Flasche Crémant Rosé im Kühler und eine Flasche Wasser und zur zweiten Sendung eine Flasche Sancerre und eine zweite Flasche Wasser. Das nächste mal lieber gleich zwei Kühler und drei bis vier Flaschen. Und dann haben wir ja sowieso den allergrößten Tisch für uns. Das wird fein.

18. Oktober 2017


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Muss morgen früh raus. Früher als sonst. Wie schon hier und da dargelegt, verweigere ich seit einigen Jahren beauftragtes Enstehen (vor allem) und einhergehende Verwurstung meines Bildmaterials. Also muss das Geld woanders herkommen. Ich habe mir vor vielen Jahren eine Quelle erschlossen. Das verlangt einige Male im Jahr, dass ich früh aus den Federn komme. So wie morgen. Die Bilder, die ich in diesen Eintrag einbaue, hängen auch mit so einem Termin zusammen. Ich musste also am 21. September 2017 zum ersten mal in meinem Leben zu einer Gerichtsverhandlung. Unversehens fand ich mich in einem Verhandlungssaal an dem Tisch, auf dem das Schild mit dem Aufdruck „Beklagte/r“ aufgestellt war. Ich nahm es sportlich. Der Verteidiger der Klägerin auch. Er lächelte und zwinkerte mir zu und hatte keine Scheu, nach meinen Darlegungen, die durchaus plausibel schienen, auch für ihn, in den Verhandlungssaal – mir zugewandt – zu verlautbaren: „Hm. Ja. Na klar. Aber Sie WISSEN, wen ich hier vertreten MUSS….?!“ Am Ende hatten wir einen Vergleich, der inhaltlich nicht mehr viel mit irgendwelchen Gesetzesgrundlagen zu tun hatte. Ich war um eine Erfahrung reicher. Zum Beispiel, dass man vor Betreten des Gerichtsgebäudes einem Bodycheck unterzogen wird, vergleichbar beim Check in am Flughafen. Es wurde an meiner kleinen Stahl-Thermoskanne mit frisch gekochtem Espresso geschnüffelt. Der Gürtel musste abgelegt werden. Am Ende hat die Seite, für die ich nur neugierhalber (ich war gar nicht als Hauptzeugin oder dergleichen geladen) vor Ort war, also einen Vergleich erzielt. Im Nachgang lernte ich die Redewendung „Orientalische Phase“. Beim Vergleich vor Gericht begeben wir uns also in Zustände, vergleichbar einem orientalischen Basar, Pferdemarkt, Teppichhändler. Das Ganze fand in der Kirchstraße statt, in Moabit. Nicht weit davon hatte ich einige Tage später den Gerichtsdreh, im alten Kriminalgericht, Alt Moabit. Davon hatte ich ja ausgiebig berichtet. Rückblickend finde ich es kurios, dass ich zum ersten mal in meinem Leben in ein Gerichtsgebäude geladen war. Einmal allen Ernstes und das andere Mal zum Spiel, und derart kurz hintereinander. War nicht auf meiner Liste der Sachen, die ich unbedingt mal machen wollte, aber schon nicht uninteressant. Das mit dem Filmdreh war hingegen schon etwas, was mich seit Längerem beschäftigte. Der ganze visuelle Krempel ist ja mein Metier, mein Herzblut. Ich hätte es schon 1986, als ich diese Affäre mit dem Oberbeleuchter von Margarethe von Trotta hatte, stimmig gefunden, wenn ich da einen kleinen Zeh in die Tür bekommen hätte. Na ja. Wie auch immer. Dass sich da nie etwas Raumgreifenderes bewegt hat, liegt schlicht daran, dass ich noch nie an jemanden herangetreten bin – außer mich selber – um meine Dienste anzubieten. Wenn mich aber jemand nett bittet, also ohne mein Zutun auf Ideen kommt, zeige ich mich offen. So ist im Grunde alles zustande gekommen, was mir in Hinsiciht öffentlicher Wahrnehmbarkeit widerfahren ist. Wiederfahren? Widerfahren. Widerfahren. Ist. Man könnte auch sagen, ich lasse es darauf ankommen, ob andere zu der Ansicht gelangen, dass ich einen interessanten Beitrag liefern könnte. So lange ich das Gefühl habe, nett gebeten zu werden, gerne auch ein bißchen hofiert, zeige ich mich interessiert. Wer sich im Ton vergreift, hat eher nichts zu erwarten. Ich will nicht vollständig von mir weisen, dass hier eine geringfügige Veranlagung zur Diva zutage tritt. Ich kann mich ja auch nur selbst beobachten. Letzten Endes ist man sich und seinen innersten Impulsen auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Als alter Astrologin würde mich aber schon interessieren, wohin mich mein revolutionsliebender Jungfrau-Pluto in exaker Konjunktion mit dem erfinderischen, superfortschrittlichen Uranus im zehnten Haus (Öffentlichkeit, gesellschaftliche Anerkennung) noch zu führen gedenkt. Bei jedem anderen hätte ich da eine sportliche Erklärung, aber bei sich selber ist man ja betriebsblind. Oder auch einfach so ein bißchen demutsvoll artig zurückhaltend.

17. Oktober 2017

Warten auf den Klempner. Zweiter Teil.
Oder den Nachbarn. Oder beide. Ich will hier niemanden mit meinen Abflussproblemen langweilen. Zumal die ja gar nicht bei mir sind. Aber nun bin ich – wie auch gestern – sozusagen im Bereitschaftsdienst, falls der Klempner irgendwas von mir will. Schampus ist auch kaltgestellt. Nicht für den Handwerker, sondern für mich. Ich weiß auch gar nicht, was der gerne trinkt. Normalerweise halte ich mich tagsüber mit Alkohol zurück, aber wenn ich ein bißchen was getrunken habe, bin ich zahmer und das könnte der Verständigung dienen. Mein Nachbar, der das eigentliche Problem hat, ist da ja ein ganz anderes Kaliber. Die Sanftmut in Person. Damit provoziert er bei mir so eine Mischung aus Ungeduld und Mitleid. Weil ER nun ein Problem hat, das eventuell auf die Aktion vom Freitag bei mir zurückzuführen ist, sind alle auf unserer Seite gebeten, das Wasser in der Küche nicht zu benutzen, es könnte wieder eine Sauerei bei ihm auslösen. Nun wäscht man das Geschirr im Bad. Alles keine echten Probleme, first world problems, schon klar. Aber dass ich im Zeitfenster X bis Y hier verfügbar bin und dann hält sich der Klempnerdienst nicht an das Zeitfenster, sondern schlägt viel später auf, oder auch gar nicht, weil was dazwischen gekommen ist – wie gestern, das strapaziert mein luxuriöses Nervenkostüm. Ich bin da etwas untolerant. Aber mein Nachbar ist ja von sanftem Gemüt und kommt nicht auf die Idee, dem Klempner hinterherzutelefonieren. Vielleicht ist das auch britische Gelassenheit. Er kommt von da. Ich sitze also nun wieder in meiner durchaus geliebten Wohnung und könnte alles machen, was ich auch sonst mache, aber will lieber ein bißchen herumjammern. Nein, es ist nicht schlimm, ich habe zu essen und zu trinken, ein Dach über dem Kopf, kann aufs Klo gehen, im Bad Geschirr spülen. Habe den sanftmütigen Briten gebeten, mir Bescheid zu geben, wenn der Klempner dann irgendwann mal da ist. Dann gehe ich runter und versuche zu eruieren, ob ich überhaupt gebraucht werde, um testweise Wasser ablaufen zu lassen oder dergleichen. Aus Faulheit und auch weil es mir nicht einleuchtet, habe ich den Schrank unter der Spüle nicht freigeräumt, wie beim letzten mal. Keine Lust!
P,S. Der Brite hat gerade angerufen und mitgeteilt, dass der Wiener (anderer Nachbar, zwischen uns) mitgeteilt hat, dass der Klempner unterwegs ist.

16. Oktober 2017

Soeht7. Zweiter Tag, Konzert mit Maria











Am zweiten Tag, dem zweiten September 2017 wurde der Zellenflur zur Bühne erklärt, denn Maria würde kommen und spielen. Sie hätte es auch alleine machen können, aber sie brachte Sibylle mit und das war schön. Ich hatte die beiden erst einmal zusammen gehört, im letzten Jahr im Lola. Sibylle stieg – übers Knie gebrochen –  bei Songs ein, die sie gar nicht kannte. Sehr sportlich. Aber jetzt hörte ich die beiden eingespielt und das war wunderbar. Alte Songs von ihrer früheren Band „Schön Blond“ und neuere von Maria, die ich zum Teil kannte. Ich wusste immer, dass Maria in jedem Fall etwas abliefern würde, das mich entflammt. Sie hat mich zum Weinen gebracht, weil sie ein paar Lieder geschrieben hat, die mich sehr berühren. Eines davon ist „Hörst du mich“. Ich schreibe das, während ich im Schneidersitz auf meinem Bett sitze. Ich habe noch niemals hier einen Entrag geschrieben. Es liegt daran, dass ich heute den Marshall-Lautsprecher, der in Zelle vier war, im Schlafzimmer angeschlossen habe. Ich höre nebenher diverse Folgen von Bettina Rust im Gespräch mit Diesem und Jenem. Während ich schreibe, höre ich nicht mehr zu, merke ich gerade. Eben ein Schauspieler, der amüsant erzählt, Name vergessen (Sebastian Blomberg). Ich trinke etwas, wenn ich zu später Stunde in die Tasten haue. Tiefgang heißt der Wein. Erstaunliche Qualität, im Vergleich zum Preis. Also. Maria hat gespielt. Und es war eine Ehre. Wir haben uns im Grunde gegenseitig die Ehre erwiesen, wir beide wissen, was damit gemeint ist. Auch eine große Freude, dass einige Freunde da waren, die auch Musiker sind, Musikerinnen, Sängerinnen. Und nach einer Pause mit der einen oder anderen Zigarette, erklärte Maria die Bühne zur open stage und die Gäste ließen sich nicht lange bitten. Einer der Mitarbeiter von Soeht7 brachte Bob Marleys Redemption Song und noch ein weiteres Lied zu Gehör, überraschend virtuos. Wir staunten. Jenny sang einen selbst geschriebenen Tango, Hans spielte dazu auf Marias roter Gitarre. Und noch ein zweites Lied, ein neues. Dann sang Saskia „Abgewrackt“ und die Tresenfee von Soeht7, die sich hingerissen einen Stuhl genommen hatte, war sofort verliebt. Hans hatte eine von ihm übersetzte Version von Dead Flowers von den Stones in petto, wobei Susie zu Gaga Nielsen wurde. Nicht unbedingt schmeichelhaft, aber die Geste an sich, namentlich verwurstet zu werden, konnte ich durchaus würdigen. Die Tresenfee hatte inzwischen Pizza aufgebacken und verteilt und sorgte für Getränkenachschub, als sich mein Champagner dem Ende neigte. Ich blieb nach diesen schönen musikalischen Einlagen noch etwas länger in meinen Zellen, um ein bißchen aufzuräumen und meine Notebooks einzupacken, eine Weile leistete mir noch der Mitarbeiter Gesellschaft, der den Bob Marley-Song gespielt hatte, wir hatten längst angefangen, in den Zellen zu rauchen, der Rauch verlor sich ohnehin in den hohen Räumen. Dabei lief meine schöne Playlist über den kleinen Marshall Amp. Ich fotografierte ihn auf der Pritsche, wo er sich räkelte, als hätten wir ein Shooting verabredet. Dabei mutierte ich fotografiernderweise zur Schmetterlingsfängerin, es bot sich einfach an, rein visuell, was er etwas anders interpretierte, als von mir beabsichtigt. Ich konnte den jungen Mann kaum abschütteln, aber er fügte sich dann doch etwas betreten, wenn auch ohne Verstehen, in sein Schicksal. Die Bilder gibt es noch, ich werde sie gnadenlos verwerten. Irgendwann dann nach Hause, allein. Vermutlich mit einem gewunkenen Taxi, das irgendwann des Weges kam. So genau weiß ich es nicht mehr.






























09. Oktober 2017


Spät war ich da. Kam von Michaela Helfrich, ihrer neuen Galerie in der Bleibtreustraße, so eine schöne Ecke von Berlin. Verquatschte mich mit ihrem Assistenten, schon älter auch. Er schien sich ernsthaft dafür zu interessieren, was ich treibe und wehe, wenn sie losgelassen. Hatte zwar schon beim Kommen angekündigt, dass es nur eine kurze Zwischenstation sei, aber wenn ich schon einmal Gelegenheit habe, meine Pläne zur Erlangung der Weltherrschaft darzulegen… er auch Fotograf, hatte auch Interessantes zu meinem Monolog beizutragen – ich glaube es war, dass David Bailey sagte, dass der erste Film (analog, seinerzeit, wir erinnern uns), sowieso und grundsätzlich niemals brauchbar wäre. Er würde mit Ansage den ersten Film als das eigentliche Shooting verkaufen und dann klar machen, dass die Sache erledigt ist und dann noch – just for fun – ein bißchen weiter rumspielen. Und da würden dann die eigentlichen Bilder entstehen. Ja. Genau so. Ich verstehe das. Ob die Geschichte stimmt, weiß ich nicht, aber sie hat eine tiefe Wahrheit. Wegen dieser Konversation verließ ich Michaelas Galerie also viel später als beabsichtigt. Fußweg zum Zoo, es regnete kaum noch, der Leopardenschirm blieb in der Tasche. U 9 zum Rathaus Steglitz, Heesestraße 3, Jacks heißt der Laden. Cosmic ist mit seinem Projekt umgezogen. Livemusik zum Mitsingen in Berliner Kneipen, die eigentlich kein Livemusik-Konzept haben. Es wird nach Lust und Laune gecovert, das Kneipenpublikum ist herzlich eingeladen, nach Kräften mitzusingen. Die Texte werden jetzt sogar in Karaoke-Manier an eine Wand gebeamt. Schummrige Kneipe, Stammgäste aus der Nachbarschaft. Ich kam sehr spät, das Programm war eigentlich gelaufen, aber ich bekam noch zwei Songs mit. Cosmic sang einen Song von Nat King Cole, in tieferer Stimmlage, als ich es von ihm kannte. Ein weiblicher Gast, Alexandra, die sich nicht eintscheiden konnte, ob sie sich nun Alexa nennen sollte oder irgendwie anders, nahm mich charmant in Beschlag, weil sie meine Nase mochte und erzählte mir ganz viel von ihrem Alltag. So vertrauensvoll, dass ich mich gar nicht entziehen konnte und auch nicht wollte. Sehr familiäre Atmosphäre in dem Laden. An jeder Ecke ein warmes Lächeln. Kurz vor Mitternacht nach Hause.

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07. Oktober 2017


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Albans Lesung
im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Meere. Ich kannte die modifizierte persische Fassung. Auf dem Büchertisch gab es das nun wieder erhältliche Original, es sind die alten, eingeschweißten Erstausgaben von damals, ich habe eine davon erstanden. Elvira M. Gross, die eigens aus Wien angereist war, um den Abend zu moderieren, war die Lektorin von Albans letztem Roman „Traumschiff“. Sehr angenehm, eine Bereicherung für die Lesung. Auch für meine Kamera. Danach noch mit Alban und Elvira und Freunden unten im Café des Literaturhauses ein paar Gläser Wein getrunken. Adrian war auch da und Lydia. Er war noch ein bißchen erkältet und erholungsbedürftig, hat aber zugehört. Als ich Alban am Tisch fragte, ob er mir auch etwas in das Buch schreiben würde, mussten alle lachen. Es muss irgendwie schüchtern rübergekommen sein. Lag wohl auch an meinem adretten, weißen Kragen. Hat er natürlich gemacht, der Beste.

03. Oktober 2017

WIE GAGA NIELSEN ZUM TONFILM KAM.


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Eike Schmitz, der Regisseur, hatte mich für zehn Uhr zum Amtsgericht in der Turmstraße 91 in Moabit bestellt. Ich war sogar schon früher da und spazierte durch die ehrwürdigen Hallen. Weil das Gericht am Samstag zu ist, mussten extra Mitarbeiter des Justizgebäudes zur Bewachung abgestellt werden. In dem riesigen Palast gibt es fünfzig Verhandlungssäle, es ist das größte Gerichtsgebäude in Europa, und bestimmt eines der beeindruckendsten.
Unserer Filmcrew wurde der Verhandlungssaal Nr. 138 im Erdgeschoss zugedacht, im nebenan gelegenen kleineren Raum 137, wo sich die Geschworenen oder die Anwälte oder Richter zur Beratung zurückziehen können, und der durch eine Verbindungstür mit dem Saal verbunden ist, wurde die Garderobe mit dem Tisch für die Maske eingerichtet. Im Saal waren hinter der Richter-Theke oder Tresen oder Empore oder wie das heißt, viel zu moderne Schreibtisch-Drehstühle, die mussten wir erstmal mit schönen alten auswechseln, die im Beratungszimmer waren. Dann wurde noch der Computer-Bildschirm abgebaut und die Plastik-Akten-Eingangskörbe weggeräumt. Aus dem Babelsberger Requisitenfundus wurde eine schöne alte Justizia-Figur mit den beiden Waagschalen aus poliertem Holz auf den hohen Richtertisch befördert und ein alter Holzhammer mit einem gepolsterten, ledernen Untersatz zum Draufhauen. Kennt man ja aus Film und Fernsehen!
Nach kurzer Beratung wurde entschieden, dass ich die hellere, fliedergraue Chiffonbluse anziehen soll, weil die sich auch farbtechnisch besser machen würde, als die cognacfarbene Seidenbluse. Als es zu meiner Frisur kam, meinte Eike rigoros zur Maskenbildnerin. „mach einfach einen Dutt, fertig!“. Ich: „ach, ich habe gedacht, ich kriege so schöne Quetschwellen….?“ Eike: „Ja, das wäre schön, aber die Zeit haben wir nicht!“. Die Maskenbildnerin warf mir daraufhin einen verschwörerischen Blick zu und teilte mir mit gesenkter Stimme mit: „wir machen da was – ich denke mir da so eine schöne Welle, die so ein bißchen ins Gesicht…“ Nachdem der Anwalt des Delinquenten seinen Rauschebart angeklebt bekommten hatte, wurde ich auf den Stuhl gebeten. Es wurde gekämmt und Haare abgeteilt und Partien hochgesteckt. Während die Heißwickler aufheizten, kam wieder einer der Männer dran, der Hauptdarsteller des Franz Tausend wurde raffiniert ungeschminkt geschminkt und abgepudert und sah wirklich komplett naturbelassen aus. Unglaublich, selbst aus geringster Entfernung.
Ich angelte mir einstweilen einen der Drehpläne des Tages, in dem der Szenenablauf ersichtlich war, und auch zum Teil der Text, der in der einen oder anderen Szene vorkommt bzw. als Grundlage für improvisierte Texte dient. Zum Glück hatte ich meine Lesebrille eingesteckt, sonst hätte ich die 6- oder 7-Punkte-Schrift nie entziffern können. Ich fand ein paar leere Din A-4-Seiten in einem Eingangskorb auf dem Schreibtisch in unserer Garderobe und begann den Text, der mir als Übersetzerin der „Zeugenaussage“ zugedacht war, in großen Druckbuchstaben abzuschreiben, so dass ich den Text auch ohne Brille lesen kann. Der italienische Professor und ich setzten uns zusammen und gingen die Sätze durch. Da wir keine konkrete Regieanweisung hatten, wie wir das lösen, probierten wir die Variante, dass er immer einen Satz auf italienisch sagt und ich dann aufmerksam zuhöre und dann prompt die Übersetzung wiedergebe. Ich achtete auf mir bekannt vorkommende Wörter mit Wiedererkennungswert, da ich nicht gerade behaupten kann, italienisch zu können. Manche Wörter kann man ja ableiten, aber wenn so ein echter Italiener so echtes Italienisch mit natürlichem Sprechtempo spricht, da kann man schon mal den Faden verlieren. Es war doch eine Herausforderung, was da von mir erwartet wurde, schien mir.
Zur Ablenkung und auch um mal zu sehen, wie da überhaupt vorgegangen wird, beim Dreh, ging ich in den Saal, wo schon fleißig gedreht wurde. Ein altertümlicher Aktenwagen wurde in einem Bogen in den Saal gefahren, und der Kameramann fuhr mit, Großaufnahme der „Sonderakten“ des Falls Franz Tausend. Zerfledderte, mit Tinte in Schnörkelschrift beschriftete Aktendeckel aus dem letzten Jahrhundert. Sehr beeindruckend. Es waren aber natürlich nicht die Originale vom Prozess, sondern Akten aus dem Filmfundus, die aber Originale aus Potsdam waren. Mir kam der Gedanke, dass es ja eigentlich nicht so richtig stimmig ist, dass in einem Prozess, der 1931 spielt, und in dem Akten aus den Jahren 1927 bis 1931 eine Rolle spielen, bröselnde, wurmstichige Papierbündel auf den Tischen liegen, weil die ja maximal vier Jahre alt wären und noch ganz gut in Schuss. Das fiel auch einigen anderen aus dem Filmteam schon auf, aber den „Fehler“ nimmt man zugunsten des nostalgischen Gefühls in Kauf, das der Anblick der uralten Akten beim Zuschauer auslöst. Man schaut gerne hin und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Aura! Ich verstand das sofort. Bildschöne Akten. Wie hässlich dagegen sind Behördenakten unserer Gegenwart. Kein Vergleich. Mit welcher kalligraphischen Hingabe die schwungvollen Beschriftungen gesetzt wurden, als gelte es, ein Poesiealbum zu verschönern.
Ich spazierte wieder in den Maskenraum und mittlerweile waren die Heißwickler aufgeheizt und einsatzbereit für meinen Kopf. Aber vorher wurden noch einzelne Strähnen am Hinterkopf gekreppt, für mehr Volumen beim Hochstecken! Es wurde geflochten, gesteckt, gekämmt, gelegt, gestochert, verziert, drapiert. Dann schaute mir im Spiegel eine Hochsteckfrisur mit weichen Wellen entgegen, die im Nacken in einem Flechtwerk mündete, was ich erst später, mit der Hilfe eines zweiten Spiegels sah. Die Männer machten Komplimente für die schöne Frisur, die mir doch ein wenig bieder und brav erschien, aber eben der Zeit und Rolle angemessen, so muss es sicher sein. Besonders interessant fand ich, dass die Maskenbildnerin erklärte, dass sie die Hochsteckfrisur absichtlich unperfekt gehalten hat, weil sich eine Dolmetscherin auf dem Sprung zu einem morgendlichen Gerichtstermin ja selbst frisiert und deswegen nicht wie vom Friseur zurechtgemacht aussehen darf.
Zuletzt widmete sie sich meinem Make up. Ich hatte damit gerechnet, dass ich zuerst rigoros komplett abgeschminkt werde und dann alles von Anfang an neu gemalt wird. Nachdem mich unsere Maskenbildnerin eingehend betrachtet hatte, meinte sie, das wäre schon erstaunlich gut, das könnte man fast schon so lassen, was ich da selbst gemacht habe. Sie nahm das dann als Grundlage und begann mit feinen Pinseln hier und da einzelne Partien aufzuhellen, unter den Augen, über der Oberlippe. Dann noch eine leichte Verlängerung der Augenbrauen und mattieren. Fertig. Nun präsentierte ich mich in meiner Dreißiger-Jahre-Pracht den anwesenden Herren und der Requisiteurin. Alle waren hochzufrieden, Eike meinte gar: „Entzückend, mit dir sollte man gleich einen ganzen Film drehen!“. Ich kam ja nur in einer kleinen Szene vor. Einige der Herren wurden regelrecht nostalgisch und erinnerten sich an ihre Großmutter. Der eine erinnerte sich, dass seine Oma genauso das Haar getragen hatte, ein anderer sah meine zierliche Armbanduhr und dachte wiederum an seine Großmama. Es war direkt rührend.
Ich kam nun unerwartet schon in einer früheren Szene dran, wo Hinterköpfe für eine Einstellung mit Publikum gebraucht wurden. Der Richter und die Schöffen und der Staatsanwalt betreten durch die Hintertür den Gerichtssaal und das Publikum steht respektvoll. Dann setzen sich die hohen Herren in ihren Roben und Talaren und der Richter bittet das Publikum, sich ebenfalls zu setzen. Wir setzen uns. Die Szene wurde insgesamt fünfmal gedreht. Beim ersten mal wurde vergessen, die Hintertür zu schließen, man sah den leuchtenden dreiteiligen Maskenspiegel durch die Tür. Dann fiel auf, dass der „Staatsanwalt“ seine Plastik-Wasserflasche auf dem Tisch hatte. Dann stimmte die Reihenfolge des Hinsetzens der hohen Herren nicht. Eine sehr kurze Szene nur, aber das Wiederholen kostet Zeit, immer wieder „alles auf Anfang“. Wenn Eike, der Regisseur laut sagte: „Und bitte!“ startete der Tonmann die Aufnahme mit den Worten: „ich laufe“ und mit denselben Worten gab der Kameramann das Zeichen, dass seine Kamera läuft. So verging die Zeit mit vielen kleinen Aufnahmen, die meistens zwei, drei, viermal wiederholt wurden, auch um Auswahl zu haben, wie mir schien. Der Hauptdarsteller schwadronierte von Elementen und Schwingungen und Phantasie-Formeln, mit denen er wirklich „ganz kurz vor dem Durchbruch“ stand, was die Herstellung von Gold aus Eigenproduktion anbelangte. Die Garderobiere und ich saßen im Publikum und mussten und das Lachen verkneifen. Das war wirklich glänzend improvisierter Unsinn, den „Franz Tausend“ da von sich gab. Schon alleine wegen dieser Vorstellung hätte es sich für mich gelohnt, dabei zu sein.
Es dauerte noch. Ich trank Kaffee und aß einen Banane und Schokolade. Auf dem Schreibtisch im Garderobenraum war das Catering aufgebaut, Wraps, ein Kuchenblech, eine große Kaffeekanne, Tee, Wasserflaschen, Energieriegel, Äpfel, Bananen, mehrere Tafeln Schokolade. Aber kein Alkohol! Ich spazierte zum Zeitvertreib durch das Gerichtsgebäude und las ab und zu den Text, den ich keineswegs auswendig konnte, in der Hoffnung, dass nicht allen Ernstes erwartet wird, dass ich die zwei Seiten da ohne einen Blick auf meine Blätter herunterbeten kann. Meine Vorstellung, was den Ausdruck anging war, dass man als Übersetzerin ja nicht mit der Emphase von jemandem der emotional berührt ist, erzählt, spricht. Also nicht, wie der aufgeregte Zeuge, der den Hochstapler überführt hat, sondern eher betont sachlich und leidenschaftslos, aber genau, mit Bedacht auf die exakte Formulierung. Das ist ja die Aufgabe des Übersetzers eines kriminaltechnisch relevanten Sachverhalts. Nun ja, es würde schon irgendwie über die Bühne gehen, sicher würde man mir ja auch Anweisungen zuteil werden lassen.
Es war schon später Nachmittag, um achtzehn Uhr sollten wir wieder raus sein, aus dem Gerichtsgebäude, die Justiz-Angestellten wollten auch in ihr wohlverdientes Wochenende. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren einige von ihnen auf der hintersten Bank m Gerichtssaal, wo kein Kameraschwenk hinkam, und sie schauten zu, was die Filmleute so machen. Mir war das in der Form ja auch neu. Die Liebe zum Detail fiel mir auf, der Wechsel zwischen Totaler und starker Nahaufnahme, obwohl ich nicht auf das Display von Eikes Kästchen geschaut habe, aber so weit reichten meine kameratechnischen Kenntnisse, um das zu identifizieren. Objektive wurden immer wieder gewechselt, das Licht durch ein Tuch gefiltert. Ein eingespieltes Team, unverkennbar, alles sehr unaufgeregt und effizient, ohne große Diskussionen.
Als ich nun mit dem Italiener dran war, es war meiner Erinnerung nach schon Siebzehn Uhr, wurde zuerst geklärt, wo er als Zeuge sitzt, nämlich an einem extra Tisch vor dem Richter und den Beisitzern und ich sollte die ganze Zeit stehen, schon im Saal sein, vor der Balustrade stehen, die den Richter und die Schöffen vom Saal trennt, und ihn, den Zeugen anschauen. Er würde in den Saal gerufen werden, durchquert ihn, geht zum Tisch, sagt sowohl Guten Tag als auch Buon Giorno und setzt sich nach Aufforderung durch den Richter, und beginnt nach der Frage des Richters „Was haben Sie beobachtet? Erzählen Sie mal!“ mit seiner italienischen Zeugenaussage. Er sollte die Aussage nun am Stück machen, und ich währenddessen Notizen. Ich hatte Papier in einem zarten Elfenbeinton bei den Requisiten gefunden und darauf noch einmal die Sätze geschrieben, diese Blätter hatte ich nun auf einem alten Aktendeckel zur Stabilisierung und hielt diese „Schreibunterlage“ in der einen und einen Bleistift in der anderen Hand, zum Zwecke, Notizen der Zeugenaussage zu machen, die ich dann zu übersetzen hätte. Tatsächlich habe ich nur so getan, als ob sich der Stift notierend von links nach rechts und von oben nach unten auf dem Blatt bewegt, da standen die Notizen ja bereits. Der italienische Kollege hat das ganz hervorragend gemacht, es wirkte total natürlich. Meine Stehposition wurde immer wieder einmal leicht korrigiert, noch ein Stückchen mehr nach hinten, noch ein Stückchen mehr nach links.
Ich war dran, mit dem deutschen Text der Aussage. Das Mikrophon wurde an der langen Stange über meinem Kopf gehalten. Der Tonmann muss unheimliche Oberarmmuskeln haben, so unablässig, wie er seine Arme auf Höhe halten muss, wenn er das Ding hält. Ich durfte meine „Notizen“ also ablesen und es wurde eine Aufnahme gemacht, mit dem kompletten Text, wobei ich den Richter zu wenig anschaute, das war mir schon wieder in Vergessenheit geraten, dass ich ja dem Richter berichte, auch wenn ich vorher beim Notieren, naturgemäß, den sprechenden Zeugen anschaue. Man musste sich richtig konzentrieren. Ich dachte, ich sollte aufgrund der Situation und meiner Funktion um Deutlichkeit bemüht sprechen, weil es ja eine gewichtige und sehr belastende Aussage war, auch langsamer, als in einer Konversation. Eike fand das dann aber ein bißchen so, als ob ich zu jemandem spreche, der nicht richtig Deutsch kann. Er wollte es etwas weniger betont. Na gut. Wir beschränkten die weiteren Takes auf die zentrale Belastungs-Aussage, dass der Italiener ihm, Tausend, auf den Kopf zusagte, dass er ein Betrüger sei, ein Hochstapler! Die zweieinhalb Sätze wurden dann aus verschiedener Perspektive gedreht, wobei mir sehr deutlich wurde, wie begrenzt der darstellerische Entfaltungsspielraum meiner Rolle war, zwangsläufig. Ich musste vor allem Haltung bewahren und einer pragmatischen Funktion innerhalb des Gerichtsszenarios gerecht werden. Eine Rolle, die man sich nicht unbedingt aussuchen würde, wenn es eine andere gäbe. Nun war es dann doch im Kasten und es stand nur noch die Szene an, wo Franz Tausend abgeführt wird und das „Hohe Gericht“ den Saal verlässt. Ende des Prozesses von Franz Tausend.
Die Zeit war sehr vorangeschritten und Drehschluss achtzehn Uhr überzogen. Es wurde eine Stunde Verlängerung zugestanden und ich sah, wie der Kameramann noch einige Nahaufnahmen von aufgeblätterten Akten machte, das dauerte auch noch einige Zeit und dann ging es an den rasanten Abbau des Sets, bzw. den Rückbau des Saals, wo alle mit anpackten, die noch da waren. Ich baute den Computer-Monitor wieder auf, inclusive Verkabelung und half mit, die Stühle auszuwechseln, die modernen wieder in den Saal, die alten in den Nebenraum. Wir wurden immer schneller, alles wurde in Windeseile vor das Gerichtsgebäude gebracht. Zwischendurch hatte mir die Maskenbildnerin noch die Haarklammern gezogen und ich hatte nun eine Art Jean Harlow-Lockenfrisur, mit ein paar gekreppten Strähnen dazwischen, das sah eher kurios als glamourös aus. Ich wechselte die Schuhe und zog statt der hochhackigen Stiefeletten wieder die flacheren Schnürstiefel an, in denen ich gekommen war. Mir brummte der Kopf ein wenig, ich hätte auch Lust gehabt ein Glas Wein oder einen Schnaps zu trinken.
Die Assistentin und Requisiteurin hatte noch Zettel verteilt, wo man unterschreiben sollte, dass man die Rechte an den Bildern, die von einem gemacht wurden, dem ZDF für Terra X zur Verwertung überlässt. Habe ich natürlich unterschrieben. Ich machte mich noch schlau, wie es nun weitergeht mit dem Film, die Dreharbeiten sind wohl weitgehend fertig, nun kommt die Schnittphase und die Redaktion von Terra X sieht etwa Ende November den Rohschnitt und nach Fertigstellung ist wohl mit einem Sendetermin im Frühjahr 2018 zu rechnen. Der Arbeitstitel war überall „Der große Bluff“. Ich weiß nicht, ob das noch geändert wird. Es gibt ja einen Marlene Dietrich-Film, der so heißt. Vielleicht kommt auch noch ein Untertitel dazu, wo Franz Tausend erwähnt wird oder dergleichen. Das weiß ich alles nicht. Ich war aber auf jeden Fall froh, dass ich dabei sein konnte, es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich kann mich nur bei Eike für diese Gelegenheit bedanken.
Ich kann mir vorstellen, dass sich mancher gewundert hat, wieso ich hier auf einmal berichte, dass ich in einem Film mitspiele, der noch dazu im Fernsehen gezeigt wird. Normalerweise denkt man, dass man sich dafür casten lässt oder irgendwie bewirbt oder bei einer Agentur für den Einsatz von Statisten meldet. Ich bin dazu eher auf einem privaten Umweg gekommen. Eike und ich haben gemeinsame Freunde, und wir haben uns immer wieder bei verschiedenen Festen oder Events getroffen und ich war auch schon bei einer Vorführung seines Pückler-Filmes auf demTeufelsberg. Unsere gemeinsame Freundin Ina hat bei ihm schon in mehreren Filmen als Statistin mitgemacht und sie fanden beide, ich müsste da auch mal mitspielen, schon aus Spaß. Dann fragte mich Eike neulich, wo ich denn bei dem Dreh in der Villa Jacobs war, da hätte ich doch mitmachen sollen, in der Partyszene! Rumstehen im Zwanziger-Jahre-Abendkleid und Champagner auf der Terrasse trinken. Es war nicht bei mir angekommen. Na gut, der Termin war an einem Tag, an dem ich sowieso nicht gekonnt hätte, wie ich später sah, aber trotzdem hätte ich da Lust drauf gehabt.
Ich fragte Eike, ob er für den Film noch einen Drehtag in Berlin angedacht hat. Da fiel ihm der Gerichtsdreh ein, und dass ich die Sekretärin spielen könnte. Da hörte sich nach einer für mich einfachen Statisttenrolle an, zumal ich zehn Finger blind schreiben kann und es sogar auf einer mechanischen Schreibmaschine aus den Dreissiger Jahren gelernt hatte. Er erzählte auch, dass er dann nur noch eine Übersetzerin braucht, die müsste er noch besetzen. Kurz vor dem Dreh erfuhr ich dann, dass ich nun kurzerhand zur Übersetzerin erklärt wurde. Die Sekretärin wurde ersatzlos gestrichen. Dass eine Übersetzerin Text haben würde, hatte ich fast schon befürchtet. Ich habe mich also nicht um eine Sprechrolle beworben, sondern bin ein bißchen damit überrascht worden. Ich habe es dann einfach sportlich gesehen. Auch kein Hexenwerk! Meine Probeaufnahmen hatte ich ja quasi in Eigenregie schon selber vorgelegt. Also kein Vorsprechen, von privaten Unterhaltungen im Vorfeld abgesehen. Ich hoffe, der meisterhafte Schnitt wird es richten und von allem nur das Beste verwerten. Ich kenne die Filme ja nun zum Teil und weiß, da sind richtige, echte Profis am Werk, da in der Atlantis-Film-Crew. Deswegen hat es mich auch interessiert. Nun bin ich um einiges schlauer. Es ist wirklich Arbeit, richtige, echte Arbeit, einen Film nach fernsehtauglichen Maßstäben zu drehen.
Ich bin dann gleich nach Hause, es gab keine rauschende Party mehr danach, ich musste mich richtig erholen. Ich habe aber nicht nur etwas darüber gelernt, wie so ein Filmdreh von statten geht, sondern auch über den Umschwung in der Mode, von den Zwanzigern zu den Dreißiger Jahren. Sehr interessant. Wie die in den Zwanzigern verloren gegangene, auf die Hüfte gerutschte Taille, wieder nach oben wanderte und betonte Weiblichkeit in der Silhouette gezeigt wurde und der Rocksaum wieder nach unten, bis zur Wade ging. Und dass ich in meiner Garderobe einige Stücke habe, die zu dieser Epoche passen. In eigener Kleidung fühlt man sich immer wohler, als in geborgter. Die riecht auch nicht nach Fundus. Das ist also die Geschichte, wie Gaga Nielsen nun noch doch zum Tonfilm kam. Stummfilmstar war ich ja.







05. Oktober 2017


Mal wieder ein Lieblingslied posten. „Was ich dir sagen will“ auf Französisch. Obwohl ich den deutschen Text von Blacky Fuchsberger wunderschön finde, gefällt mir diese schlichter arrangierte, französische Aufnahme am besten von allen. Nicht wegen des französischen Textes, sondern wegen der einfacheren Instrumentierung. Die deutsche Studio-Version hat zu viele Schnörkel und Effekte, die das Lied nicht braucht. Es kam mir gerade wieder in den Sinn, als ich den Bademantel-Eintrag bei Modeste gelesen habe. Es gibt Songs, die ich mir nicht überhören kann, dieses Lied gehört dazu, es ist immer auf jeder Lieblingsplaylist, wo alles Erdenkliche versammelt ist, was mir über die Jahre und Jahrzehnte am Herzen liegt. Un air sur mon piano. Udo Jürgens. Er hat viele schöne Melodien komponiert. Aber das ist die schönste von allen.

04. Oktober 2017


Adrian, Francesco Clemente, Alban, bei der Lesung vor einem Monat in SOEHT7. Heute wird Alban aus Meere lesen, der wieder erhältlichen, unzensierten Originalversion. Ich kenne das Buch nur in der eingeschränkten Ausgabe, und mochte es sehr. Mich wunderte maßlos, dass nicht alle Kritiker erfassten, wie zartfühlend es ist. Man muss sehr fahrlässig bei der Lektüre sein, um das nicht zu begreifen. Merkwürdigerweise schließen manche Menschen aus, dass zarte Gefühle mit schrankenloser Erotik eine Verbindung eingehen. Es ist und bleibt mir ein Rätsel. Als sei Ekstase ein Kind von Grobschlächtigkeit oder Einfalt. Heute Abend im Literaturhaus in der Fasanenstraße, zwanzig Uhr, Alban Nikolai Herbst liest Meere. Ich werde da sein.

03. Oktober 2017

In der Schleife. Damit ihr seht, was da noch alles ist, neben den Bildern von euch, Doro, Maria, Alban, Adrian, Lydia…. sogar Bilder von 2015 und sogar die Bilder von meinem Geburtstagsausflug im letzten Jahr nach Valentinswerder. Und von diesem in Soeht7, mit der Ausstellung. Und dies und das. Ich bin unermüdlich, aber ich komme nicht schneller voran. 2.297 Dateien. Viele sehr schöne Aufnahmen darunter, die euch Freude machen werden, mir auch. Aber die Freude ist auch noch eine, wenn Zeit verstrichen ist. Manchmal sogar noch mehr, als wenn die Erinnerung noch ganz frisch ist. Das nur zu eurer Kenntnis. Ich liege ganz selten auf der faulen Haut. Viel zu selten eigentlich. Manchmal lese ich sogar und empfinde das als großen Luxus. Als hätte mir jemand befohlen, dass ich immer dienstbar sein muss. Nein, aber die Zeit verstreicht so schnell und ich will sie nutzen.

03. Oktober 2017

WIE GAGA NIELSEN ZUM TONFILM KAM.


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Eike Schmitz, der Regisseur, hatte mich für zehn Uhr zum Amtsgericht in der Turmstraße 91 in Moabit bestellt. Ich war sogar schon früher da und spazierte durch die ehrwürdigen Hallen. Weil das Gericht am Samstag zu ist, mussten extra Mitarbeiter des Justizgebäudes zur Bewachung abgestellt werden. In dem riesigen Palast gibt es fünfzig Verhandlungssäle, es ist das größte Gerichtsgebäude in Europa, und bestimmt eines der beeindruckendsten.
Unserer Filmcrew wurde der Verhandlungssaal Nr. 138 im Erdgeschoss zugedacht, im nebenan gelegenen kleineren Raum 137, wo sich die Geschworenen oder die Anwälte oder Richter zur Beratung zurückziehen können, und der durch eine Verbindungstür mit dem Saal verbunden ist, wurde die Garderobe mit dem Tisch für die Maske eingerichtet. Im Saal waren hinter der Richter-Theke oder Tresen oder Empore oder wie das heißt, viel zu moderne Schreibtisch-Drehstühle, die mussten wir erstmal mit schönen alten auswechseln, die im Beratungszimmer waren. Dann wurde noch der Computer-Bildschirm abgebaut und die Plastik-Akten-Eingangskörbe weggeräumt. Aus dem Babelsberger Requisitenfundus wurde eine schöne alte Justizia-Figur mit den beiden Waagschalen aus poliertem Holz auf den hohen Richtertisch befördert und ein alter Holzhammer mit einem gepolsterten, ledernen Untersatz zum Draufhauen. Kennt man ja aus Film und Fernsehen!
Nach kurzer Beratung wurde entschieden, dass ich die hellere, fliedergraue Chiffonbluse anziehen soll, weil die sich auch farbtechnisch besser machen würde, als die cognacfarbene Seidenbluse. Als es zu meiner Frisur kam, meinte Eike rigoros zur Maskenbildnerin. „mach einfach einen Dutt, fertig!“. Ich: „ach, ich habe gedacht, ich kriege so schöne Quetschwellen….?“ Eike: „Ja, das wäre schön, aber die Zeit haben wir nicht!“. Die Maskenbildnerin warf mir daraufhin einen verschwörerischen Blick zu und teilte mir mit gesenkter Stimme mit: „wir machen da was – ich denke mir da so eine schöne Welle, die so ein bißchen ins Gesicht…“ Nachdem der Anwalt des Delinquenten seinen Rauschebart angeklebt bekommten hatte, wurde ich auf den Stuhl gebeten. Es wurde gekämmt und Haare abgeteilt und Partien hochgesteckt. Während die Heißwickler aufheizten, kam wieder einer der Männer dran, der Hauptdarsteller des Franz Tausend wurde raffiniert ungeschminkt geschminkt und abgepudert und sah wirklich komplett naturbelassen aus. Unglaublich, selbst aus geringster Entfernung.
Ich angelte mir einstweilen einen der Drehpläne des Tages, in dem der Szenenablauf ersichtlich war, und auch zum Teil der Text, der in der einen oder anderen Szene vorkommt bzw. als Grundlage für improvisierte Texte dient. Zum Glück hatte ich meine Lesebrille eingesteckt, sonst hätte ich die 6- oder 7-Punkte-Schrift nie entziffern können. Ich fand ein paar leere Din A-4-Seiten in einem Eingangskorb auf dem Schreibtisch in unserer Garderobe und begann den Text, der mir als Übersetzerin der „Zeugenaussage“ zugedacht war, in großen Druckbuchstaben abzuschreiben, so dass ich den Text auch ohne Brille lesen kann. Der italienische Professor und ich setzten uns zusammen und gingen die Sätze durch. Da wir keine konkrete Regieanweisung hatten, wie wir das lösen, probierten wir die Variante, dass er immer einen Satz auf italienisch sagt und ich dann aufmerksam zuhöre und dann prompt die Übersetzung wiedergebe. Ich achtete auf mir bekannt vorkommende Wörter mit Wiedererkennungswert, da ich nicht gerade behaupten kann, italienisch zu können. Manche Wörter kann man ja ableiten, aber wenn so ein echter Italiener so echtes Italienisch mit natürlichem Sprechtempo spricht, da kann man schon mal den Faden verlieren. Es war doch eine Herausforderung, was da von mir erwartet wurde, schien mir.
Zur Ablenkung und auch um mal zu sehen, wie da überhaupt vorgegangen wird, beim Dreh, ging ich in den Saal, wo schon fleißig gedreht wurde. Ein altertümlicher Aktenwagen wurde in einem Bogen in den Saal gefahren, und der Kameramann fuhr mit, Großaufnahme der „Sonderakten“ des Falls Franz Tausend. Zerfledderte, mit Tinte in Schnörkelschrift beschriftete Aktendeckel aus dem letzten Jahrhundert. Sehr beeindruckend. Es waren aber natürlich nicht die Originale vom Prozess, sondern Akten aus dem Filmfundus, die aber Originale aus Potsdam waren. Mir kam der Gedanke, dass es ja eigentlich nicht so richtig stimmig ist, dass in einem Prozess, der 1931 spielt, und in dem Akten aus den Jahren 1927 bis 1931 eine Rolle spielen, bröselnde, wurmstichige Papierbündel auf den Tischen liegen, weil die ja maximal vier Jahre alt wären und noch ganz gut in Schuss. Das fiel auch einigen anderen aus dem Filmteam schon auf, aber den „Fehler“ nimmt man zugunsten des nostalgischen Gefühls in Kauf, das der Anblick der uralten Akten beim Zuschauer auslöst. Man schaut gerne hin und fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Aura! Ich verstand das sofort. Bildschöne Akten. Wie hässlich dagegen sind Behördenakten unserer Gegenwart. Kein Vergleich. Mit welcher kalligraphischen Hingabe die schwungvollen Beschriftungen gesetzt wurden, als gelte es, ein Poesiealbum zu verschönern.
Ich spazierte wieder in den Maskenraum und mittlerweile waren die Heißwickler aufgeheizt und einsatzbereit für meinen Kopf. Aber vorher wurden noch einzelne Strähnen am Hinterkopf gekreppt, für mehr Volumen beim Hochstecken! Es wurde geflochten, gesteckt, gekämmt, gelegt, gestochert, verziert, drapiert. Dann schaute mir im Spiegel eine Hochsteckfrisur mit weichen Wellen entgegen, die im Nacken in einem Flechtwerk mündete, was ich erst später, mit der Hilfe eines zweiten Spiegels sah. Die Männer machten Komplimente für die schöne Frisur, die mir doch ein wenig bieder und brav erschien, aber eben der Zeit und Rolle angemessen, so muss es sicher sein. Besonders interessant fand ich, dass die Maskenbildnerin erklärte, dass sie die Hochsteckfrisur absichtlich unperfekt gehalten hat, weil sich eine Dolmetscherin auf dem Sprung zu einem morgendlichen Gerichtstermin ja selbst frisiert und deswegen nicht wie vom Friseur zurechtgemacht aussehen darf.
Zuletzt widmete sie sich meinem Make up. Ich hatte damit gerechnet, dass ich zuerst rigoros komplett abgeschminkt werde und dann alles von Anfang an neu gemalt wird. Nachdem mich unsere Maskenbildnerin eingehend betrachtet hatte, meinte sie, das wäre schon erstaunlich gut, das könnte man fast schon so lassen, was ich da selbst gemacht habe. Sie nahm das dann als Grundlage und begann mit feinen Pinseln hier und da einzelne Partien aufzuhellen, unter den Augen, über der Oberlippe. Dann noch eine leichte Verlängerung der Augenbrauen und mattieren. Fertig. Nun präsentierte ich mich in meiner Dreißiger-Jahre-Pracht den anwesenden Herren und der Requisiteurin. Alle waren hochzufrieden, Eike meinte gar: „Entzückend, mit dir sollte man gleich einen ganzen Film drehen!“. Ich kam ja nur in einer kleinen Szene vor. Einige der Herren wurden regelrecht nostalgisch und erinnerten sich an ihre Großmutter. Der eine erinnerte sich, dass seine Oma genauso das Haar getragen hatte, ein anderer sah meine zierliche Armbanduhr und dachte wiederum an seine Großmama. Es war direkt rührend.
Ich kam nun unerwartet schon in einer früheren Szene dran, wo Hinterköpfe für eine Einstellung mit Publikum gebraucht wurden. Der Richter und die Schöffen und der Staatsanwalt betreten durch die Hintertür den Gerichtssaal und das Publikum steht respektvoll. Dann setzen sich die hohen Herren in ihren Roben und Talaren und der Richter bittet das Publikum, sich ebenfalls zu setzen. Wir setzen uns. Die Szene wurde insgesamt fünfmal gedreht. Beim ersten mal wurde vergessen, die Hintertür zu schließen, man sah den leuchtenden dreiteiligen Maskenspiegel durch die Tür. Dann fiel auf, dass der „Staatsanwalt“ seine Plastik-Wasserflasche auf dem Tisch hatte. Dann stimmte die Reihenfolge des Hinsetzens der hohen Herren nicht. Eine sehr kurze Szene nur, aber das Wiederholen kostet Zeit, immer wieder „alles auf Anfang“. Wenn Eike, der Regisseur laut sagte: „Und bitte!“ startete der Tonmann die Aufnahme mit den Worten: „ich laufe“ und mit denselben Worten gab der Kameramann das Zeichen, dass seine Kamera läuft. So verging die Zeit mit vielen kleinen Aufnahmen, die meistens zwei, drei, viermal wiederholt wurden, auch um Auswahl zu haben, wie mir schien. Der Hauptdarsteller schwadronierte von Elementen und Schwingungen und Phantasie-Formeln, mit denen er wirklich „ganz kurz vor dem Durchbruch“ stand, was die Herstellung von Gold aus Eigenproduktion anbelangte. Die Garderobiere und ich saßen im Publikum und mussten und das Lachen verkneifen. Das war wirklich glänzend improvisierter Unsinn, den „Franz Tausend“ da von sich gab. Schon alleine wegen dieser Vorstellung hätte es sich für mich gelohnt, dabei zu sein.
Es dauerte noch. Ich trank Kaffee und aß einen Banane und Schokolade. Auf dem Schreibtisch im Garderobenraum war das Catering aufgebaut, Wraps, ein Kuchenblech, eine große Kaffeekanne, Tee, Wasserflaschen, Energieriegel, Äpfel, Bananen, mehrere Tafeln Schokolade. Aber kein Alkohol! Ich spazierte zum Zeitvertreib durch das Gerichtsgebäude und las ab und zu den Text, den ich keineswegs auswendig konnte, in der Hoffnung, dass nicht allen Ernstes erwartet wird, dass ich die zwei Seiten da ohne einen Blick auf meine Blätter herunterbeten kann. Meine Vorstellung, was den Ausdruck anging war, dass man als Übersetzerin ja nicht mit der Emphase von jemandem der emotional berührt ist, erzählt, spricht. Also nicht, wie der aufgeregte Zeuge, der den Hochstapler überführt hat, sondern eher betont sachlich und leidenschaftslos, aber genau, mit Bedacht auf die exakte Formulierung. Das ist ja die Aufgabe des Übersetzers eines kriminaltechnisch relevanten Sachverhalts. Nun ja, es würde schon irgendwie über die Bühne gehen, sicher würde man mir ja auch Anweisungen zuteil werden lassen.
Es war schon später Nachmittag, um achtzehn Uhr sollten wir wieder raus sein, aus dem Gerichtsgebäude, die Justiz-Angestellten wollten auch in ihr wohlverdientes Wochenende. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren einige von ihnen auf der hintersten Bank m Gerichtssaal, wo kein Kameraschwenk hinkam, und sie schauten zu, was die Filmleute so machen. Mir war das in der Form ja auch neu. Die Liebe zum Detail fiel mir auf, der Wechsel zwischen Totaler und starker Nahaufnahme, obwohl ich nicht auf das Display von Eikes Kästchen geschaut habe, aber so weit reichten meine kameratechnischen Kenntnisse, um das zu identifizieren. Objektive wurden immer wieder gewechselt, das Licht durch ein Tuch gefiltert. Ein eingespieltes Team, unverkennbar, alles sehr unaufgeregt und effizient, ohne große Diskussionen.
Als ich nun mit dem Italiener dran war, es war meiner Erinnerung nach schon Siebzehn Uhr, wurde zuerst geklärt, wo er als Zeuge sitzt, nämlich an einem extra Tisch vor dem Richter und den Beisitzern und ich sollte die ganze Zeit stehen, schon im Saal sein, vor der Balustrade stehen, die den Richter und die Schöffen vom Saal trennt, und ihn, den Zeugen anschauen. Er würde in den Saal gerufen werden, durchquert ihn, geht zum Tisch, sagt sowohl Guten Tag als auch Buon Giorno und setzt sich nach Aufforderung durch den Richter, und beginnt nach der Frage des Richters „Was haben Sie beobachtet? Erzählen Sie mal!“ mit seiner italienischen Zeugenaussage. Er sollte die Aussage nun am Stück machen, und ich währenddessen Notizen. Ich hatte Papier in einem zarten Elfenbeinton bei den Requisiten gefunden und darauf noch einmal die Sätze geschrieben, diese Blätter hatte ich nun auf einem alten Aktendeckel zur Stabilisierung und hielt diese „Schreibunterlage“ in der einen und einen Bleistift in der anderen Hand, zum Zwecke, Notizen der Zeugenaussage zu machen, die ich dann zu übersetzen hätte. Tatsächlich habe ich nur so getan, als ob sich der Stift notierend von links nach rechts und von oben nach unten auf dem Blatt bewegt, da standen die Notizen ja bereits. Der italienische Kollege hat das ganz hervorragend gemacht, es wirkte total natürlich. Meine Stehposition wurde immer wieder einmal leicht korrigiert, noch ein Stückchen mehr nach hinten, noch ein Stückchen mehr nach links.
Ich war dran, mit dem deutschen Text der Aussage. Das Mikrophon wurde an der langen Stange über meinem Kopf gehalten. Der Tonmann muss unheimliche Oberarmmuskeln haben, so unablässig, wie er seine Arme auf Höhe halten muss, wenn er das Ding hält. Ich durfte meine „Notizen“ also ablesen und es wurde eine Aufnahme gemacht, mit dem kompletten Text, wobei ich den Richter zu wenig anschaute, das war mir schon wieder in Vergessenheit geraten, dass ich ja dem Richter berichte, auch wenn ich vorher beim Notieren, naturgemäß, den sprechenden Zeugen anschaue. Man musste sich richtig konzentrieren. Ich dachte, ich sollte aufgrund der Situation und meiner Funktion um Deutlichkeit bemüht sprechen, weil es ja eine gewichtige und sehr belastende Aussage war, auch langsamer, als in einer Konversation. Eike fand das dann aber ein bißchen so, als ob ich zu jemandem spreche, der nicht richtig Deutsch kann. Er wollte es etwas weniger betont. Na gut. Wir beschränkten die weiteren Takes auf die zentrale Belastungs-Aussage, dass der Italiener ihm, Tausend, auf den Kopf zusagte, dass er ein Betrüger sei, ein Hochstapler! Die zweieinhalb Sätze wurden dann aus verschiedener Perspektive gedreht, wobei mir sehr deutlich wurde, wie begrenzt der darstellerische Entfaltungsspielraum meiner Rolle war, zwangsläufig. Ich musste vor allem Haltung bewahren und einer pragmatischen Funktion innerhalb des Gerichtsszenarios gerecht werden. Eine Rolle, die man sich nicht unbedingt aussuchen würde, wenn es eine andere gäbe. Nun war es dann doch im Kasten und es stand nur noch die Szene an, wo Franz Tausend abgeführt wird und das „Hohe Gericht“ den Saal verlässt. Ende des Prozesses von Franz Tausend.
Die Zeit war sehr vorangeschritten und Drehschluss achtzehn Uhr überzogen. Es wurde eine Stunde Verlängerung zugestanden und ich sah, wie der Kameramann noch einige Nahaufnahmen von aufgeblätterten Akten machte, das dauerte auch noch einige Zeit und dann ging es an den rasanten Abbau des Sets, bzw. den Rückbau des Saals, wo alle mit anpackten, die noch da waren. Ich baute den Computer-Monitor wieder auf, inclusive Verkabelung und half mit, die Stühle auszuwechseln, die modernen wieder in den Saal, die alten in den Nebenraum. Wir wurden immer schneller, alles wurde in Windeseile vor das Gerichtsgebäude gebracht. Zwischendurch hatte mir die Maskenbildnerin noch die Haarklammern gezogen und ich hatte nun eine Art Jean Harlow-Lockenfrisur, mit ein paar gekreppten Strähnen dazwischen, das sah eher kurios als glamourös aus. Ich wechselte die Schuhe und zog statt der hochhackigen Stiefeletten wieder die flacheren Schnürstiefel an, in denen ich gekommen war. Mir brummte der Kopf ein wenig, ich hätte auch Lust gehabt ein Glas Wein oder einen Schnaps zu trinken.
Die Assistentin und Requisiteurin hatte noch Zettel verteilt, wo man unterschreiben sollte, dass man die Rechte an den Bildern, die von einem gemacht wurden, dem ZDF für Terra X zur Verwertung überlässt. Habe ich natürlich unterschrieben. Ich machte mich noch schlau, wie es nun weitergeht mit dem Film, die Dreharbeiten sind wohl weitgehend fertig, nun kommt die Schnittphase und die Redaktion von Terra X sieht etwa Ende November den Rohschnitt und nach Fertigstellung ist wohl mit einem Sendetermin im Frühjahr 2018 zu rechnen. Der Arbeitstitel war überall „Der große Bluff“. Ich weiß nicht, ob das noch geändert wird. Es gibt ja einen Marlene Dietrich-Film, der so heißt. Vielleicht kommt auch noch ein Untertitel dazu, wo Franz Tausend erwähnt wird oder dergleichen. Das weiß ich alles nicht. Ich war aber auf jeden Fall froh, dass ich dabei sein konnte, es war eine sehr interessante Erfahrung. Ich kann mich nur bei Eike für diese Gelegenheit bedanken.
Ich kann mir vorstellen, dass sich mancher gewundert hat, wieso ich hier auf einmal berichte, dass ich in einem Film mitspiele, der noch dazu im Fernsehen gezeigt wird. Normalerweise denkt man, dass man sich dafür casten lässt oder irgendwie bewirbt oder bei einer Agentur für den Einsatz von Statisten meldet. Ich bin dazu eher auf einem privaten Umweg gekommen. Eike und ich haben gemeinsame Freunde, und wir haben uns immer wieder bei verschiedenen Festen oder Events getroffen und ich war auch schon bei einer Vorführung seines Pückler-Filmes auf demTeufelsberg. Unsere gemeinsame Freundin Ina hat bei ihm schon in mehreren Filmen als Statistin mitgemacht und sie fanden beide, ich müsste da auch mal mitspielen, schon aus Spaß. Dann fragte mich Eike neulich, wo ich denn bei dem Dreh in der Villa Jacobs war, da hätte ich doch mitmachen sollen, in der Partyszene! Rumstehen im Zwanziger-Jahre-Abendkleid und Champagner auf der Terrasse trinken. Es war nicht bei mir angekommen. Na gut, der Termin war an einem Tag, an dem ich sowieso nicht gekonnt hätte, wie ich später sah, aber trotzdem hätte ich da Lust drauf gehabt.
Ich fragte Eike, ob er für den Film noch einen Drehtag in Berlin angedacht hat. Da fiel ihm der Gerichtsdreh ein, und dass ich die Sekretärin spielen könnte. Da hörte sich nach einer für mich einfachen Statisttenrolle an, zumal ich zehn Finger blind schreiben kann und es sogar auf einer mechanischen Schreibmaschine aus den Dreissiger Jahren gelernt hatte. Er erzählte auch, dass er dann nur noch eine Übersetzerin braucht, die müsste er noch besetzen. Kurz vor dem Dreh erfuhr ich dann, dass ich nun kurzerhand zur Übersetzerin erklärt wurde. Die Sekretärin wurde ersatzlos gestrichen. Dass eine Übersetzerin Text haben würde, hatte ich fast schon befürchtet. Ich habe mich also nicht um eine Sprechrolle beworben, sondern bin ein bißchen damit überrascht worden. Ich habe es dann einfach sportlich gesehen. Auch kein Hexenwerk! Meine Probeaufnahmen hatte ich ja quasi in Eigenregie schon selber vorgelegt. Also kein Vorsprechen, von privaten Unterhaltungen im Vorfeld abgesehen. Ich hoffe, der meisterhafte Schnitt wird es richten und von allem nur das Beste verwerten. Ich kenne die Filme ja nun zum Teil und weiß, da sind richtige, echte Profis am Werk, da in der Atlantis-Film-Crew. Deswegen hat es mich auch interessiert. Nun bin ich um einiges schlauer. Es ist wirklich Arbeit, richtige, echte Arbeit, einen Film nach fernsehtauglichen Maßstäben zu drehen.
Ich bin dann gleich nach Hause, es gab keine rauschende Party mehr danach, ich musste mich richtig erholen. Ich habe aber nicht nur etwas darüber gelernt, wie so ein Filmdreh von statten geht, sondern auch über den Umschwung in der Mode, von den Zwanzigern zu den Dreißiger Jahren. Sehr interessant. Wie die in den Zwanzigern verloren gegangene, auf die Hüfte gerutschte Taille, wieder nach oben wanderte und betonte Weiblichkeit in der Silhouette gezeigt wurde und der Rocksaum wieder nach unten, bis zur Wade ging. Und dass ich in meiner Garderobe einige Stücke habe, die zu dieser Epoche passen. In eigener Kleidung fühlt man sich immer wohler, als in geborgter. Die riecht auch nicht nach Fundus. Das ist also die Geschichte, wie Gaga Nielsen nun noch doch zum Tonfilm kam. Stummfilmstar war ich ja.







29. September 2017




Frau Nielsen bei der Kostümprobe für einen kleinen Auftritt im Kriminalgericht in Moabit. Morgen ist es so weit. Die Frisur ist nicht amtlich, nur provisorisch. Vielleicht kriege ich Finger- oder Wasser- oder Quetschwellen. Bin schon gespannt. Nun noch mehr Kostüme in petto, nicht fotografiert. Verhandelt wird der Fall Franz Tausend. Wir schreiben das Jahr 1930 bzw. 1931. Die Rocksäume wurden wieder wadenlang, nachdem in den Zwanzigern Knie gezeigt wurde. Viel Kragen, Volants und Schleifen, schmale Silhouette. Werde nun schlafen gehen, damit die Maskenbildnerin nicht noch mehr an mir zu tun hat, als sowieso schon. Ich spiele eine Übersetzerin, die eine aus dem Italienischen übersetzte Zeugenaussage verliest, wie mir der Regisseur Eike Schmitz mitgeteilt hat. Wenn es der Wahrheitsfindung dient, will ich das gerne tun. Ich habe mich als Kind schon gerne verkleidet, wie wahrscheinlich alle Kinder. Hat sich nicht so richtig verwachsen. Hoffe, ich werde der Rolle gerecht! Zum Glück kein Text zum Lernen, mein größtes Problem. Daher auch die Liebe zum Stummfilm! Nehme an, das fertige Werk wird irgendwann in der Terra-X-Reihe oder einem ähnlichen Sendeplatz gezeigt, so wie Eikes Fürst-Pückler- und sein Casanova-Film. Im ZDF oder auf Arte oder 3Sat oder alle drei. Eigentlich hätte ich neulich schon bei der Partyszene in der Villa Jacobs dekorativ mit herumstehen sollen, aber der Termin ist leider nicht bei mir angekommen. Sehr schade! Im Zwanziger-Jahre-Partykleid mit einem Glas Champagner im Garten einer Potsdamer Villa eine gute Figur machen, hätte mir schon sehr zugesagt. Mein Kerngeschäft! Na ja, hat nicht sollen sein. Dafür waren Ina und Evelyn dabei. Bin auch sehr gespannt auf die anderen Darsteller und den Mitarbeiterstab, die Crew. Bestimmt jede Menge pfiffige Mitarbeiter darunter, auch junge Männer, nehme ich an. Ich berichte dann, bleiben Sie dran.
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27. September 2017


Zu WW. Wolf Wondratschek. Liest, las in SOEHT7. Da wo auch Alban gelesen hat, begleitet von Adrian, genau da, im Kuppelsaal. Noch überlegt, ob ich bei Daniela von Arnim ein, zwei Karten vorbestellen soll, weil man eigentlich davon ausgeht, dass er doch einiges Publikum anlockt und ein Platz schon angenehm wäre. Als ich ankam, wurde ich unten im Hof unerwartet familiär begrüßt, der Verwalter und der technische Mitarbeiter empfingen mich mit den Worten „Wir warten schon auf dich!“. Ich nehme an, das war eine spielerische Bemerkung, die jede bekommen hätte, man freute sich über jeden Besucher. Ich bekam den Hinweis auf den Weg, dass es oben im Kuppelsaal sei. Seit ich dort die beiden Zellen bespielt habe und vorher den Aufbau und nachher den Abbau gemacht habe, sind mir die Räume einigermaßen vertraut. Vorher habe ich mich verirrt, jetzt weiß ich, wo der Kuppelsaal ist. Oben angekommen, sah ich, dass sich meine Hoffnung bewahrheitet hatte, dass die Bar oben sein möge, statt unten im Zellenflur, wie sonst. In dem kleinen Nebenraum vom Kuppelsaal (den ich kurzzeitig als Projektionsraum angedacht hatte), gab es Getränke und die mir bekannte Tresenfee, Jan stand auch da und Susanne, die Frau des künstlerischen Leiters. „Ich hatte ja gehofft, dass die Bar heute hier oben ist, wie schön!“ bemerke ich beim Eintreten und nehme ein Glas Wein, kurzes Hallo von Jan und Susanne, als ich mich mit dem Glas in der Hand drehe, sehe ich Jim Rakete und lächle ihn freundlich an, er zurück. Dann steht Jurgen Ostarhild vor mir, ein bekannter Fotograf, den ich gerade nicht erkenne, obwohl ich schon bei einer Ausstellung von ihm war, er fragt mich, wer ich bin, ich stelle mich vor und finde es amüsant, dass er mit einer gewissen Hausherren-Attüde vor mir steht, einen Grund wird es haben. Später bemerkte ich, dass er in der Ausstellung mit Exponaten vertreten ist. Ah ja. Mittlerweile schickte sich auch Wolf Wondratschek an, Rotwein zu holen. Es hatte also noch nicht angefangen, sehr gut. Bestens. In den Kuppelsaal, wo die Lesung stattfinden würde. Ich registriere, dass die Anzahl der Besucher ziemlich exakt der von Albans Lesung entspricht. Ich bezahle bei Daniela den Eintrittspreis und nehme Platz. Ganz vorne. Der Kreis der Zuhörer ist auf familiäre Art überschaubar. Ich erinnere Fotos von einer Wondratschek-Lesung in einer großen Buchhandlung in Berlin im letzten Jahr. Brechend voll, jeder Stehplatz besetzt, die Stühle sowieso. Und nun in kleinem Kreis in diesem schönen Saal, unerwartet exclusiv. Exclusiver, als sich die Veranstalter gewünscht hätten. Mundpropaganda und ein facebook-event wirkt noch keine Wunder, offenbar. Wondratschek spricht es an, dass es ihm durchaus recht sei, dass wir hier im kleinen Kreis in diesem schönen Saal mit der schönen Akustik sind. Er betrachtet sein Hier-sein als Geste für seinen alten Freund Reinald Nohal, der ihn dazu eingeladen hat. In der Paris Bar haben sie sich kennengelernt, dreißig Jahre ist es her. Wondratschek hat einen Aschenbecher auf dem Lesetisch und zündet sich mit Bedacht eine Zigarette an. Er wirkt unaufgeregt, gelassen und wach. Ich erinnere mich, als ich ihn zuletzt sah, in dieser mysteriösen Wohnung in Schöneberg mit seinen Exponaten. Als er die ganze Zeit in der Küche saß, hinten am Fenster, nicht einmal den Kopf in Richtung Besucher drehte. Man fühlte sich trotz der nachweislichen Einladung wie ein Störenfried. Ich hatte ihn am selben Tag, vormittags noch gesprächswillig und eloquent im Literaturcafé am Savignyplatz erlebt, er führte ein öffentliches Gespräch mit Jim Rakete. Vera von Lehndorff war auch gekommen, er schenkte ihr ein warmes Lächeln. An diesem Abend in der Wohnung war kein Kontakt möglich, alle Signale sprachen dagegen. Am 22. September in Soeht7 war es anders, andere Gegebenheiten. Er las sehr schöne Texte, einige davon an seinen Sohn gerichtet. Und einen, in dem es um das Verschwinden des Kulturguts Rauchen ging. Und noch etwas, das ich kannte, wunderbar Erotisches. Das kann er. Der musikalische Ansatz kam zur Sprache. Wie Dylan Thomas sich den Zeilen annäherte, die er er letztlich zu Papier brachte. Der Melodie nachzusinnen, sie zu erkennen. Ich wusste, was er meint, nicht nur, weil es ohnehin verständlich für mich ist, sondern weil ich mich vor achtundzwanzig Jahren sehr intensiv auf die Spuren von Dylan Thomas begeben hatte. Ich wusste, dass er in seinem Writer’s Shed in Laugharne auf und ab tigerte und laut vor sich hinfabulierte, bis sich Magie einstellte und er die Worte materialisierte. Vielleicht wusste das sonst niemand im Kuppelsaal, als er davon sprach. Das war eine eigentümliche Verbindung, die sich da einstellte. Diesmal hatte ich dein Eindruck, dass er genau wahrnahm, wer im Raum war und auch den Kontakt nicht scheute. Das war sehr angenehm. Man hätte sich aufdrängen können, aber das ist nicht mein Stil. Ich überlegte zeitweilig, ob ich ihn darauf ansprechen soltle, ob er „Words for the Dying“ von John Cale kennt, die Vertonungen Cales von einigen wesentlichen Gedichten von Dylan Thomas. Ich ließ es. Rakete und die anderen seiner anwesenden Freunde waren auch in Konversation mit ihm und bald würden sie sicher irgendwohin etwas essen gehen. Vielleicht in die Paris Bar. Wer weiß. Ich hatte auch eine Verabredung, mit Ina. Ich holte sie von ihrer Tanzstunde am Kudamm ab. Von da fuhren wir zum Savignyplatz, aßen eine Kleinigkeit im Brel, tranken Wein und nahmen zuletzt noch ein Glas in der Paris Bar, die zu später Stunde wieder zur Raucherbar wurde. Ich ließ mir von ihr die Herkunft des einen oder anderen Exponats erhellen. Schon ein sehr bemerkenswerter Ort, die Paris Bar. Ich freue mich sehr auf das Buch von Ina. Manchmal hört sie meine Playlist beim Schreiben, hat sie mir neulich erzählt, die ich ihr auf einem USB-Stick mitgebracht habe. Das freut mich auch deshalb, weil es mehr oder weniger dieselbe Musik ist, die ich laufen lasse, wenn ich solche Einträge wie diesen schreibe. Es fließt ein. Deswegen wird etwas von meiner Musik in dem Buch sein. Ein schöner Gedanke.

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27. September 2017


Zu WW. Wolf Wondratschek. Liest, las in SOEHT7. Da wo auch Alban gelesen hat, begleitet von Adrian, genau da, im Kuppelsaal. Noch überlegt, ob ich bei Daniela von Arnim ein, zwei Karten vorbestellen soll, weil man eigentlich davon ausgeht, dass er doch einiges Publikum anlockt und ein Platz schon angenehm wäre. Als ich ankam, wurde ich unten im Hof unerwartet familiär begrüßt, der Verwalter und der technische Mitarbeiter empfingen mich mit den Worten „Wir warten schon auf dich!“. Ich nehme an, das war eine spielerische Bemerkung, die jede bekommen hätte, man freute sich über jeden Besucher. Ich bekam den Hinweis auf den Weg, dass es oben im Kuppelsaal sei. Seit ich dort die beiden Zellen bespielt habe und vorher den Aufbau und nachher den Abbau gemacht habe, sind mir die Räume einigermaßen vertraut. Vorher habe ich mich verirrt, jetzt weiß ich, wo der Kuppelsaal ist. Oben angekommen, sah ich, dass sich meine Hoffnung bewahrheitet hatte, dass die Bar oben sein möge, statt unten im Zellenflur, wie sonst. In dem kleinen Nebenraum vom Kuppelsaal (den ich kurzzeitig als Projektionsraum angedacht hatte), gab es Getränke und die mir bekannte Tresenfee, Jan stand auch da und Susanne, die Frau des künstlerischen Leiters. „Ich hatte ja gehofft, dass die Bar heute hier oben ist, wie schön!“ bemerke ich beim Eintreten und nehme ein Glas Wein, kurzes Hallo von Jan und Susanne, als ich mich mit dem Glas in der Hand drehe, sehe ich Jim Rakete und lächle ihn freundlich an, er zurück. Dann steht Jurgen Ostarhild vor mir, ein bekannter Fotograf, den ich gerade nicht erkenne, obwohl ich schon bei einer Ausstellung von ihm war, er fragt mich, wer ich bin, ich stelle mich vor und finde es amüsant, dass er mit einer gewissen Hausherren-Attüde vor mir steht, einen Grund wird es haben. Später bemerkte ich, dass er in der Ausstellung mit Exponaten vertreten ist. Ah ja. Mittlerweile schickte sich auch Wolf Wondratschek an, Rotwein zu holen. Es hatte also noch nicht angefangen, sehr gut. Bestens. In den Kuppelsaal, wo die Lesung stattfinden würde. Ich registriere, dass die Anzahl der Besucher ziemlich exakt der von Albans Lesung entspricht. Ich bezahle bei Daniela den Eintrittspreis und nehme Platz. Ganz vorne. Der Kreis der Zuhörer ist auf familiäre Art überschaubar. Ich erinnere Fotos von einer Wondratschek-Lesung in einer großen Buchhandlung in Berlin im letzten Jahr. Brechend voll, jeder Stehplatz besetzt, die Stühle sowieso. Und nun in kleinem Kreis in diesem schönen Saal, unerwartet exclusiv. Exclusiver, als sich die Veranstalter gewünscht hätten. Mundpropaganda und ein facebook-event wirkt noch keine Wunder, offenbar. Wondratschek spricht es an, dass es ihm durchaus recht sei, dass wir hier im kleinen Kreis in diesem schönen Saal mit der schönen Akustik sind. Er betrachtet sein Hier-sein als Geste für seinen alten Freund Reinald Nohal, der ihn dazu eingeladen hat. In der Paris Bar haben sie sich kennengelernt, dreißig Jahre ist es her. Wondratschek hat einen Aschenbecher auf dem Lesetisch und zündet sich mit Bedacht eine Zigarette an. Er wirkt unaufgeregt, gelassen und wach. Ich erinnere mich, als ich ihn zuletzt sah, in dieser mysteriösen Wohnung in Schöneberg mit seinen Exponaten. Als er die ganze Zeit in der Küche saß, hinten am Fenster, nicht einmal den Kopf in Richtung Besucher drehte. Man fühlte sich trotz der nachweislichen Einladung wie ein Störenfried. Ich hatte ihn am selben Tag, vormittags noch gesprächswillig und eloquent im Literaturcafé am Savignyplatz erlebt, er führte ein öffentliches Gespräch mit Jim Rakete. Vera von Lehndorff war auch gekommen, er schenkte ihr ein warmes Lächeln. An diesem Abend in der Wohnung war kein Kontakt möglich, alle Signale sprachen dagegen. Am 22. September in Soeht7 war es anders, andere Gegebenheiten. Er las sehr schöne Texte, einige davon an seinen Sohn gerichtet. Und einen, in dem es um das Verschwinden des Kulturguts Rauchen ging. Und noch etwas, das ich kannte, wunderbar Erotisches. Das kann er. Der musikalische Ansatz kam zur Sprache. Wie Dylan Thomas sich den Zeilen annäherte, die er er letztlich zu Papier brachte. Der Melodie nachzusinnen, sie zu erkennen. Ich wusste, was er meint, nicht nur, weil es ohnehin verständlich für mich ist, sondern weil ich mich vor achtundzwanzig Jahren sehr intensiv auf die Spuren von Dylan Thomas begeben hatte. Ich wusste, dass er in seinem Writer’s Shed in Laugharne auf und ab tigerte und laut vor sich hinfabulierte, bis sich Magie einstellte und er die Worte materialisierte. Vielleicht wusste das sonst niemand im Kuppelsaal, als er davon sprach. Das war eine eigentümliche Verbindung, die sich da einstellte. Diesmal hatte ich dein Eindruck, dass er genau wahrnahm, wer im Raum war und auch den Kontakt nicht scheute. Das war sehr angenehm. Man hätte sich aufdrängen können, aber das ist nicht mein Stil. Ich überlegte zeitweilig, ob ich ihn darauf ansprechen soltle, ob er „Words for the Dying“ von John Cale kennt, die Vertonungen Cales von einigen wesentlichen Gedichten von Dylan Thomas. Ich ließ es. Rakete und die anderen seiner anwesenden Freunde waren auch in Konversation mit ihm und bald würden sie sicher irgendwohin etwas essen gehen. Vielleicht in die Paris Bar. Wer weiß. Ich hatte auch eine Verabredung, mit Ina. Ich holte sie von ihrer Tanzstunde am Kudamm ab. Von da fuhren wir zum Savignyplatz, aßen eine Kleinigkeit im Brel, tranken Wein und nahmen zuletzt noch ein Glas in der Paris Bar, die zu später Stunde wieder zur Raucherbar wurde. Ich ließ mir von ihr die Herkunft des einen oder anderen Exponats erhellen. Schon ein sehr bemerkenswerter Ort, die Paris Bar. Ich freue mich sehr auf das Buch von Ina. Manchmal hört sie meine Playlist beim Schreiben, hat sie mir neulich erzählt, die ich ihr auf einem USB-Stick mitgebracht habe. Das freut mich auch deshalb, weil es mehr oder weniger dieselbe Musik ist, die ich laufen lasse, wenn ich solche Einträge wie diesen schreibe. Es fließt ein. Deswegen wird etwas von meiner Musik in dem Buch sein. Ein schöner Gedanke.

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26. September 2017


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Sechzehnter September. Ich kam von Katias Atelier in Moabit, lief Richtung Süden zur Turmstraße. Eigentlich wollte ich schnurstracks zu Evelyn Sommerhoff in die Wilhelmstraße, aber nicht ohne eine Flasche. In der Turmstraße sind alle erdenklichen Läden, Supermärkte und Späties, sogar Bio. Da war ein Alnatura-Markt, aber keine Kuhlschränke mit kalten Flaschen. Bei Rewe war meine Hoffnung größer, da sind ja Kühlschränke, darin nur Wasser, Limonade und Bier und diese fürchterlichen Energy Drinks, Red Bull-Dosen und ähnlicher Quatsch. Nicht eine Flasche Wein, von Champagner oder ähnlichem nicht zu reden. Nichts, was man mitbringen möchte. Weiter. Bio Company. Eigentlich gute Getränke im Sortiment, aber nichts gekühlt, einen grünen Smoothie wollte ich auch nicht als Mitbringsel präsentieren. Schräg gegenüber noch ein Späti. Die haben doch Kühlschränke, das weiß man doch. Ich sehe nur Bier, Wasser, Limo. Die beiden Verkäufer gucken neugierig, fragen, was es denn gerne sein dürfte. Ich sage „ich sehe gar keinen Wein im Kühlschrank…?“ Verkäufer: „doch wir haben, suche einen aus, hier oben auf dem Regal, wir haben, wir haben!“. Im Regal mit Rot- und Weißwein gibt es ganz oben auch Schaumweine, Sorten, die man nicht unbedingt trinken muss. Eine ist dabei, die könnte akzeptabel sein, schöne Flasche, was Italienisches, extra brut. Nehme die Flasche, zeige sie dem Verkäufer. Er „Das ist die einzige, die wir nicht gekühlt haben, die einzige!“ Hausnummern weiter noch ein Spätkauf, mein Blick scannt die Regale, verglasten Kühlschränke. Bier, Soft-Drinks, Wasser, nichts zum mitbringen. Was trinkbar wäre, ganz oben, unter einem Strahler zuverlässig auf lauwarm temperiert. Zur U-Bahn. Es gibt keinen direkten Weg zur Wilhelmstraße, außer ich nähme ein Taxi. Der Weg mit der U-Bahn führt mehr oder weniger halbwegs an meiner Wohnung vorbei, da sind auch Sachen im Kühlschrank, ausreichend gekühlte, die ich mitnehmen könnte.

So geschehen. Komme ich eben etwas später, aber nicht mit leeren Händen. Abermals verlaufen dann, vom Anhalter Bahnhof seltsam die Richtung aus den Augen verloren. Am Halleschen Ufer gelandet, und da war sie dann doch die Wilhelmstraße. Und Evelyns Atelier, ihr Königinnenreich, das sie verlassen muss, weil Start ups hineinkommen, die mehr Miete bringen, als Künstlerateliers. Zum ersten Mal die Bilder gesehen, das ganze im Atelier vorhandene Werk, was eben nicht verkauft ist. Eine Schatzkammer. Erotik. So subtil und doch satt. Wundervolle Werke. Nun zieht sie um. Außerhalb von Berlin. Wir trinken, reden, lachen, rauchen. Und fragen uns auch, wieso es so schwer ist, innerhalb der Stadt etwas geeignetes zu finden. Wenn man etwas hat, kann man sich sehr glücklich schätzen. Die beiden Flaschen, die ich mitgebracht habe, gehen zur Neige. Tiefgang steht auf dem einen Etikett. Ina ist da. Wir zeigen uns gegenseitig, welche Bilder von Evelyn wir am liebsten mögen. Ich zeige Evelyn alle, die ich kaufen würde, hätte ich Platz zum Hängen. Ich meine das Ernst. Ich neige überhaupt nicht zum Opportunismus in diesen Dingen. Dafür ist es mir zu wichtig, liegt mir zu sehr am Herzen. Ich bejuble auch keine lauen Lieder, nur die, die mich berühren. Wie so oft, brachte Ina mich nach Hause. Man kann in ihrem Auto so schön reden. Ein geschützter Raum für vertraute Gespräche. Dinge, die sich zwei Schreibende erzählen, die niemals geschrieben werden. KEEP CALM AND CARRY ON.











23. September 2017




Noch ein Atelierbesuch, bei Claudia Sawallisch. Künstlerhaus 19, Schlachtensee, Wasgenstraße 75. S-Bahn Schlachtensee. Spaziergang, bißchen verlaufen. Als ich ankam, war der Ausstellungsbereich leer und ich ging nach oben. wo die Ateliers sind, auch das von Claudia. Kleine Runde, familiär gewissermaßen, Sofa, Stühle im Kreis, Wein. Claudia raucht, einer steht vom Sofa auf und singt a capella Summertime, weil er zu Ende geht. Ein anderer steht auf, singt Fly me to the moon. Heiterkeit. Claudia zieht große Leinwände, die sich senkrecht an der einen Wand stapeln hervor. Geflügelte Wesen. Schätze. Mir tut es immer ein wenig weh, wenn kostbare Bilder einfach übereinander oder hintereinander liegen, wie langweilige Aktenordner, die ins Regal geräumt werden, damit sie nicht herumliegen. Bilder müssen atmen und gesehen und bewundert werden, sonst sind sie beleidigt. Besonders bei zwei sehr großen Werken hätte ich gerne verboten, dass sie zurück in die Lücke gesteckt werden. Natürlich braucht man Platz. Verstehe ich schon. Aber einige Bilder sollten, wenn sie außergewöhnlich gelungen sind, immer sichtbar sein. Ich hatte den Impuls, oder zu bewahrenden Hintergedanken, mir die Bilder zu merken, für eine Gelegenheit, wenn sie gezeigt werden können. Das mache ich jetzt häufiger. Später, danach, an anderen Tagen war ich in den Ateliers von Katia Kelm und Evelyn Sommerhoff, und ich habe auch da unsichtbare Merkzettel angeklebt. Ich habe Lust mit Lieblingswerken von befreundeten Künstlerinnen und Künstlern eine Ausstellung zu machen. Von mir wäre auch das eine oder andere dabei. Auch ein paar Leinwände, die ich vor vielen Jahren bemalt habe. Man würde vielleicht eine innere Verwandtschaft entdecken. Ich brauche nicht lange, um zu sehen, ob ein Bild meines wäre. Dass ich bilslang nichts kaufte, ist nur dem Umstand geschuldet, dass mir der Platz zum Hängen fehlt. Vor einer Woche bei Evelyn Sommerhoff war ich besonders kauflustig. Aber nur in der Phantasie. Aus Höflichkeit würde ich niemals sagen „Ich nehme das. Und das. Und das auch!“. Das ist ein Riesen-Kompliment. Auch wenn es nicht realisiert wird. Aber ich könnte die Bilder eben ausstellen. Ich wäre bestimmt eine grandiose Galeristin. Es wären sehr atmosphärische Räume und es gäbe Musik im Hintergrund und immer etwas zu trinken. Etwas sehr Gutes. Man könnte sich hinsetzen oder auch legen. Vielleicht eine Ottomane hier, eine Chaiselongue da. Ein kleines Tischchen, ein schönes Sofa. Wie man mit Bildern lebt, sie hegt und pflegt.

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23. September 2017

Ihr Wahl-O-Mat Ergebnis:
Tierschutzpartei 77,6 %
Menschliche Welt 75 %
Tierschutzallianz 73,7 %
Die Partei 73,7 %
Die Linke 73,7 %
DU. Die Urbane 73,7 %
V-Partei³ 73,7 %
DKP 73,7 %
Bündnis Grundeinkommen 73,7 %
Demokratie in Bewegung 73,7 %
Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands 71,1 %
Sozialistische Gleichheitspartei, Vierte Internationale 71,1 %
Bergpartei 71,1 %
Grüne 67,1 %
Piraten 67,1 %
Deutsche Mitte 67,1 %
Gesundheitsforschung 65,8 %
Die Humanisten 60,5 %
Die Grauen 60,5 %
Allianz Deutscher Demokraten 60,5 %
SPD 59,2 %
Ökologisch Demokratische Partei 59,2 %
Bürgerrechtsbewegung Solidarität 59,2 %
CDU/CSU 52,6 %
FDP 52,6
Volksabstimmung 52,6 %
Freie Wähler 48,7 %
Partei der Vernunft 48,7 %
Bayernpartei 47,4 %
NPD 38,2 %
AfD 38,2 %
Die Rechte 34,2 %
Aha. (kann mich gar nicht an Fragen mit Tieren erinnern). „Menschliche Welt“ und „DU.“ (und einige andere) musste ich erst googeln. „DU. Die Urbane – eine Hip Hop Partei“ (…) „Hip-Hop ist unser Alleinstellungsmerkmal, deswegen steht es bei uns im Namen. Ich kann jedem in drei Minuten erklären, was Hip-Hop bei uns bedeutet. Die CDU bräuchte da sicher länger um mir zu erklären, was an ihnen noch christlich ist. Und ich würde es trotzdem nicht verstehen.“ Raphael Hillebrand. Bundesvorsitzender. Und V-Partei war mir auch nicht geläufig. „Partei für Veränderung, Veganer und Vegetarier“. Das erste V ist ganz mein Ding, aber die anderen beiden „Veganer und Vegetarier“… hm. Die DKP konnte auch ordentlich punkten. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Tja. Nun bin ich ungefähr so schlau wie vorher, was ich morgen wählen soll. Ich wollte jetzt eigentlich einer Partei zuliebe meine Essensvorlieben nicht umstellen müssen. Dass ich derart weit weg von den Grünen bin, überrascht mich dann doch, als frühere, altgediente Grün-Wählerin. Das letze mal waren auch DIE PARTEI und die Linke on top, gefolgt von den Piraten. Letztere sind nun auch im Mittelfeld bei den Grünen. Darf man als Schnitzelesser überhaupt eine Tierschutzpartei wählen? Im Wahl-o-mat wurde gar nicht nach Essensvorlieben gefragt. Aber für nachhaltige ökologische Landwirtschaft bin ich natürlich in jedem Fall, das kommt auch der geschmacklichen Qualität beim Fleisch zugute. Und, weiß jemand von meinen Lesern schon, wo morgen das Kreuz gemacht wird? Ich habe eine engere Wahl und entscheide dann irgendwie impulsiv nach Tagesform. Oder so. Hip Hop ist leider eher im Ausnahmefall meine Musik. Gibt es eigentlich eine Musik-Partei? Nix gefunden. Eine Mode-Partei ist auch nicht dabei. Da wäre natürlich GMK Spitzenkandidat, das hat er schon mal in Aussicht gestellt. Werde mich heute nicht mehr weiter damit belasten. Morgen Wecker stellen, habe um Zwei am Nachmittag eine Verabredung zum Fotografieren, da muss ich das unbedingt vorher hinkriegen. Spätestens um 13 Uhr in die Wahlkabine in der Kastanienbaumschule, da vorne, um die Ecke in der Gipsstraße befindet sich das Lokal meiner morgigen Wahl.

18. September 2017


Die Treppe nach oben. Es sind viele Stufen. Wir hatten noch Wein, den nahmen wir mit, weil der Garten geschlossen wurde. Auf der Terrasse war eine Gesellschaft, die sich kannte und unter sich bleiben wollte, sollte. Da setzt man sich nicht dazu oder bittet aufzurücken. Outdoor-Lounge-Möbel, flackernde Kerzen in der Sommernacht. Innen ist es auch schön, die Türen zur Terrasse und den Balkonen standen weit auf. Alles in heimeliges Dunkel getaucht, Lampenschirme, rote Wände, schwere Ledersessel. Zu weich gepolstert, man versinkt mehr, als man möchte, so ein bißchen in der Falle, und rückt an die vorderste Kante von Sessel und Sofa. Daran merkt man, dass es neue Möbel sein müssen, die Traditionszitate sind nur Kulisse. Waren Sitzmöbel früherer Epochen nicht sogar immer besonders gut und kompakt gepolstert? Aber wir blieben noch, weil die Playlist so vertraut war. In welcher Bar laufen diese ganzen Stones-Songs,, die man merkwürdigerweise nicht so oft gehört hat, dass man sich nicht mehr freuen würde. Grandiose Räume und die Bilder, diese Bilder. Allen voran die Fotografie mit Keith Richards und Ronny Wood. In der Mitte Gerd Müller mit seinem Vollbart und daneben Franz Beckenbauer. Eindeutig in München. Wo sonst hätte sich so ein Foto ergeben. Schon interessant, wann eine Fotografie, die jemanden abbildet, mit dem man nicht innig verbunden ist, einen Wert jenseits der persönlichen Bindung bekommt. Als Zeitdokument eines besonderen Szenarios. Hier auf eine kuriose Art, in der Widersprüchlichkeit des Aufeinandertreffens von zwei sehr frei lebenden Rockstars und zwei eher in ihrem bayrischen Fußballclub-Korsett gefangenen Kickern. Obwohl natürlich auch Stars. Man sieht dem Bild an, dass Keith und Ronnie gebeten wurden, für das Bild zur Verfügung zu stehen. Wahrscheinlich hatten sie an dem Abend ein Konzert im Olympiastadion hinter sich und waren zur After Show Party mit Müncher Prominenz geladen. Gerd Müller war auch ein Rebell in seiner Gilde. Hat sich immer wieder politisch aus dem Fenster gelehnt. Wahrscheinlich war er gar nicht so linksradikal, nur für bayrische Verhältnisse. In Bayern galt vermutlich auch die Berliner CDU als linksliberal. Ich überspitze, aber habe die Ohren gespitzt, als ich – frisch eingetroffen – die ersten Diepgen-Interviews in der Berliner Abendschau hörte, Mitte der Achtziger. Was der für Berliner Verhältnisse konservative Ebi Diepgen von sich gab, klang in meinen Ohren in etwa so tolerant und moderat, wie ich es sonst von bayrischen SPD-Politikern kannte. Das Bild. Keith und Ronnie und Müller und Beckenbauer. Rock’n’Roll trifft Kompromiss und Opportunismus. Verewigter Widerspruch. Ina und ich waren uns eins, dass dieses Bild hervorragend ist, da an dieser schummrigen Wand in der Lebensstern-Bar. Wir verliießen das Einstein und verbrachten die weitere Nacht in der Victoria-Bar, nicht weit von da.

https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265


16. September 2017


Ich werde dieser entzückenden Dame im Laufe des späteren Nachmittags einen Besuch abstatten. Es handelt sich um die Malerin Katia Kelm, die heute und morgen ihr Berliner Atelier für die Meute öffnet. Es soll Kaffee und Würstchen geben. Und noch andere Sachen, wie zum Beispiel selber gemalte Bilder von außergewöhnlicher Qualitat. Das Bild da oben ist bei der re:publica-Veranstaltung im Mai 2014 entstanden. Ich habe sie aber schon früher paparazzt. Zum Beispiel im Sommer 2006 in der Coca-Cola-WG in Charlottenburg. Sie hat den anderen Chicks with Balls zugehört und sich auf den Bällen geräkelt, und später selber aus ihrem Blog gelesen, was sie in ebenfalls unvergleichlicher Qualität gemacht hat. (Sehr schöne Beine auch!) Sie hat auch einen sehr tollen und berühmten Mann, den hat sie aber verdient.


Das allererstemal habe ich Katia in echt bei einer Lesung in einer Kneipe in der Choriner Str. gesehen. Das war im Januar 2006, bei einer Neujahrslesung. Lyssa hat auch gelesen, da war sie noch Bloggerin, heute Mozilla-Chefin, nicht zu glauben. Auch Modeste und die Kaltmamsell haben damals gelesen, jede auf ihre sympathische Art. Aber bei Katia dachte ich, diese Frau gehört auf die Bühne. Sehr ungewöhnlich auch, dass sie beim Lesen ihrer Texte selber lachen musste, und es wirkte nicht peinlich, sondern hat zusätzlich zur Erheiterung beigetragen. Normalerweise kommt das ja nicht so gut, wenn ein Komiker bei der geplanten Pointe schon mal als erster lacht, damit das Publikum weiß, dass das lustig war. Bei Katia war das allerdings unbeabsichtigt und das Publikum brauchte auch keinerlei Hinweis, dass es losgehen darf mit der Heiterkeit. Ich war dann ein bißchen verliebt, in unsere Schwadroneuse aus Hamburg, so hieß ihr Blog damals. Danach waren wir in einer Kneipe mit einem russischen Namen. Offenbar durfte da geraucht werden. Ah ja, Prassnik. Ordentlich getagged.

18. September 2017


Kuriose Begebenheiten im alten Einstein. Verabredung mit Ina. Zeit vergessen – aber ich war zuerst da, in der alten Villa in der Kurfürstenstraße in Schöneberg. Viel zu selten ist man dort. So ein Ort, entdeckte man ihn im Urlaub, man würde ihn in der Postkarte an die Lieben erwähnen. Falls man noch Postkarten schreibt. Schreibt man noch Postkarten? Ich bekomme manchmal welche von kid37. Aus Wien. Und von Hiddensee. Und freue mich total. Und schreibe selber keine. Nur virtuelle Postkarten, wie diese hier. Also eine Postkarte an meine Leser, vom alten Cafè Einstein. „Stammhaus“ wird es untertitelt, seit es das zweite Unter den Linden gibt. Ich hörte zum ersten mal vom Einstein bei einer 3-Sat-Übertragung. Es war eine live-Sendung, die Ärzte waren zu Gast. Wann könnte das gewesen sein? Ich lebte damals noch nicht in Berlin, war aber auf jeden Fall in die Ärzte verliebt, und wenn die da auftreten, ist das bestimmt ein brauchbarer Ort. Ich muss das mal eben recherchieren – – – ok – finde nichts. Aber so war es. Vielleicht war es zur Berlinale 1984 oder 85 oder 86… egal. Als ich Sechsundachtzig nach Berlin zog, führten mich meine Erkundungen auch ins Einstein, das versteht sich von selbst. Ich hatte unheimlichen Respekt vor dem Lokal. Im Dschungel hatte ich einen Liebhaber kennengelernt, der beim Film arbeitete, mit Frau von Trotta Rosa Luxemburg drehte, und die Premierenfeier war im Einstein. Ich wäre gern dabei gewesen, aber ich war nur eine Liebschaft, jemand, den man in der Nacht trifft. Das verbinde ich auch mit dem Einstein. Die Ober waren immer ein bißchen elitär seinerzeit, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Als wir uns da neulich verabredeten, Ina und ich, war es ganz anders. An diesem Abend, Ende Juli, waren die Innenräume völlig leer, die Gäste waren draußen im lauschigen Hof, und ich wählte einen Tisch unter der Pergola. Sie erinnerte mich an eine Filmszene mit Romy Schneider und Alain Delon. Die beiden sitzen beim Heurigen, er in seiner schneidigen Offiziers-Uniform, sie als das Mädel aus der Bäckerei – oder war das Helmut Lohner und gar nicht Delon? Verwechsle ich eventuell, zu faul zum überprüfen. Dabei hab ich den Film vermutlich sogar auf einer alten VHS-Kassette. Jedenfalls war der Platz, den ich für Ina und mich gewählt hatte, ein sehr schöner und poetischer. Ich habe das gar nicht angemessen fotografiert, dabei hätte es niemanden gestört. Da wir nicht verabredet hatten, wo wir uns im Einstein treffen, teilte ich dem Ober mit, dass ich noch eine Freundin erwarte und bat ihn, sie zu dem von mir gewählten Tisch im Garten unter der Pergola zu führen, sobald sie da sei. „Eine schöne blonde Frau!“ Der Ober nickte beflissen und versprach hoch und heilig, genau dies zu tun. Ich saß derweil unter den rankenden Blättern und bestellte Wein und Wasser und studierte die Karte. Es war noch hell, ein Sommerabend, ganz lau. Am Tisch hinter mir ein englisch sprechendes Paar, er bedeutend älter, bestellte eine Flasche Champagner. Die Palmenblätter wippten, ich hatte Lust zu rauchen und stellte fest, dass meine Zigarettenschachtel so gut wie leer war. Ina brauchte offenbar noch etwas länger, ich wartete und dachte, ich könnte einstweilen Zigaretten holen, der andere Kellner hatte mir versichert, dass es einen Automaten im Keller gibt. Eine gute Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken. Also hinein in die Villa und die Stufen nach unten zu dem Automaten. Ich rauche ja sehr unregelmäßig, aber wenn, mit Hingabe. Wenn ich mich bevorrate, dann so gut wie immer im Supermarkt, beim Kauf der Lebensmittel. Oder hin und wieder beim Rosen-Kiosk in der Rosenthaler Straße. Aber an einem Automaten war ich seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr. Das erklärt meine Verwunderung, dass der Automat von mir einen Beweis meiner Volljährigkeit haben wollte. Ich dachte eigentlich, dass die Dinge des täglichen Bedarfs im Zuge des technischen und logistischen Fortschritts einfacher zu bekommen sind, aber das gilt nicht für Zigaretten. Aha. Nun bin ich im Besitz einer EC-Karte und auch Bargeld war im Portemonnaie, aber das hat leider nicht gereicht, um den Kauf am Automaten zu legitimieren. Ich hatte bereits einen Geldschein in den Automaten gesteckt und wählte die Marke, aber dann wurde der Vorgang blockiert, weil ich mich nicht parallel dazu ausgewiesen hatte, also den Personalausweis nicht in den Leseschlitz eingeführt. Und zwar deshalb, weil mein Personalausweis das gar nicht kann, meines Wissens. Ich habe seinerzeit, als ich das neue biometrische Ding bekommen hatte, quasi abgelehnt, dass er digital lesbar ist. Oder so ähnlich. Weiß nicht mehr. Wie auch immer, ich stand genervt vor dem Zigarettenautomaten im Keller vom Einstein und drückte auf die Taste für die Geldrückgabe. Und nun purzelte ein Goldregen in den Münzschacht. Was ich als Schein eingeführt hatte, wurde mir nun in fünfzig-Cent-Münzen heimgezahlt. Zehn Euro in fünfzig-Cent-Münzen. Ich danke. Ich schaufelte den Münzberg in mein nur noch schwer verschließbares Portemonnaie und ging wieder die Treppe nach oben. Da empfing mich der ältere Ober, der mich auch begrüßt hatte, mit einem breiten, warmen Lächeln und den Worten: „Sie werden schon erwartet! Ich begleite Sie zu Ihrem Tisch, Ihre Freundin wartet schon geraume Zeit!“ Einen Moment überlegte ich, ob Ina bereits gekommen sein könnte, und nun auf mich warten würde – wobei – so lange war ich ja nun auch wieder nicht unten beim Zigarettenautomaten… Der Oberkellner führte mich mit fürsorglicher Geste die Treppe nach unten in den Garten und zielsicher zu dem mir bereits bestens bekannten Tisch unter der Pergola. Der Tisch war immer noch leer. Ich schaute den Kellner irritiert an. Er schaute mich irritiert an und begann entschuldigend zu stammeln – – – „Aber – äh – da war doch Ihre Freundin….?“ Ich: „Aber das bin doch ICH!!! Ich habe keine Zwillingsschwester! Ich bin es selber!!!“ Er „Ah ja – mein Gott – ich dachte – weil Sie sagten, die Freundin ist eine schöne blonde Frau!“ Ich setzte mich abermals an den Tisch und nahm einen Schluck Wein. Der jüngere Ober, der unserem Tisch zugeteilt war, kam vorbei, ich erzählte ihm, dass ich nicht in der Lage war, mir Zigaretten an dem Automaten zu holen, weil ich nicht beweisen konnte, dass ich volljährig und daher befugt sei. Ich klagte mein ganzes Elend. Er versicherte, dass das überhaupt kein Prolbem sei, er könnte das für mich regeln. Ich nannte ihm die Marke und er servierte mir das Päckchen wenige Minuten später. Und dann kam auch endlich Ina, in einem tollen roten Armani-Kleid, sich für die Verspätung entschuldigend. Ich erzählte ihr das Drama am Zigarettenautomat, und die ja auch irgendwie interessante Verwechslung von dem schon etwas betagten Ober. Sie lachte und ich fand es dann auch nur noch ulkig. Wie in einem alten Hans Moser-Film. Ich bestellte mir ein kleines Schnitzel und revidierte die Bestellung nochmal – lieber doch das große. Das war es dann auch. Später gingen wir noch nach oben in die Lebensstern-Bar, da gibt es eine kleine extra Bildstrecke. Und beim Gehen freuten wir uns über das Bild von Romy in der Eingangshalle. Sie passt da ganz wunderbar hin. Man freut sich einfach. Das alte Einstein ist schon etwas sehr Besonderes.


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18. September 2017


Kuriose Begebenheiten im alten Einstein. Verabredung mit Ina. Zeit vergessen – aber ich war zuerst da, in der alten Villa in der Kurfürstenstraße in Schöneberg. Viel zu selten ist man dort. So ein Ort, entdeckte man ihn im Urlaub, man würde ihn in der Postkarte an die Lieben erwähnen. Falls man noch Postkarten schreibt. Schreibt man noch Postkarten? Ich bekomme manchmal welche von kid37. Aus Wien. Und von Hiddensee. Und freue mich total. Und schreibe selber keine. Nur virtuelle Postkarten, wie diese hier. Also eine Postkarte an meine Leser, vom alten Cafè Einstein. „Stammhaus“ wird es untertitelt, seit es das zweite Unter den Linden gibt. Ich hörte zum ersten mal vom Einstein bei einer 3-Sat-Übertragung. Es war eine live-Sendung, die Ärzte waren zu Gast. Wann könnte das gewesen sein? Ich lebte damals noch nicht in Berlin, war aber auf jeden Fall in die Ärzte verliebt, und wenn die da auftreten, ist das bestimmt ein brauchbarer Ort. Ich muss das mal eben recherchieren – – – ok – finde nichts. Aber so war es. Vielleicht war es zur Berlinale 1984 oder 85 oder 86… egal. Als ich Sechsundachtzig nach Berlin zog, führten mich meine Erkundungen auch ins Einstein, das versteht sich von selbst. Ich hatte unheimlichen Respekt vor dem Lokal. Im Dschungel hatte ich einen Liebhaber kennengelernt, der beim Film arbeitete, mit Frau von Trotta Rosa Luxemburg drehte, und die Premierenfeier war im Einstein. Ich wäre gern dabei gewesen, aber ich war nur eine Liebschaft, jemand, den man in der Nacht trifft. Das verbinde ich auch mit dem Einstein. Die Ober waren immer ein bißchen elitär seinerzeit, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Als wir uns da neulich verabredeten, Ina und ich, war es ganz anders. An diesem Abend, Ende Juli, waren die Innenräume völlig leer, die Gäste waren draußen im lauschigen Hof, und ich wählte einen Tisch unter der Pergola. Sie erinnerte mich an eine Filmszene mit Romy Schneider und Alain Delon. Die beiden sitzen beim Heurigen, er in seiner schneidigen Offiziers-Uniform, sie als das Mädel aus der Bäckerei – oder war das Helmut Lohner und gar nicht Delon? Verwechsle ich eventuell, zu faul zum überprüfen. Dabei hab ich den Film vermutlich sogar auf einer alten VHS-Kassette. Jedenfalls war der Platz, den ich für Ina und mich gewählt hatte, ein sehr schöner und poetischer. Ich habe das gar nicht angemessen fotografiert, dabei hätte es niemanden gestört. Da wir nicht verabredet hatten, wo wir uns im Einstein treffen, teilte ich dem Ober mit, dass ich noch eine Freundin erwarte und bat ihn, sie zu dem von mir gewählten Tisch im Garten unter der Pergola zu führen, sobald sie da sei. „Eine schöne blonde Frau!“ Der Ober nickte beflissen und versprach hoch und heilig, genau dies zu tun. Ich saß derweil unter den rankenden Blättern und bestellte Wein und Wasser und studierte die Karte. Es war noch hell, ein Sommerabend, ganz lau. Am Tisch hinter mir ein englisch sprechendes Paar, er bedeutend älter, bestellte eine Flasche Champagner. Die Palmenblätter wippten, ich hatte Lust zu rauchen und stellte fest, dass meine Zigarettenschachtel so gut wie leer war. Ina brauchte offenbar noch etwas länger, ich wartete und dachte, ich könnte einstweilen Zigaretten holen, der andere Kellner hatte mir versichert, dass es einen Automaten im Keller gibt. Eine gute Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken. Also hinein in die Villa und die Stufen nach unten zu dem Automaten. Ich rauche ja sehr unregelmäßig, aber wenn, mit Hingabe. Wenn ich mich bevorrate, dann so gut wie immer im Supermarkt, beim Kauf der Lebensmittel. Oder hin und wieder beim Rosen-Kiosk in der Rosenthaler Straße. Aber an einem Automaten war ich seit ungefähr zwanzig Jahren nicht mehr. Das erklärt meine Verwunderung, dass der Automat von mir einen Beweis meiner Volljährigkeit haben wollte. Ich dachte eigentlich, dass die Dinge des täglichen Bedarfs im Zuge des technischen und logistischen Fortschritts einfacher zu bekommen sind, aber das gilt nicht für Zigaretten. Aha. Nun bin ich im Besitz einer EC-Karte und auch Bargeld war im Portemonnaie, aber das hat leider nicht gereicht, um den Kauf am Automaten zu legitimieren. Ich hatte bereits einen Geldschein in den Automaten gesteckt und wählte die Marke, aber dann wurde der Vorgang blockiert, weil ich mich nicht parallel dazu ausgewiesen hatte, also den Personalausweis nicht in den Leseschlitz eingeführt. Und zwar deshalb, weil mein Personalausweis das gar nicht kann, meines Wissens. Ich habe seinerzeit, als ich das neue biometrische Ding bekommen hatte, quasi abgelehnt, dass er digital lesbar ist. Oder so ähnlich. Weiß nicht mehr. Wie auch immer, ich stand genervt vor dem Zigarettenautomaten im Keller vom Einstein und drückte auf die Taste für die Geldrückgabe. Und nun purzelte ein Goldregen in den Münzschacht. Was ich als Schein eingeführt hatte, wurde mir nun in fünfzig-Cent-Münzen heimgezahlt. Zehn Euro in fünfzig-Cent-Münzen. Ich danke. Ich schaufelte den Münzberg in mein nur noch schwer verschließbares Portemonnaie und ging wieder die Treppe nach oben. Da empfing mich der ältere Ober, der mich auch begrüßt hatte, mit einem breiten, warmen Lächeln und den Worten: „Sie werden schon erwartet! Ich begleite Sie zu Ihrem Tisch, Ihre Freundin wartet schon geraume Zeit!“ Einen Moment überlegte ich, ob Ina bereits gekommen sein könnte, und nun auf mich warten würde – wobei – so lange war ich ja nun auch wieder nicht unten beim Zigarettenautomaten… Der Oberkellner führte mich mit fürsorglicher Geste die Treppe nach unten in den Garten und zielsicher zu dem mir bereits bestens bekannten Tisch unter der Pergola. Der Tisch war immer noch leer. Ich schaute den Kellner irritiert an. Er schaute mich irritiert an und begann entschuldigend zu stammeln – – – „Aber – äh – da war doch Ihre Freundin….?“ Ich: „Aber das bin doch ICH!!! Ich habe keine Zwillingsschwester! Ich bin es selber!!!“ Er „Ah ja – mein Gott – ich dachte – weil Sie sagten, die Freundin ist eine schöne blonde Frau!“ Ich setzte mich abermals an den Tisch und nahm einen Schluck Wein. Der jüngere Ober, der unserem Tisch zugeteilt war, kam vorbei, ich erzählte ihm, dass ich nicht in der Lage war, mir Zigaretten an dem Automaten zu holen, weil ich nicht beweisen konnte, dass ich volljährig und daher befugt sei. Ich klagte mein ganzes Elend. Er versicherte, dass das überhaupt kein Prolbem sei, er könnte das für mich regeln. Ich nannte ihm die Marke und er servierte mir das Päckchen wenige Minuten später. Und dann kam auch endlich Ina, in einem tollen roten Armani-Kleid, sich für die Verspätung entschuldigend. Ich erzählte ihr das Drama am Zigarettenautomat, und die ja auch irgendwie interessante Verwechslung von dem schon etwas betagten Ober. Sie lachte und ich fand es dann auch nur noch ulkig. Wie in einem alten Hans Moser-Film. Ich bestellte mir ein kleines Schnitzel und revidierte die Bestellung nochmal – lieber doch das große. Das war es dann auch. Später gingen wir noch nach oben in die Lebensstern-Bar, da gibt es eine kleine extra Bildstrecke. Und beim Gehen freuten wir uns über das Bild von Romy in der Eingangshalle. Sie passt da ganz wunderbar hin. Man freut sich einfach. Das alte Einstein ist schon etwas sehr Besonderes.


https://www.flickr.com/apps/slideshow/show.swf?v=261948265

16. September 2017


Ich werde dieser entzückenden Dame im Laufe des späteren Nachmittags einen Besuch abstatten. Es handelt sich um die Malerin Katia Kelm, die heute und morgen ihr Berliner Atelier für die Meute öffnet. Es soll Kaffee und Würstchen geben. Und noch andere Sachen, wie zum Beispiel selber gemalte Bilder von außergewöhnlicher Qualitat. Das Bild da oben ist bei der re:publica-Veranstaltung im Mai 2014 entstanden. Ich habe sie aber schon früher paparazzt. Zum Beispiel im Sommer 2006 in der Coca-Cola-WG in Charlottenburg. Sie hat den anderen Chicks with Balls zugehört und sich auf den Bällen geräkelt, und später selber aus ihrem Blog gelesen, was sie in ebenfalls unvergleichlicher Qualität gemacht hat. (Sehr schöne Beine auch!) Sie hat auch einen sehr tollen und berühmten Mann, den hat sie aber verdient.


Das allererstemal habe ich Katia in echt bei einer Lesung in einer Kneipe in der Choriner Str. gesehen. Das war im Januar 2006, bei einer Neujahrslesung. Lyssa hat auch gelesen, da war sie noch Bloggerin, heute Mozilla-Chefin, nicht zu glauben. Auch Modeste und die Kaltmamsell haben damals gelesen, jede auf ihre sympathische Art. Aber bei Katia dachte ich, diese Frau gehört auf die Bühne. Sehr ungewöhnlich auch, dass sie beim Lesen ihrer Texte selber lachen musste, und es wirkte nicht peinlich, sondern hat zusätzlich zur Erheiterung beigetragen. Normalerweise kommt das ja nicht so gut, wenn ein Komiker bei der geplanten Pointe schon mal als erster lacht, damit das Publikum weiß, dass das lustig war. Bei Katia war das allerdings unbeabsichtigt und das Publikum brauchte auch keinerlei Hinweis, dass es losgehen darf mit der Heiterkeit. Ich war dann ein bißchen verliebt, in unsere Schwadroneuse aus Hamburg, so hieß ihr Blog damals. Danach waren wir in einer Kneipe mit einem russischen Namen. Offenbar durfte da geraucht werden. Ah ja, Prassnik. Ordentlich getagged.

15. September 2017


Beim Abbau in der Tykwerzelle. Jetzt ist jemand anders darin. Das war schon mein Ding, eigene Räume zu haben, ein Universum ohne Kompromisse – im Rahmen der Gegebenheiten. Man lernt mit jedem Schritt, mit dem man sich in die Welt bewegt. Dass ich mich wacker schlage, dachte ich schon. Aber dass ich gerade in den letzten Wochen davor so einen Energiepegel mit tausend Ideen bekomme, war eine interessante Erfahrung. Jetzt könnte ich nach einer Pause so weitermachen. Ich habe ja auch so viel, und es lässt sich immer wieder verwerten. Später, danach, fiel mir mitunter auf, was ich nicht gezeigt habe, weil keine Zeit war, oder weil ich Bilder, die auch das eine oder andere Aha ausgelöst hätten, schlichtweg selbst nicht mehr auf dem Schirm hatte. Nach dem Abbau kam wieder der Fahrer mit griechischem Hintergrund, der als Sechsjähriger nach Berlin kam und hier aufwuchs, mit seinem GO-Transporter. Er hatte einen Freund und Kollegen dabei, die beiden halfen mir tatkräftig, meine Projektionswände und die schweren Taschen mit dem Equipment in die zweite Etage von meinem Atelier in der Schierker Straße hochzutragen. Wir haben uns geduzt, es war regelrecht familiär. Dann habe ich drei Stunden alles ausgepackt und halbwegs verräumt, den Regiestuhl in den großen Raum gestellt, auf die Sitzfläche mein altes Vaio-Notebook mit dem dritten Setup, das nicht zum Einsatz kam, wäre vielleicht auch untergegangen. Oder auch nicht. Dann zuhause ein innerlicher Cut, als hätte ich alles nur geträumt. Die letzten Tage die Lücke im Blog geschlossen, vorhin. Den letzten fehlenden Eintrag hier eingefügt. Alles nachgetragen. Bei zwei besonders langen Kommentarsträngen musste ich lachen und da war klar, dass das doch nicht so idiotisch ist, wie ich selbst manchmal zu mutmaßen geneigt bin. Es ist einfach zu amüsant. Das muss dann jeder selber entscheiden, ob so etwas einen zu archivierenden Wert hat. Wenn meine treuen Blogleser sehen, was ich in gewisser Weise mehr als ein Jahr unterschlagen habe, könnten sie sich vernachlässigt fühlen, aber ich habe ja nun alles getan, um es wieder gutzumachen. Schreibt man das so? Bei der Rechtschreibung bin ich seit langem verunsichert. War ich früher nie. Aber das geht vielen so. Ich denke, man versteht es. Ich versuche immer, verständlich zu schreiben. Wenn ich kryptisch bin, ist es eine Notlage. Noch gar nicht so spät, erst ein Uhr neunzehn. Dachte, es wäre schon später. Ich mochte den Sommer übrigens, mit seinem untypischen Wetter. Da bin ich alleine auf weiter Flur. Es war nie so heiß, dass ich meinen Adlerhorst vor der Hitze dämmen und abdunkeln musste, das ist immer ein gewisser Aufwand. Bei jeder Sonnenstunde war mir wie Frühling. Auch gestern Nachmittag wieder. Gegen Mittag hatten wir Regen, am Nachmittag brach eine Sonne mit einem Licht aus, das etwas von Mai oder März hatte. Dann wieder Wolken. Da mein Leben nicht aus Freibad-Plänen besteht, ist diese wilde Mischung für mich völlig in Ordnung. Nur das eine lange Sommerkleid hätte ich gerne einmal ausgeführt. Aber manchmal gibt es ja auch drinnen Gelegenheiten, keinen Rollkragenpullover zu tragen. Ich kriege heute keinen furiosen Schluss bei diesem Eintrag hin. Manchmal habe ich da ein Händchen dafür, heute nicht. Heute trinke ich nur noch etwas. Ich mache schon genug.

08. März 2016

WICHTIG! Dresscode (vor allem für die Herren!) morgen:
Lesung: Isabel Bogdan „Der Pfau“
Wie lautet der Dresscode?
zitiere mich selbst:
„Wenn man den Leuten sagt, „jeder, wie er will“, kommen die Männer wieder in Schlumpfklamotten, als ob es sich um eine alltägliche Sache handeln würde. Frauen putzen sich natürlich von Natur aus mehr heraus, da habe ich geringere Sorge. Man lebt nur einmal und meine Fotos bleiben – mindestens für die nächsten fünf Jahrhunderte! Bitte alle sexy oder sophisticated anziehen. Am besten beides! Ich wünsche mir als Dresscode für die Herren, dunkler Anzug, Krawatte muss nicht, weißes, gebügeltes Hemd, die ersten zwei drei oberen Knöpfe geöffnet, dass man ein bißchen was erahnen kann. Sie wissen schon. Subtiler Sex Appeal. Keinesfalls ein T-Shirt oder Unterhemd unterm Oberhemd! No Go! Und keine Turnschuhe. Oxford, Chelsea Boots, Budapester, alles in Ordnung. Geputzt natürlich!“

ich fotografiere nämlich auch die Schuhe!

12. September 2017

Ich mochte Heiner Geißler, Partei hin oder her. Im Grunde wäre es ohnehin eine exzellente Strategie, Parteien, die sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, aber Verkrustung, Verhärtung und Optimierungsbedarf erkennen lassen, mit Freigeistern zu unterwandern anzureichern. Seine Einschätzungen wirkten immer unabhängig und besonnen. Ruhe in Frieden, Heiner Geißler.

12. September 2017

Ich mochte Heiner Geißler, Partei hin oder her. Im Grunde wäre es ohnehin eine exzellente Strategie, Parteien, die sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegen, aber Verkrustung, Verhärtung und Optimierungsbedarf erkennen lassen, mit Freigeistern zu unterwandern anzureichern. Seine Einschätzungen wirkten immer unabhängig und besonnen. Ruhe in Frieden, Heiner Geißler.

07. September 2017


Sonntags-Besuch in Zelle vier. Ina und Lee auf meiner Pritsche. Ina erzählt mir etwas und sitzt vor dem Projektorstrahl, der das Sentimentale Archiv beamt, Album „Unterwegs mit Jan“. Lee guckt sich die 127 Foto-Postkarten der „Cosmic Gaga Collection“ an.

07. September 2017

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Im Kuppelsaal, nach Albans Lesung. Ein Lieblingsmodell von Jan, Lee. Oben, in diesem Saal war auch Jans Ausstellung, sein Königreich. Meines war unten. Viele Treppen lagen dazwischen. Allerdings waren meine beiden Zellen leichter zu finden. Einige Besucher wussten gar nicht, dass oben auch etwas war, wenn sie es nicht von anderen gehört hatten. Unser Konzept war sehr unterschiedlich. Er hatte großfomatige Abzüge, schön gerahmt, großzügig gehängt, in diesem stillen, eindrucksvollen Saal. Ich zeigte Reliquien, mit Erinnerungen behaftet, in einem so privat wirkenden Szenario, dass ich die sehr respektvollen, interessiert wirkenden Besucher ausdrücklich ermuntern musste, näher zu treten, und auf dem Bett, der mit einem weißen Laken bezogenen Pritsche, gerne Platz zu nehmen. Nebenher liefen in beiden Zellen Projektionen auf einer großen und kleineren Wand, untermalt von Lieblingsmusik von mir. Wenn ich gerade in einer der beiden Zellen war, und das war ich eigentlich immer, war irgendjemand da, der mir Fragen stellte, nicht nur, ob ich da auch schon einmal geschlafen hätte. Erstaunlich viele sagten, sie hätten große Lust, in der kleinen Zelle zu übernachten. Es waren amüsante drei Tage, und das war auch mein Ziel. Ich empfing zum Teil wildfremde Besucher, als wäre ich in meinem Wohnzimmer. Allerdings bereitwilliger, als ich das privat tue. Ich glaube, mir fehlen nur die Räume, meine Wohnung ist nicht großzügig genug, um einen Salon für Gott und die Welt zu führen. Schade eigentlich.

05. September 2017


Gefällt sich in der Rolle der Rädelsführerin: Insassin Kittmann. Die ehemalige Schauspielerin lässt keine Gelegenheit aus, die Mitinsassen gegen die Gefängnis-Direktion aufzuwiegeln, indem sie den täglich angeordneten Hofgang (der ausschließlich zur stillschweigenden Körperertüchtigung gedacht ist), dazu missbraucht, die anderen Gefangenen durch lautstarkes Agitieren auf ihre Seite zu ziehen, um durch diese beständige Provokation eine vorzeitige Entlassung zu erlangen. Besonders auffällig ist, dass Kittmann auch nicht davor zurückschreckt, Bündnisse mit den Verwaltungsangestellten zu suchen, wobei ihr die genossene Schauspielausbildung zugute kommt. Wahlweise gibt sie die Dame oder das leichte Mädchen, um zum Ziel zu kommen. Die Kameraüberwachung hat diese Aufnahme zutage gefördert, die belegt, wie Kittmann vor den anderen Insassen damit prahlt, bereits ihren Koffer gepackt zu haben, und es sich nur noch um wenige Tage handeln könne, dass sie wieder auf freiem Fuß ist. Trotz ihrer beträchtlichen Intelligenz hat sie die Möglichkeiten moderner Kameraüberwachung offenkundig unterschätzt. Das Gefängnis in Lichterfelde steht zwar baulicherseits unter Denkmalschutz, ermöglicht aber durchaus das Anbringen diskreter Überwachungskameras, die sich mit doppelseitigem Klebeband und modernen Powerstrips zuverlässig befestigen lassen. Die Gefängnisdirektion ist sich noch unschlüssig, ob das unausgesetzte Fehlverhalten von Kittmann mit Haftverlängerung oder Entlassung (wegen schlechter Führung) am geeignetsten zu ahnden ist. Möglicherweise ist die vorzeitige Entlassung sogar die härtere Strafe, da sich das im Vollzug verfügbare, dankbare Publikum in der Freiheit kaum in vergleichbarer Menge und Beständigkeit einfinden wird.

05. September 2017


Versteht es, die Zeit während der Haft zu nutzen, und übt Gitarre: Hans Rohe. Der frühere Rockmusiker sitzt wegen Urheberrechtsverletzung und GEMA-Hinterziehung ein. Bei guter Führung hat er Aussicht auf offenen Vollzug. Bei den Vollzugsbeamtinnen macht er sich allerdings mitunter unbeliebt, da er hin und wieder Schmählieder verfasst, die eindeutig auf Liedgut von „The Rolling Stones“ beruhen und von ihm mit deutschen Versen versehen werden, die er keck als Übersetzung ausgibt. Die hier abgebildete Aufnahme entstand, als Rohe das Lied „Dead Flowers“ von The Rolling Stones in deutscher Sprache darbot, wobei er sich im Text namentlich auf eine Mitinsassin bezog, die ihre Haftzeit überbrückt, indem sie Fotos von den Mitinsassen anfertigt und sich diese dann mit einem Projektor an die Zellenwand geworfen, immer wieder und wieder anschaut. Möglicherweise handelt es sich hierbei um erste Anzeichen einer Zwangsstörung.

05. September 2017

Abgewrackt im Knast. Insassin Rutner vor Zelle fünf.

Sie konnte wieder einmal nicht nein sagen, als Gaga Nielsen aus Zelle vier ihr hartnäckig eingeschmuggelten Alkohol aufdrängte. Die übrigen Insassen waren auch keine Stütze bei der Rehabilitaion und forderten von ihr schlüpfrige Lieder, deren Reime sie im Delirium selbst verfasst hatte.

04. September 2017


Vater und Sohn. Alban Nikolai Herbst und Adrian v. Ribbentrop gestern Abend bei der Lesung mit Cello im Kuppelsaal von SOEHT7. Das war die Finissage. Heute Abbau. Ein wenig blutet mir das Herz, besonders bei der kleinen Zelle, die ich ausgiebig in Bildern festgehalten habe. Von der größeren habe ich kaum Bilder, da will ich noch welche machen, wenn ich nachher hinfahre, bevore ich alles abbaue. So ein schöner Tag heute. Bin ein bißchen wehmütig. Nun über die letzten Tage so viel Energie hochgefahren und immer etwas vorbereitet, immer auch unterwegs von da nach da. Die vielen netten Besuche und Gespräche in meinen Zellen. Da macht man jahrelang Bilder und Filme, die ja auch im Internet verfügbar sind, und zeigt sie dann plötzlich überdimensional groß und ist selber gefangen. Eigentlich kein Wunder, dass auch andere davor stehen und sitzen und sich das anschauen. Alleine schon die Technologie macht es interessant, dazu ein halbdunkler Raum mit persönlichen Details, in dem bewegte Bilder zu sehen sind. Das hat die Menschen schon immer gebannt. Dass man länger stehen bleibt, wird aber dann doch nach einer Weile vom Inhalt bestimmt. Ich habe sehr fasziniert zur Kenntnis genommen, dass selten jemand nur eine Minute zugeschaut hat. Zumeist blieben die Gäste mindestens fünfzehn Minuten und in der Zeit haben sie dann mindestens zweihundert Bilder gesehen. Manche blieben sogar, unglaublich aber wahr, ein, zwei Stunden. Wie mich das gefreut hat. Manchmal saß ich daneben, hinter meinem Tisch mit dem Notebook und habe die nicht vorhandenen Untertitel souffliert, wenn jemand sagte: „Ach, das ist doch der – na – der Dings…- – – “ Ich wusste natürlich, wer der Dings ist, und habe da gerne weitergeholfen. Jedenfalls eine interessante Erfahrung, und wie ich gehört habe, fanden auch viele den Ort an sich spannend und besonders, und daher sehenswert. Eine große Ehre war, dass Maria und Sibylle am Samstag aufgetreten sind und ebenso der gestrige Auftritt von Alban und Adrian. Das waren große Geschenke. Und all eure Besuche sowieso. Danke dafür. Bilder kommen auch noch. Aber nicht heute. Sehr viel fotografiert am zweiten und dritten Tag. Ihr werdet es dann sehen. Nun Kaffee.

03. September 2017


Gestern zu Gast im Kuschelknast: Maria und Sibylle. Aber nicht nur. Nach dem wunderschönen Konzert der beiden, hatten wir Spontan-Einlagen von Maxime, Jenny, Saskia und Hans. Klein aber fein, mit Champagner und Pizza von der Tresenfee. Ihr habt etwas verpasst. Heute letzte Gelegenheit, mich in meinen kuscheligen Zellen zu besuchen und zu staunen. Man darf alles anfassen und fotografieren, und sich sogar auf die Pritsche legen. Hat Maxime nach dem Konzert ausgiebig gemacht. Wir haben weitergetrunken und auch geraucht. Das gehört quasi zur Installation. Es handelt sich hierbei um ein naturalistisches Element. Der gute Maxime hat sich ausgiebig auf dem schmalen Bett geräkelt und ich habe ihn dabei fotografiert. Das war einer der Momente, wo man schon beim Auslösen weiß, dass es besondere Bilder werden. Vorerst aber noch in meinem Giftschrank. Wer das auch mal ausprobieren möchte, hat heute zum letzten mal Gelegenheit dazu, ich bin spätestens ab 17 Uhr wieder in meinen Zellen und zu allen Schandtaten bereit. Getränke sind auch wieder kaltgestellt. Und sogar die Sonne scheint! Also los, Besuch im Gefängnis, Söhtstr. 7, Berlin Lichterfelde. Zum Abschluss heute Abend liest ab 20 Uhr Alban Nikolai Herbst und Adrian v. Ribbentrop spielt dazu Cello. Vorher gibt es auch schon Programm, aber ich persönlich werde erst zu Alban nach oben in den Kuppelsaal mit dem schönen Flügel kommen, vorher bin ich im Erdgeschoss bei meinen Filmen und Fotografien und Lieblingsmusik, unten in Zelle acht und vier. Eintritt frei! Die Künstlerin ist anwesend!

02. September 2017

2. Sept. 2017
K̶l̶̶e̶̶i̶̶n̶e Große Danksagung, bevor ich wieder losdüse. Es war herzerwärmend gestern Abend, es war mir ein Fest. Obwohl ich zu Beginn nicht ganz im Plan war, aber das wussten die Gäste ja gar nicht, wie mein Plan war. Ich kam später an, als beabsichtigt, um den letzten, vor allem technischen Aufbau zu vollenden, das ging nicht früher, weil ich das technische Equipment nicht zu früh dort aufstellen wollte. Jedenfalls fühlte ich mich auf den letzten Metern wie die Gastgeberin einer Party, die noch die Lockenwickler im Haar hat und denkt, sie hätte noch eine halbe Stunde, und dann klingeln schon die ersten Partygäste. Meine Zellentüren wurden munter aufgerissen und herumspaziert, während ich noch an der Kabellage frickelte, dazu noch ein Wackelkontakt bei einer Lampe und ein Erkennungskonflikt zwischen Bose und Acer. Umziehen wollte ich mich auch noch, nicht mehr geschafft. Und es liegt in der Natur der Sache, dass man eine Zelle nicht VON INNEN verschließen kann, denn wir haben hier ja denkmalgeschützte Schließanlagen. Als dann die erste Zelle einigermaßen stand und ich die Tür offiziell aufmachte, ging es Schlag auf Schlag und von der ersten Minute an, waren alle Plätze in meinem kleineren Kinosaal besetzt. Es wurde tatsächlich interessiert auf die Bilder geschaut und hingebungsvoll der Musik gelauscht. Die Leute wollten gar nicht mehr gehen. So schön hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Und dann kam ich nicht mehr dazu, die immerhin schon aufgebaute Technik in meiner kleinen anderen Zelle anzuwerfen, aber alle guckten und bestaunten die Einrichtung und immer wieder die Frage, ob ich da schlafe? Ich habe dann immer viel- und nichtssagend geschmunzelt. Weiß man es? Interessant auch, dass jemand sagte – war das Steffi? – man würde genau sehen, was ich für einen Männertyp habe. Dabei habe ich gar nicht kommentiert oder untertitelt, mit wem ich mal was hatte oder nicht! Wir haben bis spät in die Nacht getrunken und gefeiert. Es war einfach schön. Und dass ich nicht dazu gekommen bin, den Beamer in der kleinen Zelle vier zu starten, war eure Schuld! So liebe Besucher, die mir am Herzen liegen. Ina, Miriam, Stefanie, Alban, Jenny, Fabian, Anne, Lydia, Markus, Bernward, Imke, Klaus und last but never least: Cosmic. Ihr habt mir diesen besonderen Abend verzaubert, ich danke euch, auch für eure schönen Mitbringsel und die Blumen und die CD von Marc Bolan und den goldenen Umschlag von Jenny und Fabian, und die selbstgepflückten Gartenblumen, und den Champagner von Anne und die wundervollen Rosen von Lydia und Miriam und das seltene Buch von Alban. Der übrigens seinen wertvollen, ihm am Herzen liegenden Hut gestern nicht wiederbekommen hat, nachdem er ihn auf dem roten Samtsofa abgelegt hatte, da im Flur. Wenn ihn jemand geklaut haben sollte, wird der von mir gelyncht, wenn ich ihn zwischen die Finger kriege, schäm dich, du Unhold und bringe ihn sofort zurück! Das war der einzige Wermutstropfen gestern. Das Feedback von Menschen, die noch nie von mir gehört hatten, war sehr interessant. Und jetzt muss ich wieder los, schon wieder spät dran! Maria spielt heute und bringt Sibylle mit, und es wird ganz bestimmt wieder zauberhaft. Und es gibt noch Champagner! Und der hauseigene Wein ist auch super, besonders der Rotwein, ich muss es wissen! Und nun los! Ich bin so keck zu behaupten, unser Event ist attraktiver als alles, was bei der Bread & Butter an diesem Wochenende geboten wird. Also: seid dabei!
P.S. habe gestern kein einziges Foto gemacht, nicht dazu gekommen – wer welche hat, ich würde mich sehr darüber freuen!

01. September 2017

Gerade im Geiste durchgegangen, wer heute und morgen und übermorgen sowohl mit Fotografien als auch Musik in meinen Setlists für SOEHT7 vertreten ist. Da wäre Blixa Bargeld mit einem Portrait und dem Song „Nur zur Erinnerung“, Cosmic mit unzähligen Bildern und „Dschellaladin“, „Schwesterbraut“ und „Widerspruch“, „Duke Meyer mit vier Fotos und „Wo find ich dich heut Nacht?“ und „Ich fühl mich gut“ und „Es kann auch Liebe sein“, Gudrun Gut mit einem gemeinsamen Portrait mit Blixa und dem gemeinsamen Song „Die Sonne“, Jenny Kittmann mit einer Aufnahme und „Sag es leise“, Karl Neukauf mit sieben Fotografien und „Einzig und allein“, „Hoftheater“, „Milder Mittwochmorgen“ und „Paternoster“, Maria Schuster mit fünf Fotografien und „Alles“, Rachel Maio mit einem Bild und „Sea Shanty“, Tom Adams mit einem Portrait und „Live in Istanbul“ und „Nothing has Changed“. Von den übrigen Fotografierten habe ich keine Musik in der Playlist bzw. Songs in der Liste, aber kein Foto. Häufig ist der Grund für den fehlenden Song, dass die Leute einfach nicht singen wollen und auch kein Instrument spielen – ärgerlich! Daher mussten besser qualifizierte Künstler für die musikalische Playslist herhalten. Ich bitte um Verständnis. In Einzelfällen wurde mein Lieblingslied noch nicht geschrieben, obwohl musiziert wird, auch hier bitte ich um Nachsicht. Ich glaube, das wird schön. Und die Gema kann mich mal. Wer damit ein Problem hat, soll mich in Zelle vier oder acht besuchen, dann rede ich mit den problematischen Fällen. Bei einem guten Gläschen lässt sich manches klären. Ich freue mich auf Euch. ALLE.

31. August 2017

Ihr werdet leider nicht die ersten sein, die sehen, was ich in den beiden Zellen gemacht habe. Schönstes Kompliment heute von einer Frau aus der Theatertruppe, heute wurde wieder geprobt. Nach der letzten Probenpause ging es wieder zu einer Szene in den Flur, wo meine Zellen sind. Ich weiß nicht, ob es der Regisseur war, jedenfalls jemand mit viel Neugier und Forscherdrang. Meine Zellentüren stehen auf (auch während unseres Events), wenn nicht gerade geprobt wird. Da konnte der Mann einen Blick in Zelle 4 erhaschen und das hat ihn angelockt. Fragt mich, die ich davor herumwurstle: „Was ist DAS DENN???!?“ Das zog die ganze Truppe an, ungefähr fünfzehn Schauspieler, die die Hälse reckten. Eine Dame, sehr attraktiv nebenbei, wollte sich ausgiebig umschauen und gar nicht wieder gehen. Ich erklärte ihr, dass ich so tue, als ob ich da wohne. Deswegen eben… (aber was genau wird nicht verraten!). Sie war jedenfalls – und das ist das schöne Kompliment für mich – unangenehm berührt von der Vorstellung, dass das nur drei Tage bestehen soll. Eventuell initiiert sie eine Petition und sammelt Unterschriften, damit das bleibt. Als Mahnmal und Gedenkzelle. Oder so ähnlich. Okay, ich spinne jetzt rum. Aber ich bin auch ein bißchen verliebt in das Szenario. Ich hätte mich noch ewig da aufhalten können und herumwursteln. Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr euch morgen oder übermorgen oder überübermorgen in die Söhtstr. 7 bewegt. Ich bin noch nicht fertig, muss noch in der Tykwerzelle ein paar Sachen anbringen und die große Projektionswand aufstellen. Aber immerhin ist sie da. Ich hatte einen sehr charmanten Fahrer mit griechischem Hintergrund, als Kleinkind nach Berlin gekommen. Sechsundreissig. Ganz attraktiv, und geflirtet hat er auch ein bißchen, der Gute (mit seinem Ehering). Ist mir auch noch nicht passiert, dass während einer schlichten Transportfahrt nach drei Minuten angehalten wird und gefragt wird, was ich gerne zum trinken hätte. Cola? Kaffee? Bier? Ich habe ein Wasser mit Sprudel genommen, Cola hatte ich vorher schon zuhause getrunken, Kaffee sowieso. Dann nach launiger Unterhaltung über meine verflossenen Griechenlandurlaube wollte er mir einen griechischen Kaffee spendieren. Ich habe dann doch darauf beharrt, dass ich gerne einfach jetzt dann doch mal in die Söhtstr. fahren möchte, Also ohne weitere Unterbrechungen. Hat er mir nicht übel genommen. Wir haben dann verabredet, dass er mein Equipment auch wieder zurückfährt, Sonntag spätabends oder Montag dann. Mal sehen. Ich tendiere zu Montag, muss ja wieder abgebaut werden, der Zauber. Macht mich selbst ein bißchen wehmütig… Ihr werdet es ja sehen. Das ist alles, aber ganz sicher nicht emotionslos. Und eine GEMA-Liste mach ich nicht, ist ja nix Kommerzielles, nur so eine private – – – äh Geburtstagsveranstaltung. Ich spiele auch Songs von Euch. Der Gema-Ertrag wird morgen in Naturalien von mir bezahlt. Schampus oder bester Rotwein. (und Bier gibt’s auch, an der Bar!) Bin gespannt, wie sich das Wetterchen entwickelt. Manchmal ist es besser als angedroht. Kann mich eigentlich an keinen verregneten ersten September erinnern. Und ich erinnere mich an alle, meiner Kamera sein Dank. Und wenn doch, machen wir es uns in den Zellen kuschelig.

31. August 2017

Ihr werdet leider nicht die ersten sein, die sehen, was ich in den beiden Zellen gemacht habe. Schönstes Kompliment heute von einer Frau aus der Theatertruppe, heute wurde wieder geprobt. Nach der letzten Probenpause ging es wieder zu einer Szene in den Flur, wo meine Zellen sind. Ich weiß nicht, ob es der Regisseur war, jedenfalls jemand mit viel Neugier und Forscherdrang. Meine Zellentüren stehen auf (auch während unseres Events), wenn nicht gerade geprobt wird. Da konnte der Mann einen Blick in Zelle 4 erhaschen und das hat ihn angelockt. Fragt mich, die ich davor herumwurstle: „Was ist DAS DENN???!?“ Das zog die ganze Truppe an, ungefähr fünfzehn Schauspieler, die die Hälse reckten. Eine Dame, sehr attraktiv nebenbei, wollte sich ausgiebig umschauen und gar nicht wieder gehen. Ich erklärte ihr, dass ich so tue, als ob ich da wohne. Deswegen eben… (aber was genau wird nicht verraten!). Sie war jedenfalls – und das ist das schöne Kompliment für mich – unangenehm berührt von der Vorstellung, dass das nur drei Tage bestehen soll. Eventuell initiiert sie eine Petition und sammelt Unterschriften, damit das bleibt. Als Mahnmal und Gedenkzelle. Oder so ähnlich. Okay, ich spinne jetzt rum. Aber ich bin auch ein bißchen verliebt in das Szenario. Ich hätte mich noch ewig da aufhalten können und herumwursteln. Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr euch morgen oder übermorgen oder überübermorgen in die Söhtstr. 7 bewegt. Ich bin noch nicht fertig, muss noch in der Tykwerzelle ein paar Sachen anbringen und die große Projektionswand aufstellen. Aber immerhin ist sie da. Ich hatte einen sehr charmanten Fahrer mit griechischem Hintergrund, als Kleinkind nach Berlin gekommen. Sechsundreissig. Ganz attraktiv, und geflirtet hat er auch ein bißchen, der Gute (mit seinem Ehering). Ist mir auch noch nicht passiert, dass während einer schlichten Transportfahrt nach drei Minuten angehalten wird und gefragt wird, was ich gerne zum trinken hätte. Cola? Kaffee? Bier? Ich habe ein Wasser mit Sprudel genommen, Cola hatte ich vorher schon zuhause getrunken, Kaffee sowieso. Dann nach launiger Unterhaltung über meine verflossenen Griechenlandurlaube wollte er mir einen griechischen Kaffee spendieren. Ich habe dann doch darauf beharrt, dass ich gerne einfach jetzt dann doch mal in die Söhtstr. fahren möchte, Also ohne weitere Unterbrechungen. Hat er mir nicht übel genommen. Wir haben dann verabredet, dass er mein Equipment auch wieder zurückfährt, Sonntag spätabends oder Montag dann. Mal sehen. Ich tendiere zu Montag, muss ja wieder abgebaut werden, der Zauber. Macht mich selbst ein bißchen wehmütig… Ihr werdet es ja sehen. Das ist alles, aber ganz sicher nicht emotionslos. Und eine GEMA-Liste mach ich nicht, ist ja nix Kommerzielles, nur so eine private – – – äh Geburtstagsveranstaltung. Ich spiele auch Songs von Euch. Der Gema-Ertrag wird morgen in Naturalien von mir bezahlt. Schampus oder bester Rotwein. (und Bier gibt’s auch, an der Bar!) Bin gespannt, wie sich das Wetterchen entwickelt. Manchmal ist es besser als angedroht. Kann mich eigentlich an keinen verregneten ersten September erinnern. Und ich erinnere mich an alle, meiner Kamera sein Dank. Und wenn doch, machen wir es uns in den Zellen kuschelig.

31. August 2017

Bin noch zehn Minuten online und dann weg, dann kommt der Fahrer für den ersten Transport nach SOEHT7, heute Aufbau der Zellen. Putzen, rücken, schieben, auspacken, hängen, kleben, Kabel legen. Projektionswände aufbauen etc. pp. Erst heute Abend wieder online und dann die nächsten Tage mal zwischendurch über das SOEHT7-WLAN, heute kein Rechner mit Internet dabei. Wenn was Dringendes ist, lese ich es erst heute spätabends. Oder wenn es um was Organisatorisches geht, am besten Jan kontaktieren, wer involviert ist, hat ja seine Mail-Adresse und Tel.-Nr. Ansonsten turne ich zwischen den Zellen 4 und 9 herum oder auch mal im Kuppelsaal! Ich mache das alles für euch! <3 (und mich natürlich!)

30. August 2017

Countdown… Auszüge aus einer abendlichen und einer nächtlichen Message an eine Freundin und einen Freund:
„(…) An drei Tagen kann man viel zeigen. Und dann noch die Filme… so viel vorzubereiten. Habe nun 3 setups mit drei Notebooks, drei Soundanlagen und zwei Beamern. Setup 1 in der größten Zelle, wo auch Tykwer gedreht hat, schräg gegenüber eine kleinere Einzelzelle. Nah am Ausgang in den wildromantischen blühenden Hof mit dem verschnörkleten Teepavillon. Komme gerade zurück und habe Markierungen in Zelle 4 und 9 gemacht, wo welches Equipment positioniert wird. Aufregend. (…) ich hoffe, dass recht viele kommen, ein riesiger Komplex mit der Aura eines Rapunzelschlösschens. Und die alten Schließanlagen. Wahnsinnig, wie riesig die Schlüssel für die Zellen sind, wie aus einem Märchenfilm. Und wir haben Narrenfreiheit, können machen, was wir wollen!“
„(…) Ich war heute da und bekomme zwei sehr attraktive Zellen, und in einer werde ich die Cosmic-Gaga-Collection an die Wand kleben. Das wird alles sehr schön und romantisch. (…) Ich werde einige Filme mit dir auf großer Wand laufen lassen und viele Fotos beamen. Ich habe den Plan, die beiden Zellen so zu gestalten, als ob ich sie bewohne. Nicht spartanisch! Das würde jeder Insasse machen! Also ganz naturalistisch!“
Stand der Dinge. Ich brauche einen Transporter, der die auf 2,80 Breite zusammengerollte große Projektionswand und die kleinere hintransportiert und mich gleich mit. Das sind zwei sperrige Objekte, die man nicht mal eben im Vorbeigehen mitnimmt, die können schon früher hin. Und Zubehör. Die heiligen Geräte dann mit mir, Freitag Mittag. Derzeit probt eine Theatergruppe in allen Bereichen von SOEHT7 ein Stück, das dann auch dort an verschiedenen Standorten gespielt wird. Während ich in der kleineren Zelle hinter verschlossener Tür die Markierungen für das Equipment machte, hörte ich in endloser Wiederholung eine Szene, direkt vor der Tür auf dem Knast-Flur, wo eine Frau immer „KARL! KARL! KARL!“ schreit. Irgendeine Auseinandersetzung in dem Stück. Der Regisseur fand ihre Betonung nicht radikal genug und sie steigerte sich immer mehr hinein. Die Szene wurde endlos wiederholt. Na ja, Proben halt. Zelle 4 ist auch sehr charmant, das Gitter hat keine Stäbe, sondern arabeskenhafte Schnörkel. Habe ich auch fotografiert, bin aber nun doch zu rechtschaffen müde, um das jetzt auch noch hier zu verarbeiten und zu posten. Es geht voran, ich glaube, das wird sehr ungewöhnlich. Da ich so viele Galerienbesuche in der letzten Dekade gemacht habe, steht mir deutlich vor Augen, was mich in Galerien gelangweilt hat. Bei mir gibt es keine grelle Beleuchtung. Laufende, sehr persönliche Bilder und wenn keine Tonfilme laufen, läuft Lieblingsmusik zu den slideshows. Allerdings mache ich mir selbst Konkurrenz. Meine beiden Zellen liegen schräg gegenüber und wenn in beiden Tonspuren laufen, ob vom Film oder Musik, muss bei einer die Tür zu sein, sonst wird es ein bißchen viel. Und mein künstlerischer Zellennachbar wird auch den einen oder anderen Film zeigen, bei einem Tanzfilm ist auch Musik dabei. Da müssen wir uns abstimmen, damit wir uns nicht gegenseitig torpedieren, aber das wird ganz relaxed, ein netter Mensch, dieser Thomas Schliesser, den ich heute auch zum ersten mal traf. Nur Jan ist ein bißchen abseits, da oben im Kuppelsaal. Ich habe ihm angeboten, dort an einer Stelle, wo keine Hängung sein kann, mein drittes Setup, nur mit einem Notebook und einem Lautsprecher zu positionieren, wo ausschließlich die Filme mit ihm laufen und eine slideshow mit vierhundert Bildern von unseren Streifzügen. Noch hat er nicht gehängt und in der Mitte des Saals ist noch Bestuhlung. Werden wir morgen oder übermorgen sehen. Ergibt sich alles irgendwie. Genug aus dem Backstage für heute. Habe schon wieder neue Ideen, was ich noch anschleppen kann, damit die Überraschung noch größer ist. Ihr müsst alle kommen!

30. August 2017

Countdown… Auszüge aus einer abendlichen und einer nächtlichen Message an eine Freundin und einen Freund:
„(…) An drei Tagen kann man viel zeigen. Und dann noch die Filme… so viel vorzubereiten. Habe nun 3 setups mit drei Notebooks, drei Soundanlagen und zwei Beamern. Setup 1 in der größten Zelle, wo auch Tykwer gedreht hat, schräg gegenüber eine kleinere Einzelzelle. Nah am Ausgang in den wildromantischen blühenden Hof mit dem verschnörkleten Teepavillon. Komme gerade zurück und habe Markierungen in Zelle 4 und 9 gemacht, wo welches Equipment positioniert wird. Aufregend. (…) ich hoffe, dass recht viele kommen, ein riesiger Komplex mit der Aura eines Rapunzelschlösschens. Und die alten Schließanlagen. Wahnsinnig, wie riesig die Schlüssel für die Zellen sind, wie aus einem Märchenfilm. Und wir haben Narrenfreiheit, können machen, was wir wollen!“
„(…) Ich war heute da und bekomme zwei sehr attraktive Zellen, und in einer werde ich die Cosmic-Gaga-Collection an die Wand kleben. Das wird alles sehr schön und romantisch. (…) Ich werde einige Filme mit dir auf großer Wand laufen lassen und viele Fotos beamen. Ich habe den Plan, die beiden Zellen so zu gestalten, als ob ich sie bewohne. Nicht spartanisch! Das würde jeder Insasse machen! Also ganz naturalistisch!“
Stand der Dinge. Ich brauche einen Transporter, der die auf 2,80 Breite zusammengerollte große Projektionswand und die kleinere hintransportiert und mich gleich mit. Das sind zwei sperrige Objekte, die man nicht mal eben im Vorbeigehen mitnimmt, die können schon früher hin. Und Zubehör. Die heiligen Geräte dann mit mir, Freitag Mittag. Derzeit probt eine Theatergruppe in allen Bereichen von SOEHT7 ein Stück, das dann auch dort an verschiedenen Standorten gespielt wird. Während ich in der kleineren Zelle hinter verschlossener Tür die Markierungen für das Equipment machte, hörte ich in endloser Wiederholung eine Szene, direkt vor der Tür auf dem Knast-Flur, wo eine Frau immer „KARL! KARL! KARL!“ schreit. Irgendeine Auseinandersetzung in dem Stück. Der Regisseur fand ihre Betonung nicht radikal genug und sie steigerte sich immer mehr hinein. Die Szene wurde endlos wiederholt. Na ja, Proben halt. Zelle 4 ist auch sehr charmant, das Gitter hat keine Stäbe, sondern arabeskenhafte Schnörkel. Habe ich auch fotografiert, bin aber nun doch zu rechtschaffen müde, um das jetzt auch noch hier zu verarbeiten und zu posten. Es geht voran, ich glaube, das wird sehr ungewöhnlich. Da ich so viele Galerienbesuche in der letzten Dekade gemacht habe, steht mir deutlich vor Augen, was mich in Galerien gelangweilt hat. Bei mir gibt es keine grelle Beleuchtung. Laufende, sehr persönliche Bilder und wenn keine Tonfilme laufen, läuft Lieblingsmusik zu den slideshows. Allerdings mache ich mir selbst Konkurrenz. Meine beiden Zellen liegen schräg gegenüber und wenn in beiden Tonspuren laufen, ob vom Film oder Musik, muss bei einer die Tür zu sein, sonst wird es ein bißchen viel. Und mein künstlerischer Zellennachbar wird auch den einen oder anderen Film zeigen, bei einem Tanzfilm ist auch Musik dabei. Da müssen wir uns abstimmen, damit wir uns nicht gegenseitig torpedieren, aber das wird ganz relaxed, ein netter Mensch, dieser Thomas Schliesser, den ich heute auch zum ersten mal traf. Nur Jan ist ein bißchen abseits, da oben im Kuppelsaal. Ich habe ihm angeboten, dort an einer Stelle, wo keine Hängung sein kann, mein drittes Setup, nur mit einem Notebook und einem Lautsprecher zu positionieren, wo ausschließlich die Filme mit ihm laufen und eine slideshow mit vierhundert Bildern von unseren Streifzügen. Noch hat er nicht gehängt und in der Mitte des Saals ist noch Bestuhlung. Werden wir morgen oder übermorgen sehen. Ergibt sich alles irgendwie. Genug aus dem Backstage für heute. Habe schon wieder neue Ideen, was ich noch anschleppen kann, damit die Überraschung noch größer ist. Ihr müsst alle kommen!

29. August 2017


Mag ich auch. Juni 2012 im Tacheles. Mein mildes Lächeln und Jans strenger Blick. Dabei waren wir in ähnlicher Stimmung, zogen durch die Straßen, zum nach der Renovierung neu eröffneten Al Contadino, gegenüber von meinem Adlerhorst, und in die Johannes-Evangelist-Kirche in der Auguststraße, und zur Mädchenschule, zum Pauly-Saal, und ins KW und am Ende ein letztes mal ins Tacheles, das nur wenige Wochen später, Anfang September 2012 für immer die Türen schließen musste. Im Al Contadino filmte ich das Opus, in dem Jan von seinen Begegnungen mit Bruno Ganz in den Achtziger Jahren in Mailand und später bei der Berlinale erzählte.

29. August 2017

Anatomie Titus (7)
Auch schön, Jan und FM. Einheit in der Akademie der Künste am Pariser Platz, April 2009, Premiere von Brigitte Maria Mayers Multimedia-Inszenierung „Anatomie Titus“. FM Einheit hatte die Musik dafür geschrieben. Jan hatte einige Bilder von ihm gemacht und sie gucken beide auf das Display seiner Kamera. Vergleichbare Situationen habe ich oft genutzt, um Bilder zu machen, nachdem für den Fotografierten das Fotografiertwerden eigentlich abgehakt war. Dann stellte sich wieder Leben ein und ich schlug zu. Auf dem Bild hat F. M. Einheit viel Ähnlichkeit mit seinem Bruder, dem Schauspieler Ralf Richter, gerade erst gelesen, dass die beiden Brüder sind. Steht im Wikipedia. Wusste nicht mehr, wann er bei den Neubauten aufgehört hat. Tatsächlich schon Mitte der Neunziger. Wie die Zeit vergeht. An dem Abend lernten wir auch die Tochter von Brigitte Maria Mayer und Heiner Müller kennen, die zauberhafte Anna Müller, die neben Legende Jeanne Moreau eine tragende Rolle in der Inszenierung hatte.

29. August 2017


Martin Meyer von der Agentur Angeldust, Berlin Fashion Week Jan. 2009. Ausstellungseröffnung von Vera v. Lehndorff und Holger Trülzsch bei Lumas. Echte Federn im Haar. Grandioser Style.